Die Dekadenz des Kapitalismus verstehen

Submitted by InternationaleRevue on Mit, 14/02/2007 - 22:19.

Das immer apokalyptischere Wesen des gesellschaftlichen Lebens auf der ganzen Erde ist weder eine natürliche Fatalität noch das Ergebnis irgendeines "menschlichen Wahnsinns". Ebensowenig ist es ein Kennzeichen, das den Kapitalismus seit seiner Entstehung geprägt hätte. Es handelt sich um einen Ausdruck der Dekadenz der kapitalistischen Produktionsweise, die, - nachdem sie vom 16. Jahrhundert bis Beginn dieses Jahrhunderts ein mächtiger Faktor der ökonomischen und politischen Entwicklung war, zu einer immer stärker wirkenden Fessel für seine weitere Entwicklung geworden ist, - wobei der Kapitalismus immer tiefer in seine Widersprüche versinkt.

 

Durch die Polemik mit einer Gruppe, der GCI (1), die behauptet marxistisch zu sein, aber aufs heftigste im 20. Jahrhundert die Analyse des Kapitalismus als Phase der kapitalistischen Dekadenz verwirft, wollen wir die Grundlagen der Analyse der Dekadenz des Kapitalismus und ihrer brisanten Aktualität zur jetzigen Zeit unterstreichen, d.h. gerade jetzt, wo das Weltproletariat seine Stirn erhebt und entscheidende Klassenkämpfe für seine Befreiung führt.

 

Warum stellt sich die Menschheit die Frage, ob sie sich nicht in einer wachsenden Barbarei selbst zerstört, während sie einen Grad der Entwicklung der Produktivkräfte erreicht hat, der es ihr ermöglichen würde, eine Welt ohne materiellen Mangel aufzubauen, eine vereinigte Gesellschaft, die ihr Leben zum ersten Mal in der Geschichte nach ihren Bedürfnissen, ihrem Bewußtsein, ihren Wünschen  ausrichten könnte?

 

Ist das Proletariat, die Weltarbeiterklasse, die revolutionäre Kraft, die die Menschheit aus der Sackgasse herausführen kann, in die der Kapitalismus sie getrieben hat? Und warum können die Kampfformen des Proletariats in unserer Epoche nicht mehr die des vorigen Jahrhunderts sein (gewerkschaftlicher und parlamentarischer Kampf, Kampf um Reformen usw.)?  Es ist unmöglich, sich in der gegenwärtigen historischen Situation zu orientieren, und noch weniger eine Avantgarderolle zu spielen und eine Orientierung für die Arbeiterkämpfe zu geben, wenn man nicht eine globale, kohärente Auffassung hat, die es ermöglicht, auf diese elementaren wie entscheidenden Fragen zu antworten.

 

Der Marxismus, der historische Materialismus, ist die einzige Weltauffassung, die einen dazu in die Lage versetzt. Seine klare und einfache Antwort kann mit den folgenden Worten zusammengefaßt werden: genauso wie die anderen vorhergehenden Produktionsweisen  (primitiver Kommunismus, orientalischer Despotismus, Sklavengesellschaft, Feudalismus) ist auch der Kapitalismus kein ewig bestehendes System.

 

Das Entstehen und die spätere Beherrschung der Welt durch den Kapitalismus waren das Ergebnis einer umfangreichen Entwicklung der Menschheit und der Entwicklung der Produktivkräfte: der Tretmühle entsprach die Sklavengesellschaft, der Wassermühle der Feudalismus, der Dampfmaschine der Kapitalismus, schrieb Marx. Aber nachdem sie einmal einen bestimmten Entwicklungsgrad überwunden haben, sind die kapitalistischen Produktionsverhältnisse wiederum zu einem Hindernis für die Entwicklung der Produktivkräfte geworden. Seitdem ist die Menschheit in diesen überkommenen Produktionsverhältnissen gefangen, die sie in eine zunehmende Barbarei in allen Lebensbereichen stürzen. Das Aufeinanderfolgen von Krisen, Weltkriegen, Wiederaufbau, Krisen während der letzten 80 Jahre ist der klarste Ausdruck dieser Dekadenz des Kapitalismus. Der einzige Ausweg besteht in einer vollständigen Zerstörung dieser Produktionsverhältnisse durch eine Revolution, deren Führung nur das Proletariat übernehmen kann, denn es ist die einzige, dem Kapital entgegengesetzte Klasse. Eine Revolution, die zum Kommunismus führen kann, weil der Kapitalismus zum ersten Mal in der Geschichte die materiellen Möglichkeiten zu solch einem Unterfangen geschaffen hat.

 

Solange der Kapitalismus eine historisch fortschrittliche Aufgabe der Entwicklung der Produktivkräfte erfüllte, konnten die Arbeiterkämpfe nicht zu einer weltweit siegreichen Revolution führen, sondern konnten nur mit Hilfe der Gewerkschaften und des parlamentarischen Kampfes zur Erlangung von wirklichen Reformen und dauerhaften Verbesserungen der Existenzbedingungen der ausgebeuteten Klasse führen. Von dem Zeitpunkt des Eintritts des Kapitalismus in seine Dekadenz wurde die kommunistische Revolution zu einer Notwendigkeit und Möglichkeit, was wiederum zu einer umfassenden Umwälzung der Kampfformen des Proletariats führte; selbst auf der Ebene der unmittelbaren  Forderungen (Massenstreik) war dies der Fall.

 

Seit der Kommunistischen Internationale, die unter dem Schub der internationalen revolutionären Welle von Kämpfen entstand, welche den I. Weltkrieg zu Ende brachten, ist diese Analyse des Eintritts des Kapitalismus in seine Dekadenzphase zu einer gemeinsamen Position der kommunistischen Strömungen geworden, die dank dieses "historischen Kompasses" es schafften, auf einer unnachgiebigen und kohärenten Klassengrundlage zu bleiben. Die IKS hat diese "Erbschaft" wieder aufgegriffen und weiterentwickelt, genauso wie sie von den Strömungen der deutschen, italienischen ("BILAN") kommunistischen Linken in den 30er Jahren, dann von der Kommunistischen Linke Frankreichs ("INTERNATIONALISME") in den 40er Jahren weitergegeben und bereichert worden war (2).

 

Während eine noch nie so stark entwickelte Wirtschaftskrise seit 15 Jahren die Ausdrücke der Dekadenz verschärft und die Klassengegensätze zuspitzt, hat das Proletariat den Weg des Kampfes langsam wiedergefunden, obgleich es dabei auf unzählig viele Schwierigkeiten stößt und mit einer Vielzahl von Waffen der herrschenden Klasse konfrontiert wird, aber trotzdem mit einer bislang weltweit nie gesehenen Gleichzeitigkeit kämpft. Auf diesem Hintergrund ist es lebenswichtig, daß die revolutionären Organisationen ihre Aufgaben erfüllen.

 

Im Hinblick auf diese entscheidenden Aufgaben, ist es heute umso unabdingbarer, daß sich die Arbeiterklasse ihre eigene Weltauffassung wieder aneignet, so wie sie im Laufe von 2 Jahrhunderten von Arbeiterkämpfen und theoretischer Ausarbeitung durch ihre politischen Organisationen sich herausgeschält hat.

 

Mehr als je zuvor ist es unerläßlich für das Proletariat zu begreifen, daß die gegenwärtige Zunahme der Barbarei, die fortwährende Verschärfung seiner Ausbeutung keine "Naturprodukte", sondern auf die ökonomischen und gesellschaftlichen Gesetze des Kapitalismus zurückzuführen sind,  die weiterhin die Welt regieren, obgleich sie seit Anfang dieses Jahrhunderts auf den Scheiterhaufen der Geschichte gehören.

 

Mehr als je zuvor ist es für die Arbeiterklasse unerläßlich zu verstehen, daß die Kampfformen, die sie im vorigen Jahrhundert (Kampf um Reformen, Unterstützung für die Schaffung von großen nationalen Staaten - die Akkumulationspole des sich entwickelnden Kapitalismus waren,  als die Bourgeoisie noch in historischer Entwicklung stand und die Existenz eines organisierten Proletariats in ihrer Gesellschaft noch akzeptieren konnte) erworben hatte, noch einen Sinn hatten. Heute dagegen,  d.h. im dekadenten Kapitalismus,  führen sie in Sackgassen und sind wirkungslos.

 

Mehr als je zuvor ist es entscheidend für die Arbeiterklasse zu begreifen, daß die kommunistische Revolution - deren Träger sie ist - kein versponnener Traum, keine Utopie ist, sondern eine Notwendigkeit und Möglichkeit, deren wissenschaftliche Grundlagen in dem Begreifen der Dekadenz der herrschenden Produktionsweise selber zu finden sind, die sich vor unseren Augen verschärft.

 

"Es gibt keine revolutionäre Praxis  ohne revolutionäre Theorie" sagte Lenin. Diese Aussage muß heute umso mehr hervorgehoben werden, da die herrschende Klasse sich heutzutage nicht mehr ideologisch durch die Verbreitung von neuen Theorien verteidigt, die ein Mindestmaß an Konsistenz besäßen, sondern durch eine Art "Nihilismus" des Bewußtseins, der Verwerfung jeder Theorie als etwas "ideologisch Fanatisches". Sie stützt sich auf das berechtigte Mißtrauen der ausgebeuteten Klasse gegenüber den Theorien des linken Flügels des Kapitals, die von der Sozialdemokratie bis zum Stalinismus jahrzehntelang als Instrumente der Konterrevolution eingesetzt wurden. Sie haben auf dem Hintergrund dieses Zerfalls der Gesellschaft nie eine Zukunftsperspektive angeboten; die herrschende Klasse kann nichts anderes anbieten als die "Vogel-Strauß-Politik": den Kopf in den Sand stecken, nicht überlegen, sich hängenlassen und aufstecken, kurzum: den Fatalismus.

 

Als die Bourgeoisie eine historisch revolutionäre Klasse war, brachte sie Leute wie Hegel hervor, die so entscheidende Türen aufstießen für das Begreifen der Entwicklung der Menschheit; als sie in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts ihre Macht stabilisierte, machte sie Rückschritte mit den positivistischen Auffassungen eines Auguste Comtes. Heute bringt sie selbst keine Philosophen mehr hervor, die mit irgendeinem  Geschichtsverständnis aufwarten könnten. Die herrschende Ideologie, das ist die Leere, das Nichts, die Verwerfung des Bewußtseins.

 

Aber ebenso wie diese Verwerfung des Bewußtseins ein Ausdruck der Dekadenz ist, die natürlich eine Abwehrfunktion für die herrschende Klasse ausübt, genauso ist das Bewußtsein über ihre historische Rolle für die revolutionäre Klasse ein lebenswichtiges Instrument für ihren Kampf.   

 

DIE GEGNER DER DEKADENZAUFFASSUNG

 

Diese Tendenz zum Nihilismus des Bewußtseins kommt auch bei den proletarischen politischen Gruppen zum Vorschein, die paradoxerweise theoretische Ansprüche erheben.

 

So veröffentlichte eine Gruppe wie die GCI Ende 1985 einen Artikel in der Nr. 23 ihrer Revue (Le Communiste) "Theorien der Dekadenz, Dekadenz der Theorie". Dieser Text, in einer hochgestochenen Sprache geschrieben, "marxistische Töne" verwendend, bringt ein wildes Durcheinander von Zitaten von Marx und Engels und behauptet das zu zerstören, was er die "Dekadenztheorien" nennt. Die Verteidiger dieser Theorie stünden auf der "Seite all dieser reaktionären Schakale, die seit den Zeugen Jehovas bis hin zu den "neuen Philosophen" , über die euro-zentristischen Neo-Nazis und den Anhängern der Moon-Sekte hin, den Ruf der "Dekadenz des Westens" ausstießen!". Nichts geringeres als das!

 

 

Diesem Text gelingt das Meisterwerk, auf 15 Seiten das mangelnde Verständnis der Grundlagen der historischen Entwicklung des Kapitalismus und der objektiven Bedingungen für den Aufbau einer neuen Gesellschaft zusammenzufassen. Das Ergebnis ist eine gestaltlose, bunt zusammengewürfelte Masse, die die von Marx bekämpften Theorien der utopischen Sozialisten, der Anarchisten aufgreift, sowie hinsichtlich unserer modernen Epoche die bordigistische Theorie der 50er Jahre über die "Invarianz" des Marxismus und der kontinuierlichen Entwicklung des Kapitalismus seit 1848.

 

Wir wollen hier die Hauptirrtümer dieses Dokumentes aufgreifen, nicht so sehr, um damit auf die GCI zu sprechen zu kommen, deren immer tieferes Absacken in die Inkohärenz wenig Interesse verdient, sondern weil deren Verteidigung  bestimmter politischer Klassenpositionen, ihre radikale Sprache und die theoretischen Ansprüche bei den neuen Elementen, die eine theoretische Kohärenz suchen, auf Widerhall stößt, nicht zuletzt bei denen, die aus dem Anarchismus stammen (3).

 

Gleichzeitig können wir damit auf die grundlegenden Elemente der marxistischen Analyse der Entwicklung der Gesellschaften und damit auch auf die Dekadenz zu sprechen kommen.

 

GIBT ES EINE HISTORISCHE ENTWICKLUNG ?

 

GIBT ES EINE AUFSTEIGENDE PHASE DES KAPITALISMUS ?

 

Die GCI ist nicht gerade bescheiden. Im Stile Dührings, der behauptete die Wissenschaft umzuwälzen, schmeißt die GCI den Marxismus über den Haufen. Sie behauptet von sich marxistisch zu sein, vorausgesetzt man drängt in das Lager der "revolutionären Schakale" all diejenigen, die seit der II. Internationale den Marxismus bereichert haben, indem sie die Ursachen und die Entwicklung der Dekadenz des Kapitalismus untersuchten. Aber wie wir sehen werden, läßt die GCI das Werk Marxens selber außer Acht und stellt es  vollständig auf den Kopf.

 

Die große Entdeckung der GCI, nämlich die Bolschewisten, die Spartakisten, die Deutsche Linke um die KAPD, die Italienische Linke um "Bilan" - die alle die Analyse der Dekadenz des Kapitalismus ausgearbeitet und vertreten haben, auf eine Stufe mit den "Moon-Sekte-Anhängern" zu stellen, ihre große Wahrheit besteht in folgender Aussage: es gibt keine Dekadenz des Kapitalismus, weil es nie eine aufsteigende, "fortschrittliche" Phase des Kapitalismus gab. Es gibt keine Barbarei der Dekadenz, weil der Kapitalismus immer schon barbarisch war.

 

Da hätte man drauf kommen müssen! Denn die vormarxistischen sozialistischen Strömungen und ihre anarchistischen Nachfahren, die nie verstanden hatten, warum man die Gesetze der historischen Entwicklung untersuchen muß, da die Revolte ausreicht und der Kommunismus immer auf der Tagesordnung der Geschichte stand, haben nie etwas Anderes ... gegen den Marxismus gesagt.

 

Aber knüpfen wir uns etwas näher die Hauptargumente der GCI vor:

 

"Fast alle Gruppen, die behaupten, eine kommunistische Perspektive zu verteidigen, berufen sich auf eine Auffassung der Dekadenz nicht nur der kapitalistischen Produktionsweise, sondern aller Klassengesellschaften (Wertzyklus), wobei die verschiedensten "Theorien" von der "Sättigung der Märkte", des "3. Zeitalters des Kapitalismus", der "wirklichen Herrschaft", des "Stillstands der Entwicklung der Produktivkräfte" bis hin zum "tendenziellen Fall der Profitrate" vorgebracht werden... Worauf es uns hier zunächst ankommt, ist die moralisierende und zivilisatorische Auffassung all dieser Theorien, die sie beinhalten" (Theorie der Dekadenz: Dekadenz der Theorien", Le Communisme, Nr. 23, S. 7, Nov. 1985).

 

Inwiefern spiegelt die Feststellung, daß die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu einem gegebenen Zeitpunkt zu einer Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte geworden sind, eine "moralisierende und zivilisatorische Auffassung" wider? Weil dies beinhaltet, daß es einen Zeitraum gegeben habe, als dies nicht der Fall war, und als diese Verhältnisse einen Fortschritt darstellten, einen Schritt vorwärts in der Menschheitsgeschichte. D.h. weil es eine aufsteigende Phase des Kapitalismus gegeben habe. Aber die GCI sagt, dieser "Fortschritt" war nur eine Verstärkung der Ausbeutung:

 

"... man muß sehen, inwiefern der Gewaltmarsch des Fortschritts und der Zivilisierung jedesmal mehr Ausbeutung, die Produktion von Mehrarbeit (und für den Kapitalismus ausschließlich die Umwandlung dieser Mehrarbeit in Mehrwert) und in Wirklichkeit die eigentliche Verstärkung der Barbarei durch die immer totalitärere Herrschaft des Wertes bedeutet hat...(ebenda, S. 8; die GCI verwendet hier den Begriff "Barbarei", ohne zu wissen, worum es sich handelt, wir kommen später darauf zurück). Daß der Kapitalismus seit seiner Entstehung immer ein Ausbeutungssystem gewesen ist - das höchst entwickelte, das unbarmherzigste - ist weder falsch noch neu, denn (es sei denn man teilt die idealistische Auffassung - moralisch im eigentlichen Sinne des Wortes - derzufolge nur das als Fortschritt in der Geschichte zu werten ist, was im Sinne "sozialer Gerechtigkeit" einen Schritt nach vorne bringt) dies erklärt noch nicht, warum die Behauptung der Entwicklung dieser ausbeuterischen Produktionsform einen historischen Fortschritt darstelle, einen Beweis für die dahintersteckende "moralisierende und zivilisatorische Auffassung" liefert. Die GCI meint dazu: "Die Bourgeoisie stellte ....alle vorherigen Produktionsformen als "barbarisch" und "wild" dar, und im Vergleich zur "geschichtlichen Entwicklung" als schrittweise "zivilisiert". Die kapitalistische Produktionsweise ist natürlich die Ausgeburt der Endentwicklung der Zivilisierung und des Fortschritts. Die evolutionäre Auffassung entspricht also durchaus dem gesellschaftlichen Wesen des Kapitalismus und deshalb ist es kein Zufall, daß sie auf alle Wissenschaften angewendet wird (d.h. auf alle Teilinterpretationen der Wirtschaft vom bürgerlichen Standpunkt aus): Wissenschaft der Natur (Darwin), Demographie (Malthus), logische Geschichte, Philosophie (Hegel)... (ebenda S. 8).

 

Die GCI schrieb am Anfang ihres Textes in Großbuchstaben den ehrgeizigen Titel "Erster Beitrag: die Methodologie". Das eben gebrachte Zitat ist ein Probestück von dem, was sie uns in dieser Hinsicht bieten kann. 

 

"Die Bourgeoisie", stellt die GCI fest,"stellt die kapitalistische Produktionsweise als das Endergebnis der Zivilisation und des Fortschritts dar". Deshalb schließt sie, "die evolutionäre Auffassung entspricht dem gesellschaftlichen Wesen des Kapitalismus".

 

Das übertrifft jede dumme Plattheit. Mit solch einer "Methodologie" könnte man sich ebenso fragen, ob die Theorie der "Erstarrung" (es gibt nichts Neues auf der Welt), dem gesellschaftlichen Wesen des Proletariats entsprechen? Die Bourgeoisie behauptete, die Welt bewege sich und die Geschichte entwickle sich. Die GCI leitet daraus ab, weil die Bourgeoisie dies sagt, kann das nicht stimmen. Deshalb: die Welt entwickelt sich nicht. So verrückt das auch erscheint, aber dahin führt diese "Methode" der GCI, wie wir später noch konkret anhand der Auffassung der "Invarianz" sehen werden.

 

Der Marxismus verwirft natürlich die Idee, daß der Kapitalismus das Endergebnis der menschlichen Entwicklung darstellt. Aber damit verwirft er nicht die Auffassung, derzufolge die Menschengeschichte eine Entwicklung verfolgt hat, die rational erklärt werden kann und deren Gesetze man herauskristallisieren muß. Marx und Engels erkannten damals das wissenschaftliche Verdienst von Darwin an und haben sich immer auf den rationalen Kern der hegelschen Dialektik berufen (Malthus, den die GCI hier zitiert, hat hier nichts zu suchen). Sie sahen hinter diesen Bemühungen den Versuch, eine Entwicklung zu erkennen, eine dynamische Auffassung der Geschichte, den Ausdruck des Kampfs, den die Bourgeoisie zu führen hatte, um ihre Macht gegen eine Feudalmacht durchzusetzen, mit ihren jeweiligen Fortschritten und Grenzen. Engels erwähnte Darwin in  "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" folgendermaßen: "Hier ist vor allen Darwin zu nennen, der der metaphysischen Naturauffassung den gewaltigsten Stoß versetzt hat durch seinen Nachweis, daß die ganze heutige organische Natur, Pflanzen und Tiere und damit auch der Mensch, das Produkt eines durch Millionen Jahre fortgesetzten Entwicklungsprozesses ist"(MEW Bd. 19, S. 205). Sich auf Hegel beziehend meinte er: "Von diesem Gesichtspunkt aus erschien die Geschichte der Menschheit nicht mehr als ein wüstes Gewirr sinnloser Gewalttätigkeiten, die vor dem Richterstuhl der jetzt gereiften Philosophenvernunft alle gleich verwerflich sind und die man am besten so rasch wie möglich vergißt, sondern als der Entwicklungsprozeß der Menschheit selber..." (Anti-Dühring, I. Allgemeines, S. 23, MEW 20).

 

Der Marxismus verwirft bei Hegel seinen noch idealistischen  (die Geschichte sei nur die Verwirklichung der Idee von der Geschichte) und bürgerlichen Charakter (der kapitalistische Staat die Verkörperung der vollendeten Vernunft), und natürlich nicht die Idee, daß es eine historische Entwicklung gebe, die notwendige Etappen durchläuft. Marx steht das Verdienst zu, erkannt zu haben, was der rote Faden bei der Entwicklung der menschlichen Gesellschaften war und darauf die Notwendigkeit und Möglichkeit des Kommunismus aufgebaut zu haben: "In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen... in großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses... Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab" (Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie).

 

STAND DER KOMMUNISMUS SCHON IMMER AUF DER TAGESORDNUNG DER GESCHICHTE ?

 

In ihrem "dekadenzfeindlichen" Delirium meint die GCI, daß diejenigen, die heute die Konzeption der Dekadenz des Kapitalismus vertreten, nur vom Verfall des Kapitalismus in unserem Zeitraum  reden, um mehr "prokapitalistisch" für den Zeitraum des vorigen Jahrhunderts eingestellt zu sein. "Die Dekadenzvertreter sind also pro-Sklavengesellschaft bis zu einem gewissen Datum, pro-Feudalismus bis zu einem anderen Datum.... pro-Kapitalismus bis 1914. Sie sind deshalb jedesmal aufgrund ihrer Fortschrittsverehrung gegen den Klassenkrieg  eingestellt, den die Ausgebeuteten dem Willen der kommunistischen Bewegung zum Trotz führen, und der sich unglücklicherweise in der "falschen Phase" abspielt" (GCI, ebenda, S. 19).

 

Mit großen radikalen Sprüchen greift die GCI nur die idealistische Auffassung auf, derzufolge der Kommunismus zu jedem Zeitpunkt in der Geschichte möglich gewesen sei.

 

Wir wollen hier nicht in die Einzelheiten des Arbeiterkampfes in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus einsteigen, sondern aufgreifen, warum das "Kommunistische Manifest" behauptet hat: "Auf dieser Stufe bekämpfen die Proletarier also nicht  ihre Feinde, sondern die Feinde ihrer Feinde, die Reste der absoluten Monarchie, die Grundeigentümer, die nichtindustriellen Bourgeois, die Kleinbürger" (Bourgeois und Proletarier, MEW 4, S. 470).

 

Warum und wie setzen sich die Arbeiterkämpfe der folgenden Phase das Ziel der Durchsetzung von Reformen und die "immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter". Warum waren die Gewerkschaften, die Massenparteien, die Sozialdemokratie vom  Ende des letzten Jahrhunderts proletarische Instrumente...? All diese Kampfformen, die die GCI nicht verstehen kann und ein Jahrhundert später als bürgerlich verwirft, werden wir in einem späteren Artikel aufgreifen, der sich mit dem Arbeiterwesen der Sozialdemokratie befaßt.

 

Jetzt kommt es uns hier darauf an, die marxistische Auffassung der Geschichte und der Bedingungen der kommunistischen Revolution darzustellen.

 

Marx und die Marxisten haben sich nie darauf beschränkt, einfach zu behaupten, der Kapitalismus sei ein Ausbeutungssystem, das zerstört werden müsse und nie hätte bestehen sollen, der Kommunismus sei zu jedem Zeitpunkt möglich gewesen. Hinsichtlich dieser Frage vollzog der Marxismus einen Bruch mit dem "utopischen" oder "sentimentalen" Sozialismus; an dieser Linie vollzog sich der Bruch zwischen Anarchismus und Marxismus. Im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung stand die Debatte zwischen Marx und Weitling 1846, die zur Gründung der ersten politischen marxistischen Organisation, dem Bund der Kommunisten, führen sollte. Aus Weitlings Sicht hieß es: "Die Menschheit ist notwendig immer reif oder sie wird es nie"(zitiert bei B. Nicolaevsky, K. Marx, Eine Biographie, S. 115).

 

Das gleiche Problem lag auch noch an der Wurzel der Divergenzen zwischen Marx-Engels und der Tendenz um Willich-Schapper innerhalb des Bundes der Kommunisten, wozu sich Marx äußerte: "An die Stelle der kritischen Anschauung setzt die Minorität eine dogmatische, an die Stelle der materialistischen eine idealistische. Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße Wille zum Triebrad der Revolution" (15.9.1850).

 

Die GCI verwirft die Auffassung des historischen Materialismus, des wissenschaftlichen Sozialismus. Engels griff im "Anti-Dühring" einen grundlegenden Aspekt der Bedingungen des Kommunismus auf:

 

"Die Spaltung der Gesellschaft in eine ausbeutende und eine ausgebeutete, eine herrschende und eine unterdrückte Klasse war die notwendige Folge der frühern geringen Entwicklung der Produktion. Solange die gesellschaftliche Gesamtarbeit nur einen Ertrag lieferte, der das zur notdürftigen Existenz aller Erforderliche nur um wenig übersteigt, solange also die Arbeit alle oder fast alle Zeit der großen Mehrzahl der Gesellschaftsmitglieder in Anspruch nimmt, solange teilt sich die Gesellschaft notwendig in Klassen... Aber wenn hiernach die Einteilung in Klassen eine gewisse geschichtliche Berechtigung hat, so hat sie eine solche doch nur für einen gegebnen Zeitraum, für gegebne gesellschaftliche Bedingungen. Sie gründete sich auf die Unzulänglichkeit der Produktion; sie wird weggefegt werden durch die volle Entfaltung der modernen Produktivkräfte" (Anti-Dühring, II. Theoretisches, S. 262, MEW Bd. 20).

 

Aus dieser Sicht sprach Marx von den von der Bourgeoisie "vollbrachten Wundern" und dem "großen zivilisatorischen Einfluß des Kapitals". "Erst hat sie (die Bourgeoisie) bewiesen, was die Tätigkeit der Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke  vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge" (Marx & Engels, Kommunistische Manifest, MEW Bd.4, S. 465). 

 

Denn Marx sprach auch hier von dem zivilisatorischen Einfluss des Kapitals, der die Gesellschaft auf eine Stufe hebt, gegenüber der alle früheren Stufen als örtlich beschränkte Entwicklungen und als eine Abgötterei der Natur erscheinen. Die Natur wird schließlich für den Menschen zu einem reinen Gebiet, eine einfache Sache des Gebrauchs; sie wird nicht mehr als eine Macht als solche angesehen.

 

Wenn die GCI konsequent wäre, wenn sie sich um ein Mindestmaß an theoretischer Kohärenz bemühen würde, würde sie nicht zögern, Marx und Engels Aussagen in den Mülleimer der Bourgeoisie zu werfen - und im Nachzug auch die Arbeiten der Kommunistischen Linke, nach Trotzki, Lenin, Luxemburg und der gesamten II. Internationale - weil sie wilde Verteidiger der "evolutionären" und "zivilisatorischen" Auffassungen waren.

 

DIE DEKADENZ DES KAPITALISMUS - "EIN ZEITRAUM DER GESELLSCHAFTLICHEN REVOLUTION"

 

Von wann an wurde die kommunistische Revolution zu einer historischen Möglichkeit? Marx antwortete:

 

"Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein" (Zur Kritik der politischen ™konomie, Vorwort).

 

Der Marxismus legte keinen Tag, keine Stunde fest, von der an die kommunistische Revolution objektiv auf der Tagesordnung der Geschichte stand. Er legte die allgemeinen Bedingungen - hinsichtlich des Grundrahmens des gesellschaftlichen und ökonomischen Lebens - fest, die eine "Žra" charakterisieren, einen historischen Zeitraum, während dessen der Kapitalismus auf eine qualitativ andere Weise auf seine eigenen Widersprüche stößt, und von wo an er zu einer Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte wird.

 

Die Haupterscheinungsweisen dieser neuen historischen Lage treten auf wirtschaftlicher Ebene auf (Wirtschaftskrisen, Verlangsamung des Wachstums der Produktivkräfte). Aber auch bei allen anderen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens, die letztendlich durch das Wirtschaftsleben der Gesellschaft beeinflußt sind. Marx spricht von "den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz,ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten" (Vorwort).

 

Marx und Engels glaubten mehrfach im Laufe der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts, daß der Kapitalismus diesen Punkt erreicht hätte, insbesondere zur Zeit der großen zyklischen Wirtschaftskrisen, die damals das System erschütterten. Aber sie erkannten jedesmal, daß dies nicht der Fall war.

 

So schrieb Marx 1850 nach der Überwindung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise von 1848:

 

"Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig erst entwickeln, wie dies innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich ist, kann von einer wirklichen Revolution überhaupt keine Rede sein. Eine solche Revolution ist nur in den Perioden möglich, wo diese beiden Faktoren, die modernen Produktivkräfte und die bürgerlichen Produktionsformen, miteinander in Widerspruch geraten... Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis, sie ist aber auch ebenso sicher wie diese" (Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, MEW 7, S. 98).     

 

Tatsächlich waren die Krisen des Kapitalismus noch bis Anfang dieses Jahrhunderts Wachstumskrisen, die schnell vom System überwunden wurden. Erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs traten die Symptome klar und eindeutig auf, die darauf hindeuteten, daß der Kapitalismus in der Entwicklung seiner inneren Widersprüche eine qualitativ neue Stufe erreicht hatte.

 

Die revolutionären Marxisten, die Linke der II. Internationale, diejenigen, die selbst jahrelang die revisionistischen Strömungen (Bernstein) bekämpft hatten, welche die Theorie aufgestellt hatten, der Kapitalismus würde keine Krisen mehr durchlaufen und daß man zum Sozialismus schrittweise und  auf friedliche Art übergehen könnte, erkannten ohne Zögern diese neue historische Lage an: den Eintritt des Kapitalismus in seine Phase des Verfalls.

 

Der Ausbruch der Russischen Revolution, dann die Welle internationaler, revolutionärer Kämpfe, die ihr folgten, bestätigten eindrucksvoll diese marxistische Perspektive.

 

Auf diese Analyse berufen wir uns heute. Und diese Analyse, die durch 70 Jahre mit 2 Weltkriegen, zwei Wiederaufbauphasen und zwei großen Weltkrisen (1929-1939 und 1967 bis heute) gekennzeichnet ist, hat durch die Entwicklung der Ereignisse eine bislang nie gekannte Barbarei auf dem ganzen Erdball zutage gebracht.

 

EINE SINNLOSE KRITIK

 

Um diese Analyse zu verwerfen, schreibt die GCI den Vertretern der Dekadenzauffassung eine absurde Idee zu, die sie nach Strich und Faden erfunden haben, und die sie dann ausführlich kritisieren.

 

Die GCI meint, daß die Analyse der Dekadenz behauptet, während der aufsteigenden Phase des Kapitalismus habe es keine Widersprüche gegeben; diese Widersprüche würden nur während der dekadenten Phase auftreten. So schreiben sie: "Es gibt keine zwei Phasen; eine, in der die Klassenwidersprüche (mit anderen Worten der Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen) nicht vorhanden wären: eine fortschrittliche Phase, in der die "neue" Produktionsform  ohne Gegensätze ihre zivilisatorischen Tugenden entwickelt..., und eine Phase, wo nach der "schrittweisen" Entfaltung der "Tugenden" diese veraltet wird und in den Verfall eintritt, und nur von diesem Zeitpunkt an Klassengegensätze hervorbringt".

 

Zu dieser Behauptung schrieben wir in unser Broschüre "Die Dekadenz des Kapitalismus" folgendes:

 

"Marx und Engels hatten den genialen Scharfsinn, in den Wachstumskrisen des Kapitalismus all das Wesentliche dieser Krisen herauszuarbeiten, und sie kündigten somit den zukünftigen Generationen die Grundlagen der tiefgreifenden Zerrüttung der Gesellschaft an. Sie waren zu dieser Einsicht in der Lage, weil eine Gesellschaftsform von Anfang an die Keime all der Widersprüche in sich trägt, die sie in ihren Tod treiben werden. Aber solange diese Widersprüche sich nicht soweit entwickelt haben, daß sie auf ständige Weise ihr Wachstum hemmen, stellen sie selber die Antriebskraft dieses Wachstums dar" (Die Dekadenz des Kapitalismus, Broschüre der IKS, deutsche Ausgabe, S. 25). 

 

Die GCI weiß nicht, wovon sie redet.

 

DIE  "INVARIANZ"

 

Nachdem sie mit der Analyse der Dekadenz des Kapitalismus all die konsequenten marxistischen Strömungen der letzten 50 Jahre verworfen haben, und weil sie Angst davor haben, sich als Anarchisten zu bezeichnen, sucht die GCI bei den Theorien Bordigas der 50er Jahre eine marxistische "Absegnung" für ihr libertäres Geschwafel, nämlich die Theorie der "Invarianz (Unveränderbarkeit) des kommunistischen Programmes seit 1848".

 

Aber das Paradoxe ist nur ein Schein. Der Anarchismus, der die historische Entwicklung ganz außer Acht läßt, kann sich mit der bordigistischen Auffassung abfinden, die mit dem Argument der "Invarianz" alle grundlegenden Žnderungen des Kapitalismus seit seiner Anfangsphase verschweigt.

 

Auch wenn die Theorie Bordigas noch so unsinnig ist, hat sie zumindest das Verdienst, eine gewisse Kohärenz mit den politischen Positionen aufzuweisen, die sie vertritt: der Bordigismus geht davon aus, daß die Kampfformen des letzten Jahrhunderts, wie der gewerkschaftliche Kampf oder die Unterstützung neuer Staaten auch heute noch gültig seien. Dagegen verzettelt sich hier die GCI, die diese Kampfformen verwirft. Sie ordnet dem Lager der Bourgeoisie die Sozialdemokratie des letzten Jahrhunderts zu und erfindet einen gewerkschaftsfeindlichen Marx, der auch gegen das Parlament, gegen die Sozialdemokratie eingestellt gewesen sei; ähnlich wie der Stalinismus die Geschichte der Russischen Revolution gemäß seinen Bedürfnissen neu erfand.

 

Aber schauen wir uns näher die Kritik der Theorie der Dekadenz an und die Analyse der Entwicklung des Kapitalismus durch Bordiga, hinter der die GCI ihre anarchistische Rückentwicklung zu verstecken versucht. Bordiga sagte in dem von der GCI erwähnten Artikel:"Die Theorie der aufsteigenden Kurve vergleicht die historische Entwicklung mit einer Sinuskurve: jede Herrschaft, auch die bürgerliche Herrschaft z.B. fängt mit einer aufsteigenden Phase an, erreicht einen Höhepunkt, steigt danach ab bis zu einem Tiefpunkt, von dem an eine neue, andere Herrschaft ihren Aufstieg einleitet. Dies ist die Auffassung des gradualistischen Reformismus, keine Erschütterungen, kein Sprung. Die marxistische Auffassung dagegen kennt (zum Zweck der Klarheit und Genauigkeit) viele aufsteigende, ihren Höhepunkt erreichende  Kurven, denen ein gewalttätiger, fast vertikaler Sturz folgt, und an dessen Ende angelangt, eine neue gesellschaftliche Herrschaft entsteht. Es setzt eine andere, historisch aufsteigende Kurve ein ... Die geläufige Behauptung, daß der Kapitalismus in seiner niedergehende Kurve sei und nicht mehr aufsteigen könne, enthält zwei Fehler: der eine ist der Fatalismus, der andere der Gradualismus..."(Treffen in Rom, 1951). An anderer Stelle schrieb Bordiga noch: "Aus Marxens Sicht wächst der Kapitalismus unaufhaltsam über alle Grenzen hinaus..." ("Dialog mit den Toten").

 

Bevor wir auf die fantasierenden Beschuldigungen des "Gradualismus" und des "Fatalismus" zu sprechen  kommen, wollen wir - zumindest in aller kürze - die Auffassung Bordigas der Wirklichkeit gegenüberstellen.

 

Zunächst eine wichtige Bemerkung: Bordiga spricht von der auf- oder absteigenden "Kurve" eines Regimes. Wir wollen deshalb präzisieren, daß die Marxisten bei der "aufsteigenden" oder "dekadenten Phase" nicht die Produktion als solche messen. Wenn man die Entwicklung der Produktion als ein Elemente ins Auge fassen will, um festzustellen, ob eine Produktionsform eine dekadenten Zeitraum durchläuft oder nicht, - d.h. wissen will, ob die Produktionsverhältnisse eine Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte geworden sind oder nicht - muß man zunächst wissen, von welcher Produktion man spricht. Die Waffenproduktion oder die anderer Güter und unproduktiver Leistungen sind kein Zeichen der Entwicklung der Produktivkräfte. Dann ist schließlich das Niveau der Produktion als solches nicht aufschlußreich, sondern ihr Entwicklungsrhythmus, und dieser auch nicht absolut gesehen, sondern selbstverständlich im Hinblick auf die materiellen Möglichkeiten der Gesellschaft, die diese jeweils anbietet.

 

Nachdem wir dieses präzisiert haben, liegt auf der Hand, daß hinter der Behauptung Bordigas, "die "marxistische Auffassung" (als dessen "invarianter" Verteidiger er sich ausgibt) in einer "Vielzahl von aufsteigenden Kurven dargestellt werden kann, die nach Erreichen ihres Höhepunktes alle rapide abfallen", zwei falsche Aussagen stecken.

 

Es handelt sich hierbei nicht um eine marxistische Auffassung. Marx hat klar Stellung bezogen zum Ende des Feudalismus und zum Entstehen des Kapitalismus. Er tat dies in einem ausreichend bekannten Text: "Die Produktions- und Verkehrsmittel, auf deren Grundlage sich die Bourgeoisie heranbildete, wurden in der feudalen Gesellschaft erzeugt. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verhältnisse, worin die feudale Gesellschaft produzierte und austauschte, die feudale Organisation der Agrikultur und Manufaktur, mit einem Wort die feudalen Eigentumsverhältnisse den schon entwickelten Produktivkräften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion statt sie zu fördern. Sie verwandelten sich in ebenso viele Fesseln. Sie mußten gesprengt werden, sie wurden gesprengt" ("Das kommunistische Manifest", Bourgeois und Proletarier, MEW 4, S. 467).

 

Es handelt sich hier allerdings um eine ganz andere Situation, als die, die am Ende des Kapitalismus eintritt, da der Kommunismus nicht schon innerhalb der alten Gesellschaft aufgebaut werden kann. Aber im Falle des Feudalismus und auch beim Kapitalismus wird die Notwendigkeit der Überwindung der bestehenden Produktionsverhältnisse dadurch hervorgerufen, daß es sich bei denselben um Fesseln, eine Kette handelt. Diese behindern die wirtschaftliche Entwicklung anstatt sie voranzutreiben.

 

Ebenso ist es falsch zu behaupten, daß die Geschichte sich nach einem Schema von jeweils aufsteigenden Kurven entwickelt habe. Insbesondere trifft dies nicht für den Kapitalismus zu.

 

Man muß entweder blind oder durch die Propaganda  der dekadenten  Bourgeoisie geblendet sein, um nicht den Unterschied zwischen dem Kapitalismus seit der Zeit des I. Weltkriegs und dem des vorigen Jahrhunderts zu erkennen, um dann schließlich zu behaupten, daß die kapitalistischen Produktionsverhältnisse keine Fessel mehr für die Entwicklung der Produktivkräfte im 20. Jahrhundert darstellen.

 

Die Wirtschaftskrisen, Kriege, das Gewicht der unproduktiven Ausgaben, all das gab es sowohl im letzten als auch in diesem Jahrhundert, aber der Unterschied zwischen beiden Epochen ist quantitativ so bedeutsam, daß er qualitativ wird. (Die GCI, die so oft wild durcheinander das Wort "Dialektik" in ihrem Text verwendet, hat zumindest von der Umwandlung der Quantität in die Qualität etwas hören müssen).

 

Die hemmenden Auswirkungen auf die Entwicklung der Produktivkräfte, hervorgerufen durch die Zerstörungen und die Verschwendung der materiellen und menschlichen Ressourcen während der beiden Weltkriege, unterscheidet sich qualitativ von denen beispielsweise des deutsch-französischen Kriegs (1870-1871). Hinsichtlich der Wirtschaftskrisen kann man die von 1929-1939 und 1967-heute kaum mit den zyklischen Krisen der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts vergleichen, weder auf der Ebene der Intensität, noch auf der Ebene ihrer internationalen Ausdehnung oder ihrer Dauer (siehe dazu Artikel in Internationale Revue Nr. 8 "Der Kampf des Proletariats im dekadenten Kapitalismus", wo diese Frage gesondert behandelt wird). Hinsichtlich des Gewichts der unproduktiven Kosten, deren sterilisierende Wirkung auf die Produktion , so liegt auch hier ein qualitativer Unterschied im Vergleich zum vorigen Jahrhundert vor:

 

- die  ständige Rüstungsproduktion, die wissenschaftliche Forschung orientieren sich hin zum militärischen Bereich, die ständige Aufrechterhaltung von Armeen (im Jahre 1985 sprachen offizielle Regierungsstatistiken von weltweit mehr als 1,5 Mio. Dollar Rüstungsausgaben pro Minute!);

 

- die unproduktiven Dienstleistungen (Banken, Versicherungen, die meisten staatlichen Verwaltungen, Werbebranche usw.).

 

Die GCI zitiert einige Wachstumszahlen der Produktion des 19. und 20. Jahrhunderts, die angeblich das Gegenteil beweisen sollen. Wir können hier nicht in Einzelheiten einsteigen (siehe dazu ausführlicher  unsere Broschüre "Die Dekadenz des Kapitalismus"). Jedoch einige kurze Hinweise.

 

Die Zahlen der GCI vergleichen das Wachstum der Produktion zwischen 1950-1972 mit dem Zeitraum von 1870-1914. Das ist eine ziemlich grobschlächtige Mystifizierung. Wenn man nämlich das vergleicht, was wirklich verglichen werden kann, wird der Behauptung der Boden entzogen. Wenn man anstatt die hier genannten Zeiträume, welche die Zeit zwischen 1914-1949 (zwei Weltkriege und die Krise der 30er Jahre) aus der Dekadenzphase ausklammert, die Zeit zwischen 1840-1914 und 1914-1983 vergleicht, schwindet der Unterschied dahin...

 

Die Produktion im vorigen Jahrhundert war hauptsächlich die Produktion von Produktionsmitteln  und Konsumgütern, während die des 20. Jahrhunderts einen ständig wachsenden Anteil von Zerstörungs- oder unproduktiven Mitteln umfaßt (heute geht man davon aus, daß es eine geballte Zerstörungskraft von ca. 4 Tonnen Dynamit pro Mensch auf der Erde gibt, und von einem Bürokraten behauptet man, daß er soviel produziert, wie er an "Gehalt bekommt"). Schließlich und vor allem wird der Vergleich zwischen der verwirklichten Produktion, und dem was in Anbetracht des Entwicklungsstandes der Produktionstechniken produziert werden könnte, total außer Acht gelassen.

 

Aber abgesehen von der falschen Behauptung, daß "der Kapitalismus Marx zufolge  unaufhörlich grenzenlos wachse", verwirft die Auffassung Bordigas die Grundlagen des Materialismus, des Marxismus von der Möglichkeit der Revolution.

 

Wenn der "Kapitalismus unaufhörlich grenzenlos wächst", warum sollten sich dann eines Tages Hunderte von Millionen Menschen dazu entscheiden, in einem Bürgerkrieg ihr Leben dafür zu riskieren, weil sie ein System durch ein anderes ersetzen wollen? Wie Engels sagte: "Solange eine Produktionsweise sich im aufsteigenden Ast ihrer Entwicklung befindet, solange jubeln ihr sogar diejenigen entgegen, die bei der ihr entsprechenden Verteilungsweise den kürzern ziehn" (Anti-Dühring, Politische Ökonomie, I. Gegenstand und Methode, MEW 20, S. 138).

 

GRADUALISMUS ODER FATALISMUS ?

 

Der Gradualismus ist die Theorie, die behauptet, die gesellschaftlichen Umwälzungen können und müssen nur langsam durch eine Reihe von kleineren Žnderungen stattfinden: "keine Erschütterungen, keine Sprünge" wie Bordiga meint. Die Analyse der Dekadenz hebt hervor, daß die Dekadenz sich äußert durch die Eröffnung einer "Žra von Kriegen und Revolutionen" (Manifest der Kommunistischen Internationale). Es sei denn, man stellt Revolutionen und Kriege als Schritte einer "sanften Entwicklung" dar, oder Bordiga und die GCI dreschen bloß mit Phrasen.

 

Hinsichtlich der Behauptung des "Fatalismus", so ist diese nicht ernsthafter als die gerade aufgegriffene (4).

 

Der Marxismus behauptet nicht, daß die Revolution unausweichlich sei. Er leugnet nicht den Willen als Faktor der Geschichte, aber er zeigt auf, daß dieser nicht ausreicht, sondern daß sie auf einem materiellen Hintergrund stattfindet, der aus einer Entwicklung hervorgeht: einer historischen Dynamik. Die Bedeutung, die der Marxismus dem Begreifen der "wirklichen Bedingungen", den "objektiven Bedingungen" zuordnet, ist nicht die Verwerfung des Bewußtseins und des Willens, sondern im Gegenteil die einzige konsequente Anerkennung der Rolle derselben. Die der Propaganda und der kommunistischen Agitation zugemessene Bedeutung ist ein unleugbarer Beweis dafür.

 

Es gibt keine unvermeidbare, unaufhaltsame Entwicklung des Bewußtseins in der Klasse. Die kommunistische Revolution ist die erste Revolution in der Geschichte, in der das Bewußtsein eine wirklich entscheidende Rolle spielt, und sie ist nicht weniger vermeidbar als dieses Bewußtsein.

 

Dagegen folgt die ökonomische Entwicklung objektiven Gesetzen, die - solange die Menschheit unter materiellem Mangel leidet, den Menschen unabhängig von ihrem Willen aufgedrängt werden.

 

In dem Kampf der Linken der II. Internationale gegen die revisionistischen Theorien Bernsteins stand die Frage des unvermeidbaren Zusammenbruchs der kapitalistischen Wirtschaft im Mittelpunkt der Debatte (siehe die Bedeutung dieser Frage in R. Luxemburgs Schrift "Reform oder Revolution", die von der Linken in Deutschland als auch in Rußland (Lenin insbesondere) begrüßt wurde).

 

Die "marxistische", religiöse Orthodoxie Bordigas setzt sich über das hinweg, was Marx und Engels furchtlos zu dieser Frage schrieben. In den „Grundrissen“ führte Marx nämlich dazu aus, daß die Universalität, zu der das Kapital ständig hinstrebt, auf Grenzen stößt, welche seinem Wesen eigen sind, und die auf einer bestimmten Stufe seiner Entwicklung als die größte Hürde gegenüber dieser Tendenz erscheinen und es zu seiner Selbstzerstörung drängen. ".... diese Produktionsweise durch ihre eigne Entwicklung dem Punkt zutreibt, wo sie sich selbst unmöglich macht" (Anti-Dühring, ebenda, S. 139).

 

Der Marxismus behauptet nicht, daß der Triumpf der kommunistischen Weltrevolution unvermeidbar sei, sondern daß der Kapitalismus, wenn das Proletariat seine historische Aufgabe nicht erfüllt, keine Zukunft vor sich hat, in der er (nach Bordiga) "grenzenlos und unbeschränkt wächst", sondern im Gegenteil in der wahrhaftigen Barbarei versinkt. D.h. die, die sich seit 1914 überall ausdehnt. Die, für die Verdun, Hiroshima, Biafra, der Iran-Irak Krieg, 20 Jahre ununterbrochenes Ansteigen der Arbeitslosigkeit in den Industrieländern, die Bedrohung eines Atomkrieges, der die Gattung Mensch auslöschen wird, nur einige Beispiele sind.

 

Zu begreifen, daß heute die Alternative der Menschheit "Sozialismus oder Barbarei" lautet, heißt die Dekadenz des Kapitalismus zu begreifen.

 

R.V. 

 

(1) Groupe Communiste Internationaliste: BP 54, BXL 31, 1060 Bruxelles, Belgien,

 

(2) Die theoretischen Grundlagen der Analyse der Dekadenz des Kapitalismus sind in der Einleitung der Broschüre der IKS zur "Dekadenz des Kapitalismus" dargelegt.

 

(3) Eine kleine Gruppe wie RAIA in Belgien, die den Bruch mit dem Anarchismus anstrebt und noch die Frage Marx-Bakunin vertieft, gab einen Beweis ihrer großen Unwissenheit und ihrer Beeinflussung durch die GCI zum Besten:

 

"die Theorie der Dekadenz des Kapitalismus! Aber was zum Teufel will denn diese Theorie aussagen? Kurzum, sie ist die wundervollste, fantastischste Geschichte, die je seit dem Alten Testament geschrieben wurde. Den Propheten der IKS zufolge teilt sich der Lebenslauf des Kapitalismus in zwei unterschiedliche Teile ein. Am schicksalhaften Tag des 4. August 1914 (sic!) (um die genaue Stunde zu erfahren, möge man sich bitte an die Auskunft wenden) hätte das kapitalistische System aufgehört, in seiner "aufsteigenden Phase" zu sein, um dann in die furchtbaren, tödlichen Zuckungen und Erschütterungen zu geraten, welche die IKS mit dem Namen "dekadente Phase des Kapitalismus" getauft hat. Welch Psychokram! (RAIA, Nr. 3, BP 1724, 1000 Bruxelles).

 

(4) Die GCI ist um keinen Widerspruch verlegen; so greift sie eine Formulierung Bordigas auf, derzufolge der "Kommunismus schon als eine sichere Tatsache gewertet" werden muß.

 

Erbe der kommunistischen Linke

Neue Kommentare abschicken

Der Inhalt dieses Feldes ist privat und wird nicht öffentlich gezeigt werden.
  • Erlaubte HTML-Tags: <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

CAPTCHA
Diese Frage ist für die Prüfung, ob Sie ein menschlicher Besucher sind.
Image CAPTCHA
Die Zeichen (unter Beachtung von Groß-/Kleinschreibung) aus dem Bild.