Stahlarbeiterstreik

Gegen die Arbeitslosigkeit ist der Kampf gegen die Gewerkschaft!

Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ist der Kampf gegen die Gewerkschaft!

Noch vor einigen Monaten redete der DGB von einem Arbeitskampf, der in die Sozialge­schichte eingehen werde: der Kampf um die 35 Stunden-Woche - die"endlich gefundene Lö­sung" des Problems der Arbeitslosigkeit. In­zwischen haben die Stahlarbeiter die Arbeit längst wiederaufgenommen. Ihre Arbeitsplätze aber sind so gefährdet wie zuvor und ihr Lebensstandard wird abermals durch den Lohn­abschluss der IG Metall gesenkt. Des DGB's loyalste Verteidiger - wie etwa die trotzkistische GIM - reden von einer "schwe­ren Niederlage" für die Gewerkschaften. Aber es sind die Arbeiter selber, die eine Niederlage erlitten haben - geschlagen durch die vereinigten Kräfte von Staat, Bossen und Gewerkschaften.

Der Streik derStahlarbeiter ist vorbei

Und dies trotz der Kampfbereitschaft der Arbeiter, ihrer Entschlossenheit, die Arbeitslosigkeit und die Auswirkungen der weltweiten Krise zu bekämpfen. Es hieß, dies sei der "erste offizielle Streik in der Stahlindustrie seit einem halben Jahrhundert". Soll das heißen, dass die Gewerkschaften der Metall­arbeiter - um bei diesem Beispiel zu bleiben - ­niemals gekämpft haben? Zum Beispiel:

-     gegen die Inflation und die Arbeitslosig­keit, die unseren Lebensstandard seit Ende der sechziger Jahre ständig mehr angreifen?

-     gegen die in den Betrieben nach dem Krieg erzwungene mörderische Ausbeutung, die grau­samere Arbeitsbedingungen als im "Dritten Reich" bedeuteten?

-     gegen die Auswirkungen der galoppierenden Inflation, die die Arbeiter 1923 der Hun­gersnot auslieferten?

-     oder gegen die Arbeitslosenwelle nach 1929, in der Millionen auf die Straße geworfen wurden?

Jawohl, genau das heißt es! Mehr noch: gerade sie standen an der Spitze der Kampagne, die Arbeiterklasse für die Armut zu gewinnen. Die Gewerkschaften und Bosse, die miteinander die Niederlage der Stahlarbeiter so"erbittert" und "unausweichlich" ausgehandelt haben, reden aber nicht von den Stahlarbeiterstreiks von 1969 und 1973, die, un­abhängig von den Gewerkschaften, durch die von Vollversammlungen gewählten Streikkomitees geführt wurden. Und sie sprechen auch nicht über die Massaker, die Gewerkschaften und Sozialdemokratie vor 50 Jahren in eben jenem Ruhrpott, wo sie heute feierlich ihre"kämpferischen" Lügen verbreiten, unter den Arbeitern angerichtet haben.

Der Streikaufruf der Gewerkschaften - von ihren Knechten der extremen Linken unter­stützt - kam zum richtigen Zeitpunkt für das nationale Kapital. Die BRD - dominierende Macht der europäischen Wirtschaft - kann dem ökonomischen Zusammenbruch nicht widerstehen. Die Tage, in denen Bonn durch den Rausschmiss der Gastarbeiter, den Export der Krise in die schwächeren Länder und den Angriff gegen die Mittelschichten eine Scheinstabilität aufrechterhalten konnte, sind vorbei. Der Bankrott der Länder der Peripherie, die Zahlungsunfähigkeit des Comecons, die Notwendigkeit, die "kranken Männer" der atlan­tischen Allianz zu unterstützen und den Krieg vorzubereiten, zwingen Bonn (und Tokio) dazu, die Stabilisierung des westlichen Blocks zu finanzieren.

Gleichzeitig üben die USA einen immer größeren Druck auf die BRD aus, damit diese ihre Wirtschaft wiederankurbelt, um den Fall des Dollars aufzuhalten, ihre militärischen Ausgaben zu vergrößern und die durch die USA aufgezwungenen Einschrän­kungen der Exporte und in der Energiepolitik zu akzeptieren. Um ihre dominierende Stellung gegenüber einer immer schärferen Konkurrenz auf dem wackelnden Weltmarkt zu verteidigen, ist die deutsche Bourgeoi­sie immer mehr dazu gezwungen, die deutsche Arbeiterklasse anzugreifen. Es ist notwen­dig geworden, die brutalen Rationalisierungsprogramme der Schmidt-Regierung zu beschleunigen und die Löhne drastisch zu reduzieren.

Nach der Textil- und Druckindustrie wird jetzt die Stahlindustrie von Massenent­lassungen bedroht (laut der IGM sind in den nächsten Jahren 100.000 Stellen davon be­troffen). Die wachsende Unzufriedenheit, die schon in den letzten Jahren zu zahlreichen kurzen Streiks und Demonstrationen geführt hatte[1],musste von den Gewerkschaften aufgefangen werden, bevor spontane, von den Gewerkschaften nicht kontrollierte Kämpfe ausbrechen. Ende November rief die IGM zu einem Streik auf, der möglichst Weihnachten be­endet werden sollte. Dieser Streik sollte die Arbeiter durch die Drohung der Arbeits­losigkeit beängstigen; sie sollten den Fall ihres Lebensstandards akzeptieren. Darüber hinaus sollten die Arbeiter demoralisiert werden ("der Kampf lohnt sich nicht") und exempla­risch die anderen Sektoren für die nachfolgenden Tarifverhandlungen von vornherein vom Kampf abhalten. Außerdem sollte das be­rühmte Rezept der 35 Stunden-Woche ("der Kampf um die Verteilung der Arbeitsplätze unter den Arbeitern", wie die Trotzkisten es nennen) erprobt werden. Nach dem beliebten Motto "Teile und herrsche" wurde der Streik bei den Stahlarbeitern auf die Gebiete Nie­derrhein und Ruhrgebiet begrenzt, dann auf Bremen ausgeweitet. Schließlich wurden die Fabri­ken aufgeteilt: die streikenden, die ausge­sperrten und die arbeitenden (37.000 Arbei­ter von 200.000 habengestreikt, 40 Betrie­be von 50 weiter produziert; drei Tage nach Streikbeginn wurden die streikenden Arbei­ter und 30.000 zusätzliche in sieben Betrieben ausgesperrt.) Damit die Industrie möglichst wenig Schaden durch den Streik erleidet, wurden die streiken­den Fabriken von den Gewerkschaften sorgfältig ausgesucht: Von den Öfen, die qualitativ hochwertigen Stahl produzieren, nahm nur eine sehr kleine Fabrik in Dillenburg am Streik teil; die Blechproduktion für die Autoindustrie wurde trotz der Entschlossenheit der streikwilligen Ar­beiter weitergeführt (Krupp/Bochum und Klöckner/Bremen); mit der Zustimmung der Gewerkschaft wurden Überstunden in zahl­reichen Stahlwerken geleistet, um den Schlüsselindustrien zu helfen. Die Situa­tion des Stahlgiganten Hoesch ist bedeutend: von den drei Hoesch-Öfen in Dortmund wurde ei­ner bestreikt, einer ausgesperrt und der dritte produzierte weiter.

Nachdem es den Gewerkschaften gelungen war, die Stahlarbeiter vonm Rest der Ar­beiterklasse in der BRD und diese Arbeiter selbst voneinander zu isolieren (streiken­de, ausgesperrte und produzierende), musste jede autonome Organisierung des Kampfes verhindert werden: Die Streikposten wurden - meistens ohne Erfolg - auf Gewerkschafter und Vertrauensleute begrenzt, nachher durch "Beobachter" ersetzt. Damit die Arbeiter je­doch ihre Unzufriedenheit "austoben" konn­ten, wurden Demonstrationen organisiert, die zu bloßen Spaziergängen durch die Städte verkamen. Jedoch gelang es den Gewerk­schaften nicht, aus diesen Demonstrationen unkämpferische, demoralisierende Straßenaufzüge zu machen: Tausende Arbeiter anderer Industrien legten die Arbeit nieder, um ihre Solidarität mit den Stahlarbeitern zu de­monstrieren; in Essen, Duisburg, Mülheim usw. streikten spontan die Nahverkehrsarbeiter. Die Müllabfuhrarbeiter schlossen sich - mit Solidaritätstrans­parenten auf ihren Lastwagen - den Demonstrationen an; in Dortmund hatte die Gewerkschaft Mühe, als sie die Arbeiter, die zu Hoesch gehen woll­ten, um die Arbeiter zur Teilnahme an ihrer Demonstration aufzurufen, überreden wollte, lediglich zum Rathaus zu marschieren.

Nach den Aussperrungen der Bosse wurde das Bedürfnis, die Bewegung zu erweitern, stärker. Die Gewerkschaft musste in mehreren Fabriken eingreifen, um die Arbeiter von Streiks und Fabrikbesetzungen abzuhalten. Einige spontane Streiks fanden statt. In Mannesmann/Mülheim z.B., wo 6.000 Arbeiter ausgesperrt wurden, streikten die restlichen 3.000, die im rentablen Sektor hätten weiterarbeiten sollen.

Der Erfolg der Gewerkschaften bestand auf der anderen Seite in der Mobilisierung zur passiven Teilnahme am Streik unter der Parole der 35 Stunden-Woche. Laut den Zahlen des DGB über die Arbeitslosigkeit in derStahlindustrie müssten die Arbeiter 20 Stunden pro Woche weniger arbeiten, um die Entlassungen dadurch zu stoppen und die Arbeitslosen wiedereinzustellen. Aber mit der Entwicklung der Krise müsste die Arbeits­zeit noch weiter gekürzt werden. Vielleicht dann die Fünftundenwoche bei vollem Lohnausgleich, um "die Arbeitslosigkeit zu stoppen"? Trotz aller Parolen über die 35 Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich stellt der DGB in den Vordergrund, dass mehr Lohn, mehr Urlaub usw. doch nicht so wichtig seien wie die "Erhaltung der Arbeitsplätze". Was die Gewerkschaften wirk­lich in den Vordergrund stellen, lässt die Türen offen für eine Kürzung der Reallöhne gegen ein paar Stunden Urlaub in ei­nigen Abteilungen. Die Ziele der Kampagne für die 35 Stunden-Woche waren:

1)   die Entlassungswelle in der Stahlindus­trie zu bremsen, damit die notwendige Ra­tionalisierung ohne soziale Reaktionen ermöglicht wird;

2)   die Ausbeutungsrate in der Stahlindustrie zu steigern (z.B. die Diskussion über ein mörderisches System von fünf Schichten);

3)   die Idee in der Klasse zu verbreiten, dass man die Not teilen muss, anstatt sie zu bekämpfen.

Aber gerade die SPD und die Gewerkschaften, diese 'Vorkämpfer der Arbeiterklasse", haben vor kurzem die Gesetze über die Arbeitslosigkeit erlassen, die die Arbeitslosen militarisieren und terrorisieren sollen. Jetzt müssen wir unseren Wohnort in Hamburg oder Bremen verlassen, um Arbeit in Stutt­gart oder München anzunehmen. Jetzt müssen Arbeitslose die Straßen kehren, falls sie nicht schnell genug eine andere Arbeit finden.

Wir müssen verstehen, wie die Gewerk­schaften militanten und kampfbereiten Arbei­tern eine solche Niederlage (die Demonstrationen wurden abgebrochen, die Verhandlungen fortgesetzt, und nach kurzer Zeit wurden die Arbeiter mit einer miserablen 3,2 %igen Jahreslohnerhöhung zur Arbeit zurückgeschickt) aufzwingen konnten, da uns das Verständnis der Ursachen der Niederlage Waffen für die zukünftigen Kämpfe gibt.

In dieser Frage spielen die Vertrauensleute eine wichtige Rolle, um zu verstehen, warum die Streiks sich nicht auf andere Fabriken und Gebiete ausgedehnt haben und warum die Streikenden in gewissem Maße gegen­über der Gewerkschaft passiv geblieben sind und ihren Kampf nicht in die eigenen Hände genommen haben.

Die Vertrauensleute haben die sponta­nen Diskussionen unter den Arbeitern über die Arbeitslosigkeit auf die technische Ebene des Managements (wie man z.B. in der Abteilung X oder Y eine oder zwei Stellen retten bzw. schaffen könnte) umgeleitet: Die Frage der Arbeitslosigkeit wird auf das Problem, wie man mit Hilfe der Gewerkschaften und der 35 Stunden-Woche die Einstellungspolitik besser führen könnte, - die nur durch den wachsenden Kampf gelöst werden kann - reduziert.

Die Mobilisierung der Arbeiter durch die Vertrauensleute, zur Sitzung der Großen Tarifkommission zu gehen, war ein typischer Versuch, den Arbeitern klar zu machen, dass die Gewerkschaften ihre Interessen besser vertreten würden, wenn sie am Leben "ihrer" Gewerkschaft aktiver teilnehmen würden.Natürlich wollten die Arbeiter, die nach Mülheim gefahren sind, ihre Wut gegen die Organisierung und die Durchführung des Streiks Ausdruck verleihen.

Dadurch erreichte die Gewerkschaft, was sie wollte: dass die unzufriedenenArbeiter sich letztendlich doch noch an die Gewerkschaft wenden und von ihr eine bessere Füh­rung der Verhandlungen erwarten, anstatt selbst und autonom die Führung des Kampfes und der Verhandlungen zu übernehmen, selbst die Unterstützung der anderen Arbeiter zu gewinnen, um den Kampf auszubreiten.

Diese Notwendigkeit der aktiven Solidarität der nicht-streikenden Arbeiter mit den streikenden wurde von den Vertrauensleuten durch lächerliche, unwirksame Aktio­nen abgelenkt (Geschenkpäckchen oder pompöse"Solidaritätserklärungen"). Diese rein sym­bolische Form der"Solidarität" ist die ein­zige, die die Gewerkschaften billigen und propagieren, da sie genau das Gegenteil von dem erreicht, was die Arbeiter wollten: Sie verhindert eine aktive Solidarität durch den Kampf.

Die Vertrauensleute waren überall aktiv. Bei Hoesch in Dortmund beschlossen sie, dass nur Vertrauensleute und Betriebsratsmitglie­der die Streikposten stellen. Dies wurde damit gerechtfertigt, dass der Öffent­lichkeit gezeigt werden müsse, dass die Ar­beiter bei Hoesch keine Linksradikalen sind.In den Fabriken, in denen die Arbeiter am kämpferischsten waren und am längsten ge­streikt hatten, haben sie sich unter dem Druck der Arbeiter für eine "Nein"-Stimme ausgesprochen. Dies war aber keineswegs eine radikale Verteidigung der Interessen der Arbeiter (wie sie es hochgespielt ha­ben), sondern ein Versuch, das Vertrauen der Arbeiter in die Gewerkschaften zu bewahren. Denn letzten Endes ist es wohl das Wichtigste, dass die Arbeiter überhaupt wäh­len. Weniger interessant ist es, ob sie nun für oder gegen ein bestimmtes Angebot stimmen. Eine Nicht-Teilnahme an einer solchen Ab­stimmung, ob es sich dabei um einen bewussten Boykott oder einfach um fehlende Begeiste­rung für das Stimmzettel-Theater handelt, wäre für die Gewerkschaften insofern gefährlich, als sie ihren Einfluss zu verlieren drohen und damit auch ihre Fähigkeit, die Interessen des nationa­len Kapitals durch die Aufrechterhaltung des sozialen Friedens zu verteidigen. Gerade um dieser Gefahr zu begegnen, haben die Ver­trauensleute zu Maßnahmen gegen die Streik­führer aufgerufen, die zu schnell "kapitu­liert" haben. Es ist eben nicht so wichtig, wer die schmutzigen Geschäfte mit den Bossen aushandelt, viel wichtiger ist, dass die Arbeiter auf ihre Vertrauensleute hören und weiter an die "innergewerkschaftliche Demokratie" und an den angeblich proletarischen Charakter der Gewerkschaften glauben.

Die Funktion der Gewerkschaften heute ist es, die Friedhofsruhe der kapitalistischen Ordnung aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzu­stellen. Da Reformen unmöglich sind, da die Arbeiter mehr und mehr durch die Infla­tion, die Arbeitslosigkeit und die steigende Arbeitshetze - alles Auswirkungen der perma­nenten  internationalen Krise des Systems - angegriffen werden, kann die Regelung des Verhältnisses zwischen Lohnarbeit und Kapi­tal (darin besteht die Funktion der Gewerk­schaften) nichts anderes heißen, als die Sicherung der steigenden Ausbeutung der Arbeiterklasse.

Während des Stahlarbeiterstreiks haben die Linken die Gewerkschaften in ihrer Kam­pagne um die 35 Stunden-Woche völlig unter­stützt und dabei die Illusion verbreitet, die Arbeitslosigkeit bekämpfen zu können, ohne ihre Wurzeln anzugreifen. Sogar die KPD/ML, die letztes Jahr über eine Opposi­tion außerhalb des DGB getönt hatte, zeigt sich wieder einmal durch ihre Unterstützung der Kampagne für die 35 Stunden-Woche, der Vertrauensleute und der "innergewerkschaftlichen Demokratie" als guter Helfershelfer des DGB.

Kaum ist der Streik zerschlagen, setzen sich die Linken mit den Vertrauensleuten aktiv und lautstark für die Absetzung der Gewerkschaftsführer ein: Sie verbreiten das Märchen, dass durch die Ersetzung der "Verrä­terführer" und eine wirkliche gewerkschaft­liche Demokratisierung diese"Arbeiterorga­nisationen" den Lebensstandard und die Inte­ressen der Arbeiter tatsächlich verteidigen können.

Um das Problem der Arbeitslosigkeit und seine einzige Lösung - die Zerschlagung des kapitalistischen Systems - zu begreifen, muss man auf das letzte Jahrhundert zurück­blicken, als der Kapitalismus noch ein ex­pansives, fortschrittliches System war. Ar­beitslosigkeit gab es damals auch, dennoch existierte sie in einem wesentlich kleine­ren Maßstab. Sie kam mit den zyklischen Wirtschaftskrisen und verschwand wieder mit dem Ende der Krise. Die Booms des letzten Jahrhunderts schufen sogar eine relative und absolute Vergrößerung des Proletariats als Teil der Gesellschaft. Das System hatte sich nach jeder Rezession weiterentwickelt. Heute ist die Arbeitslosigkeit ein permanentes und wachsendes weltweites Problem, das weder durch die 35 Stunden-Woche noch durch die Militarisierung der Gesellschaft - wie in den dreißiger Jahren - überwunden werden kann. Die Arbeitslosigkeit ist die größte Bedrohung der Interessen der Arbeiterklasse, aber gerade deswegen bedroht sie gleichzeitig auch die Bourgeoisie, denn sie veranlasst eine Radikalisierung des Proletariats, das durch seinen Kampf lernt, dass nur die proletarische Revolution die Arbeitslosigkeit erledi­gen kann. Die Geschichte zeigt, dass die Arbeitslosen - trotz aller Versuche seitens der Bourgeoisie, sie zu isolieren - oft die militantesten Teile der Klasse waren: z.B. während der revolutionären Welle nach dem Ersten Weltkrieg oder in den dreißiger Jahren. Die Arbeitslosen, als Teil einer revo­lutionären Klasse, sind fähig, sich im Kampf zu organisieren. Die autonomen Arbeits­losenkomitees, die heute in vielen Ländern auftauchen, beweisen, dass das Proletariat noch nicht zerschlagen ist. Die Arbeiter können und müssen die Arbeitslosigkeit be­kämpfen, sonst werden sie wohl als Soldaten, als Kanonenfutter in einem dritten Welt­krieg - die einzige kurzfristige "Lösung" der Bourgeoisie für dieses Problem - eine Beschäftigung finden.

Heute versucht die Bourgeoisie, die Ar­beiterklasse an die nationale Wirtschaft zu binden, indem der kapitalistische Staat als einziger Retter gegen die Verbreitung der Arbeitslosigkeit auftritt. Jeder Lohnraub, jede neue Investition, jeder Versuch, die Kriegswirtschaft zu stärken, wird als eine Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit angekündigt. "Und würden die Arbeiter nur etwas härter arbeiten, dann wären ihre Arbeits­plätze sicherer."

Die staatskapitalistischen Programme der Bourgeoisie und vor allem ihrer linken Fraktionen mit ihrem Ruf nach Verstaatlichung und "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen", erklären uns, dass die Arbeitslosigkeit ein nationales Problem sei, das auf nationaler Ebene gelöst werden könne. Aber die Arbeitslosigkeit ist in der Tat so international wie der Kapita­lismus selbst. Der Arbeitsmarkt ist nicht mehr national, sondern international. Nach1929 führte die offene Krise des kapitalis­tischen Systems zu Pogromen, Massakern, offe­nen Völkermorden, zu Konzentrationslagern und Atombomben, zu dem Mord von Millionen auf den Schlachtfel­dern des Zweiten Weltkrieges. Diese Barbarei entsteht, wenn die kapitalistischen Produktionsverhältnisse mit den Produktivkräften in Konflikt kommen, wenn es zu viele Men­schen gibt, die nicht mehr in die Produktion integriert werden können und die dadurch zu einer Belastung der in ihren Todeszuckungen liegenden Wirtschaft geworden sind. Nach dem Krieg wurden Millionen von rbeitern aus Asien, Nordafrika und Zentralamerika in die kapitalistischen Kernländer gebracht, um dort für den Nachkriegswiederaufbau zu schwitzen. Nach ein paar Jahrzehnten, als die Aufgabe erfüllt war, wurden sie dahin zurückgeschickt, wo sie herkamen. In diesen Kernländern selbst wächst und wächst die Zahl der Arbeitslosen trotz des berühmten Wiederaufbaubooms, der gerade in den USA, Europa und Japan stattfand. Die verschärfte Konkurrenz auf dem Weltmarkt, vor allem als der Wiederaufbau zu Ende war, führte zu einer weiteren Rationalisierung in den schwachen landwirtschaftlichen und industriellen Sektoren, zu der Entstehung von Millionen zusätzlicher und nutzloser Men­schen, zu der Verelendung von drei Vierteln der Menschheit. Nicht einmal die Kriege und Massaker, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Dritten Welt andauernd stattfanden, konnten die Zunahme dieser Zahlen bremsen. Nun ist der Nachkriegswiederaufbau längst vorüber; die Arbeitslosigkeit dehnt sich auf alle Länder der Welt aus. Die Kon­kurrenzfähigkeit der japanischen Bourgeoi­sie z.B. stützte sich auf ihrer Fähig­keit, ihre eigene Arbeiterklasse anzugrei­fen. Firmen erhalten Zuschüsse des japani­schen Staates, wenn sie unrentable Betrie­be schließen. Die offizielle Rekordarbeits­losenzahl von 0,25 Million erfasst nicht die Ausländer, die Frauen und Jugendlichen, die schon aus der Produktion herausgedrängt wurden oder die 4,6 Millionen älteren Arbeiter, die nicht ersetzt werden, wenn sie - oft frühzeitig - aufhören.

In Osteuropa und in China werden jetzt die Erhaltung der sog. "Vollbeschäftigung" durch die Kriegswirtschaft und eine weitgehende Militarisierung der Gesellschaft immer schwieriger. Auch hier gibt es - laut der offiziellen Planung - meistens keine Stellen mehr für jüngere Menschen. In Polen wurde von Teilen der Bour­geoisie die Forderung nach einer offeneren und besser kontrollierten "Reservearmee" gestellt.Obwohl die Bourgeoisie in allen Ländern unermüdlich über die Notwendigkeit der Beibehaltung oder Schaffung von Arbeitsplätzen redet, forciert die kapitalistische Krise neue Entlassungen. In der BRD hat der DGB seine Arbeitslosen-Kampagne schnell ad acta gelegt, weil dieses Thema die gesamte Klasse sehr tief berührt und er befürchtete, seine Kontrolle zu verlieren.Seine Manöver sind ein weiterer Ver­such der Bourgeoisie, die Bedrohung durch die Arbeitslosigkeit auszunutzen, um die noch beschäftigten Arbeiter zu terrorisieren und die Produktivität in die Höhe zu trei­ben. Aber der unbarmherzige Aufmarsch der Arbeitslosigkeit zeigt die absolute Sinnlo­sigkeit aller Versuche, durch harte Arbeit und Loyalität gegenüber der Firma seinen Arbeitsplatz zu sichern. Wenn die Wirt­schaft weiter in die Krise sinkt, machen große Fabriken und sogar ganze Industrie­bereiche zu. Dann versteht auch jeder, was seine Zukunft ist: arbeitslos zu sein. Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit führt zu der Radikalisierung nicht nur der Arbeitslosen, sondern des ganzen Proletariats.

Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit fordert Methoden, die viel weitgehender sind als die, die von den Arbeitern seit der Eröffnung der neuen Krise 1968 ange­wendet wurden. Damals wurde der Widerstand gegen die Inflation und die steigende Ar­beitshetze meistens isoliert geführt: jede Fabrik, jeder Industriezweig oder jedes Land für sich selbst. Diese Methoden konn­ten der Kontrolle der Gewerkschaften, des Staates nicht entkommen. Aber es ist offensichtlich, dass die Arbeitslosigkeit so nicht bekämpft werden kann.Wenn Streiks gegen Entlassungen nur in den Fa­briken stattfinden, die geschlossen werden sollen, dann werden wir wenig wirksam sein - die Betriebe werden so oder so dichtge­macht. Die Arbeitslosigkeit stellt uns auf konkrete Weise vor der Notwendigkeit, den Kampf auszudehnen, aus unserer Isolation herauszubrechen, um wieder zu lernen, als eine vereinigte Klasse zu kämpfen.Und die­ser Kampf muss, wie bei den Stahlarbeitern in Frankreich, zu einer Konfrontation mit dem Staat führen. Ihre Kämpfe gegen die Polizeireviere usw. haben die Regierung in Paris dazu gezwungen, ihre Entlassungspläne zu verändern[2].Die eisernen Notwendigkeiten der Krise streben danach, dass sie doch irgendwann entlassen werden. Trotzdem haben sie für ihre Arbeitsplätze gekämpft und sie erhalten - wenn man auf der Straße lan­den muss, dann lieber morgen als heute. Der Kampf und nur der Kampf lohnt sich heute - dafür müssen wir aber vor allem lernen, uns nicht auf die Bourgeoisie zu stützen.

Arbeiter, Genossen! Die Kampagne für die 35 Stunden-Woche, die der DGB geführt hat, ist nichts anderes als ein Versuch, den Widerstand der Arbeiterklasse dem Erdboden gleichzumachen. Heute gibt es keine si­cheren Arbeitsplätze mehr. Jede Entlassung, jede gewerkschaftliche Verhandlung, jede neue Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit ist nichts anderes als ein Angriff gegen uns alle. Was ist die Arbeiterklasse heute, wenn nicht die augenblicklichen Arbeitslosen und die zukünftigen Arbeitslosen? Wir wer­den keine einzige Entlassung durch eine 35 Stunden-Woche vermeiden. Und trotz des Geredes der Linken über die Aufteilung der Austerität müssen wir sagen, auch wenn wir umsonst arbeiten würden, würde dies die kapitalistische Krise nicht lösen. Die einzige Waffe des Proletariats gegen die Arbeitslosigkeit ist seine eigene Klassensolidarität, der Kampf aller Arbeiter, der gesamten Klasse gegen Entlassungen, eine generalisierte Klassenverteidigung der Arbeitslosen. Die Arbeiter an der Ruhr sind wegen der Arbeitslosigkeit auf die Straße gegangen.Aber heute muss es klar werden, dass der wahre Kampf gegen die Arbeitslosig­keit der Kampf gegen die Gewerkschaften, gegen die Sozialdemokratie, gegen den kapi­talistischen Staat ist.

M./Kr., März 79

 

[1] Siehe weitereAngaben über diese Streiks der letzten Jahre in "World Revolution"Nr. 22 (Februar/März 79).

[2] Siehe ausführlicheTexte über diese Streiks in "Revolution Internationale", Nr. 59, März79.