Das Verständnis der Dekadenz - Polemik

In den beiden vorhergehenden Artikeln haben wir aufgezeigt, daß alle Produkti­onsweisen von einem aufsteigenden und einem deka­denten Zy­klus be­stimmt werden (International Review, Nr.55), und daß wir uns heute inmitten der ka­pitalistischen De­kadenz be­finden (Internationale Review, Nr.54). Der vorliegende Artikel will aus­führlich die  Ele­mente darstellen, die es dem Kapitalismus er­möglichten, in seiner Nieder­gangsphase weiterzule­ben. Insbe­sondere hat der Artikel das Ziel, eine Grundlage dafür zu schaf­fen,  die Wachs­tumsraten in der Zeit nach 1945 (die höchsten in der Ge­schichte des Ka­pitalismus) verstehen zu können. Vor al­lem wollen wir aufzeigen, daß dieser vor­übergehende Auf­schwung ein `gedoptes' Wachstum war,  ist, daß es nichts anderes ist als der verzwei­felte Kampf eines Sy­stems in seinem Todesringen. Die Mittel, die dafür benutzt wur­den, um dies zu er­reichen (massive Verschul­dungen, Staatsinterventio­nismus, wachsende Rü­stungsproduktion, unproduk­tive Aus­gaben, etc.) sind erschöpft. Dadurch wird der Weg zu einer nie gekannten Krise eröffnet.

 

1.  Der fundamentale Widerspruch des Kapi­talismus

 

"Im Prozesse der Produktion aber ist das entschei­dende: In wel­chem Verhältnisse stehen die Arbeiten­den zu ihren Produkti­onsmitteln?" (Luxemburg Werke Bd.5, S.644) Im Kapitalis­mus sind die Ar­beiter durch das Lohnverhältnis mit den Produkti­onsmitteln verbunden. Das ist das fundamentale ge­sellschaftliche Produktionsverhält­nis, welches dem Kapitalis­mus seine Dynamik ver­leiht, wie auch seine un­überwindbaren Widersprüche enthält (1). Es ist ein dynamisches Ver­hältnis in dem Sinne, daß das Sy­stem, an­gestachelt von der Tendenz der fallenden Profitrate und ihrer Anglei­chung durch die Wert- und Konkurrenzgesetze, fort­während wach­sen, akkumulieren, expan­dieren und die Lohnaus­beutung bis an die Grenzen treiben muß. Es ist ein wider­sprüchliches Ver­hältnis in dem Sinne, daß der eigentliche Me­chanismus zur Pro­duktion von Mehrwert mehr Werte produ­ziert, als er zu verteilen imstande ist, Mehrwerte, die aus der Differenz zwi­schen dem Produktionswert der pro­duzierten Ware und dem Wert der Ware Arbeits­kraft, den Löh­nen, stammen. Indem die Lohnarbeit sich verallge­meinert, schränkt der Kapitalismus selbst seine Ab­satzmöglichkeiten ein und ist ständig ge­zwungen, Käufer außerhalb seiner Sphäre von Kapital und Ar­beit zu suchen.

 

"....je mehr sie [die kapitalistische Pro­duktion] sich entwickelt, um so mehr ge­zwungen ist, auf großer Stufenleiter zu produzieren, die mit der immediate de­mand [unmittelbaren Nachfrage] nichts zu tun hat, sondern von einer beständigen Erweiterung des Weltmarkts abhängt...Er [Ricardo] übersieht, daß die Ware in Geld ver­wandelt werden muß. Die de­mand [Nachfrage] der Arbeiter ge­nügt nicht, da der Profit ja grade dadurch herkommt, daß die de­mand der Arbei­ter kleiner als der Wert ihres Produkts, und um so größer ist, je relativ kleiner diese de­mand. Die demand der capi­talists untereinander ge­nügt ebensowenig...." (MEW 26.2, S.469) "...Wird endlich gesagt, daß die Kapitali­sten ja nur selbst unter sich ihre Waren auszutauschen und aufzuessen haben,  so wird der ganze Cha­rakter der kapitalisti­schen Produktion vergessen und verges­sen, daß es sich um die Verwertung des Kapitals han­delt...." (MEW 25, S.269f) "....Das bloße  Verhältnis von Lohnarbei­ter und Kapitalist schließt ein:

 

1. daß der größte Teil der Produzenten (die Arbei­ter) Nichtkonsu­menten (Nichtkäufer) eines sehr großen Teils ihres Produkts sind, nämlich der Ar­beitsmittel  und des Arbeitsmaterials;

 

2. daß der größte Teil der Produzenten, die Arbei­ter, nur ein Äquivalent für ihr Produkt konsumieren können, solang sie mehr als dies Äquivalent - die surplus va­lue [den Mehrwert] oder das surplus pro­duce [Mehrprodukt] - pro­duzieren, um in­nerhalb der Schranken ihres Be­dürfnisses Konsumenten oder Käufer sein zu kön­nen." (MEW26.2, S.520) "Die Überproduk­tion speziell hat das allgemeine Produk­tionsgesetz des Kapitals zur Bedin­gung, zu produ­zieren im Maß der Produk­tivkräfte (d.h. der Mög­lichkeit, mit gege­bener Masse Kapital größtmögliche Masse Arbeit auszubeu­ten) ohne Rücksicht auf die vorhandenen Schranken des Markts oder der zah­lungsfähigen Bedürf­nisse...." (dito, S.535)

 

Marx zeigte einerseits deutlich die unvermeidli­che Jagd des Kapi­talismus nach Erhöhung der Mehr­wertmenge auf, um den Fall der Profitrate aus­zugleichen (Dynamik), und er wies anderer­seits auf das dem gegenüberstehende Hindernis hin: den Ausbruch von Krisen, die dem schrumpfenden Markt, auf dem die Pro­dukte ver­kauft werden kön­nen (Widerspruch), ge­schuldet sind, lange be­vor der an dem Fall der Profitrate ge­knüpfte Mangel an Mehrwert auf­tritt:

 

"Aber in dem selben Maße, worin seine Pro­duktion sich ausge­dehnt hat, hat sich das Be­dürfnis des Ab­satzes für ihn ausge­dehnt. Die mächtigeren und kostspielige­ren Produktions­mittel, die er ins Leben ge­rufen, befähigen ihn zwar, seine Ware wohlfeiler zu ver­kaufen, sie zwingen ihn aber zugleich, mehr Waren zu ver­kaufen, einen ungleich größeren Markt für seine Waren zu erobern..." (Marx,  Lohnarbeit und Kapital, MEW6) "Sie [die Krisen] werden häu­figer und immer heftiger schon deswegen, weil in demselben Maße, worin die Produktenmasse, also das Bedürfnis nach ausge­dehnten Märkten  wächst, der Weltmarkt immer mehr sich zusam­menzieht, im­mer weniger neue Märkte zur Ex­ploitation übrig­bleiben, ja jede vorher­gehende Krise einen bisher uneroberten oder vom Han­del nur oberflächlich ausge­beuteten Markt dem Welthandel unterwor­fen hat." (dito)

 

Diese Analyse wurde von Rosa Luxem­burg syste­matisiert und vollständiger ent­wickelt, die zur Schlußfolgerung gelangte, daß das Wachs­tum des Kapitalismus von der kontinuierlichen Erobe­rung vor-kapi­talistischer Märkte abhängt, da die Gesamt­heit des vom globalen Kapital pro­duzierten Mehr­werts seinem eigentlichen Charakter entsprechend nicht in rein kapitalisti­schen Bereichen re­alisiert werden kann. Die Er­schöpfung der Märkte, die den Be­dürfnissen der Akkumulation entsprechen, werde das System in seine dekadente Phase stürzen:

 

"Durch diesen Prozeß bereitet das Kapital aber in zweifacher Weise seinen Unter­gang vor. In­dem es einerseits durch seine Aus­dehnung auf Kosten aller nichtkapitali­stischen Produktions­formen auf den Mo­ment lossteuert, wo die ge­samte Mensch­heit in der Tat lediglich aus Ka­pitalisten und Lohnproleta­riern besteht und wo eben deshalb weitere Ausdeh­nung, also zugleich Akkumulation, unmöglich wird. Zugleich ver­schärft es, im Maße wie diese Ten­denz sich durchsetzt, die Klassengegensätze, die interna­tionale wirtschaftliche und politi­sche Anarchie der­art, daß es, lange bevor die letzte Konse­quenz der ökonomischen Entwicklung - die ab­solute, ungeteilte Herrschaft der kapitalistischen Produktion in der Welt - erreicht ist, die Rebel­lion des internationalen Proletariats gegen das Be­stehen der Kapitalsherr­schaft herbeiführen muß.... Der heutige Imperialis­mus.... ist das letzte Stadium in seinem hi­storischen Prozeß: die Periode der verschärften und generali­sierten weltweiten Konkurrenz zwi­schen den kapita­listischen Staa­ten um die letzten Überreste an nicht­kapitalistischen Gebieten auf dem Plane­ten." (Luxemburg Werke Bd.5, S.430f)

 

Abgesehen von ihrer Analyse der unzertrennli­chen Einheit der kapitalisti­schen Produktions­verhältnisse und des Im­perialismus, die auf­zeigt, daß das System nicht überleben kann, ohne sich auszu­weiten, und daß es daher impe­rialistisch an sich sei, liegt der Hauptbeitrag von Rosa Luxemburg in der Schaffung von analyti­schen Werkzeugen zum Verständnis da­für be­gründet, wie, wann und warum das Sy­stem in seine Dekadenzperiode eintrat. Rosa beantwor­tete diese Fragen mit dem Ausbruch des I.Weltkrieges 1914-18, in­dem sie erkannte, daß der weltweite in­ter-imperialisti­sche Konflikt die Periode eröff­nete, in der der Kapitalismus zu ei­ner Fes­sel der Wei­terentwicklung der Produk­tivkräfte wird: "Die Not­wendigkeit des Sozialis­mus ist völlig gegeben, so­bald die Herr­schaft der Bourgeoisie den histori­schen Fortschritt nicht mehr be­fördert, und zu einer Fessel und Gefahr für die weitere Entwick­lung der Gesell­schaft wird. Was die kapitalistische Ordnung be­trifft, ist ge­nau das, was der gegenwärtige Krieg zeigt."

 

Wie auch immer die mannigfaltigen `ökonomischen' Erklärungen waren, diese Analyse wurde von der gesamten revolu­tionären Be­wegung geteilt.

 

Ein klares Verständnis dieses unlösbaren Wider­spruchs im Kapital verschafft uns einen Ansatz­punkt zum Verständnis dafür, wie das System in seiner Dekadenz bisher überlebt hat. Die Ge­schichte der kapitali­stischen ™konomie seit 1914 ist die Ge­schichte der Ent­wicklung von Linde­rungsmitteln gegen die Engpässe, die von der Ungleichheit des Weltmarkts geschaf­fen wur­den. Nur mit solch ei­nem Ver­ständnis können wir die zeitweilige 'Leistunsfähigkeit' des Ka­pitalismus (wie die Wachstumsraten nach 1945) auf ihre ei­gentliche Größe zurechtstutzen. Die Kri­tiker unseres Stand­punktes (s. International Review Nr.54 und 55) sind von den Zah­len die­ser Wachstumsraten geblendet, was sie blind gegenüber deren NA­TUR macht. Sie entfernen sich somit von der marxisti­schen Me­thode, die darauf abzielt, die wirkliche Natur der Dinge hervorzukeh­ren, die versteckt hinter ihrer Exi­stenz liegt. Diese wirkliche Natur ist es, die wir hier aufzuzeigen beabsichtigen (2).

 

2.  Wenn die Realisierung des Mehr­werts wichtiger wird als seine Produk­tion

 

Während der aufsteigenden Periode über­traf die Nachfrage im all­gemeinen das An­gebot; der Preis der Waren wurde von den höchsten Produktionsko­sten bestimmt, je­nen nämlich der am we­nigsten entwickel­ten Bereiche und Län­der. So war es mög­lich, daß letztere Profite er­zielten, die eine reale Akkumulation erlaubten, wohingegen die entwickelt­sten Länder in der Lage wa­ren, Super­profite zu re­alisieren. In der Dekadenz ist das Gegenteil der Fall: Ins­gesamt ist das Angebot größer als die Nach­frage, und die Preise werden von den niedrigsten Produkti­onskosten bestimmt. Eine Folge davon ist, daß die Bereiche und Länder mit den höchsten Pro­duktionskosten gezwungen sind, zu einem verrin­gerten Profit oder gar mit Verlust zu ver­kaufen oder sich dem Wertgesetz zu entziehen, um zu überleben (s. unten). Dies senkt  ihre Akkumulationsrate auf ein äußerst niedriges Ni­veau. Auch die bür­gerlichen ™konomen haben in ihrer eige­nen Sprache (jene des Verkaufs- und des Kostpreises) diese Um­kehrung bemerkt: "Wir werden von der heutigen Umkehrung des Ver­hältnisses zwischen Kostpreis und Verkaufs­preis heimgesucht.... Langfristig wird der Kost­preis seine Rolle behalten.... Aber während es früher   so war, daß der Verkaufspreis immer über dem Kostenpreis gehalten werden konnte, erscheint er heute übli­cherweise dem Marktpreis untergeord­net. Unter die­sen Umständen, in denen nicht mehr die Produk­tion, sondern der Ver­kauf das wesentliche ist, in denen die Kon­kurrenz immer härter wird, wählen die Betriebe den Ver­kaufspreis zum Ausgangs­punkt, um sich dann schrittweise dem Kostpreis anzunä­hern.... Um zu verkaufen, neigen die Betriebe heute dazu, zualler­erst den Markt und damit den Ver­kaufspreis zu be­rücksichtigen..... Dies ist so schla­gend, daß wir es heute des öfteren mit dem Parado­xon zu tun haben, daß es immer weniger der Kost­preis ist, der den Ver­kaufspreis be­stimmt, sondern immer häufi­ger das Gegenteil der Fall ist. Das Pro­blem ist: entwe­der die Pro­duktion aufzuge­ben oder unterhalb des Markt­preises zu produ­zieren" (J.Fourastier und B.Bazil, Pourquoi les prix bais­sent).

 

Ein spektakuläres Anzeichen dieses Phä­nomens tritt in den wild durcheinanderge­würfelten Pro­portionen der Verteilung und Ver­marktung in den endgültigen Kosten des Produkts auf. Diese Funktionen wer­den vom Handelskapital aus­geübt, das sich seinen Anteil bei der allgegen­wärtigen Verteilung des Mehrwerts nimmt, so daß seine Ausgaben in die Produktions­kosten eingehen. In der aufsteigenden Phase trug auch das Handelskapital, solange es die Steigerung der Mehrwertmenge und der jährlichen Pro­fitrate durch die Verkürzung des Waren- und Kapitalum­laufs sicherte, zum allgemeinen Preis­verfall bei, der diese Periode kennzeichnete (s. Graphik 4). In der dekadenten Phase änderte sich seine Rolle. Da die Produktivkräfte an die Gren­zen des Marktes stoßen, be­steht die Rolle des Handelskapitals nicht darin, die Mehrwert­mengen zu steigern, sondern vielmehr ihre Re­alisierung zu si­chern. Dies wird durch die kon­krete Realität des Kapitalismus ausgedrückt: ei­nerseits durch das Anwachsen der Zahl jener Leute, die in der Verteilung beschäftigt sind, und im all­gemeinen durch den zahlenmäßigen Rückgang der Mehrwertproduzenten im Ver­hältnis zu anderen Ar­beitern; anderer­seits durch das Anwach­sen der Ge­winnspanne des Han­delskapitals am end­gültigen Mehr­wert. Es wird geschätzt, daß in den wichtig­sten kapitalisti­schen Ländern die Verteilungskosten heute zwi­schen 50 und 70% der Warenpreise betra­gen. Inve­stitionen in die parasitären Bereiche des Handelskapitals (Marketing, Sponsoring, Lobbyis­mus, etc.) erhalten ein wachsendes Ge­wicht im Verhältnis zu Investitionen in die Pro­duktion von Mehrwert. Dies führt letztlich zu einer Zerstö­rung des produkti­ven Kapitals, was die wachsende para­sitäre Na­tur des System ent­hüllt.

 

 

 

2.1.  Kredit

 

"Das Kreditwesen beschleunigt daher die mate­rielle Entwicklung der Produktivkräfte und die Herstel­lung des Weltmarkts, die als materielle Grundlagen der neuen Pro­duktionsform bis auf einen gewissen Hö­hergrad herzustellen, die hi­storische Auf­gabe der ka­pitalistischen Produkti­onsweise ist. Gleichzeitig beschleunigt der Kre­dit die gewaltsamen Ausbrüche dieses Wider­spruches, die Kri­sen, und damit die Ele­mente der Auflösung der alten Produktions­weise." (MEW25, S.457)

 

In  der aufsteigenden Phase war der Kredit ein mächtiges Mittel zur Beschleunigung der Entwick­lung des Kapitalismus, indem er den Kreislauf der Kapitalakkumulation verkürzte. Der Kredit, der einen Fort­schritt bei der Reali­sierung einer Ware darstellte, konnte seinen Kreislauf vervoll­ständigen dank der Möglich­keit, neue au­ßerkapitalistische Märkte zu durch­dringen. In der Dekadenz ist dieses Resultat immer weniger möglich; der Kredit wird somit zu einem Linderungsmittel gegen die wach­sende Unfähigkeit des Ka­pitals, die Ge­samtheit des produzierten Mehrwertes zu realisieren. Die Akku­mulation, die durch den Kredit zeitweise ermöglicht wird, ent­wickelt lediglich einen Ab­szeß, der un­vermeidlicherweise zu einem allge­meinen imperiali­stischen Krieg führt.

 

Der Kredit hat nie eine zahlungsfähige Nach­frage für sich gebil­det, und dies gilt noch weni­ger in der Dekadenz - im Ge­gensatz zu dem, was uns Com­munisme ou Civilisation (CoC) er­zählt: "Der Kredit ist nunmehr in den Kreis je­ner Ursachen auf­gerückt, die es dem Kapital erlauben zu akkumulieren; man kann genauso­gut sa­gen, daß die kapitalistische Klasse in der Lage ist, dank einer zahlungsfähigen Nachfrage, die aus der kapitalistischen Klasse her­rührt, den Mehrwert zu realisie­ren. Auch wenn die­ses Ar­gument nicht in dem Pamphlet der IKS über die Dekadenz des Ka­pitalismus auftaucht, ist es mittler­weile Teil der Aufnahmekriterien dieser Sekte geworden. Sie stimmt nun zu, was sie zu­vor un­nachgiebig abgestritten hatte: die Mög­lichkeit der Realisierung des für die Akkumula­tion bestimmten Mehrwerts." (CoC, Nr.22) (3). Der Kredit dient zur Förderung der Realisierung von Mehrwert und er­möglicht so eine beschleu­nigte Voll­endung des ge­samten Kreislaufes ka­pitalistischer Reproduktion. Marx zufolge ent­hält dieser Kreislauf - wie so oft verges­sen wird - sowohl die Produk­tion als auch die Realisie­rung der produzierten Waren. Was die auf­steigende Phase des Kapitalis­mus von seiner deka­denten unter­scheidet, das sind die Bedin­gungen, unter denen der Kredit wirkt. Die weltweite Sätti­gung der Märkte verlangsamt die Wiedererlan­gung des investierten Kapitals in steigendem Maße und macht sie zunehmend unmög­lich. Daher befindet sich das Kapital auf einem wachsenden Schulden­berg, der im­mer astronomischere Ausmaße an­nimmt. Der Kredit macht es also möglich, die Fik­tion von einer Ausweitung der Akkumula­tion auf­rechtzuerhalten und den endgülti­gen Tag der Ab­rechnung hinauszuschie­ben, an dem das Ka­pital die Zeche zahlen muß. Da es zu einer an­deren Hand­lungsweise unfähig ist, treibt das Kapital unerbittlich Handelskrie­gen und schließlich dem inter-imperiali­stischen Krieg entge­gen. Der Krieg ist die einzige `Lösung' für die Überproduktionskrisen in der De­kadenz (s. dazu International Review, Nr.54). Die Zah­len der Tabelle 1 und der Graphik 1 veran­schaulichen dieses Phä­nomen.

 

Konkret zeigen die Zahlen der Tab.1, daß die USA Schulden in Höhe des zweiein­halbfachen jährlichen Bruttosozialproduk­tes (BSP), Deutschland in Höhe des einfa­chen jährlichen BSP ange­häuft haben. Sollten diese Schulden jemals zurückbe­zahlt wer­den, müßten die Ar­beiter dieser Länder zweieinhalb Jahre bzw. ein Jahr  umsonst arbeiten. Diese Zahlen zeigen auch, daß die Schul­den schneller wachsen als das BSP, was ein Anzeichen dafür ist, daß seit eini­ger Zeit  die wirtschaftli­che Entwicklung immer mehr durch Kredite stattfin­det.

 

Diese beiden Beispiele sind keine Aus­nahme, son­dern veran­schaulichen die weltweite Ver­schuldung  des Kapitalismus. Zwar sind Kalku­lationen vor al­lem ange­sichts des Mangels an vertrau­enswürdigen Statistiken äußerst gewagt, aber man kann anneh­men, daß die Schulden zwischen dem anderthalb bis zweifachen welt­weiten BSP be­tragen. Zwischen 1974 und 1984 wuchsen die weltweiten Schulden um un­gefähr 11 %, während die Wachs­tumsrate des welt­weiten BSP ungefähr um 3,5 % zunahm!

 

Nachfolge Zahlen illustrieren die Wachs­tums- und Schul­denentwicklung, wie sie in den meisten Ländern zu beobachten ist. Die Schulden wach­sen er­sichtlich schneller als die Industrieproduktion. Während frü­her das Wachstum in steigendem Maße vom Kredit abhängig war (1958-74: Pro­duktion 6,01%, Kredite 13,26%), hängt heute schon die bloße Fortsetzung der Sta­gnation von Krediten ab (1974-81: Produk­tion 0,15%, Kre­dite 14,08%).

 

Entwicklung der Verschuldung im Kapitalismus

 

Öffentliche und private Verschuldung 

 

Verschuldung der Haus­halte

 

 

 

                BRD    USA                                 USA

 

 

 

Statistik wird noch eingestellt

 

 

 

 

 

Seit Beginn der Krise wurde jede wirt­schaftliche Er­holung von ständig größeren Kreditmassen getra­gen. Die Konjunktur 1975-79 wurde von Krediten stimuliert, die der   `Dritten Welt' und den soge­nannten `sozialistischen' Ländern gewährt worden wa­ren. Jene von 1983 wurde von einem Wachstum in der Schulden­aufnahme von Seiten der amerikani­schen Behörden getra­gen (hauptsächlich im Inter­esse der Rüstungs­ausgaben). Die CoC ver­steht die­sen Prozeß in keiner Weise und unter­schätzt völlig die Aus­weitung des Kredites als die Überlebens­weise des Kapitalis­mus in der Dekadenz.

 

 

 

2.2  Außerkapitalistische Märkte

 

Wir haben bereits gesehen (s. International Re­view, Nr.54), daß die Dekadenz des Kapitalis­mus nicht durch das Verschwin­den der außer­kapitalistischen Märkte cha­rakterisiert wird, sondern durch ihre Un­verhältnismäßigkeit ge­genüber den Be­dürfnissen ei­ner ex­pandierenden Akku­mulation des Kapitalismus. Das heißt, daß die außerkapitalistischen Märkte nicht mehr aus­reichen, um die Ge­samtheit des vom Kapitalis­mus produzierten und für die Reinvestie­rung vorgesehenen Mehrwerts zu realisieren. Ange­spornt von einer im­mer begrenzteren Akkumulati­onsbasis, ver­sucht der dekadente Kapitalismus, das Betätigungsfeld, das von den Überresten dieser Märkte gebildet wird, so ef­fektiv wie mög­lich aus­zubeuten, und zwar auf dreierlei Weise.

 

Erstens durch eine beschleunigte und ge­plante Ein­gliederung der verbliebenen Be­reiche merkantilisti­scher Wirtschaft inner­halb der ent­wickelten Länder.

 

 

 

Anteil der aktiven Bauernbevölkerung an der gesamten beschäftigen Bevölkerung

 

Grande-Bretagne: GB, Allemagen: BRD, Espagne: Spanien

 

 

 

Grafik wird noch eingestellt

 

 

 

 

 

 

 

Obige Grafik zeigt, daß in einigen Ländern die Integra­tion der mer­kantilen Bauernwirt­schaft in die kapita­listischen gesellschaftli­chen Produkti­onsverhältnisse bereits mit 1914 vollendet war, wohinge­gen sie in an­deren Ländern (Frankreich, Spanien, Ja­pan, etc.) erst während der Dekadenz und beschleunigt nach 1914 statt­fand.

 

Bis zum 2.Weltkrieg wuchs die Produkti­vität in der Landwirtschaft langsamer als in der Indu­strie, was die Folge einer lang­sameren Ent­wicklung in der Ar­beitsteilung war, entspre­chend u.a. dem immer noch großen Gewicht der Bodenrente, die einen Teil des für die Me­chanisierung benötigten Kapitals ab­zweigte. Nach dem 2.Weltkrieg wuchs die Ar­beitsproduktivität in der Landwirtschaft schnel­ler als in der Indu­strie. Dies nahm die Form ei­ner Politik an, die alle möglichen Mittel be­nutzte, um die Sub­sistenzwirtschaft der klein­bäuerlichen Familien zu ruinieren, die noch immer an die merkantile Klein­produktion ge­bunden waren, und um sie in ein rein kapitali­stisches Geschäft umzuwandeln. Soweit der Prozeß der Industrialisierung der Landwirt­schaft.

 

Angespornt von der Suche nach neuen Märkten, ist die Periode der Dekadenz ge­kennzeichnet durch eine verbesserte Aus­beutung der verblie­benen außerka­pitalistischen Märkte.

 

Einerseits erleichterten verbesserte Tech­niken, ver­besserte Kom­munikationsmittel und fallende Trans­portkosten die Penetra­tion - sowohl in In­halt und Umfang - und Zerstörung der merkan­tilistischen ™kono­mie in der außerkapitalisti­schen Sphäre.

 

Andererseits entlastete die sich entfaltende Poli­tik der `Dekolonialisierung' die Me­tropolen von einer kostenträchtigen Bürde und erlaubte ih­nen, den Um­satz ihres Ka­pitals zu verbes­sern und ihren Absatz in den alten Kolonien zu stei­gern (der durch die Überausbeutung der einge­borenen Be­völkerung be­zahlt wurde). Ein großer Teil dieses Absatzes be­stand aus Waffen, das erste und absolute Bedürfnis für den Auf­bau einer lokalen Staats­macht.

 

Der Rahmen, in dem sich der Kapitalismus während seiner auf­steigenden Periode ent­wickelt hatte, er­möglichte die Vereinheitli­chung der Produktionsbe­dingungen (technische und soziale Bedin­gungen, die durchschnittliche Arbeitspro­duktivität, etc.). Im Ge­gensatz dazu hat die De­kadenz die Ungleichheiten in der Ent­wicklung zwischen den entwickelten und unterentwickel­ten Län­dern gesteigert (s. Internatio­nal Review, Nr.23 und 54).

 

Während in der Aufstiegsperiode die Pro­fite, die den Kolonien entzogen worden waren (Verkauf, Anleihen, Investitionen), größer wa­ren als jene, die aus dem unglei­chen Austausch resultierten (4), fin­det in der Dekadenz das Ge­genteil statt. Die Ent­wicklung der Austausch­verhältnisse über einen lan­gen Zeitraum zeigt diese Tendenz auf. Seit dem zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts ha­ben sie sich deutlich zu­ungunsten der sog. `Dritten Welt' ver­schlechtert.

 

 

 

2.3  Staatskapitalismus

 

Wir haben bereits gesehen (s. International Re­view, Nr.54), daß die Entwicklung des Staats­kapitalismus eng mit der kapitalisti­schen Deka­denz verknüpft ist. (5) Der Staatskapitalismus ist eine weltweite Poli­tik, die dem System in jedem seiner Berei­che des sozia­len, politischen und wirt­schaftlichen Lebens aufge­zwungen wird. Der Staatskapitalismus hilft, die un­überwindbaren Wider­sprüche des Kapita­lismus ab­zuschwächen: auf der gesell­schaftlichen Ebene durch eine bessere Kontrolle einer Ar­beiterklasse, welche mittlerweile entwickelt ge­nug ist, um eine reale Gefahr für die Bour­geoisie zu sein; auf der politischen Ebene durch die Be­herrschung der wachsenden Span­nungen zwischen den bürgerlichen Fraktionen; auf der ökonomischen Ebene durch die Be­sänftigung der sich häufenden explosiven Wider­sprüche. Auf dieser letztgenannten Ebene, die uns hier angeht, interveniert der Staat mit einer Reihe von Mecha­nismen:

 

 

 

2.3.1  Das Umgehen des Wertgesetzes

 

Wir haben gesehen, daß in der Dekadenz ein immer wichtigerer Anteil der Produk­tion der strikten Be­stimmung des Wertge­setzes entflieht (International Review, Nr.54). Zweck dieses Prozesses ist es, Ak­tivitäten, die ansonsten an dem gnadenlo­sen Verdikt des Wertgesetzes scheitern würden, am Leben zu erhalten. Dem Ka­pitalismus gelingt es so für eine Weile, aber nur für eine Weile, dem eisernen Geset­zen des Marktes zu entgehen.

 

Permanente Inflation ist eines der Mittel, um letzte­ren zu begeg­nen. Sie ist zudem ein typi­sches Phä­nomen einer dekadenten Produktions­weise (6).

 

 

 

Entwicklung der Großhandels­preise in fünf entwickel­ten Ländern von 1750 bis 1950-70

 

Statistik wird noch eingestellt

 

 

 

 

 

Entwicklung der Einzelhandelspreise in Frankreich von 1820 - 1982

 

 

 

Einzelhandelspreise in Frankreich

 

Statistik wird noch eingestellt

 

 

 

 

 

 

 

Nachdem sie ein Jahrhundert lang stabil geblieben waren, explodierten die Preise nach dem 1. Weltkrieg, vor allem nach dem 2. Weltkrieg. Zwischen 1914-1982 stiegen sie um das Tausendfache an. Quelle INSEE

 

 

 

Wenn eine periodische Senkung und Neuord­nung der Preise zum Wertaus­tausch (Produktionspreis) durch das An­schwellen der Kredite und der Inflation künstlich verhindert wird, dann kann eine ganze Reihe von Betrie­ben, deren Ar­beitsproduktivität unter­halb des Durch­schnitts ihrer Branche gefallen ist, nichts­destotrotz der Entwertung  ihres Kapitals und dem Bankrott entkommen. Auf lange Sicht je­doch kann dies nur das Ungleich­gewicht zwi­schen den Produktionska­pazitäten und der zah­lungsfähigen Nach­frage stei­gern. Die Krise wird verzögert, nur um später noch stärker zurück­zukehren. In der Ge­schichte der ent­wickelten Länder er­schien die Infla­tion zum ersten Mal, als der Staat rüstungs- und kriegsgebundene Ausgaben machte. Später kam noch die Entwick­lung des Kre­dits und der unpro­duktiven Ausgaben zu den Waffen­ausgaben hinzu und wirkte als  Hauptursache der Inflation.

 

Die Bourgeoisie hat eine ganze Reihe antizykli­scher Maßnahmen ergriffen. Aus­gerüstet mit der Erfah­rung der Krise von 1929, die durch den Isolationis­mus be­trächtlich erschwert wor­den war, hat sich die herrschende Klasse von ihrem verblie­benen Irrglau­ben über den Frei­handel, wie vor 1914, losgesagt. Die 30er Jahre und erst recht die Periode nach 1945, mit dem Höhepunkt des Keynesianismus, wa­ren durch eine Serie konzertierter staatskapitalisti­scher Maßnahmen gekenn­zeichnet. Es ist schlech­terdings unmöglich, hier auf alle von ihnen ein­zugehen, aber sie alle hatten dasselbe Ziel: die Kontrolle über die Schwankungen in der ™ko­nomie zu erlangen und die Nachfrage künstlich zu stützen.

 

Der Grad der Staatsinterventionen in der Wirt­schaft ist gewach­sen. Dieser Punkt wurde be­reits in  vor­herigen Ausgaben von In­ternational Review breit abgehan­delt; hier wollen wir uns nur mit ei­nem Ge­sichtspunkt befassen, mit ei­nem Aspekt, der bisher le­diglich angedeutet worden war: die staatli­chen Eingriffe im gesell­schaftlichen Bereich und ihre Auswirkun­gen auf die Wirtschaft.

 

Während der Aufstiegsphase des Kapita­lismus wa­ren steigende Löhne, die Redu­zierung der Arbeits­zeit und verbesserte Arbeits­bedingungen "Konzessionen, dem Kapital abgerungen durch einen erbitterten Kampf.... Das Englische Ge­setz über den Zehnstunden­arbeitstag war in der Tat das Ergebnis eines langwierigen Kampfes zwi­schen der Kapitalistenklasse und der Arbei­terklasse." (Marx, Das Kapital). In der Deka­denz stellten die Zuge­ständnisse der Bourgeoisie an die Arbeiterklasse wäh­rend der revolutio­nären Er­hebungen 1918-23 zum ersten Mal Maßnahmen dar, die dazu dienten, eine soziale Bewegung, de­ren Ziel nicht mehr war, dauer­hafte Re­formen innerhalb des System zu er­langen, sondern die Macht zu ergrei­fen, zu besänf­tigen (8-Stunden-Arbeitstag, allgemei­nes Wahlrecht, Sozialversicherung, etc.) und zu kontrol­lieren (Tarifverträge, Gewerkschafts­rechte, Betriebsräte, etc.). Gerade die letztge­nannten Maß­nahmen, die eigentlich nur eine Begleiterscheinung des Kampfes waren, werfen ein Schlaglicht auf die Tatsache, daß in der ka­pitalistischen Dekadenz der Staat mit Hilfe der Gewerkschaften soziale Maßnah­men organisiert, kon­trolliert und plant, um die pro­letarische Bedro­hung abzuwenden. Dies wird unter­strichen durch das An­schwellen der staatlichen Aus­gaben, die dem sozialen Bereich gewidmet werden (indirekte Löhne, die der Gesamtlohn­menge entzo­gen wer­den).

 

 

 

Staatliche Sozialausgaben (Anteil am BSP)

 

 

 

              BRD    Frank.   GB    USA

 

 

 

Statistik wird noch eingestellt

 

 

 

 

 

In Frankreich ergriff der Staat in einer Pe­riode des sozialen Frie­dens eine ganze Reihe von Maßnah­men: Krankenversiche­rung ab 1928-30, unentgeltli­che Erziehung ab 1930, Kindergeld ab 1932. In Deutsch­land wurde die Krankenver­sicherung auf Büroange­stellte und Landarbeiter ausge­weitet, ab 1927 wurde den Arbeits­losen eine finanzielle Hilfe gewährt. Das gegenwär­tige System der sozialen Si­cherheit in den ent­wickelten Ländern wurde wäh­rend und gleich nach dem 2.Weltkrieg (7) entwor­fen, diskutiert und ge­plant: in Frankreich 1946, in Deutsch­land 1954-57 (Montangesetz 1951), etc.

 

Alle diese Maßnahmen zielten zuvorderst auf eine bessere soziale und politische Kontrolle über die Arbeiterklasse und auf die Stei­gerung ihrer Abhän­gigkeit von Staat und Gewerkschaf­ten (indirekte Löhne) ab. Aber auf der ökono­mischen Ebene hat­ten sie einen zweiten Effekt: Sie verminderten die Schwankungen in der Nachfrage des Sektors II (Konsumgüter), wo die Überproduktion zuerst auf­tritt.

 

Die Einrichtung von Einkommenshilfen, automati­schen Lohnerhö­hungen (8) und die Entwicklung von sogenannten Verbraucherkre­diten sind alle Teil des­selben Mechanismus.

 

 

 

2.4  Waffen, Krieg, Wiederaufbau

 

In der Periode der kapitalistischen Deka­denz besit­zen Kriege und Rüstungspro­duktion kei­nerlei Funk­tion mehr in der ka­pitalistischen Gesamtentwick­lung. Sie sind weder Akkumula­tionsfelder des Ka­pitals noch ein Moment in der politischen Verein­heitlichung der Bourgeoisie (wie in Deutschland nach dem Deutsch-franzö­sischen Krieg von 1871: siehe dazu Internatio­nal Review, No.51, 52, 53).

 

Kriege sind der höchste Ausdruck der Krise und Dekadenz des Kapitalismus. A Contre Courant (ACC) weigert sich, dies einzu­sehen. Für diese `Gruppe' besitzen Kriege, mit Blick auf die Zerstö­rungen, die sie anrichten und die die wachsende Hef­tigkeit der Krisen in einem sich konstant wei­terentwickelnden Kapitalis­mus aus­drücken, eine ökonomische Funktion bei der Entwertung  von Ka­pital. Kriege in der auf­steigenden und in der deka­denten Peri­ode des Ka­pitalismus würden daher kei­nerlei qualitative Unter­schiede aufweisen. "Auf die­ser Ebene möchten wir selbst der Idee eines Welt­krieges eine Perspektive verschaffen.... Alle Kriege im Kapitalismus haben somit einen im wesentlichen inter­nationalen In­halt.... Was sich geändert hat, ist nicht der unver­änderte glo­bale In­halt des Krieges (ob dies nun die Deka­dentisten mögen oder nicht), sondern sein Um­fang und seine Tiefe, die noch welt­weiter und kata­strophaler sind" (A Contre Cou­rant, Nr.1). ACC führt zwei Beispiele an, um ihre These zu stützen: die Periode der Napoleonischen Kriege (1795-1815) und die, im Vergleich zum 2. Weltkrieg, noch lokale Natur (sic!) des 1. Welt­krieges. Diese bei­den Beispiele beweisen überhaupt nichts.

 

 

 

Graphik 5.  Entwicklung der Einzelhan­delspreise in Frankreich 1820-1982

 

Statistik wird noch eingestellt

 

 

 

 

 

Nachdem sie ein Jahrhundert lang stabil geblie­ben waren, explo­dierten nach dem 1. Weltkrieg die Preise in Frankreich noch stär­ker als nach dem Zweiten; sie sind zwischen 1914 und 1982 um das 1000-fa­che gestiegen.

 

Quelle: INSEE

 

 

 

Während in der aufsteigenden Periode die Ten­denz der Preise ins­gesamt stabil blieb oder fiel, hat sich in der Dekadenz die Tendenz in ihr Gegenteil ver­kehrt. 1914 fing die Phase der permanenten In­flation an.

 

Die Napoleonischen Kriege wurden am Wende­punkt zwischen zwei Produktions­weisen ausge­fochten; sie sind tatsächlich die letzten Kriege des Ancien Ré­gime ( Dekadenz des Feudalis­mus) gewesen und können nicht in einem Atem­zug mit den charakteri­stischen Kriegen des Ka­pitalismus ge­nannt werden. Obwohl Na­poleons Wirtschaftsmaß­nahmen die Ent­wicklung des Kapitalismus ermutig­ten, en­gagierte er sich auf politischer Ebene, in be­ster Tradition des An­cien Régime, in ei­nem militäri­schen Feldzug. Die Bour­geoisie hegte keine Zweifel darüber; nach­dem sie ihn eine Zeitlang unterstützt hatte, stürzte sie ihn, weil sie seine Feldzüge zu teuer fand und seine Kontinentalblockade eine Be­hinderung ih­rer Entwicklung dar­stellte. Auch das zweite aufgeführte Bei­spiel erfordert entwe­der eine außerordent­liche Phantasie oder eine nicht minder au­ßergewöhnliche Ignoranz. Es geht nicht um einen Ver­gleich zwi­schen dem 1. und dem 2. Weltkrieg, sondern um den Ver­gleich beider mit den Kriegen des vergan­genen Jahrhunderts - ein Vergleich, den die ACC mit Bedacht nicht anstellt. Wür­den sie ihn nämlich anstellen, wäre die Schluß­folgerung so deutlich, daß niemand sie übersehen kann.

 

Nach der Tollheit des Ancien Régime wurde der Krieg den Be­dürfnissen des Ka­pitalismus nach Welteroberung  angepaßt (wie wir in einiger Aus­führlichkeit in der International Review, Nr.54, er­klärt ha­ben), nur um einst wieder zu­rückzukehren, die Irratio­nalität des dekadenten kapitalisti­schen Sy­stems zu vervollständi­gen. Ange­sichts der sich ver­tiefenden Widersprüche des Kapitals war der 2.Weltkrieg unvermeidli­cherweise weitergehend und zer­störerischer als der 1., aber beider Haupt­kennzeichen sind iden­tisch und den Kriegen des letzten Jahrhun­derts entge­gengesetzt.

 

Was die Erklärung der ökonomischen Funktion des Krieges mit der Kapitalent­wertung (Anstieg der Pro­fitrate - MW / KK + VK - dank der  Zerstörung von konstantem Kapital) (VK= va­riables Ka­pital, KK= Konstantes Kapital) an­geht, so bricht sie nach ge­nauer Prüfung zu­sammen. Erstens, weil der Krieg auch Ar­beiter (VK) auslöscht, und zweitens, weil sich der An­stieg der organi­schen Zusam­mensetzung des Kapitals auch während des Krieges fortsetzt. Das zeitweise Wachstum der Profitrate in der un­mittelbaren Nach­kriegsperiode entspricht ei­nerseits der Niederlage und der Überausbeutung der Arbei­terklasse und andererseits dem An­stieg des relativen Mehrwerts infolge der Entwick­lung der Arbeitspro­duktivität.

 

Am Ende des Krieges sieht sich der Kapitalis­mus immer noch der Notwendig­keit gegenüber, die Ge­samtheit seiner Pro­duktion zu verkaufen. Was sich jedoch ge­ändert hat, ist erstens der zeitweise Rück­gang der für die Reinvestition bestimmten Mehr­wertmenge, die realisiert wer­den muß (entsprechend der durch den Krieg ver­ursachten Zerstörungen), und zweitens die Schrumpfung  des Marktes durch die Eliminie­rung von Konkur­renten (die USA schnappten sich die meisten Kolo­nialmärkte der eu­ropäischen Metropolen).

 

Was die Waffenproduktion anbetrifft, so ist sie pri­mär von der Notwendigkeit des Überlebens in einer Umgebung inter-impe­rialistischer Kon­kurrenz moti­viert, gleich, wieviel sie kostet. Erst danach spielt sie auch eine ökonomische Rolle. Obwohl auf der Ebene des globalen Ka­pitals die Waf­fenproduktion für eine Verzeh­rung von Kapital sorgt, ohne der Bilanz am Ende des Pro­duktionszyklus etwas hinzu­zufügen, erlaubt sie dem Kapital, seine Widersprü­che sowohl in Raum als auch in Zeit auszubreiten. In der Zeit, weil die Waffenpro­duktion zeitweise die Fiktion ei­ner kontinuierli­chen Akkumulation am Le­ben erhält, und im Raum, weil das Kapital durch das ständige Ent­fachen von lokalen Kriegen und durch den Ver­kauf eines großen Teils der produ­zierten Waf­fen an die `Dritte Welt' einen Transfer von Wer­ten der letztge­nannten an die entwickelte­ren Länder betreibt.(9)

 

 

 

3.  Die Erschöpfung der Linderungsmit­tel

 

Von den von uns oben geschilderten Maßnah­men, die bereits nach der Krise von 1929 teil­weise in die Praxis umgesetzt wurden (New Deal, Volksfront, DeMan-Plan, etc.), um den Schritt in die Todes­zone der fundamentalen Wi­dersprüche des Kapitalismus hinaus­zuzögern, wurde schon in der Nachkriegspe­riode bis zum Ende der 60er Jahre ausgiebig Ge­brauch ge­macht. Heute sind sie er­schöpft, und die Ge­schichte der letzten 20 Jahre ist die Ge­schichte ihrer wachsenden Unwirksamkeit.

 

Das Streben nach militärischem Wachstum bleibt eine Notwendig­keit (weil es seiner­seits von den wachsenden imperialistischen Bedürf­nissen voran­getrieben wird), aber es verschafft nicht einmal mehr zeitweise Er­leichterung von den wirtschaftli­chen Pro­blemen. Die massiven Kosten der Waffen­produktion erschöpfen nun direkt das pro­duktive Kapital. Aus diesem Grunde ver­langsamt sich heute ihr Wachstum (außer in den USA, wo die Rüstungs­ausgaben in der Periode von 1976-80 um 2.3% und in der Periode von 1980-86 um 4.6% wuch­sen) und fällt der Anteil der `Dritten Welt' an Rüstungsaus­gaben, selbst wenn die mi­litärischen Ausgaben im­mer mehr ver­steckt werden, insbe­sondere unter dem Titel der `Forschung'. Nichtsdestotrotz setzt sich der Anstieg der Mi­litärausgaben in jedem Jahr fort (um 3.2% von 1980-85), und zwar mit einer schnelleren Rate als das globale BSP (2.4%).

 

Der massive Gebrauch von Krediten hat den Punkt erreicht, wo er ernste finanzielle Beben provoziert (z.B. Oktober 1987). Der Kapitalis­mus hat keine andere Wahl mehr, als auf des Messers Schneide zwi­schen der Gefahr eines Rückfalls in die Hyperin­flation (die Kredite ge­raten außer Kontrolle) und der Rezession (entsprechend dem Ansteigen des Zins­satzes, was die Kreditauf­nahme verringert) zu wan­deln. Mit der Verallgemeinerung der ka­pitalistischen Produktionsweise wird die Produktion in stei­gendem Maße vom Markt getrennt; die Reali­sierung des Wa­renwerts und damit des Mehr­werts wird immer komplizierter. Es wird immer schwieriger für den`Produzenten' zu wis­sen, ob seine Waren Ab­satz, einen `Endverbraucher' finden.. Er weitet seine Produktion ohne jegli­che Rücksicht auf die Fähig­keit des Marktes aus, seine Produkte aufzu­nehmen. Kredite, die den Ausbruch der Krise auf­schieben, erschwe­ren nur das Gleichgewicht im Sy­stem, was be­deutet, daß, wenn die Krise einmal ausbricht, dies um so gewalt­tätiger geschieht.

 

Der Kapitalismus ist immer weniger im­stande, eine solche infla­tionistische Politik aufrechtzu­erhalten, die die Wirtschaftsak­tivitäten auf künstliche Weise unterstützt. Solch eine Politik setzt hohe Zinssätze voraus (denn wenn die In­flation erst ein­mal redu­ziert worden ist, gibt es kein großes Interesse am Geldverleihen mehr). Hohe Zinssätze beinhalten je­doch eine hohe Profitrate in der realen Ökonomie (es ist ein all­gemeines Gesetz, daß die Zins­sätze niedriger sein müssen als die durch­schnittliche Pro­fitrate). Dies aber ist immer weniger möglich, da die Krise der Über­produktion und der Absatzman­gel die Pro­fitabilität des investierten Kapitals senkt, so daß nicht mehr eine Profitrate erreicht werden kann, die ausreicht, um die Bank­zinsen zu zahlen. Dieses Di­lemma konkre­tisierte sich im Oktober 1987 in Gestalt der Börsen­panik.

 

Alle außerkapitalistischen Märkte sind un­ter ei­nem immensen Druck überausgebeu­tet worden und völ­lig außerstande, für einen Ausweg zu sorgen.

 

Heute hat die Entwicklung der unprodukti­ven Berei­che einen Punkt erreicht, wo eine inflatio­nistische Politik die Dinge eher ver­schlimmert als lindert. Die Zeit ist daher gekom­men, um die Aus­gaben für den Überbau zu reduzie­ren.

 

Schon die Linderungsmittel, die seit 1948 be­nutzt worden sind, standen auf keinem gesun­den Funda­ment, ihre heutige Er­schöpfung je­doch bildet eine ökonomische Todeszone von unvor­hergesehenem Aus­maß. Heute besteht die einzig mögliche Politik in einem Frontalangriff auf die Ar­beiterklasse, einen Angriff, der von jeder Regierung mit Hingabe aus­geführt wird, ob rechts oder links, Ost oder West. Den­noch verschafft diese Austerität, dank de­rer die Ar­beiterklasse täglich im Namen der `Wettbewerbsfähigkeit' eines jeden nationalen Ka­pitals teuer für die Krise zahlt, keine `Lösung' der allgegenwärtigen Krise; im Ge­genteil, sie verringert die zahlungsfähige Nach­frage nur noch weiter.

 

4.  Schlußfolgerungen

 

Wir haben die verschiedenen Elemente, die das Überleben des Kapitalismus erklä­ren, nicht von ei­nem akademischen Stand­punkt aus, sondern als Mi­litante betrachtet. Was uns beschäftigt, ist, die Be­dingungen für die Entwicklung des Klassenkampfes besser zu verstehen, indem wir ihn in dem einzig gültigen und kohärenten Rahmen plazieren - der Dekadenz des Kapita­lismus -, indem wir uns mit den verschiedenen Maßnahmen auseinandersetzen , die vom Staatskapitalismus eingeführt wurden, und in­dem wir die Eindringlich­keit und die Ge­fahren der gegenwärtigen Lage an­erkennen, die auf die Er­schöpfung der Linderungs­mittel des Kapita­lismus gegen die Krise zurückzu­führen sind (s. Internatio­nal Review, Nr.23, 26, 27, 31).

 

Marx wartete nicht bis er das `Kapital' ge­schrieben hatte, ehe er sich dem Klassen­kampf anschloß. Rosa Luxemburg und Lenin warteten nicht auf die Bestä­tigung der ökonomischen Analyse des Imperialis­mus, ehe sie für die Not­wendigkeit der Gründung einer neuen Interna­tionale eintraten, ehe sie den Krieg durch die Re­volution bekämpften, etc. Denn hinter ih­ren Meinungsverschie­denheiten (Lenin er­klärte den Imperialismus mit der fallenden Pro­fitrate und dem Monopolkapitalismus, Luxemburg mit der Sätti­gung der Märkte) verbarg sich eine profunde Übereinstim­mung in allen Haupt­fragen des Klassen­kampfes und besonders in der Aner­kennung des hi­storischen Bankrotts der kapita­listischen Produkti­onsweise, der die sozialisti­sche Revolution auf die Tages­ordnung setzte: "Aus allem, was über das ökonomische Wesen des Impe­rialismus ge­sagt wurde, geht hervor, daß er charakte­risiert wer­den muß als Übergangskapitalis­mus oder, richtiger, als ster­bender Kapi­talismus.... Parasitismus und Fäul­nis kennzeichnen das höchste Stadium des Ka­pitalismus, den Imperialismus...." (Ausgewählte Werke Bd.2, LW22, S.768) "Der Im­perialismus ist der Vorabend der sozialen Revolu­tion des Proletariats. Das hat sich seit 1917 im Welt­maßstab bestä­tigt." (dito S.653)"

 

Wenn diese beiden großen Marxisten we­gen ih­rer ökonomischen Analysen so hef­tig angegrif­fen wur­den, dann nicht wegen der ökonomi­schen Analysen als solche, sondern wegen ihrer politi­schen Positio­nen. Gleichermaßen verber­gen sich hinter dem ge­genwärtigen Angriff auf die IKS in bezug auf die ökonomischen Fragen eine Verweigerung der mili­tanten Verantwor­tung, eine rä­tekommunistische Auffassung von der Rolle der Revolutionäre, eine Nicht-Aner­kennung des gegenwärtigen hi­storischen Kurses hin zu Klassenkonfron­tationen und ein Man­gel an Überzeugung vom historischen Bankrott der kapitalisti­schen Produktionsweise.

 

 

 

C.Mcl.

 

(aus International Review, Nr. 56, 1. Quartal 1989)

 

 

 

(Es handelt sich um den 6. Teil einer Polemik zur Frage der De­kadenz. Einige Teile sind in der Internationalen Revue Nr. 10,11 auf deutsch und die anderen Teile auf engl./franz./span. erhält­lich)

 

 

 

 

 

Fußnoten:

 

1) Deshalb war sich Marx stets sehr klar über die Tatsache, daß, um über den Ka­pitalismus hinaus zur Schaffung des Sozia­lismus zu schreiten, die Ab­schaffung der Lohnarbeit Vor­bedingung ist: "Statt des konservativen Mottos: `Ein gerechter Ta­gelohn für ein gerechtes Ta­gewerk!', sollte sie [die Sozial­demokratie] auf ihr Banner  die revolutionäre Lo­sung schreiben: `Nieder mit dem Lohnsystem!'." (MEW16, S.152)

 

 

 

2)  Wir nehmen hier nicht für uns in An­spruch, eine detaillierte Erklärung der ökonomischen Mechanis­men und Ge­schichte des Kapitalismus seit 1914 zu lie­fern, sondern wollen lediglich die Haupte­lemente herausstellen, die ihm er­laubt ha­ben zu überleben, indem wir uns auf die Mittel konzen­trieren, die er benutzt hat, um den Tag der Abrechnung seiner fun­damentalen Wi­dersprüche zu umgehen.

 

 

 

3)  An dieser Stelle sollten wir hervorhe­ben, daß von einigen `legitimen', wenn auch akade­mischen Fragen abgesehen, dieses Pamphlet nichts an­deres ist als eine Reihe von Entstellun­gen, die auf dem Grundsatz basie­ren: `Derjenige, der sei­nen Hund töten will, be­hauptet zunächst, er habe die Tollwut'.

 

 

 

4)  Das Wertgesetz regelt den Austausch auf der Ba­sis des gleichen Arbeitsauf­wands. Aber in­nerhalb des nationalen Rahmens kapitalistischer gesell­schaftlicher Produktionsverhältnisse und unter dem ge­gebenen An­stieg der nationalen Unter­schiede in den Produktionsbedingungen in der Dekadenz (Arbeitsproduktivität und -inten­sität, organische Zu­sammensetzung des Kapi­tals, Löhne, Mehrwertra­ten, etc.) findet die Ega­lisierung der Profitraten, die den Produkti­onspreis bilden, wesentlich im natio­nalen Rah­men statt. Es existieren so­mit verschie­dene Preise für die­selbe Ware in verschiedenen Län­dern. Dies bedeutet, daß im internationa­len Handel das Tages­werk einer entwickelteren Na­tion gegen jenes einer weniger entwickelten Na­tion oder eines Niedrig-Lohn-Landes ausge­tauscht wird.... Länder, die Fertigprodukte ex­portieren, können ihre Waren über den Produk­tionspreis verkaufen, wobei er im­mer noch un­terhalb des Pro­duktionspreises des importieren­den Landes bleibt. Erstere realisieren somit durch den Werttransfer einen Superprofit. Zum Beispiel: 1974 ko­stete ein Doppelzentner (100 Kilo) US-Weizen vier Stundenlöhne eines Ar­beiters in den USA, aber 16 Stunden in Frankreich, was einer höheren Arbeitsprodukti­vität in den USA ent­sprach. Die amerikanische Agrarindu­strie konnte also ihren Weizen in Frankreich oberhalb des Pro­duktionspreises (4 Stun­den) verkaufen und blieb immer noch kon­kurrenzfähiger als der französische Wei­zen (16 Stunden) - was den beeindrucken­den Schutz ihres landwirtschaftlichen Marktes durch die EU und die unaufhörli­chen Streitereien über diese Frage erklärt.

 

 

 

5)  Für die EFICC trifft dies nicht mehr zu. Die Entwicklung des Staatskapitalis­mus wird mit dem Übergang von der for­malen zur realen Herrschaft des Kapitals erklärt. Wenn dies der Fall wäre, müßten wir rein statistisch eine kon­tinuierliche Weiterentwicklung des staatlichen Anteils in der Wirtschaft beobachten können, da dieser Übergang sich über eine lange Peri­ode erstreckte, und darüber hinaus müßten wir sei­nen Anfang bis in die aufstei­gende Periode zu­rückverfolgen können. Dies ist er­sichtlich nicht der Fall. Die Statistiken, die wir ver­öffentlichten, zeigen einen deutlichen Bruch im Jahr 1914. Während der aufsteigenden Phase war der Staatsan­teil in der Wirtschaft konstant klein (er schwankte um 12% herum), doch wäh­rend der De­kadenz wuchs er soweit, daß er heute im Durch­schnitt über 50% des BSP be­trägt. Dies bekräftigt unsere These der untrenn­baren Verbindung zwi­schen der Dekadenz und der Entwick­lung des Staats­kapitalismus und ent­kräftet kategorisch jene der EFICC.

 

 

 

6)  Nach dieser Artikelserie kann nur je­mand, der so blind wie unsere Kritiker ist, den klaren Bruch in der kapitalistischen Existenzweise überse­hen, der vom Ersten Weltkrieg dargestellt wird. All die lang­fristigen stati­stischen Aufstel­lungen, die wir in die­sem Artikel veröffentlicht haben, demonstrieren die­sen Bruch: Weltindu­strieproduktion, Welthandel, Preise, Staatsinter­ventionen, Austauschverhältnis und Bewaff­nung. Allein die Analyse der Dekadenz und ihre Erklärung mit der weltweiten Sättigung des Marktes machen diesen Bruch nachvollziehbar.

 

 

 

7)  Auf Wunsch der britischen Regierung stellte der liberale Abgeordnete Sir William Beveridge einen Bericht zusam­men, der, 1942 veröffent­licht, als Ba­sis des Sozialversicherungssystems in Großbritan­nien diente, aber auch die Sozialversicherungssys­teme in allen entwic­kelten Ländern inspi­rierte. Vor­rang hatte, gegen einen direkt vom Lohn abgezoge­nen Beitrag, die Si­cherung einer finanziellen Unter­stützung im Falle "sozialer Risiken" (Krankheit, Un­fall, Tod, Alter, Arbeitslo­sigkeit, Mutterschaft, etc.).

 

 

 

8)  Ebenfalls während des Zweiten Welt­krieges plante die niederländische Bour­geoisie mit den Ge­werkschaften eine pro­gressive Lohnsteige­rung in Verbindung mit, auch wenn sie darunter blieb, der Produktivitätssteige­rung.

 

 

 

9)  CoC mag es, wenn 2 plus 2 gleich 4 sind; wenn ihnen gesagt wird, daß eine 4 auch durch die Sub­trahierung der 2 von der 6 rauskommt, sehen sie darin einen Widerspruch. Daher kommt die CoC auf  "die IKS und ihre wider­sprüchlichen Betrach­tungen über die Aufrüstung (zurück). Während ei­nerseits die Aufrü­stung für den Absatz der Produk­tion in ei­nem Ausmaß sorge, daß beispielsweise die Wirtschaftskon­junktur nach der Krise von 1929 al­lein auf die Rüstungsindustrie zu­rückzuführen sei, lernen wir ande­rerseits, daß die Waffenproduktion keine Lösung der Krisen sei und daß Rüstungsaus­gaben daher eine unglaubliche Ver­schwendung von Kapital für die Entwicklung der Pro­duktivkräfte dar­stellen, daß die Rü­stungsproduktion auf die Minus­seite des allge­genwärtigen Gleichgewichts angesie­delt werden sollte." (CoC, Nr.22)