1917: Die Russische Revolution - Die „Aprilthesen” – Leitlinien der proletarischen Revolution

Nichts macht eine herrschende Klasse rasender als eine Erhebung der Ausgebeuteten. Die Revolten der Sklaven im Römischen Reich, der Bauern unter dem Feudalismus sind immer mit einer unübertroffenen Grausamkeit niedergeschlagen worden. Doch der Aufstand der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus ist ein noch größerer Affront gegen die herrschende Klasse dieses Systems, da er auf seiner Fahne klar die Inschrift einer neuen Gesellschaft trägt, einer kommunistischen Gesellschaft, die tatsächlich einer historischen Möglichkeit und Notwendigkeit entspricht. Deshalb kann sich die Kapitalistenklasse nicht damit zufrieden geben, die revolutionären Versuche der Arbeiterklasse zu unterdrücken, sie im Blut zu ertränken, auch wenn die kapitalistische Konterrevolution bestimmt die blutigste in der ganzen Geschichte ist. Sie muß darüber hinaus die Idee ins Lächerliche ziehen, daß die Arbeiterklasse die Trägerin einer neuen gesellschaftlichen Ordnung ist, sie muß die totale Bedeutungslosigkeit der kommunistischen Perspektive propagieren. Zu diesem Zweck braucht sie ein ganzes Arsenal von Lügen und Verfälschungen parallel zum realen, gegenständlichen Waffenarsenal. Aus diesem Grund brauchte das Kapital auch während dem größten Teil des 20. Jahrhunderts die Aufrechterhaltung der größten Lüge der Geschichte: die Lüge, daß der Stalinismus Kommunismus sei.

Der Zusammenbruch des Ostblocks 1989 und der UdSSR zwei Jahre später hat, obwohl er der Bourgeoisie das lebendige "Beispiel" dieser Lüge wegnahm, diese gewaltig verstärkt, indem die herrschende Klasse nun eine riesige Kampagne über den offensichtlichen Mißerfolg des Kommunismus, des Marxismus und sogar über das Veralten der Idee des Klassenkampfs selber startete. Die für das Bewußtsein des Weltproletariats zutiefst zerstörerischen Auswirkungen dieser Kampagne sind verschiedentlich in den Spalten dieser Internationalen Revue untersucht worden, so daß wir hier diesen Punkt nicht weiter entwickeln. Auch wenn der Einfluß dieser Kampagnen im Laufe der letzten Jahre abgenommen hat – v.a. wegen der Versprechungen der Bourgeoisie über die "Neue Weltordnung" des Friedens und des Wohlstands, die angeblich den Tod des Stalinismus ablösen sollten, sich aber nur als Unsinn entpuppt haben –, ist es wichtig zu unterstreichen, daß sie für den ideologischen Kontrollapparat der Bourgeoisie so zentral sind, daß diese keine Gelegenheit versäumt, ihr neues Leben und neuen Einfluß zu verleihen. Wir sind nun in das Jahr des 80. Jubiläums der Russischen Revolution eingetreten, und zweifellos werden wir neue Lügen über diesen Gegenstand hören. Und eines ist sicher: Der Haß und die Verachtung der Bourgeoisie für die proletarische Revolution, die 1917 in Rußland begonnen hat, ihre Anstrengungen, die Erinnerungen an sie in Form und Inhalt zu entstellen, werden v.a. die politischen Organisation zum Ziel haben, die den Geist der großen Aufstandsbewegung verkörpert hat, die bolschewistische Partei. Das darf uns nicht überraschen: Seit der Zeit des Bundes der Kommunisten und der I. Internationale war die Bourgeoisie immer bereit, der Mehrheit der armen Arbeiter "zu verzeihen", daß sie durch die Komplotte und Machenschaften der revolutionären Minderheiten übers Ohr gehauen worden waren, während sie diese unabänderlich als Verkörperung des Bösen sieht. Und für das Kapital war keine dieser Organisationen so schlimm wie die Bolschewiki; diese haben es geschafft, die einfachen Arbeiter länger und nachhaltiger "irrezuführen" als irgendeine andere revolutionäre Partei in der Geschichte.

Es ist hier nicht der Ort, um alle Bücher, Artikel und Dokumente zu behandeln, die in letzter Zeit dem Thema der Russischen Revolution gewidmet worden sind. Es genügt festzuhalten, daß diejenigen, die am meisten Publizität erhalten – z.B. "The Unknown Lenin: from the Soviet Archives" (Der unbekannte Lenin: aus den sowjetischen Archiven) und "Der wahre Lenin" des früheren Archivars des KGB Volkogonow, der behauptet, Zugang zu den unzugänglichsten Dossiers seit 1917 gehabt zu haben – ein sehr genau umschriebenes Ziel haben: zu zeigen, daß Lenin und die Bolschewiki eine Horde von fanatischen Machtgierigen waren, die alles daran gesetzt haben, die demokratischen Errungenschaften der Februarrevolution 1917 rückgängig zu machen und Rußland sowie die Welt in eines der schrecklichsten Experimente der Geschichte zu stürzen. Selbstverständlich "beweisen" diese Herren mit einer minutiösen und detaillierten Aufmerksamkeit, wie der stalinistische Terror nichts anderes war, als die Fortsetzung und Vollendung des leninistischen Terrors. Der Untertitel der deutschen Ausgabe der Arbeit von Volkogonow über Lenin, "Utopie und Terror", faßt die Methode der Bourgeoisie sehr gut zusammen: die Idee, daß die Revolution gerade deshalb im Terror untergegangen ist, weil sie versucht hat, ein utopisches Ideal zu erreichen, nämlich den Kommunismus, der wahrhaftig ein Gegensatz zur menschlichen Natur sei. Ein wichtiges Element in diesem antibolschewistischen Unterfangen ist die Idee, daß der Bolschewismus mit seinem ganzen Diskurs über den Marxismus und die Weltrevolution v.a. ein Ausdruck der Rückständigkeit Rußlands gewesen sei. Diese Leier ist alles andere als neu: Sie war ein Lieblingsthema des "Renegaten Kautsky" nach dem Oktoberaufstand. Aber sie hat später eine beträchtliche akademische Würde angenommen. Eine der besten Studien über die Anführer der Russischen Revolution – "Three who made a revolution" (Drei, die eine Revolution machten) von Betram Wolfe –, die in den 50er Jahren geschrieben wurde, baut diese Idee mit einem besonderen Augenmerk auf Lenin aus. Aus dieser Sicht schuldet der Standpunkt Lenins über die proletarische politische Organisation als einem zahlenmäßig "beschränkten", aus überzeugten Revolutionären zusammengesetzten Körper, mehr den konspiratorischen und geheimen Auffassungen der "Narodniki" und Bakunins als Marx. Solche Historiker stellen diese Auffassungen oft den "ausgeklügelteren", "europäischeren" und "demokratischeren" der Menschewiki gegenüber. Und selbstverständlich wird uns weiter erklärt, daß, da die Form der revolutionären Organisation eng an die Form der Revolution selber gebunden ist, die demokratische menschewistische Organisation uns ein demokratisches Rußland beschert hätte, während die diktatorische bolschewistische Form, ein diktatorisches Rußland zum Resultat hatte.

Es sind nicht nur die offiziellen Sprecher der Bourgeoisie, die solche Ideen kolportieren. Vielmehr werden diese Ideen, leicht anders verpackt, auch durch Anarchisten jeder Art verkauft, die hinsichtlich der Russischen Revolution Spezialisten der Methode sind: "Wir haben es euch schon immer gesagt". "Wir wußten von Anfang an, daß der Bolschewismus schlecht ist und mit Tränen enden würde – all diese Diskurse über die Partei, den Übergangsstaat und die Diktatur des Proletariats konnten nur dahin führen." Aber der Anarchismus hat die Gewohnheit, sich andauernd zu erneuern, und er kann auch viel subtiler auftreten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Argumentation, die eine parasitäre Sorte des Anarchismus, die sich (u.a.) "London Psychogeographical Association" nennt, in Umlauf setzt. Die LPA hat sich warmherzig dem Argument der IKS angeschlossen, wonach der Bakunismus mit seinem ganzen Gerede von Freiheit und Gleichheit, seiner Kritik des marxistischen "Autoritarismus" im Grunde genommen auf zutiefst hierarchischen und sogar esoterischen Sichtweisen beruhte, die eng verbunden waren mit der Freimaurerei. Doch für die LPA ist dies nur die Vorspeise. Im Hauptgang tischt sie auf, daß die bolschewistische Organisationsauffassung die wahre Fortsetzung des Bakunismus und somit der Freimaurerei sei. Der Kreis schließt sich: Die "Kommunisten" der LPA käuen die Reste der Professoren des Kalten Krieges wieder.

Was mit all diesen Verleumdungen des Bolschewismus ins Spiel gebracht wird, ist beträchtlich, und man kann darauf nicht im Rahmen eines einzigen Artikels antworten. Eine kritische Einschätzung der "leninistischen" Organisationsauffassung zu liefern z.B., das Vorurteil zu widerlegen, nach dem sie nichts anderes als eine neue Version des Narodnikitums oder des Bakunismus sei, würde allein eine ganze Artikelserie erfordern. Das Ziel des vorliegenden Artikels ist ein anderes. Es geht darum, eine spezielle Phase der Ereignisse der Russischen Revolution zu untersuchen: die Aprilthesen, die Lenin bei seiner Rückkehr nach Rußland 1917 verteidigte. Dies nicht nur deshalb, weil das fast auf den Monat genaue Jubiläum eine gute Gelegenheit dazu bietet, sondern v.a. darum, weil dieses kurze und präzise Dokument einen vorzüglichen Ausgangspunkt darstellt, um alle Lügen über die bolschewistische Partei zu widerlegen und um das wesentliche über sie nachzuweisen: Diese Partei war nicht das Produkt der russischen Barbarei, eines entstellten Anarchoterrorismus oder eines absoluten Machthungers der Anführer. Der Bolschewismus war v.a. das Produkt des Weltproletariats; unauflöslich verknüpft mit der gesamten marxistischen Tradition, war er nicht der Keim einer neuen Ausbeutungs- oder Unterdrückungsform, sondern die Avantgarde einer Bewegung, die dazu bestimmt war, jeder Ausbeutung und jede Unterdrückung zu beseitigen.

 

Vom Februar zum April

Gegen Ende Februar 1917 traten die Petrograder Arbeiter in Massenstreiks gegen die unerträglichen, durch den imperialistischen Krieg aufgezwungenen Lebensbedingungen. Die Losungen der Bewegung wurden schnell politisch, die Arbeiter verlangten die Beendigung des Krieges und den Umsturz der Autokratie. In wenigen Tagen weitete sich der Streik in andere Städte, große und kleine, aus, und als sich die Arbeiter bewaffneten und mit den Soldaten verbrüderten, wurde der Massenstreik zum Aufstand.

Die Arbeiter erinnerten sich an die Erfahrung von 1905 und zentralisierten den Kampf mit dem Mittel der Sowjets der Arbeiterdeputierten, die durch die Fabrikversammlungen gewählt und jederzeit abwählbar waren. Im Gegensatz zu 1905 begannen die Soldaten und Bauern dem Beispiel in breitem Maßstab zu folgen. Die herrschende Klasse erkannte, daß die Tage der Autokratie gezählt waren, und entledigte sich selbst des Zars; sie rief die Liberalen und die "linken" Parteien, v.a. die diejenigen Elemente, die einst proletarisch gewesen und mit der Unterstützung des Krieges ins bürgerliche Lager übergetreten waren, dazu auf, eine Provisorische Regierung mit dem offen erklärten Ziel zu bilden, Rußland hin zu einem parlamentarisch-demokratischen System zu führen. Effektiv entstand eine Situation der Doppelmacht, da die Arbeiter und Soldaten nur den Sowjets wirklich trauten und die bürgerliche Provisorische Regierung noch nicht in einer genügend starken Lage war, um sie zu ignorieren, geschweige denn, um sie zu beseitigen. Aber diese grundsätzliche Trennungslinie zwischen den Klassen wurde teilweise durch einen demokratischen Euphorienebel verwischt, der nach dem Februaraufstand über das Land fiel. Nachdem der Zar beseitigt worden war und sich das Volk einer nie erlebten Freiheit erfreute, schienen alle für die "Revolution" zu sein – inklusive die demokratischen Verbündeten Rußlands, die hofften, daß dies dem Land erlauben würde, effektiver an den Kriegsanstrengungen teilzunehmen. So stellte sich die Provisorische Regierung als den Hüter der Revolution dar; die Sowjets waren politisch beherrscht durch die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, die alles daran setzten, um die Räte gegenüber dem neu eingerichteten bürgerlichen Regime zu entmachten. Kurz, die ganze Kraft des Massenstreiks und des Aufstands – die in Wirklichkeit ein Ausdruck einer allgemeineren revolutionären Bewegung war, die aufgrund des Krieges in allen wichtigen kapitalistischen Ländern brütete – wurde auf kapitalistische Bahnen umgeleitet.

Wo standen die Bolschewiki in dieser Situation, die so voller Gefahren und Versprechungen war? Sie befanden sich in einer vollständigen Verwirrung.

"Der erste Monat der Revolution war für den Bolschewismus eine Zeit der Fassungslosigkeit und Schwankungen. Im

‘Manifest’ des Zentralkomitees der Bolschewiki, verfaßt gleich nach dem Siege des Aufstands, hieß es, ‘die Arbeiter der Fabriken und Werkstätten wie auch die aufständischen Truppen müssen sofort ihre Vertreter in die revolutionäre Provisorische Regierung wählen’. (...) Sie handelten nicht wie Vertreter einer proletarischen Partei, die sich zum selbständigen Kampf um die Macht vorbereitet, sondern als linker Flügel der Demokratie, der, seine Prinzipien verkündend, die Absicht hat, während einer unbestimmt langen Zeit die Rolle der loyalen Opposition zu spielen."

Als Stalin und Kamenew im März 1917 die Führung der Partei übernahmen, standen sie noch weiter rechts. Stalin entwickelte eine Theorie über die sich ergänzenden Rollen der Provisorischen Regierung und der Sowjets. Schlimmer noch: Das offizielle Organ der Partei, die Prawda, nahm offen eine Position zur Verteidigung des Krieges ein: "Nicht das inhaltlose ‘Nieder mit dem Krieg’ ist unsere Losung. Unsere Losung ist – der Druck auf die Provisorische Regierung mit dem Ziele, sie zu zwingen ... mit einem Versuch hervorzutreten, alle kämpfenden Länder zur sofortigen Aufnahme von Friedensverhandlungen zu bewegen ... Bis dahin bleibt aber jeder auf seinem Kampfposten!"

Trotzki berichtet, wie zahlreiche Mitglieder der Partei zutiefst beunruhigt und sogar wütend auf das opportunistische Abgleiten der Partei reagierten. Aber sie waren programmatisch nicht ausgerüstet, um der Position der Führung entgegenzutreten, da sie auf der Perspektive zu fußen schien, die Lenin selbst entwickelt hatte und die während eines ganzen Jahrzehnts die offizielle Position der Partei dargestellt hatte: die Perspektive der "demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern". Das Wesen dieser Theorie bestand darin, daß die Revolution in Rußland, obwohl sie ökonomisch gesprochen bürgerlicher Natur sein werde, nicht von der russischen Bourgeoisie getragen werden könne, da diese zu schwach sei. Deshalb müsse die kapitalistische Modernisierung Rußlands durch das Proletariat und die ärmsten Schichten der Bauern wahrgenommen werden. Diese Position befindet sich zwischen derjenigen der Menschewiki – die vorgeben, orthodoxe Marxisten zu sein, und folglich vertreten, die Aufgabe des Proletariats bestehe darin, die Bourgeoisie in ihrem Kampf gegen den Absolutismus kritisch zu unterstützen, bis Rußland reif für den Sozialismus sei – und derjenigen von Trotzki, dessen Theorie der "permanenten Revolution", die er nach den Ereignissen von 1905 entwickelte, davon ausgeht, daß die Arbeiterklasse in der kommenden Revolution an die Macht getrieben und gezwungen sein würde, über die bürgerliche Etappe der Revolution hinauszugehen, bis zur sozialistischen Phase unter der einzigen Bedingung, daß die russische Revolution mit einer sozialistischen Revolution in den industrialisierten Ländern zusammenfällt oder sie hervorruft.

In Tat und Wahrheit ist die Theorie Lenins bestenfalls das Produkt einer Epoche, wo es immer offensichtlicher wird, daß die russische Bourgeoisie keine revolutionäre Kraft ist, aber wo auch noch nicht klar ist, daß die Zeit der internationalen sozialistischen Revolution angebrochen ist. Doch die Überlegenheit der These Trotzkis liegt gerade darin, daß sie von einem internationalen, statt einfach einem russischen Rahmen ausgeht; und Lenin selber hat sich trotz seiner zahlreichen und scharfen Divergenzen mit Trotzki nach den Ereignissen von 1905 verschiedentlich des Begriffs der permanenten Revolution bedient.

In der Praxis erwies sich die Idee der "demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern" als substanzlos; die "orthodoxen Leninisten", die diese Formel 1917 wieder aufgriffen, benützten sie als Feigenblatt für ihr ganz banales Abgleiten zum Menschewismus. Kamenew behauptete mit Nachdruck, daß man die Provisorische Regierung kritisch unterstützen müsse, da die bürgerlich demokratische Phase noch nicht abgeschlossen sei: Dies entsprach kaum noch der ursprünglichen Auffassung von Lenin, die die Tatsache unterstrich, daß die Bourgeoisie unweigerlich mit der Autokratie paktieren würde. Es gab sogar ernsthafte Versuche einer Wiedervereinigung zwischen den Menschewiki und den Bolschewiki.

Die politisch entwaffnete bolschewistische Partei zieht es so Richtung Kompromiß und Verrat. Die Zukunft der Revolution steht auf dem Spiel, als Lenin aus dem Exil zurückkommt.

In seiner Geschichte der Russischen Revolution gibt Trotzki uns eine genaue Beschreibung der Ankunft Lenins am 3. April 1917 im Finnländischen Bahnhof von Petrograd. Der Petrogrades Sowjet, der noch von Menschewiki und Sozialrevolutionären beherrscht ist, organisierte eine große Empfangsfeier und hieß Lenin mit Blumen willkommen. Im Namen des Sowjets empfängt Tschcheidse Lenin mit den folgenden Worten:

"Genosse Lenin, im Namen des Petersburger Sowjets und der gesamten Revolution begrüßen wir Sie in Rußland ... Aber wir sind der Ansicht, daß die Hauptaufgabe der revolutionären Demokratie jetzt in der Verteidigung unserer Revolution gegen alle Anschläge, von innen wie von außen, besteht ... Wir hoffen, daß Sie gemeinsam mit uns diese Ziele verfolgen werden."

Die Antwort von Lenin richtete sich nicht an die Führer des Empfangskomitees, sondern an die Hunderte von Arbeitern und Soldaten, die zum Bahnhof geströmt waren:

"Liebe Genossen, Soldaten, Matrosen und Arbeiter! Ich bin glücklich, in eurer Person die siegreiche Russische Revolution zu begrüßen, euch als die Avantgarde der proletarischen Weltarmee zu begrüßen ... Die Stunde ist nicht fern, wo auf den Ruf unseres Genossen Karl Liebknecht die Völker die Waffen gegen ihre Ausbeuter, die Kapitalisten, richten werden ... Die Russische Revolution, von euch vollbracht, hat eine neue Epoche eingeleitet. Es lebe die sozialistische Weltrevolution ..."

So geht der Spielverderber Lenin mit dem demokratischen Karneval von allem Anfang an um. In dieser Nacht arbeitete Lenin seinen Standpunkt zu einer zweistündigen Rede aus, die mehr noch all die Demokraten und sentimentalen Sozialisten vor den Kopf stoßen würde, die wollten, daß die Revolution nicht weitergehe als es diejenige des Februars getan hatte, die den Massenstreiks der Arbeiter applaudierten, als diese den Zaren verjagten und der Provisorischen Regierung erlaubten, die Macht zu ergreifen, die aber jede weitere Polarisierung zwischen den Klassen fürchteten. Am folgenden Tag legte Lenin in einer gemeinsamen Sitzung der Bolschewiki und der Menschewiki das vor, was später unter dem Namen der Aprilthesen bekannt wurde. Sie sind ziemlich kurz, so daß sie hier in voller Länge abgedruckt werden können:

"1. In unserer Stellung zum Krieg, der von seiten Rußlands auch unter der neuen Regierung Lwow und Co. – infolge des kapitalistischen Charakters dieser Regierung – unbedingt ein räuberischer, imperialistischer Krieg bleibt, sind auch die geringsten Zugeständnisse an die ‘revolutionäre Vaterlandsverteidigung’ unzulässig.

Einem revolutionären Krieg, der die Vaterlandsverteidigung wirklich rechtfertigen würde, kann das klassenbewußte Proletariat seine Zustimmung nur unter folgenden Bedingungen geben: a) Übergang der Macht in die Hände des Proletariats und der sich ihm anschließenden ärmsten Teile der Bauernschaft; b) Verzicht auf alle Annexionen in der Tat und nicht nur in Worten; c) tatsächlicher und völliger Bruch mit allen Interessen des Kapitals.

In Anbetracht dessen, daß breite Schichten der revolutionären Vaterlandsverteidiger aus der Masse es zweifellos ehrlich meinen und den Krieg anerkennen in dem Glauben, daß er nur aus Notwendigkeit und nicht um Eroberungen geführt werde, in Anbetracht dessen, daß sie von der Bourgeoisie betrogen sind, muß man sie besonders gründlich, beharrlich und geduldig über ihren Irrtum, über den untrennbaren Zusammenhang von Kapital und imperialistischem Krieg aufklären, muß man den Nachweis führen, daß es ohne den Sturz des Kapitals unmöglich ist, den Krieg durch einen wahrhaft demokratischen Frieden und nicht durch einen Gewaltfrieden zu beenden.

Organisierung der allerbreitesten Propaganda dieser Auffassung unter den Fronttruppen.

Verbrüderung.

2. Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Rußland besteht im Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewußtseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muß.

Dieser Übergang ist gekennzeichnet einerseits durch ein Höchstmaß an Legalität (Rußland ist zur Zeit von allen kriegführenden Ländern das freieste Land der Welt), andererseits dadurch, daß gegen die Massen keine Gewalt angewandt wird, und schließlich durch die blinde Vertrauensseligkeit der Massen gegenüber der Regierung der Kapitalisten, der ärgsten Feinde des Friedens und des Sozialismus.

Diese Eigenart fordert von uns die Fähigkeit, uns den besonderen Bedingungen der Parteiarbeit unter den unerhört breiten, eben erst zum politischen Leben erwachten Massen des Proletariats anzupassen.

3. Keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung, Aufdeckung der ganzen Verlogenheit aller ihrer Versprechungen, insbesondere hinsichtlich des Verzichts auf Annexionen, Entlarvung der Provisorischen Regierung statt der unzulässigen, Illusionen erweckenden ‘Forderung’, diese Regierung, die Regierung der Kapitalisten, solle aufhören, imperialistisch zu sein.

4. Anerkennung der Tatsache, daß unsere Partei in den meisten Sowjets der Arbeiterdeputierten in der Minderheit, vorläufig sogar in einer schwachen Minderheit ist gegenüber dem Block aller kleinbürgerlichen opportunistischen Elemente, die dem Einfluß der Bourgeoisie erlegen sind und diesen Einfluß in das Proletariat hineintragen – von den Volkssozialisten und Sozialrevolutionären bis zum Organisationskomitee (Tschcheidse, Zereteli usw.), Steklow usw. usf.

Aufklärung der Massen darüber, daß die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzig mögliche Form der revolutionären Regierung sind und daß daher unsere Aufgabe, solange sich diese Regierung von der Bourgeoisie beeinflussen läßt, nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bedürfnissen der Massen angepaßter Aufklärung über die Fehler ihrer Taktik bestehen kann.

Solange wir in der Minderheit sind, besteht unsere Arbeit in der Kritik und Klarstellung der Fehler, wobei wir gleichzeitig die Notwendigkeit der Übergangs der gesamten Staatsmacht an die Sowjets der Arbeiterdeputierten propagieren, damit die Massen sich durch die Erfahrung von ihren Irrtümern befreien.

5. Keine parlamentarische Republik – von den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu dieser zurückzukehren wäre ein Schritt rückwärts –, sondern eine Republik der Sowjets der Arbeiter, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Land, von unten bis oben.

Abschaffung der Polizei, der Armee, der Beamtenschaft.

Entlohnung aller Beamten, die durchweg wählbar und jederzeit absetzbar sein müssen, nicht über den Durchschnittslohn eines guten Arbeiters hinaus.

6. Im Agrarprogramm Verlegung des Schwergewichts auf die Sowjets der Landarbeiterdeputierten.

Konfiskation aller Gutbesitzerländereien.

Nationalisierung des gesamten Bodens im Lande; die Verfügungsgewalt über den Boden liegt in den Händen der örtlichen Sowjets der Landarbeiter- und Bauerndeputierten. Bildung besonderer Sowjets von Deputierten der armen Bauern. Schaffung von Musterwirtschaften aus allen großen Gütern (im Umfang von etwa 100 bis 300 Desjatinen, je nach den örtlichen und sonstigen Verhältnissen und nach dem Ermessen der örtlichen Institutionen) unter Kontrolle der Landarbeiterdeputierten und für Rechnung der Gesellschaft.

7. Sofortige Verschmelzung aller Banken des Landes zu einer Nationalbank und Errichtung der Kontrolle über die Nationalbank durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten.

8. Nicht ‘Einführung’ des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten.

9. Aufgaben der Partei:

a) sofortige Einberufung des Parteitags;

b) Änderung der Parteiprogramms, in der Hauptsache in folgenden Punkten:

1. Imperialismus und imperialistischer Krieg;

2. Stellung zum Staat und unsere Forderung eines ‘Kommunestaates’;

3. Berichtigung des veralteten Minimalprogramms;

c) Änderung des Namens der Partei.

10. Erneuerung der Internationale.

Initiative zur Gründung einer revolutionären Internationale, einer Internationale gegen die Sozialchauvinisten und gegen das ‘Zentrum’."

 

 

 

Der Kampf für die Umbewaffnung der Partei – der Beweis der marxistischen Methode

Zalewski, Mitglied des bolschewistischen Zentralkomitees, faßte die Reaktion auf die Thesen Lenins in der Partei und der Arbeiterbewegung folgendermaßen zusammen: "Die Thesen Lenins hatten die Wirkung einer explodierenden Bombe." Die anfängliche Reaktion war Ungläubigkeit, und ein Regen von Verdrehungen prasselte auf Lenin nieder: Er sei zu lange im Exil gewesen und habe so den Kontakt mit der Russischen Revolution verloren, seine Ansichten über die Perspektive der Revolution seien in den "Trotzkismus" abgeglitten und seine Position über die Machtergreifung durch die Sowjets stelle einen Schritt zurück zum Blanquismus, Abenteurertum und Anarchismus dar. Goldberg, ein früheres Mitglied des bolschewistischen Zentralkomitees, nun außerhalb der Partei, äußerte sich dazu folgendermaßen: "Während einigen Jahren war der Platz von Bakunin in der Russischen Revolution unbesetzt; nun ist er von Lenin eingenommen worden." Kamenew sah in den Auffassungen Lenins für die Bolschewiki gar eine Behinderung, als Massenpartei zu funktionieren, indem er ihre Rolle auf eine "Gruppe von kommunistischen Propagandisten reduziere".

Dies war nicht das erste Mal, daß sich die "alten Bolschewiki" im Namen des Leninismus an alten Formeln festklammerten. Schon 1905 stützte sich die anfängliche Reaktion der Bolschewiki gegenüber dem Auftauchen der Räte auf eine mechanische Interpretation von Lenins Kritik am Spontaneismus in "Was Tun?". Die Parteileitung hatte den Petrograder Sowjet sogar aufgefordert, sich der Partei zu unterwerfen oder sich aufzulösen. Lenin hatte als einer der Ersten die Bedeutung der Räte als Organ der proletarischen Macht verstanden und jene Auffassungen kategorisch verworfen. Er bestand darauf, sich nicht die Frage "Sowjet oder Partei" zu stellen, sondern "Sowjet und Partei", da sie beide eine sich gegenseitig ergänzende Rolle haben. Schon damals hatte Lenin diesen "Leninisten" eine Lehre über die marxistische Methode erteilt, indem er ihnen aufzeigte, daß der Marxismus das Gegenteil eines toten Dogmas ist, sondern eine wissenschaftliche und lebendige Theorie, welche dauernd im Laboratorium der sozialen Bewegung bestätigt wird. Die Aprilthesen sind ein Beispiel der Fähigkeit des Marxismus, überholte Auffassungen im Lichte des Klassenkampfes auszusondern, anzupassen, zu verbessern und zu bereichern: "Jetzt gilt es, sich die unbestreitbare Wahrheit zu eigen zu machen, daß der Marxist mit dem lebendigen Leben, mit den exakten Tatsachen der Wirklichkeit rechnen muß, statt sich an die Theorie von gestern zu klammern, die, wie jede Theorie, bestenfalls nur das Grundlegende, Allgemeine aufzeigt und die Kompliziertheit des Lebens nur annähernd erfaßt. ‘Grau, treuer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldener Baum.’" Und im selben Brief warnte Lenin, "es jenen ‘alten Bolschewiki’ gleichzutun, die schon mehrmals eine traurige Rolle in der Geschichte unserer Partei gespielt haben, indem sie sinnlos eine auswendig gelernte Formel wiederholt haben, anstatt die Eigenart der neuen, der lebendigen Wirklichkeit zu studieren."

Für Lenin bestand die "Demokratische Diktatur" in den Deputiertenräten der Arbeiter und Bauern und war somit zu einer veralteten Formel verkommen. Die wichtigste Aufgabe der Bolschewiki war nun das Vorwärtsstoßen der proletarischen Dynamik innerhalb dieser breiten sozialen Bewegung in Richtung eines Kommune-Staates in Rußland, als erster Meilenstein der sozialistischen Weltrevolution. Man kann sich über die Bemühungen Lenins, die Ehre der alten Formeln zu retten, streiten, aber das Wesentliche in seinen Bemühungen war die Fähigkeit, die Zukunft der Bewegung zu sehen und daraus mit veralteten Methoden zu brechen.

Die marxistische Methode ist nicht nur dialektisch und dynamisch, sie ist auch global, sie stellt jede Teilfrage in einen internationalen und historischen Rahmen. Und genau dies erlaubte Lenin, den wirklichen Sinn der Ereignisse zu erkennen. Seit 1914 hatten die Bolschewiki mit Lenin an der Spitze und im Bewußtsein der Dekadenz des Kapitalismus und der angebrochenen Etappe der proletarischen Weltrevolution, die konsequenteste internationalistische Haltung gegen den imperialistischen Krieg verteidigt. Dies war der Dreh- und Angelpunkt der Position der "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg", die Lenin gegen alle Variationen des Chauvinismus und Pazifismus verteidigte. Sich immer eng an dieser Analyse orientierend, verfiel Lenin nie der Idee, daß die Beteiligung an der Macht der Provisorischen Regierung den imperialistischen Charakter des Krieges verändern würde, und er hielt sich in seinen Kritiken gegenüber denjenigen Bolschewiki, welche diesem Irrtum verfallen waren, nicht zurück: "Die "Prawda" fordert von der Regierung, sie solle auf Annexionen verzichten. Von einer Regierung der Kapitalisten verlangen, sie soll auf Annexionen verzichten – ist Unsinn, schreiender Hohn..."

Die Unnachgiebigkeit in der Verteidigung der internationalistischen Haltung gegenüber dem Krieg war eine Notwendigkeit, um das opportunistische Abgleiten der Partei zu verhindern. Es war aber auch Ausgangspunkt zur theoretischen Liquidierung der Formel der "Demokratischen Diktatur" und aller anderen menschewistischen Rechtfertigungen zur Unterstützung der Bourgeoisie. Das Argument, das rückständige Rußland sei für den Sozialismus noch nicht reif, beantwortete Lenin als wahrer Internationalist in der These Nr. 8: "Nicht die "Einführung" des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten."

Rußland alleine war für den Sozialismus nicht reif, doch der imperialistische Krieg hatte gezeigt, daß der Kapitalismus weltweit wahrlich mehr als nur reif war. Daher bei der Ankunft im Finnländischen Bahnhof auch der Appell Lenins an die Arbeiter, bei der Machtübernahme als eine Vorhut der internationalen proletarischen Armee zu handeln – daher auch der Aufruf zu einer neuen Internationale am Ende der Aprilthesen. Und für Lenin, wie für alle wahrhaften Internationalisten von damals, war die Weltrevolution nicht nur einfach ein heiliges Gelübde, sondern eine konkrete Perspektive, die sich aus der internationalen proletarischen Revolte gegen den Krieg entwickelte, aus den Streiks in England und Deutschland, den politischen Demonstrationen, den Meutereien und Verbrüderungen in den Armeen der wichtigsten Länder und der revolutionären Springflut in Rußland selbst. Diese Perspektive, zum damaligen Zeitpunkt noch embryonal, sollte sich nach dem Oktoberaufstand durch die Ausbreitung der revolutionären Welle auf Italien, Ungarn, Österreich und vor allem Deutschland voll und ganz bestätigen.

 

 

 

 

Lenins "Anarchismus"

Die Verteidiger des "orthodoxen" Marxismus unterstellten Lenin blanquistische und anarchistische Auffassungen zur Frage der Machtergreifung und des Charakters des nachrevolutionären Staates. Blanquistisch, weil er angeblich für einen Staatsstreich durch eine Minderheit eintrete – entweder durch die alleine agierenden Bolschewiki oder das Industrieproletariat unter Ausschluß der bäuerlichen Mehrheit. Bakunistisch deshalb, weil die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie eine Konzession an die unpolitischen Vorurteile der Anarchisten und Anarchosyndikalisten sei.

In seinen "Briefen über die Taktik" verteidigte Lenin die Aprilthesen gegen die erste Anschuldigung: "Ich habe mich in meinen Thesen entschieden von jedem Überspringen der noch nicht überwundenen bäuerlichen oder überhaupt kleinbürgerlichen Bewegung, von jedem Spiel mit der "Machtergreifung" durch eine Arbeiterregierung, von jedem blanquistischen Abenteuer abgegrenzt, denn ich habe direkt auf die Erfahrungen der Pariser Kommune verwiesen. Diese Erfahrungen haben aber bekanntlich, wie Marx 1871 und Engels 1891 eingehend nachgewiesen haben, gezeigt, daß für Blanquismus kein Platz war, sie haben klar gezeigt, daß die direkte, unmittelbare, unbedingte Herrschaft der Mehrheit und die Aktivität der Massen nur in dem Maße gesichert waren, wie die Mehrheit selbst bewußt auftrat.

In Bezug auf die anarchistischen Positionen über den Staat unterstrich Lenin im April, wie er es in ausführlicher Art und Weise schon in "Staat und Revolution" gemacht hatte, daß die "orthodoxen" Marxisten mit Kautsky und Plechanov an der Spitze die wahren Lehren von Marx und Engels unter einem Haufen von parlamentarischen Verwünschungen begraben hatten. Die Erfahrung der Kommune hatte gezeigt, daß die Aufgabe des Proletariats in der Revolution nicht die Bemächtigung des alten Staates ist, sondern seine Zerstörung in Grund und Boden, und sie hatte gezeigt, daß das neue Instrument der proletarischen Macht, der Kommune-Staat, nicht auf den Prinzipien der parlamentarischen Repräsentation beruht, die nichts anderes als eine Fassade zur Verschleierung der Macht der Bourgeoise ist, sondern auf direkten Mandaten und der jederzeitigen Abwählbarkeit durch die bewaffneten und selbstorganisierten Massen. Durch die Bildung der Sowjets haben die Erfahrung von 1905 und die 1917 aufflammende Revolution diese Perspektive nicht nur bestätigt, sondern um vieles bereichert. Wenn die Pariser Kommune noch einen "volkstümlichen" Charakter hatte, in der alle ausgebeuteten Klassen der Gesellschaft gleich beteiligt waren, so hatten nun die Sowjets einen höherstehenden Charakter, da sie dem Proletariat erlaubten, sich eigenständig und klassenautonom innerhalb der ganzen Massenbewegung zu organisieren. In ihrer Gesamtheit stellten die Sowjets schließlich einen neuen Staat dar, mit einer anderen Qualität als der alte bürgerliche Staat, aber trotzdem noch einen Staat. Hier unterschied sich Lenin auf klarste Art und Weise vom Anarchismus: "...denn der Anarchismus ist die Verneinung der Notwendigkeit des Staates und der Staatsmacht für die Epoche des Übergangs von der Herrschaft der Bourgeoisie zur Herrschaft des Proletariates. Ich aber trete mit einer Bestimmtheit, die jede Möglichkeit eines Mißverständnisses ausschließt, für die Notwendigkeit des Staates in dieser Epoche ein, jedoch – in Übereinstimmung mit Marx und mit den Erfahrungen der Pariser Kommune – nicht des gewöhnlichen bürgerlich-parlamentarischen Staates, sondern eines Staates ohne stehendes Heer, ohne eine gegen das Volk gerichtete Polizei, ohne eine über das Volk gestellte Beamtenschaft.

Wenn Herr Plechanov in seinem "Jedinstwo" aus Leibeskräften über Anarchismus zetert, so ist das nur ein weiterer Beweis für seinen Bruch mit dem Marxismus."

 

Die Rolle der Partei in der Revolution

Die Anschuldigung, Lenin habe einen blanquistischen Staatsstreich geplant, hängt eng mit dem Irrglauben zusammen, sein Ziel sei lediglich die Machtergreifung der eigenen Partei gewesen. Dies war denn auch eine der Hauptachsen der bürgerlichen Propaganda nach der Russischen Revolution. Es wurde behauptet, in Rußland handle es sich um nichts anderes als um einen bolschewistischen Staatsstreich. Wir wollen hier nicht auf alle Einzelheiten und Schattierungen dieser Verdrehungen eingehen. In seinem Buch "Die Geschichte der Russischen Revolution" lieferte schon Trotzki demgegenüber eine der treffendsten Antworten, indem er aufzeigte, daß es nicht die bolschewistische Partei, sondern die Sowjets waren, die im Oktober 1917 die Macht übernommen hatten. Eines der Hauptargumente all dieser Auffassungen ist jedoch immer wieder, die Positionen Lenins zur Partei als einer einheitlichen und stark zentralisierten Organisation führe unweigerlich zu einem Putsch einer Minderheit wie angeblich 1917, zum "Roten Terror" und schließlich zum Stalinismus.

Wie schon erwähnt, hat diese Auseinandersetzung ihre Wurzeln in der Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki, doch ist hier nicht der Platz, alle Einzelheiten dieser entscheidenden Epoche neu aufzurollen. Lenins Auffassungen über die revolutionäre Organisation wurden damals als jakobinerhaft, elitär, militaristisch oder gar terroristisch verunglimpft. Selbst herausragende Marxisten, unter ihnen Rosa Luxemburg und Trotzki, übten Lenin gegenüber solche Kritik. Wir streiten nicht ab, daß die damaligen Auffassungen Lenins über die Organisationsfragen Fehler enthielten, so zum Beispiel 1902 die Wiederaufnahme von Kautskys These, nach der das Bewußtsein von außen in die Arbeiterklasse hineingetragen werden müsse, oder seine Auffassungen zum Verhältnis zwischen Partei und Staat. Aber ganz im Gegenteil zu den Menschewiki von damals und ihren anarchistischen, sozialdemokratischen und rätistischen Nachfolgern, stellen für uns diese Fehler keinesfalls das Entscheidende dar, so wie auch die Fehler, die während der Pariser Kommune oder der Russischen Revolution begangen wurden, nicht der Kernpunkt für die Analyse darstellen. Das Entscheidende ist der Kampf, den Lenin in seinem ganzen Leben für den Aufbau der revolutionären Organisation geführt hat und dessen historische Bedeutung innerhalb der Arbeiterbewegung. Lenin legte gerade auch für die Revolutionäre von heute unersetzbare Grundlagen zum Verständnis der internen Funktionsweise der Organisation und ihrer Rolle, die sie innerhalb der Klasse einnimmt.

Die "engherzige" Organisationsauffassung der Bolschewiki, die Lenin der menschewistischen "Offenherzigkeit" gegenüberstellte, war nicht, wie viele oberflächliche Analysen behaupten, nur ein Produkt der Bedingungen, welche die zaristische Repression setzte. Gleich wie die Massenstreiks und revolutionären Erhebungen 1905 nicht das letzte Echo der bürgerlichen Revolutionen des neunzehnten Jahrhunderts waren, sondern die aufkommende Perspektive des Klassenkampfes im dekadenten Kapitalismus aufzeichneten, so waren auch die bolschewistischen Vorstellungen einer Partei aus entschlossenen Revolutionären mit einem klaren Programm und zentralisierter Funktionsweise ein weitsichtiges Begreifen der Rolle und Struktur der Partei unter den Bedingungen des dekadenten Kapitalismus, der Epoche der proletarischen Revolution. Die Menschewiki orientierten sich in ihren Organisationsauffassungen nicht, wie viele Anti-Bolschewiki behaupteten, an westlichen Organisationsmodellen, sondern vor allem an der überholten Vergangenheit sozialdemokratischer Massenparteien, welche die Klasse vereinigten und vor allem auf parlamentarischer Ebene repräsentierten. Und ganz im Gegensatz zu allen Anschuldigungen, nach denen die Bolschewiki in die archaischen, rückständigen Umstände Rußlands verwickelt gewesen seien, und deshalb zu einem konspirativen Organisationsmodell gegriffen hätten, waren es die Bolschewiki, die vorwärts blickten, vorwärts in eine turbulente revolutionäre Periode, welche nicht durch eine Partei organisiert, geplant oder einverleibt werden konnte. Eine Periode jedoch, welche die Rolle der Partei wie nie zuvor umrissen hat: "Verlassen wir nämlich das pedantische Schema eines künstlich von Partei und Gewerkschafts wegen kommandierten demonstrativen Massenstreiks der organisierten Minderheit und wenden wir uns dem lebendigen Bilde einer aus äußerster Zuspitzung der Klassengegensätze und der politischen Situation mit elementarer Kraft entstehenden wirklichen Volksbewegung zu, (...) so muß offenbar die Aufgabe der Sozialdemokratie nicht in der technischen Vorbereitung und Leitung des Massenstreiks, sondern vor allem in der politischen Führung der ganzen Bewegung bestehen."

Mit diesen Worten beschrieb Rosa Luxemburg in ihrer herausragenden Analyse die Bedeutung des Massenstreiks und die neuen Bedingungen des internationalen Klassenkampfes. Rosa Luxemburg, welche 1903, zur Zeit der Spaltung innerhalb der russischen Sozialdemokratie, noch eine der bissigsten Kritiken an Lenin geübt hatte, stimmte nun mit den grundlegenden Elementen der bolschewistischen Organisationsauffassung überein.

Mit größter Klarheit sind diese wichtigsten Eckpfeiler in den Aprilthesen umrissen, diese verwerfen jegliche Auffassung einer "Revolution von oben": "Solange wir in der Minderheit sind, besteht unsere Arbeit in der Kritik und Klarstellung der Fehler, wobei wir gleichzeitig die Notwendigkeit des Übergangs der gesamten Staatsmacht an die Sowjets der Arbeiterdeputierten propagieren, damit die Massen sich durch die Erfahrungen von ihren Irrtümern befreien." Diese Arbeit der "geduldigen, systematischen und beharrlichen Aufklärung" ist haargenau die Rolle einer politischen Führung in einer revolutionären Periode. Der Aufstand im Oktober 1917 wäre unmöglich gewesen ohne die vorangegangene Übernahme der revolutionären bolschewistischen Positionen durch die Sowjets. Doch bevor dies möglich war, stand der Sieg von Lenins Positionen innerhalb der bolschewistischen Partei auf der Tagesordnung, und dies bedingte einen langen und kompromißlosen Kampf, der mit Lenins Ankunft in Rußland begonnen hatte.

"Wir sind keine Scharlatane, wir stützen uns lediglich auf das Bewußtsein der Massen."

Diese Rolle genügte den "alten Bolschewiki", welche "handfestere" Pläne hatten, nicht. Sie wollten sich an der existierenden "bürgerlichen Revolution" beteiligen und erstrebten wie früher einen massiven Einfluß der bolschewistischen Partei in den Massen. Wie die Worte Kamenews zeigen, waren sie entsetzt über den Gedanken, daß die Partei mit ihren "reinen" Positionen in der Ecke verharren müsse, reduziert auf eine "Gruppe von propagandistischen Kommunisten".

Für Lenin war es keine Kunst, diese Positionen bloßzustellen, hatten doch die Chauvinisten nicht schon dieselben Argumente zu Beginn des Krieges gegenüber den Internationalisten ins Feld geführt und behauptet, sie würden den Kontakt mit den Massen aufrechterhalten, während sie die Bolschewiki und Spartakisten als marginale Sekten bezeichneten. Nun dieselben Argumente aus dem Munde eines bolschewistischen Genossen zu hören war verwirrend, doch dies stumpfte die Schärfe von Lenins Antwort keinesfalls ab: "Genosse Kamenew stellt die ‘Partei der Massen’ einer ‘Gruppe von Propagandisten’ entgegen. Aber die ‘Massen’ sind ja gerade jetzt dem Taumel der ‘revolutionären’ Vaterlandsverteidigung erlegen. Ist es in einem solchen Augenblick nicht auch für die Internationalisten geziemender, dem ‘Massen’taumel zu widerstehen, als bei den Massen ‘bleiben zu wollen’, d.h. Opfer der allgemeinen Seuche zu werden? Haben wir nicht in allen kriegführenden europäischen Ländern gesehen, wie die Chauvinisten sich damit zu rechtfertigen suchten, daß es ihr Wunsch sei, ‘bei den Massen zu bleiben’? Müssen wir es nicht verstehen, eine gewisse Zeit lang gegen den ‘Massen’taumel in der Minderheit zu sein? Ist es den nicht die Arbeit eben der Propagandisten gerade im gegenwärtigen Augenblick der Angelpunkt, um die proletarische Linie frei zu machen von dem kleinbürgerlichen ‘Massen’taumel der Vaterlandsverteidigung? Gerade das Ineinanderfliessen der Massen, der proletarischen wie der nichtproletarischen, ungeachtet der Klassenunterschiede innerhalb der Massen, war eine Voraussetzungen der Vaterlandsverteidigungspsychose. Es ist wahrlich wenig angebracht, verächtlich von einer ‘Gruppe von Propagandisten’ der proletarischen Linie zu reden."

Dieser Wille gegen den Strom zu schwimmen und in der Minderheit zu sein, um die Klassenprinzipien klar und präzise zu verteidigen, hatte nichts puritanisches oder sektiererisches an sich. Im Gegenteil basierte er auf einem Verständnis der wirklichen Bewegung innerhalb der Klasse und auf der Fähigkeit, den fortgeschrittensten Elementen des Proletariates eine Richtung und Orientierung zu geben.

Trotzki zeigte auf, wie Lenin auf dem Weg zur Eroberung der Partei für seine Positionen und die Verteidigung der "proletarischen Linie" innerhalb der gesamten Klasse die Unterstützung dieser Elemente suchte: "Gegen die alten Bolschewiki fand Lenin in einer anderen, bereits gestählten, aber frischeren und mehr in den Massen verbundenen Parteischicht eine Stütze. In der Februarrevolution hatten die bolschewistischen Arbeiter, wie wir wissen, eine entscheidende Rolle gespielt. Sie betrachteten es als selbstverständlich, daß jene Klasse die Macht übernehmen müsse, die den Sieg errungen hatte. Diese Arbeiter hatten stürmisch gegen den Kurs Kamenew-Stalin protestiert und der wyborger Bezirk sogar mit dem Ausschluß der "Führer" aus der Partei gedroht. Das gleiche war in der Provinz zu beobachten. Fast überall gab es linke Bolschewiki, die man des Maximalismus und sogar des Anarchismus beschuldigte. Den revolutionären Arbeitern mangelten nur die theoretischen Mittel, um ihre Positionen zu verteidigen. Doch waren sie bereit, den ersten Zuruf mit Widerhall zu beantworten."

Die Fähigkeit Lenins, die wirkliche Dynamik innerhalb der sozialen Bewegung zu erkennen, ist ein weiteres Beispiel der Bereicherung der marxistischen Methode. Später, in den Zwanzigerjahren, griff Lenin selbst auf das Argument "innerhalb der Massen" zu bleiben zurück, um die "Einheitsfront" und die organisatorische Vereinigung mit den zentristischen Organisationen zu rechtfertigen; Zeichen eines Verlustes über das Verständnis der marxistischen Methode und Abgleitens der Partei in den Opportunismus. Doch dies war das Resultat der Isolierung der Russischen Revolution und der Fusion der Bolschewiki mit dem Staat. Während der aufsteigenden Phase der Russischen Revolution war Lenin mit seinen Aprilthesen nie ein isolierter Prophet, nie ein Weltverbesserer unter den vulgären Massen, sondern die klarste Stimme der revolutionärsten Tendenz innerhalb des Proletariates. Eine Stimme, welche mit höchster Präzision den Weg aufzeigte der zum Oktoberaufstand führte. Amos.

 

 

 

Zu Beginn der Revolution hatte das Proletariat die Macht der Bourgeoisie abgegeben, eine Tatsache, die keinen Marxisten überraschen darf, "denn wir haben es stets gewußt und viele Male darauf hingewiesen, daß die Bourgeoisie sich nicht nur mittels der Gewalt hält, sondern auch infolge der mangelnden Bewußtheit der Massen, ihrer Unfähigkeit, vom Althergebrachten loszukommen, ihrer Verschüchterung, ihrer Unorganisiertheit." Somit war die Hauptaufgabe der Bolschewiki die Entwicklung des Klassenbewußtsein und die Organisierung der Arbeitermassen.

 

 

Ich haben in den Thesen mit größter Bestimmtheit den Kampf um den Einfluß innerhalb der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten in den Mittelpunkt gestellt. Um auch nicht den leisesten Zweifel in dieser Beziehung aufkommen zu lassen, habe ich in den Thesen zweimal die Notwendigkeit der geduldigen, beharrlichen, ‘den praktischen Bedürfnissen der Massen angepaßten’ ‘Aufklärungs’arbeit betont."