Polemik: Die Wurzeln der IKS und des IBRP -Die Italienische Fraktion und die Französische Kommunistische Linke

 

Die Polemik des IBRP schneidet dieselben Themen an wie der Artikel in Revolutionary Perspectives Nr. 5: die Ursachen der organisationsinternen Schwierigkeiten, mit denen die IKS in der letzten Zeit konfrontiert war. Die große Schwäche dieser zwei Artikel ist jedoch, daß sie in keiner Weise Bezug auf die Analyse nehmen, welche wir als IKS über diese Schwierigkeiten gemacht haben(1). In den Augen des IBRP können die Ursachen dieser Probleme einzig in unserem Programm oder in unserem Unverständnis gegenüber der aktuellen Weltlage liegen. Selbstverständlich können dies Quellen von Schwierigkeiten für eine revolutionäre Organisation sein. Doch die gesamte Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt uns, daß Fragen der Struktur und der Funktionsweise einer Organisation von besonderer politischer Bedeutung sind und daß Schwächen in diesen Bereichen noch viel stärker als in anderen programmatischen oder analytischen Punkten schwerwiegendste Konsequenzen - ja oft dramatische Auswirkungen - auf das Leben revolutionärer Gruppen haben. Müssen wir die Genossen des IBRP, welche für sich in Anspruch nehmen, die Positionen Lenins aufrechtzuerhalten, an das Beispiel des

2. Kongresses der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands 1903 erinnern, wo es eben gerade die Frage der Organisation war (und nicht programmatischer Punkte oder der Analyse der damaligen Situation), welche die Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki herbeiführte? Genauer betrachtet nämlich hat die gegenwärtige Unfähigkeit des IBRP, eine Analyse des historischen Kurses herauszuarbeiten, seine Wurzeln zu einem großen Teil in politischen Irrtümern bezüglich der Organisationsfrage und im Speziellen in der Frage des Verhältnisses zwischen Fraktion und Partei. Und tatsächlich, genau dies taucht im letzten Artikel von Internationalist Communist wieder auf! Damit uns die Genossen des IBRP nicht vorwerfen können, ihre Positionen verdreht zu haben, werden wir im Folgenden einen längeren Abschnitt aus ihrem Artikel zitieren:

„Die IKS wurde 1975 gegründet, doch ihre Geschichte geht zurück auf die Französische Kommunistische Linke (GCF/Gauche Communiste de France), eine winzige Gruppe, die während des Zweiten Weltkrieges von derselben Person („Marc") gegründet wurde, die dann in den 70er Jahren die IKS gründen sollte. Die GCF stützte sich grundsätzlich auf das Verwerfen der Gründung der Internationalistischen Kommunistischen Partei in Italien durch die Vorfahren des IBRP in der Periode nach 1942.

Die GCF behauptete, daß die Internationalistische Kommunistische Partei keinen Fortschritt darstelle gegenüber der alten Fraktion der Kommunistischen Linken welche während der Diktatur von Mussolini nach Frankreich ins Exil gegangen war. Die GCF rief die Mitglieder der Fraktion auf, der neuen Partei, welche von Revolutionären wie Onorato Damen, der nach dem Zusammenbruch von Mussolinis Regime aus dem Gefängnis entlassen worden war, gegründet wurde, nicht beizutreten. Sie argumentierten, daß die Konterrevolution, welche seit den Niederlagen in den 20er Jahren auf den Arbeitern lastete, andauere und deshalb die Bildung einer revolutionären Partei in den 40er Jahren unmöglich sei. Nachdem der italienische Faschismus 1943 zusammengebrochen war und der italienische Staat ein Schlachtfeld im Kampf der zwei imperialistischen Fronten wurde, schloß sich die breite Mehrheit der exilierten Italienischen Fraktion der Internationalistischen Kommunistischen Partei (PCInt) an. Sie gingen davon aus, daß die Arbeiterunruhen mit dem sich abzeichnenden Ende des Krieges nicht nur auf Norditalien beschränkt bleiben würden. Die Opposition der GCF war damals noch gering, doch sollte es das erste Beispiel von Konsequenzen aufgrund abstrakter Begründungen sein, die eines der methodologischen Markenzeichen der heutigen IKS darstellen. Heute sagt die IKS, die Tatsache, daß aus dem Zweiten Weltkrieg keine Revolution entstanden sei, gebe der GCF Recht. Dies ignoriert jedoch die Tatsache, daß der PCInt das fortgeschrittenste Produkt ist, das die Arbeiterklasse seit der Russischen Revolution hervorgebracht hat und das trotz einem halben Jahrhundert kapitalistischer Herrschaft heute noch existiert und wächst.

Die GCF auf der anderen Seite trieb ihre „logischen" Abstraktionen noch weiter. Sie argumentierte, daß, seit die Konterrevolution vorherrsche, die proletarische Revolution nicht auf der Tagesordnung stünde. Und da dies der Fall sei, müsse auch ein neuer imperialistischer Krieg kommen! Resultat war das Weggehen ihrer Führung nach Südamerika und der Zusammenbruch der GCF während des Koreakrieges. Die IKS war immer ein wenig verlegen gegenüber Enthüllungen über die Fähigkeiten ihrer Ahnen, den „historischen Kurs" zu verstehen. Wie auch immer, ihre Antwort war immer etwas unverschämt. Anstatt zuzugeben, daß der PCInt mit beidem, seiner Perspektive und seinem Organisationskonzept recht lag, versuchte die ehemalige GCF, nachdem sie Mitte der 60er Jahre in ein bemerkenswert unversehrtes Europa zurückgekehrt war, den PCInt als „sklerotisch" und „opportunistisch" zu verunglimpfen und erzählten der Welt, sie seien „Bordigisten" (eine Anschuldigung, die sie nur aufgrund der Ignoranz der jungen Generation von Revolutionären aufrechterhalten, später dann jedoch zurückziehen mußte). Wie auch immer, auch nachdem sie zu diesem Rückzug gezwungen war, beendete die IKS ihre Politik der Verunglimpfung möglicher „Rivalen" (um ihre eigenen Worte zu gebrauchen) nicht und versuchte nun zu behaupten, daß der PCInt „in den Reihen der Partisanen gearbeitet habe" (mit anderen Worten die Unterstützung der bürgerlichen Kräfte bei der Etablierung eines demokratischen Staates in Italien). Dies war eine ekelhafte und feige Verleumdung. In Tat und Wahrheit waren Militante des PCInt, die versucht hatten, die stalinistische Kontrolle über die Arbeiterklasse zu bekämpfen, indem sie sich Gehör bei den Partisanen verschafften, auf direkte Anweisung von Palmiro Togliatti (Generalsekretär der italienischen Kommunistischen Partei) ermordet worden" (Übersetzt durch uns)

Dieser Abschnitt über die Geschichte der IKS und des IBRP verlangt eine tiefgreifende Antwort, besonders auch über historische Fakten. Einer klaren Auseinandersetzung zuliebe wollen wir zuerst einige dieser Anschuldigungen berichtigen, welche entweder auf schlechte Absichten oder eine betrübliche Ignoranz des Autors des Artikels schließen lassen.

In der Nummer 20 unserer Internationalen Revue (engl., franz., span. Nr. 89) haben wir eine Polemik als Antwort auf den Artikel „Sekten, Lügen und die verlorene Perspektive der IKS" in Revolutionary Perspectives Nr. 5 (Publikation der Communist Workers Organisation CWO) veröffentlicht. Aus Platzgründen sind wir in dieser Polemik nicht auf alle Aspekte, die von der CWO angeschnitten wurden, eingegangen und haben uns vor allem auf einen Punkt konzentriert: Die Auffassung, nach der die von der IKS entwickelte Perspektive für die gegenwärtige Periode absolut verfehlt sei. Wir haben in dieser Polemik gezeigt, daß die Anschuldigungen der CWO im Wesentlichen auf ihrem tiefen Unverständnis unserer eigenen Positionen gründen, vor allem aber auch auf dem Fehlen einer eigenen Methode zur Analyse der heutige Periode. Dieses fieberhaft abgestrittene Fehlen eines analytischen Rahmens bei der CWO und dem IBRP (Internationales Büro für die Revolutionäre Partei, zu dem die CWO gehört) wird jedoch weiterhin aufrechterhalten. So wird behauptet, es sei für die revolutionären Organisationen unmöglich, im Kräfteverhältnis zwischen Proletariat und Bourgeoisie die vorherrschende Tendenz, entweder den Kurs hin zu verschärften Klassenauseinandersetzungen oder den Kurs hin zum imperialistischen Krieg, zu erkennen. In Wirklichkeit hat das Zurückweisen des IBRP einer Möglichkeit, ja gar Notwendigkeit für die Revolutionäre, die Natur des historischen Kurses zu bestimmen, seine Ursprünge in den Umständen, unter denen die andere Organisation des IBRP, Partito Comunista Internazionalista (PCInt), zu Ende des Zweiten Weltkrieges gegründet worden ist. Just in der Nummer 15 der theoretischen Revue des IBRP in englischer Sprache, Internationalist Communist (IC), kommt der PCInt auf die Frage der Wurzeln des PCInt und der IKS zu sprechen, und es ist genau diese Frage, welche wir als Antwort auf ihre Polemik hier aufgreifen wollen.

Einige Berichtigungen und Vertiefungen

Zuallererst die Frage der Partisanen, die bei den Genossen des IBRP eine derartige Entrüstung ausgelöst hat, daß sie nicht umhin können, uns als „feige Verleumder" zu bezeichnen. Selbstverständlich haben wir gesagt, daß die PCInt „in den Reihen der Partisanen gearbeitet habe". Dies ist jedoch keineswegs eine Verleumdung, sondern lediglich die Wahrheit. Hat der PCInt tatsächlich einige ihrer Militanten und Kader in die Reihen der Partisanen geschickt, ja oder nein? Dies ist eine Tatsache, die man nicht verbergen kann. Noch mehr, der PCInt nimmt diese Politik für sich in Anspruch, es sei denn, er habe seine Position geändert, seit der Genosse Damen im Namen des Sekretariates des PCInt im Herbst 1976 schrieb, daß sich seine Partei „keinesfalls über etwas schämen muss" und verweisen könne auf „ihre revolutionären Militanten, die in die Reihen der Partisanen eingedrungen sind, um dort die Prinzipien und die Taktik der revolutionären Bewegung zu verbreiten. Eine Arbeit, die sie oft sogar mit dem Leben bezahlt haben".(2) Wir haben umgekehrt nie behauptet, daß diese Arbeit eine „Unterstützung der bürgerlichen Kräfte, welche versuchten, einen demokratischen Staat in Italien zu etablieren", gewesen sei. Verschiedene Male schon haben wir diese Frage in unserer Presse aufgegriffen (3) und werden auch im zweiten Teil dieses Artikels noch darauf zurückkommen. Wenn wir dabei unerbittlich die vom PCInt seit seiner Gründung begangenen Fehler kritisiert haben, so haben wir ihn keinesfalls mit den trotzkistischen Organisationen oder noch weniger mit den stalinistischen gleichgesetzt. Die Genossen täten besser daran, die Stellen, welche sie dermaßen verstimmten, zu zitieren. Bis dann ist es besser, wenn sie ihre Entrüstung und ihre Beleidigungen im Zaum halten.

Ein anderer Punkt, zu dem es unsererseits einige Berichtigungen und Vertiefungen zu machen gilt, betrifft die Analyse der historischen Periode, die durch die GCF zu Beginn der 50er Jahre gemacht wurde und die einige Mitglieder zur Wegreise aus Europa bewogen hat. Das IBRP täuscht sich, wenn es behauptet, daß die IKS bei dieser Frage in Verlegenheit gerate und wir darauf immer eine „unverschämte" Antwort auf Lager hätten. So haben wir im Artikel zur Erinnerung an unserer Genossen Marc (Internationale Revue Nr. 66, engl., franz,. span.) geschrieben: „Diese Analyse findet man vor allem im Artikel „Die Entwicklung des Kapitalismus und die neue Perspektive", welcher in Internationalisme Nr. 46 veröffentlicht wurde (...). Dieser Text wurde im Mai 1952 von Marc geschrieben und stellt in gewisser Hinsicht das politische Testament der GCF dar. Marc verließ Frankreich im Juni 1952 und wanderte nach Venezuela aus. Diese Abreise entsprach einer kollektiven Entscheidung der GCF, die angesichts des Koreakrieges davon ausging, daß ein Dritter Weltkrieg zwischen dem amerikanischen und dem russischen Block unabwendbar sei und kurz bevorstehe (wie es auch im Text in Form einer Frage formuliert wird). Ein solcher, vor allem Europa verwüstender Krieg, würde die wenigen kommunistischen Gruppen, und darunter auch die GCF, die bisher überlebt hatten, zerstören. Die Entscheidung, einige Militante ausserhalb von Europa „in Sicherheit zu bringen", gründete nicht auf einem persönlichen Bedürfnis nach Sicherheit dieser Genossen (...) sondern auf der Sorge nach dem Überleben der Organisation selbst. Dennoch versetzte die Abreise des am besten geschulten und erfahrensten Genossen auf einen anderen Kontinent der GCF einen fatalen Schlag, und trotz der regelmäßigen Korrespondenz mit Marc waren die Genossen, welche in Frankreich geblieben waren, nicht fähig, die Organisation in einer Periode der tiefsten Konterrevolution aufrechtzuerhalten. Aus Gründen, auf die wir hier nicht näher eingehen, fand ein Dritter Weltkrieg nicht statt. Es ist klar, daß dieser Fehler in der Analyse der GCF das Leben kostete (und unter all den Fehlern, welche Marc in seinem Leben machte, hatte dieser wohl die größten Konsequenzen)."

Als wir den Text, um ihn in Erinnerung zu rufen, wieder veröffentlichten (1974 in der Nummer 8 des Bulletin d`étude et de discussion von Révolution Internationale, des Vorläufers der Revue Internationale), schrieben wir dazu: „Internationalisme analysierte die Periode nach den Zweiten Weltkrieg richtigerweise als eine Fortführung der Reaktion und des Rückflusses des proletarischen Klassenkampfes (...). Ebenfalls richtig war die Behauptung, daß der Kapitalismus mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht aus seiner dekadenten Phase austrat und daß alle Widersprüche, die den Kapitalismus in den Krieg geführt hatten, ihn unerbittlich in neue Kriege stoßen würden. Aber Internationalisme merkte nicht, oder stellte nicht genügend klar, was die Phase des Wiederaufbaus im Zyklus Krise-Krieg-Wiederaufbau bedeutete. Aus diesem Grunde und im Kontext des Kalten Krieges USA-UdSSR sah Internationalisme keine Möglichkeit des Wiedererstarkens des Proletariates außer in oder nach einem Dritten Weltkrieg."

Wie man sehen kann, hat die IKS diese Frage niemals „unverschämt" angegangen noch war sie „verlegen", die Fehler der GCF zuzugeben (selbst in einer Zeit, in der das IBRP noch nicht da war, um uns darauf aufmerksam zu machen). Dies bedeutet erneut, daß das IBRP unsere Analyse des historischen Kurses nicht begriffen hat. Der Irrtum der GCF lag nicht in einer falschen Einschätzung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen, sondern in einer Unterschätzung der Atempause, die der Wiederaufbau der kapitalistischen Ökonomie gewähren konnte und es ihr erlaubte, während zwei Jahrzehnten der offenen Krise zu entfliehen und sogar in einem gewissen Masse den Spannungen zwischen den zwei imperialistischen Blocks. Jene setzten sich in der Form lokaler Kriege fort (Korea, Naher Osten, Vietnam, etc.). Wenn zur damaligen Zeit ein Dritter Weltkrieg nicht ausbrach, dann nicht wegen des Proletariates (das paralysiert und lahmgelegt war durch die Linke des Kapitals), sondern weil es der Kapitalismus zu Beginn der 50er Jahre noch nicht erforderte.

Nach diesen Berichtigungen wollen wir nun auf ein „Argument" zurückkommen, welches dem IBRP offenbar besonders am Herzen liegt und das auch schon in der Polemik in Revolutionary Perspektives Nr. 5 aufgetaucht ist: die „Winzigkeit" der GCF. Der Verweis auf den „winzigen" Charakter der GCF ist in Tat und Wahrheit ein Vergleich mit „dem fortgeschrittensten Produkt, das die Arbeiterklasse seit der Russischen Revolution hervorgebracht hat", d.h. mit dem PCInt, der seinerzeit mehrere Tausend Mitglieder hatte. Bedeutet dies, daß der „große Erfolg" des PCInt auch gleichzeitig seine Positionen korrekter werden läßt als die der GCF?

Ein solches Argument wäre wahrlich etwas mager. Doch den mageren Charakter dieses Argumentes beiseite gelassen wirft die Haltung des IBRP einen zentralen Punkt grundlegender Differenzen zwischen unseren Organisationen auf. Um dies zu betrachten, müssen wir aber erst auf die Geschichte der Italienischen Kommunistischen Linken zurückkommen, denn die GCF war nicht nur eine „winzige" Gruppe, sondern auch der wirkliche politische Nachkomme der historischen Strömung, auf die sich der PCInt und das IBRP berufen.

Einige Meilensteine in der Geschichte der Italienischen Linken

Die IKS hat ein Buch mit dem Titel „Die Italienische Kommunistische Linke"(4) veröffentlicht, das die Geschichte dieser Strömung beschreibt. Wir können hier lediglich einige der wichtigsten Aspekte herausgreifen.

Die Italienische Linke, um Amadeo Bordiga und die Federation von Neapel als „abstentionistische" Fraktion innerhalb der Sozialistischen Partei Italiens entstanden, war Hauptbeteiligte bei der Gründung der Italienischen Kommunistischen Partei auf dem Kongreß von Livorno 1921 und hat den Weg dieser Organisation bis 1925 bestimmt. Gleichzeitig mit anderen Strömungen der Linken in der Kommunistischen Internationalen (z.B. der Deutsch-Holländischen Linken) und schon lange vor Trotzkis Linksopposition wandte sie sich gegen den opportunistischen Kurs der Komintern. Anders als der Trotzkismus, der sich ausdrücklich auf die ersten vier Kongresse der Komintern beruft, verwarf die Italienische Linke einige der am 3. und 4. Kongreß angenommenen Positionen, dabei im besonderen die Taktik der „Einheitsfront". Über einige Punkte, so zum Beispiel den kapitalistischen Charakter der UdSSR oder die endgültige bürgerliche Natur der Gewerkschaften waren die Positionen der Deutsch-Holländischen Linken zu Beginn viel klarer als die der Italienischen Linken. Dennoch war die Auseinandersetzung der Italienischen Linken in der Arbeiterklasse verglichen mit den anderen Strömungen der Kommunistischen Linken viel fruchtbarer, da sie die Fähigkeit besaß, zwei entscheidende Fragen besser zu verstehen:

– das Ende und die Niederlage der weltrevolutionären Welle,

– die Aufgaben der revolutionären Organisation in einer solchen Situation.

Im Bewußtsein der Notwendigkeit, politische Positionen, die im Lichte der historischen Erfahrung widersprüchlich geworden waren, zu überprüfen, schritt die Italienische Linke mit großer Vorsicht voran. Dies erlaubte ihr auch, „das Kind nicht mit dem Bad auszuschütten" wie die Holländische Linke, die schliesslich den Oktober 1917 als bürgerliche Revolution bezeichnete und die Notwendigkeit einer revolutionären Partei verwarf. Dies hinderte die Italienische Linke jedoch nicht daran, sich einige Positionen anzueignen, welche vorher die Deutsch-Holländische Linke ausgearbeitet hatte.

Die zunehmende Repression des Mussolini-Regimes insbesondere mit den „Ausnahmegesetzen" von 1926 zwang die Mehrheit der Italienischen Kommunistischen Linken, ins Exil zu flüchten. Im Ausland, vor allem in Frankreich und Belgien, fuhr diese Strömung dann fort, eine organisierte politische Aktivität aufrechtzuerhalten. Im Februar 1928 wurde in Pantin am Rande von Paris die Linke Fraktion der Kommunistischen Partei Italiens gegründet. Diese beteiligte sich an den Diskussionen und dem Umgruppierungsprozess der verschiedenen linkskommunistischen Strömungen, welche aus der degenerierten Komintern ausgeschlossen worden waren und deren wohl bekannteste Figur Trotzki war. Die Fraktion hoffte vor allem, mit anderen Gruppen ein gemeinsames Diskussionsbulletin herauszugeben. Nachdem sie jedoch auch von Trotzkis Linksopposition ausgeschlossen worden war, begann sie ab 1933 in ihrem eigenen Namen die Zeitschrift BILAN in französischer Sprache und PROMETEO auf Italienisch herauszugeben.

Wir werden an dieser Stelle nicht die gesamten Positionen der Fraktion oder gar deren Entwicklung betrachten. Wir wollen uns hier darauf konzentrieren, an eine ihrer grundlegendsten Positionen zu erinnern, auf welcher ihre Existenz beruht: das Verhältnis zwischen Partei und Fraktion.

Diese Position wurde von der Fraktion Ende der 20er und zu Beginn der 30er Jahre schrittweise herausgearbeitet, als es darum ging zu definieren, welche Politik gegenüber den degenerierenden kommunistischen Parteien einzuschlagen war.

In ihren großen Zügen kann man diese Position folgendermaßen zusammenfassen: Die Linke Fraktion bildet sich in einem Moment, in dem die Partei des Proletariates als Opfer des Opportunismus, durch das Eindringen bürgerlicher Ideologien in ihre eigenen Reihen den Kurs der Degeneration einschlägt. Es ist die absolute Verantwortung der revolutionären Minderheit, welche das revolutionäre Programm aufrechterhält, auch auf organisierte Art und Weise für dessen Sieg innerhalb der Partei zu kämpfen. Entweder ist die Fraktion erfolgreich in der Durchsetzung ihrer Prinzipien und der Rettung der Partei, oder letztere setzt ihren degenerierenden Kurs fort und landet schliesslich mit Sack und Pack im Lager der Bourgeoisie. Es ist alles andere als leicht, den Moment des Übertritts der proletarischen Partei ins Lager der Bourgeoisie genau zu erkennen und zu definieren. Dennoch ist eines der bezeichnendsten Indizien für dieses Übertreten die Feststellung, daß es keinen Platz für ein proletarisches politisches Leben innerhalb der Partei mehr gibt. Die Linke Fraktion hat die Verantwortung, ihren Kampf im Innern der Partei zu führen, solange nur die kleinste Hoffnung auf einen Erfolg besteht. Dies war auch der Grund, weshalb es in den 20er und zu Beginn der 30er Jahre nicht die linken Strömungen waren, die die Parteien der Kommunistischen Internationalen verließen, sondern sie wurden oftmals durch schäbige Manöver ausgeschlossen. Dies bedeutet wiederum, daß, wenn eine Partei des Proletariates einmal ins Lager der Bourgeoisie übergetreten ist, keine Rückkehr mehr möglich ist. Notwendigerweise muss das Proletariat, um seinen Kurs zur Revolution wieder aufzunehmen, nun eine neue Partei hervorbringen. Die Rolle der Fraktion ist jetzt die einer Brücke zwischen der an den Klassenfeind verlorenen alten Partei und der Partei von morgen, für die sie die programmatischen Grundlagen erarbeiten und das Gerüst bauen soll. Die Tatsache, daß nach dem Übertritt der Partei ins Lager der Bourgeoisie kein proletarisches Leben mehr in ihr weiter existieren kann, bedeutet gleichfalls, daß es für die Revolutionäre absolut nutzlos, ja sogar gefährlich ist, einen „Entrismus" zu betreiben, eine der sogenannten „Taktiken" des Trotzkismus, welche die Fraktion immer entschieden verworfen hat. Der Versuch, in einer bürgerlichen und für Klassenpositionen sterilen Partei ein proletarisches Leben aufrechterhalten zu wollen, führte niemals zu etwas anderem als zur Beschleunigung der opportunistischen Entartung und nicht zu einer Wiederbelebung dessen, was diese Partei einmal war. Was die „Rekrutierungen" betrifft, welche mit solchen Methoden vollbracht wurden, diese Elemente waren immer besonders konfus, mit Opportunismus versetzt und nie fähig, für die Arbeiterklasse eine Avantgarde zu bilden.

Einer der wohl bedeutendsten Unterschiede zwischen der Italienischen Fraktion und dem Trotzkismus liegt darin, daß die Fraktion bei der Vereinigung der revolutionären Kräfte immer die absolute Notwendigkeit einer größtmöglichen politischen Klarheit und programmatischer Strenge hervorhob. Dies, obwohl sie offen war für die Diskussion mit allen anderen Strömungen, welche sich gegen die Degeneration der Komintern engagierten. Demgegenüber hatte der Trotzkismus immer wieder überstürzt, ohne eine seriöse Diskussion oder vorherige Abklärung der politischen Positionen versucht, Organisationen zu gründen. Diese basierten vor allem auf Einverständnissen zwischen „Persönlichkeiten" und der von Trotzki errungenen Autorität als einem der wichtigsten Führer der Revolution von 1917 und der Komintern in ihren Anfangsjahren.

Eine andere Frage, welche den Trotzkismus von der Italienischen Fraktion getrennt hatte, war die des Zeitpunktes für die Gründung der neuen Partei. Für Trotzki und seine Genossen stand der Zeitpunkt zur Gründung der neuen Partei unmittelbar auf der Tagesordnung, nachdem die alten Parteien für das Proletariat verloren gegangen waren. Für die Fraktion war diese Frage jedoch absolut klar:

„Die Umwandlung der Fraktion in die Partei hängt von zwei eng aneinander gebundenen Elementen ab(5):

1. Die Ausarbeitung neuer politischer Positionen durch die Fraktion, welche fähig sind, dem Kampf des Proletariates einen soliden Rahmen für die Revolution in der fortgeschrittenen Phase zu geben (...).

2. Die Umkehrung der Klassenverhältnisse des aktuellen Systems (...) mit dem Ausbrechen von revolutionären Bewegungen, welche es der Fraktion erlauben, wieder die Führung der Kämpfe in Richtung Aufstand zu übernehmen." („Hin zur 2 ¾ Internationalen?" BILAN Nr.1 1933)

Um zu einem gegebenen Zeitpunkt ihre Aufgaben zu erkennen, ist es für Revolutionäre unabdingbar, in klarster Art und Weise das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen sowie auch die Richtung, welche dieses Kräfteverhältnis einschlägt, zu analysieren. Einer der größten Verdienste der Fraktion bestand gerade in ihrer Fähigkeit, den historischen Kurs der 30er Jahre erkannt zu haben: die generalisierte Krise des Kapitalismus, die Konterrevolution, welche auf die Arbeiterklasse niederprasselte und die Tatsache, daß es daraus keinen anderen Ausweg als einen neuen Weltkrieg geben konnte.

Diese Analyse bestätigte sich vollauf im Spanischen Bürgerkrieg. Während die Mehrheit der Organisationen, welche sich zur Linken der kommunistischen Parteien zählten, in den Ereignissen in Spanien ein revolutionäres Wiedererwachen des Weltproletariates zu erkennen glaubten, hatte die Fraktion verstanden, daß das spanische Proletariat trotz seiner Kampfbereitschaft und seinem Mut durch die antifaschistische Ideologie in eine Falle gelockt worden war. Eine Ideologie, welche von allen Organisationen, welche im Proletariat einen Einfluß besaßen, vorangetrieben wurde (die anarchistische CNT, die sozialistische UGT, die kommunistischen und sozialistischen Parteien und die POUM, eine linkssozialistische Partei welche sich an der bürgerlichen Regierung, der „Generalitat" beteiligte) und das spanische Proletariat dazu verurteilte, zum Kanonenfutter in Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Teilen der Bourgeoisie, der „demokratischen" und der „faschistischen", zu werden, welche den Weltkrieg einläuteten, der unvermeidbar geworden war. Innerhalb der Fraktion bildete sich zu diesem Zeitpunkt eine Minderheit, welche davon ausging, daß die Situation in Spanien „objektiv revolutionär" geblieben sei, die sich unter Verachtung aller Organisationsdisziplin und Zurückweisung einer Debatte, die ihr die Mehrheit angeboten hatte, in die antifaschistischen Brigaden der POUM einreihte und sich sogar in der Zeitung dieser Partei zu Wort meldete(6). Die Fraktion war nun gezwungen, die Abspaltung der Minderheit zu akzeptieren, welche sich nach ihrer Rückkehr aus Spanien 1936(7) in die Union Communiste einreihte. Eine Gruppe, die zu Beginn der 30er Jahre mit linken Argumenten mit dem Trotzkismus gebrochen hatte, jedoch die Ereignisse in Spanien als „revolutionär" bezeichnete, einen „kritischen Antifaschismus" propagierte und wieder in diese Strömung zurückkehrte.

Zusammen mit einigen Genossen der Deutsch-Holländischen Linken war die Italienische Fraktion die einzige Organisation, welche angesichts des imperialistischen Krieges, der sich in Spanien entwickelt hatte, eine unbeugsame Klassenposition aufrechterhielt(8). Leider begann Vercesi, Haupttheoretiker und Triebfeder der Fraktion, gegen Ende 1937 eine Theorie zu entwickeln, nach der die verschiedenen militärischen Auseinandersetzungen, welche sich in der zweiten Hälfte der 30er Jahre entwickelten, nicht Vorbereitungen hin zu einer neuen imperialistischen Schlächterei seien, sondern „lokale Kriege", bestimmt dazu, mit Massakern an Arbeitern der drohenden proletarischen Gefahr zuvorzukommen. Gemäss dieser „Theorie" befand sich die Welt am Vorabend einer neuen revolutionären Welle, und der Weltkrieg sei vor allem deshalb nicht mehr auf der Tagesordnung, weil die Kriegsökonomie selbst fähig sei, die kapitalistische Krise zu überwinden. Nur eine Minderheit der Fraktion, darunter auch unser Genosse Marc, war fähig, sich nicht in diese Abwege zu verirren, die eine Art verspätete Vergeltung der Minderheit von 1936 darstellten. Die Mehrheit entschied nun, die Herausgabe der Zeitschrift BILAN zu beenden und durch OCTOBRE zu ersetzten, deren Name an die angebliche „neue Perspektive" angelehnt sei. OCTOBRE war bestimmt als Organ des Internationalen Büros der (italienischen und belgischen) Linkskommunistischen Fraktionen und sollte in drei Sprachen publiziert werden. In Tat und Wahrheit, statt „mehr zu tun", wie es die „neue Perspektive" vorsah, war die Fraktion unfähig, ihre bisherige Arbeit aufrechtzuerhalten. OCTOBRE sollte im Gegensatz zu BILAN nur noch unregelmäßig und alleine auf französisch erscheinen. Zahlreiche Genossen, durch diese Missachtungen der Positionen der Fraktion aus den Bahnen geworfen, verfielen der Demoralisierung und schieden aus.

Die Italienische Linke während des 2. Weltkrieges und die Bildung der GCF

Als der 2. Weltkrieg ausbrach, war die Fraktion lahmgelegt. Mehr noch als die polizeilichen Repressalien von Seiten der „demokratischen" Polizei sowie der Gestapo (mehrere Genossen, darunter Mitchell, Triebfeder der Belgischen Fraktion, wurden deportiert und ermordet) war es die politische Verwirrtheit und mangelnde Vorbereitung auf den unerwarteten Weltkrieg, die für dieses Auseinanderfallen verantwortlich waren. Vercesi selbst erklärte mit dem Ausbruch des Krieges, das Proletariat sei „gesellschaftlich inexistent" geworden, jede Arbeit der Fraktion sei nun überflüssig, und rief sogar dazu auf, die Fraktionen aufzulösen, was noch mehr zur Blockierung der Fraktion beitrug (eine Entscheidung, die vom Internationalen Büro der Fraktionen gefällt worden war). Der Kern von Marseilles, welcher aus Genossen bestand, die sich den revisionistischen Konzeptionen Vercesis vor dem Krieg widersetzt hatten, verfolgte weiterhin eine geduldige Arbeit zum Wiederaufbau der Fraktion, eine wegen der Repressalien und den beschränkten materiellen Mitteln höchst beschwerliche Arbeit. In Lyon, Toulon und Paris wurden wieder Sektionen errichtet, und es konnten Kontakte in Belgien geknüpft werden. Ab 1941 hielt die „wiederaufgebaute" Fraktion jährlich eine Konferenz ab, ernannte eine Exekutivkommission und veröffentlichte ein internationales Diskussionsbulletin. Parallel dazu bildete sich 1942 auf den Positionen der Italienischen Linken der französische Kern der Kommunistischen Linken, an dem sich der Genosse Marc, Mitglied der Exekutivkommission der italienischen Fraktion, beteiligte und der sich die Konstituierung der französischen Fraktion zum Ziel gesetzt hatte.

Als 1942–43 in Norditalien große Arbeiterstreiks ausbrachen, welche zum Sturz Mussolinis und seiner Ersetzung durch den pro-Alliierten General Badoglio führten (Streiks, die sich auch in Deutschland unter italienischen Arbeitern ausbreiteten und von deutschen Arbeitern unterstützt wurden), ging die Fraktion gemäss ihrer bisherigen Position davon aus, daß nun „in Italien der Weg für die Umwandlung der Fraktion in die Partei offen sei". Ihre Konferenz vom August 1943 entschied, mit Italien Kontakt aufzunehmen, und wies die Genossen an, sich auf eine baldmögliche Heimkehr vorzubereiten. Diese Rückkehr war jedoch einerseits aus materiellen Gründen nicht sofort möglich, andererseits aber auch aus politischen Gründen. Vercesi und ein Teil der Belgischen Fraktion standen dem mit der Begründung, die Ereignisse in Italien würden „die soziale Inexistenz" des Proletariates keineswegs aufheben, feindlich gegenüber. Auf der Konferenz vom Mai 1944 verwarf die Fraktion die Theorien von Vercesi.(9) Dieser befand sich jedoch noch lange nicht am Ende seines Irrweges. Im September 1944 beteiligte er sich im Namen der Fraktion (und in Begleitung von Pieri, eines anderen Genossen der Fraktion) in Brüssel, Seite an Seite mit christlich-demokratischen, „kommunistischen", republikanischen, sozialistischen und liberalen Parteien an der Gründung der „Coalizione antifascista", welche die Zeitschrift „L`Italia di domani" herausgab, in deren Zeilen man Aufrufe zur finanziellen Unterstützung des alliierten Krieges fand. Als die Exekutivkommission der Fraktion davon erfuhr, wurde Vercesi am 20. Januar 1945 ausgeschlossen, was diesen jedoch keineswegs davon abhielt, seine Aktivitäten in der „Coalizione antifascista" und als Präsident des „Roten Kreuzes" noch mehrere Monate lang aufrechtzuerhalten.(10)

Die Fraktion führte weiterhin eine schwierige Propagandaarbeit gegen die antifaschistische Hysterie und zur Denunzierung des imperialistischen Krieges. Sie hatte dabei den französischen Kern der Kommunistischen Linken zur Seite, der sich zur Französischen Fraktion der Kommunistischen Linken umgewandelt hatte und im Dezember 1944 ihren ersten Kongreß abhielt. Die zwei Fraktionen verteilten Flugblätter und Plakate, in denen zur Verbrüderung zwischen den Proletariern in Uniform in beiden imperialistischen Lagern aufgerufen wurde. Nachdem die Gründung der Internationalistischen Kommunistischen Partei in Italien rund um bekannte Figuren wie Onorato Damen und Amadeo Bordiga bekannt geworden war, beschloß die Mehrheit der Fraktion jedoch auf der Konferenz vom Mai 1945 ihre Auflösung und den individuellen Beitritt ihrer Mitglieder in den PCInt. Dies bedeutete eine radikale Infragestellung der Haltung der Fraktion seit ihrer Gründung 1928. Marc, Mitglied der Exekutivkommission der Fraktion und eine der Haupttriebfedern ihrer Arbeit während des Krieges, widersetzte sich dieser Entscheidung. Dabei handelte es sich um eine politische Haltung und keineswegs um eine formalistische: Er ging davon aus, daß man die Fraktion solange aufrechterhalten müsse, bis Klarheit über die Positionen der neuen Partei herrsche, die ohnehin nur schlecht bekannt waren, und es sei zu überprüfen, ob sie mit denen der Fraktion übereinstimmten.(11) Um nicht am Selbstmord der Fraktion beteiligt zu sein, gab er seine Arbeit in der Exekutivkommission ab und verließ die Konferenz, nachdem er seine Position ausdrücklich dargelegt hatte. Die Fraktion (welche dennoch nicht vernünftig genug war, um weiter zu existieren) schloß ihn wegen „politischer Niederträchtigkeit" aus und weigerte sich, die FFGC (Fraction Française de la Gauche Communiste) deren Hauptkraft er darstellte, zu akzeptieren. Einige Monate später spalteten sich zwei Genossen der FFGC, die mit Vercesi Kontakt aufgenommen hatten, der sich für die Gründung der PCInt aussprach, ab und gründeten eine zweite FFGC (FFGC-bis), welche vom PCInt unterstützt wurde. Um jegliche Verwirrung zu vermeiden, nannte sich die FFGC von nun an Gauche Communiste de France (GCF) und berief sich ganz auf die politische Kontinuität der Fraktion. Die FFGC-bis ihrerseits wurde nun durch den Beitritt von ehemaligen Mitgliedern der 1936 aus der Fraktion ausgeschlossenen Minderheit und Chazé, dem Hauptkopf der Union Communiste, „verstärkt". Dies hinderte den PCInt und die belgische Fraktion leider nicht daran, sie als die „alleinige Vertreterin der Kommunistischen Linken in Frankreich" zu bezeichnen.

 

Die „winzige" GCF stellte 1946 die Veröffentlichung ihrer Zeitschrift L`Etincelle (Der Funke) ein, weil sie davon ausging, daß sich eine historische Wiederaufnahme des Klassenkampfes, die sich 1943 abgezeichnet hat, nun nicht bestätigt. Dennoch veröffentlichte sie zwischen 1945 und 1952 46 Nummern ihrer theoretischen Revue Internationalisme, die alle Fragen aufgriff, welche sich zu Ende des Zweiten Weltkrieges für die Arbeiterklasse stellten. Es war Internationalisme, das auch die programmatische Basis klärte, auf welcher sich 1964 in Venezuela Internationalismo, 1968 in Frankreich Révolution Internationale und 1975 die Internationale Kommunistische Strömung gründeten.

In einem zweiten Teil dieses Artikels werden wir auf die Gründung des Partito Comunista Internazionalista, des Begründers des IBRP und laut seinen eigenen Worten „das fortgeschrittenste Produkt, das die Arbeiterklasse seit der Russischen Revolution hervorgebracht hat", zurückkommen. Fabienne

 

 

(1) Siehe den Artikel über den 12. Kongress der IKS in Weltrevolution, Nr. 82, Juni /Juli 1997.

(2) Von uns, in Revue Internationale Nr. 8 (engl., franz., span.) veröffentlichter, und mit einer Antwort (Les ambiguités sur les „partisans" dans la constitution du Parti Communiste Internationaliste en Italie") versehener Brief.

(3) Siehe den genannten Artikel in Revue Internationale Nr. 8

(4) Auf deutsch ist der zweite Teil in Form einer Broschüre erhältlich. Das komplette Buch ist in französisch und englisch erhältlich.

(5 )In unserer Presse haben wir öfters die von der Italienischen Linken entwickelte Vorstellung aufgegriffen, die die Partei und die Fraktion unterscheidet (siehe v.a. unsere Broschüre auf deutsch: Das Verhältnis Fraktion – Partei in der marxistischen Tradition). Der Klarheit halber wollen wir hier auf folgende Punkte hinweisen: Die kommunistische Minderheit existiert als ein Ausdruck der revolutionären Zukunft des Proletariates permanent. Ihr Einfluss auf die unmittelbaren Kämpfe der Klasse jedoch hängt eng von deren Entwicklungsstufe und vom Bewusstsein in der Klasse ab. Nur in Phasen von offenen und zunehmend bewussteren Kämpfen kann sich diese Minderheit einen Einfluss darauf erhoffen. Alleine unter solchen Umständen kann man von der kommunistischen Minderheit auch als einer Partei sprechen. In Perioden des historischen Rückflusses des Proletariats, des Triumphs der Konterrevolution, ist es falsch zu glauben, dass die revolutionären Positionen einen entscheidenden und herausragenden Einfluss auf die Gesammtheit der Klasse hätten. In solchen Perioden ist die einzige, aber lebenswichtige Arbeit die der Fraktion: die Vorbereitung der politischen Bedingungen für die zukünftige Partei, die es ab dem Tage, an dem es das Kräfteverhältniss zwischen den Klassen erneut zulässt, möglich macht, einen Einfluss im gesamten Proletariat zu haben.

(6) Ein Mitglied der Minderheit, Candiani, übernahm sogar das Kommando der sog. „Lenin-Kolonne" der POUM an der Aragon Front.

(7) Im Gegensatz zur Legende, die die Minderheit und andere Gruppen verbreitet haben, hat die Mehrheit der Fraktion die Ereignisse in Spanien nicht aus sicherer Ferne betrachtet. Ihre Mitglieder blieben bis im Mai 1937 in Spanien. Nicht um sich in die antifaschistische Front einzureihen, sondern um ihre politische Arbeit fortzusetzen in der Hoffnung, einige Militante der Spirale des imperialistischen Krieges entreissen zu können. Eine Arbeit im Geheimen und permanent mit stalinistischen Mördern im Nacken.

(8) Die Ereignisse in Spanien haben auch Abspaltungen in anderen Organisationen bewirkt (Union Communiste in Frankreich, Ligue des Communistes in Belgien, Revolutionary Workers` League in den USA, Liga Comunista in Mexico), welche die Positionen der Italienischen Fraktion annahmen, in ihre Reihen eintraten oder, wie in Belgien, neue Fraktionen der Internationalen Kommunistischen Linken bildeten. Zu dieser Zeit verliess auch unser Genosse Marc die Union Communiste, um der Fraktion beizutreten, mit der er mehrere Jahre in Kontakt stand.

(9)Während dieser Periode veröffentlichte die Fraktion zahlreiche Nummern ihres Diskussionsbulletins, was ihr erlaubte, eine ganze Reihe von Analysen zu machen. Vor allem über den Charakter der UdSSR, die Degenerierung der Russischen Revolution, die Frage des Staates in der Übergangsperiode, die von Vercesi entwickelte Theorie der Kriegsökonomie und die ökonomischen Gründe des imperialistischen Krieges.

(10) In dieser Funktion bedankte er sich sogar bei „seiner Exzellenz, dem apostolischen Nuntius," für seine „Unterstützung dieser Arbeit der Solidarität und Menschlichkeit" und erklärte, dass „sich kein Italiener mit der Schmach bedecken kann, gegenüber unseren dringlichen Aufrufen taub zu bleiben" (in L`Italia di Domani Nr. 11, März 1945).

(11) Der Grund, weshalb sich Marc dem Beschluss der Fraktion im Mai 1945 widersetzte ist nicht der, den Internationalist Communist angibt, „dass die Konterrevolution, welche seit den Niederlagen in den 20er Jahren auf der Arbeiterklasse laste noch fortdauere, und aus diesem Grunde die Möglichkeit der Bildung einer neuen Partei in den 40er Jahren noch nicht gegeben sei:" Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er immer die sich vertiefenden Schwierigkeiten der Arbeiterklasse angesichts der systematischen Politik der Alliierten, die Kampfbereitschaft des Proletariates auf bürgerliches Terrain zu ziehen, betont, hatte aber nicht ausdrücklich die 1943 entstandene Position über die Möglichkeit der Bildung der Partei verworfen.

 

 

Polemik: Die Wurzeln der IKS und des IBRP, Teil II

Die Gründung des Partito Comunista Internazionalista

In der letzten Ausgabe der Internationalen Revue (Nr. 22) veröffentlichten wir den ersten Teil eines Artikels, der auf die Polemik „Die politischen Wurzeln der Organisationskrankheit der IKS" antwortet, welche in der International Communist Review Nr. 15 erschienen war, der englischsprachigen Revue des Internationalen Büros für die Revolutionäre Partei (IBRP), das sich aus der Communist Workers Organisation (CWO) und des Partito Comunista Internazionalista (PCInt.) zusammensetzt. In diesem ersten Teil gingen wir, nachdem wir eine gewisse Zahl von Behauptungen des IBRP berichtigt hatten, die Zeugnis für einen Mangel an Kenntnissen unserer Positionen ablegen, auf die Geschichte der Italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken zurück, einer politischen Strömung, auf die sich sowohl das IBRP als auch die IKS berufen. Insbesondere zeigten wir, daß die Vorfahren der IKS, die Gauche Communiste de France (GCF), mehr als eine „winzige Gruppe" war, wie es das IBRP formuliert: In Wahrheit war sie der tatsächliche politische Erbe der Italienischen Fraktion, indem sie sich auf die Basis der Errungenschaften der letztgenannten stellte. Genau diese Errungenschaften hat der PCInt, als er sich 1943 bildete und noch stärker auf seinem ersten Kongreß 1945, über Bord geworfen oder einfach abgelehnt. Dies beabsichtigen wir in diesem zweiten Teil des Artikels aufzuzeigen.

Für Kommunisten hat das Studium der Geschichte der Arbeiterbewegung und ihrer Organisationen nichts mit akademischer Neugier gemein. Im Gegenteil, es ist ein unersetzliches Mittel für sie, ihr Programm auf eine solide Basis zu stellen, sich selbst in der aktuellen Situation zu orientieren und klare Perspektiven für die Zukunft zu erkunden. Insbesondere ermöglicht die Untersuchung der vergangenen Erfahrungen der Arbeiterklasse die Verifizierung der Gültigkeit der Positionen, die von den früheren Klassenorganisationen vertreten worden waren, und Lehren daraus zu ziehen. Die Revolutionäre einer Epoche sitzen nicht zu Gericht über ihre Vorfahren. Aber sie müssen imstande sein, das, was in den von ihnen vertretenen Positionen immer noch gültig ist, herauszuziehen und gleichzeitig ihre Irrtümer zu erkennen, so wie sie auch in der Lage sein müssen, den Moment zu erkennen, in dem eine in einem bestimmten historischen Zusammenhang richtige Position unter veränderten historischen Bedingungen hinfällig geworden ist. Andernfalls werden sie große Schwierigkeiten haben, ihrer Verantwortung nachzukommen, dazu verdammt, die Irrtümer zu wiederholen oder an anachronistischen Positionen festzuhalten.

Solch eine Herangehensweise ist das ABC für eine revolutionäre Organisation. Wenn wir seinen Artikel betrachten, dann teilt das IBRP diese Herangehensweise, und wir erkennen es als sehr positiv an, daß diese Organisation unter anderem die Frage nach ihren eigenen Ursprüngen (oder vielmehr nach den Ursprüngen des PCInt) und den Ursprüngen der IKS stellt. Uns scheint, daß das Verständnis der Differenzen zwischen unseren beiden Organisationen mit der Untersuchung ihrer entsprechenden Geschichte beginnen muß. Aus diesem Grund wird sich unsere Antwort auf die Polemik des IBRP auf diese Frage konzentrieren. Wir begannen damit im ersten Teil dieses Artikels mit unserem Blick auf die Italienische Fraktion und die GCF. Jetzt wollen wir auf die Geschichte des PCInt eingehen.

In der Tat ist einer der wichtigsten Punkte, die behandelt werden müssen, folgender: Können wir zustimmen, daß, wie das IBRP sagt, „der PCInt die erfolgreichste Kreation der revolutionären Arbeiterklasse seit der Russischen Revolution ist" (1)? Falls dies der Fall wäre, so müßten wir die Aktionen des PCInt als beispielhaft und als Hauptinspirationsquelle der Kommunisten von heute und morgen ansehen. Die Frage, die sich stellt, ist die: Wie beurteilen wir den Erfolg einer revolutionären Organisation? Die Antwort kann nur sein: indem wir daran Maß anlegen, wie sie die Aufgaben erfüllt, die ihr in der historischen Periode, in der sie wirkt, zufallen. In diesem Sinn sind die ausgewählten Kriterien des „Erfolgs" in sich selbst bedeutsam für die Weise, wie man die Rolle und Verantwortung der Vorhutorganisation des Proletariats begreift.

Die Kriterien für den „Erfolg" einer revolutionären Organisation

Eine revolutionäre Organisation ist Ausdruck und aktiver Faktor des Prozesses, in dem das Proletariat sein Klassenbewußtsein entwickelt und so seine historische Mission des Sturzes des Kapitalismus und der Schaffung des Kommunismus übernimmt. In diesem Sinn ist solch eine Organisation ein unersetzliches Instrument des Proletariats im Augenblick des historischen Sprunges, der die kommunistische Revolution darstellt. Wenn die revolutionäre Organisation mit dieser besonderen Situation konfrontiert ist, wie dies für die kommunistischen Parteien zwischen 1917 und dem Beginn der 20er Jahre der Fall war, dann ist das entscheidende Kriterium zur Beurteilung ihrer Aktivitäten ihre Fähigkeit, die großen Massen der Arbeiter, die das Subjekt der Revolution sind, um sich und um das von ihr vetretene kommunistische Programm zu sammeln. In diesem Sinn können wir sagen, daß die bolschewistische Partei 1917 diese Aufgabe völlig erfüllte (nicht nur angesichts der Revolution in Rußland, sondern auch angesichts der Weltrevolution, da es ebenfalls die bolschewistische Partei war, die die Hauptanregung zur Bildung der Kommunistischen Internationalen 1919 gab). Vom Februar bis zum Oktober 1917 war ihre Fähigkeit, sich mit den Massen inmitten der revolutionären Gärung zu verbinden, in jedem Moment der Heranreifung der Revolution die geeignetesten Parolen aufzustellen, mit der größten Unnachsichtigkeit gegen alle Sirenen des Opportunismus zu handeln – war all dies zweifellos entscheidend für ihren „Erfolg".

So weit, so gut, doch ist die Rolle der kommunistischen Organisationen nicht auf revolutionäre Perioden beschränkt. Wenn dies der Fall wäre, dann hätten solche Organisationen nur in der Periode von 1917 bis 1923 existiert, und wir müßten die Bedeutung der Existenz des IBRP und der IKS in Frage stellen. Es ist klar, daß außerhalb direkt revolutionärer Perioden kommunistische Organisationen die Rolle besitzen, die Revolution vorzubereiten, d.h. auf bestmögliche Weise zur Entwicklung der wesentlichen Voraussetzung für die Revolution beizutragen: die Bewußtwerdung des gesamten Proletariats über seine historischen Ziele und die Mittel, um sie zu erreichen. Dies bedeutet in erster Linie, daß es die ständige Funktion von kommunistischen Organisationen (also auch in revolutionären Perioden) ist, das proletarische Programm auf die klarste und kohärenteste Weise zu definieren. In zweiter Linie, und direkt verknüpft mit der ersten Funktion, bedeutet es, politisch und organisatorisch die Partei vorzubereiten, die im Augenblick der Revolution an der Spitze des Proletariats zu sein hat. Schießlich bedeutet es eine ständige Intervention in der Klasse, entsprechend den Mitteln, die der Organisation zur Verfügung stehen, um jene Elemente für kommunistische Positionen zu gewinnen, die mit der Ideologie und den Organisationen der Bourgeoisie zu brechen versuchen.

Um zur „erfolgreichsten Kreation der Arbeiterklasse seit der Russischen Revolution", d.h. gemäß dem IBRP zum PCInt, zurückzukehren, muß die Frage gestellt werden: Über welche Art von „Erfolg" reden wir hier?

Spielte der PCInt eine entscheidende Rolle in der Aktion des Proletariats während der revolutionären Periode oder wenigstens in einer Periode intensiver proletarischer Aktivitäten?

Leistete sie entscheidende Beiträge zur Erarbeitung des kommunistischen Programms, wie zum Beispiel die Italienische Fraktion der Kommunistischen Linken, auf die sie sich berief?

Legte sie solide organisatorische Fundamente für die Gründung der künftigen kommunistischen Weltpartei, der Vorhut der kommenden proletarischen Revolution?

Wir wollen mit der Beantwortung der letzten Frage beginnen. In einem Brief der IKS an den PCInt vom 9.6.1980, just nach dem Nichtzustandekommen der dritten Konferenz der kommunistischen Linken, schrieben wir: „Wie erklärt Ihr (....), daß Eure Organisation, die bereits vor dem Wiedererwachen der Klasse 1968 existiert hatte, unfähig war, von diesem Wiedererwachen zu profitieren und sich auf internationaler Ebene auszubreiten, während unsere, die 1968 praktisch noch nicht existierte, seitdem ihre Kräfte gesteigert und sich in zehn Ländern eingepflanzt hat?"

Diese Frage, die wir damals stellten, bleibt bis heute gültig. Seitdem hat es der PCInt zwar geschafft, sich international auszuweiten, indem er in Gemeinschaft mit der CWO (die ihre wesentlichen Positionen und Analysen übernommen hat) das IBRP gründete (2). Aber wir kommen nicht umhin zu erkennen, daß die Bilanz des PCInt nach mehr als einem halben Jahrhundert der Existenz sehr bescheiden ist. Die IKS hat stets die extreme numerische Schwäche und den beschränkten Einfluß von kommunistischen Organisationen in der gegenwärtigen Periode, und dies schließt unsere mit ein, hervorgehoben und bedauert. Wir gehören nicht zu jenen, die mit Bluffs ihren Weg machen und behaupten, der „Generalstab" des Proletariats zu sein. Wir überlassen es anderen Gruppen, den „großen Napoleon" hervorzukehren. Trotzdem, wenn wir von dem hier untersuchten Kriterium des „Erfolges" ausgehen, schneidet die „winzige GCF" weitaus besser ab als der PCInt, auch wenn sie 1952 aufgehört hat zu existieren. Mit Sektionen oder Kernen in 13 Ländern, 11 regelmäßigen territorialen Publikationen in sieben verschiedenen Sprachen (einschließlich der am weitesten verbreiteten in den Industrieländern: Englisch, Deutsch, Spanisch und Französisch), einer vierteljährlichen theoretischen Zeitschrift in drei Sprachen, ist die IKS, die um die Positionen und politischen Analysen der GCF herum gegründet worden war, heute zweifellos nicht nur die größte und am weitesten verbreitete politische Organisation der Linkskommunisten, sondern auch und vor allem diejenige, die im letzten Vierteljahrhundert die positivste Dynamik in ihrer Entwicklung erfahren hat. Das IBRP mag wohl erkennen, daß der „Erfolg" der Erben der GCF, gemessen an jenem des PCInt, Beweis für die Schwäche der Arbeiterklasse ist. Wenn die Kämpfe und das Bewußtsein letzterer mehr entwickelt sind, wird sie sicherlich die Positionen und die Parolen des PCInt anerkennen und sich viel massiver um sie umgruppieren als heute. Jedenfalls ist dies ein tröstlicher Gedanke.

Tatsächlich kann das IBRP, wenn es den fabelhaften „Erfolg" des PCInt beschwört, nicht deren Fähigkeit meinen, den Grundstein für die künftige organisatorische Basis der Weltpartei gelegt zu haben (es sei denn, es nimmt Zuflucht zu Spekulationen, was das IBRP in der Zukunft sein könnte). Wir sehen uns daher veranlaßt, ein anderes Kriterium zu untersuchen: Hat der PCInt zwischen 1945 und 1946 (d.h. als er seine erste Plattform annahm) einen wesentlichen Beitrag zur Erarbeitung des kommunistischen Programms geleistet?

Wir wollen hier nicht all die in dieser Plattform enthaltenen Positionen begutachten, die sicherlich einige exzellente Dinge enthalten. Wir werden unseren Blick nur auf ein paar programmatische Punkte richten, die schon damals äußerst wichtig waren und über die wir kein großes Quantum an Klarheit in der Plattform finden können. Wir beziehen uns hier auf den Charakter der UdSSR, auf die sog. „nationalen und kolonialen Befreiungskämpfe" und auf die Gewerkschaftsfrage.

Die gegenwärtige Plattform des IBRP ist sich im klaren über die kapitalistische Natur der Gesellschaft, die bis 1990 in Rußland existierte, über die Rolle der Gewerkschaften als Instrumente zur Bewahrung der bürgerlichen Ordnung, die in keiner Weise vom Proletariat „wiedererobert" werden können, und über den konterrevolutionären Charakter der nationalen Befreiungskämpfe. Diese Klarheit ist jedoch nicht in der Plattform des PCInt von 1945 zu finden, in der die UdSSR noch immer als „proletarischer Staat" definiert ist, in der die Arbeiterklasse zur Unterstützung bestimmter nationaler und kolonialer Kämpfe aufgerufen wird und in der die Gewerkschaften noch immer als Organisationen betrachtet werden, die vom Proletariat „wiedererobert" werden können, bemerkenswerterweise durch die Schaffung von Minderheiten unter der Führung des PCInt (3). In derselben Periode hat die GCF bereits die alten Analysen der Italienischen Linken über die proletarische Natur der Gewerkschaften in Frage gestellt und begriffen, daß die Arbeiterklasse diese Organe nicht mehr wiedererobern kann. Die Analyse der kapitalistischen Natur der UdSSR war bereits während des Krieges von der Italienischen Fraktion, die sich um den Kern in Marseilles rekonstituiert hatte, erarbeitet worden. Und endlich war die konterrevolutionäre Natur der nationalen Kämpfe, die Tatsache, daß sie nichts anderes als Momente des imperialistischen Konflikts zwischen den Großmächten sind, bereits in den 30er Jahren von der Fraktion nachgewiesen worden. Deshalb halten wir heute daran fest, was die GCF 1946 über den PCInt gesagt hat und was das IBRP derart aufregt. Wie letzteres es formuliert: „Die GCF argumentiert, daß die Internationalistische Kommunistische Partei kein Fortschritt gegenüber der alten Fraktion der Linkskommunisten darstellt, die während der Mussolini-Diktatur ins französische Exil ging" (ICR, Nr. 15). Auf der Ebene der programmatischen Klarheit sprechen die Fakten für sich (4).

Wir können also nicht erkennen, daß die programmatischen Positionen des PCInt von 1945 Bestandteil seines „Erfolges" waren, zumal ein guter Teil von ihnen später revidiert wurde, besonders 1952 zur Zeit des Kongresses, als die Spaltung von der Tendenz Bordigas stattfand, und sogar noch später. Wenn uns das IBRP die kleine Ironie erlaubt, möchten wir sagen, daß einige seiner gegenwärtigen Positionen mehr von der GCF als vom PCInt von 1945 inspiriert worden sind. Also worin liegt der „große Erfolg" dieser Organisation? Alles, was übrigbleibt, ist ihre numerische Stärke und der Einfluß, den sie in einem bestimmten Augenblick der Geschichte hatte.

Es ist ganz richtig, daß zwischen 1945 und 1947 der PCInt fast 3000 Mitglieder und eine bedeutende Anzahl von Arbeitern hatte, die sich mit ihm identifizierten. Heißt das, daß diese Organisation imstande war, eine bedeutsame Rolle in den historischen Ereignissen zu spielen und sie zur proletarischen Revolution zu lenken, auch wenn dies nicht das endgültige Resultat war? Natürlich können wir dem PCInt nicht vorwerfen, angesichts einer revolutionären Situation in seiner Verantwortung versagt zu haben, weil solch eine Situation 1945 nicht herrschte. Aber genau da drückt der Schuh. Wie der Artikel des IBRP sagt, hegte der PCInt die „Erwartung, daß die Unruhen der Arbeiter sich nicht nur auf Norditalien beschränken würden, als der Krieg sich dem Ende näherte". In der Tat wurde der PCInt 1943 auf der Basis des Wiederauflebens der Arbeitermilitanz in Norditalien konstituiert, wobei er diese Kämpfe als die ersten einer neuen revolutionären Welle betrachtete, die aus dem Krieg heraus entstehen würde, wie dies am Ende des Ersten Weltkrieges der Fall gewesen war. Die Geschichte hat diese Perspektive widerlegt. Aber 1943 war es vollkommen gerechtfertigt, sie aufzustellen (5). Zwar waren die Kommunistische Internationale und die meisten kommunistischen Parteien, einschließlich der italienischen Partei, gebildet worden, als die revolutionäre Welle, die 1917 begann, mit der Zerschlagung des deutschen Proletariats im Januar 1919 am abebben war. Aber die Revolutionäre dieser Zeit waren sich dessen noch nicht bewußt (und eines der großen Verdienste der Italienischen Linken war es, zu den ersten Strömungen zu gehören, die realisierten, daß das Gleichgewicht zwischen Proletariat und Bourgeoisie umgekippt war). Als jedoch die Konferenz Ende 1945 und Anfang 1946 abgehalten wurde, war der Krieg bereits vorbei, und die proletarischen Reaktionen, die dadurch hervorgerufen worden waren, wurden durch eine systematische Politik der Prävention von seiten der Bourgeoisie schon im Keim erstickt (6). Trotzdem stellte der PCInt seine bisherige Politik nicht in Frage (auch wenn auf der Konferenz einige Stimmen laut wurden, daß nichts außer der Griff der Bourgeoisie um die Arbeiterklasse gestärkt worden ist). Was 1943 ein völlig verständlicher Irrtum gewesen war, war 1945 bereits weitaus weniger zu entschuldigen. Dennoch verfolgte der PCInt denselben Weg und stellte nie die Berechtigung seiner Gründung 1943 in Frage.

Am schlimmsten war jedoch nicht der Irrtum des PCInt bei der Einschätzung der historischen Periode und seine Schwierigkeiten, diesen Irrtum zu erkennen. Viel katastrophaler waren die Art und Weise, in der sich der PCInt entwickelte, und die Positionen, zu denen er verleitet wurde, vor allem weil er versuchte, sich den Illusionen einer im Rückzug befindlichen Arbeiterklasse „anzupassen".

Die Gründung des PCInt

 

Als er 1943 gegründet wurde, erklärte sich der PCInt selbst zum Erben der von der Italienischen Fraktion der Linkskommunisten erarbeiteten Positionen. Überdies zählte er, während sein Hauptanimator, Onorato Damen, einer der Führer der Linken in den 20er Jahren, seit 1924 in Italien blieb (die meiste Zeit in Mussolinis Gefängnissen, aus denen er während der Ereignisse von 1942/43 befreit wurde) (7), in ihren Reihen eine gewisse Zahl von Militanten der Fraktion zu sich, die zu Beginn des Krieges nach Italien zurückgekehrt waren. Und in der Tat können wir in den ersten heimlichen Ausgaben des Prometeo (das den traditionellen Namen der Zeitung der Linken in den 20er Jahren und der Italienischen Fraktion in den 30ern angenommen hatte), veröffentlicht seit November 1943, klare Denunziationen des imperialistischen Krieges, des Antifaschismus und der Partisanenbewegungen finden (8). Doch nach 1944 orientierte sich der PCInt in Richtung Agitation unter den Partisanengruppen; im Juni veröffentlichte er ein Manifest, das aufrief zur „Umwandlung der Partisanengruppen, die sich aus proletarischen Elementen mit einem gesunden Klassenbewußtsein zusammensetzen, in Organe der proletarischen Selbstverteidigung, dazu bereit, in den revolutionären Kampf um die Macht einzugreifen". Im August 1944 ging Prometeo Nr. 15 über solche Kompromisse sogar noch hinaus: „Die kommunistischen Elemente glauben aufrichtig an die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Nazifaschismus und denken, daß, wenn dieses Objekt erst einmal niedergeworfen ist, sie in der Lage sein werden, den Weg der Machteroberung und des Sturzes des Kapitalismus zu beschreiten." Dies war eine Wiederbelebung der Idee, die als Basis für all jene gedient hatte, die, wie die Anarchisten und Trotzkisten, die Arbeiter auf dem Weg zum spanischen Bürgerkrieg dazu aufgerufen hatten, „erst den Sieg über den Faschismus zu erringen und dann die Revolution zu machen". Es war das Argument jener, die die Sache des Proletariats verraten und sich unter den Fahnen des einen oder anderen imperialistischen Lagers eingereiht hatten. Dies war beim PCInt nicht der Fall, weil er von der Tradition der Linken der Kommunistischen Partei stark durchdrungen blieb, welche sich angesichts des Aufstiegs des Faschismus Anfang der 20er Jahre durch ihre unversöhnliche Klassenhaltung abhob. Gleichwohl zeigte das Erscheinen solcher Argumente in der Presse des PCInt, wie weit die Dinge gehen konnten. Darüberhinaus trat eine gewisse Anzahl von Militanten des PCInt den Partisanengruppen bei und folgten somit dem Beispiel einer Minderheit in der Fraktion, die 1936 den antifaschistischen Milizen der POUM in Spanien beitraten. Aber während eine Minderheit der Fraktion mit der Organisationsdisziplin gebrochen hatte, so war dies keineswegs der Fall bei den Militanten des PCInt: Sie erfüllten lediglich die Direktiven der Partei (9).

Es ist offenkundig, daß der Wille, ein Maximum an Arbeitern in der und um die Partei herum zu sammeln, zu einer Zeit, als erstere en masse dem „Partisanentum" erlagen, den PCInt dazu verleitete, Abstand zu nehmen von der Unversöhnlichkeit, die er ursprünglich gegenüber dem Antifaschismus und den Partisanen gezeigt hatte. Dies ist keine „Verleumdung" durch die IKS, die sich an die „Verleumdungen" der GCF anschließt. Dieser Hang zur Rekrutierung neuer Militanter ohne allzuviel Sorge um die Festigkeit ihrer internationalistischen Überzeugungen wurde vom Genossen Danielis bemerkt, der verantwortungsbewußt die Stellung in der Turiner Förderation 1945 hielt und der ein altes Mitglied der Fraktion war: „Eines muß für jeden klar sein: Die Partei hat schwer an der oberflächlichen Ausweitung ihres politischen Einflusses – das Ergebnis eines ebenso oberflächlichen Aktivismus – gelitten. Ich möchte von einer persönlichen Erfahrung erzählen, die als Warnung vor der Gefahr für die Partei dienen soll, einen oberflächlichen Einfluß auf gewisse Schichten der Massen auszuüben, der eine automatische Konsequenz der gleichermaßen oberflächlichen theoretischen Bildung ihrer Kader ist (...) Man könnte annehmen, daß kein Mitglied der Partei die Richtung des ‘Komitees der Nationalen Befreiung’ akzeptiert hätte. Jetzt, am Morgen des 25.April (der Tag der ‘Befreiung’ Turins), befand sich die gesamte Turiner Förderation unter Waffen und bestand darauf, an der Krönung von sechs Jahren Massaker teilzunehmen, und einige Genossen aus der Provinz – noch unter militärischer Disziplin – kamen nach Turin, um an der Menschenjagd teilzunehmen (...) Die Partei existiert nicht mehr; sie hat sich selbst liquidiert" (Sitzungsberichte des Kongresses des PCInt im Mai 1948 in Florenz). Offenbar war auch Danielis ein „Verleumder".

Im Ernst, wenn Wörter irgeneine Bedeutung haben sollen, dann war die Politik des PCInt, die 1945 solch einen großen „Erfolg" ermöglichte, nichts anderes als opportunistisch. Noch weitere Beispiele gefällig? Wir können aus einem vom 10. Februar 1945 datierten Brief zitieren, der vom „Agitationskomitee" des PCInt gerichtet ist „an die Agitationskomitees von Parteien mit einer proletarischen Ausrichtung und an Gewerkschaftsbewegungen in den Unternehmen, um dem revolutionären Kampf des Proletariats eine Einheit in den Direktiven und der Organisation zu verleihen (...) Zu diesem Zweck schlagen wir eine Versammlung der diversen Komitees vor, um einen gemeinsamen Plan zu entwerfen" (Prometeo, April 1945) (10). Die „Parteien mit proletarischer Ausrichtung", die hier erwähnt werden, sind die sozialistischen und stalinistischen Parteien. Wie überraschend dies heute auch erscheinen mag, es ist absolut wahr. Als wir in der International Review Nr. 32 an diese Fakten erinnerten, antwortete der PCInt: „War das Dokument ‘Appell des Agitationskomitees des PCInt’, das in der Ausgabe vom April ‘45 veröffentlicht wurde, ein Irrtum? Zugegeben, es war der letzte Versuch der Italienischen Linken, die Taktik der ‘Einheitsfront von unten’ anzuwenden, unterstützt dabei von der KP Italiens in ihrer Polemik mit der KI 1921–23. Als solches legen wir ihn in die Kategorie der ‘Jugendsünden’, denn die Genossen waren in der Lage, ihn sowohl auf politischer als auch organisatorischer Ebene mit einer Klarheit zu eliminieren, die uns heute in diesem Punkt ganz sicher macht" (Battaglia Comunista, Nr. 3, Februar 1983). Darauf antworteten wir: „Wir können die Feinheit und Vornehmheit bewundern, mit der BC sein eigenes Image umhätschelt. Wenn der Vorschlag einer Einheitsfront mit den stalinistischen und sozialdemokratischen Schlächtern nur eine ‘Jugendsünde’ war, was hätte der PCInt 1945 noch machen müssen, um wirklich einen ernsten Fehler zu begehen? (...) In die Regierung eintreten?" (International Review, Nr. 34 engl./franz./span. Ausgabe) (11) Jedenfalls ist klar, daß 1944 die Politik des PCInt einen wirklichen Rückschritt darstellte, verglichen mit jener der Fraktion. Und was für einen Rückschritt! Die Fraktion hatte lange zuvor eine eingehende Kritik der Taktik der Einheitsfront gemacht, und seit 1935 hatte sie die stalinistische Partei nicht mehr eine „Partei mit proletarischer Ausrichtung" genannt, ganz zu schweigen von der Sozialdemokratie, deren bürgerliche Natur seit den 20er Jahren erkannt war.

Diese opportunistische Politik des PCInt kann auch in der „Öffnung" und in dem Mangel an Strenge beobachtet werden, den er Ende des Krieges in seinen Expansionsbestrebungen gezeigt hatte. Die Zweideutigkeiten des PCInt im Norden des Landes waren nichts, verglichen mit jenen der Gruppen im Süden, die Ende des Krieges in die Partei hineingelassen wurden. Zum Beispiel die „Frazione di sinistra dei comunisti e socialisti", die in Neapel um Bordiga und Pistone gegründet wurde: Gleich von Beginn des Jahres 1945 an praktizierte sie eine Entrismusstrategie in die stalinistische PCI, in der Hoffnung, diese wieder auf die Beine zu stellen. Sie war besonders vage in der Frage der UdSSR. Der PCInt öffnete seine Türen auch für Elemente aus der POC (Kommunistische Arbeiterpartei), die eine Zeitlang die italienische Sektion der trotzkistischen Vierten Internationalen gebildet hatte.

Wir wollen auch daran erinnern, daß Vercesi, der während des Krieges den Schluß gezogen hatte, daß nichts zu tun wäre, und der am Ende des Krieges an der „Coalizione Antifascista" in Brüssel teilgenommen hatte (12), ebenfalls der neuen Partei beitrat, ohne daß letztere verlangt hätte, daß er seine antifaschistischen Abweichungen verurteilt. Über diesen Punkt und zugunsten des PCInt schrieb O. Damen im August 1976 an die IKS: „Das Brüsseler Antifaschistische Komitee in der Person von Vercesi, der dachte, in den PCInt eintreten zu müssen, als dieser gegründet wurde, hielt an seinen pervertierten Positionen fest, bis die Partei unter den Opfern, die die Klarheit erfordert, sich selbst von dem toten Stamm des Bordigismus losmachte." Darauf antworteten wir: „Was für eine elegante Art der Darstellung! Er – Vercesi – dachte, er müsse eintreten!? Und die Partei – was dachte die Partei darüber? Oder ist die Partei ein Bridge-Klub, dem jeder beitreten kann?" (IR, Nr. 8 engl./franz. Ausgabe). Es sollte angemerkt werden, daß Damen in diesem Brief offen genug war anzuerkennen, daß die Partei 1945 noch nicht „die Opfer, die die Klarheit erfordert", geleistet hatte, sondern erst später, im Jahre 1952. Wir können diese Bestätigung nur unterstreichen, die allen Fabeln über die „große Klarheit" widerspricht, die über die Gründung des PCInt die Aufsicht führte, welche gemäß des IBRP einen „Schritt vorwärts" gegenüber der Fraktion darstellte (13).

Der PCInt äußerte keinerlei Bedenken gegenüber den Mitgliedern der Minderheit in der Fraktion, die sich 1936 den antifaschistischen Milizen in Spanien angeschlossen hatten und die daraufhin der Union Communiste (14) beitraten. Diese Elemente wurden für würdig erklärt, in die Partei integriert zu werden, ohne auch nur die leiseste Kritik an ihren vergangenen Irrtümern zu üben. O. Damen schrieb über diese Frage im selben Brief:

„Bezüglich der Genossen, die während des Krieges in Spanien entschieden haben, die Italienische Fraktion der Kommunistischen Linken abzuschaffen und sich selbst in ein Abenteuer zu werfen, das sie außerhalb der Klassenpositionen führt: Wir sollten uns daran erinnern, daß die Ereignisse in Spanien, die die Positionen der Fraktion nur bestätigten, diesen Genossen eine Lehre war und ihnen erlaubte, zur revolutionären Linken zurückzukehren." Worauf wir antworteten: „Es ging diesen Elementen niemals darum, zu den Linkskommunisten zurückkehren, bis die Fraktion sich auflöste und ihre Militanten in den PCInt integriert wurden (Ende 1945). Es ging niemals darum, eine ‘Lehre’ zu ziehen, oder darum, daß diese Militanten ihren alten Positionen abschworen und ihre Teilnahme im antifaschistischen Krieg in Spanien verurteilten" (ebenda). Wenn das IBRP dies als eine neue „Verleumdung" durch die IKS ansieht, dann sollte es uns die Dokumente zeigen, die das beweisen. Und wir fuhren fort: „Es ging einfach darum, daß die Euphorie und Konfusion bei der Gründung der Partei ‘mit Bordiga’ diese Genossen dazu anregte, (...) der Partei beizutreten... Die Partei in Italien forderte diese Genossen nicht zur Rechenschaft über ihre vergangenen Aktivitäten auf. Dies geschah nicht aus Ignoranz (...) Es geschah, weil es an der Zeit gewesen sei, ‘alte Streits’ zu vergessen: Die Rekonstitution der Partei wischte den Tisch rein. Einer Partei, die sich nicht sehr klar über die Wirkung der Partisanenbewegung auf ihre eigenen Militanten ist, ist eine strenge Haltung gegenüber dem, was die Minderheit einige Jahre zuvor getan hatte, kaum zuzutrauen. Also war es nur ‘natürlich’, daß sie ihre Türen diesen Genossen öffnete..." (ebenda).

In der Tat war die GCF die einzige Organisation, die nicht die Gunst des PCInt fand und zu der letzterer keinerlei Beziehung haben wollte, und zwar deshalb, weil sie sich auf den Boden derselben Strenge und Unnachgiebigkeit stellte, die die Fraktion in den 30er Jahren auszeichneten. Und es trifft zu, daß die Fraktion jener Periode den Mischmasch, aus dem der PCInt gebildet wurde, nur verurteilt hätte. In der Tat ähnelte es der Praxis des Trotzkismus, für den die Fraktion nur die harschesten Worte übrig hatte.

In den 20er Jahren hatten sich die Linkskommunisten der opportunistischen Orientierung auf dem Dritten Kongress der Kommunistischen Internationalen widersetzt, besonders dem Bestreben, „zu den Massen zu gehen", zu einer Zeit, als die revolutionäre Welle im Rückfluß begriffen war. Diese Orientierung hatte Fusionen mit den aus den sozialistischen Parteien stammenden zentristischen Strömungen (die Unabhängigen in Deutschland, die „Terzini" in Italien, Cachin-Frossard in Frankreich etc.) und die Politik der „Einheitsfront" mit den SPs zur Folge. Dieser Methode der „breiten Sammlung", die von der KI benutzt wurde, um Kommunistische Parteien zu errichten, widersetzten sich Bordiga und die Linken, die die Methode der „Auswahl" vorzogen, die auf einer strengen und unnachgiebigen Verteidigung der Prinzipien basierte. Die Politik der KI hatte mit der Isolation und dem endgültigen Ausschluß der Linken sowie der Invasion der Partei durch opportunistische Elemente, die die besten Träger der Degeneration waren, tragische Konsequenzen.

Zu Beginn der 30er Jahre hatte die Italienische Linke, voller Vertrauen in ihre Politik der 20er Jahre, innerhalb der internationalen Linksopposition für dieselbe Rigorosität gegenüber der opportunistischen Politik Trotzkis gefochten, für den die Anerkennung der ersten vier Kongresse der KI und vor allem seine eigenen taktischen Manöver weitaus wichtigere Kriterien für die Umgruppierung waren als die Auseinandersetzungen, die innerhalb der KI gegen deren Degeneration ausgetragen wurden. Bei einer solchen Politik waren die gesundesten Elemente, die danach trachteten, eine internationale Strömung der Linkskommunisten aufzubauen, entweder korrupt, entmutigt oder zur Isolation verurteilt. Auf solch zerbrechlichem Fundament basierend, durchlitt die trotzkistische Strömung eine Krise nach der anderen, ehe sie während des Zweiten Weltkrieges mit Sack und Pack ins bürgerliche Lager wechselte. Was die Italienische Linke angeht, so war das Resultat ihrer unnachgiebigen Haltung ihr Ausschluß aus der Linksopposition 1933 mit Trotzki gewesen, der auf das Phantom einer „Neuen Italienischen Opposition" (NIO) setzte, die sich aus Elementen zusammensetzte, die an der Spitze der PCI 1930 für den Ausschluß von Bordiga aus der Partei gestimmt hatten.

1945 nahm der PCInt, sorgsam darauf bedacht, seine Mitgliederschaft so gut wie möglich zu verstärken, und mit dem Anspruch angetreten, Erbe der Linken zu sein, tatsächlich nicht die Politik letzterer gegenüber der KI und dem Trotzkismus auf, sondern genau jene Politik, die von der Linken bekämpft worden war: eine „breite" Sammlung, die auf programmatischen Zweideutigkeiten beruht, eine Umgruppierung – ohne nach irgendeiner „Rechenschaft" zu fragen – auf der Basis von Militanten und „Persönlichkeiten" (15), die sich den Positionen der Fraktion während des Krieges in Spanien widersetzt hatten, eine opportunistische Politik, die den Illusionen der Arbeiter in Partisanenverbänden und Parteien, welche längst zum Feind übergelaufen waren, schmeichelte etc. Und um diese Sammlung so vollständig wie möglich zu machen, mußte die GCF aus der internationalen linkskommunistischen Strömung ausgeschlossen werden, eben weil sie am loyalsten zum Kampf der Fraktion stand. Gleichzeitig war die einzige Gruppe, die als Repräsentant der Linkskommunisten in Frankreich anerkannt wurde, die Französische Fraktion der Kommunistischen Linken (FFGC bis). Dabei sollte man sich in Erinnerung rufen, daß diese Gruppe von drei jungen Elementen gegründet wurde, die sich im Mai 1945 von der GCF abgespalten hatten, Mitglieder der Ex-Minderheit in der Fraktion die während des Spanischen Krieges ausgeschlossen wurden, und der ehemaligen Union Communiste, die zur gleichen Zeit dem Antifaschismus anheimgefallen war (16). Gibt es nicht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dieser Haltung des PCInt und der Politik Trotzkis gegenüber der Fraktion und der NIO?

Marx schrieb, daß „Geschichte sich stets wiederholt, das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce". Ein bißchen davon trifft auf die nicht sehr glorreiche Episode der Gründung des PCInt zu. Unglücklicherweise sollten die folgenden Ereignisse zeigen, daß diese Wiederholung der von der Linken in den 20er und 30er Jahren vertretenen Politik durch den PCInt von 1945 eher dramatische Konsequenzen hatte.

Die Konsequenzen der opportunistischen Herangehensweise des PCInt

Wenn wir die Sitzungsberichte der Konferenz des PCInt von Ende 1945, Anfang 1946 lesen, sind wir lediglich von der Heterogenität beeindruckt, die hier vorherrscht.

Die Hauptführer waren sich uneinig über die Analyse der historischen Periode, die eine ganz wichtige Frage war. Damen fuhr fort, die „offizielle Position" zu vertreten: „Der neue Kurs der Geschichte des proletarischen Kampfes ist offen. Unsere Partei hat die Aufgabe, diesen Kampf in die Richtung zu lenken, die es ermöglichen wird, während der nächsten unvermeidlichen Krise dem Krieg und seinen Betreibern rechtzeitig und endgültig durch die proletarische Revolution das Handwerk zu legen" („Bericht über die internationale Situation und die Perspektiven", S. 12).

Aber gewisse Stimmen bemerkten, ohne es offen zu sagen, daß die Bedingungen für die Bildung der Partei nicht günstig waren:

„.... was heute vorherrscht, ist die ‘Kampf-bis-zum-Ende’-Ideologie der CLN und der Partisanenbewegung, und deshalb sind die Bedingungen für die siegreiche Behauptung des Proletariats nicht vorhanden. Folglich können wir den gegenwärtigen Augenblick nur als reaktionär qualifizieren" (Vercesi, „Die Partei und internationale Probleme", S. 14).

„Als Schlußfolgerung aus dieser politischen Bilanz ist es notwendig, uns selbst zu fragen, ob wir weitermachen sollen mit einer Politik der Erweiterung unseres Einflusses, oder ob uns die Situation in einer vergifteten Atmosphäre die Notwendigkeit aufzwingt, die elementaren Fundamente unserer politischen und ideologischen Abgrenzung zu schützen, die Kader ideologisch zu stärken, sie gegen die Bazillen, die man in der gegenwärtigen Umwelt einatmet, zu immunisieren und sie so auf die neuen politischen Positionen vorzubereiten, die sich ihnen morgen präsentieren. Nach meiner Auffassung sollte die Aktivität der Partei erst in zweiter Linie auf alle Bereiche gerichtet sein" (Maffi, „Politisch-organisatorische Beziehungen in Norditalien").

Mit anderen Worten, Maffi befürwortet die klassische Arbeit einer Fraktion.

In der parlamentarischen Frage sehen wir dieselbe Heterogenität:

„Daher werden wir unter einem demokratischen Regime alle Zugeständnisse, soweit diese Situation die Interessen des revolutionären Kampfes nicht beeinträchtigt, ausnutzen. Wir bleiben unwiderruflich antiparlamentarisch; aber der Sinn fürs Konkrete, der unsere Politik anregt, läßt uns jede, im voraus bestimmte abstentionistische Position ablehnen" (Damen, ebenda, S. 12).

„Maffi, der über die durch die Partei abgesegneten Schlußfolgerung hinaus ging, fragte, ob das Problem des Wahlabstentionismus in seiner alten Form (Teilnahme an den Wahlen nur, wenn die Situation sich in Richtung einer revolutionären Explosion bewegt) gestellt werden sollte, oder ob es im Gegenteil in einem Umfeld, das von Wahlillusionen korrumpiert sei, nicht besser wäre, eine klar gegen die Wahlen gerichtete Position einzunehmen. Sich nicht an die uns von der Bourgeoisie gemachten Zugeständnissen klammern (Zugeständnisse, die nicht ein Ausdruck ihrer Schwäche, sondern ihrer Stärke sind), sondern uns mit dem realen Prozeß des Klassenkampfes und unserer linken Tradition verbinden" (ebenda; S. 12)

Sollen wir noch hervorheben, daß Bordigas linke Strömung in der Italienischen Sozialistsichen Partei während des Ersten Weltkrieges als „Abstentionistische Fraktion" bekannt war?

Auch in der Gewerkschaftsfrage argumentiert der Berichterstatter Luciano Stefanini gegen die schließlich angenommene Position: „Die politische Linie der Partei in der Gewerkschaftsfrage ist noch nicht genügend deutlich. Auf der einen Seite sehen wir die Gewerkschaften als Dependancen des kapitalistischen Staates an; auf der anderen Seite laden wir die Arbeiter dazu ein, innerhalb ihrer zu kämpfen und sie von innen zu erobern, um sie zu Klassenpositionen zu bringen. Diese Möglichkeit wird jedoch durch die oben erwähnte kapitalistische Evolution ausgeschlossen. Die gegenwärtigen Gewerkschaften können ihre Physiognomie als Staatsorgan nicht ändern. Die Forderung nach neuen Massenorganen ist heute nicht gültig, aber die Partei hat die Pflicht, den Verlauf der Ereignisse vorherzusagen und den Arbeitern anzuzeigen, welche Art von Organen, die aus der Entwicklung der Situation heraus entstehen, als einheitliche Führung für das Proletariat unter der Leitung der Partei nötig sind. Die Vorstellung, Kommandostellen im gegenwärtigen Gewerkschaftsorganismus zu halten, um sie umzuwandeln, muß endgültig zu Grabe getragen werden" (S. 18/19).

Nach dieser Konferenz schrieb die GCF:

„Die neue Partei ist keine politische Einheit, sondern ein Konglomerat, eine Addition von Strömungen und Tendenzen, die es nicht fertigbringen, aufzutreten und einander zu konfrontieren. Der gegenwärtige Waffenstillstand kann nur provisorisch sein. Die Eliminierung der einen oder anderen Strömung ist unvermeidbar. Früher oder später wird sich eine politische und organisatorische Definition von allein aufdrängen" (Internationalisme, Nr. 7, Februar 1946).

Nach einer Periode der intensiven Rekrutierung begann die Phase der Definitionssuche. Ende 1946 führte die Unruhe, die im PCInt durch seine Teilnahme an Wahlen provoziert wurde (viele Militante konnten die abstentionistische Tradition der Linken einfach nicht vergessen), die Parteiführung dazu, eine Stellungnahme in der Presse mit dem Titel „Unsere Stärke" zu veröffentlichen, worin zur Disziplin aufgerufen wurde. Nach der Euphorie der Turiner Konferenz verließen viele entmutigte Militante die Partei. Eine gewisse Anzahl von Elementen spaltete sich ab, um an der Gründung der trotzkistischen POI teilzunehmen, Beweis dafür, daß es für sie keinen Platz gab in einer Organisation der Linkskommunisten. Viele Militante wurden ausgeschlossen, ohne daß die Divergenzen klar zutage traten, zumindest in der öffentlichen Presse. Eine der Förderationen spaltete sich ab, um die „Autonome Turiner Förderation" zu bilden. 1948, auf dem Florentiner Kongreß, hatte die Partei bereits die Hälfte ihrer Mitglieder und ihre Presse die Hälfte ihrer Leser verloren. Was den „Waffenstillstand" von 1946 anbetrifft, so wurde er in einen „bewaffneten Frieden" umgewandelt, den die Führer nicht zu stören versuchten, indem sie bei den Hauptdivergenzen Irreführung betrieben. So sagte Maffi, daß er „davon absieht, dieses oder jenes Problem anzusprechen, weil ich weiß, daß diese Diskussion die Partei vergiften würde". Dies hinderte den Kongreß jedoch nicht daran, die Position zu den Gewerkschaften, die anderthalb Jahre zuvor angenommen worden war (die Position von 1945, die angeblich durch so viel Klarheit glänzt), radikal in Frage zu stellen. Dieser bewaffnete Frieden führte schließlich zu einer offenen Konfrontation (besonders nachdem Bordiga 1949 der Partei beigetreten war), was 1952 in die Spaltung zwischen der Damen-Tendenz und der von Bordiga und Maffi angeregten Tendenz mündete, die der Ursprung von Programma Comunista war. Was die „Schwesterorganisationen" angeht, die der PCInt bei der Bildung eines Internationalen Büros der Kommunistischen Linken aufgezählt hat, so sind ihre Ergebnisse noch weniger beneidenswert. Die belgische Fraktion hörte mit der Veröffentlichung von L’Internationaliste 1949 auf und verschwand bald darauf; die französische Fraktion FFGC ging durch einen zweijährigen Niedergang, in dem die meisten ihrer Mitglieder sie verließen, bevor sie als die französische Gruppe der Internationalen Kommunistischen Linken wieder erschien, die sich mit der bordigistischen Strömung verband (17).

Der „größte Erfolg seit der Russischen Revolution" war also kurzlebig. Und wenn uns das IBRP zur Stärkung seiner Argumente für diesen „Erfolg" erzählt, daß der PCInt „trotz eines halben Jahrhunderts der weiteren kapitalistischen Vorherrschaft, seine Existenz fortgesetzt hat und heute wächst", vergißt es darauf hinzuweisen, daß der heutige PCInt in Bezug auf die Mitgliederschaft und auf seine Zuhörerschaft nicht viel damit zu tun hat, was er Ende des letzten Krieges dargestellt hat. Ohne lange bei Vergleichen zu verweilen, können wir sagen, daß die Größe dieser Organisation heute annähernd jener des direkten Erben der „winzigen GCF" entspricht, der französischen Sektion der IKS. Und wir wollen in der Tat glauben, daß der PCInt „heute wächst". Auch die IKS hat in der jüngsten Periode herausgefunden, daß es ein größeres Interesse an den Positionen der Kommunistischen Linken gibt, was sich insbesondere durch eine gewisse Anzahl neuer Mitglieder ausgedrückt hat. Dennoch denken wir nicht, daß das gegenwärtige Wachstum es dem PCInt ermöglichen wird, schnell auf den Mitgliederstand von 1945/46 zurückzukehren.

So reicht dieser große „Erfolg" nur bis zur nicht sehr glorreichen Situation, in der eine Organisation, die damit fortfährt, sich selbst eine „Partei" zu nennen, tatsächlich dazu gezwungen ist, die Rolle einer Fraktion zu spielen. Was viel bedenklicher ist, ist, daß heute das IBRP nicht die Lehren aus dieser Erfahrung zieht und vor allem nicht die opportunistische Methode in Frage stellt, welche einer der Gründe dafür ist, daß der „glorreiche Erfolg" von 1945 den darauf folgenden „Mißerfolg" einleitete (18).

Dieses unkritische Verhalten gegenüber den opportunistischen Abweichungen des PCInt in seinen Ursprüngen läßt uns befürchten, daß das IBRP, wenn die Klassenbewegung entwickelter als heute ist, versuchen wird, zu denselben opportunistischen Zweckmäßigkeiten Zuflucht zu nehmen, wie wir sie hervorgehoben waren. Die Tatsache, daß das Haupt-"Kriterium des Erfolgs" einer proletarischen Organisation für das IBRP die Anzahl der Mitglieder und der Einfluß ist, den sie zu einem gegebenen Augenblick hat, wobei die programmatische Strenge und die Fähigkeit, das Fundament für eine langfristige Arbeit anzulegen, außer acht gelassen werden, enthüllt die immediatistische Herangehensweise, die es gegenüber der Organisationsfrage pflegt. Und wir wissen, daß der Immediatismus der Vorraum des Opportunismus ist. Wir können auch einige andere, akutere Konsequenzen für die Unfähigkeit des PCInt hervorheben, seine Ursprünge zu kritisieren.

An erster Stelle verleitete die Tatsache, daß er (als es evident wurde, daß die Konterrevolution immer noch in Saft und Kraft war) die Gültigkeit der Gründung der Partei aufrechterhielt, den PCInt von 1945/46 dazu, die gesamte Auffassung der Italienischen Fraktion über die Beziehung zwischen Partei und Fraktion radikal zu revidieren. Für den PCInt konnte von nun an die Bildung der Partei in jedem Augenblick stattfinden, unabhängig vom Gleichgewicht der Kräfte zwischen Proletariat und Bourgeoisie (19). Dies ist die Position der Trotzkisten, nicht der Italienischen Linken, welche stets anerkannte, daß die Partei erst im Gefolge des historischen Wiedererwachens der Klasse gebildet werden kann. Aber gleichzeitig bedeutete diese Revision auch die Infragestellung der Idee, daß es bestimmte und antagonistische historische Kurse gibt: den Kurs hin zu entscheidenden Klassenkonfrontationen oder den Kurs in den Weltkrieg. Für das IBRP können diese beiden Kurse parallel verlaufen, ohne sich gegenseitig auszuschließen, was in der Unfähigkeit endet, die gegenwärtige historische Periode zu analysieren, wie wir in unserem Artikel „Die CWO und der historisch Kurs: Ein Berg von Widersprüchen" (Internationale Revue Nr. 20) aufgezeigt haben. Deshalb schrieben wir im ersten Teil des vorliegenden Artikels: „Genauer betrachtet nämlich hat die gegenwärtige Unfähigkeit des IBRP, eine Analyse des historischen Kurses herauszuarbeiten, ihre Wurzeln zu einem grossen Teil in politschen Irtümmern bezüglich der Organisationsfrage und im Speziellen in der Frage des Verhältnisses zwischen Fraktion und Partei". (Internationale Revue Nr. 22)

Hinsichtlich der Frage, ob die Erben der „winzigen GCF" da Erfolg haben, wo jene der ruhmreichen Partei von 1943-45 versagen, d.h. in der Bildung einer wirklich internationalen Organisation, schlagen wir dem IBRP vor, über folgendes nachzudenken: Die GCF, und in ihrem Kielwasser die IKS, waren bzw. sind erfolgreich, weil sie volles Vertrauen in die Herangehensweise hatten, mit der sich die Fraktion in die Lage gesetzt hatte, zur Zeit des Schiffbruchs der KI zur größten und aktivsten Strömung der Kommunistischen Linken zu werden, nämlich:

– als Fundament einer Organisation eine programmatische Strenge, die jeglichen Opportunismus, jegliche Hast, jegliche Politik der „Rekrutierung" auf wackligen Fundamenten ablehnt;

– eine klare Vorstellung von dem Begriff der Fraktion und ihrer Zusammenhänge mit der Partei;

– die Fähigkeit, die Natur des historischen Kurses korrekt zu identifizieren.

Der größte Erfolg seit dem Tod der KI (und nicht seit der Russischen Revolution) war nicht der PCInt, sondern die Fraktion. Nicht in numerischen Begriffen, sondern im Rahmen ihrer Fähigkeit, die Fundamente für die Weltpartei der Zukunft vorzubereiten, trotz ihres eigenen Verschwindens.

Im Prinzip präsentiert sich der PCInt (und nach ihm das IBRP) selbst als die politischen Erben der Italienischen Fraktion. Wir haben in diesem Artikel aufgezeigt, wie weit sich der PCInt seit seiner Gründung von der Tradition und den Positionen der Fraktion distanziert hatte. Seither hatte der PCInt eine Reihe von programmatischen Fragen geklärt, was wir als äußerst positiv ansehen. Nichtsdestotrotz erscheint es uns, daß der PCInt erst dann in der Lage ist, seinen vollen Beitrag zur Gründung der zukünftigen Weltpartei zu leisten, wenn er seine Erklärungen und seine Aktionen auf eine Linie bringt, d.h. wenn er sich die politische Herangehensweise der Italienischen Fraktion wiederaneignet. Und das bedeutet an erster Stelle, daß er sich als fähig erweist, eine ernsthafte Kritik über die Erfahrung aus der Gründung des PCInt 1943-45 zu leisten, statt sie zu rühmen und sie zum Beispiel, dem man folgen sollte, zu machen. Fabienne

Fussnoten:

 

(1) Wir nehmen an, daß der Autor des Artikels, von seinem Enthusiasmus dahingerissen, Opfer eines Schreibfehlers geworden ist und daß er eigentlich schreiben wollte „seit dem Ende der ersten revolutionären Welle und der Kommunistischen Internationalen". Wenn er es aber doch so meint, wie er schrieb, dann hätten wir gern ein paar Fragen an seine Geschichtskenntnisse und seinen Realitätssinn zu stellen: Hat er unter anderem nie von der Kommunistischen Partei Italiens gehört, welche Anfang der 20er Jahre einen viel größeren Einfluß besaß als der PCInt 1945 und gleichzeitig die Avantgarde der Internationalen in einer ganzen Reihe von politischen Fragen darstellte? Wir ziehen es jedenfalls für den Rest des Artikels vor, uns für die erste Hypothese zu entscheiden. Gegen Absurditäten zu polemisieren ist nicht in unserem Interesse.

(2) Wir erlauben uns die Bemerkung, daß während dieser Periode die IKS drei neue Territorialsektionen integrierte: in der Schweiz und in zwei Ländern der kapitalistischen Peripherie, Mexiko und Indien, Gebiete, denen das besondere Interesse des IBRP gegolten hatte (siehe insbesondere die Annahme der „Thesen über die kommunistischen Taktiken in den Ländern der kapitalistischen Peripherie" durch den 6. Kongreß des PCInt 1977).

(3) So wurde die Politik des PCInt gegenüber den Gewerkschaften formuliert: „... der substantielle Inhalt von Punkt 12 der Parteiplattform kann in folgenden Worten konkretisiert werden:

1. Die Partei strebt nach der Wiederherstellung der CGL durch den direkten Kampf des Proletariats gegen die Bosse in einzelnen und allgemeinen Klassenbewegungen.

2. Der Kampf der Partei dient nicht direkt der Spaltung der Massen von den Gewerkschaften.

3. Der Prozeß der Wiederherstellung der Gewerkschaften, der nicht ohne die Eroberung der gewerkschaftlichen Führungsorgane vonstatten gehen kann, leitet sich von einem Programm zur Organisierung des Klassenkampfes unter Führung der Partei ab."

(4) Der PCInt von heute wird durch diese Plattform von 1945 eher in Verlegenheit gebracht. Kümmerte er sich, als er 1974 dieses Dokument zusammen mit dem „Schema eines Programms", das 1944 von der Damen-Gruppe verfaßt wurde, wiederveröffentlichte, also um eine gründliche Kritik der Plattform, indem er sie dem „Schema eines Programms" gegenüberstellte, welches nicht hoch genug gelobt werden konnte? In der Einführung sagt er, daß „1945 das Zentralkomitee den Entwurf einer politischen Plattform von Genosse Bordiga erhielt, der, wir betonen, kein Mitglied der Partei war. Das Dokument, dessen Annahme in Form eines Ultimatums eingefordert wurde, wurde als unvereinbar mit den festen Positionen angesehen, welche von der Partei zu den wichtigsten Problemen eingenommen wurden, und trotz aller unternommener Modifikationen wurde das Dokument stets als Beitrag zur Debatte und nicht als De-facto-Plattform anerkannt (...) Wie wir gesehen haben, konnte das ZK das Dokument nicht akzeptieren, es sei denn als Beitrag einer einzelnen Person zur Debatte auf dem künftigen Kongreß, der, als er 1948 stattfand, die Existenz von ganz anderen Positionen erbrachte." Wir sollten noch deutlicher machen, wer genau es war, der dieses Dokument einen „Beitrag zur Debatte" nannte. Wahrscheinlich Damen und ein paar andere Militante. Sie behielten jedoch ihre Eindrücke für sich, da die Konferenz von 1945/46, d.h. die Repräsentanten der gesamten Partei eine ganz andere Position einnahmen. Das Dokument wurde einmütig als Plattform des PCInt angenommen und diente als Basis für Parteibeitritte und für die Bildung eines Internationalen Büros der Linkskommunisten. Tatsächlich wurde das „Schema eines Programms" für die Diskussion auf dem nächsten Kongreß aufgehoben. Und wenn die Genossen des IBRP wieder einmal denken, daß wir lügen, dann sollten sie in den mündlichen Sitzungsberichten der Turiner Konferenz Ende 1945 nachschlagen. Wenn etwas lügnerisch ist, dann die Art, in der der PCInt seine „Version" der Dinge 1974 darstellt. Tatsächlich ist der PCInt über gewisse Aspekte seiner eigenen Geschichte so wenig stolz, daß er es notwendig findet, sie ein bißchen zu verschönern. Angesichts dieser Feststellung können wir uns fragen, warum der PCInt es zuließ, sich irgendeinem „Ultimatum" zu unterwerfen, wo es doch von jemand stammte, der nicht einmal Parteimitglied war.

(5) Wie wir im ersten Teil dieses Artikels gesehen haben, zog die Italienische Fraktion auf ihrer Konferenz vom August 1943 die Schlußfolgerung, daß „mit dem durch die August-Ereignisse in Italien eröffneten Kurs nun der Weg frei ist für die Umwandlung der Fraktion in eine Partei". Die GCF griff bei ihrer Gründung 1944 dieselbe Analyse auf.

(6) Wir haben in unserer Presse bei einer Reihe von Gelegenheiten gezeigt, woraus diese systematische Politik der Bourgeoisie bestand – wie diese Klasse, die Lehren aus dem ersten Krieg ziehend, systematisch die Arbeit aufteilte, indem sie den besiegten Ländern die „schmutzige Arbeit" überließ (Repression gegen die Arbeiterklasse in Norditalien, die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes etc.), während die Sieger gleichzeitig die Arbeiterkonzentrationen in Deutschland systematisch bombardierten, die besiegten Länder besetzten, um sie zu überwachen, und noch etliche Jahre nach Kriegsende Kriegsgefangene interniert hielten.

(7) Die GCF und die IKS haben oft die von Damen vertretenen Positionen genauso wie seine politischen Methoden kritisiert. Dies ändert nichts an unserer Hochachtung gegenüber der Tiefe seiner kommunistischen Überzeugung, seiner militanten Energie und seinem großen Mut.

(8) „Arbeiter! Setzt dem Schlachtruf des Nationalkrieges, der die italienischen Arbeiter gegen die deutschen und englischen Arbeiter bewaffnet, den Schlachtruf der kommunistischen Revolution entgegen, der die Arbeiter der gesamten Welt gegen ihren gemeinsamen Feind vereint: den Kapitalismus." (Prometeo, Nr. 1, 1. November 1943) „Dem Aufruf des Zentrismus (so nannte die Italienische Linke den Stalinismus), in die Partisanenbanden einzutreten, müssen wir mit unserer Präsenz in den Fabriken entgegentreten, und nur von hier kommt die Klassengewalt her, die die wesentlichen Zentren des kapitalistischen Staates zerstören wird." (Prometeo, 4. März 1944)

(9) Mehr über das Verhalten des PCInt gegenüber den Partisanen in „The ambiguities of the Internationalist Communist Party over the ‘partisans’ in Italy in 1943", International Review, Nr. 8 (engl./franz. Ausgabe).

(10) In der International Review Nr. 32 (engl./franz./span. Ausgabe) veröffentlichten wir den vollständigen Text dieses Appells wie auch unseren Kommentar dazu.

(11) Wir sollten unterstreichen, daß in dem Brief, den der PCInt der SP als Antwort auf deren Reaktion auf den Appell schickte, der PCInt diese sozialdemokratischen Schurken in der Anrede „liebe Genossen" nannte. Nicht gerade die beste Art, die Verbrechen zu demaskieren, die diese Parteien gegen das Proletariat seit dem Ersten Weltkrieg und der ihm folgenden revolutionären Welle begangen hatten. Aber ein exzellenter Weg, den Illusionen der Arbeiter, die ihnen noch folgten, zu schmeicheln.

(12) siehe den ersten Teil dieses Artikels in Internationale Revue Nr. 22;

(13) Es ist wert, über dieses Thema andere Passagen zu zitieren, die vom PCInt verfaßt wurden: „Die vom Genossen Perrone (Vercesi) zum Ausdruck gebrachten Positionen sind freie Ausdrücke einer sehr persönlichen Erfahrung und einer auf Phantasie basierenden politischen Perspektive, welche nicht als massgebend für eine Kritik der Gründung des PCInt verwendet werden können." (Prometeo, Nr. 18, 1972) Das Problem ist, daß diese Positionen im Bericht über „Die Partei und internationalen Probleme" zum Ausdruck kamen, welcher der Konferenz durch das Zentralkomitee, dessen Mitglied Vercesi war, vorgestellt wurde. Das Urteil der Militanten von 1972 über ihre Partei 1945/46 ist wahrlich hart, eine Partei, deren Zentralorgan einen Bericht präsentiert, in dem egal was gesagt werden kann. Wir nehmen an, daß nach diesem Artikel der Autor ernsthaft dafür gemaßregelt wird, daß er den PCInt von 1945 „verleumdet" hat, anstatt die Schlußfolgerung zu wiederholen, die O. Damen aus der Diskussion über den Bericht gezogen hatte: „Es gab keine Divergenzen, sondern eine besondere Sensibilität, die eine organische Klärung dieser Probleme erlaubt." (Sitzungsberichte, S. 16) Es trifft zu, daß derselbe Damen später entdeckte, daß diese „besondere Sensibilität" „pervertierte Positionen" waren und daß „organische Klärung" die „Trennung von dem toten Stamm" bedeutete. Einerlei, lang lebe die Klarheit von 1945!

(14) Über die Minderheit in der Fraktion 1936 siehe den ersten Teil dieses Artikels in Internationale Revue Nr. 22

(15) Es ist klar, daß einer der Gründe, warum der PCInt von 1945 der Integration von Vercesi zustimmte, ohne ihn aufzufordern, Rechenschaft über seine vergangenen Aktivitäten abzulegen, und warum er es zuließ, daß Bordiga sich in der Frage der Plattform „durchsetzte", darin liegt, daß er mit dem Prestige dieser beiden „historischen" Führer rechnete, um ein Maximum an Arbeitern und Militanten anzuziehen. Bordigas Feindschaft hätte den PCInt die Gruppen und Elemente in Süditalien gekostet, Vercesis Feindschaft die belgische Fraktion und die FFGC bis.

(16) Über diese Episode siehe den ersten Teil dieses Artikels.

(17) Wir können daher daran festhalten, daß die „winzige GCF", die mit soviel Geringschätzung behandelt und sorgfältig von den anderen Gruppen ferngehalten wurde, noch länger überlebte als die belgische Fraktion und die FFGC bis. Bis zu ihrem Verschwinden 1952 veröffentlichte sie 46 Ausgaben von Internationalisme, ein unschätzbares Erbe, worauf die IKS errichtet wurde.

(18) Es trifft zu, daß die opportunistische Methode nicht die einzige Erklärung für den Einfluß ist, den der PCInt 1945 erreichen konnte. Es gibt zwei fundamentale Ursachen dafür:

* Italien war das einzige Land, das eine wirkliche und mächtige Bewegung der Arbeiterklasse während des imperialistischen Krieges und gegen ihn erblickte.

* Die Linkskommunisten hatten, da sie sich die Führung der Partei bis 1925 angeeignet hatten und weil Bordiga der Hauptgründer dieser Partei war, ein Prestige unter den Arbeitern Italiens, das in keinem Vergleich stand zu jenem in anderen Ländern.

Andererseits liegt eine der Ursachen für die numerischen Schwächen der GCF gerade in der Tatsache, daß es in der Arbeiterklasse Frankreichs keine Tradition des Linkskommunismus gab und daß erstere nicht in der Lage gewesen war, sich während des Krieges zu erheben. Da ist auch die Tatsache, daß die GCF jedes opportunistische Verhalten bezüglich der Illusionen der Arbeiter in die „Befreiung" und die Partisanen vermied. Hier folgte sie dem Beispiel der Fraktion 1936 angesichts des Spanischen Krieges, der sie der Isolation überließ, wie sie in Bilan Nr. 36 selbst bemerkte.

(19) Zu dieser Frage siehe insbesondere die Broschüre „Das Verhältnis Fraktion – Partei in der marxistischen Tradition"