Über die Partei und ihre Beziehung zur Klasse

Submitted by InternationaleRevue on Fre, 24/02/2006 - 23:38.

Über die Partei und ihre Beziehung zur Klasse

1) Im Rahmen unserer Grundtexte über die Funktion der Organisation der Revolutionäre wollen wir die Frage der Kommunistischen Partei und ihres Verhältnisses zur Klasse untersuchen (1).  

 

2) Die Kommunistische Partei ist ein Teil der Klasse, ein Organismus, den sie in ihrer Bewegung hervorbringt und entwickelt, um ihren historischen Kampf bis zu ihrem Sieg voranzutreiben, d.h. die radikale Uwälzung der Ge­sellschaft, um eine neue Gesellschaft zu gründen, die die Vereinigung der Weltgemeinschaft verwirklicht, je­der für alle und alle für einen.  

 

3) Im Gegensatz zu der von Lenin in "Was Tun?" verteidig­ten Auffassung hinsichtlich der Partei, die "im Dienste der Klasse steht" und im Gegensatz zu der stupiden Ka­rikatur des "Leninismus", die die verschiedenen Tenden­zen des Bordigisnus in die Welt gesetzt haben und die behaupten, "erst die Partei schaffe die Klasse", schliessen wir uns R. Luxemburg an, die meinte, daß die Partei selbst ein Produkt der Klasse ist. Das kommt daher, weil die Gründung der Partei sowohl einen Prozeß des Bewußtwerdens in der kämpfenden Klasse ausdrückt und wider­spiegelt, als auch den Bewußtseinsgrad selbst, den die Klasse erreicht hat. Diese Formulierung hat nichts ge­meinsam mit dieser anderen Auffassung, die der verwirrte Bordigismus verteidigt, nämlich die, die in den 70er Jahren ihren klarsten Ausdruck in der Revue "Invarianz" fand, und die davon ausging, daß die "Partei die Klasse selber" sei. Solch eine simplistische Auffassung ersetzt das Ganze, die Einheit des Ganzen und seiner wirklichen Bewegung durch eine genaue Gleich­setzung der Elemente, wodurch die Unterschiede, die be­stehen und sich fortsetzen, genauso verwischt werden wie die dialektische Verbindung zwischen diesen Elementen innerhalb der Einheit selbst, deren integrierter Be­standteil sie sind.  

 

4) Diese Auffassung von der Gleichsetzung von Partei und Klasse macht es unmöglich, die Rolle zu ver­stehen, die die verschiedenen Elemente innerhalb der Einheit spielen, der sie angehören. Diese Auffassung sieht nicht die Bewegung, sie ist statisch und nicht dynamisch, grundsätzlich ahistorisch. Sie stimmt mit der idealistischen, moralistischen Auffassung der Modernisten überein, diesen modernen Epigonen des degene­rierten Rätekommunismus, die mit der alten Gegenüber­stellung von Schwarz und Weiß, von Gut und Böse argumen­tieren, und für die jede politische Organisation inner­halb der Klasse per Definition ein absolutes Übel ist.  

 

5) Die Hauptschwäche des Rätekommunismus der Hollän­dischen Linke , die unter dem Einfluß Pannekoeks stan­d, besteht darin, den politischen Strömungen und Grup­pen, die in der Klasse auftauchen, nur eine erzieheri­sche und pädagogische Funktion zuzuschreiben. Sie schrei­ben ihnen keine politische Rolle zu, d.h. sie sehen nicht, daß sie ein aktiver und militanter Teil der Klas­se sind, die in ihren Reihen kohärente, in einem Programm - dem Kommunistischen Programm - zusammengefaßte kommunistische Positionen verteidigen, und auf dieser Grund­lage handeln diese Gruppen auf organisierte Weise. In­dem er ihnen nur eine erzieherische Funktion und nicht die der Verteidigung eines kommunistischen Programms zuschreibt, ließ Pannekoek seine rätekommunistischen Organisationen zu dem Berater der Klasse werden. Damit schwimmt er im Fahrwasser der Auffassung Lenins hin­sichtlich der Organisation, die im "Dienste der Klasse" stehe. Die beiden Auffassungen stimmen bei der Negation der Idee überein, daß die Partei ein Teil und ein aktiver Organismus der Klasse sei.  

 

6) Die politische Gesellschaft ist die vereinigte gesell­schaftliche Welt der Menschheit, die durch die Trennung in Klassen gespalten wurde, und die jetzt die Mensch­heit mit Hilfe des Proletariats und durch dessen Kampf unter großen Anstrengungen aufzubauen versucht. In diesem Sinne nimmt der Kampf des Proletariats notwen­digerweise einen politischen Charakter an (weil das eben noch der Klassenkampf ist). Der Kampf des Proletariats ist im vollen Sinne des Wor­tes ein grundsätzlich gesellschaftlicher Kampf. Wenn dieser Kampf erfolgreich ist, trägt er in sich den Keim der Auflösung aller Klassen und der Auflösung der Ar­beiterklasse selbst in der Weltgemeinschaft - die auf der ganzen Welt aufgebaut werden kann. Jedoch muß diese gesellschaftliche Lösung notwendigerweise die Phase politischer Kämpfe durchlaufen - d.h. ein Kampf mit dem Ziel der Errichtung ihrer Macht über die Gesellschaft werden - wofür die Arbeiterklasse sich ihre Waffen schmiedet, nämlich die revolutionäre Organisation, die politischen Parteien.  

 

7) Die Bildung politischer Kräfte, die Klasseninteres­sen widerspiegeln und verteidigen, ist nicht typisch für das Proletariat. Alle Klassen der Geschichte haben dies getan. Der Entwicklungsgrad, die Definition und die Strukturierung dieser Kräfte spiegeln die Eigenschaften der Klasse wider, deren Interessen sie vertreten. In der kapitalistischen Gesellschaft - der letzten Klassenge­sellschaft der Geschichte - finden sie ihre höchst ent­faltete Form, dort, wo die gesellschaftlichen Klassen am ausgeprägtesten entwickelt sind, wo die Klassenge­gensätze am deutlichsten hervortreten. Während es einerseits unzweifelhaft gemeinsame Punkte zwischen den Parteien des Proletariats und der anderen Klassen und insbesondere der Bourgeoisie gibt, sind die Unterschiede und Gegensätze zwischen ihnen viel größer. Wie bei den anderen geschichtlichen Klassen der Vergan­genheit bestand das Ziel der Bourgeoisie, als sie ihre Herrschaft über die Gesellschaft errichtete, nicht in der Abschaffung der Ausbeutung, sondern in ihrer Fort­setzung unter anderen Formen; auch wollte sie nicht die Spaltung der Gesellschaft in Klassen aufheben, sondern eine Klassengesellschaft errichten. Ebensowenig wollte sie den Staat zerstören, sondern ihn nur noch perfekter, mächtiger ausbauen. Der Typ politischer Organisationen, den die Bourgeoisie entwickelt, ihre Handlungsformen und die Intervention in der Gesellschaft werden direkt durch ihre Ziele bestimmt: Die bürgerlichen Parteien sind Staatsparteien, deren spezifische Rolle in der Übernahme und Ausübung der Staatsmacht besteht, die der Ausdruck und Garant der Fortsetzung der Spaltung der Ge­sellschaft in Klassen ist. 

 

Dagegen ist das Proletariat die letzte Klasse in der Ge­schichte, bei der die Übernahme der politischen Macht zum Ziel hat, die Spaltung der Gesellschaft in Klassen zu überwinden und den Staat zu zerstören, der ja der direkte Ausdruck dieser Spaltung ist. In diesem Sinne sind die Parteien des Proletariats keine Staatspar­teien. Sie streben nicht nach der Übernahme und Aus­übung der Staatsmacht, ihr Endziel ist im Gegenteil das Verschwinden des Staates und der Klassen.  

 

8) Wir wollen hier vor der falschen Auslegung der un­glücklichen Formulierung des Kommunistischen Manifestes (das nur in dem Kontext der Lage von 1848 verstanden werden kann) warnen, wo nämlich gesagt wird, daß "die Kommunisten keine besondere Partei gegenüber den an­deren Arbeiterparteien sind". Wörtlich genommen steht dieser Satz im offenen Widerspruch zu der Tatsache, daß es sich beim Manifest um das Manifest einer Organisation handelte, die sich gerade Bund der Kommunisten nannte, und dem es als Programm diente. Deshalb ist diese Formulierung um so erstaunlicher, wenn sie aus der Feder von 2 Män­nern stammt, die das Manifest geschrieben haben (Marx und Engels), die ihr ganzes Leben lang sowohl Mili­tante der allgemeinen Bewegung der Klasse als auch Befürworter und Teilnehmer an politischen Aktionen wa­ren.  

 

DIE VERBINDUNG ZWISCHEN DEM LEBEN DER KLASSE UND IHREN POLITISCHEN ORGANISATIONEN  

 

9) Als Teil der allgemeinen Bewegung der Arbeiter­klasse, die sie hervorbringt, entfalten diese politischen Organisationen, die Parteien, sich mit der Entwicklung des Klassenkampfes selber. Wie jeder lebendige Orga­nismus haben diese politischen Parteien des Proletariats eine Geschichte, die untrennbar mit der Geschichte der Arbeiterbewegung, mit den Höhepunkten und dem zeitweiligen Zurückweichen des Klassenkampfes verbunden ist. Die Geschichte der Partei läßt sich nur untersuchen, wenn man sie in den allgemeinen Rahmen der Stufen stellt, den die Klassenbewegung durchläuft, wenn man die Proble­me mit einbezieht, vor denen die Arbeiterklasse steht, und ihre Fähigkeiten berücksichtigt, diese Probleme auf zufriedenstellende Weise zu lösen, die Lehren aus ihrer Erfahrung zu ziehen und daraus ein neues Sprungbrett für die zukünftigen Kämpfe zu machen. Während sie also selbst ein Faktor der Entwicklung der Klasse sind, sind die politischen Parteien aber auch gleichzeitig ein Ausdruck des jeweiligen wirklichen Zu­standes der Arbeiterklasse selbst.  

 

10) Während ihrer gesamten Existenz ist die Klasse dem Gewicht der bürgerlichen Ideologie ausgesetzt gewesen, die danach strebt, die proletarischen Parteien zu ent­arten, zu korrumpieren, ihre wirkliche Funktion zu ent­stellen. Dieser Tendenz haben sich die revolutionären Fraktionen entgegengestellt, indem sie sich die Aufgabe gesetzt haben, die kommunistischen Positionen auszuarbei­ten, sie zu klären und präzisieren. Das trifft insbesondere für die Linkskommunistischen Fraktionen zu, die aus der III. Internationalen hervorgegangen sind.  

 

- Das Begreifen der Frage der Partei hängt von der Assimilierung der Erfahrung und der Beiträge der gesamten Internationalen Kommunistischen Linken ab.  

 

Es war jedoch das besondere Verdienst der Italienischen Fraktion der Kommunistischen Linke, den qualitativen Unterschied herausgearbeitet zu haben, der bei dem Prozeß der Organisierung der Revolutionäre je nach den verschiedenen Zeiträumen besteht, nämlich seine Abhängigkeit von der Entwicklung des Klassenkampfes und seinen Niederlagen und den Rückflußphasen. Die Italienische Fraktion der Kommunistischen Linken hat für jeden dieser beiden Zeiträume klar gezeigt, welche Form die Organisation der Revolutionäre und ihre jeweiligen Aufgaben annehmen müssen: In den Phasen des blühenden Klassenkampfes die Form der Partei einen direkten und unmittelbaren Einfluß auf den Klassenkampf haben kann; in den Rückflußphasen die einer zahlenmäßig schwächeren Organisation, deren Einfluß geringer und weniger wirkungsvoll im unmittelbaren Leben der Klasse ist. Diesem Organisationsprodukt hat sie den unterscheidenden Namen "Fraktion" gegeben, die zwischen zwei Phasen der Entwicklung des Klassenkampfes, d.h. zwei Augenblicken der Existenz der Partei eine Verbindung, eine organische Brücke zwischen der alten und neuen Partei darstellt. Die Italienische Fraktion hat die Fehler Trotzkis bekämpft, der glaubte, eine Partei und eine Internationale zu jedem möglichen Zeitpunkt gründen zu können - z.B. in den 30er Jahren - und der in Wirklichkeit nur Spaltungen und eine noch größere Zerstreuung der prole­tarischen Elemente hervorgebracht hat. Sie hat die theoretischen Spitzfindigkeiten eines Bordiga verwor­fen (2), der mit Wörtern spielte, eine Theorie vor­täuschte und Drehungen und Wendungen vornahm, in sinn­losen, abstrakten Sophismen wie der "Invarianz des Pro­gramms" seine Zuflucht suchte und der Unterscheidungen zwischen "formeller" und "historischer Partei" einführte. Gegen diese verschiedenen Verirrungen hat die Italieni­sche Fraktion der Kommunistischen Linke die Richtigkeit ihrer Thesen bewiesen, indem sie sich fest auf die Er­fahrung eines Jahrhunderts der Geschichte der Arbeiter­bewegung und ihrer Organisation stützte.  

 

11) Die wirkliche und nicht durch Phantasmen überdeckte Geschichte zeigt uns, daß die Existenz der Klassenpartei eine zyklische Bewegung des Entstehens, der Entfal­tung und des Verfalls durchläuft. Dieser Zerfall äußert sich in dem inneren Fäulnisprozeß durch ihren Über­gang ins Lager des Feindes oder auch durch ihr voll­ständiges Verschwinden. All das eröffnet mehr oder we­niger lange Intervalle, bis erneut die Bedingungen für ihr Wiederauftauchen heranreifen. Das trifft sowohl für den Zeitraum vor Marx zu (angefangen vom Baboeuvismus und dem schrittweisen Auftauchen revolutionärer Organisatio­nen) als auch für die Zeit während des Lebens und der Aktivitäten von Marx und Engels sowie nach ihrem Tod bis heute. Der Bund der Kommunisten bestand nur 5 Jahre (1847-1852), die I. Internationale 9 Jahre (1864-1873), die II. Internationale 25 Jahre (1889-1914), die III. Internationale 8 Jahre (1919-1927).

Obgleich es eine klare, kontinuierliche Verbindung gibt (ihre Kontinuität rührt von der Tatsache her, daß sie alle Organisationen der gleichen Klasse waren, mitein­ander verbundene Momente dieser Einheit der Klasse, die ähnlich wie das Sonnensystem gegenüber den Planeten eine stabile, unerschütterliche Einheit darzustellen scheint, in deren Innern die verschiedenen Organisationen sich bewegen), gibt es aber keine Stabilität, keine histori­sche Beständigkeit dieses Organismus, der Partei genannt wird.

Die bordigistische Scheintheorie über die "historische Partei" und der "formalen Partei" steckt voll von Mythen. Dieser Theorie zufolge wäre die "historische Partei" ebenso wie das Programm eine gegebene, unabänderliche und invariante Tatsache. Aber diese Partei könnte ihre Wirklichkeit nur in der "formellen" Partei zum Ausdruck bringen. Aber was wird aus der "historischen" Partei, wenn die "formelle" Partei verschwindet? Sie wird un­sichtbar und handlungsunfähig, bleibt dennoch irgendwo fortbestehen, weil sie unsterblich wäre. Dies sind Be­hauptungen und Fragestellungen der idealistischen und religiösen Philosophie, die Geist und Materie, Seele und Körper trennen, wobei das eine unvergänglich, un­sterblich und das andere sterblich sei.  

 

12) Keine noch so erleuchtete, voluntaristische Theorie, ob sie nun aus den Reihen der "spontanen Generationen" oder der "genialen Intelligenz" stammt, kann das Phä­nomen des Auftauchens und des Bestehens der Partei er­klären, und noch weniger die Gründe ihrer Periodizität, der Reihenfolge ihrer verschiedenen Bewegungen. Nur eine Vorgehensweise, die die wirkliche Bewegung des Klassenkampfes berücksichtigt, der selbst von der Ent­wicklung des kapitalistischen Systems und seiner Wider­sprüche bedingt und bestimmt wird, kann gültige Antwor­ten zu der Frage der Partei geben, indem diese auf dem Hintergrund der wirklichen Bewegung der Klasse untersucht wird. 

 

13) Die gleiche Vorgehensweise muß eingesetzt werden, wenn man die in der Geschichte festgestellten unterschiedlichen Funktionen der Partei beleuchtet. Genauso wie die Philosophie im Altertum verschiedene Diszipli­nen umfaßte, erfüllt die Partei, die das Ergebnis der Bewegung des Klassenkampfes ist, anfänglich verschiedene Aufgaben in der Klasse, insbesondere: 

- Sie ist der Ort der theoretischen Vertiefung der Klasse. 

- Sie verdeutlicht die in den Klassenkämpfen potentiell enthaltenen Endziele. 

- Sie ist ein aktives, militantes Organ in der Klasse, das an ihrer Spitze kämpft, um ihre unmittelbaren, wirtschaftlichen und politischen Interessen zu ver­teidigen. 

- Sie ist Erzieherin, erweitert und führt umfassende, vielfältige Interventionen in der Klasse durch und stellt diese Erziehung auf allen Ebenen durch die Presse und Konferenzen, die Organisation von  Abendschulen, die Schaffung von Arbeiteruniversitäten usw. sicher. 

- Sie betreibt Propaganda, gewährleistet die Verbrei­tung revolutionärer Ideen in der Klasse. 

- Sie bekämpft entschlossen und ausdauernd die Ideen und Vorurteile der bürgerlichen Ideologie, die stän­dig in die Köpfe der Arbeiter einzudringen versucht, um ihre Bewußtseinsentwicklung zu verhindern. 

- Sie wird zum Agitator, organisiert Arbeiterdemos, Treffen, Versammlungen und andere Handlungen der Klasse. 

- Sie wirkt als Organisator, der alle Art von kulturel­len Arbeiterassoziationen schafft und verbreitet und unterstützt, das Gleiche trifft für die Verteidigung der unmittelbaren materiellen Bedingungen zu (Hilfs­organisationen, Produktionsgenossenschaften, Streik­kassen, finanzielle Solidarität usw.) und vor allem unterstützt sie die Bildung von Einheitsorganen, die der permanenten Verteidigung der unmittelbaren ökono­mischen Interessen der Arbeiter entsprechen - die Ge­werkschaften . 

- Sie unterstützt durch die Anwesenheit von Arbeiterre­präsentanten in den Parlamenten den Kampf um politi­sche Reformen, um die unmittelbaren Interessen der Ar­beiter durchzusetzen.  

 

14) Während der letzten 140 Jahre hat der Kapitalismus 4 große Umwälzungen durchlaufen: 

- 1848: Abschluß des Zyklus der antifeudalen Revolution der Bourgeoisie; 

- 1870: der preußisch-französische Krieg schloß die Bildung von großen ökonomischen und politischen Einheiten des Kapitalismus - den Nationen - ab und öffnete einen langen Zeitraum kapitalistischer Expansion auf der gan­zen Welt-  den Kolonialismus. 

1914: Höhepunkt der imperialistischen Phase. Die Zuspit­zung der Widersprüche des Systems und sein Eintritt in die Verfallsphase mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs. 

1917: Erschütterung des Systems, und damit das Entste­hen der Notwendigkeit einer unaufschiebbaren gesell­schaftlichen Umwälzung.  

 

15) Wie reagierte das Proletariat auf diese 4 Haupter­eignisse?  

 

1848: Hinter der Bourgeoisie tauchte der gewaltige Schat­ten des jungen Proletariats auf (Junitage, Aufstand der Arbeiter in Paris), ein Ereignis, das einige Monate zu­vor durch die Gründung des Bundes der Kommunisten ange­kündigt worden war. Als erste wirkliche Partei des mo­dernen Proletariats zeigte und bewies diese Organisation, die mit der Romantik der geheimen Gesellschaften ge­brochen hatte, in einem kohärenten Programm, einer Kri­tik des Kapitalismus (Das Kommunistische Manifest) den un­vermeidbaren Zusammenbruch des Systems unter dem Gewicht der unüberwindbaren inneren Widersprüche. Er definierte das Proletariat als Träger der historischen Lösung, ein Träger, der der langen Geschichte der Teilung der mensch­lichen Gesellschaft in antagonistische Klassen und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen durch seine Revolution ein Ende setzen würde. Jeder revolutionären Phraseologie und dem Voluntarismus entgegentretend, er­kannte der Bund der Kommunisten 1852 den Sieg des Kapi­talismus über die ersten Erhebungen des Proletariats zu einer Zeit, als die historischen Bedingungen noch nicht reif waren, um den Triumph der sozialistischen Revolution möglich werden zu lassen. Und unter diesen Bedingungen der Niederlage war der Bund dazu gezwungen, als handelnde und zentralisierte politische Organisation zu verschwinden.  

 

1870: Die Militanten des Bundes hatten sich nicht in der Luft aufgelöst. Während sie die Reifungsbedingungen einer neuen Welle von Arbeiterkämpfen erwarteten, hat­ten sie gleichzeitig die Arbeit theoretischer Ausar­beitung, der Assimilierung der Erfahrungen in der Klasse nach den großen gesellschaftlichen Umwälzungen von 1848 fortgesetzt. Die Bourgeoisie ihrerseits, die sich nach diesen Erschütterungen erholt hatte, setzte mit Riesen­schritten ihre Entwicklung und Ausdehnung fort. Ungefähr 15 Jahre danach trat erneut ein zahlenmäßig stärkeres, auf andere Länder ausgedehntes Proletariat auf die Bühne, das reifer und entschlossener war große Schlach­ten aufzunehmen - zwar noch nicht für die Revolution (aufgrund der noch nicht ausgereiften objektiven Bedin­gungen solch eines unmittelbaren Ziels), sondern für die Verteidigung seines unmittelbaren wirtschaftlichen Lebens­standards. Auf diesem Hintergrund wurde 1864 aufgrund der Initiative der Arbeiter in Frankreich und England die I. Internationale gegründet, die Zehntausende von Arbeitern aller industrialisierten oder in der Entwick­lung befindlichen Länder von Amerika bis Rußland zusammenfaßte. Die alten Militanten des Bundes der Kommunisten wirkten natürlich bei dieser Internationalen Arbeiter­assoziation mit, wo sie die verantwortliche Stelle mit Marx an ihrer Spitze einnahmen. Von Jahr zu Jahr wurde die Internationale in allen Län­dern der Welt zum Sammelpunkt einer immer größer und kämpferischer werdenden Zahl von Arbeitern, so daß sie zu einer Bedrohung für alle Regierungen Europas wurde. In dieser allgemeinen Organisation der Klasse stieß die marxistische Strömung (der wahre Ausdruck des Prole­tariats) und die anarchistische Strömung um Bakunin - Repräsentant der kleinbürgerlicher Ideologie - zusam­men, die damals noch einen großen Einfluß unter den Ar­beitern der ersten Generationen und den halbproletari­schen Handwerkern hatte. 

 

Der deutsch-französische Krieg, die schreckliche Nieder­lage des französischen 2. Reiches und seines Sturzes, der Verrat der republikanischen Bourgeoisie, die Misere und der Hunger der Pariser Arbeiter, die von der Armee Bismarcks umzingelt waren, die Provokationen der Regie­rung... , alles zwang die Pariser Arbeiter dazu, einen vor­zeitigen, verfrühten bewaffneten Zusammenstoß zu eröffnen, um die bürgerliche Regierung davon zu jagen und die Kommune zu proklamieren. Die Niederschlagung der Kommune war un­vermeidbar. Und während sie einerseits die Kampfbereit­schaft und den unerschütterlichen Willen des Proletariats, gegen das Kapital und seinen Staat Sturm zu laufen, zum Ausdruck brachte und somit den nachfolgenden Genera­tionen der Weltarbeiterklasse unschätzbare Erfahrungen hinterließ, hatte ihre blutige Niederschlagung die un­widerrufliche Auflösung der Internationale zur unmit­telbaren Folge.  

 

1914: Der blutige Triumph des Kapitals, das Massaker der Kommune und die nachfolgende Auflösung der Inter­nationale sollten jahrelang ihre Wirkung zeigen und eine ganze Generation Proletarier kennzeichnen. Nach­dem die Wunden geheilt waren, faßte das Proletariat langsam wieder Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten, dem Kapital entgegenzutreten. Langsam fingen die Or­ganisationen der Klasse wieder an Wurzeln zu fassen: 

Gewerkschaften, politische Parteien, die danach streb­ten sich zu zentralisieren - auf nationaler Ebene zu­nächst und dann auf internationaler Ebene - was schließlich 1889 (18 Jahre nach der Kommune) zur Gründung der II. Internationale, einer rein politischen Organisation führte.  

 

Aber die kapitalistische Welt erklomm damals den Höhepunkt ihrer Entwicklung auf internationaler Ebene, sie konnte überall maximale Profite aus den Arbeitern her­auspressen, weil der Markt auch fast unbegrenzt schien.  

 

Dies war die Blütezeit des Kolonialismus, der Entwick­lung der Produktionsmittel und des relativen Mehrwerts, der an die Stelle des absoluten Mehrwerts trat. Dem Kampf des Proletariats für die Verkürzung des Arbeitstages, für die Erhöhung der Löhne, für politische Reformen war Erfolg beschieden. Diese Entwicklung schien sich endlos fortzusetzen, führte schließlich aber zu der Illusion, daß die kapitalistische Welt durch eine Reihe von nacheinander stattfindenden Reformen allmählich zu einer sozialistischen Gesellschaft umgeordnet werden könnte. Diese Illusion, der Reformismus, diese Krankheit, die in die Köpfe der Arbeiter und ihre Organisa­tionen - sowohl die politischen als auch die ökonomischen Organisationen - eindrang, nagte das Klassenbewußtsein der Arbeiter an und verdeckte das revolutionäre Ziel und den Weg dorthin. Der Triumph des Reformismus bedeutete schließlich eine Niederlage des Proletariats. Dies war der Triumph der Bourgeoisie, der es gelang, die Arbeiter an ihre Werte zu binden, die vor allem nationalistisch, patriotisch sind; gleichfalls schaffte sie es, ihre Organisationen - Partei und Gewerkschaft - zu bestechen, die damit un­widerruflich in das Lager des Kapitals übergewechselt waren.  

 

1917: Eingeschläfert, betäubt, durch den Übergang seiner Organisationen ins bürgerliche Lager verraten, durch den Nationalismus und Patriotismus benebelt, mit dem es die Bourgeoisie mit verstärkten Dosen überhäuft, erwachte das für den Krieg mobilisierte Proletariat unter den be­täubenden Explosionen der Granaten inmitten von Millionen von Toten - die in einem Blutbad, in seinem Blut, Opfer dieses Krieges geworden waren. Drei Jahre dieser Katastro­phe waren notwendig, bevor das Proletariat durch diesen imperialistischen Weltkrieg ernüchtert wurde und anfing, sich dieser Wirklichkeit bewußt zu werden.  

 

1917 war die erste Explosion einer revolutionären Welle, die Jahre andauern sollte. Durch diese Explosion wurde es dazu gebracht, neue Klassenorganisationen aufzubauen, die seinen neuen Aufgaben entsprechen könnten. Diese nahmen nicht die Form von Gewerkschaften an, die damals für den neuen Zeitraum der Dekadenz des Kapitalismus unbrauchbar geworden waren, anstelle dessen schuf es die Arbeiterräte, ebensowenig sollte die für immer ver­lorene und in das Feindeslager übergewechselte Sozial­demokratie wieder erobert werden können. Anstelle des­sen wurde eine Kommunistische Weltpartei, die III. In­ternationale, ins Leben gerufen, die die Aufgaben er­füllen sollte, die auf die Arbeiterklasse zukamen, den Weg zur Weltrevolution des Proletariats zu verstärken. Diese neue Partei, die neue Internationale, die Kommu­nistische Internationale, wurde durch die Fraktionen und Minderheiten der Linken gegründet, die aus der II. Internationale hervorgegangen waren und jahrelang die reformistische Ideologie bekämpft, den Verrat der alten Sozialdemokratie denunziert, gegen den Krieg und die Ideologie der nationalen Verteidigung gekämpft hatten, kurzum, die dem Marxismus und der proletarischen Revo­lution treu geblieben waren.  

 

DER TEST DER KONTERREVOLUTION  

 

16) Weil sie während des Krieges - der nicht die günstig­ste Ausgangsbasis der Revolution darstellt - entstanden war, scheiterte diese großartige erste Welle der prole­tarischen Revolution. Dieses Scheitern ist ebenfalls zurückzuführen auf die Unreife des Bewußtseins des Pro­letariats, die sich u.a. in der neuen Internationale in dem Fortbestehen von falschen, aus der alten Sozial­demokratie ererbten Illusionen äußerte: 

 

- die falschen Antworten hinsichtlich der Rolle der Par­tei in der Revolution und das Verhältnis Partei-Klasse; 

- die Identifizierung der Diktatur des Proletariats mit der Diktatur der Partei; 

- die besonders gefährliche Verwirrung hinsichtlich der Frage des Staates in der Übergangsperiode, der "proletari­scher Staat" oder "sozialistischer Staat" genannt wurde. 

 

Diese verschiedenen Fehler, das Überleben des Sowjetischen Staates, der "Arbeiterstaat" genannt wurde, die unzurei­chenden Analysen der Linksopposition hinsichtlich seiner Entartung (die Linksopposition um Trotzki glaubte, daß dieser Staat seinen "proletarischen Charakter" und die "Errungenschaften der Oktoberrevolution" aufrechterhal­ten hätte), all diese Faktoren haben zusammen mit der Reihe von Niederlagen des Proletariats in den anderen Ländern (dabei tragen diese Faktoren einen Teil Verantwor­tung dafür) dazu beigetragen, daß ein für die Weltbour­geoisie günstiges Kräfteverhältnis entwickelt wurde, das für die historische Niederschlagung der Arbeiterklasse verantwortlich ist. Diese Gesamtheit von Faktoren führte auch zum Verfall, der Entartung und schließlich zum Über­gang der Bolschewistischen Partei, aller Parteien der Kommunistischen Internationale ins Lager der Bourgeoi­sie, womit sie für das Proletariat gestorben waren. 

Das Ausmaß der von dem Proletariat erlittenen Nieder­lage entsprach direkt dem Ausmaß der revolutionären Welle, die dieser Niederlage vorausging. Weder die grosse Wirtschaftskrise, die 1929 ausbrach, noch der 2. Weltkrieg, und auch nicht die Wiederaufbauzeit nach dem 2. Weltkrieg wurden von tiefgreifenden Kämpfen des Pro­letariats erschüttert. Selbst in den wenigen Ländern, in denen die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse noch bestand, weil sie noch nicht direkt unter Beweis ge­stellt worden war, wurde diese Kampfbereitschaft leicht von ihrem Klassenterrain durch die politischen Kräfte der Linken für die Mobilisierung für den Weltkrieg ab­gelenkt. Das traf vor allem während des Generalstreiks 1936 in Frankreich zu, und im gleichen Jahr auch für den Aufstand des spanischen Proletariats, der schnell in einen "Bürgerkrieg" zwischen Faschismus und Antifaschis­mus umgewandelt werden konnte, wodurch er als Vorberei­tung und allgemeines Vorspiel für den 2. Weltkrieg dien­te. In anderen Ländern wie Rußland, Rumänien, Polen, Deutschland, Österreich, Italien, den Balkanländem, Spanien und Portugal wurde das Proletariat der furcht­barsten Unterdrückung unterworfen - Millionen von Prorletarier wurden in Gefängnisse und andere KZs geschmis­sen. Die Bedingungen für das Auftauchen einer Klassenpartei fehlten völlig. 

 

Nur der Voluntarismus und das vollständige Unvermögen Trotzkis die Realität zu begreifen, der nämlich sogar soweit ging, 1936 den Anfang der Revolution in Frank­reich und Spanien anzukündigen, der den Staatskapita­lismus in Rußland mit dem "Überleben der Errungenschaf­ten der Oktoberrevolution" verwechselte, all das führte ihn dazu, mit seinen Anhängern auf abenteuerliche Weise neue Parteien und eine angeblich revolutionäre Interna­tionale zu gründen. Zuvor hatte seine Strömung eine Kehrtwendung gemacht und sich den sozialistischen Par­teien der aufgelösten 2. Internationalen angeschlossen.  

 

Dieser Zeitraum war keine Periode zusammenströmender Bewegungen, der Konvergenz der revolutionären Kräfte, die sich auf eine Vereinigung und die Schaffung der Klassenpartei hinbewegten; stattdessen war er gekennzeichnet durch eine vollständig zentrifugale Bewegung, Zerstreu­ung und Zersplitterung der Gruppen und revolutionären Elemente. Die englische Linke war seit langem verschwun­den, die russische Linke war in den Gefängnissen Stalins physisch ausgelöscht, die deutsche Linke vollständig li­quidiert worden. Die verbleibenden revolutionären Grup­pen isolierten sich und zogen sich zurück, lösten sich im Laufe der Monate und Jahre auf.  

 

Der Krieg in Spanien bewirkte 1936 eine strenge Auslese unter diesen Gruppen, nämlich zwischen denen, die in den Fangnetzen des Antifaschismus hingen und denjenigen, die fest auf dem Klassenterrain verblieben: die Fraktion der Italienischen Linkskommunisten, die ihr Werk der theoretischen Weiterentwicklung fortsetzte und ausbaute und dabei die früheren politischen Positionen der Komin­tern, als diese sich auf ihrem Höhepunkt befand, ohne irgendwelche Angst der fruchtbarsten, rücksichtslosen Kritik auf der Grundlage der wirklichen Erfahrung der Arbeiterbewegung seit 1917 unterwarf. Die Internationale Kommunistische Linke litt selbst un­ter den Auswirkungen der Ereignisse. Das erste Mal 1936 aufgrund einer Abspaltung einer Minderheit, die sich für die Teilnahme am Spanienkrieg auf der Seite der an­tifaschistischen Republikaner entschied, ein 2. Mal am Anfang des Krieges mit dem Austritt einer Minderheit, die behauptete, das Proletariat sei im Krieg gesell­schaftlich verschwunden und deshalb sei es unmöglich, jegliche Aktivitäten und die Organisation der Fraktio­nen aufrechtzuerhalten. Die 3. - diesmal endgültige Krise - entstand 1945 mit der Abspaltung der Französi­schen Fraktion der Kommunistischen Linke (Gauche Communiste de France), die sich der Entscheidung der Auflö­sung der Internationalen Kommunistischen Linke entgegen­stellte, und dem einfachen Verschwinden ihrer Mit­glieder, die sich individuell einer in Italien gegründe­ten Partei anschlossen, deren Plattform und Positionen nicht bekannt waren, und von der nur bekannt war, daß sie sich um 0t. Damen und Bordiga gegründet hatte - d.h. 2 bedeutende Persönlichkeiten der Italienischen Linke der 20er Jahre. Dies war das traurige Ende der Italieni­schen Fraktion der Linkskommunisten. 

 

4 GROSSE ETAPPEN DES LEBEN DES PROLETARIATS 

 

EIN JAHRHUNDERT DER GESCHICHTE: DIE HAUPTLEHREN ZU DEM WESEN UND DER FUNKTION DER PARTEI  

 

17) Dieser kurze Überblick der Geschichte der Arbeiter­bewegung zeigt uns:  

 

a) Es gibt notwendigerweise eine enge Verbindung zwischen der Klasse als Ganzes und der Partei als besonderer Teil dieses Ganzen. Es gibt Zeiträume, wenn die Klasse ohne Partei besteht, aber die Partei kann nie ohne die Klasse bestehen.  

 

b) Die Klasse bringt die Partei als unabdingbaren Körper hervor, die Aufgaben erfüllt, die für die Reifung der Klasse und ihres Bewußtseins notwendig sind, so daß die Klasse fähig wird, ihren Endsieg zu erringen. Es ist un­möglich sich des Endsieges des Proletariats sicher zu sein, wenn es nicht die Organe entwickelt hat, die unent­behrlich sind, insbesondere die allgemeinen Einheitsorga­ne der Klasse, die alle Arbeiter zusammenfassen und die politischen Organisationen der Klasse - die Partei - ,die auf einem allgemeinen Programm fußen und sich auf kohärente Positionen stützen, die das Endziel des Kampfes des Proletariats, den Kommunismus und die Mittel ihn durchzusetzen, aufzeigen.  

 

c) Ein Hauptunterschied besteht zwischen den allgemeinen Organisationen, die allen Arbeitern offenstehen und der politischen Organisation, nämlich der Partei, hinsicht­lich ihrer Entwicklung. 

 

In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus bestand die allgemeine Organisation trotz einiger wichtiger Struktur­änderungen fortwährend. Als Aufgabe verfolgte sie die Ver­tiefung der unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen der Klasse. Bei der politischen Organisation jedoch kann man nicht von einer ständigen Existenz sprechen, denn die Partei existierte nur vorübergehend in den Zeiträumen des sich entfaltenden Klassenkampfes und der Kampfbereitschaft der Klasse insgesamt. Diese Feststellung verdeutlicht den engen Zusammenhang zwischen der Existenz der Par­tei und dem Stand des Klassenkampfes. Im Falle eines ansteigenden Klassenkampfes sind die Bedingungen für das Entstehen und die Aktivitäten der Partei gegeben. In den Rückflußphasen, wenn diese Bedingungen nicht mehr erfüllt sind, neigt die Partei auch dazu sich auf­zulösen. Im ersten Fall gewinnt die vereinigende, zu­sammenströmende Kraft die Überhand, dagegen im zweiten die zentrifugale Kraft.  

 

d) Hinsichtlich dieses Punktes gilt es die wesentlichen Unterschiede des dekadenten Kapitalismus hervorzuheben. In dieser Epoche, wo selbst die wirkliche und dauerhafte Aufrechterhaltung und Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse nicht mehr möglich sind, kann es auch keine permanenten Organe mehr geben, deren Daseinsgrund nämlich aufgehoben ist. Deshalb entspricht die gewerk­schaftliche Arbeit heute überhaupt nicht mehr den Interessen der Arbeiter. Die Gewerkschaften können sich nur dadurch beständig am Leben halten, indem sie als An­hängsel des Staates wirken, deren Aufgabe darin besteht, alle Aktionen der Klasse einzuschränken, zu kontrollie­ren und in Sackgassen laufen zu lassen. Im gegenwärtigen Zeitraum stellen nur die wilden Streiks, die zum Massen­streik hin tendieren, und die von den Vollversammlungen geführt und kontrolliert werden, die einzige mögliche Aktionsform dar, die mit dem Inhalt der Interessen der Arbeiterklasse übereinstimmen.  

 

Deshalb können diese Versammlungen nur in ihrer Anfangsphase permanent bestehen. Eine allgemeine Organisation der Klasse kann nur dann bestehen und zu einem permanenten Organ werden, wenn die Verteidigung der unmittelbaren Interessen mit der Möglichkeit der Revolution in der revolutionären Periode zusammentrifft. Dann spricht man von Arbeiterräten. Dies ist der einzige Zeitpunkt in der Geschichte des Kapitalismus, wo das permanente Be­stehen dieser Organisation wirklich zu einer allgemeinen Tatsache wird und eine Konkretisierung der wirklichen Einheit der Klasse ausdrückt. Bei der politischen Par­tei verhält es sich anders, denn sie kann selbstverständ­lich vor diesem Höhepunkt - dem Erscheinen der Arbei­terräte - auftauchen. Das ist deshalb möglich, weil ihre Existenz nicht durch den Endpunkt bestimmt wird, sondern einfach durch eine Phase des ansteigenden Klassenkampfes.  

 

e) Wir haben anhand der Geschichte feststellen können, wie sich mit der Entwicklung des Klassenkampfes bestimmte frühere Funktionen der Partei ändern. Nachfolgend zählen wir einige Beispiele auf:  

 

- Im Verlauf der Entwicklung des Klassenkampfes, der Ansammlung von Erfahrungen, der allgemeinen Anhebung der Kultur der Arbeiter büßt die Partei allmählich ihre Rol­le als allgemeiner Erzieher der Klasse ein. 

 

Das trifft noch mehr zu auf ihre Rolle als Organisator der Klasse. Eine Arbeiterklasse wie die der englischen Arbeiter des Jahres 1864, die dazu in der Lage war, eine Internationale Arbeiterassoziation zu gründen, brauchte keinen "Tutor", um sie zu organisieren. Die Vorgehensweise, die darin bestand, "unters Volk zu gehen", "auf die Arbeiter zugehen", um sie zu organisieren, hatte noch einen Sinn in einem rückständigen Land wie Rußland Ende des 19. Jahrhunderts. Aber solch eine Funktion wur­de in den industrialisierten Ländern wie England, Frank­reich usw. vollkommen sinnlos. Die Gründung der IAA von 1864 war nicht das Werk irgendeiner Partei. Es gab da­mals praktisch keine Partei und in den seltenen Fällen, als es eine gab, wie z.B. der Chartismus in England oder der Blanquismus in Frankreich, waren sie voll im Zerfall begriffen.  

 

Die I. Internationale war vielmehr eine allgemeine Organisation als eine Organisation der Art des Bundes der Kommunisten, d.h. der Parteiorganisation, die auf der Grundlage eines theoretischen und kohärenten politischen Programms organisiert war. Deshalb konnten in ihrer Mit­te verschiedene Strömungen gleichzeitig bestehen und aufeinanderstoßen: Marxisten (Kollektivisten), Ouvrieristen, Proudhonisten, Anarchisten und selbst am Anfang gar so seltsame Strömung wie die Mazzinisten. Die Internationale war ein Ort, wo die Ideen und Strömun­gen aufeinander trafen und sich spalteten. Eine Partei ist schon das Ergebnis einer Auswahl und vorherigen theoretischen Klärung. Deshalb waren die Strömungen in der I. Internationalen nur sehr informell organisiert. Eine einzige politische Partei im engen Sinne des Wor­tes entstand seit der Auflösung des Bundes der Kommunisten und während des Bestehens der I. Internationale 1868: die Eisenacher Sozialdemokratische Partei, die eine marxistische Tendenz unter der Führung W. Liebknechts und Bebels darstellte. Erst 1878 entstand an­läßlich der Wahlen in Frankreich unter der Führung Guesdes und Lafargues mit der direkten Mitwirkung Marxens, der ihre politische Plattform schrieb, die Arbeiterpartei.

Erst seit dem Beginn der 1880er Jahre wurde auf dem Hinter­grund der beschleunigten Entwicklung des Kapitalismus und des ansteigenden Klassenkampfes das Bedürfnis spürbarer, die Möglichkeit immer größer, politische Par­teien für den eigentlichen politischen Kampf zu gründen, die sich von den Organisationen zur Verteidigung der unmittelbaren Interessen auf ökonomischer Ebene, den Gewerkschaften, unterscheiden. Mit dem Beginn der 1880er Jahre fing überall in den industrialisierten Ländern und in den Ländern, in denen die Industrialisierung in Gang kam, ein Prozeß der Bildung von Parteien an, wo­bei die deutsche Sozialdemokratie als Vorbild wirkte. Diese ergriff auch die Initiative für die Schaffung der II. Internationale im Jahre 1889. Die II. Internationale war das Ergebnis eines politischen Klärungsprozesses in der Arbeiterbewegung, der seit der Auflösung der I. Internationale (16 Jahre zuvor) und der Vereinigung der marxistischen Bewegung auf interna­tionaler Ebene eingesetzt hatte. Sie berief sich auf den "wissenschaftlichen Sozialismus", so wie er 40 Jahre zu­vor von Marx und Engels formuliert worden war (Kommunistisches Manifest von 1848). Im Gegensatz zur I. Inter­nationale stellte sie sich nicht mehr zur Aufgabe, Unter­suchungen über die Lebensbedingungen der Arbeiter in verschiedenen Ländern durchzuführen, oder eine Liste von ökonomischen Forderungen aufzustellen. Dieses Tätigkeits­feld, das sie in ihrem Anfangsstadium noch abdeckte, wurde schrittweise und endgültig den Gewerkschaften überlassen. Dagegen definierte sie als ihre Aufgabe, den Kampf um unmittelbare politische Forderungen zu führen: allgemeines Wahlrecht, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Teilnahme an den Wahlen, Kampf um politische Reformen, gegen die Kolonialpolitik der Bourgeoisie, gegen ihre Außenpolitik , den Milita­rismus usw. Gleichzeitig setzte sie ihre Arbeit der theoretischen Vertiefung und der Verteidigung der End­ziele der Bewegung, die sozialistische Revolution, fort.  

 

Zurecht wies Engels in den 80er Jahren in einem Vorwort zum Kommunistischen Manifest darauf hin, daß die I. In­ternationale ihre Aufgaben in dem Zeitraum erfüllt hatte, als sie entstanden war. Er täuschte sich allerdings, als er die Schlußfolgerung zog, daß die politische Bewegung der Klasse, die Bildung politischer Parteien in ver­schiedenen Ländern solch einen Aufschwung erfahren habe, daß die Arbeiterklasse "keine internationale Organisa­tion mehr brauche", trotz all ihrer Unzulänglichkeiten, trotz all ihrer Fehler, trotz ihrer Durchdringung durch den Reformismus (der seine Hauptstütze in den Gewerk­schaften fand und der in ihren Reihen die Führung er­folgreich übernahm, wodurch sie als Organisation für die Klasse verloren gingen) hat die II. Internationale ins­gesamt eine ganz positive Arbeit in der Klasse verrichtet. Eine Arbeit, die eine Errungenschaft der Bewegung bleiben wird, selbst wenn sie nur als Grundlage für die theoretische Konfrontation und Klärung in mehr als einem Bereich gedient hat, als Rahmen, wo politische Positionen der Linken mit den revisionistischen Auffassungen Bern­steins und dem Zentrismus Kautskys zusammenstießen. In ihren Reihen entstand und bildete sich die revolutionäre Linke.  

 

Wenn die Modernisten und Moralisten aller Schattierungen heute mit Vergnügen eine ausschließlich negative Bilanz der Rolle der II. Internationalen in der Geschichte zie­hen (sofern sie eine Ahnung von der Geschichte haben) - d.h. hinsichtlich des Platzes der II. Internationalen und ihres Beitrages zur Entfaltung der Arbeiterbewegung, beweisen sie ihre vollständige Unkenntnis dessen, was eine sich in der Entwicklung befindliche historische Be­wegung ist. In ihrer Naivität merken sie noch nicht ein­mal, daß sie das wenige, was sie heute kennen, aus der Geschichte, der Vergangenheit einer lebendigen Bewegung der Klasse übernommen haben. Diejenigen, die heute das Kind mit dem Wasser wegschütten wollen, sehen nicht einmal, daß ihre Ideen und "Erfindungen", die sie für "neu" halten, von ihnen aus dem Abfalleimer der Geschichte - dem  Zeitraums der Utopisten in Geschichte der Arbeiterbewegung - gezogen wurden, obgleich sie schon seit langem unnütz und unbrauchbar geworden waren. Selbst die Zwittern haben Erzeuger, nicht anerkannte wohlgemerkt!

Genauso wenig wie die Modernisten kennen die Bordigisten die Geschichte der Arbeiterbewegung, die lebendige Ge­schichte einer sich in Bewegung befindlichen Arbeiter­klasse, mit all ihren starken und schwachen Augenblicken. Anstatt sie zu untersuchen und sie zu begreifen, setzen sie Götter an deren Stelle, die ewig unerschüt­terlich und eingerostet, durch das Gute und absolute Böse mumifiziert vorhanden sind.  

 

18) Das Erwachen des Proletariats nach 3 Jahren imperialistischen Massakers und dem schändlichen Tod der II. Internationale, die das niederträchtige Kennzeichen des Verrats trug, öffnete einen Zeitraum des zuspitzenden Klassenkampfes und des Wiederaufbaus der Klassenpartei. Diese neue Phase intensiver Klassenkämpfe, in der  Stützpunkte und Hochburgen, von denen man vorher noch glaubte sie seien uneinnehmbar, zusammenbrachen, in der  ein beträcht­licher militärischer Apparat innerhalb weniger Tage aus­einanderfiel, Monarchien und Kaiserreiche wie Rußland, Österreich-Ungarn, das preußische Deutschland auseinanderfielen, diese neue Phase war kein einfacher Schritt, sondern ein gewaltiger Sprung in der Entwicklung der Geschichte und für die Arbeiterbewegung. Hier wurde von Anfang an zum ersten Mal die Frage der Revolution, ihrer Bewegung und ihrer Strategie zur Übernahme der politi­schen Macht durch die Arbeiterklasse gestellt. Hier mußten die Arbeiterklasse und ihre kürzlich gegründeten kommunistischen Parteien Antworten auf eine ganze Reihe entscheidender Fragen liefern - wobei jede von ihnen über Leben und Tod der Revolution ausschlaggebend war. Und manchmal hatten sie keine Ahnung, was sie tun soll­ten - oder vertraten anachronistische oder falsche Auf­fassungen. Nur großmäulige, aufschneiderische Zwerge , die noch nie eine Revolution (selbst aus der Ferne noch nicht) miterlebt haben (und die proletarische Revolu­tion ist der größte Sprung der Geschichte der  Menschheit), können 60 Jahre später mit erhobenem Zeigefin­ger voll von Verachtung und Selbstzufriedenheit auf die Fehler und das Umherirren dieser Giganten zeigen, die es gewagt haben, die Höhe des kapitalistischen Gebäudes zu erstürmen, als sie entschlossen in den revolutionären Kampf eintraten.  

 

Ja, die Arbeiterklasse und vor allem die Parteien und die Kommunistische Internationale sind oft umhergeirrt, haben improvisiert und schwere Fehler begangen, die den Fortschritt der Revolution sehr gehemmt haben. Aber gleichzeitig haben sie uns nicht nur unschätzbare Errun­genschaften hinterlassen, sondern auch eine reiche Er­fahrung, die wir sorgfältig untersuchen müssen, um die aufgetauchten Schwierigkeiten zu verstehen, um die Fal­len zu umgehen, in die sie gelaufen sind, die von ihnen gemachten Fehler zu überwinden und um auf der Grundlage ihrer Erfahrung besser die Probleme anzupacken, die die Revolution stellt. Man muß jetzt den uns gegebenen zeit­lichen Abstand ausnutzen, um auch nur teilweise zu ver­suchen, diese Probleme zu lösen. Dabei dürfen wir aber auch nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, daß die nächste Revolution neue Probleme mit sich bringen wird, die wir heute noch nicht alle überblicken können.  

 

19) Um auf das konkrete Problem der Partei und ihrer Funktion in der gegenwärtigen Periode und in der Revo­lution zurückzukommen, können wir vor allem die Antwort dergestalt geben, daß wir dies negativ abgrenzen, um besser zu sehen, was sie sein sollte.  

 

a) Die Partei kann nicht behaupten, der einzige und ausschließliche Träger oder Repräsentant des Klassenbe­wußtseins zu sein. Sie ist für solch ein Monopol nicht prädestiniert. Das Klassenbewußtsein besteht in der Klasse als eine Totalität und in seiner Totalität. Die Partei ist nur das Organ, in dem das Bewußtsein am stärksten und deut­lichsten zum Ausdruck kommt. Dies bedeutet nicht, daß sie unfehlbar sei, oder daß sie zu bestimmten Zeit­punkten nicht hinter dem Bewußtsein hinterherhinkt, das be­stimme Teile oder Bereiche der Klasse entwickelt haben. Die Arbeiterklasse ist nicht homogen, sondern sie strebt danach es zu werden. Das Gleiche trifft auf das Klas­senbewußtsein zu, das danach strebt homogener zu wer­den und sich auszudehnen. Aufgabe der Partei ist es, und das ist eine ihrer Hauptfunktionen, bewußt dazu beizutragen, diesen Prozeß zu beschleunigen. 

 

b) In dieser Hinsicht hat die Partei die Aufgabe, die Klasse zu orientieren, ihre Kräfte erfolgreich werden zu lassen. Sie ist kein führendes Organ, das allein und anstatt und anstelle der Arbeiterklasse entscheiden wür­de.  

 

c) Auch gibt es hier die Möglichkeit das Auftauchen von Gruppen zu berücksichtigen (ob sie sich nun Partei oder nicht nennen, ändert nichts daran), die innerhalb der Reihen der Klasse und in ihren Einheitsorganen, den Arbeiterräten, in Erscheinung treten.  Die Kommunistische Partei darf unter keinem Vorwand das Recht beanspruchen, die Exi­stenz dieser Gruppen zu verbieten oder Druck in dieser Richtung auszuüben; im Gegenteil, sie muß alles unter­nehmen, um solchen Versuchen entgegenzutreten.  

 

d) Gleich wie die Klasse, in der als Ganzes verschiedene, mehr oder weniger kohärente revolutionäre Strömungen be­stehen können, gibt es in der Partei auch die Möglich­keit, daß innerhalb des Rahmens ihres Programms Diver­genzen und Tendenzen existieren. Die Kommunistische Par­tei verwirft kategorisch die Auffassung von einer mono­lithischen Partei.  

 

e) Die Partei kann unter keinem Vorwand mit einem Rezept­heft auftreten und vorgeben, auf alle Fragen Antworten zu haben (dazu noch detaillierte), die im Kampf und der Leitung des Kampfes entstehen können. Sie ist weder ein Exekutivorgan noch Verwalter oder Techniker der Klasse. Sie ist und muß ein politisches Organ bleiben. Dieses Prinzip trifft sowohl auf die Kämpfe zu, die der Revo­lution vorhergehen, als auch auf die revolutionäre Pe­riode selber, in denen die Partei insbesondere keine Rolle des "Stabschef" für den Aufstand spielen darf.  

 

f) Die Qrganisations- und Handlungsdisziplin, die die Partei von ihren Mitgliedern verlangt, muß auf dem Hin­tergrund der ständigen Freiheit der Diskussion und Kri­tik gesehen werden, sowie in dem Rahmen der Plattform, die sie angenommen hat. Von den Mitgliedern, die ab­weichende Meinungen zu bestimmten wichtigen Positionen haben, darf sie nicht verlangen, daß diese sie nach Außen gegen ihren Willen präsentieren und verteidigen, gar gegen ihren Willen als Sprecher der Partei auftreten. Die Absicht dabei ist, sowohl das Gewissen dieser Mit­glieder zu respektieren als auch das allgemeine Inter­esse der Organisation als Ganzes. Die Verteidigung wich­tiger Positionen der Organisation Genossen zu übertra­gen, die sie nicht vertreten, führt nur dazu, daß diese Positionen schlecht vertreten werden. Im gleichen Sinn darf die Partei nicht auf Repressionsmaßnahmen zurück­greifen, um auf ihre Mitglieder Druck auszuüben. Die Par­tei verwirft aus Prinzip die Anwendung von Gewalt und Zwang als ein Mittel zur Überzeugung und als ein Ersatz für mangelndes Einverständnis in ihren Reihen, ebenso verwirft sie die Gewalt und physische Kräfteverhältnis­se innerhalb der Arbeiterklasse und in ihren Verhältnis zur Klasse.  

 

g) Die Partei kann als solche nicht die Klasse auffordern, ihr ihr Vertrauen zu schenken, ihr als Partei die Entscheidungsbefugnis zu übertragen. Denn die Kommuni­stische Partei ist aus Prinzip gegen jede Delegation der Macht der Klasse an irgendein Organ, Gruppe oder Partei, die nicht der ständigen Kontrolle der Klasse unterworfen ist. Das Prinzip des Kommunismus erfordert, daß Delegierte gewählt und jederzeit abwählbar, immer vor der Versammlung verantwortlich sind, die sie gewählt hat. In diesen Sinne tritt sie gegen jede Form der Listenwahl auf, die von Parteien gestellt werden. Jede andere Vorgehensweise führt unwiderruflich zu einer substitutio­nistischen Praxis. Während es das Recht der Partei ist, den Rücktritt eines ihrer Mitglieder von einem Posten, einem Komitee, eines Organismus oder gar einem Staats­posten zu fordern, in die dieser Militant von einer Ver­sammlung gewählt wurde und gegenüber der er verantwort­lich ist, darf sie die Auswechselung dieses Mitgliedes durch ein anderes nicht eigenmächtig und aufgrund ihrer eigenen Entscheidung durchsetzen. 

 

h) Schließlich ist im Unterschied zu den bürgerlichen Parteien die proletarische Partei kein Organ, das darauf abzielt, den Staat zu übernehmen oder ihn zu verwalten. Dieses Prinzip leitet sich sowohl aus dem Gesagten ab, als auch aus der notwendigen Unabhängigkeit der Arbeiter­klasse von dem Staat der Übergangsperiode. Die Aufgabe dieses Prinzips führt unumgänglich dazu, daß die Partei ihren proletarischen Charakter verliert.  

 

i) Aus all dem Gesagten geht hervor, daß die proletari­sche Partei unseres Zeitraums keine Massenpartei sein kann. Da sie weder eine staatliche Funktion, noch die Rolle des Kettenhundes der Arbeiterklasse übernimmt und um ein Programm entstanden ist, das so kohärent wie möglich sein soll, wird die Partei notwendigerweise bis zur und während der revolutionären Periode sich in der Minderheit befinden. Daher muß die Auffassung der kom­munistischen Internationale von der "revolutionären Massen­partei", die damals schon falsch war und damals auch der Vergangenheit angehörte, kategorisch verworfen werden. IN ZUR ZUKÜNFTIGEN PARTEI 20) Die IKS betrachtet die mit dem Wiederauftauchen der Arbeiterkämpfe von 1968 eröffnete Periode als einen Zeitpunkt des historischen Wiedererstarkens der Kämpfe der Klasse, die eine Reaktion gegen eine offene Krise sind, welche sich nach dem Ende des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg entwickelte. In Übereinstimmung mit dieser Analyse betrachten wir deshalb diese Periode als einen Zeitraum, der die Grundlagen schafft für den Wie­deraufbau der Partei. Die Menschen machen Geschichte -selbst wenn sie dies unter Bedingungen tun, die unab­hängig von ihrem Willen sind. Daher wird die Schaffung der zukünftigen Partei das Ergebnis bewußter, zielstre­biger Bemühungen sein, denen sich die revolutionären Gruppen schon jetzt verschreiben müssen. Diese Bemühun­gen erfordern ein klares Verständnis sowohl der allge­meinen Charakteristiken der Bildung der Partei, die in allen Zeiträumen gültig sind, als auch der spezifischen Bedingungen, die nun zum ersten Mal in der Geschichte vorhanden sind, und die das Entstehen der zukünftigen Partei bestimmten werden. 21) Eine der Hauptbesonderheiten des Entstehens der zu­künftigen Partei besteht in der Tatsache, daß sie im Gegensatz zur Vergangenheit sofort auf internationaler Ebene, d.h. weltweit gegründet wird. In der Vergangenheit bestanden die politischen Organisationen des Proletariats schon international und strebten nach der Welteinheit. Die internationalen Organisationen waren jedoch das Ergebnis einer Umgruppierung von Gruppen, die mehr oder weniger auf nationaler Ebene bestanden und aus einer Gruppierung hervorgingen, die aus einem besonderen nationalen Bereich des Proletariats stammten, das eine Vorrangstellung in der gesamten Arbeiter­bewegung einnahm.  

 

So wurde die IAA hauptsächlich durch das englische Pro­letariat geschaffen (die Gründungskonferenz fand in Lon­don statt, wo auch bis 1872 der Sitz des Zentralrates war; die Trade Ünions waren lange die größten Kontin­gente der IAA), England war damals das höchst entwickel­te Land, wo der Kapitalismus am stärksten und konzen­triertesten war.  

 

Ähnlich wurde die II. Internationale hauptsächlich von der deutschen Sozialdemokratie gegründet, die in Europa und auf der Welt die älteste, meist entwickelte und mächtigste Partei war, was vor allem auf die ungeheure Entwicklung des deutschen Kapitalismus in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen war. Schließlich hatte die III. Internationale zweifellos die Bolsche­wistische Partei als Gründungspol, nicht weil der Kapi­talismus in Rußland irgendwie höher entwickelt gewesen wäre (obgleich er auf Platz 5 der Weltrangliste stand, war er sehr rückständig), sondern weil das Proletariat dieses Landes aufgrund besonderer Umstände als erster (und auch als einziger) den kapitalistischen Staat um­gestürzt hat und die Macht während der großen revolu­tionären Welle nach dem 1. Weltkrieg übernommen hatte. Die heutige Lage unterscheidet sich grundsätzlich von allen Augenblicken der Vergangenheit. Einerseits hat die Dekadenz des Kapitalismus das Entstehen neuer Sek­toren des Weltproletariats verhindert, die einen neuen Pol für die gesamte Arbeiterbewegung hätten darstellen können (wie das bei Deutschland im letzten Jahrhundert der Fall war). Andererseits fand im Kapitalismus auf­grund seiner Dekadenz eine beträchtliche Einebnung der ökonomischen, sozialen und politischen Unterschiede statt, insbesondere in den fortgeschrittenen Ländern. Noch nie zuvor in der Geschichte hat die kapitali­stische Welt trotz ihrer unüberwindbaren nationalisti­schen und Blockauffassungen solch eine Entwicklung durchlaufen, in der unter anderem aufgrund der Ent­wicklung des Welthandels und dem Einsatz modernen Kommunikationsmittel solch eine Homogenität, gegenseitige Abhängigkeit seiner verschiedenen Teile erreicht wurde. Diese Entwicklung drückte sich bei der Arbeiterklasse durch eine beispiellose Egalisierung ihrer Lebensbe­dingungen und in einer bestimmten Weise durch eine Verallgemeinerung ihrer politischen Erfahrung aus.  

 

Schließlich führen die gegenwärtigen Bedingungen der historischen Entwicklung des Klassenkampfes zur Revolu­tion (in allen Ländern gleichzeitige Zuspitzung der Wirtschaftskrise und nicht der imperialistischen Kriege wie 1917, beträchtliches Maß an Einheit der Bourgeoisie gegenüber dem Proletariat) zu einer großen Gleichzeitig­keit, einer Einheit und Generalisierung des Kampfes, wie sie bislang in der Geschichte noch nicht aufgetre­ten ist.

Die Gesamtheit dieser Bedingungen läßt jetzt keine Welt­partei um einen spezifisch nationalen Teil des Prole­tariats entstehen wie das in der Vergangenheit der Fall war, sondern bringt diese gleich auf internationa­ler Ebene auf der Grundlage von klaren, kohärenten und entwickelten politischen Positionen und Bezugspolen hervor.  

 

Insbesondere aus diesem Grund ist es heute mehr noch als in der Vergangenheit unabdingbar, daß die verschie­denen auf der Welt bestehenden Gruppen sich mobilisieren, und ihre Kräfte im Hinblick auf die Schaffung dieses Pols vereinigen, und dabei zunächst an der Klärung der proletarischen politischen Positionen arbeiten. Diese Hauptaufgaben tragen deshalb ein besonderes Ge­wicht bei der bewußten und gezielten, oben erwähnten Übernahme der Verantwortung der Revolutionäre im Pro­zeß der Bildung der zukünftigen Partei.  

 

22) Aus dieser Perspektive verteidigt die IKS die Auf­fassung, daß es jetzt dringend notwendig ist, mit der Isolierung zu brechen, in der sich die bestehenden kom­munistischen Gruppen befinden, die Einstellung zu be­kämpfen, die aus den objektiven Notwendigkeiten von damals Tugenden für heute machen - was nur auf einen Sektierergeist zurückzuführen ist, wo jeder seinen kleinen Altar verteidigen will. So soll ein wirklich internationaler Diskussionsprozeß in Gang kommen. Diese Diskussionen müssen entschlossen den Willen zum Aus­druck bringen, Mißverständnisse auszuräumen, falsche Interpretationen der jeweiligen Positionen beiseite zu lassen, die aus den Polemiken oder der Unkenntnis dieser Positionen herrühren, damit eine wirkliche Kon­frontation der politischen Divergenzen ermöglicht wird und ein Klärungs- und Umgruppierungsprozeß einsetzen kann.  

 

Die IKS ist sich der gewaltigen Schwierigkeiten bewußt, die die Verwirklichung dieser Aufgabe mit sich bringen wird. Diese Schwierigkeiten sind zum großen Teil auf das Gewicht der furchtbaren Konterrevolution zurück­zuführen, unter der die Klasse mehr als 40 Jahre lang gelitten hat. Diese Konterrevolution hat die Fraktionen der Linke, die aus der Kommunistischen Internationalen hervorgingen, aufgerieben und die organische Kontinuität gebrochen, die zwischen den verschiedenen politischen proletarischen Organisationen seit Mitte des letzten Jahrhunderts bestand. Aufgrund dieses Bruches der organischen Kontinuität wird die zukünftige Partei sich nicht dem Prozeß folgend bilden können, den die Ita­lienische Fraktion durchlaufen hatte, d.h. ein Pro­zeß, wo die Fraktion die Brücke zwischen der alten und neuen Partei darstellen würde.  

 

Diese Lage läßt die Aufgabe der Konfrontation der po­litischen Positionen und der Klärung mit dem Ziel der Umgruppierung der Organisationen des kommunistischen Lagers noch dringlicher und unabdingbarer werden. Die IKS hat bewußt dazu beigetragen, indem sie Kontakte zwischen diesen Gruppen hergestellt hat; wir haben internationale Konferenzen der Gruppen vorgeschlagen, die dem proletarischen Lager zuzurechnen sind und zu deren Verwirklichung aktiv beigetragen. Die ersten Versuche sind gescheitert, vor allem wegen des Sektie­rertums der Gruppen,  - die Überreste der Italienischen Linke sind –, die heute ziemlich verkalkt sind und die alle fünf zusammen als "historische Partei" auftreten. Diese sogenannten "Parteien" sind zu einem unwiderruf­lichen Verfall verurteilt, wenn sie an dieser Einstel­lung festhalte.  

 

Die IKS ist überzeugt, daß es keinen anderen Weg gibt. Es ist der Weg, der in der Geschichte der Arbeiterbewe­gung immer gesiegt hat, der Weg Marxens und Engels, Lenins und Luxemburgs, der auch von der Internationalen Kommunistischen Linken und Bilan in den 1930er Jahren be­schritten wurde. Dieser Weg ist der einzige, der zum Erfolg führen kann, der voll von Verheißungen ist; wir sind mehr denn je entschlossen, diesen Weg un­nachgiebig zu beschreiten. Sommer 1983 FUSSNOTEN

 

(1) Hier seien nur stellvertretend die folgenden Texte erwähnt: • Punkt 16 unserer Plattform - Der Beitrag der IKS zur 2. Konferenz der Gruppen der Kommunistischen Linke, 1978,  

 

- Die Broschüre der IKS "Kommunistische Organisation und Klassenbewußtsein".  

 

(2) Die unsinnigen Analysen, die Bordiga vor allem nach 1945 entwickelte, sollten seine gewaltigen Beiträge zur Gründung dar Kommunistischen Partei Italiens nicht schmä­lern und auch nicht sein Mitwirken beim Kampf der Linken gegen die Degeneration der Kommunistischen Internationale. Die Anerkenntnis der Wichtigkeit dieses Beitrages darf aber nicht als Rechtfertigung der Unterstützung dieser unsinnigen Analysen dienen und zur Betrachtung derselben als die Heilige Schrift des Kommunismus. (Erstabdruck in Internationale Revue Nr. 9, engl. Ausgabe Nr. 35, 1983)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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