Konferenz von Den Haag

Nur die proletarische Revolution kann die Menschheit retten

Alle
internationalen Organisationen der herrschenden Klasse wie die
Welthandelsorganisation (WTO), die Weltbank, die OECD oder der Internationale
Währungsfonds (IWF) beteuern, dass sie alles Erdenkliche für eine „nachhaltige
Entwicklung“ zugunsten der kommenden Generationen tun würden. Kaum ein Staat,
der nicht seine große Sorge um die Umwelt verkündet. Kaum eine ökologisch
ausgerichtete Nichtregierungsorganisation, die nicht die ganze Palette von
Demonstrationen, Petitionen und Memoranden eingesetzt hat. In keiner
bürgerlichen Zeitung fehlen pseudo-wissenschaftliche Artikel über die globale
Erwärmung. All diese feinen Herrschaften mit ihren lauteren Beweggründen
schickten ihre Vertreter vom 13. bis 25. November 2000 zur Konferenz von Den
Haag, welche sich zum Ziel setzte, die Abmachungen des Protokolls von Kyoto

[1]


umzusetzen. Nicht weniger als 2000 Delegierte aus 180 Ländern, umschwärmt von
4000 Beobachtern und Journalisten, hatten den Auftrag, ein Patentrezept
auszubrüten, das der Klimaveränderung ein Ende setzen soll. Und das Resultat:
nichts, nicht das Geringste! Vielmehr ist es ein erneuter Beweis, dass die
herrschende Klasse all ihre Beteuerungen um das Überleben der Menschheit den
Interessen des nationalen Kapitals unterordnet.

Vor
zehn Jahren hat die IKS im Artikel „Ökologie: Der Kapitalismus vergiftet die
Erde“
(Internationale Revue Nr. 13, deutsche Ausgabe) geschrieben, „dass
das ökologische Desaster jetzt fühlbar das eigentliche Biosystem des Planeten
bedroht“
. Heute müssen wir feststellen, dass der Kapitalismus diese Drohung
wahr gemacht hat. Während der 90er Jahre hat die Ausplünderung des Planeten an
Tempo zugelegt: Waldrodungen, Bodenerosion, die Vergiftung der Luft, des
Grundwassers und der Meere, die Ausplünderung der Bodenschätze und die
Verbreitung chemischer und nuklearer Substanzen, die Ausrottung von Tier- und
Pflanzenarten, die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten und schlussendlich
die Erhöhung der Durchschnittstemperatur auf dem ganzen Planeten (sieben der
heißesten Jahre des Jahrhunderts fielen in die 90er Jahre). Die ökologischen
Katastrophen werden immer komplexer, globaler und nehmen meist einen
irreversiblen Charakter mit langfristigen Konsequenzen an, die kaum absehbar
sind.

Nicht
nur hat die Bourgeoisie ihre Unfähigkeit bewiesen, auch nur das Geringste zu
tun, um diesen Irrsinn etwas zu bremsen, sie hat auch alles daran gesetzt, ihre
Verantwortung dafür hinter einer Reihe von ideologischen Kulissen zu verbergen.
Die Bourgeoisie muss das ökologische Elend, wenn sie es nicht mehr schlicht und
einfach ignorieren kann, als etwas darstellen, das sich außerhalb der Sphäre
der kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse und des Klassenkampfes befindet.
All die falschen Alternativen, von den staatlichen Maßnahmen bis  hin zu den
Antiglobalisierungspredigten der Nichtregierungsorganisationen, verschleiern
nur die einzig mögliche Perspektive der Menschheit, diesem Alptraum zu
entkommen: die revolutionäre Überwindung der kapitalistischen
Produktionsverhältnisse durch die Arbeiterklasse.

Aus
der Sicht der Revolutionäre ist klar, dass es sich dabei um die dem
Kapitalismus innewohnende produktivistische Logik handelt, wie sie Marx schon
im Kapital analysiert hatte: „Akkumulation um der Akkumulation,
Produktion um der Produktion willen, in dieser Formel sprach die klassische
Ökonomie den historischen Beruf der Bourgeoisperiode aus. Sie täuschte sich
keinen Augenblick über die Geburtswehn des Reichtums, aber was nützt der Jammer
über historische Notwendigkeit?“
 
(Marx, Das Kapital, Erster Band, Kapitel 22) Hier liegt die Logik
und der grenzenlose Zynismus des Kapitalismus verborgen: Die Anhäufung von
Kapital und nicht die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse ist das
wirkliche Ziel der kapitalistischen Produktion. Das Schicksal des Planeten, der
Menschheit und im Besonderen der Arbeiterklasse ist dabei von geringer
Bedeutung. Mit der weltweiten Sättigung der Märkte, die 1914 endgültig erreicht
war, trat der Kapitalismus in seine niedergehende Phase. Dies bedeutete, dass
die Akkumulation von Kapital zunehmend zur Quelle von Konflikten und
Erschütterungen wurde. Es geschah vor allem in dieser Periode des Kapitalismus,
„dass die unbarmherzige Umweltzerstörung durch das Kapital eine andere Stufe
und Qualität erreichen konnte (...) Dies ist die Epoche, die alle
kapitalistischen Nationen dazu zwingt, miteinander um einen gesättigten
Weltmarkt zu konkurrieren; eine Epoche der ständigen Kriegswirtschaft also, mit
einem unverhältnismäßigen Wachstum der Schwerindustrie; eine Epoche, die
charakterisiert ist durch eine irrationale, verschwenderische Vervielfältigung
von Industriekomplexen in jeder nationalen Einheit, (...) Der Aufstieg der
‚Megastädte‘ ist sehr stark ein Phänomen der dem 2. Weltkrieg folgenden Zeit,
sowie auch die Entwicklung von Landwirtschaftsformen, die ökologisch nicht
weniger schädlich sind als die meisten Formen der Industrie.“
(Internationale
Revue
Nr. 13, deutsche Ausgabe) Diese Tendenz ist mit dem Einritt des
Kapitalismus in seine letzte Phase, den Zerfall, der seit 20 Jahren dieses
System auf der Stelle treten lässt, noch beschleunigt worden, da weder die
Arbeiterklasse noch die Bourgeoisie ihre Antwort auf die Krise durchsetzen
konnten: proletarische Revolution oder allgemeiner Krieg.

Der
Kapitalismus hat Chaos und Zerstörung zur Tagesordnung gemacht. Die
Auswirkungen auf die Umwelt sind katastrophal. Dies wollen wir hier veranschaulichen
(anhand weniger Beispiele unter unendlich vielen) und auch die Art und Weise
aufzeigen, wie die Bourgeoisie ein ideologisches Sperrfeuer gegen diejenigen
richtet, die sich berechtigterweise die Frage stellen, wie dieses barbarische
und sich in einer Sackgasse befindliche System gestoppt werden kann.

Der
Kapitalismus zerrüttet das ökologische System...

Wegen
ihres globalen Charakters und ihrer weltweiten Auswirkungen ist die
Klimaveränderung von besonderer Bedeutung. Es ist kein Zufall, dass die herrschende
Klasse sie zu einem Hauptthema ihrer Medienkampagne gemacht hat. Die
Besserwisser mögen wohl behaupten, „bezüglich der Meteorologie und
Klimawissenschaft hat der Mensch ein entschieden zu kurzes Gedächtnis“
(Le
Monde,
10.9.2000), oder auf die gängigen Milleniumsängste verweisen. Doch
eine solche Haltung, welche die Bourgeoisie selbst nicht in Frage stellt,
klammert an sich den Status quo - eine vorherrschende Haltung, hinter der man
sich gut verstecken kann. Die Arbeiterklasse kann sich diesen Luxus nicht
erlauben. Es sind immer die Arbeiter und die ärmsten Schichten der
Weltbevölkerung, die am stärksten von den schrecklichen Auswirkungen dieser
globalen Störungen in der Biosphäre der Erde betroffen sind, die durch den
kapitalistischen Zauberlehrling hervorgerufen werden.

Die
IPPC (Intergovernemental Panel on Climate Change), welche für die Erstellung
einer Synthese der wissenschaftlichen Arbeiten über die Klimaveränderung
verantwortlich ist, fasste in ihrem „Bericht an die Entscheidungsträger“
vom 22. Oktober 2000 die grundlegendsten Tatsachen zusammen, welche eine neue
Qualität in der Klimaveränderung aufzeigen: „Die Durchschnittstemperatur auf
der Erdoberfläche ist seit 1860 um 0,6 Grad gestiegen (...). Neue Analysen
gehen davon aus, dass das 20. Jahrhundert vermutlich die bedeutendste Erwärmung
aller Jahrhunderte in den letzten tausend Jahren auf der nördlichen Hemisphäre
erlebt hat (...) Die mit Schnee bedeckte Oberfläche hat seit 1960 um ca. 10%
abgenommen und die Periode, in der Seen und Flüsse in der nördlichen Hemisphäre
vereist sind, ist während des 20. Jahrhunderts um etwa zwei Wochen kürzer
geworden. (...) die Dicke des arktischen Eises hat um 40% abgenommen (...) der
Meeresspiegel ist während des 20. Jahrhunderts um 10 bis 20 cm angestiegen
(...) das Tempo der Anhebung des Meeresspiegels während des 20. Jahrhunderts
war ungefähr zehnmal höher als während der letzten 3000 Jahre. (...) Die
Niederschläge haben im 20. Jahrhundert auf der Mehrheit der Kontinente in
mittleren und hohen Breitengraden der nördlichen Hemisphäre pro Jahrzehnt um
0,5 bis 1% zugenommen. Der Regen ist in den meisten Regionen zwischen den
Wendekreisen zurückgegangen.“

Dieser
Qualitätssprung zeigt sich noch klarer bei der Betrachtung der sogenannten
Treibhausgaskonzentrationen

[2]

,
denn „seit Beginn der industriellen Ära hat die chemische Zusammensetzung
des Planeten eine noch nie da gewesene Veränderung durchgemacht“

[3]

,
die der Bericht der IPCC nicht verschweigt: „Seit 1750 hat sich die
atmosphärische Konzentration von Kohlendioxid verdreifacht. Die gegenwärtige
Konzentration ist so hoch wie nie zuvor in den letzten 420‘000 Jahren, wenn
nicht sogar in den letzten 20 Millionen Jahren. (...) Die Methankonzentration
in der Atmosphäre ist seit 1750 um das 2,5-fache gestiegen und steigt weiter
an.“
Tatsächlich wurden diese Veränderungen vor allem in den letzten
Jahrzehnten des 20. Jahrhundert und nicht schon seit 1750 bewirkt.

Die
einfache Tatsache, dass man die Periode der Dekadenz des Kapitalismus hierbei in
einem Atemzug mit Perioden von Hunderttausenden, ja, sogar Millionen von Jahren
nennen muss, ist an sich schon die eindeutige Verurteilung der irrsinnigen
Verantwortungslosigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. Es ist eine
unleugbare Tatsache, dass diese Veränderungen ein direktes Resultat der
ungezügelten und anarchischen Funktionsweise einer Industrie und eines
Transportwesens sind, die auf der Verbrennung fossiler Energie beruhen. Es ist
fast überflüssig zu sagen, dass, obwohl der Kapitalismus in dieser Periode
seine Produktionskapazitäten erheblich gesteigert hat, nicht die Arbeiterklasse
und die Mehrheit der Weltbevölkerung ihre Früchte geerntet haben. Von diesem
Standpunkt aus betrachtet, ist die menschliche und soziale Bilanz der Dekadenz des
Kapitalismus mit den Kriegen und der Armut als ihre Begleiterscheinungen noch
finsterer als die “Klima“bilanz selbst und kann deshalb keineswegs als
mildernder Umstand anerkannt werden.

[4]

Wenn
der IPCC-Bericht unterstreicht, dass „die Beweise für den menschlichen
Einfluss auf das globale Klima heute deutlicher sind als zur Zeit des zweiten
Berichtes“
von 1995, so widerlegt dies die Behauptungen der Bourgeoisie,
welche während der 90er Jahre stets versucht hat, die wissenschaftliche
Diskussion zu manipulieren, indem sie falsche Fragen auf den Tisch gebracht
hat. Als die Erderwärmung zum Thema wurde 
(im Vergleich zu den wissenschaftlichen Studien ohnehin sehr spät),
stellte die herrschende Klasse folgende Frage: Wo ist der formale Beweis dafür,
dass diese Erwärmung mit der Industrie zusammenhängt und nicht mit einem
natürlichen Zyklus? Es ist tatsächlich schwer, auf diese direkte Frage eine
wissenschaftlich fundierte Antwort zu geben. Doch andererseits ist der o.g.
qualitative Sprung in der Klimaentwicklung insofern besonders offenkundig, als
er in einer Zeit stattfindet, in welcher der 
Klimazyklus seit etwa 1000 Jahren und in den nächsten 5000 Jahren in
Richtung relativer Vergletscherung weist (was gut erforscht ist und sehr genau
belegt werden kann, da er durch astronomische Parameter wie die Veränderungen
im Weltraum und die Neigung der Erdachse bestimmt wird). Doch nicht nur das,
zwei andere Parameter sollten eigentlich auch in Richtung Abkühlung wirken: der
Zyklus der Sonnenaktivität und die Zunahme von Partikeln in der Atmosphäre –
eine Zunahme, verursacht durch die industrielle Verschmutzung (wie auch durch
Vulkanausbrüche). Dies sagt wohl genug über die Scheinheiligkeit der
herrschenden Klasse, die noch auf „Beweise“ wartet! Da es heute schwer ist, die
kapitalistische Ursache der Erderwärmung zu verleugnen, lautet die große Frage,
die sich die Medien stellen, folgendermaßen: Kann formal belegt werden, dass es
einen Zusammenhang zwischen der globalen Erderwärmung und den extremen
klimatischen Phänomenen der letzten Zeit gibt, wie die Wirbelstürme „Mitch“ und
„Eline“, die Stürme in Frankreich, die Überschwemmungen in Venezuela, England
usw.? Auch hier fällt es der Wissenschaft schwer, auf diese nicht sehr
wissenschaftliche Frage zu antworten, deren einziges Ziel darin besteht, die
Idee zu verbreiten, die globale Erderwärmung habe eventuell doch nicht derart schwerwiegende
Konsequenzen. Offizielle Stellen wie das französische meteorologische Institut
versteigen sich dabei zu köstlichen, jesuitischen Formulierungen wie: „Es
ist nicht bewiesen, dass die kürzlich stattgefundenen extremen Ereignisse
Zeichen einer klimatischen Veränderung sind, doch wenn dieser Klimawechsel voll
wahrnehmbar wird, dann wird er zweifellos von einer Zunahme extremer Ereignisse
begleitet!“

Und
die bis ins Jahr 2100 zu erwartenden klimatischen Veränderungen sind, um
nochmals die IPCC zu zitieren, enorm: „Der mittlere Temperaturanstieg auf
der Erdoberfläche wird schätzungsweise zwischen 1,5 und 6 Grad betragen (...)
einen solchen Anstieg hat es in den vergangenen zehntausend Jahren nie gegeben“
;
während der Anstieg der Meeresspiegel im Durchschnitt 0,47 Meter betragen wird,
„was zwei bis vier Mal mehr ist als während des 20. Jahrhunderts“. Aber
all diese Voraussagen berücksichtigen dabei das tatsächliche Tempo bei der
Abholzung nicht (bleibt es bei dem derzeitigen Tempo, sind in 600 Jahren alle
Wälder verschwunden). Die Konsequenzen dieser klimatischen Veränderungen werden
schrecklich und zerstörerisch sein: Überschwemmungen und Stürme in den einen,
Dürre in den anderen Regionen; Mangel an Trinkwasser, das Verschwinden von
Tierarten und so weiter. Doch für Dominique Frommel, den Forschungsdirektor des
INSERM, liegt „die größte Gefahr nicht dort. Sie liegt in der Abhängigkeit
des Menschen von seiner Umwelt. Die Flüchtlingsströme, die menschliche
Überkonzentration in den Städten, die Verringerung von Wasserreserven, die
Umweltverschmutzung und die Armut haben immer
(wobei jedoch der
Kapitalismus mehr als jede ihm vorausgehende Gesellschaft Megastädte, Armut und
Umweltverschmutzung verursacht hat!) die günstigsten Bedingungen geschaffen
für die Verbreitung infektiöser Mikroorganismen. Die Reproduktions- und
Infektionskapazität vieler Insekten und Nagetiere, Träger von Parasiten und
Viren, ist verbunden mit der Temperatur und Feuchtigkeit des Milieus. Anders
gesagt, ein Anstieg der Temperatur, wenn auch nur geringfügig, gibt der
Ausbreitung von zahlreichen, Mensch und Tier krank machenden Erregern grünes
Licht. Deshalb haben sich verschiedene Parasitenkrankheiten wie Malaria,
Schistosomiasis und die Schlafkrankheit, sowie Vireninfektionen wie das Dengue-Fieber,
verschiedene Formen von Gehirnhautentzündungen und das hämorrhagische Fieber in
den letzten Jahren ausgebreitet. Entweder sind sie in Regionen wieder
aufgetaucht, in denen sie zuvor verschwunden waren, oder sie betreffen nun
Regionen, die bisher davon verschont geblieben sind. (...) Die Prognosen für
das Jahr 2050 gehen von drei Milliarden Malariakranken aus. (...) Gleichzeitig
werden sich durch das Wasser übertragene Krankheiten ausbreiten. Die Erwärmung
des Süßwassers fördert die Entstehung von Bakterien. Die Erwärmung des
Salzwassers – vor allem, wenn es mit menschlichen Abwässern durchsetzt ist –
erlaubt dem Plankton, das den Boden für den Cholerabazillus bildet, sich in
gesteigertem Masse zu vermehren. Seit 1960 in Lateinamerika praktisch verschwunden,
forderte die Cholera dort zwischen 1991 und 1996 1‘368‘053 Todesopfer. Parallel
dazu tauchen neue Infektionen auf oder sie beginnen ihre ökologischen Nischen
zu verlassen, auf die sie bis anhin beschränkt waren. (...) Die Medizin steht
der Explosion so vieler unerwarteter Krankheiten trotz ihrer Fortschritte
hilflos gegenüber. Die Ansteckungsgefahr durch infektiöse Krankheiten (...)
kann im 21. Jahrhundert ein neues Gesicht annehmen, vor allem durch die
Ausbreitung durch von Tieren auf Menschen und umgekehrt übertragene
Infektionen.“
(Manière de Voir, Nr. 50, S. 77)

…und
unternimmt alles, um seine Schuld daran zu verschleiern

Angesichts
dieser historischen Verantwortung besteht die Antwort der Bourgeoisie darin,
einen gigantischen Medienzirkus um die Weltkonferenzen von Rio 1992, Den Haag,
Kyoto und Berlin zu veranstalten, um uns weiszumachen, dass die herrschende
Klasse sich endlich der Gefahren bewusst ist, die dem Planeten drohen. Dieses
Täuschungsmanöver findet auf verschiedenen Ebenen statt.

Erstens
beabsichtigt es, den Eindruck zu erwecken, dass die Erfüllung der Abmachungen
von Kyoto einen ersten wichtigen Schritt darstellen. Doch diese Abmachungen
sind nicht nur nicht erfüllt worden; selbst wenn sie es wären, hätten ihre
selbst gesteckten Ziele nur lächerlich geringfügige Auswirkungen auf die
globale Erwärmung. All die Nichtregierungsorganisationen und ökologischen
Parteien, die an der Diskussion über die Verwirklichung des Kyoto-Protokolls
teilnahmen, sind also Teil dieses Täuschungsmanövers. Nicht einmal ein
Ausweichschritt ist erreicht worden, geschweige denn ein Schritt vorwärts.

Zweitens
wird uns erzählt, dass die Unfähigkeit der Staaten, sich untereinander zu
verständigen, an ihren verschiedenen Vorstellungen über den Weg zum gemeinsamen
Ziel lägen, die den Treibhauseffekt bewirkenden Emissionen zu reduzieren.
Tatsächlich jedoch weiß jeder Staat sehr wohl, was er tut, wenn er seine
nationalen Interessen verteidigt und daher die Verhandlungen dazu benutzt, um
Produktionsnormen durchzusetzen, die am besten zu seinem Produktionsniveau,
seinen technologischen Kapazitäten, Energiequellen etc. passen. So respektieren
zum Beispiel Frankreich und die USA die Abmachungen von Kyoto nicht (seit 1990
ist der Ausstoß von Kohlendioxid in den USA um 11% und in Frankreich um 6,5%
gestiegen), doch wenn Präsident Chirac behauptet, dass „es vor allem an
Amerika liegt, unseren Hoffnungen auf eine Reduktion der Treibhausgase Auftrieb
zu geben“
(Le Monde, 20.11.2000), so heißt dies im Klartext, dem
anderen im Handelskrieg einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. So verhält
es sich auch, wenn die Europäische Union die Einrichtung eines „Überwachungssystems“
fordert, das Steuern für diejenigen einführt, die die Verschmutzungsquoten
überschreiten. Ebenso gut könnte man die USA dazu auffordern, den Airbus zu
finanzieren und die Produktion von Boeing einzuschränken! Für die Staaten der
Dritten Welt ist es noch durchsichtiger: Die Bürde der Krise, der Schulden und
des Elends führt zu einer systematischen Ausplünderung der natürlichen
Bodenschätze und zu einem Laissez-faire-Verhalten gegenüber den großen
westlichen Unternehmen, welche die lokale Korruption fördern. All dies ist die
unvermeidliche Realität des Kapitalismus. Unter diesen Umständen läuft die
Unterstützung irgendeiner Maßnahme auf Kosten anderer darauf hinaus, das Spiel
eines oder mehrerer Staaten zu spielen.

Und
schließlich noch ein Wort zu einer Mystifikation, die sich größter Beliebtheit
unter Reformisten aller Couleur erfreut: die Idee, für einen sauberen
Kapitalismus zu kämpfen, der die Umwelt respektiert, ein Kapitalismus ohne
Konkurrenz - ein unvorstellbarer Kapitalismus. Dieser heilige Kreuzzug findet
im Namen der Antiglobalisierung statt und ruft flehentlich die Staaten dazu
auf, Gesetze gegen die bösen Multis zu erlassen, Steuern zu erheben oder
anderweitig gegen sie vorzugehen. Aber genauso wie Arbeitsgesetze die
kapitalistische Ausbeutung, Arbeitslosigkeit und Armut nicht aufhalten und,
falls notwendig, außer Kraft gesetzt werden können, werden auch die
Gesetzgebung, die Steuerschraube oder andere Maßnahmen, die das Prädikat
„ökologisch“ für sich beanspruchen, nur das tun, was völlig in Einklang mit dem
Kapitalismus steht und was tatsächlich die Modernisierung des
Produktionsapparates fördert. Oder aber es handelt sich schlicht und einfach um
eine versteckte Form von Protektionismus oder um eine Rechtfertigung
arbeiterfeindlicher Maßnahmen (Begründungen zur Schließung von Betrieben,
welche die Umwelt belasten, Lohnkürzungen zur Deckung der Kosten einer den
Umweltnormen gerechten Produktion usw.) So gesehen, veranschaulichen die
Ökosteuern („ich verschmutze, aber bezahle dafür ... ein wenig“) und der Handel
mit Zertifikaten für Treibhausgas-Emissionen, der prinzipiell akzeptiert worden
ist, lediglich die kapitalistische Wirklichkeit im Kampf gegen die
Umweltverschmutzung und die globale Erwärmung!

Aus
diesem Grund versuchen die wichtigsten Repräsentanten einer ökologischen
Politik und der Nichtregierungsorganisationen, die von ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen
vom Standpunkt der Rentabilität des Kapitals aus zu legitimieren, und es kommt
nicht selten vor, dass sie von den Machtzentralen der Bourgeoisie als Berater
herangezogen werden. Dies ist unleugbar bei den grünen Parteien, die sich an
verschiedenen Regierungen beteiligen (Frankreich, Deutschland), aber auch bei
Nichtregierungsorganisationen der Fall, wie dem „World Conservation Monitoring
Center“, welches zum verlängerten Arm der Vereinten Nationen geworden ist und
behauptet, dass „die Politik und die Maßnahmen bezüglich der
Klimaveränderung im Verhältnis zur Effizienz und den Kosten stehen müssen,
damit sie globale Profite zu geringst möglichen Kosten sichern können“
. Ins
selbe Horn bläst Le Monde Diplomatique, der Hausierer der
Antiglobalisierungs-Ideologie in Frankreich (vor allem anti-amerikanisch
ausgerichtet), wenn er sich daran stößt, dass „die gesellschaftlichen
Gesamtkosten des Automobiltransports – Lärm, Luftverschmutzung, Verkehrschaos,
Platzverbrauch und Sicherheitsrisiko – bis zu 5% des Bruttosozialproduktes
ausmachen“
(Manière de Voir, Nr. 50, Seite 70). Dieser Wandel zum
ökologischen Realismus kann auch die Form einer direkten Hilfe für den Staat
annehmen, wie dies Greenpeace nach der Strandung des Chemietankers Ievoli-Sun
an der Küste Frankreichs im November 2000 tat.

Es
ist charakteristisch für all die ökologischen Bewegungen, Parteien oder
Nichtregierungsorganisationen, den kapitalistischen Staat zum Garanten der
Allgemeininteressen zu machen. Ihre Handlungsweise ist grundsätzlich Klassen
übergreifend (da „wir ja alle betroffen sind“) und demokratisch (sie sind
meisterhaft in lokaler Demokratie und beharren darauf, dass der Staat, den sie
für fähig halten, sich durch solche Demonstrationen zu bewegen, durch den Druck
der Bevölkerung, durch die Tat des Bürgers gezwungen werden könne,
umweltfreundliche Maßnahmen zu ergreifen). Es erübrigt sich zu sagen, dass
diese Art von Protest, die weder die Fundamente der kapitalistischen
Produktionsweise noch die Macht der herrschenden Klasse in Frage stellt, von
der Bourgeoisie vollkommen assimiliert werden kann. Und auch die
Demoralisierung derer, die diesen Märchen keinen Glauben schenken, ist ein Sieg
für die herrschende Klasse.

Wir
haben aufgezeigt, dass es illusorisch ist zu glauben, es gäbe Mechanismen
innerhalb des Kapitalismus, welche die ökologischen Katastrophen verhindern
könnten

[5]

,
da Letztere ein Produkt der grundlegenden Funktionsweise des Kapitalismus sind.
Es sind vielmehr die gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus, die
ausgemerzt werden müssen, wenn wir eine Gesellschaft errichten wollen, in der
die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse, die zum Antrieb der Produktion
werden muss, nicht auf Kosten der Natur geht, da beide aufs engste miteinander
verknüpft sind. Eine solche Gesellschaft, der Kommunismus, kann nur vom
Proletariat errichtet werden, der einzigen gesellschaftlichen Kraft, die ein
Bewusstsein und eine Praxis entwickeln kann, welche „die bestehende Welt
revolutionieren, die vorgefundenen Dinge praktisch angreifen und verändern“

kann (Marx, Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 42).

Seit
seinem Erscheinen als revolutionäre Theorie der Arbeiterklasse hat sich der
Marxismus gegen die bürgerliche Ideologie gewandt, einschließlich ihrer
fortgeschrittensten materialistischen Auffassungen, welche die Natur nur als
ein Objekt außerhalb des Menschen betrachten und nicht als historische Natur.
Die Beherrschung der Natur hat für das Proletariat nie die Ausplünderung der
Natur bedeutet: „Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, dass
wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk
beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern dass wir mit
Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und dass unsre
ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen
ihre Grenzen erkennen und richtig anwenden zu können.“
(Engels, Die
Dialektik der Natur
, MEW Bd. 20 S. 453)

Es
gilt jedoch weiterhin, dass das Bewusstsein über den Ernst der ökologischen
Lage für sich selbst nicht ein Mobilisierungsfaktor der Kämpfe ist, welche das
Proletariat bis zur kommunistischen Revolution führen muss. Wie schon in der Internationalen
Revue
Nr. 13 erwähnt und in den letzten 10 Jahren bestätigt wurde, „erlaubt
die Frage als solche dem Proletariat nicht, sich als gesonderte soziale Kraft
zu bestätigen. In der Tat schafft sie einen idealen Vorwand für die Kampagnen
der Bourgeoisie, bei denen die Klassenunterschiede verwischt werden (...) Die
Arbeiterklasse wird nur dann fähig sein, sich mit der ökologischen Frage als
Ganzes zu beschäftigen, wenn sie die politische Macht auf Weltebene erobert
hat.“
Doch der Irrsinn des kapitalistischen Systems in seiner Zerfallsphase
berührt die Arbeiter ganz direkt (Gesundheit, Ernährung, Wohnen usw.) und kann
auf dieser Ebene künftige ökonomische Kämpfe radikalisieren.

Für
alle Elemente außerhalb des Proletariats, die aufrichtig gegen das schreckliche
Massaker an diesem Planeten rebellieren, besteht der einzige konstruktive Weg
vorwärts für ihren Unwillen darin, Kritik an der ökologischen Ideologie zu
üben, zu einem allgemeinen Verständnis der Geschichte des Klassenkampfes zu
gelangen und sich dem Kampf des Proletariats in Gestalt seiner revolutionären
Organisationen anzuschließen.

Die
Zerstörung der Umwelt ist kein technisches Problem, sondern ein politisches:
Mehr als je zuvor stellt der Kapitalismus eine tödliche Gefahr für das
Überleben der Menschheit dar; mehr als je zuvor liegt die Zukunft der
Menschheit in den Händen der Arbeiterklasse. Dies ist keinesfalls eine
mechanistische oder abstrakte Vision. Es ist eine Notwendigkeit, deren Wurzeln
in der Realität der kapitalistischen Produktionsweise liegen. Um den Knoten
zwischen der kommunistischen Revolution und dem Sturz in die Barbarei zu lösen,
muss sich die Arbeiterklasse beeilen. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr
hinterlässt der beschleunigte Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft einer
künftigen kommunistischen Gesellschaft ein apokalyptisches Erbe.

BT


[1]

Das Protokoll von Kyoto vom Dezember 1997 ist eine
Liste von Prinzipien, die von den Staaten angenommen wurde, welche die
Konvention der Klimakonferenz von Rio 1992 unterschrieben hatten, und die sie
dazu verpflichtete, Emissionen, die zum Treibhauseffekt führen, bis zum Jahr
2010 um 5,2% zu reduzieren. 

[2]

Der Treibhauseffekt „ist ein Prozess, welcher
Gasen, die in der Atmosphäre nicht vorherrschend sind (Wasserdampf,
Kohlendioxid, Methan, Ozon), eine erhebliche Wirkung zukommen lässt: Indem sie
die infrarote Strahlung daran hindern, den Planeten frei zu verlassen, halten
sie genügend Sonnenwärme zurück, damit der Planet bewohnbar wird (sonst würde
eine mittlere Temperatur von minus 18 Grad herrschen)“
(Hervé Le Treut,
Forschungsdirektor des meteorologischen Institutes Paris, Le Monde, 7.
8. 2000)        

[3]

Hervé Le Treut, ebenda.

[4]

Vgl. den Artikel „Das barbarischste Jahrhundert der
Geschichte“
in International Review Nr. 101, franz./engl./span.
Ausgabe 

[5]

Aus Platzgründen können wir hier all die anderen
Aspekte des ökologischen Desasters nicht weiter ausführen: die unkontrollierte
Verödung und Abholzung der Wälder, das Verschwinden von Lebensraum für Tiere
und ihr damit einhergehendes Aussterben (von heute bis zum Jahr 2010 werden 20%
der bekannten Tierarten verschwunden sein, davon ein Drittel Haustiere), die
permanente Vergiftung mit Dioxin, der massive Gebrauch toxischer Pestizide, der
Mangel an Trinkwasser (alle acht Sekunden stirbt ein Kind wegen mangelndem oder
schlechtem Wasser), die nukleare Vergiftung durch Militär- und Zivilwirtschaft,
die Ausplünderung ganzer Regionen durch die Ölwirtschaft, die Auszehrung der
Meeresschätze, die Folgen lokaler Kriege usw. Wie bei der globalen Erwärmung
besteht auch hier die „Lösung“ der Bourgeoisie darin, die Realität zu
verschleiern, während sich die Verhältnisse immer mehr zuspitzen.

Theoretische Fragen: