Über die Partei und ihre Beziehung zur Klasse

1. Die Frage der kommunistischen Partei und ihres Verhältnisses zur Klasse muß in den Kontext unserer Grundtexte über die Funktion der Organisation der Revolutionäre gestellt werden. (1)
2. Die kommunistische Partei ist ein Teil der Klasse - ein Organismus, den die Klasse in ihrer Bewegung hervorbringt und entwickelt, um den historischen Kampf der Klasse bis zu ihrem Triumph voranzutreiben, d.h. die radikale Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gründung einer Gesellschaft, die die Vereinigung der menschlichen Gemeinschaft verwirklicht: einer für alle und alle für einen.
3. Entgegen der von Lenin in "Was Tun?" vertretenen Auffassung, der Vorstellung einer "Partei im Dienste der Klasse", und im Gegensatz zu den stupiden Ka­rikaturen des "Leninismus", die von den verschiedenen Tenden­zen des Bordigisnus verfochten werden, welche behaupten,  daß die Partei die Klasse gründet, schließen wir uns R. Luxemburg an, die meinte, daß die Partei selbst ein Produkt der Klasse ist, in dem Sinne, daß die Gründung der Partei der Ausdruck des Bewußtwerdungsprozesses durch den Kampf ist: Sie manifestiert den Bewußtseinsgrad, den die Klasse erreicht hat. Diese Formulierung hat nichts ge­meinsam mit einer anderen Auffassung, die von jener Art von kopfstehendem Bordigismus vertreten wird, welche in den 70er Jahren ihre höchste Vollendung in der Zeitschrift INVARIANZ fand und sagte: "Die Klasse ist die Partei". Solch eine grob vereinfachende Auffassung ersetzt das Ganze, die Einheit des Ganzen und seiner realen Bewegung durch eine bloße Gleich­setzung dieser Elemente und ignoriert die Unterschiede, die existieren, die dialektischen Verknüpfungen in der Einheit, deren integrale Be­standteile sie sind.
4. Diese "gleichmacherische" Auffassung macht es unmöglich, die Rolle zu ver­stehen, die die verschiedenen Elemente spielen, die aus ihr hervorgehen. Sie sieht keine Bewegung: Sie ist statisch und nicht dynamisch. Sie ist grundsätzlich ahistorisch. Sie stimmt mit der idealistischen, moralistischen Auffassung der Modernisten überein, jenen modernen Epigonen des degene­rierten Rätekommunismus, die in den alten Gegensatz von Schwarz und Weiß, von Gut und Böse zurückgefallen sind - und für die jede politische Organisation inner­halb der Klasse per Definition ein absolutes Übel ist.
5. Die Hauptschwäche des Rätekommunismus der hollän­dischen Linken, die unter dem Einfluß Pannekoeks stan­d, besteht darin, den politischen Strömungen und Grup­pen, die in der Klasse auftauchen, eine rein erzieheri­sche, pädagogische Funktion zuzuschreiben. Er ignoriert ihre politische Rolle als integraler, militanter Bestandteil des Proletariats, deren Aufgabe innerhalb der Klasse es ist, kohärente Positionen zu entwickeln und zu vertreten, die sich in einem kommunistischen Programm kristallisieren, und angesichts derer sie sich auf organisierte Weise  organisieren. In­dem er ihnen allein die Rolle eines Erziehers und nicht die des Vertreters des kommunistischen Programms zuschreibt, werden Pannekoeks rätekommunistische Organisationen zu "Beratern" der Klasse. Damit schließt er sich Lenins Sichtweise einer Organisation im Dienst der Klasse an. Beide Auffassungen enden in der Negierung der Idee, daß die Partei ein Teil der Klasse, einer der aktiven Organismen ist, die von der Klasse erzeugt werden.
6. Die politische Gesellschaft ist die vereinigte soziale Welt der Menschheit, die sich selbst verloren hat, indem sie sich in Klassen gespalten hat - ein Verlust, den die Menschheit in Gestalt des Proletariats auf schmerzvolle Weise zu überwinden trachtet. In diesem Sinne nimmt der Kampf des Proletariats zwangsläufig einen politischen Charakter an (insofern, als dies noch der Kampf einer Klasse ist).
Im Grunde ist der Kampf des Proletariats prinzipell ein im vollen Sinne des Wor­tes gesellschaftlicher Kampf. Sein Triumph beinhaltet die Auflösung aller Klassen und der Arbeiterklasse selbst in einer menschlichen Gemeinschaft, die weltweit neu gebildet werden wird. Jedoch muß diese gesellschaftliche Lösung zwangsläufig einen politischen Kampf miteinschließen, einen Kampf um die Macht über die Gesellschaft, wofür die Arbeiterklasse sich mit den notwendigen Instrumenten - revolutionäre Organisationen, politische Parteien - versorgen muß.
7. Die Bildung politischer Parteien, die Klasseninteres­sen widerspiegeln und vertreten, ist nicht typisch für das Proletariat. Wir haben dies bei allen Klassen in der Geschichte gesehen. Der Entwicklungsgrad, die Definition und die Struktur dieser Kräfte spiegeln die Klassen wider, denen sie entspringen. Sie finden ihre fortgeschrittenste Form in der kapitalistischen Gesellschaft - der letzten Klassenge­sellschaft der Geschichte -, in der die Gesellschaftsklassen ihre vollständigste Entwicklung erleben und in der die Antagonismen zwischen ihnen am deutlichsten hervortreten.
Es gibt zwar zweifellos gemeinsame Punkte zwischen den Parteien des Proletariats und der anderer Klassen - insbesondere der Bourgeoisie -, doch sind die Unterschiede zwischen ihnen beträchtlich.
Wie bei früheren historischen Klassen bestand das Ziel der Bourgeoisie, als sie ihre Herrschaft über die Gesellschaft errichtete, nicht darin, die Ausbeutung abzuschaffen, sondern sie in anderer Form fortzusetzen; nicht darin, die Spaltung der Gesellschaft in Klassen aufzuheben, sondern eine neue Klassengesellschaft zu errichten; nicht darin, den Staat zu zerstören, sondern ihn zu perfektionieren. Die Art von politischen Organismen, mit denen sich die Bourgeoisie wappnet , ihre Handlungsweisen und Interventionen in der Gesellschaft werden direkt durch diese Ziele bestimmt: Bürgerliche Parteien sind Staatsparteien, deren spezifische Rolle - als ein Ausfluß und eine Garantie für die Fortsetzung der Spaltung der Ge­sellschaft in Klassen - in der Übernahme und Ausübung der Staatsmacht besteht.
Dagegen ist das Proletariat die letzte Klasse in der Ge­schichte: Seine Machtergreifung hat zum Ziel, die Spaltung der Gesellschaft in Klassen zu überwinden und den Staat, den Ausdruck dieser Spaltungen, zu eliminieren. In diesem Sinne sind die Parteien des Proletariats keine Staatspar­teien. Sie streben nicht nach Übernahme und Aus­übung der Staatsmacht, ihr ultimatives Ziel ist im Gegenteil das Verschwinden des Staates und der Klassen.
8. Wir müssen uns vor einer mißbräuchlichen Interpretation der etwas un­glücklichen Formulierung im Kommunistischen Manifestes (die nur im politischen Kontext der Lage von 1848 verstanden werden kann) hüten, die besagt, daß "die Kommunisten keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiterparteien sind". Wörtlich genommen steht dieser Satz im offenen Widerspruch zur Tatsache, daß es sich hier um das Manifest einer besonderen Organisation handelte, die sich gerade "Bund der Kommunisten" nannte. Diese Formulierung ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, daß die beiden Männer,die das Manifest geschrieben hatten, ihr ganzes Leben lang Mitstreiter der allgemeinen Klassenbewegung waren. Sie waren Parteileute, Männer der politischen Tat.


Die Verbindung zwischen dem Leben der Klasse und ihren politischen Organisationen
9. Als Teil der allgemeinen Bewegung der Arbeiter­klasse, die sie hervorbringt, entfalten sich diese politischen Organismen, die Parteien, mit der Entwicklung des Klassenkampfes. Wie jeder lebendige Orga­nismus haben diese politischen Parteien des Proletariats eine Geschichte, die untrennbar mit der allgemeinen Klassenbewegung, mit ihren Höhepunkten und zeitweiligen Rückzügen verknüpft ist.
Die Geschichte der Partei läßt sich nur untersuchen, wenn man sie in den allgemeinen Zusammenhang mit den Stufen, die die Klassenbewegung durchläuft, mit den Problemen, vor denen die Arbeiterklasse steht, und mit ihren Bemühungen stellt, auf sie adäquat zu antworten, die Lehren aus den Erfahrungen zu ziehen und diese Lehren als ein Sprungbrett für die zukünftigen Kämpfe zu nutzen.
Während sie also selbst ein Faktor in der Entwicklung der Klasse sind, sind die politischen Parteien gleichzeitig ein Ausdruck des wirklichen Zu­standes der Arbeiterklasse selbst.
10. In ihrer gesamten Existenz ist die Klasse dem Gewicht der bürgerlichen Ideologie ausgesetzt gewesen, die dazu neigt, die proletarischen Parteien zu deformieren und zu korrumpieren, ihre wirkliche Funktion zu ent­stellen. Als Reaktion auf diese Tendenz sind revolutionäre Fraktionen entstanden, die das Ziel verfolgten, kommunistische Positionen zu erarbei­ten, zu klären und zu präzisieren. Dies war besonders bei der kommunistischen Linken der Fall, die aus der Dritten Internationalen hervorgingen: Jegliches Verständnis der Parteifrage beinhaltete zwangsläufig die Assimilierung der Erfahrungen und Beiträge der gesamten Internationalen kommunistischen Linken.
Es war jedoch das besondere Verdienst der italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken, die qualitativen Unterschiede in der Organisation der Revolutionäre herausgearbeitet zu haben, je nachdem ob die Periode eine Weiterentwicklung des Klassenkampfes oder Niederlage und Rückzug erlebt hat. Die italienische Fraktion der Kommunistischen Linken legte dar, welche Form die Organisation der Revolutionäre in jeder der beiden Phasen annahm: Im ersten Fall die Parteiform, eine Organisation, die einen direkten und unmittelbaren Einfluß auf den Klassenkampf ausüben konnte; im zweiten Fall eine numerisch beschränkte Organisation mit einem weitaus schwächeren Einfluß auf das unmittelbare Leben der Klasse. Diesem zweiten Organisationstyp hat sie die Bezeichnung "Fraktion" gegeben, die zwischen zwei Phasen in der Entwicklung des Klassenkampfes, d.h. zwei Momenten in der Existenz der Partei, eine Verknüpfung bildet, eine organische Brücke zwischen der vergangenen und der zukünftigen Partei.
Die italienische Fraktion hat das Unverständnis von Trotzki und desgleichen bekämpft, die glaubten, eine Partei und eine Internationale zu jedem beliebigen Zeitpunkt gründen zu können - z.B. in den 30er Jahren -,  die aber in Spaltungen und noch größerer Zersplitterung von revolutionären Elementen endeten. Sie lehnte die subtilen Theoretisierungen Bordigas ab (2), der, mit Wörter und leeren Abstraktionen jonglierend, mit Spitzfindigkeiten wie die "Invarianz des Programms" und die Unterscheidung zwischen der "historischen" Partei und der "formellen" Partei aufwartete. Gegen diese verschiedenen Abweichungen demonstrierte die italieni­sche Fraktion die Gültigkeit ihrer Thesen, indem sie sich auf ein solides Fundament stützte - auf die Er­fahrung eines Jahrhunderts der Geschichte der Arbeiter­bewegung.
11. Die reale Geschichte und nicht die Fantasie zeigt uns, daß die Klassenpartei eine zyklische Bewegung der Entstehung, der Entfal­tung und des Dahinscheidens durchläuft. Dieses Dahinscheiden kann sich in Form ihrer inneren Degeneration, ihres Übergangs zum Feindeslager oder schlicht und einfach in Gestalt ihres Verschwindens äußern, was mehr oder we­niger lange Intervalle eröffnet, bis erneut die Bedingungen für ihre Wiederentstehung heranreifen. Das trifft sowohl für den Zeitraum vor Marx - angefangen mit Babeuf bis hin zum durchschlagenden Auftritt revolutionärer Organisationen im Leben und in den Aktivitäten von Marx und Engels - als auch für die Periode nach ihrem Ableben bis heute zu. Der Bund der Kommunisten bestand nur fünf Jahre (1847-1852), die Erste Internationale neun Jahre (1864-1873), die Zweite Internationale 25 Jahre (1889-1914), die Dritte Internationale acht Jahre (1919-1927). Selbstverständlich gibt es hier eine Kontinuität: Sie sind allesamt Organismen derselben Klasse, erfolgreiche Momente in der Einheit der Klasse, die wie das Sonnensystem als ein stabiles Ganzes erscheinen kann, innerhalb dessen diese Organismen sich bewegen. Jedoch kann es keine Stabilität oder Beständigkeit in diesem Organismus geben, der sich Partei nennt.
Die bordigistische Pseudo-Theorie der "historischen Partei" und der "formellen Partei" ist in ihrem Kern eine mystische Theorie. Ihr zufolge ist die reale Partei (wie das Programm) etwas Festgelegtes, Unveränderliches, Invariantes. Diese Partei manifestiere ihre Realität in der "formellen" Partei. Doch was wird aus der "historischen" Partei, wenn die "formelle" Partei verschwindet? Sie wird unsichtbar und untätig und bleibt dennoch irgendwo fortbestehen, weil sie unsterblich ist. Dies ist eine Rückkehr zu den Themen und Problemstellungen einer idealistischen, religiösen Philosophie, die den Geist von der Materie trennt, die Seele vom Körper - dieses in ewiger Seligkeit, jenes in irdischer Mühsal existierend.
12. Keine noch so erleuchtete, voluntaristische Theorie der Spontanerzeugung oder der außergewöhnlichen Intelligenz kann das Phänomen der Entstehung und Existenz der Partei und noch weniger die Gründe für ihr periodisches Auftreten, für die Aufeinanderfolge ihrer unterschiedlichen Momente erklären. Nur eine Vorgehensweise, die die wirkliche Bewegung des Klassenkampfes berücksichtigt, der selbst von der Ent­wicklung des kapitalistischen Systems und seiner Wider­sprüche bedingt wird, kann eine gültige Antwor­t auf das Problem der Partei geben, indem diese in die Realität der Klassenbewegung eingefügt wird.
13. Die gleiche Vorgehensweise muß praktiziert werden, wenn die unterschiedlichen Funktionen der Partei in den verschiedenen Gesellschaftsstadien betrachtet werden. So wie die Philosophie im Altertum verschiedene Diszipli­nen umfaßte, erfüllt die Partei, die das Ergebnis der Klassenbewegung des Proletariats ist, anfangs eine ganze Reihe von Aufgaben innerhalb der Klasse. Insbesondere:

  • war sie der Schmelztiegel für die theoretische Ausgestaltung durch die Klasse;
  • verdeutlichte sie die in den Kämpfen der Klasse potentiell enthaltenen Endziele;
  • war sie ein aktives Organ in der Klasse, das an vorderster Front die unmittelbaren ökonomischen und politischen Interessen der Klasse verteidigte;
  • funktionierte sie als Erzieherin, dabei ihre Interventionen in der Klasse vervielfachend und diversifizierend, und führte diese Erziehung auf allen Ebenen durch ihre Presse und durch Konferenzen, die Organisierung von  Abendschulen, Arbeiteruniversitäten usw. aus;
  • führte sie die Verbreitung revolutionärer Ideen und Propaganda durch;
  • bekämpfte sie leidenschaftlich und unermüdlich die Vorurteile der bürgerlichen Ideologie, die ununterbrochen in die Köpfe der Arbeiter eindringen und die Entwicklung des Klassenbewußtseins behindern;
  • handelte sie als ein Agitator, organisierte und vervielfachte Arbeiterdemonstrationen, Treffen, Versammlungen und andere Aktionen der Klasse;
  • agierte sie als Organisator, schuf und unterstützte alle Art von Arbeiterassoziationen - kulturelle und jene zur Vertretung ihrer unmittelbaren materiellen Forderungen, wie den gegenseitigen Beistand, Produktionskooperationen, Streikfonds, finanzielle Solidarität und vor allem die Bildung von einheitlichen, permanenten Organisationen für die Vertretung der unmittelbaren Interessen der Klasse: die Gewerkschaften;
  • führte sie durch die Präsenz von Arbeiterrepräsentanten im Parlament den Kampf für politische Reformen, die im unmittelbaren Interesse der Arbeiter waren - allgemeines Wahlrecht, Wahlbeteiligung.

Vier große Schritte im Leben des Proletariats: 1848, 1870, 1914, 1917
14. Die Geschichte der letzten 140 Jahre hat vier große Umwälzungenn erlebt:

  • 1848 den Abschluß des Zyklus der antifeudalen Revolution der Bourgeoisie;
  • 1870 den preußisch-französischen Krieg, der die Bildung von großen ökonomischen und politischen Einheiten des Kapitalismus - den Nationalstaaten - abschloss und eine lange Epoche der kapitalistischen Expansion auf der gan­zen Welt einleitete -  die Epoche des Kolonialismus;
  • 1914 den Höhepunkt der imperialistischen Phase; die Zuspit­zung der Widersprüche des Systems und sein Eintritt in die Epoche des Niedergangs mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs;
  • 1917 den ersten Durchbruch gegen das Systems, was die Notwendigkeit einer Transformation der Gesellschaft offenbarte.

15. Wie reagierte das Proletariat auf diese vier Schlüsseler­eignisse?

  • 1848: Hinter der Bourgeoisie tauchte der gewaltige Schat­ten des jungen Proletariats auf (die Juni-Erhebung der Arbeiter in Paris), ein Ereignis, das sich einige Monate zu­vor durch die Gründung des Bundes der Kommunisten ange­deutet hatte. Die erste wirkliche Partei des mo­dernen Proletariats - eine Organisation, die mit dem Romantizismus der geheimen Gesellschaften brach -  kündigte die Unvermeidlichkeit des Untergangs des Kapitalismus infolge seiner unüberwindbaren inneren Widersprüche an und demonstrierte dies in einem kohärenten Programm (das Manifest). Sie definierte das Proletariat als das Subjekt der historischen Lösung der Widersprüche des Kapitalismus. Durch seine Revolution werde das Proletariat der langen Epoche der Spaltung der Menschheit in antagonistische Klassen, der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein Ende bereiten. Jeder revolutionären Phrasendrescherei und dem Voluntarismus entgegentretend, er­kannte der Bund der Kommunisten, daß das Jahr 1852 den Sieg des Kapi­talismus über die ersten Erhebungen des Proletariats zu einer Zeit markierte, als die historischen Bedingungen für den Triumph der sozialistischen Revolution  noch nicht reif waren. Unter diesen neuen Bedingungen der Niederlage mußte der Bund zwangsläufig als aktive, zentralisierte politische Organisation verschwinden.
  • 1870: Die Militanten des Bundes lösten sich nicht in der Luft auf. Während sie auf die Reifung der Bedingungen einer neuen Welle von Arbeiterkämpfen warteten, führ­ten sie die Arbeit der theoretischen Ausgestaltung, der Assimilierung der Erfahrungen in der Klasse aus. Nach den großen gesellschaftlichen Umwälzungen von 1848 machte die Bourgeoisie große Fortschritte in ihrer Entwicklung und Expansion. Rund 15 Jahre später sehen wir ein Proletariat, das zahlreicher ist, sich in mehr Ländern verbreitet hat, reifer und entschlossen ist, machtvolle Kämpfe zu führen - nicht für die Revolution (weil die objektiven Bedingungen noch nicht reif waren), sondern für die Verteidigung seiner unmittelbaren, wirtschaftlichen Interessen. Vor diesem Hintergrund wurde 1864 auf Initiative der Arbeiter in Frankreich und Großbritannien die Erste Internationale gegründet.Diese Organisation sammelte Zehntausende von Arbeitern aller industrialisierten oder jener auf den Sprung zur Industrialisierung befindlichen Länder von Amerika bis Rußland. Die alten Militanten des Bundes der Kommunisten fanden sich natürlich in den Reihen dieser Internationalen Arbeiter­assoziation wieder, wo sie mit Marx am Steuer Positionen von höchsten Verantwortung besetzten. Überall auf der Welt wurde die Internationale zum Schlachtruf für immer mehr Arbeiter, die allerorts immer kämpferischer wurden. Bald war der Punkt erreicht, wo die Internationale zu einer Hauptsorge für alle Regierungen Europas wurde. In dieser allgemeinen Organisation der Klasse stieß die marxistische Strömung, der authentische Ausdruck des Prole­tariats, mit Bakunins anarchistischer Strömung zusammen, die die kleinbürgerliche Ideologie repräsentierte, welche noch einen beträchtlichen Einfluß unter den Ar­beitern der ersten Generation und den halbproletari­schen Handwerkern ausübte.Der deutsch-französische Krieg, die jämmerliche Niederlage des Zweiten Reiches und seines Sturzes in Frankreich, der Verrat der republikanischen Bourgeoisie, das Elend und der Hunger der Pariser Arbeiter, die von der Armee Bismarcks umzingelt waren, die Provokation der Regie­rung - alles trieb die Pariser Arbeiter in eine verfrühte bewaffnete Konfrontation, mit dem Ziel die bürgerliche Regierung davon zu jagen und die Kommune zu proklamieren. Die Niederschlagung der Kommune war un­vermeidbar. Sie demonstrierte zweifellos den Kampfgeist der Arbeiterklasse, ihre verzweifelte Entschlossenheit, das Kapital und seinen Staat anzugreifen, und sie hinterließ unschätzbare Lehren für die zukünftigen Generationen des Weltproletariats. Doch ihre Niederlage in einem riesigen Blutbad hatte eine unmittelbare und unabänderliche Konsequenz: das Verschwinden der Internationalen.
  • 1914: Der blutige Triumph des Kapitals, das Massaker an der Kommune und die nachfolgende Auflösung der Inter­nationalen sollten jahrelang ihre Wirkung zeigen und eine ganze Generation Proletarier zeichnen. Doch nach­dem die Wunden einmal geheilt waren, faßte das Proletariat langsam wieder Vertrauen in sich selbst und in seine Fähigkeiten, das Kapital zu bekämpfen. Langsam begannen die Klassenor­ganisationen der Klasse wieder Fuß zu fassen: Arbeiterhilfskassen, Gewerkschaften, politische Parteien. Letztere streb­ten danach, sich zu zentralisieren, zunächst national und dann auf internationaler Ebene, was schließlich 1889 (18 Jahre nach der Kommune) zur Gründung der Zweiten Internationalen führte, die eine strikt politische Organisation war.Aber das kapitalistische System war damals auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung auf internationaler Ebene. Es konnte ein Maximum an Profit aus einem Markt ziehen, der unbegrenzt schien. Dies war das Goldene Zeitalter des Kolonialismus, der Entwick­lung der Produktionsmittel und des relativen Mehrwerts anstelle des absoluten Mehrwerts. Der Kampf des Proletariats für Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhungen und politische Reformen machte sich allgemeinhin bezahlt. Diese Entwicklung schien sich endlos fortzusetzen und führte zur Illusion, daß der Kapitalismus durch eine Reihe von Reformen allmählich in den Sozialismus umgewandelt werden könnte. Diese Illusion ist bekannt als Reformismus, eine Krankheit, die tief in die Köpfe der Arbeiter und in ihre politischen und ökonomischen Organisa­tionen (insbesondere in die ökonomischen) eindrang, das Klassenbewußtsein untergrub und die revolutionäre Mission des Proletariats überschattete.Der Triumph des Reformismus bedeutete letztendlich die Niederlage des Proletariats. Es war der Triumph der Bourgeoisie, die das Proletariat für ihre eigenen nationalistischen und patriotischen gewinnen konnte. Die Gewerkschaften und Parteiorganisationen des Proletariats wurden unwiderruflich korrumpiert und wechselten ein für allemal ins Lager des Kapitals über.
  • 1917: Eingeschläfert, narkotisiert, verraten durch den Übergang seiner Organisationen ins bürgerliche Lager, vergiftet durch den Nationalismus und Patriotismus, das von der Bourgeoisie in Extra-Dosen verabreicht wurde, wurde das Proletariat , betäubt durch das Granatfeuer, in ein Meer von Blut gestoßen, von allen Seiten von Leichen umgeben, für den Krieg mobilisiert. Drei Jahre dauerten diese Verheerungen des imperialistischen Krieges, ehe das Proletariat erwachte und sah, was wirklich geschah.1917 war die erste Explosion einer revolutionären Welle, die etliche Jahre andauern sollte. Im Verlaufe dieser Explosion wurde das Proletariat dazu veranlaßt, neue Klassenorganisationen zu bilden, die seinen neuen Aufgaben entsprachen - nicht in der Form von Gewerkschaften, die in der Epoche der Dekadenz des Kapitalismus fortan völlig ungeeignet waren, nicht durch eine Wiederbelebung der Sozialdemokratie, die ein für alle Mal ins feindliche Lager übergelaufen war, sondern durch die Schaffung einer kommunistischen Weltpartei - die Dritte Internationale -, die in der Lage war, sich der Aufgabe der Stunde stellen: einen Beitrag zur proletarischen Weltrevolution zu leisten. Die neue Partei, die neue, Kommunistische Internationale, wurde rund um die linken Fraktionen und Minderheiten gebildet, jenen, die jahrelang die reformistische Ideologie bekämpft hatten, die den Verrat der alten Sozialdemokratie angeprangert hatten, die gegen den Krieg und die Ideologie der nationalen Verteidigung gekämpft hatten, kurzum: jenen, die dem Marxismus und der proletarischen Revolution treu geblieben waren.

Die Prüfung der Konterrevolution
16. Diese erste große Welle der proletarischen Revolution scheiterte, weil sie im Verlaufe des Krieges, der nicht die günstig­ste Voraussetzung der Revolution darstellt, entstanden war, und sie scheiterte auch wegen der Unreife des Bewußtseins des Proletariats. Dies drückte sich u.a. im Überleben vieler Positionen innerhalb der neuen Internationalen aus, die von der Sozialdemokratie geerbt wurden:

  • die falschen Antworten zur Rolle der Par­tei in der Revolution und zum Verhältnis zwischen Partei und Klasse;
  • die Identifizierung der Diktatur des Proletariats mit der Diktatur der Partei;
  • die besonders gefährliche Konfusion in der Frage des Staates in der Übergangsperiode, der als "proletari­scher" oder "sozialistischer" Staat ausgerufen wurde.

Diese Fehler - zusammen mit dem Überleben des Sowjetstaates, der als "Arbeiterstaat" etikettiert wurde, den unzurei­chenden Analysen der Linksopposition über die Degeneration  dieses Staates (die Vorstellung, daß er immer noch seinen proletarischen Charakter bewahrt habe und die "Oktobererrungenschaften" behüte), die untereinander und mit den hintereinander folgenden Niederlagen des Proletariats in anderen Ländern interagierten - dienten dazu, das Kräfteverhältnis zu Gunsten der Weltbourgeoisie zu beeinflussen, was zur vernichtenden, historischen Niederlage der Klasse führte. All diese Elemente zusammengenommen führten zu Auflösung, Degeneration und Tod der bolschewistischen Partei und aller Parteien der Dritten Internationalen, die sich dem Lager der Bourgeoisie anschlossen.
Das Ausmaß der vom Proletariat erlittenen Nieder­lage stand in direkter Proportion zur Höhe der revolutionären Welle, die dieser Niederlage vorausging. Weder die große Wirtschaftskrise, die 1929 ausbrach, noch der Zweite Weltkrieg, noch die Wiederaufbauperiode nach dem Krieg erlebte irgendwelche bedeutsamen proletarischen Aufwallungen. Selbst in den wenigen Ländern, in denen der Kampfgeist der Arbeiterklasse noch ungebrochen war, weil er nicht direkt auf die Probe gestellt worden war, konnte die Klasse leicht durch die politischen Kräfte der Linken, die die besondere Aufgabe hatte, den Boden für den nächsten Weltkrieg zu bereiten, von ihrem Klassenterrain abgelenkt werden. Dies war der Fall beim Generalstreik 1936 in Frankreich und beim Aufstand des spanischen Proletariats, der schnell in einen "Bürgerkrieg" zwischen Faschismus und Antifaschis­mus umgewandelt wurde, der Generalprobe des kommenden Weltkrieges. In anderen Ländern wie Rußland, Rumänien, Polen, Deutschland, Österreich, Italien, den Balkanländem und Portugal wurde das Proletariat der furcht­barsten Repression unterworfen. Millionen von Proletarier wurden in die Gefängnisse und Konzentrationslager geworfen. Es fehlte an allen Bedingungen für eine Wiedergeburt der Klassenpartei. Nur der Voluntarismus und das totale Unverständnis für die Realität von jemanden wie Trotzki, der das Jahr 1936 als den Anfang der Revolution in Frank­reich und Spanien betrachtete und den russischen Staatskapitalismus mit dem Überleben der "Oktobererrungenschaf­ten" verwechselte, konnte dazu führen, daß Trotzki mit seinen Anhängern sich in das Abenteuer stürzten, neue, angeblich revolutionäre Parteien und eine neue Internationale zu proklamieren. Und dies, nachdem seine Strömung für einen vorübergehenden Aufenthalt zu den "sozialistischen" Parteien der erloschenen Zweiten Internationalen zurückgekehrt war.
Weit davon entfernt, eine Zeit der Annäherung zwischen den revolutionären Kräfte,  einer zusammenlaufenden, zentripetalen Bewegung zur Einheit und Bildung der Klassenpartei zu sein, war diese Periode von einer strikt zentrifugalen Bewegung geprägt. Es war eine Zeit der Zerstreu­ung, der Fragmentierung der revolutionären Gruppen: Die englische Linke war seit langem verschwun­den, die russische Linke war in den Gefängnissen Stalins physisch ausgelöscht, die deutsche Linke vollständig li­quidiert worden. Die verbleibenden revolutionären Grup­pen wurden isoliert, zogen sich zurück und verkümmerten mit jedem weiteren Jahr, das verstrich.
Der Krieg in Spanien 1936 führte zu einer strengen Auslese unter diesen Gruppen - zwischen jenen, die vom Antifaschismus eingefangen wurden, und jenen, die fest auf dem Klassenterrain verblieben: die Fraktionen der Internationalen Kommunistischen Linken, die ihr Werk der theoretischen Weiterentwicklung fortsetzten, indem sie die politischen Positionen der Kommunistischen Internationalen auf ihrem Höhepunkt einer fruchtbaren und furchtlosen Kritik unterwarfen, die auf den realen Erfahrungen der Bewegung seit 1917  beruhte.
Die Internationale Kommunistische Linke selbst wurde von den Ereignissen heftig erschüttert. Zunächst durch die Abspaltung einer Minderheit 1936, die sich für die Teilnahme am Spanienkrieg auf der Seite der an­tifaschistischen Republikaner aussprach; dann zu Beginn des Weltkrieges durch den Weggang einer Minderheit, die das "gesellschaftliche Verschwinden des Proletariats" in Kriegszeiten und somit die Unmöglichkeit jeglicher Aktivität und Aufrechterhaltung der Organisation der Fraktionen verkündete. Die dritte und endgültige Krise kam 1945 mit der Abspaltung der französischen Fraktion der Kommunistischen Linke (GCF), die sich der Entscheidung,die internationale Kommunistische Linke  aufzulösen, und der Aufnahme ihrer Mitglieder als Individuen  in einer Partei widersetzte, die in Italien proklamiert wurde - eine Partei, deren Plattform und Positionen nicht bekannt waren und von der nur bekannt war, daß sie sich um Damen und Bordiga gegründet hatte, zwei angesehene Persönlichkeiten der Italienischen Linke in den 1920er Jahren. So kam es zum traurigen Ende der italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken.


Die vier Hauptlehren aus der Geschichte eines Jahrhunderts über den Charakter und die Funktion der Partei
17. Dieser kurze Überblick der Geschichte der Arbeiter­bewegung zeigt uns:
a) daß es eine enge Verbindung zwischen der Klasse als Ganzes und der Partei als besonderen Organismus dieses Ganzen gibt. Es gibt Zeiten, in denen die Klasse ohne Partei existiert, aber die Partei kann nie ohne die Klasse existieren;
b) daß die Klasse mit reifendem Klassenbewußtsein die Partei als unverzichtbaren Organismus absondert, sodaß die Klasse in der Lage ist, ihren endgültigen Triumph zu erringen. Dieser Triumph des Proletariats wäre unmöglich, wenn es nicht die Organe entwickelt hätte, die dafür unentbehrlich sind: namentlich die allgemeinen Einheitsorgane der Klasse, die alle Arbeiter sammeln, und ihre politische Organisation, die Partei, die sich rund um ein allgemeines Programm  bildet, das sich aus Positionen zusammensetzt, die das Endziel des proletarischen Kampfes - den Kommunismus - und die Mittel zu seiner Erlangung aufzeigen;
c) daß es einen substantiellen Unterschied in der Entwicklung zwischen den allgemeinen Organisationen, die allen Arbeitern offenstehen, und der politischen Organisation, der Partei, gibt. In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus besaß die allgemeine Organisation der Klasse, deren Aufgabe in der Vertretung ihrer unmittelbaren, ökonomischen Interessen bestand, eine permanente Existenz, auch wenn sie wichtige strukturelle Änderungen durchmachte. Dies war nicht der Fall bei der politischen Organisation, der Partei, die nur unregelmäßig, in Zeiten des wachsenden Kampfgeistes, existierte. Diese Beobachtung unterstreicht eindeutig die Tatsache, daß die Existenz der Partei stark vom Stand des Klassenkampfes abhängt. Im Falle eines ansteigenden Klassenkampfes sind die Bedingungen für die Entstehung und die Aktivitäten der Partei gegeben. In den Rückflußphasen, wenn diese Bedingungen nicht mehr erfüllt werden, neigt die Partei dazu, sich auf­zulösen. Im ersten Fall dominieren die zentripetalen Tendenzen, im zweiten die zentrifugalen.
d) Hinsichtlich dieses Punktes gilt es die wesentlichen Unterschiede des dekadenten Kapitalismus hervorzuheben. In dieser Epoche, in der die Aufrechterhaltung und Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiterklasse nicht mehr möglich sind, kann es auch keine permanenten Organisationen mehr geben, die diese Funktion ausüben. Deshalb hat das Gewerkschaftstum jeglichen proletarischen Inhalt verloren;die Gewerkschaften können ihre permanente Existenz nur als Anhängsel des Staates aufrechterhalten, deren Aufgabe es ist, jeglichen Ausdruck des Klassenkampfes einzudämmen, zu kontrollieren und zu Fall zu bringen. In dieser Periode haben allein die wilden Streiks, die zum Massen­streik tendieren, kontrolliert und angeleitet von den Vollversammlungen, einen klaren Klasseninhalt. Daher können solche Versammlungen anfangs nicht permanent existieren. Eine allgemeine Klassenorganisation kann nur dann permanent werden, wenn die Verteidigung der unmittelbaren Interessen mit der Möglichkeit der Revolution in der revolutionären Periode zusammenfällt, d.h. in einer Periode, in der die Arbeiterräte gebildet werden. Dies ist der einzige Zeitpunkt in der Geschichte des Kapitalismus, in der die Permanenz dieser Organisation wirklich allgemeine Tatsache ist und eine Konkretisierung der wirklichen Klasseneinheit ausdrückt. Dies ist bei der politischen Par­tei nicht der Fall, die ohne weiteres schon vor diesem Kulminationspunkt entstehen kann, der sich durch die Arbeiterräte auszeichnet. Das ist deshalb möglich, weil ihre Existenz nicht durch den Endpunkt bestimmt wird, sondern schlicht durch eine Phase des ansteigenden Klassenkampfes.
e) Mit der historischen Evolution des Klassenkampfes haben sich einige Funktionen der Partei geändert. Nachfolgend zählen wir einige Beispiele auf:

  • Im Verlauf der Entwicklung des Klassenkampfes, wenn die Arbeiter Erfahrung gesammelt und ein höheres kulturelles Niveau erreicht hatten, büßt die Partei allmählich ihre Rol­le als allgemeiner Erzieher der Klasse ein.
  • Das trifft noch mehr auf ihre organisierende Rolle in der Klasse zu. Eine Arbeiterklasse wie die das britische Proletariat 1864, das dazu in der Lage war, die Initiative bei der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation zu übernehmen, brauchte keinen Vormund, der ihm beibrachte, wie man sich organisiert. Die Vorstellung, "unters Volk zu gehen", zu den Arbeitern zu gehen, um sie zu organisieren, mag in einem rückständigen Land wie Rußland Ende des 19. Jahrhunderts sinnvoll gewesen sein, doch in industrialisierten Ländern wie Großbritannien, Frankreich, etc. verfehlte sie völlig ihr Ziel. Die Gründung der IAA 1864 war nicht das Werk irgendeiner Partei. Größtenteils existierten solche Parteien nicht, und in den seltenen Fällen, wo es sie gab, wie z.B. der Chartismus in Großbritannien oder der Blanquismus in Frankreich, waren sie im völligen Zerfall begriffen.

Die Erste Internationale entsprach einer allgemeinen Organisation viel mehr als Organisationen vom Typ des Bundes der Kommunisten, das heißt dem Typus einer Partei, strikt auf der Grundlage eines kohärenten theoretischen und politischen Programms gruppiert und ausgewählt. Weil die Erste Internationale diese Form annahm, war es möglich, daß diverse Strömungen koexistieren und sich in ihr messen konnten: der marxistische Flügel (Kollektivisten), Ouvrieristen, Proudhonisten, Anarchisten und selbst am Anfang gar so bizarre Strömungen wie die Mazzinisten. Die Internationale war ein Schmelztiegel, in dem Ideen und Strömun­gen geklärt wurden. Eine Partei jedoch ist bereits das Produkt einer Klärung. Deshalb waren die Strömungen in der Ersten Internationalen nur sehr informell. Eine einzige politische Partei im engen Sinne des Wor­tes entstand nach der Auflösung des Bundes der Kommunisten und in der Zeit der Ersten Internationalen 1868: die Eisenacher Sozialdemokratische Partei, eine marxistische Tendenz, 1868 gegründet unter der Führung Wilhelm Liebknechts und August Bebels. Erst 1878 wurde an­läßlich der Wahlen in Frankreich unter der Führung Guesdes und Lafargues unter direkter Mitwirkung von Marx, der ihre politische Plattform schrieb, die Arbeiterpartei gebildet.

Erst seit dem Beginn der 1880er Jahre wurde vor dem Hinter­grund einer sich beschleunigenden Entwicklung des Kapitalismus und des zunehmenden Klassenkampfes das Bedürfnis und die Notwendigkeit für die Bildung von Parteien für den politischen Kampf sichtbar, genau genommen für Organe, die sich von den Gewerkschaften unterschieden, deren Aufgabe es war, die unmittelbaren, ökonomischen Interessen der Arbeiter zu vertreten. In den 1880er Jahren begann überall in den Industrieländern und in den Ländern, in denen die Industrialisierung in Gang kam, ein Prozeß der Parteienbildung im Gefolge der deutschen Sozialdemokratie, die auch die Initiative für die Gründung der Zweiten Internationalen 1889 ergriff.

Die Zweite Internationale war das Ergebnis eines politischen Klärungsprozesses in der Arbeiterbewegung seit der Auflösung der Ersten Internationalen 16 Jahre zuvor und der Vereinigung der marxistischen Bewegung auf interna­tionaler Ebene. Sie proklamierte den "wissenschaftlichen Sozialismus", der 40 Jahre zu­vor von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert worden war. Im Gegensatz zur Ersten Inter­nationalen stellte sie sich nicht mehr zur Aufgabe, Untersuchungen über die Lebensbedingungen der Arbeiter in verschiedenen Ländern durchzuführen oder eine Liste von ökonomischen Forderungen zu erstellen. Dieses Tätigkeits­feld wurde den Gewerkschaften überlassen. Dagegen definierte sie es als ihre Aufgabe, den Kampf um unmittelbare politische Forderungen aufzunehmen: allgemeines Wahlrecht, Versammlungs- und Pressefreiheit,, Teilnahme an den Wahlen, die Kämpfe für politische Reformen, gegen die Kolonialpolitik der Bourgeoisie, gegen ihre Außenpolitik , gegen den Milita­rismus usw. Gleichzeitig setzte sie ihre Arbeit der theoretischen Vertiefung und der Verteidigung der End­ziele der Bewegung, die sozialistische Revolution, fort.

Zu Recht wies Engels in den 80er Jahren in einem seiner Vorworte zum Kommunistischen Manifest darauf hin, daß die Erste In­ternationale ihren Aufgaben in der historischen Periode, in der sie entstanden war, vollkommen gerecht geworden war. Er täuschte sich allerdings, als er die übereilte Schlußfolgerung zog, daß die politische Bewegung der Klasse, die Bildung politischer Parteien in verschiedenen Ländern, solch einen Aufschwung erfahren habe, daß die Arbeiterklasse "keine internationale Organisa­tion mehr benötigt". Trotz all ihrer Unzulänglichkeiten, ihrer Fehler und trotz ihrer Durchdringung durch den Reformismus (mit den Gewerk­schaften als seine Hauptstütze), der sich letztendlich durchsetzen und den Verlust ihres proletarischen Charakters verursachen sollte, hat auch die Zweite Internationale ein überaus positives Werk in der Klasse verrichtet, eine Arbeit, die eine Errungenschaft der Bewegung bleiben wird, selbst wenn sie nur als beispielloses Terrain für die theoretische Konfrontation und Klärung in einer Reihe von Gebieten diente - als eine Arena für die Konfrontation zwischen den politischen Positionen der Linken und Bernsteins Revisionismus sowie Kautskys Zentrismus. In der Zweiten Internationalen hat die revolutionäre Linke ihre ersten Schritte gemacht und zu kämpfen gelernt.

Wenn die Modernisten und Moralisten aller Schattierungen heute mit Vergnügen eine ausschließlich negative Bilanz der Geschichte ziehen - das heißt, sofern sie überhaupt eine Ahnung von Geschichte haben -, wenn sie den Beitrag der Zweiten Internationalen zur Arbeiterbewegung abqualifizieren, so legen sie damit nur ihre völlige Unkenntnis dessen an den Tag, was eine sich in Entwicklung befindliche historische Bewegung ausmacht. Sie verstehen nicht einmal, daß sie das wenige, was sie wissen, der lebendigen Geschichte der Arbeiterklasse verdanken! Sie gießen das Kind mit dem Bade aus und sehen nicht einmal, daß ihre eigenen Ideen und "Erfindungen", die sie für originell halten, aus dem Abfalleimer der Arbeiterbewegung stammen, aus der utopischen Epoche, die schon lange vergangen ist. Selbst Bastarde haben Eltern, selbst wenn die Eltern sie nicht haben wollten!

Wie die Modernisten ignorieren auch die Bordigisten die lebendige Geschichte der Arbeiterklasse, einer Klasse in Bewegung und in der Entwicklung, mit ihren starken und schwachen Momenten. Anstatt sie zu untersuchen und sie zu begreifen, setzen sie tote Götter an deren Stelle, auf ewig unbeweglich, mumifiziert als das absolute Gute und Böse.
18. Das Wiedererwachen des Proletariats nach einem dreijährigen imperialistischen Massaker und der schändliche Verrat und Tod der Zweiten Internationalen eröffnete eine neue Periode, die es möglich machte, die Klassenpartei zu rekonstituieren. Diese neue Periode gesellschaftlicher Kämpfe, die den rapiden Zusammenbruch von Festungen, die uneinehmbar schienen, von mächtigen Reichen, Monarchien und Militärmaschinerien wie die Rußlands, Österreich-Ungarns und Deutschlands erlebte, stellte nicht einfach einen Moment in der Evolution der Arbeiterbewegung dar, sondern einen qualitativen Sprung in der Geschichte, weil sie ohne Umschweife das Problem der Revolution, der politischen Machtergreifung durch die Arbeiterklasse stellte. Zum ersten Mal in der Geschichte mußte die Arbeiterklasse und ihre erst jüngst gebildeten kommunistischen Parteien auf eine ganze Reihe von lebenswichtigen Fragen antworten, von denen jede eine Existenzfrage war. Und manchmal hatten sie keine Ahnung, was sie tun soll­ten, oder vertraten offen anachronistische oder falsche Auf­fassungen. Nur großmäulige, aufschneiderische Zwerge , die noch nie eine Revolution (nicht einmal von ferne) miterlebt haben (und die proletarische Revolu­tion ist der größte Sprung in der gesamten Geschichte der  Menschheit bis heute), können 60 Jahre später mit erhobenem Zeigefin­ger herablassend und selbstzufrieden auf die Fehler und das Umherirren dieser Giganten zeigen, die es gewagt haben, die Gipfel der kapitalistischen Welt zu erstürmen und entschlossen in den revolutionären Kampf einzutreten.
Ja, die Arbeiterklasse und vor allem die Parteien und die Kommunistische Internationale haben oft im Nebel gestochert, haben improvisiert und schwere Fehler begangen, die der Revolution im Weg gestanden haben. Doch haben sie uns unschätzbare Errungenschaften hinterlassen, eine reiche Erfahrung, die wir sorgfältig untersuchen müssen, um die Fallen zu vermeiden, in die sie liefen, um die Fehler zu vermeiden, die sie machten, und um auf der Grundlage ihrer Erfahrungen adäquatere Antworten auf die Probleme zu geben, die die Revolution stellt. Wir müssen den zeitlichen Abstand zwischen ihnen und uns nutzen, um diese Probleme, wenn auch nur teilweise,  zu lösen - ohne die Tatsache aus den Augen zu verlieren, daß die nächste Revolution neue Probleme mit sich bringen wird, die wir heute noch nicht alle voraussehen können.
19. Um auf das konkrete Problem der Partei und ihrer Funktion in der gegenwärtigen Periode und in der Revo­lution zurückzukommen, können wir eine Antwort vor allem in dem Sinne skizzieren, was eine Partei nicht ist, um dann zu begründen, was sie sein sollte.
a) Die Partei kann nicht von sich behaupten, der einzige und exklusive Träger oder Repräsentant des Klassenbe­wußtseins zu sein. Sie ist für solch ein Monopol nicht prädestiniert. Das Klassenbewußtsein wohnt der Klasse in ihrer Gesamtheit inne. Die Partei ist nur das fortgeschrittenste Organ dieses Bewußtseins und nicht mehr. Dies bedeutet nicht, daß sie unfehlbar ist oder daß sie zu bestimmten Zeit­en nicht hinter dem Bewußtsein anderer Teile oder Fraktionen der Klasse hinterherhinken kann. Die Arbeiterklasse ist nicht homogen, sie strebt danach. Das Gleiche trifft auf das Klas­senbewußtsein zu, das danach strebt, homogener zu wer­den und sich zu verallgemeinern. Aufgabe der Partei ist es - und dies ist eine ihrer Hauptfunktionen -, bewußt zur Beschleunigung  dieses Prozesses beizutragen.
b) Es ist also Aufgabe der Partei, die Klasse zu orientieren, ihre Kämpfe zu befruchten; sie ist kein Führer im Sinne einer Instanz, die für sich allein und anstelle der Klasse Entscheidungen trifft.
c) Aus diesem Grund sehen wir durchaus die Möglichkeit, daß diverse Gruppen (ob sie sich Partei nennen oder nicht, spielt keine Rolle) in der Klasse und ihren Einheitsorganen, den Arbeiterräten, entstehen können.  Die kommunistische Partei darf keinesfalls das Recht beanspruchen, solche Gruppen zu verbieten oder Druck auf sie auszuüben; sie muß alles unter­nehmen, um solchen Versuchen entgegenzutreten.
d) So wie die Klasse in ihrer Gesamtheit etliche mehr oder weniger kohärente, revolutionäre Tendenzen enthalten kann, so erkennt die Partei durchaus die Möglich­keit von Divergenzen und Tendenzen an. Die Kommunistische Par­tei wird kategorisch das Konzept einer mono­lithischen Partei ablehnen.
e) Die Partei kann mitnichten mit einem Rezeptbuch aufwarten, das auf alle Fragen, die sich im Kampf stellen, detaillierte Antworten gibt. Sie ist weder ein technisches, administratives noch ein Exekutivorgan der Klasse. Sie ist und muß ein politisches Organ bleiben. Dieses Prinzip trifft sowohl auf die Kämpfe, die der Revo­lution vorhergehen, als auch auf die Revolution selbst zu. Insbesondere ist es nicht die Rolle der Partei, der "Generalstab" des Aufstandes zu sein.
f) Die Organisations- und Handlungsdisziplin, die die Partei von ihren Mitgliedern verlangt, ist nur im Rahmen einer ständigen Freiheit der Diskussion und der Kritik innerhalb der Grenzen der Plattform der Partei realistisch. Sie darf von Mitgliedern, die ab­weichende Meinungen zu bestimmten wichtigen Positionen haben, nicht verlangen, diese Positionen nach außen darzulegen und zu verteidigen - sie kann sie nicht zwingen, entgegen ihrer Überzeugung Parteisprecher in diesen Fragen zu sei. Dies geschieht aus der Sorge heraus, die Integrität ihrer Mitglieder zu respektieren, wie auch im allgemeinen Interesse der Organisation in ihrer Gesamtheit. Die Verteidigung wich­tiger Positionen der Organisation Genossen zu übertra­gen, die nicht mit ihnen übereinstimmen, führt nur dazu, daß diese Positionen schlecht vertreten werden. Im gleichen Sinn darf die Partei nicht auf Repressionsmaßnahmen zurück­greifen, um auf ihre Mitglieder Druck auszuüben. Die Par­tei lehnt prinzipiell die Anwendung von Gewalt und Zwang oder eines  Zwangsverhältnisses innerhalb der Klasse ab.
g) Die Partei kann als solche nicht die Klasse auffordern, ihr "das Vertrauen zu schenken", ihr die Entscheidungsbefugnis zu übertragen. Die kommuni­stische Partei ist prinzipiell gegen jede Delegierung der Macht durch die Klasse an ein Organ, eine Gruppe oder Partei, die nicht der ständigen Kontrolle der Klasse unterworfen ist. Die kommunistische Partei ist für die wirkliche Praxis der gewählten, jederzeit abwählbaren Delegierten, die jederzeit den Versammlungen verantwortlich gegenüber sind, von denen sie gewählt werden; in diesem Sinne ist sie gegen die Methode der Wahllisten, die von den politischen Parteien präsentiert werden. Jegliche andere Konzeption führt zwangsläufig zu einer substitutionistischen Praxis.
Während es das Recht der Partei ist, den Rücktritt eines ihrer Mitglieder von einem Posten, einem Komitee oder gar einem Staatsorgan zu fordern, in die dieses Mitglied von einer Ver­sammlung gewählt wurde und gegenüber der es verantwort­lich ist, darf sie die Auswechslung dieses Mitgliedes durch ein anderes nicht eigenmächtig durchsetzen.
h) Schließlich hat im Unterschied zu den bürgerlichen Parteien die proletarische Partei nicht die Aufgabe, den Staat zu übernehmen oder ihn zu verwalten. Dieses Prinzip ist eng mit dem Bedürfnis für die Klasse als Gesamtheit verknüpft, ihre Unabhängigkeit gegenüber dem Übergangsstaat aufrechtzuerhalten. Die Aufgabe dieses Prinzips führt unweigerlich dazu, daß die Partei ihren proletarischen Charakter verliert.
i) Aus all dem Gesagten geht hervor, daß die proletari­sche Partei in unserer Epoche keine Massenpartei sein kann. Da sie nicht die Aufgabe hat, den Staat zu leiten oder die Klasse zu organisieren, da ihre Mitglieder rund um ein Programm ausgewählt sind, das so kohärent ist wie möglich, wird sich die Partei bis zur und in der revolutionären Periode zwangsläufig in der Minderheit befinden. In diesem Sinne muß das KI-Konzept der "revolutionären Massenpartei" - das schon damals falsch und das Produkt einer längst vergangenen Epoche war - kategorisch abgelehnt werden.
20. Die IKS analysiert die Epoche, die mit dem Wiederaufleben der Arbeiterkämpfe 1968 eröffnet wurde, als eine Epoche der historischen Wiederbelebung des Klassenkampfes in Reaktion auf die offene Krise, die nach dem Ende der Wiederaufbauperiode nach dem II. Weltkrieg aufgetreten war. In Übereinstimmung mit dieser Analyse ist sie der Ansicht, daß diese Epoche die Voraussetzungen für die Rekonstituierung der Partei enthält. Jedoch sind es die Menschen, die die Geschichte machen, selbst wenn sie dies unter Bedingungen tun, die unab­hängig von ihrem Willen sind. In diesem Sinne wird die Schaffung der zukünftigen Partei das Ergebnis bewußter, wohlüberlegter Bemühungen sein, denen sich die revolutionären Gruppen schon jetzt verschreiben müssen.
Diese Bemühun­gen erfordern ein klares Verständnis sowohl der allge­meinen Charakteristiken des Prozesses, durch den die Partei gebildet wird - die in allen Perioden gültig sind -, als auch der spezifischen, historisch einmaligen Bedingungen, die für die Entstehung der zukünftigen Partei gelten.
21. Eine der Hauptbesonderheiten bei der Entstehung der zu­künftigen Partei besteht in der Tatsache, daß sie im Gegensatz zur Vergangenheit sofort auf weltweiter Ebene stattfinden wird.
Schon in der Vergangenheit bestanden die politischen Organisationen des Proletariats weltweit, strebten nach einer weltweiten Einheit. Jedoch waren die internationalen Organisationen das Ergebnis einer Umgruppierung von Formationen, die sich mehr oder weniger auf nationaler Ebene und rund um eine Formation konstituierten, die aus einem besonderen nationalen Bereich des Proletariats stammten, der eine Vorrangstellung in der gesamten Arbeiter­bewegung einnahm.
So wurde 1884 die IAA hauptsächlich rund um das englische Pro­letariat konstituiert (die Gründungskonferenz fand in Lon­don statt, wo auch bis 1872 der Sitz des Zentralrates war; und lange Zeit waren die britischen Gewerkschaften das wichtigste Aufgebot der IAA). Großbritannien war damals das höchstentwickel­te Land, der Ort, wo der Kapitalismus am stärksten und konzentriertesten war.
Ebenso wurde die Zweite Internationale hauptsächlich rund um die deutsche Sozialdemokratie gebildet, die die älteste, am weitesten entwickelte und mächtigste Partei  in Europa und auf der Welt war, was vor allem auf die beeindruckende Entwicklung des deutschen Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen war.
Schließlich war der unbestrittene Pol der Dritten Internationalen die bolsche­wistische Partei, nicht wegen der Bedeutung des Kapitalismus Rußlands (der, obgleich er der fünftgrößte Kapitalismus in der Welt war, sehr rückständig war), sondern weil das Proletariat dieses Landes aufgrund besonderer Umstände als Erster (und auch als Einziger) den kapitalistischen Staat gestürzt und die Macht in der großen revolu­tionären Welle nach dem 1. Weltkrieg übernommen hatte.
Die heutige Lage unterscheidet sich grundsätzlich von allem, was in der Vergangenheit vorgeherrscht hat. Einerseits hat die Dekadenz des Kapitalismus die Entstehung neuer Sek­toren des Weltproletariats verhindert, die einen neuen Pol für die gesamte Arbeiterbewegung hätten darstellen können (wie dies mit Deutschland im letzten Jahrhundert der Fall war).
Andererseits hat es im dekadenten Kapitalismus eine beträchtliche Angleichung der unterschiedlichen ökonomischen, sozialen und politischen Bedingungen gegeben, insbesondere in den fortgeschrittenen Ländern. Nie zuvor in der Geschichte hat es in der kapitali­stischen Welt trotz ihrer unüberwindlichen, nationalisti­schen und Blockspaltungen solch einen hohen Grad an Homogenität, an Wechselbeziehungen zwischen ihren verschiedenen Teilen gegeben - dank u.a. der Entwicklung des Welthandels und des Einsatzes moderner Kommunikationsmittel. Für die Arbeiterklasse bedeutete dies  eine beispiellose Angleichung ihrer Lebenbedingungen und, bis zu einem gewissen Umfang, ihrer politischen Erfahrungen.
Schließlich beinhalten die gegenwärtigen Umstände in der historischen Entwicklung des Klassenkampfes zur Revolu­tion (simultane Zuspitzung der Wirtschaftskrise in allen Ländern und nicht der imperialistischen Kriege wie 1917, ein beachtliches Maß an Einheit der Bourgeoisie gegenüber dem Proletariat), daß diese Entwicklung zu einem höheren Ausmaß an Simultanität, Einheit und Verallgemeinerung tendieren wird.
All diese Bedingungen bedeuten, daß die zukünftige Weltpartei nicht um diesen oder jenen nationalen Sektor des Proletariats gebildet wird, wie in der Vergangenheit, sondern ohne viel Federlesens auf weltweiter Ebene und rund um die klarsten, kohärentesten und am weitesten entwickelten politischen Positionen herum konstituiert wird.
Insbesondere aus diesem Grund ist es heute mehr noch als in der Vergangenheit unabdingbar, daß die verschie­denen Gruppen, die heute existieren, ihre Anstrengungen für eine Konstituierung dieses Pols und in erster Linie für die Klärung proletarischer, politischer Positionen mobilisieren und vereinen.
Diese wichtigen Aufgaben sind ein Hauptbestandteil bei der bewußten und willentlichen Annahme ihrer Verantwortung durch die Revolutionäre im Formierungsprozeß der künftigen Partei.
22. In Übereinstimmung mit dieser Perspektive beharrt die IKS auf der dringenden Notwendigkeit, mit der Isolierung zu brechen, in der sich die bestehenden kom­munistischen Gruppen befinden, die Tendenz zu be­kämpfen, aus den objektiven Notwendigkeiten von gestern Tugenden für heute zu machen. Solch eine Tendenz kann nur das Resultat eines sektiererischen Standpunktes sein. Unsere Aufgabe ist es, eine wirkliche internationale Diskussion unter diesen Gruppen in Gang zu bringen, mit der festen Absicht, Mißverständnisse, Verständnismängel, falsche Interpretationen auszuräumen, die auf ein Bedürfnis dieser oder jener Gruppe nach Polemik oder auf die Unkenntnis der Positionen dieser oder jener Gruppe beruhen. Dies ist der einzige Weg, um eine wirkliche Gegenüberstellung von politischen Positionen zu erreichen und einen Klärungs- und Umgruppierungsprozeß zu eröffnen.
Die IKS ignoriert nicht die gewaltigen Schwierigkeiten, denen sie begegnen wird, wenn sie mit dieser Aufgabe beginnt. Diese Schwierigkeiten sind zum großen Teil auf das Gewicht der furchtbaren Konterrevolution zurück­zuführen, der die Klasse mehr als 40 Jahre lang ausgesetzt war; eine Konterrevolution, die den linken Fraktionen, die aus der Kommunistischen Internationalen hervorgegangen waren, ein Ende bereitet und die organische Kontinuität gebrochen hat, die zwischen den verschiedenen politischen proletarischen Organisationen seit Mitte des letzten Jahrhunderts bestanden hatte. Aufgrund dieses Bruches der organischen Kontinuität wird die zukünftige Partei sich nicht auf die Weise bilden, wie die italienische Fraktion vorausgesehen hatte, nach der die Fraktion die Brücke zwischen der alten und neuen Partei bildet.
Diese Lage macht es noch unerläßlicher, den Konfrontations- und Klärungsprozeß auszuführen, der zur Umgruppierung der kommunistischen Organisationen führt. Die IKS hat versucht, zu einem solchen Prozeß durch Kontakte mit anderen Gruppen im kommunistischen Lager beizutragen; wir haben internationale Konferenzen zwischen proletarischen Gruppen vorgeschlagen und aktiv an ihnen teilgenommen. Wir müssen das Scheitern dieser ersten Anstrengung anerkennen, verursacht vor allem durch die sektiererische Spaltung der Gruppen aus der Hinterlassenschaft der Italienischen Linken, die heute trotz ihrer Anmaßung, die "historische Partei" zu sein, mehr oder weniger sklerotisch sind. Diese "Parteien" (es gibt mittlerweile um die fünf) sind zu einem unwiderruf­lichen Verfall verurteilt, wenn sie an dieser Einstel­lung festhalten.
Die IKS ist überzeugt, daß es keinen anderen Weg gibt. Es ist der Weg, der in der Geschichte der Arbeiterbewe­gung immer gesiegt hat, der Weg von Marx und Engels, von Lenin und Luxemburg, der von BILAN und der internationalen Kommunistischen Linken in den 1930er Jahren. Es ist der einzige Weg, der Aussichten auf Erfolg hat, und die IKS ist mehr denn je entschlossen, ihn zu beschreiten.
Sommer 1983

 

FUSSNOTEN:

(1) Hier seien nur stellvertretend folgende Texte erwähnt:

  • Punkt 16 unserer Plattform;
  • der Beitrag der IKS zur 2. Konferenz der Gruppen der Kommunistischen Linke, 1978;
  • Die Broschüre der IKS "Kommunistische Organisation und Klassenbewußtsein".

(2) Die irrigen Analysen, die Bordiga vor allem nach 1945 entwickelte, sollten seine eminent wichtige Rolle bei der Gründung der Kommunistischen Partei Italiens und im Kampf der Linken gegen die Degeneration der Kommunistischen Internationalen keineswegs schmä­lern. Doch die Anerkennung der Bedeutung seines Beitrages darf nicht als Rechtfertigung für diese irrigen Analysen dienen oder dazu, sie als Heilige Schrift der kommunistischen Positionen zu betrachten.


(Erstabdruck in Internationale Revue Nr. 9, engl. Ausgabe Nr. 35, 1983)
Quell-URL: http://de.internationalism.org/revue/13_parteiundklasse