Die russische Revolution- ein kollektives Werk der Arbeiterklasse

Im ersten Teil dieses Artikels (siehe Inter­nationale Revue Nr. 14) haben wir gese­hen, dass die Russische Revo­lution im Ge­gensatz zu der Propa­ganda der Herr­schenden kein Staatsstreich war, son­dern die gi­gantischste und bewussteste Be­wegung der ausgebeuteten Massen in der Ge­schichte - die einen an Erfahrung, In­itiative und Kreativität reichen Schatz hin­terlassen hat. Ungeachtet der späteren Niederlage war es der klarste Beweis, dass die Arbeiterklasse die einzig revolutionäre Klasse in der Ge­sellschaft ist, und  als ein­zige dazu in der Lage,  die Menschheit vor der Katastrophe zu retten, in die der zer­fallende Kapitalis­mus uns treibt.

Die Ereignisse des Oktober 1917 hin­terliessen uns eine grundlegende Lehre: als herrschende Klasse wird die Bour­geoisie gegenüber dem revolutionären Kampf der arbeitenden Massen nicht die Hände in den Schoss legen. Sie wird im Gegenteil versu­chen, diesen mit allen möglichen Mitteln zu sabotie­ren. Neben Zuckerbrot und Peitsche benutzt sie eine sehr gefährliche Waffe: die Sabotage von Innen heraus, die von den Vertretern der Herrschenden in den Reihen der Arbeiter - die mit ei­nem radikalen Ge­wand bekleidet sind - betrieben wird. Da­mals waren es die ‚sozialistischen Par­teien’, heute sind es die linken und ‚extrem-linken’ Parteien und die Gewerk­schaften.

Diese Sabotage stellte die Hauptbe­drohung für die im Februar begonnene Revolution dar. Die Sabotage der So­wjets mittels der sozialverräterischen Parteien, wodurch der bürgerliche Staat sein Werkzeug in den So­wjets zum Einsatz bringen konnte. In die­sem 2. Artikel werden wir uns näher mit dieser Frage befassen und untersu­chen, wie die Arbeiterklasse damit mittels der Erneuerung der Sowjets und mit Hilfe der Bolschewisti­schen Partei und dem Aufstand fertig wurde.

DIE SOWJETS ERGRIFFEN DIE MACHT

Die Ereignisse des Oktober 1917 hinter­liessen uns eine grundlegende Lehre: die Bourgeoisie wird angesichts von revolu­tionären Kämpfen der Ar­beiterklasse nicht tatenlos zusehen. Im Gegenteil wird sie ver­suchen, den Kampf wo immer möglich zu sabotie­ren. Deshalb benutzt sie neben Zuc­kerbrot und Peitsche eine sehr gefähr­liche Waffe: Sabotage im Innern, ausge­führt durch bürgerliche Kräfte, die das Ge­wand der Arbeiterklasse an­legen und eine ra­dikale Sprache spre­chen, damals die ‚sozialistischen Par­teien’, heute tun dies die Parteien der ‚Linken’ und ‚Extremen Lin­ken’ so­wie die Gewerk­schaften.

Die Sabotage der Sowjets durch die sozial­verräterischen Parteien, die es dem Appa­rat des bürgerlichen Staates erlaubte, wei­ter Wi­derstand zu leisten, stellte die Hauptge­fahr der Revolution dar, die im Februar be­gonnen hatte. Wir wollen nun aufzeigen, wie das Proletariat dem Pro­blem begegnete durch die Erneuerung der Sowjets, durch die Bolschewi­stische Par­tei und durch den Aufstand.

DIE BOURGEOISIE SABOTIERTE DIE SOWJETS

Die Bourgeoisie stellte die Februarrevo­lution als eine Bewegung dar, die zur ‚Demokratie’ hinstrebte und durch die Ma­chenschaften der Bolschewisten ver­gewaltigt wurde. Diese Ver­schleierung be­ruhte auf der Gegenüberstellung der Er­eignisse des Februars und des Oktobers, wobei die Februarereignisse als ein echter ‚demokratischer’ Schritt, die des Okt­obers als ein ‚Staatsstreich gegen den Volkswil­len’ dar­gestellt wurden.

Diese Lüge zeigt die Wut der Bour­geoisie darüber, dass die Ereignisse zwischen Fe­bruar und Oktober sich nicht so abspiel­ten, wie sie sich das gewünscht hatte. Die Bour­geoisie dachte, dass die Massen nach dem Rücktritt des Zaren im Februar ruhig nach Hause zu­rückkehren und die Po­litik wieder der Bourgeoisie überlassen wür­den, ab und zu durch ‚demokratische Wahlen’ abgesi­chert. Das Proletariat aber schluckte den Köder nicht. Dagegen ent­faltete es eine ge­waltige Aktivität, wurde sich zu­nehmend seiner historischen Auf­gaben bewusst und ent­wickelte die not­wendigen Kampfmittel: die Sowjets. So entstand eine Situation der Dop­pelmacht: ‚entweder erobert die Bour­geoisie tatsächlich den alten Staatsap­parat und erneuert ihn für ihre eigenen Ziele, wo­bei die Sowjets verschwinden müssen oder die Sowjets werden zur Grundlage eines neuen Staates, wobei sie nicht nur den alten Ap­parat, son­dern auch die Herr­schaft jener Klas­sen, denen er gedient hat, liquidieren“ (Trotzki, Doppelherr­schaft S. 186).

Die herrschende Klasse setzte die  Men­schewiki und die Sozialrevolutio­näre  ein,  ehemalige Arbei­terparteien, und die mit dem Krieg ins bürgerliche Lager überge­wechselt wa­ren, die aber nun­mehr das Ziel verfoch­ten, die Sowjets zu zerstören und die Au­torität des bür­gerlichen Staates wiederher­zustellen. Zu Beginn der Februarre­volution ge­wannen diese Parteien ein grosses Ver­trauen in den Reihen der Ar­beiter, das sie einsetzten, um die Exekuti­vorgane der Sowjets zu kontrollie­ren und die Aktionen der Bour­geoisie zu verber­gen.

„Dort, wo sich kein Bourgeoisminister zei­gen konnte, um die Regierung zu rechtferti­gen vor den revolutionären Ar­beitern oder in den So­wjets, dort er­schien ein ‚sozialistischer’ Mini­ster, Skobelew, Zere­teli, Terschnow u.a. (richtiger, dorthin wurde er von der Bour­geoisie ge­schickt) und verrichtete gewissenhaft die Sache der Bour­geoisie, gab sich alle Mühe, die Regie­rung zu rechtfertigen, die Ka­pitalisten rein­zuwaschen, narrte das Volk mit der Wie­derholung von Verspre­chungen, Ver­sprechungen und Verspre­chungen, mit Ratschlägen, abzuwarten, abzu­warten und nochmals abzuwarten“ (Lenin, Die Lehren der Revolution, Aus­gew. Werke, Bd. 2, S. 236). Im Februar entwickelte sich eine für die Ar­beiterklasse sehr gefährliche Si­tuation. Sie kämpfte (mit den Bol­schewiki als Vor­hut), um den Krieg zu beenden, das Agrarpro­blem zu lösen und für die Ab­schaffung der kapitalisti­schen Ausbeu­tung. Um dies zu er­reichen, brachte sie die So­wjets hervor und das Ver­trauen seitens der Klasse in die So­wjets war rie­sengross. Aber die aus dem Proletariat her­vorgegangenen Sowjets wur­den von den men­schewistischen und sozialrevolu­tionären Dem­agogen ver­einnahmt, die zu diesem Zweck alle mögli­chen Sabotage­taktiken benutzten: Ununterbrochen versprachen sie Frie­den, während sie die Provisori­sche Regie­rung den Krieg fortführen liessen.

Am 27. März versuchte die Provisori­sche Re­gierung, die Dardanellenoffen­sive zu entfes­seln, deren Ziel die Er­oberung Konstantino­pels war. Am 18. April ratifi­zierte Miljukow, der Au­ssenminister, die be­rühmte Note über den Beitritt Russlands zur Entente (Frankreich und Grossbritan­nien). Im Mai unternahm Ke­renski eine Kampa­gne an der Front, um die Moral der Soldaten zu heben und um sie kampf­willig zu machen; eine Kampagne, die den tiefen Zynismus Kerenskis ver­deutlichte: ‚Ihr werdet mit den Spitzen Eurer Bajo­nette Frieden brin­gen’. Im Juni und Au­gust ver­suchten die Sozi­aldemokraten enger Zu­sammenarbeit mit den zaristi­schen Ge­nerälen die Arbeiter und Solda­ten in eine neue militä­rische Schlacht zu zie­hen.

Auf dieselbe Weise gingen sie mit den Men­schenrechten hausieren. Tatsäch­lich versuch­ten sie die brutale Militär­disziplin in der Ar­mee wieder herzu­stellen und die To­desstrafe wieder ein­zuführen. Auch ver­suchten sie, die Soldatenkomitees zu über­zeugen, die Offiziere nicht zu provo­zieren. Als beispielsweise der Petrograder Sowjet seinen berühmten “Befehl Nr. 1ä ver­öffentlichte, der die körperliche Be­strafung der Soldaten verbot und deren Würde und Rechte verteidigte, verbreitete das Exekutivko­mitee als Gegengift einen Ap­pell an die Soldaten, der unter dem Scheine der Verurteilung der Selbstjustiz gegen Offi­ziere Unterord­nung ge­genüber dem alten Komman­dobestand for­derte“ (Trotzki, Die Re­gierenden und der Krieg, S. 237). 

Endlos redeten sie über die ‚Lösung des Agrarproblems’, während sie die Macht der Grossgrundbesitzer unange­tastet lie­ssen und die Bauern­revolten niederschlu­gen.

Systematisch blockierten sie jede ge­ringste Anweisung im Agrarwesen - zum Beispiel diejenige, die die Land­übertragung been­det hätte. Stattdessen gaben sie das spon­tan von den Bauern besetzte Land an die Grossgrund­besitzer zurück. Strafexpedi­tionen wurden zur blutigen Niederschla­gung der Bauernrevolten gesandt, und die Vorar­beiter konnten wieder die Peit­sche gegen die Landarbeiter benutzen.

Sie blockierten die Einführung des 8-Stun­den-Tages und erlaubten den Besit­zern, die Fabri­ken zu schliessen. Den Bossen wurden erlaubt, die Produk­tion zu sabotieren mit dem Ziel, einerseits die Arbei­ter verhun­gern zu lassen und an­dererseits, sie zu zerstreuen und zu demo­ralisieren: „Die Kapitalisten nutzten die Struktur der mo­dernen kapitalistischen Produk­tion und deren enge Verbindung mit den nationalen und in­ternationalen Banken und anderen Organisa­tionen des vereinigten Kapitals (Syndikate, Trusts, verschiedene Fabrikantengesellschaf­ten usw.) und be­gannen, ein umfassendes, wohl­überlegtes System der ‚Sabotage’ aufzu­ziehen. Als Mittel wandten sie anfangs Ein­stellung der Arbeiter der Fabrikverwaltung, Des­organisation der Betriebe, Verstecken und Entfernen von Material, Brandstiftungen an... Die Kapitalisten legten sich bei der Wahl ihrer Methoden keinen Zwang auf“ (A.M. Pankra­tova, Fabrikräte in Russ­land, Moskau 1923/Frankfurt 1976, S. 179).

Sie entfesselten eine wilde Repression ge­gen den Kampf der Arbeiter.

„In Charkow akzeptierte eine Versamm­lung von 30.000 organisier­ten Bergar­beitern den Grundsatz der IWW (Industriearbeiter der Welt): 'Die arbei­tenden und die besitzenden Klassen haben nichts miteinander ge­mein'. Kosaken jagten die Bergarbei­ter auseinan­der; ei­nige wurden von den Bergwerksbesit­zern ausgesperrt, der Rest rief den General­streik aus. Der Minister für Handel und In­dustrie, Konowalow, gab seinem Ver­treter Orlow un­beschränkte Vollmacht, der Schwierigkeiten mit allen ihm gutdün­kenden Mitteln Herr zu werden. Die Berg­arbeiter hassten Orlow. Aber das Zentralexekutivko­mitee der Sowjets bestä­tigte nicht nur seine Ernennung, sondern lehnte auch die Forde­rung ab, die Kosa­ken aus dem Donezbecken zu­rückzurufen“ (J. Reed, S. 83).

Sie täuschten die Massen mit leeren Wor­ten über die revolutionäre Demo­kratie, wäh­rend sie die Mass­nahmen der Sowjets sabo­tierten.

Sie versuchten, die Sowjets aus dem In­nern heraus zu liquidieren, indem sie seine Resolu­tionen nicht verwirklich­ten oder Vollver­sammlungen aufscho­ben und alles den Ma­chenschaften der kleinen Komitees überliessen. Sie ver­suchten, die ausgebeute­ten Massen zu spalten: Bereits seit April hatten Men­schewiki und -Sozial­revolutionäre an die Provinz gegen Pe­trograd zu appel­lieren begonnen, an die Sol­daten ge­gen die Arbeiter, an die Ka­vallerie ge­gen die Maschinengewehrschüt­zen. Sie ga­ben den Kompanien privile­giertere Vertretun­gen in den Sowjets als den Fabriken; begün­stigten die kleinen, verein­zelten Betriebe ge­genüber den Me­tallgiganten. Verkörperungen des gestri­gen Tages suchten sie Schutz bei Rück­ständigkeiten jeglicher Art. Den Boden un­ter den Füssen verlierend, hetzten sie die Ar­rieregarde gegen die Avantgarde“ (Trotzki, „Julitage - Kulminationspunkt und Zertrüm­merung“, S. 451).  

Sie versuchten die Sowjets dazu zu brin­gen, die Macht an demokratische Or­gane zu übergeben: die Zemstvos - vom Zar einge­richtete lokale Organe; an die Moskauer demo­kratische Augustkonfe­renz, ein wahres Schlan­gennest, das repräsentative Kräfte wie den Adel, das Militär, die schwar­zen Hundert­schaften, die Kadetten usw. zu­sammenfasste.

Im September versuchten sie, die So­wjets kaltzustellen durch die Einberu­fung der Vor­demokratischen Konfe­renz, in der die Bour­geoisie und der Adel auf den aus­drücklichen Wunsch der Sozialverräter 683 Abgeordnete hatten im Vergleich zu 230 Sowjetabgeordne­ten. Kerenski ver­sprach dem amerikanischen Botschaf­ter: Wir wer­den die Sowjets eines natürlichen Todes sterben lassen. Der politi­sche Schwerpunkt wird sich zu­nehmend von den Sowjets zu den neuen demokratischen Or­ganen mit autono­mer Repräsentation ver­schieben.

Die Sowjets, die das Proletariat aufrie­fen, die Macht zu übernehmen, wur­den demokratisch mit Waffengewalt niederge­schlagen: Dazu kam die Spren­gung des So­wjets in Ka­luga. Die Bol­schewiki hatten dort die Mehrheit erlangt und einige politi­sche Gefan­gene frei­gesetzt. Die Stadtduma rief mit Zustim­mung des Regierungskom­missars Trup­pen aus Minsk herbei, die das Gebäude des Sowjets mit Artil­lerie beschos­sen. Die Bol­schewiki kapitulier­ten. Wäh­rend sie das Ge­bäude verliessen, wurden sie plötz­lich von Kosaken mit dem Ruf überfal­len: 'So werden wir es mit allen bol­schewistischen Sowjets ma­chen, die von Pe­trograd und Moskau nicht ausgenom­men“(J. Reed, S. 84). Die Arbeiter sahen, wie ihre Klassenor­gane untergraben wurden und eine Politik verfolg­t wurde, die gegen ihre Interessen gerichtet war. Wie oben aufgezeigt, riefen die politi­schen Krisen im April, Juni und haupt­sächlich im Juli entschiedene Taten hervor: Die Erneue­rung der Sowjets, um sie auf die Machtergrei­fung hin zu orien­tieren. Die Sowjets waren - wie Lenin sagte - Or­gane, die sich „auf die unmittelbare In­itiative der Volksmassen von unten“ (Lenin, Über die Doppelherrschaft) stütz­ten. Dies befähigte die Massen zu ei­ner schnellen Änderung in dem Augen­blick, wo sie er­kannten, dass sie nicht ihre Inter­essen vertraten. Von Mitte Au­gust an beschleu­nigte sich das Leben der So­wjets zu einem schwin­delerregenden Tempo. Tag und Nacht wurden ununterbrochen Ver­sammlungen abgehalten. Arbeiter und Solda­ten führten bewusste Diskussio­nen, verab­schiedeten Resolutionen, stimmten mehrmals täglich ab. In die­sem Klima ei­ner intensiven eigenstän­digen Aktivität der Massen in ver­schiedenen Sowjets (Helsingfors, im Ural, Kronstadt, Reval, im Baltikum usw.), wählten diese von den Bol­schewiki, den internationali­stischen Men­schewiki, linken Sozialrevolutio­nären, An­archisten gebildete revolutio­näre Mehr­heiten.

Am 31. August nahm der Petrograder So­wjet einen bolschewistischen Antrag an. Die Führer des Sowjets - die Men­schewiki und Sozialre­volutionäre - lehnten den An­trag ab. Am 9. Septem­ber wählten die So­wjets eine bolsche­wistische Mehr­heit. Moskau folgte unmittelbar und so setzte sich das im gan­zen Land fort. Die Massen wählten diejeni­gen Sowjets, die sie brauchten, um die Macht zu überneh­men und aus­zuführen.

DIE ROLLE DER BOLSCHEWISTI­SCHEN PARTEI

Im Kampf der Massen um die Kon­trolle ih­rer Organe gegen die Sabotage der Bour­geoisie spielten die Bolsche­wiki eine ent­scheidende Rolle. Das Zentrum der Aktivi­tät der Bol­schewiki war die Ent­wicklung der Sowjets:

„Die Konferenz wiederholt, dass es not­wendig ist, eine vielfältige Aktivität in den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendepu­tierten zu entwic­keln, die Anzahl der So­wjets zu erhöhen, ihre Macht zu festigen und die proletari­schen in­ternationalistischen Gruppen unserer Par­tei in den Sowjets zusammenzuschwei­ssen“ ( 7. Ge­samtrussische Konferenz der SDAPR , April 1917). 

Diese Aktivität war zentral für die Ent­wicklung des proletarischen Klassenbe­wusstseins, eine geduldige Arbeit in der Klä­rung des proletarischen Klassenbe­wusstseins und des Zusam­menhaltes zwi­schen den Arbei­tern der Städte und auf dem Lande“. (ebenda).

Dies hiess, Vertrauen zu haben einer­seits in die kritische und analytische Fähigkeit der Mas­sen: „Während aber die Agitation der Men­schewiki und der Sozialrevolutio­näre zerfah­renen, wi­dersprechenden, am häufig­sten aus­weichenden Charakter trug, zeich­nete sich die Agitation der Bolsche­wiki durch Überlegung und Konzentriert­heit aus. Die Versöhnler suchten durch Ge­schwätz sich der Schwierig­keiten zu entledigen, die Bolschewiki gingen die­sen entgegen. Dau­ernde Analyse der Situa­tion, Nachprüfung der Parolen an den Tatsa­chen, ernsthaftes Verhalten dem Gegner, so­gar dem wenig ernsten, gegen­über, ver­liehen der bolschewisti­schen Agitation be­sondere Stärke und Überzeu­gungskraft“ (Trotzki, Die Bol­schewiki und die Sowjets, S. 656).

Andererseits in die Fähigkeit zur Ein­heit und Selbstorganisation: „Glaubt nicht an Worte. Lasst euch nicht von Versprechun­gen ködern. Überschätzt eure Kräfte nicht. Or­ganisiert euch in jedem Be­trieb, in je­dem Regiment, in jeder Kompanie, in je­dem Häuser­block. Ar­beitet täglich und stündlich an der Organisa­tion, arbeitet daran selber, diese Arbeit darf man nie­mandem an­deren anvertrauen“ (Lenin, Einleitung zu den Re­solutionen der 7. Gesamt­russischen Konfe­renz der SDAPR, Bd. 2, S. 156).

Die Bolschewiki versuchten nicht, die Mas­sen, wie ein General seine Trup­pen anfüh­rend, einem vorgefassten Aktions­plan zu un­terwerfen. Sie ver­standen, dass die Revolu­tion die Arbeit der Massen in di­rekten Ak­tionen war, und dass sie durch diese direk­ten Aktio­nen ihre historische Aufgabe er­füllten:

„Die Hauptstärke Lenins war, dass er die in­nere Logik der Bewegung begriff und da­nach seine Politik richtete. Er zwang den Massen nicht seinen Plan auf. Er half den Massen, ih­ren eigenen Plan zu erken­nen und zu verwirk­lichen“ (Trotzki, Die Umbe­waffnung der Par­tei, S. 277).

Die Partei entwickelt keine Rolle als Vor­hut der Klasse, indem sie sagt: „Hier ist die Wahrheit, auf die Knie jetzt“. Im Ge­genteil wurde die Partei von all den Un­gewissheiten und Hin­dernissen erfasst, die der Klasse im Wege standen; und wie der Rest der Klasse - wenn auch auf andere Weise - war sie dem zerstörerischen Ein­fluss der bürgerli­chen Ideologie ausge­setzt. Sie war aber fä­hig, ihre Rolle als ein Mo­tor in der Ent­wicklung des Klas­senbewusstseins zu spie­len, weil sie durch eine Reihe politischer Debatten die Fehler und Unvollkommen­heiten ihrer alten Po­sitionen überwinden konnte und einen Kampf auf Le­ben und Tod mit den ge­fährlichen  opportuni­stischen Verirrungen führte, um diese auszu­löschen.

Vom Beginn des Monats März an hatte ein beträchtlicher Teil der Bolschewiki die Forde­rung nach der Wiederverei­nigung mit den so­zialistischen Parteien (Menschewiki und Sozi­alrevolutionären) gestellt. Sie brachten ein an­scheinend un­fehlbares Ar­gument auf, das in den ersten Augenblicken der generellen Be­geisterung und wegen des Mangels an Erfah­rung der Massen auf diese eine Wirkung hatte: Warum sollten sich die sozialistischen Parteien zu einer Zeit, wo sie Seite an Seite marschie­ren, nicht vereini­gen? Warum die Arbeiter mit 2 oder 3 ver­schiedenen Parteien verwirren, die alle be­haupten, das Proletariat und den So­zialismus zu repräsentieren?

Tatsächlich bedeutete dieses Argument eine ernsthafte Bedrohung für die Revo­lution: Die Partei, die von 1902 an gegen den Opportu­nismus und Re­formismus an­kämpfte, die von 1914 an am konsistente­sten und entschieden­sten die internationale Revolution gegen den 1. Weltkrieg ver­teidigte, lief Ge­fahr, sich im trüben Was­ser der Sozi­alverräter aufzulösen. Wie konnte das Proletariat mit seinen eigenen Kräften die Verwirrungen und Illusionen, an denen es litt, überwinden? Wie konnte es die Ma­növer und Fallen des Feindes bekämpfen? Wie konnte es den Kampf in der richtigen Richtung weiterführen ange­sichts der Schwan­kungen oder der Nie­derlage? Lenin und die Partei be­kämpften siegreich die falsche Ein­heit, die nur eine Einheit mit der Bour­geoisie bedeutet hätte.

Anfangs war die bolschewistische Partei eine kleine Minderheit. Viele Arbeiter hat­ten Illu­sionen über die Provisorische Regie­rung und betrach­teten diese als eine Er­scheinung, die aus den Sowjets hervor­gegangen war, ob­wohl sie in Wirklichkeit ihr schlimmster Feind war. Im März und April nahmen die führen­den bolschewisti­schen Organe in Russ­land eine versöhnle­rische Haltung gegen­über der Provi­sorischen Regierung ein, womit sie die Ar­beiter in eine offene Unterstützung für den imperialisti­schen Krieg führten. Eine von der Ba­sis der Partei ausgehende Be­wegung (das Vyborgkomitee) erhob sich gegen diese op­portunistische Abwei­chung. Diese Bewe­gung fand ihren klar­sten Ausdruck in Lenin und seinen Aprilthesen. Für Lenin war die Schlüs­selposition: „Keinerlei Unter­stützung der Pro­visorischen Regie­rung, Aufdec­kung der gan­zen Verlogen­heit aller ih­rer Ver­sprechungen, insbesondere hin­sichtlich des Verzichts auf Annexionen. Entlarvung der Provisorischen Regie­rung statt der unzulässigen, Illusionen erwecken­den 'Forderung', diese Re­gierung, die Regie­rung der Kapitali­sten, solle aufhören, imperiali­stisch zu sein“ (Lenin, Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärti­gen Re­volution, Bd 2, S. 40).

Gleichzeitig verwarf Lenin die Akti­vitäten der Menschewiki und der Sozialrevolutio­näre ge­gen die Sowjets: „Der 'Fehler' der genannten Führer liegt in ihrer klein­bürgerlichen Hal­tung, liegt darin, dass sie das Bewusst­sein der Arbeiter trüben, an­statt es zu klären, dass sie kleinbürgerliche Illu­sionen einflössen, statt sie zu zerstören, dass sie den Einfluss der Bour­geoisie auf die Mas­sen stärken, anstatt die Massen von diesem Einfluss zu be­freien“ (Lenin, Über die Doppel­herrschaft, Bd. 2, S. 46).

Gegenüber denjenigen, die diese Entblössung als wenig praktisch be­trachteten, er­widerte Lenin: „In Wirk­lichkeit ist es im höchsten Grade prak­tische revolutionäre Arbeit, denn man kann eine Revolution nicht vorwärtstrei­ben, die zum Stillstand ge­kommen, die in Redens­arten versandet ist, die 'auf der Stelle tritt' nicht etwa äu­sserer Hindernisse we­gen..sondern weil die Mas­sen in blinder Ver­trauensseligkeit be­fangen sind....

Nur durch den Kampf gegen diese blinde Vertrauensseligkeit (der aus­schliesslich mit geistigen Waffen, durch kameradschaftli­che Überzeugung, durch Hinweis auf die Erfah­rungen des Lebens geführt werden kann und darf) können wir uns von der grassierenden revolutionären Phrase be­freien und wirklich sowohl das Bewusst­sein des Proletariats als auch das Be­wusstsein der Massen sowie ihre kühne, ent­schlossene Initiative überall im Lande, die selbständige Verwirklichung, Ent­faltung und Festigung der Freiheiten, der De­mokratie, des Prinzips des Gemeinbe­sitzes des Volkes am ge­samten Boden vor­antreiben“ (Lenin, Die Aufgaben des Pro­letariats in unse­rer Revolution, Bd. 2, S. 57).

Die Verteidigung der geschichtlichen Erfah­rung der Arbeiterklasse, ihrer Klassenposi­tionen, bedeutet, dass man in vielen Situa­tionen in den Reihen der Ar­beiter in der Minderheit ist. Das kommt daher, weil „die Masse schwankt: zwi­schen dem Vertrauen zu ihren alten Her­ren, den Kapitali­sten, und der Er­bitterung über sie; zwischen dem Vertrauen zu der neuen Klasse, die allen Werktätigen den Weg in eine lichte Zukunft er­öffnet, zu der ein­zigen konsequent revolutio­nären Klasse, dem Proletariat, und der man­gelhaften Er­kenntnis seiner welthistori­schen Rolle“ (Lenin, Die Lehren der Krise, Bd. 2, S. 87).

Um diese Schwankungen zu überwin­den, „kommt es nicht auf die Zahl an, sondern auf den richtigen Ausdruck der Ideen und der Po­litik des wirklich revolutionären Proletariats“ (Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unse­rer Revolution, Bd. 2, S. 75)

Wie alle anderen proletarischen Par­teien wa­ren auch die Bolschewiki ein unzer­trennlicher Teil der Klassenbe­wegung. Bol­schewistische Militante waren am ak­tivsten in den Kämpfen, in den Sowjets, den Fabri­ken und Versamm­lungen. Die Julitage zeigten klar die nicht zu lösende Bindung und das Engagement der Bol­schewiki ge­genüber der Klasse.

Wie wir weiter oben gesehen haben, wurde die Situation gegen Ende Juni untragbar we­gen des Hungers, des Krieges und des Chaos. Die Situation wurde noch ver­schlimmert durch die ver­deckte Politik der Bourgeoisie und durch die Tatsache, dass das Zentralexekutiv­komitee, das noch im­mer in der Hand der So­zialverräter war, nichts anderes unter­nahm als die Sowjets zu sabotieren. Die Arbeiter und Soldaten, hauptsächlich die­jenigen in der Hauptstadt, begannen den Sozi­alverrätern zu miss­trauen. Ungeduld, Verzweiflung und Wut wurden in den Ar­beiterreihen stärker und stärker; es trieb sie zur unmittelbaren Mach­tergreifung. Jedoch waren die Bedin­gungen dazu zu dem Zeitpunkt noch nicht reif:

- die Arbeiter und Bauern in den Provin­zen waren noch nicht auf dem­selben poli­tischen Niveau wie ihre Brüder in der Hauptstadt;

- die Bauern hatten noch immer Ver­trauen in die Provisorische Regierung;

- unter den Arbeitern der Hauptstadt war die vorherrschende Meinung, nicht wirk­lich die Macht zu überneh­men, sondern eine Kraftan­strengung zu unternehmen, um die „sozialistischen Führer zu zwin­gen, die Macht zu übernehmen. Anders ausge­drückt: die 5. Kolonne der Bour­geoisie bit­ten, die Macht im Namen der Arbeiter zu überneh­men.

Unter diesen Bedingungen wäre der Be­ginn der entscheidenden Konfronta­tion mit der Bourgeoisie und ihren Hilfsshe­riffs ein Aben­teuer gewesen, das das Schicksal der Revolu­tion hätte ernsthaft gefährden kön­nen. Es wäre eine Aktion gewesen, die zu einer end­gültigen Nie­derlage geführt hätte.

Die Bolschewiki warnten vor solch ei­ner Ak­tion; aber als sie sahen, dass die Mas­sen ihre Warnungen nicht berücksichtig­ten und fortfuh­ren, stan­den sie nicht ab­seits und sagten: „Das ist euer Begräb­nis. Die Partei betei­ligte sich an den Ak­tionen und ver­suchte, die Katastro­phe ab­zuwenden und gleichzeitig den Arbei­tern die Mög­lichkeit zu geben, ein Maximum an Lehren daraus zu ziehen, um sie für den wirkli­chen Au­genblick des Auf­stands vorzube­reiten. Sie kämpfte mit all ihrer Kraft, um sicherzu­stellen, dass der Petro­grader So­wjet durch ernst­hafte Diskussio­nen und durch die Ein­setzung von ad­äquaten Füh­rern sich selbst so erneuerte, dass er in Überein­stimmung mit der politi­schen Orientie­rung der Massen kam.

Die Bewegung war jedoch erfolglos und er­litt eine Niederlage. Die Bour­geoisie und ihre menschewistischen und sozialre­volutionären Hampelmän­ner begannen eine brutale Repres­sion gegen die Arbeiter und hauptsächlich ge­gen die Bolschewiki. Das Proletariat hatte einen hohen Preis zu zah­len: Verhaftungen, Erschiessungen und Exil. Das Opfer jedoch half der Klasse, die Aus­wirkungen der Nie­derlage zu be­grenzen und die Frage des Auf­standes in bewussterer und or­ganisierter Weise, unter besseren Be­dingungen neu zu stellen.

Die Bindung der Partei zur Klasse er­laubte ihr, als die schlimmsten Augen­blick der Reak­tion der Bourgeoisie im August vor­über wa­ren, die Synthese von Partei und Klasse zu verwirkli­chen, die für den Tri­umph der Revo­lution Voraus­setzung war: äIn jenen Tagen der Fe­bruarumwälzung hatte sich die gesamte vorangegangene langjährige Arbeit der Bol­schewiki ge­zeigt, und die von der Partei erzo­genen fortge­schrittenen Arbei­ter hatten ihren Platz im Kampfe gefun­den; doch eine unmit­telbare Leitung sei­tens der Partei gab es noch nicht. In den Aprilereig­nissen enthüllten die Partei­parolen ihre dynamische Kraft, die Be­wegung jedoch entwickelte sich spontan. Im Juni offenbarte sich der rie­sige Einfluss der Partei, doch die Massen traten noch im Rah­men einer offiziell vom Gegner be­stimmten Demonstration auf. Und erst im Juli erscheint die bolsche­wistische Partei, nachdem sie den Druck der Massen erfah­ren hat, gegen alle übri­gen Parteien auf der Strasse und bestimmt nicht nur ihre Parolen, sondern auch durch ihre organi­satorische Leitung den grundlegen­den Charakter der Bewegung. Die Bedeu­tung einer geschlos­senen Avant­garde zeigt sich zum erstenmal in ihrer gan­zen Stärke während der Juli­tage, wo die Partei- um einen hohen Preis - das Proletariat vor Zerschmette­rung be­wahrt und die Zukunft der Revolution und ihre ei­gene Zukunft si­chert“ (Trotzki, Konnten  die Bolschewiki im Juli die Macht ergrei­fen?, S. 475).

DIE SOWJETS FÜHRTEN DEN AUF­STAND DURCH

Der Zustand der Doppelherrschaft, der die ganze Zeit von Februar bis zum Ok­tober be­stimmte, war eine instabile und gefährli­che Zeit. Da sie aufgrund der Un­fähigkeit der bei­den Klassen, sich jeweils durch­zusetzen, sich fortzu­setzen drohte, scha­dete sie hauptsäch­lich dem Proleta­riat: Während die Un­fähigkeit und das Chaos dieser Peri­ode den wachsenden Po­pularitätsverlust der herrschenden Klasse ver­deutlichte, er­schöpfte und vernebelte sie gleichzeitig die Arbeitermassen. Sie wurden in fruchtlose Kämpfe reingezo­gen, und all das führte zu einer Entfrem­dung, zu einem Verlust der Sympathien der Mit­telklassen gegenüber dem Proleta­riat. Diese Situation erforderte eine Klä­rung, eine Loslösung, sie machte den Aufstand zu einer zwingenden Lösung: „Entweder muss die Revolution sehr rasch  und ent­schlossen vorwärts­stürmen, mit ei­serner Hand alle Hin­dernisse niederwerfen und ihre Ziele immer weiter stecken, oder sie wird sehr bald hinter ihren schwächli­chen Ausgangspunkt zurückgeworfen und von der Konterrevolution erdrückt“ (Rosa Luxemburg, Zur russischen Re­volution, Bd. 4, S. 339).

Der Aufstand ist eine Kunst. Er muss in ei­nem bestimmten Augenblick in der Ent­faltung und Reifung der revo­lutionären Si­tuation ausge­führt wer­den; er darf we­der zu früh erfolgen, was zu einem Fehl­schlag füh­ren würde, noch zu spät, was heissen würde, eine Gelegenheit verpasst zu haben, was wiederum bedeuten würde, dass die re­volutionäre Bewegung zu ei­nem Opfer der Konterrevolution wer­den würde.

Anfang September versuchte die Bour­geoisie mit Hilfe von Kornilow einen Putsch - das Si­gnal für die letzte Offen­sive der Bourgeoisie, um die Sowjets zu besei­tigen und ihre Macht wieder voll­ständig herzu­stellen. Das Proleta­riat durchkreuzte in inten­siver und brei­ter Zusammenarbeit mit den Soldaten den Plan der Bourgeoisie und beschleunigte gleichzeitig die Zerset­zung der Armee: in zahlreichen Regi­mentern sprachen sich die Soldaten für die Abset­zung der Offiziere aus und für die Orga­nisierung von Solda­tenräten - kurzum, sie stellten sich auf die Seite der Revolu­tion.

Wie wir weiter oben gesehen haben, än­derte die Erneuerung der Sowjets ab Mitte August klar das Gleichgewicht der Kräfte zugunsten des Proletariats. Die Niederlage des Korni­lowputsches beschleunigte die­sen Prozess.

Ab Mitte September strömte eine Flut von Re­solutionen, die die Machtüber­nahme verlang­ten, in die lokalen und regionalen Sowjets (Kronstadt usw.). Der Sowjet­kongress der Nordregionen vom 11. bis 13. Oktober sprach sich offen für den Auf­stand aus. Der Mins­ker Regionalkon­gress der So­wjets ent­schied, den Aufstand zu unterstüt­zen und schickte Solda­ten, die der Revolu­tion loyal waren: „Am 12. gab die Ver­sammlung einer der re­volutionärsten Fabri­ken der Haupt­stadt (Stari-Parvyei­nen) auf die Hetze der bür­gerlichen Presse die Ant­wort: 'Wir erklä­ren kategorisch, dass wir auf die Strasse gehen werden, so­bald wir es für nötig er­achten sollten. Uns schreckt nicht der nahe bevorstehende Kampf, und wir glau­ben fest, dass wir aus ihm als Sieger her­vorgehen wer­den“ (Trotzki, Das militäri­sche Revolutions­komitee, S.769).

Am 17. Oktober beschloss der Petro­grader Soldatenrat: „Die Pe­trograder Gar­nison kennt nicht länger die Provisorische Regie­rung an. Un­sere Regie­rung ist der Petro­grader Sowjet. Wir werden nur die Befehle des Petrograder Sowjets, die er mittels des Militärisch-revolutionären Ko­mitees aus­gibt, ausführen“ (J. Reed).

Der Vyborger Distriktsowjet rief zu einer Demonstration zur Unterstützung der Resolu­tion auf, an der sich Matro­sen be­teiligten. Eine Moskauer liberale Zeitung - die von Trotzki zitiert wird - beschrieb die Atmo­sphäre in der Stadt folgenderma­ssen: „In den Arbeitervier­teln, in den Fa­briken Petrograds, Vevskis, Obujows und Puti­lows, hat die bolschewistische Agita­tion für den Aufstand ihren Höhepunkt er­reicht. Die Haltung der Arbeiter ist die, dass sie bereit sind, zu jedem Zeitpunkt los­zuschlagen“ .

Die Zunahme von Bauernrevolten im Septem­ber zeigte eine anderes Element der Heranrei­fung der notwendigen Bedin­gungen für den Aufstand: „Ein vollendeter Verrat an der Bauern­schaft. Die Nieder­werfung des Bauernauf­standes zu­lassen, obwohl wir beide haupt­städtischen So­wjets in Händen haben, heisst jedes Vertrauen der Bauern verlieren und verdienter­massen verlieren, heisst sich in den Au­gen der Bauern mit den Liber­dan und den anderen Schuften auf eine Stufe stellen“ (Lenin, Die Krise ist heran­gereift, Bd. 2, S. 439).

Aber die internationale Lage war der Schlüs­selfaktor für die Revolution. Lenin unterstrich dies in einem Brief an die Bol­schewistischen Genossen, die am Kongress der Sowjets des Nord­gebietes (vom 8.10.1917) teilnahmen:

„Unsere Revolution macht eine im höchsten Grade kritische Zeit durch. Diese Krise fällt zusammen mit der grossen Krise des Heran­reifens der soziali­stischen Welt­revolution und ih­rer Be­kämpfung durch den Weltimperialis­mus. Den verantwortli­chen Führern unserer Partei fällt eine giganti­sche Aufgabe zu, und wenn sie diese nicht erfüllen, so droht der völ­lige Zusammen­bruch der internationalisti­schen proletari­schen Be­wegung. In diesem Au­genblick be­deutet eine Verzögerung wahr­haftig den Tod“ (Brief an die Genossen Bol­schewiki, die am Kongress der Sowjets des Nordge­biets teilnehmen, Bd. 2, S. 496). In einem anderen Brief hob Lenin her­vor: „Die Bol­schewiki haben nicht das Recht, auf den Sowjetkongress  zu warten, sie müssen die Macht sofort ergreifen. Da­durch retten sie sowohl die Weltrevolution (denn andernfalls droht ein Pakt der Im­perialisten aller Län­der, die nach den Erschiessungen in Deutschland einander ent­gegenkommen werden, um sich gegen uns zu vereinigen) wie auch die russi­sche Re­volution (sonst kann die Welle echter An­archie stärker werden als wir) und das Le­ben von Hunderttau­senden im Felde“ (Brief an das ZK, das Moskauer Komitee, das Petro­grader Komitee.., Bd. 2, S. 491). Dieses Verständnis der internationalen Ver­antwortung des russischen Proleta­riats war nicht auf Lenin und die Bol­schewiki be­schränkt. Im Gegenteil: viele Teile der Arbei­terklasse begriffen sie.

- am 1. Mai 1917 „beteiligten sich in ganz Russland Kriegsgefangene an der Seite der Soldaten an den Märschen mit den glei­chen Fahnen, manchmal sangen sie die gleichen Lieder in ande­rer Stimmlage... der kadetti­sche Mini­ster Schingarew (verteidigte) den Be­fehl Gutschkows gegen die 'übermässige Nach­sicht' mit den Ge­fangenen... Der Mini­ster fand nicht die ge­ringste Zustimmung. Die Ver­sammlung sprach sich entschieden für die Erleichte­rung des Schicksals der Gefangenen aus“ (Trotzki, Die Regie­renden und der Krieg, S. 242).

„Ein Soldat sprach, von der rumäni­schen Front, abgemagert, voll beben­der Leiden­schaft: 'Genossen, wir hun­gern an der Front, wir frieren, wir sterben und wissen nicht wo­für. Ich bitte die amerikanischen Genossen, es in Amerika zu sagen, dass wir Russen unsere Revolution bis zum Tode vertei­digen werden. Wir werden al­les daran­setzen, unsere Feste zu halten, bis die Massen der ganzen Welt sich erhe­ben wer­den, um uns zu Hilfe zu eilen. Sagt den amerikanischen Arbeitern, dass sie aufste­hen mögen zum Kampfe für die soziale Revolu­tion“ (J. Reed, S. 68).

Die Kerenski Regierung beabsichtigte, die re­volutionärsten Regimenter von Petro­grad, Moskau, Vladimir, Reval usw. an die Front oder in entfernte Regionen zu schicken, um den Kampf unter ihre Kon­trolle zu bringen. Gleichzeitig begann die liberale und men­schewistische Presse eine Verleumdungskam­pagne gegen die Sol­daten. Sie wurden ange­klagt, selbstgefäl­lig zu sein und “ihr Leben nicht für das Vater­land geben zu wol­len“. Die Arbeiter der Hauptstadt ant­worteten unmittel­bar: zahlrei­che Fa­brikversammlungen unter­stützten die Soldaten, riefen „Alle Macht den So­wjets“ und verabschiedeten Reso­lutionen für die Bewaffnung der Ar­beiter.

In dieser Atmosphäre entschied der Petro­grader Sowjet am 9. Oktober, ein militäri­sches Revolutionskomitee zu bilden mit dem an­fänglichen Ziel, die Regierung zu kontrollie­ren. Bald wurde es jedoch in das Zentrum der Organisierung des Aufstan­des umge­wandelt. Es umfasste Abgesandte des Petrograder So­wjets, des Matrosen­sowjets, des finnischen Sowjets, der Ei­senbahnergewerkschaft, des Kon­gresses der Fabrikräte und der Roten Garde. „Die Roten Garden entstanden zum er­sten Mal in der Revolution von 1905 und er­schienen er­neut in den Märztagen 1917 auf dem Schau­platz, als eine Kraft ge­braucht wurde, um Ruhe und Ordnung in den Städten zu wah­ren. Sie waren bewaff­net, und je­der Ver­such der Provisorischen Regie­rung, sie zu entwaffnen, blieb mehr oder weniger er­folglos. In jeder grossen Krise der Revolution erschie­nen die Roten Garden auf der Strasse, unge­schult und undiszipliniert, aber von revolutio­närem Elan erfüllt“ (J. Reed, S. 27).

Bei der Gründung berief das militäri­sche Re­volutionskomitee (MRK) eine Konfe­renz der Regimentskomitees ein, wo am 18. Oktober offen die Frage des Auf­stands diskutiert wurde. Die Mehrheit der Komi­tees, ausge­nommen zwei, die dage­gen wa­ren und zwei, die sich für neutral erklärten (es gab 5 weiter Regimenter, die nicht mit der Konferenz über­einstimmten), sprach sich zugunsten des Auf­stands aus. Gleich­zeitig verabschie­dete die Konfe­renz eine Resolution zugun­sten der Be­waffnung der Arbeiter. Die Resolution wurde bereits ausgeführt: In Massen strömten Ar­beiter zu den Arsena­len und verlangten nach al­len Waffen. Als die Regierung die Aushän­digung der Waf­fen verbot, beschlossen die Arbei­ter und Angestellten der Peter-Paul-Fe­stung (einer reaktionären Bastion), sich selbst dem MRK zu Verfügung zu stellen und orga­nisierten gemeinsam mit anderen Arsena­len die Verteilung der Waffen an die Sol­daten.

Am 21. Oktober nahm die Konferenz der Re­gimentskomitees folgende Re­solution an:ä1. Die Garnison von Pe­trograd und Umgebung verspricht dem Militärischen Revolutionskomitee volle Unterstützung bei all seinen Schritten. 2. Die Garnison wen­det sich an die Kosaken: Wir laden euch zu unseren morgigen Versammlungen ein. Seid willkommen, Brüder-Kosaken!. 3. Der Allrussische Sowjetkongress muss die Macht in seine Hände nehmen. Die Garnison ver­spricht feierlich, alle ihre Kräfte dem Kon­gress zur Verfügung zu stellen. Verlasst euch auf uns bevoll­mächtigte Vertreter der Soldaten, Ar­beiter und Bauern. Wir alle sind auf unseren Posten, bereit zu siegen oder zu sterben“ (Trotzki, Bd 3, S. 785, Das militärische Revolutionskomitee).

Hier haben wir die charakteristischen Merkmale eines Arbeiterauf­stands: die kreative Initiative der Mas­sen, gerade­aus vor­wärts, direkt und eine bewun­derswerte Orga­nisationsfähigkeit, Dis­kussionen und Debatten, die Resolu­tionen hervorbrin­gen, die den Stand des Bewusstseins, das die Massen er­reichten, zusamm­enfassten; Ver­lass auf Überzeugun­gen, wie in dem Aufruf an die Kosaken, die Regierung zu verlas­sen oder das leidenschaft­lich ge­führte und dramati­sche Treffen der Sol­daten der Pe­ter-Paul-Festung, das am 23. Ok­tober statt­fand und wo entschieden wurde, den Be­fehlen von niemand an­ders zu folgen als denen des MRK. Diese Wesens­merkmale sind haupt­sächlich Aus­drücke einer Bewe­gung zur Emanzipa­tion der Menschheit; der direkten, leidenschaftlichen, kreativen In­itiative und Führung der aus­gebeuteten Massen.

Der Sowjettag am 22. Oktober, der vom Petrograder Sowjet ausgerufen wurde, be­schloss endgültig den Auf­stand: In allen Di­strikten und Fabriken fanden jeden Tag Ver­sammlungen  und Treffen statt, die überwälti­gend mit den Slogans „Nieder mit Kerenski“ und „Alle Macht den Sowjets“ übereinstimm­ten. Das war ein giganti­scher Akt, in dem sich Arbei­ter, Be­schäftigte, Soldaten, viele Kosa­ken, Frauen und Kin­der offen für den Auf­stand vereinigten.

Es ist nicht möglich, im Rahmen die­ses Arti­kels all die Einzelheiten wieder­zugeben (dazu empfehlen wir die Bü­cher von Trotzki und J. Reed). Was wir zeigen wollten, ist das mas­sive, of­fene und kol­lektive Wesen des Auf­stands.

„Der Aufstand wurde deshalb für einen be­stimmten Tag festgelegt, den 25. Oktober. Aber darauf hatte man sich nicht in ir­gendeiner geheimen Sitzung geeinigt, son­dern offen und öffentlich, und die Revolu­tion wurde genau am 25. Oktober sieg­reich durchgeführt (6. November), wie vorher beschlossen. In der Weltgeschichte hat es viele Revol­ten und Revolutionen ge­geben, aber hatte es jemals einen anderen Aufstand von einer unterdrückten Klasse gege­ben, der so offen und öffentlich für ein bestimmtes Datum festgelegt worden war und genau an dem vorgesehenen Datum dann auch siegreich durchge­führt wurde? Aus diesem und anderen Gründen ist die Oktoberrevolution  (‚Novemberrevolution’) einzigartig und ohne Vergleich in der Geschichte“ (Trotzki, Die Novemberrevolution 1919). Die Bolschewisten hatten seit Septem­ber klar die Frage des Aufstands in den Ar­beiter- und Soldatenversammlungen ge­stellt; sie nahmen die kämpferisch­sten und entschiedensten Posi­tionen im MRK und in den Roten Garden ein; sie rüttelten da, wo Zweifel waren oder wo Positionen für die Provisorische Regierung eingenom­men wurden. Dies wurde durch die Über­zeugung der Sol­daten erreicht: Trotzkis Ansprache war zentral, um die Soldaten der Peter-Paul-Festung zu gewinnen. Auch ent­blössten sie unermüdlich die Ma­növer, Vor­würfe und Fallen der Men­schewiki. Schliess­lich kämpften sie für die Einberu­fung des 2. Sowjetkongres­ses ge­gen die Sabotage der So­zialverräter.

Trotzdem waren es nicht die Bolsche­wiki al­lein, sondern das ganze Proleta­riat Pe­trograds, das den Aufstand ent­schied und ihn ausführte. Die Men­schewiki und Sozi­alrevolutionäre hat­ten ständig das Zu­sammenkommen des 2. Kongresses der Sowjets hinauszuzögern ver­sucht. Durch den Druck der Massen, das Be­harren der Bolschewki, das Verschicken von Tausen­den von Telegrammen seitens der örtli­chen So­wjets an entsprechende Stellen mit der Aufforderung der Abhaltung dieses Kongres­ses, das zu seiner Einberufung für den 25. Oktober führte. „Nach der Revo­lution vom 25. Oktober sprachen die Men­schewiki und vor allem Mar­tow viel von der Machtergreifung hin­ter dem Rücken der 'Sowjets' und der 'Arbeiter'. Man kann sich eine schamlosere Verdrehung der Tat­sachen kaum vorstellen. Als die Sowjets - in einer Sitzung - mehrheitlich beschlos­sen, den 2. Kongress für den 25. Ok­tober einzu­berufen, sagten die Men­schewiki 'ihr habt die Revolution be­schlossen'. Als wir im Petrograder Sowjets mit einer überwälti­genden Mehrheit beschlossen, die Zer­streuung der Regimenter weg von der Haupt­stadt nicht zuzulassen, sagten die Men­schewiki, 'das ist der Anfang der Re­volution“. Als wir im Petrograder Sowjet das militärische Revolutionskomitee schu­fen, meinten die Men­schewiki, 'dies ist das Organ des be­waffneten Aufstands'. Aber als der Aufstand, der zuvor von diesem Organ geplant, ausgearbeitet und 'erfunden' war, auch an jenem festgelegten Tag stattfand, riefen die gleichen Men­schewiki: 'eine Verschwörung hat eine Re­volution hinter dem Rücken der Ar­beiter  angezettelt“ (Trotzki, ebenda).

So schuf das Proletariat selbst die Kraft, das Mittel - die allgemeine Be­waffnung der Ar­beiter, die Bildung des MRK, der Auf­stand - damit der So­wjetkongress wirklich die Macht über­nehmen könnte. Hätte der Kongress der Sowjets entschie­den, die „Macht zu überneh­men“, ohne vorher diese Mass­nahmen durch­zuführen, wäre dies nur eine leere, inhaltslose Geste geblieben, die leicht durch die Feinde der Revo­lution hätte zerschlagen werden kön­nen. Es ist nicht möglich, den Auf­stand als eine isolierte, formale Hand­lung zu betrach­ten. Er muss als Teil ei­ner umfas­senden Dy­namik der ganzen Klasse gese­hen werden, konkret in ei­nem Prozess auf internationaler Ebene, auf der sich die Bedin­gungen für die Re­volution entwic­kelten. Aber auch in Russland, wo unzähl­bare örtliche So­wjets die Machter­greifung for­derten: die Sowjets von Petrograd, Mos­kau, Tula, im Ural, in Sibirien, in Ju­kow - führten sie den siegreichen Aufstand gemein­sam durch.

Der Sowjetkongress traf die endgültige Ent­scheidung, womit die Stärke der In­itiative des Proletariats in Petrograd voll bestätigt wurde: „Gestützt auf den Willen der gewalti­gen Mehr­heit der Arbeiter, Soldaten und Bau­ern, ge­stützt auf den in Petro­grad vollzo­genen sieg­reichen Aufstand der Ar­beiter und der Garni­son, nimmt der Kon­gress die Macht in seine Hände...Der Kon­gress beschliesst: Die ganze Macht geht al­lerorts an die Sowjets der Arbeiter-, Sol­daten- und Bauern­deputierten über, die eine wirkliche re­volutionäre Ordnung zu ge­währleisten haben“. (An die Arbeiter, Soldaten und Bau­ern!, Band 2, S. 525).

Adalen, aus Internationale Revue Nr. 72 (1993)

Wir haben die Fehler der Bolschewisti­schen Partei nie geleugnet, auch nicht ih­ren Niedergangsprozess, und wie sie zum Rückgrad der verhassten stalinistischen Diktatur wurde. Siehe dazu unsere Artikel in der Internationalen Revue sowie unser Sonderheft: „Die Kommunistische Linke in Russland“.