Terror, Terrorismus und Klassengewalt

Submitted by InternationaleRevue on Mon, 19/02/1979 - 15:50.
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Die Rolle der Revolutionäre lag so­mit darin, diese Kampagnen als das zu entlarven, was sie sind, und ebenso die stupide Unterwürfigkeit der linken Gruppen klar herauszustellen, die, wie z.B. einige trotzkistische Gruppen, ihre Zeit damit verbringen, die "Roten Brigaden" zu verwerfen, weil diese Aldo Moro "ohne ausreichende Beweise" und "ohne Zustimmung der Arbeiterklasse" verurteilt hätten,. Wenn die Revolutionäre den bürgerlichen Terror verurteilen und die Notwendigkeit der Gewaltanwendung für die Zerstörung den Kapitalismus durch die Arbeiterklasse bejahen, müssen sie sich gleichzeitig besonders klar sein über:

 

  • die wahre Bedeutung den Terrorismus
  • die zukünftige Form der von der Arbeiterklasse ausgeübten Klassenge­walt in ihrem Kampf gegen die Bourgeoisie.

     

    Und hier muss man auf das Bestehen verschiedener falscher Auffassungen selbst innerhalb solcher Organisationen, die die Klassenpositionen vertreten, hinweisen, die Gewalt, Terror und Terrorismus als synonym betrachten und davon ausgehen:

     

    • - dass ein "Arbeiterterrorismus" bestehen kann;
    • -dass gegenüber dem weißen Terror der Bourgeoisie die Arbeiterklasse diesem ihren eigenen revolutionären Terror gegenüberstellen muss, der gewissermaßen das Gegenstück sei.

       

      Wahrscheinlich ist es die bordigistische Internationale Kommunistische Partei (IKP "Kommunistisches Programm"), die sich am ausdrücklichsten zum Sprachrohr dieser Art Verwirrung gemacht hat, indem sie z.B. schreibt:

       

      "Vom Stalinismus verwerfen die Marchais und Pelikan nur die revolutionären Aspekte - die Einheitspartei, die Diktatur, den Terror -, welche sie von der proletarischen Revolution geerbt hatten." (Aus: "Programme Communiste" franz. Ausgabe, Nr.76, s. 87).

       

      So ist für diese Organisation der Terror, selbst wenn er vom Stalinismus verwendet wurde, dem Wesen nach revolutionär und es bestünde demnach eine Gleichheit zwischen den Methoden der proletarischen Revolution und den Methoden der schlimmsten Konterrevolution, die jemals die Arbeiterklasse getroffen hat.

       

      Außerdem neigte die IKP zur Zeit der Baader-Affäre dazu, die terroristischen Akte Baaders und seiner Gefährten als Ankündigung und als Beispiel der zu­künftigen Gewalt der Arbeiterklasse dar­zustellen- trotz der Vorbehalte gegenüber diesen, in die Sackgasse führenden Aktionen. So kann man in der Nr. 254 des "Le Prolétaire" lesen: "In dieser Gesinnung haben wir mit Unruhe den tragischen Epos Andreas Baaders und seiner Gefährten verfolgt, die an dieser Bewegung teilgenommen haben, der Bewegung der langsamen Akkumulation der Voraussetzungen des proletarischen Aufschwungs." Und etwas weiter: "der proletarische Kampf wird weitere Märtyrer kennen." Und schließlich erscheint die Idee eines "Arbeiterterrorismus" klar in Passagen wie: "Kurzum, um revolutionär zu sein, genügt es nicht, die Gewalt und den Terror der bürgerlichen Staaten zu verurteilen, man muss auch die Gewalt und den Terrorismus als unabdingbare Waffen der Befreiung des Proletariats beanspruchen"(Le Proletaire, Nr. 253).

       

      Gegenüber solchen Verwirrungen versucht der nachfolgende Text über die ein­fachen Definitionen der Lexika und des Sprachmissbrauchs, welche manche Revolutionäre in der Vergangenheit zufällig begangen haben, hinauszugehen und die bestehenden Unterschiede - von einem Stand­punkt des Klasseninhalts aus betrachtet - zwischen Terrorismus, Terror und Gewalt aufzudecken; insbesondere hinsichtlich der Gewalt, die die Arbeiterklasse für die Verwirklichung ihrer Befreiung gebrauchen wird.

       

      KLASSENGEWALT UND PAZIFISMUS

      Wenn man den Klassenkampf anerkennt, bedeutet das, dass man die Gewalt sofort als eines seiner grundlegenden und ihm innewohnenden Elemente akzeptiert. Das Bestehen von Klassen heißt, dass die Gesellschaft durch Interessengegensätze, durch unversöhnliche Interessen zerrissen wird. Die Klassen gründen sich auf der Basis dieser Antagonismen. Die zwischen den Klassen bestehenden gesellschaftlichen Beziehungen sind deshalb notwendigerweise die der Opposition und der Gegensätze, d.h. die Beziehungen des Kamp­fes.

       

      Das Gegenteil vorzutäuschen, d.h. zu behaupten, dass man diese Tatsachen durch den guten Willen der einen oder anderen bzw. durch die Zusammenarbeit und die Harmonie zwischen den Klassen überwinden könnte, hieße sich außerhalb der Realität zu stellen und wäre voll­kommen utopisch.

       

      Dass die ausbeutenden Klassen sich zu solchen Illusionen bekennen und sie verbreiten, ist nichts Überraschendes: Sie sind "von Natur aus" davon überzeugt, dass gar keine andere Gesellschaft, keine bessere Gesellschaft existieren kann als die Gesellschaft, in der sie die herrschende Klasse sind. Diese absolute und blinde Überzeugung wird ihnen durch ihre Interessen und Privilegien diktiert. Ihre Klasseninteressen und Klassenprivilegien stimmen mit dem Typ der Gesellschaft überein, die sie beherrschen; sie haben also ein Interesse daran, den beherrsch­ten und ausgebeuteten Klassen zu predigen, auf ihren Kampf zu verzichten, die bestehende Ordnung zu akzeptieren, sich den "historischen Gesetzen" zu unterwerfen, die die Herrschenden als unveränderlich ausgeben. Diese herrschenden Klassen sind somit gleichzeitig einerseits objektiv borniert, beschränkt und unfähig, die Dynamik des Klassenkampfes der unter­drückten Klassen zu verstehen. Andererseits sind sie subjektiv im höchsten Grade daran interessiert, die beherrsch­ten Klassen zur Aufgabe jeder Kampfbereitschaft zu bewegen, indem sie ihren Willen durch alle möglichen Mystifikationen zunichte machen.

       

      Aber die ausbeutenden Klassen sind nicht die einzigen, die solch eine Einstellung gegenüber dem Klassenkampf haben. Bestimmte Strömungen haben es für möglich gehalten, den Klassenkampf zu vermeiden, indem sie an die Intelligenz, an das bessere Verständnis, an die Menschen mit gutem Willen appellierten, um eine harmonische, brüderliche und gleichartige Gesellschaft zu schaffen. Dies waren z.B. die Utopisten zu Anfang des Kapitalismus. Im Gegensatz zur Bourgeoisie und ihren Ideologen waren die Utopisten keineswegs daran interessiert, den Klassenkampf zu vertuschen, um die Privilegien der herrschen­den Klassen aufrechtzuerhalten. Wenn sie den Klassenkampf vollständig umgingen, dann nur deshalb, weil sie die historischen Gründe des Bestehens von Klassen nicht verstanden. Hierin drückte sich die Unreife des Verstehens der Realität aus, in der das Bestehen des Klassenkampfes des Proletariats gegen die Bourgeoisie schon zur Tatsache geworden war. Obwohl sie das unvermeidliche Hinterherhinken des Bewusstseins gegenüber der Realität aus­drücken, sind sie ein Ausdruck dieses Versuches zum Bewusstsein zu gelangen, sind sie Elemente des theoretischen "Umhertastens" der Klasse. Deshalb wer­den sie mit vollem Recht als die Vorläufer der sozialistischen Bewegung angesehen, als ein bedeutender Beitrag zu der Bewegung, die in ihrer späteren Entwicklung mit dem Marxismus eine wissenschaftliche und historische Grundlage findet.

       

      Mit den humanistischen, pazifistischen und ähnlichen Bewegungen, die seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts aufgeblüht sind und die vorgeben, den Klassenkampf nicht zur Kenntnis zu nehmen, verhält es sich ganz anders. Diese leisten überhaupt keinen Beitrag zur Befreiung der Menschheit. Sie sind nur der Ausdruck der kleinbürgerlichen Klassen und Schichten, die historisch anachronistisch und machtlos sind. In der modernen Gesellschaft sind werden sie auf­gerieben, eingefangen in dem Kampf zwischen dem Kapital und dem Proletariat. Ihre Klassenübergreifende, gegen den Klassenkampf gerichtete Ideologie ist das Jammern einer unfähigen, verurteil­ten Klasse, die weder eine Zukunft im Kapitalismus und  noch weniger im Sozialismus, den das Proletariat ein­richten muss, hat. Sie sind erbärmlich und lächerlich, ihre Ideen und ihre politischen Verhaltensweisen, ihre Wehklagen, ihre Gebete und absurden Illusionen können nur den Weg und den Willen des Proletariats behindern. Aus dem gleichen Grunde sind sie jedoch im großen Maße vom Kapitalismus verwendbar, und sie werden tatsächlich vom Kapitalismus verwendet, der daran interessiert ist, alle Waffen für die Mystifizierung des Proletariats zu benutzen.

       

      Die Existenz der Klassen, des Klassenkampfes beinhaltet notwendigerweise Klassengewalt. Nur jämmerliche Heuler und ausgemachte Schwindler (d.h. Sozialdemokraten) können dies leugnen. Auf einer allgemeinen Ebene ist die Gewalt ein Charakteristikum des Lebens und man findet sie während der ganzen Entwicklung des Lebens vor. Jede Handlung beinhaltet einen gewissen Grad von Gewalt, da sie das Erzeugnis einer dauernden Störung des Gleichgewichts ist, welche aus dem Aufeinandertreffen entgegen gesetzter Kräfte resultiert. Die Gewalt ist in den Beziehungen zwischen den ersten Menschengruppen vorhanden; sie drückt sich übrigens nicht notwendigerweise in der Form von offener, physischer Gewalt aus. Gewalt bedeutet alles, was ein Aufzwingen, Zwang, Herstellen eines Kräfteverhältnisses, Drohung ist. Gewalttätig ist weiterhin all das, was zur physischen oder physiologischen Aggression gegen andere aufruft, aber ebenso wenn diese oder jene Situation oder Entscheidung aufgezwungen wird aufgrund der Tatsache, dass man im Besitz der Mittel dieser Aggression ist - ohne sie tatsächlich zu beanspruchen, aber obgleich Gewalt in dieser oder jener Form sich manifestiert, sobald Besitz oder Leben existiert, bewirkt  die Spaltung der Gesellschaft in Klassen, dass die Gewalt eine der prinzipiellen Grund­lagen der gesellschaftlichen Beziehungen ist, die im Kapitalismus fürchterliche Ausmaße annimmt.

       

      Jedes System der Ausbeutung von Klassen gründet seine Macht auf Gewalt, eine ständig wachsende Gewalt, die solche Ausmaße annimmt, dass sie zur Hauptinstitution der Gesellschaft wird. Die Ge­walt dient als Hauptstütze, die jegliche gesellschaftliche Gebilde abstützt und aufrechterhält, ohne welchen die Gesellschaft sofort zusammenbrechen würde. Als ein notwendiges Produkt der Ausbeutung einer Klasse durch eine andere wird die organisierte, konzentrierte Gewalt unter der höchst entwickelten Form den Staates, dialektisch zu einer grundsätzlichen Vorbedingung für die Existenz und die Aufrechterhaltung der Ausbeutungsgesellschaft. Dieser immer mehr bluttriefenden und mörderischen Gewalt der ausbeutenden Klassen können die ausgebeuteten und unterdrückten Klassen nur ihre eigene Ge­walt gegenüberstellen, wenn sie sich befreien wollen. An die "humanitären" Ge­fühle der ausbeutenden Klassen zu appellieren, wie es die Religiösen à la Tolstoi und Gandhi getan haben, oder die Sozialisten im Kaninchenfell, heißt an Wunder zu glauben, hieße von Wölfen zu er­warten, nicht mehr Wölfe zu sein, um sich in Lämmer zu verwandeln, hieße die Kapitalistenklasse zu bitten, nicht mehr Kapitalistenklasse zu sein, um sich zur Arbeiterklasse zu verwandeln.

       

      Der Gewalt der ausbeutenden Klasse, die dem Wesen dieser Klasse immanent ist, kann nur durch die revolutionäre Gewalt der unterdrückten Klassen ein Ende gesetzt werden. Dies zu verstehen, es vor­herzusehen, sich darauf vorzubereiten, sie zu organisieren, ist nicht nur eine entscheidende Vorbedingung für den Sieg der unterdrückten Klassen, sondern es garantiert auch den Sieg mit dem geringsten Leiden und in kürzester Zeit. Jemand der daran die geringsten Zweifel hat, der deswegen zögert, ist kein Revolutionär.

       

      DIE GEWALT DER AUSBEUTENDEN UND HERRSCHENDEN KLASSEN : DER TERROR

      Wir haben gesehen, dass Ausbeutung ohne Gewalt undenkbar ist, dass beide organisch untrennbar miteinander verbunden sind. Obgleich man sich Gewalt außerhalb von Ausbeutungsverhältnissen vorstellen kann, ist Ausbeutung nur mit und durch Gewalt zu verwirklichen. Das eine verhält sich zum anderen wie die Lungen zur Luft, die Lungen können nicht ohne Sauerstoff funktionieren.

       

      Genau wie beim Übergang des Kapitalismus zum Imperialismus erreicht auch die Gewalt verbunden mit der Ausbeutung eine neue und besondere Qualität. Sie ist nicht mehr eine zufällige oder zweitrangige Tatsache, sondern sie wird zu einem andauernden Zustand in allen Bereichen des sozialen Lebens. Sie durchsetzt alle Beziehungen, dringt in alle Poren der Gesellschaft ein, sowohl auf allgemeiner Ebene als auch in sog. persönlichen Beziehungen. Ausgehend von der Ausbeutung und ihren Bedürfnissen der Unterwerfung der produzierenden Klasse penetriert die Gewalt alle Beziehungen zwischen den Klassen und Schichten der Gesellschaft, zwischen den industrialisierten und unterentwickelten Ländern, zwischen den industrialisierten Ländern selber, zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen den Individuen, zwischen Regierenden und Regierten. Sie spezialisiert, strukturiert, organisiert und konzentriert sich in einem abgehobenen Organismus: dem Staat, mit seinen Armeen, seiner Polizei, seinen Gefängnissen, seinen Gesetzen, seinen Beamten und Folter­knechten, und dieser Organismus neigt dazu, sich über die Gesellschaft zu erheben und sie zu dominieren.

       

      Um die Ausbeutung den Menschen durch den Menschen sicherzustellen, wird die Gewalt zur ersten Aktivität der Gesellschaft, für welche diese einen ständig steigenden Teil ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Mittel ausgibt. Die Gewalt erlangt den Status der Kultur, der Kunst, der Wissenschaft. Eine angewandte Wissenschaft, nicht nur in Bezug auf die militärische "Kunst", auf die Waffentechnik, sondern in Bezug auf alle Bereiche, auf allen Ebenen, in der Organisierung von Konzentrationslagern, in den Einrichtungen von Gaskammern, in der "Kunst" der schnellen und massiven Auslöschung ganzer Bevölkerungen, in der Schaffung von richtigen Universitäten wissenschaftlicher und psychologischer Folter, in denen eine Unzahl diplomierter und anerkannter Folterer ausgebildet wird. Eine Gesellschaft, die nicht nur wie Marx feststellte "Kot und Blut aus allen Poren schwitzt", sondern die keinen Augenblick weder leben noch atmen kann außer­halb einer vergifteten und ansteckenden Atmosphäre von Kadavern, Tod, Zerstörung, Massakern, Leiden und Folter. In solch einer Gesellschaft, in der die Gewalt sich unendlich potenziert hat, ändert diese ihre Qualität - Gewalt wird zu Terror.

       

      Von der Gewalt im allgemeinen zu sprechen, ohne sich auf die konkreten Bedingungen zu beziehen, auf die historischen Epochen, auf die Klassen, welche sie ausüben, heißt, nichts von dem wahren Gehalt der Gewalt zu verstehen, der aus ihr eine unterschiedliche Qualität in auf Ausbeutung beruhenden Gesellschaf­ten macht. Auch versteht man nicht den Grund dieser grundlegenden Umwandlung der Gewalt zu Terror, die nicht auf eine einfache Frage der Quantität reduziert werden kann. Wenn man diesen qualitativen Unterschied zwischen Gewalt und Terror nicht begreift, begeht man den gleichen Fehler wie derjenige, der von der Ware sprechend, zwischen der Antike und dem Kapitalismus nur einen quantitativen Unterschied sieht, ohne auch nur den grundlegend qualitativen Unterschied zwischen den beiden Produktionsformen zu erfassen.

       

      In dem Maße wie die in antagonistische Klassen gespaltene Gesellschaft sich weiterentwickelt, wird die Gewalt in den Händen der ausbeutenden und herrschenden Klasse einen neuen Charakter annehmen: den des Terrors. Der Terror ist keine Eigenschaft und auch kein Mittel der revolutionären Klassen zur Durchführung ihrer Revolution. Hier haben wir eine rein formale und sehr oberflächliche Vorstellung, die darauf hinausläuft, den Terror als die revolutionäre Aktion par excellence zu glorifizieren. Denn dieser Vorstellung zufolge kommt man zum folgenden Axiom: "Je stärker der Terror, desto tief greifender und radikaler ist die Revolution." Aber dies wird durch die Geschichte voll­ständig widerlegt. Die Bourgeoisie hat ihn während ihres ganzen Bestehens und nicht nur in Zeiten ihrer Revolution (1848 und die Pariser Commune 1871) gebraucht und perfektioniert. Der Terror erreicht aber genau dann seinen Höhepunkt, wenn der Kapitalismus dekadent wird. Der Terror ist nicht der Ausdruck den revolutionären Wesens und der Aktion der Bourgeoisie während des Augenblicks ihrer Revolution, selbst wenn er in Zeiten der Revolution spektakuläre Erscheinungsweisen annahm. Er ist vielmehr ein Ausdruck des Klassencharakters der Ausbeutung. Wie jede ausbeutende Klasse kann auch die Bourgeoisie ihre Macht nur auf Terror stützen. Die Revolutionen, die die Machtübernahme der verschiedenen ausbeutenden Klassen sichergestellt haben, waren keineswegs die Vorfahren des Terrors, sondern sie übertrugen den Terror nur von einer Klasse auf die nächste ausbeuten­de Klasse. Die Bourgeoisie perfektioniert und verstärkt ihren Terror nicht so sehr, um ihn gegen die alte herrschende Klasse zu richten und mit ihr Schluss zu machen, sondern vielmehr um ihre Herrschaft über die Gesellschaft im allgemeinen und gegen die Arbeiterklasse im besonderen zu behaupten. Somit ist der Terror in der bürgerlichen Revolution kein Ziel, sondern eine Kontinuität, weil die neue Gesellschaft eine Fortsetzung der Gesellschaften der Ausbeutung den Menschen durch den Menschen ist. Die Gewalt in den bürgerlichen Revolutionen ist kein Ziel der Unterdrückung, sondern eine Kontinuität der Unterdrückung. Deshalb konnte die Gewalt nur die Form des Terrors annehmen.

       

      Zusammenfassend können wir den Terror als eine besondere Gewalt der ausbeuten­den und herrschenden Klassen bezeichnen. Der Terror wird nur verschwinden mit dem Verschwinden der ausbeutenden Klassen. Seine besonderen Kennzeichen sind:

       

      1.- organisch an Ausbeutung gebunden zu sein, und zu ihrer Ausübung gebraucht zu werden;

       

      • die Handlung einer privilegierten Klasse zu sein;
      • die Handlung einer Klasse zu sein, die gesellschaftlich in der Minderheit ist;

         

        2.- die Handlung eines spezialisierten Organismus zu sein, der sorgfältig ausgewählt wurde, in sich selbst ab­geschlossen ist und dazu neigt, sich jeder Kontrolle der Gesellschaft zu entziehen;

         

        • sich endlos zu reproduzieren und zu perfektionieren, sich auf alle Be­reiche, auf alle in der Gesellschaft bestehenden Beziehungen auszudehnen;

           

          3.- keine andere Daseinsberechtigung zu haben als die Unterwerfung und Niederschlagung der menschlichen Gemeinschaft;

           

          • feindliche Gefühle und Gewalt zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu entwickeln: Chauvinismus, Nationalismus, Rassismus und andere Monstrositäten;
          • egoistische Gefühle und Verhaltens­weisen zu entwickeln, sadistische Aggressivität, Rachegefühle,
          • einen endlosen, tagtäglichen Krieg von je­dem gegen jeden zu entfachen, was die ganze Gesellschaft in einen Zu­stand des Terrors ohne Ende stürzt.

             

            DER TERRORISMUS DER KLEINBÜRGERLICHEN KLASSEN UND SCHICHTEN

            Die kleinbürgerlichen Klassen (Bauern, Handwerker, kleine Geschäftsleute, freiberuflich Tätige, Intellektuelle) bilden in der Gesellschaft keine grundlegenden Klassen. Sie weisen weder eine spezifische Produktionsweise auf, noch bieten sie ein Gesellschaftsprojekt an. In marxistischen Begriffen betrachtet sind sie keine historischen Klassen. Selbst wenn ihre oberen Schichten ihre Einkommen aus der Ausbeutung fremder Arbeitskraft beziehen und somit zu den Privilegierten gehören, sind sie in ihrer Gesamtheit der Herrschaft der Kapitalistenklasse unterworfen, welche ihre Gesetze und ihre Unterdrückung auch über sie ausübt. Für sie gibt es keine Zukunft als Klassen. In den oberen Schichten besteht das Größte, wonach sie streben, darin, einzeln in die Kapitalistenklasse aufsteigen zu können. Die unteren Schichten sind unersättlich dazu verurteilt, ihr ganzes Eigentum und ihre "Unabhängigkeit" zu verlieren und sich zu proletarisieren. Die große Masse von ihnen ist zum Vegetieren, Dahinsiechen verurteilt, ökonomisch und politisch durch die Herrschaft der Kapitalistenklasse aufgerieben. Ihr politisches Verhalten wird durch das Kräfteverhältnis zwischen den beiden grundlegenden Klassen bestimmt; zwischen den Kapitalisten und dem Proletariat. Ihr aussichtsloser Widerstand gegen die erbarmungslosen Gesetze des Kapitals führt sie zu einer fatalistischen und passiven Verhaltens- und Denkweise. Ihre Ideologie ist die des individualistischen "Rette sich wer kann"; auf allgemeiner Ebene besteht diese aus den verschiedenen Arten jämmerlicher Klagen, der Suche nach Trost über das Elend, den unfähigen und lächerlichen pazifistischen Predigten aller Art sowie im Humanismus.

             

            Materiell niedergeschlagen, ohne irgendeine Zukunft, in einem fortdauern­den Vegetieren verfangen, sind sie in ihrer Verzweiflung ein leichtes Opfer für all die Mystifikationen, angefangen von den pazifistischen (religiösen Sekten, Naturalisten, Gewaltlosen, Atombombengegnern, Hippies, Umweltschützern, Kernkraftwerkgegnern) bis hin zu den blutrünstigen (Schwarzen Pogrom-Anfachern, Rassisten, Ku-Klux-Klan, faschistischen Banden, Gangstern und Söldnern aller Art usw.). Es ist der Heldenmut der Feigen, der Mut der Angsthasen, der Ruhm der gemeinen Mittelmäßigkeit. Nachdem der Kapitalismus sie in die größte Misere gestürzt hat, findet er in ihnen eine unerschöpfliche Reserve für das Anwerben der Helden des Terrors.

             

            Wenn es auch manchmal in der Geschichte zu Wut- und Gewaltausbrüchen seitens dieser Klassen gekommen ist, blieben diese Explosionen sporadisch und sie sind nie über die Bauernaufstände und Revolten hinausgegangen, denn ihnen öffnete sich nie eine andere Perspektive als niedergemetzelt zu werden. Unter dem Kapitalismus verlieren diese Klassen vollständig ihre Unabhängigkeit und sie dienen nur als Kanonenfutter und als Schachfiguren für die Zusammenstöße, in denen die verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse sowohl innerhalb als auch außerhalb der nationalen Grenzen aufeinander treffen. In den Augenblicken der revolutionären Bewegung und unter bestimmten günstigen Umständen kann die gewaltige Unzufriedenheit eines Teils dieser Klassen als zusätzlich wirkende Kraft dem Kampf des Proletariats dienen.

             

            Der unvermeidliche Prozess der Verarmung und der Proletarisierung der unteren Schichten dieser Klassen ist ein extrem schwieriger und schmerzvoller Prozess, der eine Bewegung zuge­spitzter Revolte hervorbringt. Die Kampf­bereitschaft dieser Kreise, die vor­wiegend aus Handwerker- und sozial deklassierten ­Intellektuellenkreisen stammen, beruht eher auf ihrer zur Verzweiflung treibenden Lage als Individuen als auf dem Kampf des Proletariats, dem sie sich nur schwer anschließen können. Was die­se Kreise vorwiegend auszeichnet, ist ihr Individualismus, ihre Ungeduld, ihr Skeptizismus und ihre Demoralisierung. Ihre Handlungen zielen eher auf spektakulären Selbstmord ab als auf ein besonderes Ziel. Nachdem sie ihre ehemalige "sichere Position" in der Gesellschaft verloren und jetzt keine Zukunft mehr vor sich haben, erleben sie einen Zu­stand der Misere und der erbitterten Revolte gegen diese unmittelbar erfahrene Misere. Selbst wenn sie durch einen Kontakt mit der Arbeiterklasse und mit ihrer historischen Aufgaben angeregt werden, so erreichen sie auch nur eine entstellte, deformierte Vorstellung und diese geht selten  über die Ebene der Fantasie und der Träume hinaus. Ihr wahres Wirklichkeitsbild bleibt beschränkt und borniert, dem Zufall überlassen.

             

            Die politische Ausdrucksweise dieser Bewegung nimmt extrem verschiedene Formen an, welche reichen von der streng individuellen Haltung bis hin zu den verschiedenen geschlossenen Sekten, Verschwörungen, Komplotten, Putschismus, exemplarischem Handeln bis hin zum Extrem: dem Terrorismus.

             

            Das, was in dieser Vielfalt ihre Einheit darstellt, ist ihre Unkenntnis der objektiven und historischen Bestimmungsgründe der Bewegung des Klassenkampfes, ihr mangelndes Verständnis der historischen Subjekte der modernen Gesellschaft, das alleine die soziale Umwälzung garantieren kann, nämlich das Proletariat.

             

            Die Erklärung für das anhaltende Auftreten dieser Strömung liegt in dem unaufhörlichen Prozess der Proletarisierung dieser Schichten während der ganzen Geschichte des Kapitalismus. Ihre Viel­falt und Unterschiede sind das Produkt ihrer lokalen und beschränkten Situationen. Dieses soziale Phänomen hat die Geschichte der Herausbildung der Arbeiterklasse „begleitet“, und es befindet sich somit in unterschiedlichem Maße mit der Arbeiterbewegung verwickelt. Dabei war es diesem sozialen Phänomen gelungen, Ideen in die Arbeiterbewegung einzubringen und Verhaltensweisen zu verbreiten, die der Arbeiterklasse fremd sind. Dies trifft besonders auf den Terrorismus zu.

             

            Wir müssen unbedingt auf diesem Hauptpunkt bestehen, wir dürfen bei diesem Thema keine Zweideutigkeit dulden. Es stimmt, dass zu Beginn der Bildung der Arbeiterklasse das Proletariat in seinem Bestreben sich zu organisieren, noch nicht die passende Form fand und mit Organisationsformen der geheimen, verschwörerischen Gesellschaften arbeitete, die das Erbe der bürgerlichen Revolution waren. Aber das ändert überhaupt nichts an dem Klassencharakter dieser Formen und an der Unzulänglichkeit gegenüber dem neuen Inhalt, dem Klassenkampf des Proletariats. Das Proletariat wurde schnell davon über­zeugt, sich von diesen Organisationsformen und Handlungsweisen loszulösen und sie endgültig zu verwerfen.

             

            So wie die theoretische Ausarbeitung unvermeidlich ein utopisches Stadium durchlaufen musste, musste auch die politische Organisationsbildung der Klasse unvermeidlich die Stufe der verschwörerischen Sekten durchmachen. Aber es ist wichtig, nicht noch die Verwirrungen zu verstärken, aus der Not keine Tugend zu machen, nicht die verschiedenen Stufen der Bewegung zu verwechseln und unter­scheiden zu wissen zwischen der unter­schiedlichen und gegensätzlichen Bedeutung ihrer Ausdrucksformen in den verschiedenen Stadien.

             

            So wie sich der utopische Sozialismus bei dem Erreichen eines gewissen Stadiums der Arbeiterbewegung von einem großen, positiven Beitrag in eine Fessel für ihre spätere Entwicklung verwandelt, sind auch auf der gleichen Weise und im gleichen Stadium die verschwörerischen Sekten zu negativen Zeichen einer drohenden Sterilisierung der Bewegung geworden.

             

            Von nun an leistet die Strömung, die jene in einem schwierigen Proletarisierungsprozess befindenden Schichten repräsentiert, keinen Beitrag mehr zu der sich schon entwickelnden Klassenbewegung. Diese Strömung fordert nicht nur die Organisationsform der Sekten und verschwörerische Methoden, sondern bei einer immer größeren Diskrepanz zur realen Bewegung wird sie dazu geführt, diese Forderung bis ins Äußerste zu treiben, daraus eine Karikatur zu machen, die ihren extremen Ausdruck in der Befürwortung der terroristischen Aktionen findet.

             

            Der Terrorismus ist nicht nur die Aktion des Terrors. Es dabei zu belassen, hieße auf einer terminologischen Ebene zu bleiben. Was wir herausstellen und unterstreichen wollen, sind die soziale Bedeutung und der Unterschied, der hinter diesen Begriffen steckt. Der Terror ist ein strukturiertes, permanentes von den ausbeutenden Klassen ausgeübtes Herrschaftssystem. Der Terrorismus dagegen ist eine Reaktion der unterdrückten Klassen. Es handelt sich um eine vorübergehende Reaktion, um Racheaktionen, die ohne Kontinuität und Zukunft sind.

             

            Wir finden eine anregende Beschreibung dieser Art Bewegung im Falle Panait Istratis und seiner Heiducken in der Geschichte Rumäniens am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Gleiche findet sich wie­der im Terrorismus der russischen Narodniki und ebenfalls, selbst wenn sie als verschieden erscheinen, bei den Anarchisten und der "Bonnot-Gang". Sie zeigen alle das gleiche Wesen auf: die Rache der Machtlosen, weil sie machtlos sind. Sie sind nie die Ankündigung von etwas Neuem, sondern der verzweifelte Ausdruck eines Endes, nämlich des eigenen Endes.

             

            Als ein gewaltsames Aufmucken der Machtlosen kann der Terrorismus nicht den Terror der herrschenden Klasse erschüttern. Es ist wie ein Mückenstich in die Haut eines Elefanten. Dagegen kann  und wird er oft vom Staat zur Rechtfertigung und Verstärkung dessen Terrors benutzt.

             

            Wir müssen unbedingt den Mythos verurteilen, demzufolge der Terrorismus als Sprengkapsel dazu diene oder dazu dienen könne, den Kampf des Proletariats in Gang zu setzen. Es wäre zumindest recht einzigartig, dass eine Klasse mit historischer Zukunft als Sprengkapsel ihres eigenen Kampfes eine zukunftslose Klasse suchen müsste. Es ist vollkommen absurd vorzutäuschen, dass der Terrorismus der radikalisierten Schichten der Kleinbourgeoisie das Verdienst habe, in der Arbeiterklasse die Auswirkungen der demokratischen Verschleierungen der bürgerlichen Legalität zu zerstören und ihr den unvermeidlichen Weg zur Gewalt klarzumachen. Das Proletariat hat von dem radikalen Terrorismus keine Lehren zu ziehen, ab­gesehen davon, dass es von ihm abrücken und ihn zurückweisen soll, denn die im Terrorismus beinhaltete Gewalt befindet sich grundsätzlich auf bürgerlichem Bo­den. Zu einem Verständnis der Notwendigkeit und Unabdingbarkeit der Gewalt kommt das Proletariat aufgrund seiner eigenen Existenz, mittels seines eigenen Kampfes, seiner eigenen Erfahrung, der Konfrontationen mit der herrschenden Klasse. Es ist eine Klassengewalt, die sich dem Wesen, dem Inhalt, der Form und den Methoden nach sowohl vom kleinbürgerlichen Terrorismus als auch vom Terror der herrschenden ausbeutenden Klasse unterscheidet.

             

            Es stimmt, dass die Arbeiterklasse im allgemeinen eine Haltung der Solidarität und der Sympathie einnimmt, zwar nicht gegenüber dem Terrorismus, den sie als Ideologie, als Organisationsform und als Methode verurteilt, sondern gegenüber den Kreisen, die vom Terrorismus in die Sackgasse geführt werden. Dies aus den folgenden Gründen:

             

            1.- weil diese Elemente gegen die bestehende Ordnung des Terrors revoltieren, auf dessen grundlegende Zerstörung das Proletariat hinarbeitet ;

             

            2.- weil diese Leute genau wie die Arbeiterklasse ebenso die Opfer der schrecklichen Ausbeutung und Unterdrückung durch die Todfeinde des Proletariats sind - die Kapitalistenklasse und ihr Staat. Die einzige Art für das Proletariat seine Solidarität mit diesen Opfern zu zeigen, liegt darin, zu versuchen, sie aus der tödlichen Sackgasse - dem Terrorismus -, in die sie sich verrannt haben - vor den Henkern des staatlichen Terrors zu retten.

             

            DIE KLASSENGEWALT DES PROLETARIATS

             

            Wir brauchen hier nicht auf der no­twendigen Gewalt des Klassenkampfes des Proletariats zu bestehen. Wir würden da­mit offene Türen einrennen, denn seit fast zwei Jahrhunderten, seit den "Gleichen" Babeufs, verfügen wir über die theoretische Erklärung und über die praktische Erfahrung ihrer Notwendigkeit und Unvermeidbarkeit. Es ist ebenso eine Zeitverschwendung zu wiederholen, als ob dies eine neue Erkenntnis sei, dass alle Klassen Gewalt anwenden müssen, das Proletariat eingeschlossen. Wenn man sich mit diesem mittlerweile zu Banalitäten gewordenen Allgemeinplätzen zufrieden gibt, dann kommt man schließlich dazu, eine Art Gleichung ohne jeglichen Inhalt aufzustellen "Gewalt und Gewalt". Damit wird eine vereinfachende und absurde Gleichheit zwischen der Gewalt den Kapitals und der des Proletariats hergestellt, und man versteht nicht die grundlegenden Unter­schiede: die eine ist unterdrückend und die andere ist befreiend.

             

            Endlos diese Tautologie ‚Gewalt ist Gewalt’ zu wiederholen und sich damit zufrieden zugeben, aufzuzeigen, dass alle Klassen Gewalt gebrauchen, um die Ge­walt als gleich darzustellen, ist ebenso intelligent und genial, wie die Handlung des Chirurgen, der einen Kaiserschnitt vornimmt, um einem Neugeborenen das Leben zu schenken, gleichzusetzen mit der Handlung des Mörders, der seinem Opfer den Bauch aufschlitzt, um es umzubringen; eine Gleichheit aufgrund der Tatsache, dass beide sich ähnelnde Instrumente benutzen: das Messer, das eine Handlung am gleichen Objekt aus­übt: dem Unterleib, und wobei eine sich ähnelnde Technik verwendet wird: das Öffnen des Unterleibes.

             

            Das, worauf es am meisten ankommt, ist nicht zu wiederholen: "Gewalt, Gewalt", sondern die grundlegenden Unterschiede deutlich herauszustellen und klar festzulegen, worin, warum und wie die Gewalt des Proletariats sich von dem Terror und dem Terrorismus der anderen Klassen ab­hebt und unterscheidet.

             

            Wir stellen keinen Unterschied her zwischen Terror und Klassengewalt aus terminologischen Gründen, aus Streit­gründen oder weil wir eine Abneigung gegen das Wort Terror hätten. Auch nicht weil wir wie eingeschüchterte Jungfrauen denken würden, sondern um den unter­schiedlichen Klassencharakter, den unter­schiedlichen Inhalt und Form besser hervorzuheben, den das gleiche Wort verwischt. Die Begriffe stehen hinter den Tatsachen zurück, und oft ist der Mangel an Präzisierung der Begriffe ein Zeichen von noch nicht genügend entwickelten Ge­danken, welche manchmal zu schädlichen Zweideutigkeiten führen können. Z.B. das Wort "Sozialdemokratie" entsprach in keiner Weise dem revolutionären Wesen - den kommunistischen Zielen - der politischen Organisation des Proletariats. Das Gleiche trifft zu für das Wort "Terror". Manchmal findet man das Wort in der sozialistischen Literatur, selbst bei den Klassikern, wenn es den Wörtern „revolutionär“ oder „des Proletariats“ beigefügt ist. Wir müssen uns vor Missbräuchen hü­ten, die darin bestehen, wortwörtliche Zitate aus ihrem Kontext zu reißen, so dass man nicht versteht, in welchem Zusammenhang, unter welchen Umständen, und gegen wen die Sätze geschrieben waren. Dies führt häufig zur Verdrehung dessen, was die Autoren sagen wollten. Wir müssen unterstreichen, dass in den meisten Fällen die Autoren vorsichtig vorgingen und bei Gebrauch des Wortes Terror immer darauf bedacht waren, die grundlegenden Unter­schiede zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie, zwischen der Pariser Commune und Versailles, zwischen der Revolution und der Konterrevolution im Bürger­krieg in Russland herauszustellen. Wenn wir es als notwendig erachten, diese beiden Begriffe zu unterscheiden, dann deshalb, weil wir die Zweideutigkeit beseitigen wollen, die durch die Gleichsetzung beider Begriffe entsteht. Es handelt sich um eine Zweideutigkeit, die nur einen Unterschied zwischen der Quantität und der Intensität und keinen Klassenunterschied macht. Und selbst wenn es sich um eine Frage der quantitativen Veränderung handelt, würde dies für die Marxisten - die sich auf die dialektische Methode berufen - eine qualitative Veränderung nach sich ziehen.

             

            Indem der Terror zugunsten der Klassengewalt des Proletariats abgelehnt wird, wollen wir nicht nur unsere Klassenablehnung gegenüber der wahren Bedeutung der Ausbeutung und Unterdrückung - welche in dem Terror steckt - zum Ausdruck bringen, sondern ebenso die kasuistischen und heuchlerischen Tricks wie "der Zweck heiligt die Mittel" zurückweisen.

             

            Die bedingungslosen Verteidiger des Terrors, diese Kalvinisten der Revolution - wie die Bordigisten - verachten die Frage der Organisationsform und der Mittel. Für sie existiert nur das "Ziel, für welches alle Formen und alle Mittel unterschiedslos verwendet werden können… Die Revolution ist eine Frage des In­haltes und nicht der Organisationsform". Dies wiederholen sie unermüdlich - mit Ausnahme des Terrors. Was diesen Punkt an­geht, sind sie kategorisch: "keine Revolution ohne Terror", und "derjenige ist kein revolutionär, der nicht fähig ist, einige Kinder zu töten." Hier wird der Terror, der als Mittel betrachtet wird, zu einer absoluten Vorbedingung, zu einem kategorischen Imperativ der Revolution und des Inhalts. Warum diese Ausnahme? Man könnte die Frage auch von einer Warte aus stellen: wenn die Fragen der Mittel und der Form von keiner Bedeutung für die proletarische Revolution sind, wieso ist es denn nicht möglich, dass die Revolution durch die monarchistische oder parlamentarische Form verwirklicht werden kann? Warum nicht?

             

            In Wahrheit ist es eine vollkommene Absurdität, wenn man den Inhalt und die Form, den Zweck und die Mittel trennen will. In Wirklichkeit sind der Inhalt und die Form dem Wesen nach miteinander verbunden. Ein Ziel kann nicht mit irgend­welchen Mitteln erreicht werden, sondern die eigenen und bestimmten Mittel sind nur für bestimmte Ziele gültig. Jede andere Vorgehensweise ist nur sophistische Spekulation.

             

            Wenn wir den Terror als Existenzform der Gewalt des Proletariats zurückweisen, geschieht dies nicht aus irgendeinem moralischen Grund, sondern weil der Terror als Inhalt und Methode aufgrund seines Wesens dem Ziel entgegengesetzt ist, welches das Proletariat verfolgt. Glauben diese Kalvinisten der Revolution wirklich und können sie uns davon überzeugen, dass für das Erreichen unseres Zieles, der Kommunismus, das Proletariat auf die Konzentrationslager und die systematische Ausrottung der Bevölkerungen zu Tausenden und Abertausenden, oder auf die Einrichtung eines enormen Netzes von Gaskammern, die wissenschaftlich noch perfekter wären als die Gaskammern Hitler, zurückgreifen könnte und müsste? Ist der Völkermord Teil des Programms und der „kalvinistische Wege" zum Sozialismus.

             

            Es genügt, die von uns gemachte Aufzählung der Hauptcharakteristiken des Inhalts und der Methoden des Terrors auf­zugreifen, um auf den ersten Blick die Kluft zu sehen, die das Proletariat vom Terror unterscheidet und ihm gegenüber­stehen lässt.

             

            1.-"organisch an Ausbeutung gebunden zu sein, um zu ihrer Ausübung gebraucht zu werden" ;

             

            Das Proletariat ist eine ausgebeutete Klasse und es kämpft für die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

             

            2.-"die Handlung einer privilegierten Klasse zu sein";

             

            Das Proletariat hat überhaupt keine Privilegien und es kämpft für die Abschaffung aller Privilegien.

             

            3.-"die Handlung einer Klasse zu sein, die gesellschaftlich in der Minderheit ist". Das Proletariat stellt die große Mehrheit der Gesellschaft dar. Manche mögen in diesem Kriterium unseren unverbesserlichen Hang zu den Prinzipien der Demokratie" sehen, das Prinzip der Mehrheit und Minderheit, ohne darauf acht zugeben, dass es gerade sie selbst sind, die von diesem Problem geblendet werden, und somit noch mehr aus der Minderheit aus lauter Horror vor der Mehrheit, das Kriterium der revolutionären Wahrheit zu machen. Der Sozialismus ist nicht durchführbar, wenn er nicht auf der historischen Möglichkeit beruht, und wenn er nicht den grundlegenden Interessen und dem Willen der überwältigenden Mehrheit der Gesellschaft entspricht. Hier handelt es sich um eines der Schlüsselargumente Lenins in "Staat und Revolution" und ebenso Marxens, der behauptete, dass das Proletariat sich nur befreien kann, .wenn es damit gleichzeitig die gesamte Menschheit befreit.

             

            4.-"die Handlung einen spezialisierten Organismus zu sein"

             

            Das Proletariat hat auf seine Fahnen die Zerstörung der Armee, der Polizei und "die allgemeine Bewaffnung des Volkes und vor allem des Proletariats" geschrieben.

             

            "neigt dazu, sich jeder Kontrolle der Gesellschaft zu entziehen";

             

            Das Proletariat verwirft als Ziel jede Spezialisierung, und weil es unmöglich ist, dies unmittelbar durchzuführen, wird die Arbeiterklasse darauf bestehen, dass Spezialisten der vollständigen Kontrolle der Gesellschaft unterworfen sind.

             

            5.-"sich endlos zu reproduzieren und perfektionieren";

             

            Das Proletariat will der Reproduzierung und Perfektionierung ein Ende setzen und fängt damit nach dem ersten Tag der Machtübernahme an.

             

            6.-" keine andere Daseinsberechtigung zu haben als die Unterwerfung und Niederschlagung der menschlichen Gesellschaft"; Die Ziele des Proletariats sind dem diametral entgegengesetzt. Seine Daseinsberechtigung ist die der Befreiung und der freien Entfaltung der menschlichen Gesellschaft.

             

            7.-"feindliche Gefühle und Gewalt zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu entwickeln: Nationalismus, Chauvinismus, Rassismus, und andere Monstrositäten";

             

            Das Proletariat schafft alle diese historischen Anachronismen ab, die zu Ungeheuerlichkeiten und zu Fesseln der harmonischen, möglichen und notwendigen Vereinigung der ganzen Menschheit geworden sind.

             

            8.-"egoistische Gefühle und Verhaltensweisen zu entwickeln, sadistische Aggressivität, Rachegefühle, einen endlosen tagtäglichen Krieg von jedem gegen jeden zu entfachen usw...“; Im Gegensatz dazu entwickelt das Proletariat ganz neue Gefühle: der Solidarität des gemeinschaftlichen Lebens, der Brüderlichkeit: „alle für einen und einer für alle„, der freien Assoziierung der Produzenten, einer vergesellschafteten Produktion und Konsumtion. Und wenn das Wesen der ausbeutenden Klassen darin lag, "die ganze Gesellschaft in einen Zustand des Terrors ohne Ende zu stürzen", dann ruft das Proletariat demgegenüber auf zur Initiative und zur Kreativität, so dass alle mit allgemeinen Enthusiasmus ihr Leben und ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

             

            Die Klassengewalt des Proletariats kann nicht der Terror sein, da ihre Daseinsberechtigung gerade darin liegt, den Terror zu zerschlagen. Man betreibt ein Wortspiel, wenn man Gewalt und Terror als gleich bezeichnet, als ob das Verhalten des Mörders, der sein Messer zieht, und die Hand, die das Messer abwehrt und den Mord verhindert, das Gleiche sei. Das Proletariat kann nicht auf Vergewaltigungen, auf die Moskauer Prozesse, auf das Organisieren von Pogromen, Lynchen, der Schaffung von Folterschulen als Mittel und Methoden für die Verwirklichung des Sozialismus zurückgreifen. Diese Methoden sind dem Kapitalismus immanent, denn sie sind sein Bestandteil, sind ihm eigen, seinen Zielen angemessen und gehören zur Gattung Terror.

             

            Weder Terror noch Terrorismus vor der Revolution, noch Terror nach der Revolution können Waffen des Proletariats für die Befreiung der Menschheit sein.       M.C.    – 1979 -

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

             

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