DAS VERHÄLTNIS FRAKTION - PARTEI IN DER MARXISTISCHEN TRADITION VON MARX BIS LENIN, 1848-1917

LENIN,
1848-1917

I.
Von Marx bis zur II. Internationale

Nachdem
sie das Wirken der Linksfraktion der Kommunistischen Partei Italiens in den
Jahren zwischen 1935-45 kritisiert haben, schließen die Genossen von Battaglia
Comunista den Artikel, den wir schon früher zitiert haben, mit einer Verwerfung
des Konzeptes der Fraktion im Allgemeinen ab:

"Welchen
Sinn hat es, den Begriff der Partei ausschließlich mit dem Begriff der Macht zu
verbinden oder der Möglichkeit, die Massen zu führen, indem dem politischen
Organ des Klassenkampfes jede Existenzmöglichkeit außerhalb der revolutionären
Phasen abgestritten  wird, und indem nie deutlich definierten Organismen
oder irgendwelchen Ersatzkörpern die Aufgabe zugeordnet wird, die Interessen
der Klasse in den konterrevolutionären Phasen zu verteidigen....

Zu
behaupten, daß die Partei nur in revolutionären Situationen entstehen kann, in
denen die Frage der Macht auf der Tagesordnung steht, während in den
konterrevolutionären Phasen die Partei verschwinden "muß" oder ihren
Platz Fraktionen überläßt, bedeutet nicht  nur, der Klasse in den
schwierigsten und gefährlichsten Momenten einen politischen Bezugspunkt
vorzuenthalten, wodurch das politische Handeln der Bourgeoisie erleichtert
wird, sondern  auch bewußt eine Leere entstehen zu lassen, die nur schwer
innerhalb von 24 Stunden zu füllen ist...

Man
darf solche Thesen nicht unterstützen, die die geschichtliche Erfahrung auf den
Kopf stellen, und indem der bolschewistischen Partei selber die Rolle der
"Fraktion" der russischen Sozialdemokratie bis 1917 zugeordnet wird
(Thesen, die von der IKS in der Internationalen Revue Nr. 3 vertreten
werden)"...

Rußland
war das einzige europäische Land, welches trotz viel ungünstigerer Bedingungen
als in anderen Ländern am 1. Weltkrieg von 1914-1918 teilnahm, und wo eine
proletarische Revolution entstand. Dies war erst möglich, weil dort eine Partei
vorhanden war, die als solche mindestens seit 1912 aktiv war. Von Anfang an hat
sich der Bolschewismus nicht darauf beschränkt, auf politischer Ebene dem
Opportunismus der Menschewiki entgegenzutreten, die theoretischen Grundlagen
der Prinzipien der Revolution auszuarbeiten, Kader zu bilden und neue zu
gewinnen, sondern er hat auch die ersten Beziehungen zwischen der Klasse und
der Partei geknüpft, die zu einem späteren Zeitpunkt, nämlich in der Hitze der
sich zuspitzenden Situation zu echten Verbindungsgliedern zwischen der
Spontanität der Klasse und dem taktischen und strategischen  Programm der
Partei wurden...

1902
schon hatte Lenin die taktischen und organisatorischen Grundlagen geschaffen,
auf der man die Alternative gegenüber dem Opportunismus der russischen
Sozialdemokratie, die Alternative der Partei, hatte bauen müssen, es sei denn
man würde "Was tun?" als die 10 Gebote des guten Fraktionsanhängers
darstellen"

[1]

.

Um
die Auffassung BC zusammenzufassen,

1)
man weiß nicht, woher diese Theorie kommt, derzufolge in den
konterrevolutionären Phasen die Fraktionen die Aufgabe der Partei übernehmen
sollten,

2)
diese Fraktionen sind "nie wirklich gut definierte Organismen" und
damit unfähig, dem Proletariat eine politische Orientierung anzubieten,

3)
wenn die russische Revolution stattgefunden hat, dann deshalb, weil Lenin seit
1902 die Grundlagen der bolschewistischen Partei und nicht der
bolschewistischen Fraktion, wie es die IKS behauptet, gelegt hat.

Drei
Behauptungen, drei Risse in der theoretisch-politischen Kohärenz Battaglias,
und ein Versuch, der Geschichte der Arbeiterbewegung umzuschreiben. Sehen wir
weshalb.

MARX, DER BUND DER
KOMMUNISTEN, DIE I. INTERNATIONNALE UND DIE LEHREN DER KONTERREVOLUTION

"Ich
bemerke d'abord, daß, nachdem der "Bund" auf meinen Antrag im
Nov. 1852 aufgelöst wurde, ich nie mehr irgendeiner geheimen oder öffentlichen
Gesellschaft angehört habe oder angehöre; daß also die Partei in diesem
ganz ephemeren Sinne für mich seit 8 Jahren zu existieren aufgehört hat... Ich ward
dann noch wiederholt, wenn nicht namentlich, so doch verständlich, bitter
angegriffen wegen dieser "Tatenlosigkeit".... Aber von
"Partei" in dem Sinne deines Briefes weiß ich nichts seit
1852... Der "Bund", wie die Société des Saisons zu Paris, wie 100
andere Gesellschaften, war nur eine Episode in der Geschichte der Partei, die
aus dem Boden der modernen Gesellschaft sich überall naturwüchsig bildet...

Ich
habe ferne das Mißverständnis zu beseitigen gesucht, als ob ich unter
"Partei" einen seit 8 Jahren verstorbenen "Bund" oder eine
seit 12 Jahren aufgelöste Zeitungsredaktion verstehe. Unter Partei verstand ich
die Partei im großen historischen Sinne" (Marx an Freiligrath, 29.2.1860,
MEW Bd 30, S. 489).

Wie
man sieht, ist diese Theorie, derzufolge die proletarischen Parteien in den
konterrevolutionären Phasen 'verschwinden', kein Beitrag der Genossen BILANs
aus den 30er Jahren dieses Jahrhunderts, sondern eine feste Überzeugung Marxens
seit der Mitte des letzten Jahrhunderts. Als er dem früheren Mitglied des
Bundes der Kommunisten, Ferdinand Freiligrath, der ihn dazu aufforderte, die
Führung der 'Partei' wieder zu übernehmen, antwortete, unterstrich Marx, daß
diese Partei sich 8 Jahre zuvor aufgelöst hatte, nämlich am Ende der
revolutionären Welle von 1848, genauso wie sich zuvor die Gesellschaft der
Pariser Saisonarbeiter und anderer Organisationen aufgelöst hatte, nachdem die
Welle von Kämpfen, die sie hervorgebracht hatten und deren Ergebnis sie waren,
abgeebbt waren. Es steht fest, daß Marx diese zutiefst materialistische Haltung
immer gegenüber den aktivistischen Vorurteilen derjenigen gehabt hat, die die
Tiefe und das ganze Ausmaß der Niederlage nicht wahrhaben wollten und sofort
'wieder wie früher anfangen' wollten. Als Marx 1850 behauptete, daß der
weltweite wirtschaftliche Aufschwung jede revolutionäre Perspektive in Europa
in weite Ferne rückte, stellte sich die Mehrheit des Bundes (die Fraktion um
Willich-Schapper) dieser Einschätzung entgegen, und warf ihm vor, er meinte,
"man solle sich hinlegen und schlafen". Nur eine Minderheit
unterstützte seine Ansichten - selbst nach der förmlichen Auflösung der Bundes
im Jahre 1852 -man müsse sich der schwierigen Aufgabe widmen, 'die Lehren aus
der Niederlage zu ziehen', indem man die Ursachen zu erhellen und die
theoretischen Instrumente zu schaffen versuchte, die der Arbeiterklasse in den
darauffolgenden Kampfeswellen nützlich sein würden. Es ist wichtig zu
unterstreichen, daß die Genossen, die den Bund der Kommunisten um jeden Preis
aufrechterhalten wollten, zunächst gezwungen waren, ihre politischen Positionen
über Bord zu werfen, indem sie Intrigen spannen, künstliche Bündnissen mit den
Demokraten eingingen und sich später selbst auflösten, ohne auch nur irgend
etwas anderes zu hinterlassen als das aktivistische Geschwafel über die
Aufrechterhaltung der Partei. Dagegen sollte die geduldige Arbeit der Klärung
und der Bildung der Revolutionäre, die von der Fraktion um Marx geleistet
wurde, ihre "Früchte mit dem Wiedererstarken der Arbeiterbewegung"
bringen: die wenigen marxistischen Revolutionäre standen selbstverständlich an
der Spitze der verschiedenen Sektionen der Internationalen Arbeiterassoziation,
als diese I. Internationale 1864 gegründet wurde (indem sie sich spontan in der
modernen Gesellschaft entfaltete), als es ein internationales Wiedererstarken
der Arbeiterbewegung gab. Marx änderte nicht seine Position, als die Niederlage
der Pariser Kommune 1871 die Tür öffnete für einen neuen Zeitraum des
Rückflusses der Arbeiterbewegung. Unter diesen Umständen verstanden Marx und
Engels sehr schnell, daß die Tage der I. Internationale gezählt waren, und auf
dem Kongreß von Den Haag im Jahre 1872 brachten sie den Antrag zur Übersiedlung
des Generalrates nach New York ein, was der Auflösung der Organisation gleichkam:
"Nach meiner Ansicht von den europäischen Verhältnissen ist es durchaus
nützlich, die formelle Organisation der Internationale einstweilen in den
Hintergrund treten zu lassen... Die Ereignisse und die unvermeidliche
Entwicklung und Verwicklung der Dinge werden von selbst für Auferstehung der
Internationalen in verbesserter Form sorgen. Einsweilen genügt es, die
Verbindung mit den Tüchtigsten in den verschiedenen Ländern nicht ganz aus den
Händen schlüpfen zu lassen". (Marx an Sorge, 27.9.1873, MEW 33, S. 606).

Erneut
war es für Marx und Engels klar, daß es in einer konterrevolutionären Zeit
absolut unnütz ist, eine Fassade einer Partei künstlich am Leben zu erhalten,
während es dagegen wesentlich ist, daß die gemeinsamen Aktivitäten dieser
Fraktion fähiger Militanten in der Lage bleibt, der Demoralisierung zu
widerstehen, und um das zukünftige Widererstarken des Klassenkampfes noch
besser vorzubereiten.

Um
die Genossen BCs zu trösten, die der Möglichkeit mit Schrecken entgegensehen,
daß jemand 'entscheiden' könne, die Partei 'müsse' in einer bestimmten Phase
verschwinden, muß man hervorheben, daß Marx und Engels niemals daran gedacht
haben, solche 'Entscheidungen' zu treffen. Zu 'entscheiden', die Partei
aufzulösen, ist ein reiner Willensakt, genauso wenn man versuchen würde, sie
künstlich am Leben zu erhalten. Marx hat den Bund der Kommunisten 1850 nicht
auf autoritäre Weise aufgelöst, genauso wenig 1872 die I. Internationale. Er
hat nur erklärt, daß die Revolutionäre sich auf den anstehenden Zerfall, das
Auseinanderbrechen der Partei vorbereiten müssen, um sich darauf einzustellen,
daß man selbst nach der Auflösung dieser Parteien den roten Faden der
kommunistischen Aktivität aufrechthält. Und wenn die Auflösung dieser Organe
nachher tatsächlich stattgefunden hat, war dies der Ansicht Marxens nach auf
die Kraft der Verhältnisse, auf die Lage selber zurückzuführen, und nicht auf
die Befehle von Marx.

DIE DIALEKTIK FRAKTION -
PARTEI WIRD DEUTLICH IN DER HISTORISCHEN ENTWICKLUNG DER ARBEITERBEWEGUNG

Nachdem
wir jetzt gesehen haben, daß die 'seltsame' Theorie des Verschwindens der
proletarischen Parteien in den konterrevolutionären Zeiträumen von Marx
entwickelt wurde, müssen wir uns mit den Organen befassen, die in diesen Zeiten
die Kontinuität der revolutionären Aktivitäten sicherstellen, d.h. die
Fraktionen. Battaglia zufolge handelt es sich um "nie gut definierte
Organismen". Es stimmt sicherlich, daß Marx nie ein umfassendes Werk der
Propaganda (in dem Stile wie "Lohnarbeit und Kapital") über die Funktion
des Netzes von Genossen geschrieben hat, die nach der Auflösung des Bundes der
Kommunisten und der I. Internationale mit ihm zusammenblieben. Aber das heißt
nicht, daß aus Marxens Sicht diese Arbeit des Bilanz Ziehens nicht wichtig war.
Dies ist darauf zurückzuführen, daß der Begriff der Fraktion der Klassenpartei
seinem Wesen zufolge mit dem Begriff der Partei selber verbunden ist. Die
Definition dieses Körpers geht einher mit dem historischen Prozeß, der beim
Bund der Kommunisten anfängt und sich bis zur Kommunistischen Internationale
hinzieht, die "sich zur historischen Aufgabe gestellt hat, die Revolution
weltweit zu verwirklichen"

[2]

.

Im
Laufe der geschichtlichen Erfahrung der Klasse haben die Umrisse dieser
Avantgardepartei deutlicher Gestalt angenommen, und gleichzeitig wurde die
Erfahrung für die Definition der Arbeit der marxistischen Fraktion angehäuft,
die als eine Reaktion gegenüber den opportunistischen Abweichungen der Partei
entstand. Nur als der Kapitalismus in seine Endphase eintrat und die
Notwendigkeit und Möglichkeit der kommunistischen Revolution schließlich auf
der Tagesordnung standen, konnte sich die Klassenpartei in ihrer endgültigen
Form entwickeln, wodurch sie erst in die Lage versetzt wurde, wahre Fraktionen
als eine Reaktion gegen den opportunistischen Kurs und die Entartung
hervorzubringen. Die Italienische Linke hatte diese Lehre aus den 30er Jahren
gezogen:

"Das
Problem der Fraktion - wie wir sie auffassen - d.h. als ein Moment des
Wiederaufbaus der Klassenpartei wurde und konnte innerhalb der I. und II.
Internationale nicht richtig begriffen werden. Diejenigen, die sich damals
Fraktion nannten oder allgemeiner "rechter" oder "linker
Flügel", oder "unnachgiebige Strömung, oder schließlich
"revolutionärer oder reformistischer Flügel" waren meistens mit
Ausnahme der Bolschewiki vor oder während Kongresse zufällige Zusammenschlüsse.
Dabei verfolgten sie jeweils das Ziel, bestimmte Tagesordnungspunkte in den Vordergrund
zu stellen, ohne dabei irgendeine  organisatorische Kontinuität
aufzubauen. All das geschah zu einer Zeit, als das Problem der Machtergreifung
nicht auf der Tagesordnung stand und es keine Klassenpartei geben konnte

[3]

.
Der Zusammenbruch der II. Internationale während des Ausbruch des I. Weltkriegs
war kein plötzlicher Verrat, sondern der Abschluß einer ganzen Entwicklung. Die
genaue Auffassung der Aufgaben einer Fraktion ist abhängig von  einer
genauen Vorstellung von der Klassenpartei"

[4]

.

Der
Prozeß des Reifens und der Definition der Auffassung von der Fraktion hat seine
Wurzeln (aber nicht seinen Abschluß) in diesem ersten Kreis von Genossen, die
die Auflösung des Bundes der Kommunisten überlebt hatten. Da es immer
unabdingbar ist zu begreifen, von wo wir ausgegangen sind und wohin wir gehen,
wollen wir die Aktivität dieser ersten "Fraktion" etwas näher
untersuchen.

Bestimmte
Sätze des Briefes an Freiligrath oder andere isoliert betrachtete Zitate der
Privatkorrespondenz zwischen Marx und Engels sind oft für den Versuch verwendet
worden, aufzuzeigen, daß diese Genossen sich ins Privatleben zurückgezogen
hätten, um sich mit ihren theoretischen Studien zu beschäftigen, und die sie
dann später den lesehungrigen und lerneifrigen Massen zur Verfügung gestellt
hätten. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus.

Engels
meinte dazu: "Die Hauptsache für den Moment ist: die Möglichkeit,
unsere Sachen zum Druck zu bringen; entweder in einer Vierteljahresschrift, wo
wir direkt attackieren und uns den Personen gegenüber unsere Position sichern;
oder in dicken Büchern, wo wir dasselbe tun, ohne nötig zu haben, irgendeine
dieser Spinnern auch nur zu erwähnen. Mir ist beides recht; auf die Dauer und
bei der zunehmenden Reaktion scheint mir die Möglichkeit für ersteres
abzunehmen und letzteres mehr und mehr unsere Ressource zu werden, worauf wir
uns werfen müssen" (Engels an Marx, 13.2.1851, MEW Bd 27, S. 191). Marx
äußerte sich dazu: “Ich erklärte, wir könnten direkt an keinem Blatt mitarbeiten,
überhaupt an keinem Parteiblatt, das wir nicht selbst redigierten. Zu letzterem
Schritt aber fehlten alle Bedingungen in diesem Augenblick". (Marx an
Engels, 18.
Mai 1859, MEW Bd 29, S. 435)

[5]

Dies
heißt überhaupt nicht Rückzug  ins Privatleben und ist etwas anderes als
'eifrig Studien zu betreiben', um nachher die militanten Aktivitäten
wiederaufzunehmen.  Das Wesentliche für Marx und Engels, für das sie sich
voll einsetzten, war die bestmögliche regelmäßige Veröffentlichung einer
revolutionären Presse zur öffentlichen Verteidigung und Vertiefung der
Perspektive des Kommunismus und der Kritik der kapitalistischen Gesellschaft.
Sie verwarfen nicht diese organisierte und geregelte Aktivität, sondern den
trügerischen Schritt der Zusammenarbeit mit verwirrten und aktivistischen
Elementen, die ihre Arbeit vollkommen zerstört hätten. Wenn sie einen so streng
organisierten Arbeitsrahmen nicht haben aufrechthalten können, dann nicht, weil
sie es nicht versucht hätten, sondern weil die objektiv notwendigen Bedingungen
für die Durchsetzung eines solchen Zieles nicht vorhanden waren. Und diese
Bedingungen waren nicht vorhanden, weil die Entwicklung der Arbeiterbewegung
noch in ihren Kinderschuhen steckte, und in den Rückflußphasen war selbst die
Existenz einer kleinen organisierten revolutionären Gruppe unmöglich. Wir
möchten nochmal wiederholen: niemand entscheidet, die Partei 'müsse'
verschwinden, die Fraktion 'müsse' auf ein informelles Netz von Genossen
beschränkt bleiben. Die objektiven Bedingungen der Klassengegensätze
entscheiden darüber. Die Genossen können nur Entscheidungen treffen, wenn sie
diese Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen, oder im Gegenteil, wenn sie die Augen
davor verschließen und sich und anderen etwas vormachen, wodurch vom Organ der
Klasse, der Partei, nur der Name und nichts anderes übrig bliebe. In
Wirklichkeit waren diejenigen, die nicht mit in der Luft hängenden
Zentralkomitees scherzen, die die Rolle der 'Partei' in den
konterrevolutionären Phasen ausfüllten: die kleine informelle Gruppe von Genossen,
die sich um Marx organisierte, und die allesamt so beständig und kollektiv
arbeiteten, daß sie im revolutionären Milieu unter dem Begriff "Marxens
Partei" bekannt wurden. Marx mußte gar in einem Brief an Freiligrath
unterstreichen, daß diese Partei nicht existierte. Marx hob hervor, wenn er von
der Aktivität der Partei spreche, meine er dies 'in einem weitesten
historischen Sinne' als die 'Aktivität der Partei', die die politische
Kontinuität zwischen den Parteien sicherstellt. Die Gruppen von Genossen, die
diese Kontinuität nach der Auflösung des Bundes der Kommunisten und der I.
Internationale hergestellt haben, können aufgrund ihres informellen
Organisationsgrades in jeder Hinsicht als Fraktionen aufgefaßt werden, weil es
sich nicht um neue revolutionäre Gruppierungen handelte, sondern um wirkliche
Fraktionen der alten Parteien. Die 'Partei Marxens' der Jahre 1853-1863 war
nichts anderes als die "Fraktion Marxens" der Jahre 1850-52 innerhalb
des Bundes. Die "fähigsten Genossen der verschiedenen Länder" während
der Zeit zwischen der Auflösung der I. Internationale bis hin zur Geburt der
II. Internationale (1889) waren nichts anderes als die alte marxistische
'autoritäre' Fraktion innerhalb der I. Internationale. Unabhängig von der Art
und Weise, wie die Fraktionen definiert wurden und wie diese sich den Umständen
gemäß organisierten, stellten sie somit die historische Kontinuität zwischen
den verschiedenen Phasen der Geschichte der Partei dar.

DAS PROBLEM DER FRAKTION IN
DER II. INTERNATIONALE

Die
Behauptung, daß Lenin als Chef der bolschewistischen Fraktion der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands etwas mit einer Fraktion zu tun
gehabt hätte, ruft bei Battaglia Verachtung hervor, denn BC zufolge war Lenin
der Mann der Partei und nichts anderes. BC zufolge konnte die Revolution in
Rußland siegreich sein, weil es eine bolschewistische Partei - und nicht
irgendeine 'kaum definierte' Fraktion - gab.

Bevor
wir auf diese weitere Geschichtsfälschung Battaglias zu sprechen kommen, muß
man den historischen Rahmen in Erinnerung rufen, innerhalb dessen die Aktionen
der Bolschewiki und der sozialistischen Linke im Allgemeinen innerhalb der II.
Internationale entfaltet wurden. Diese war in einer für die Revolutionäre
schwierigen Zeit gegründet worden: einerseits ging in Europa der Prozeß zu
Ende, bei dem die Arbeiterklasse selbständig an den bürgerlichen demokratischen
Revolutionen (die nunmehr 'von oben' zum Abschluß gebracht wurden, siehe
Bismarck in Deutschland) teilnehmen konnte; andererseits waren die Bedingungen,
die proletarische Revolution schon auf die Tagesordnung zu setzen, noch nicht
vorhanden, da der Kapitalismus noch in der letzten und stürmischsten Phase
seiner wirtschaftlichen Entwicklung steckte. Unter diesen Umständen meinten
Marx (und Engels nach dessen Tod), daß das Vorhandensein eines starken
opportunistischen Flügels in den sozialdemokratischen Parteien eine
'unvermeidbare Tatsache' war. Deshalb empfahlen sie den marxistischen
Gruppierungen, vorschnelle Spaltungen zu vermeiden, um sich auf die
unnachgiebige politische Verteidigung der Klassenpositionen innerhalb der
Partei zu konzentrieren, wobei man auf den Ausbruch einer revolutionären Krise
warten müßte, die 'automatisch' zur Spaltung und zum Entstehen wirklicher
marxistischer Parteien

[6]

  führen werde.

Die
Revolutionäre müssen die entschlossensten Verteidiger der Einheit der Partei
sein, wobei sie manchmal vorübergehend auf die Bildung organisatorisch klar
umrissener Strömungen verzichten müssen, um  der Gefahr von Ausschlüssen
und damit des Absterbens zu einer Sekte zuvorzukommen, die von der wirklichen
Bewegung der Klasse losgelöst gewesen wäre. Unter den damaligen Umständen war
dies die einzig angemessene Vorgehensweise, und tatsächlich erzielte sie mehr
als nur einen Erfolg (Annahme des marxistischen Erfurter Programms 1881). Weil
aber die Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs und des sozialen Friedens
jahrzehntelang andauerte, und die Existenz des opportunistischen Flügels damit
'unvermeidbar' mehr an Boden gewann und sich dieser in der Mehrheit der Partei
niederließ, stieß die Partei auf große Schwierigkeiten, sich in einer
vorrevolutionären Situation von diesem Einfluß zu lösen.  Anfang des Jahrhunderts
standen die Marxisten langsam vor der Notwendigkeit, daß sie gegenüber dieser
Entwicklung einschreiten mußten, wobei sie von der 'zerstreuten' Verteidigung
des Marxismus zu einer mehr koordinierten Vorgehensweise innerhalb der Partei
übergehen mußten. Dabei handelte es sich jedoch um einen sehr schwierigen
Übergang, denn der Mythos der Einheit über alles war bis tief in die
Grundmauern der Partei selber eingedrungen, und die Führungen der Partei
warteten jedes Mal mit diesem Argument auf, um die Radikalen als die Spalter
der Einheit der Partei darzustellen.

1909
wurde der Versuch von Genossen der holländischen Linke, sich als Tendenz um ein
Organ, DE TRIBUNE, zusammenzuschließen, im Keim erstickt, indem Genossen
gruppenweise ausgeschlossen wurden, wodurch sie vorübergehend eine Minipartei
bilden mußten, und wobei es nicht lange dauerte, bis diese die Schwächen der
alten, ursprünglichen Partei wieder neu aufleben ließ

[7]

.

Wie
die von BILAN Nr. 24 erwähnten Zitate zeigen, waren die russischen Bolschewiki
die einzige Ausnahme, die sich in eine eigenständige Fraktion der SDAPR von
1904 an organisierten. Man könnte überrascht sein, daß die ersten, die sich in
Bewegung setzten, diese hinterherhinkenden Russen waren, aber die Erklärung für
ihre Avantgarderolle findet sich gerade in den besonderen Bedingungen des
russischen Reiches (das damals von Sibirien bis nach Polen reichte). In diesem
riesigen Gebiet und in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts stand diese
bürgerliche demokratische Revolution, die in Europa schon längst abgeschlossen
war, noch auf der Tagesordnung. Auch hatte die verspätete Entwicklung der
russischen Bourgeoisie sie daran gehindert, eine Vorreiterrolle in der
demokratischen Revolution zu spielen, gleichzeitig verhinderte das vollkommen
rückständige Wesen des russischen Zarismus die Verwirklichung der Revolution
'von oben', so wie sie unter Bismarck in Deutschland vollzogen worden war. Dem
russischen Proletariat sollte die letzte historische Möglichkeit nicht vergönnt
sein, sich selbsttätig an einer bürgerlichen Revolution zu beteiligen.

Aber
wie erwähnt hatte Engels schon das Heraufziehen einer revolutionären Krise vorausgesehen,
die die organisatorische Spaltung zwischen Marxisten und Opportunisten auf die
Tagesordnung setzen würde. Das Heranreifen einer revolutionären Situation im
Zarenreich hat die Voraussagungen Engels vollauf bestätigt. Das Zusammenwirken
in einer Organisation zwischen marxistischen Revolutionären und den
Opportunisten, die zu Kompromissen mit den Demokraten und gar mit den
Reaktionären neigten, wurde unmöglich. In Polen hatten die Revolutionäre, die
von Rosa Luxemburg geführt wurden, das Problem schon 1894 gelöst, als sie eine
neue Partei gründeten, die Sozialdemokratie des Königreichs Polen (SDKP), die
im Gegensatz stand zur alten sozialistischen Partei, der PPS (Polnische
Sozialistische Partei), welche zutiefst vom Nationalismus durchdrungen war. So
hatte Rosa Luxemburg schnell ausreichend Spielraum, aber sie hatte nie die
Möglichkeit, die Erfahrung eines Fraktionskampfes zu erleben, um eine Partei zu
verteidigen, die vom Entartungsprozeß bedroht ist. Deshalb hat sie es nie
geschafft, eine Fraktionsarbeit zu betreiben, und damit hat sie auch nie
wirklich die Auffassung einer Fraktionsarbeit verstanden. Diese Schwäche wurde
teuer während des heldenhaften Kampfes der Spartakisten gegen die Entartung der
deutschen SPD bezahlt, und sie war zum Teil mit ein Grund für die fatale
Verspätung bei der Bildung einer neuen kommunistischen Partei in Deutschland im
Jahre 1918.

Der
Kampf, den Lenin mehr als 10 Jahre lang führte, fand dagegen im Innern einer
Partei statt, und so konnte er die politische Auffassung von einer
Linksfraktion entwickeln und ausarbeiten, wodurch die Grundlagen für die III.
Internationale gelegt wurden.

II. Von Marx zu Lenin, 1848 –
1917

Lenin und die Bolschewiki

Durch
die gegenwärtige Beschleunigung der Geschichte, in der die kapitalistische
Gesellschaft voll in den Sumpf ihres Zerfalls geraten ist, wird die Frage der
proletarischen Revolution als einzige Lösung der Barbarei,  die von dem
durch die Krise erschütterten Kapitalismus hervorgerufen wird, immer
dringender. Die Geschichte hat bewiesen, daß eine solche Revolution nur dann
erfolgreich sein kann, wenn die Arbeiterklasse es schafft, sich selbständig (in
Arbeiterräten) gegenüber den anderen Klassen zu organisieren und das
Avantgardeorgan hervorzubringen, das sie zu ihrem Sieg führt: die
Klassenpartei. Jedoch besteht heute diese Klassenpartei nicht, und viele
legen  entmutigt die Hände in den Schoß, weil in Anbetracht der
gigantischen Aufgaben, die uns  bevorstehen, die Aktivitäten gegenwärtig
existierender kleiner revolutionärer Gruppen  als sinnlos und hoffnungslos
erscheinen. Innerhalb des revolutionären Lagers selber reagiert die Mehrheit
der Gruppen in Anbetracht der Abwesenheit der Partei immer nur wiederkäuend,
indem sie auf die allmächtige Partei verweisen, die da sein müsse, und sie
setzen alle Hoffnung darauf, daß allein durch das Bestehen der Partei 
alle Probleme der Klasse gelöst würden... Der individuelle Rückzug und das
große Sprücheklopfen sind zwei klassische Arten, vor dem Kampf um die Partei zu
flüchten. Denn dieser Kampf findet jetzt schon, heute, statt. Er stellt eine
Kontinuität mit den Aktivitäten der Linksfraktionen  dar, die sich in den
20er Jahren aus der niedergehenden Kommunistischen Internationale herausgelöst
hatten.

In
den ersten beiden Teilen dieser Artikel haben wir die Aktivitäten der
Kommunistischen Linke Italiens untersucht, die sich in den 30er und 40er Jahren
als Fraktion organisiert hatte, sowie die überstürzte Gründung der
Internationalistischen Kommunistischen Partei, die vollkommen künstlich durch Genossen
von Battaglia Comunista 1952 erfolgte.

[8]

.

In
diesem 3. Teil haben wir zunächst gezeigt

[9]

,
daß die Arbeitsmethode der Fraktion in den ungünstigen Perioden, in denen die
Existenz einer Klassenpartei nicht möglich war, die einzige Art der politischen
Arbeit war, die ja auch von Marx selber angewandt wurde. In diesem Teil wollen
wir aufzeigen, daß solch eine marxistische Arbeitsmethode für die Partei
möglich war aufgrund des Wirkens der bolschewistischen Fraktion der SDAPR
(Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands). Gegenüber all denjenigen, die
Lobesreden halten auf die "stahlharte" Partei Lenins, und die nur
Ironie übrig haben gegenüber den "kleinen Grüppchen der Fraktionen der
Linken", wiederholen wir, daß die "Geschichte der Fraktionen die
Geschichte Lenins"

[10]


ist, und daß man nur auf der Grundlage der von ihr geleisteten Arbeit die
zukünftige kommunistische Weltpartei aufbauen kann.

"OHNE DIE FRAKTIONEN WÄRE
LENIN SELBER EIN BÜCHERWURM GEBLIEBEN"

Mit
den Zitaten, welche wir im letzten Artikel gebracht haben, haben wir
aufgezeigt, wie Battaglia Comunista (BC) keine Gelegenheit verpaßt, um über
sich über die Tatsache ironisch zu äußern, daß Lenins "Was tun?" aus
dem Jahre 1902 das ständige Handbuch des perfekten Fraktionisten sei, und so
läßt BC keine Gelegenheit aus, um unaufhörlich zu zeigen, daß sie all dieses
Geredes um die Fraktion überdrüssig seien

[11]

.
Aber wenn die Genossen aufhörten, nur mit dem Begriff der Partei herum
schmeißen und anfingen, die Geschichte der Partei nüchterner zu untersuchen,
würden sie feststellen, daß Lenins "Was tun" kaum von einer
bolschewistischen Fraktion sprechen konnte, weil sie sich erst in Genf im Juni
... 1904 gebildet hat (das Treffen der "22")

[12]

.
Von diesem Zeitpunkt an haben die Bolschewiki den Begriff der Fraktion und ihr
Verhältnis zur gesamten Partei aufgegriffen und entwickelt. Dieser Begriff wurde
dann in seiner endgültigen Form präzisiert in der Erfahrung der Revolution von
1905 und insbesondere in der Reaktion auf deren Niederlage

[13]

:

"Eine
Fraktion ist eine Organisation innerhalb der Partei, die nicht durch den Ort
der Arbeit, nicht durch die Sprache oder durch andere objektive Bedingungen,
sondern durch die besondere Plattform der Auffassungen in Parteifragen
zusammengehalten wird."

("Über die neue Fraktion der Versöhnler oder die Tugendhaften",
18/31. Okt. 1911, Bd 17, S. 253).

[14]

"In
der bolschewistischen Fraktion zeichnen sich Strömungen ab, die dem
Bolschewismus in seiner ganz bestimmten taktischen Physiognomie
zuwiderlaufen... Die Fraktion ist aber nicht die Partei. In der Partei ist eine
Fraktion eine Gruppe von Gleichgesinnten, die sich gebildet hat, um vor allem
in einer bestimmten Richtung in der Partei in möglichst reiner Form ihre Auffassungen
durchzusetzen. Dazu bedarf es wirklich gleicher Gesinnung. Diesen Unterschied
in den Forderungen, die wir an die Einheit der Partei und an die Einheit der
Fraktion stellen, muß jeder begreifen, der hinsichtlich der wirklichen Lage der
Dinge, hinsichtlich der inneren Reibungen in der bolschewistischen Fraktion ein
klares Bild erlangen will." (Beratung der erweiterten Redaktion des
"Proleteari", 8-17(21-30) Juli 1909, Bd 15, S. 432).

[15]

"Doch
als Fraktion, d.h. als Bund von Gleichgesinnten in der Partei, können wir ohne
Einheitlichkeit in den Grundfragen nicht weiterarbeiten. Abspaltung von einer
Fraktion ist etwas anderes als Abspaltung von der Partei. Diejenigen, die sich
von unserer Fraktion abgespalten haben, verlieren keineswegs die Möglichkeit,
in der Partei zu arbeiten"

[16]

.

Die
Fraktion ist also eine Organisation innerhalb der Partei, die durch eine
Plattform genau definiert ist, und die um Einfluß innerhalb der Partei kämpft,
und die das Endziel verfolgt, daß ihre Prinzipien "in der reinst möglichen
Form" innerhalb der Partei siegen, d.h. ohne irgendwelche Vermittlung oder
nicht vorhandene Homogenität. Während dieser Zeit wirkt die Fraktion in
der Partei mit den Fraktionen, die andere Plattformen verteidigen, so daß die
praktische Erfahrung und die öffentliche politische Debatte es der gesamten
Partei ermöglichen, sich darüber im klaren zu werden, welche Plattform am
korrektesten ist. Diese Koexistenz ist unter der Bedingung möglich, daß es
innerhalb der Partei keinen Platz gibt für diejenigen, die sich schon für einen
Austritt aus der Partei entschieden haben. Denn wenn diese weiter in der
Partei, innerhalb der Organisation selber bleiben, wird die Organisation auch
von Zerstörung bedroht. Dies war die Rolle der "liquidatorischen"
(zerstörerischen) Strömung in Rußland, die für die Auflösung der illegalen
Partei und ihre Unterwerfung unter die zaristische "Legalität"
eintrat. Die grundsätzliche Divergenz zwischen den Bolschewiki und den anderen
Fraktionen bestand gerade darin, daß während die einen die
"Liquidatoren" im allgemeinen verurteilten, betrachteten sie sie
weiterhin als Mitglieder der Partei. Die Bolschewiki meinten, es müsse einen
Platz in der sozialistischen Partei für alle Meinungen geben, mit Ausnahme
derjenigen, die antisozialistisch  solche Auffassungen vertreten:

"Falsch
und verlogen ist am Versöhnlertum die Grundlage - das Bestreben, die Einheit
der Partei des Proletariats auf dem Bündnis aller, darunter auch der
anti-sozialdemokratischen, nicht-proletarischen Fraktionen aufzubauen, falsch
und verlogen ist seine prinzipienlose "Vereinigungs"-Projektemacherei,
die zur Aufschneiderei führt; falsch sind die Phrasen gegen die
"Fraktionen" (wobei in der Tat eine neue Fraktion gebildet wird).

[17]

Es
ist interessant festzustellen, daß diese Zeilen Lenins gegen Trotzki gerichtet
waren, der in der SDAPR der Hauptgegner der organisierten Existenz der
Fraktionen war, welche er als unnütz und als für die Partei schädlich
betrachtete. Trotzki verstand überhaupt nicht die Notwendigkeit einer
Fraktionsarbeit. Dies sollte katastrophale Konsequenzen während und nach dem
Niedergang der russischen Revolution haben.

"Man
muß feststellen, daß Trotzki - bei allen Fragen hinsichtlich der Revolution von
1905 wie auch während der ihr nachfolgenden Zeit - im allgemeinen auf der Seite
der Bolschewiki hinsichtlich der Prinzipienfragen stand, aber bei allen
Organisationsfragen schlug er sich auf die Seite der Menschewiki.

Sein
mangelndes Begreifen der Rolle der Partei, ihres Konzeptes während dieser Zeit
war ausschlaggebend für seine Position "gegen die Fraktionen"
zugunsten der Einheit um jeden Preis.

Seine
jämmerliche gegenwärtige Position - die ihn in die Arme der Sozialdemokratie
treibt - beweist, daß Trotzki in dieser Hinsicht nichts aus den Ereignissen
gelernt hat"

[18]

.

Natürlich
wurde Lenin sowohl in der Bewegung in Rußland als auch international aufgrund
seiner sektiererischen und spalterischen "Verrücktheit" angegriffen,
während gleichzeitig einhellig das "Ende der Fraktionen" gefordert
wurde. Lenin wollte eigentlich als erster selber das Ende der Fraktionen, weil
er wußte, daß die Existenz von Fraktionen ein Symptom der Krise in der Partei
war. Aber er wußte auch, daß der offene, praktische Kampf der Fraktion das
einzige wirksame Mittel gegen die Krankheit der Partei war, weil nur aus der
öffentlichen  Konfrontation der Plattformen die Klarheit über den
einzuschlagenden Weg hervorgehen würde.

"Jede
Fraktion ist davon überzeugt, daß ihre Plattform und Politik der beste Weg zur
Beseitigung der Fraktion sei, denn niemand hält das Bestehen von Fraktionen für
ein Ideal. Der Unterschied besteht darin, daß Fraktionen mit einer klaren,
konsequenten, in sich geschlossenen Plattform ihre Plattform geradeheraus
verteidigen, während sich prinzipienlose Fraktionen hinter billigem Geschrei
über ihre Tugendhaftigkeit, ihre fraktionelle Ungebundenheit verstecken"
("Über neue Fraktionen der Versöhnler oder der Tugendhaften", ebenda,
Bd. 17, S. 254).

[19]

Eine
der Hauptlügen, die der Stalinismus hervorgebracht hat, ist die der Existenz
einer monolithischen bolschewistischen Tradition, in der es keinen Platz
gegeben habe für viel Gerede und die Debatten nur Intellektuellen gedient
hätten. Diese Lüge wird ja auch gerade von den Menschewisten als Vorwurf
erhoben, als sie gegenüber den Bolschewiki sagten, die "Debatten sind
verschlossen". Natürlich stimmt es, daß die Debatte zwischen den
Menschewiki und den Versöhnlern "frei" war, während die unter den Bolschewiki
"einem Zwang" unterworfen war. Aber das stimmt nur insofern, als die
erstgenannten sich frei fühlten, über alles zu diskutieren, wenn es ihnen
jeweils in den Sinn kam, und zu schweigen, wenn sie jeweils Divergenzen zu
verheimlichen hatten. Für die Bolschewiki dagegen waren die Debatten nicht
"frei", sondern eine Pflicht, und sie waren jeweils umso mehr
geboten, wenn Divergenzen innerhalb der Fraktion auftauchten. Diese Divergenzen
mußten nämlich öffentlich ausdiskutiert werden, um überwunden, oder auf die
Spitze getrieben zu werden, der dann eine organisatorische Abtrennung folgte,
die auf klaren Motiven fußte.

"Zu
diesem Zweck eröffneten wir im "Proletari" die Diskussion über diese
Fragen. Wir brachten alles, was uns zuging, und übernahmen alles, was
diesbezüglich von den Bolschewiki in Rußland geschrieben wurde. Nicht einen
einzigen Diskussionsartikel haben wir bisher abgelehnt, und so werden wir auch
in Zukunft verfahren. Leider haben die Genossen Otsowisten und die mit ihnen
sympathisierenden Genossen bisher unserer Zeitung wenig Material zugesandt und
überhaupt eine offene und vollständige Darlegung ihres prinzipiellen
Glaubensbekenntnisses auf den Seiten der Presse gescheut, und dafür Gespräche
"unter sich" vorgezogen. Wir fordern alle Genossen, Otsowisten wie
orthodoxe Bolschewisten auf, ihre Anschauungen in den Spalten des
"Proletari" darzulegen. Wenn erforderlich, werden wir die uns
zugegangenen Materialien auch in einer besonderen Broschüre herausgeben.
Ideologische Klarheit und Prinzipienfestigkeit, das brauchen wir, besonders in
der gegenwärtig schwierigen Situation... Unsere Fraktion darf den inneren
ideologischen Kampf, wenn er einmal notwendig geworden ist, nicht fürchten. Sie
wird dadurch noch mehr erstarken" (Zu den nächsten Aufgaben, 12./25. Juli
1909, Bd 15, S. 358).

[20]

Solch
ein Bericht deckt den großen Beitrag Lenins zur historischen Beschreibung des
Wesens und der Funktion der Fraktion auf - ungeachtet all der Ironie Battaglias
über die "10 Gebote eines guten Fraktionisten". Nur nebenbei wollen
wir festhalten, daß BC in einem Satz von der Alternative zur Partei von 1902 an
spricht und in einem anderen behauptet, die Partei habe als solche
"mindestens von 1912 an" gehandelt. Und was hat dann Lenin von 1902 -
1912 getan - da er ja keine Fraktionsarbeit geleistet hat? Hat er
makrobiologische Kochkunst betrieben? In Wirklichkeit will BC behaupten, daß
die Bolschewiki sich nicht darauf beschränkt hätten, theoretische Arbeit zu
leisten und Kader auszubilden, sondern daß sie auch eine Arbeit in Richtung der
Massen betrieben, und daß sie deshalb auch keine Fraktion sein konnten. In
Wirklichkeit ist also aus BCs Sicht die Entscheidung, als Fraktion zu wirken,
eine Flucht vor dem Klassenkampf, eine Weigerung, sich die Hände mit der
Massenarbeit zu beschmutzen, was bewirkt daß man sich auf eine "Politik
stützt, die von einem großen Bekehrungseifer geprägt ist und auf Propaganda
beschränkt, und sich auf die Untersuchung der sog. Hintergrundfragen eingrenzt,
wodurch die Aufgaben der Partei auf die Aufgaben einer Fraktion, wenn nicht gar
einer Sekte eingeschränkt werden".

[21]

.

"Das
Spiel ist gelaufen": auf der einen Seite steht Lenin, der an die Massen
denkt, und der somit nur die Partei sein kann, auf der anderen Seite wiederum
gibt es in den 30er Jahren die Italienische Linke im Ausland, die als Fraktion
wirkt und nur ein Kreis von Studenten und kleinen Professoren sein kann. Wir
haben schon von den wirklichen Aktivitäten Lenins gesprochen; schauen wir uns
jetzt an, worin die wirklichen Aktivitäten der Italienischen Linken bestanden.

"Man
könnte meinen, daß die Aufgaben der Fraktion rein didaktischer Art seien. Aber
solch eine Kritik kann von den Marxisten mit den gleichen Argumenten gegenüber
all denjenigen verworfen  werden, die trügerischerweise den Kampf des
Proletariats für die Revolution und die Umwandlung der Welt auf die gleiche
Ebene setzen wie Wahlkämpfe.

Es
stimmt vollkommen, daß die besondere Rolle der Fraktion gerade in einer
erzieherischen Rolle der Kader durch die Aufarbeitung der Erfahrung besteht,
und dies durch die gewissenhafte Auseinandersetzung mit der Bedeutung dieser
Ereignisse erfolgen muß. Aber es trifft auch zu, daß diese hauptsächlich
ideologische Arbeit auch die Bewegung der Massen berücksichtigen und jeweils
politische Lösungen für den Erfolg dieser Massenbewegungen anbieten muß. Ohne
die Arbeit der Fraktionen wäre Lenin selber ein Bücherwurm geblieben und kein
revolutionärer Chef geworden.

Die
Fraktionen sind also der einzige historische Ort, an dem die Arbeiterklasse
ihre Aufgabe für die Organisierung als Klasse fortführen kann. Von 1928 bis
heute hat der Genosse Trotzki diese Arbeit des Aufbaus der Fraktionen
vollkommen vernachlässigt, und deshalb hat er nicht zur Verwirklichung der
Bedingungen zum Entstehen einer neuen Massenbewegung beigetragen"

[22]

.

Wie
man sieht ist die Ironie Battaglias über die Fraktion als eine vor den Massen
flüchtende Sekte ganz fehl am Platz. BILAN hatte die gleiche Sorge wie die
Bolschewiki, nämlich "dazu beizutragen, die Entwicklung für die
Bedingungen einer Massenbewegung zu erfüllen". Die Tatsache, daß die
quantitative Dimension der Verbindungen zu den Massen, den die Bolschewiki in
den Jahren um 1910 und die Italienische Linke in den 30er Jahren hatten, ganz
anders war, hängt sicher nicht von den persönlichen Tendenzen des einen oder
anderen ab, sondern von den objektiven Bedingungen des Klassenkampfes, die ganz
unterschiedlich waren. Die bolschewistische Fraktion war nicht zusammengesetzt
aus einer Gruppe von Genossen, die den Tod einer Partei überlebt hatten.
Sondern sie waren eine Gruppe von Genossen,  die in einer Zeit der Konterrevolution
und der tiefsten Niederlage des Proletariats lebten. Es handelte sich um einen
(oft in der Mehrheit befindlichen) Teil einer proletarischen Massenpartei (wie
alle Parteien der 2. Internationale), die in einer unmittelbar
vorrevolutionären Phase (1904) gegründet worden waren, und die sich während
einer gewaltigen revolutionären Welle entfaltet hatte, welche zwei Jahre lang
(1905-6) das gesamte russische Reich vom Ural bis hin zu Polen erschütterte.
Wenn man quantitative Vergleiche zwischen den Aktionen der Fraktion der
Italienischen Linken und denen der Bolschewiki anstellen will, muß man sich auf
eine Zeit beziehen, die geschichtlich relativ vergleichbar ist, d.h. den
revolutionären Jahren zwischen 1917-21. Während jener Jahre entfaltete sich die
"Abstentionistische Kommunistische Fraktion" (linke Fraktion der PSI)
so, daß sie zur Zeit der Gründung der Italienischen Kommunistischen Partei ein
Drittel der Mitglieder der alten sozialistischen Massenpartei und die
Gesamtheit des Jugendverbandes umfaßte. Die Genossen, die dazu in der Lage
gewesen waren, diesen Prozeß zu steuern, wirkten 10 Jahre später in der
Fraktion der Linken im Ausland mit, obgleich ihre Anzahl damals auf ein gutes
Dutzend Kader zusammengeschmolzen war. Was hatte sich geändert? Hatten die
Genossen nicht mehr den Willen, eine Massenbewegung zu führen? Natürlich nicht!

"Seitdem
wir bestehen, war es uns nicht möglich eine Massenbewegung zu führen. Wir
müssen uns klar vor Augen halten, daß dies nicht von unserem Willen abhing, von
unserer Unfähigkeit, oder aufgrund der Tatsache, daß wir eine Fraktion gewesen
wären, sondern dies ist zurückzuführen auf eine Situation, deren Opfer wir
waren, genauso wie die revolutionäre Arbeiterklasse der ganzen Welt selber das
Opfer dieser Verhältnisse ist" (BILAN, Nr. 28, 1935).

Was
sich geändert hatte, waren also die objektiven Bedingungen des Klassenkampfes,
der  von einer vorrevolutionären Phase - welche die Umwandlung der
Fraktion zur Partei auf die Tagesordnung stellte - zu einer konterrevolutionären
Phase übergewechselt war, welche die Fraktion zwang, gegen den Strom zu
schwimmen. Durch ihre Arbeit trug sie zur Entfaltung neuer Situationen bei, die
die erneute Umwandlung zur Partei auf die Tagesordnung stellen würden.

VON DER BOLSCHEWISTISCHEN FRAKTION
DER SDAPR ZUR KOMMUNISTISCHEN PARTEI RUSSLANDS

Wenn
man die Positionen Battaglias kritisiert, kommt man immer auf den
entscheidenden Punkt, d.h. auf die Bedingungen für das Entstehen der Partei zu
sprechen. Wir haben gesehen, wie BC gerne Lenin von der beleidigenden
Bezeichnung "guter Fraktionist", die er ja schon von 1902 trug, 
weißwaschen möchte. Weil sie Konzessionen machen wollen, sind die Genossen von
BC bereit, ein Lippenbekenntnis abzulegen und zu sagen, daß die Bolschewistische
Partei nur von 1912 existiert habe, unter der Voraussetzung, daß sie eindeutig
vor der revolutionären Phase bestanden habe, die im Februar 1917 anbrach. Sie
wollen auf jeden Fall vermeiden zuzugeben, daß der Kampf der bolschewistischen
Fraktion der SDAPR 1917 in der Umwandlung zur Kommunistischen Partei Rußlands
(Bolschewisten) mündete, weil dies bedeutete einzugestehen, daß "die
Umwandlung der Fraktion der Partei bedingt wird ... durch das Auftauchen von
revolutionären Bewegungen, die es der Fraktion ermöglichen würden, die Führung
der Kämpfe um den Aufstand zu übernehmen"
(BILAN, Nr. 1, 1933). Man
muß also klären, ob diese Umwandlung 1912 - fünf Jahre vor der Revolution -
stattgefunden hat oder nicht.

Was
war 1912 passiert? In Prag hatte es eine Konferenz der territorialen
Organisationen der SDAPR gegeben, welche in Rußland tätig waren. Und diese
Konferenz hatte eine Neuorganisierung der Partei ermöglicht, welche nach der
Niederlage der Revolution von 1905 zerstört worden war. Auch war ein neues
Zentralkomitee gewählt worden, welche das zuvor aufgelöste ersetzte. Die
Konferenz und das neue Zentralkomitee waren von den Bolschewiki beherrscht
worden, während die anderen Tendenzen der SDAPR  sich nicht an der
"spalterischen" Initiative Lenins beteiligten.

Auf
den ersten Blick scheint Battaglia recht zu haben: eine Konferenz der
Bolschewiki hat die Initiative zum Wiederaufbau der Partei ergriffen,
unabhängig von den anderen Fraktionen. Also von jenem Moment an handelten die
Bolschewiki als Partei, ohne auf den Anbruch einer vorrevolutionären Phase zu
warten. Aber wenn wir uns das ganze etwas näher betrachten, kann man sehen, daß
das alles etwas anders war. Die Geburt einer revolutionären Fraktion innerhalb
der alten Partei fand statt als Reaktion gegen  die Krankheiten der Partei,
gegen ihre Unfähigkeit, ausreichende Antworten auf die neuen historischen
Notwendigkeit zu liefern, auf die Löcher, die offen gebliebenen Fragen  in
ihrem Programm. Die Umwandlung der Fraktion zur Partei heißt nicht, daß man
ganz einfach zum vorherigen "Status Quo" zurückkehrt, zur alten, von
den Opportunisten leergefegten Partei. Das heißt Bildung einer neuen Partei,
die auf dem neuen Programm fußte, die die vorherigen Unklarheiten eliminiert
hatte, wobei man sich auf die "reinsten" Prinzipien der revolutionären
Fraktion stützte. Andernfalls wäre man zum Ausgangspunkt zurückgekehrt, von wo
aus sich die gleiche opportunistische Abweichung entfaltet hätte, die jetzt
verjagt worden war. Und soll Lenin 1912 die Fraktion zur Partei auf der
Grundlage eines "neuen Programms" umgewandelt haben? Selbst im Schlaf
hätte er nicht solch eine Idee gehabt. Erstens bringt die Resolution, die von
der Konferenz abgestimmt wurde, die Wichtigkeit der Arbeit zum Ausdruck, die
für den "Zusammenschluß aller Parteiorganisationen Rußlands ohne
Unterschied der Fraktionen sowie für den Wiederaufbau unserer Partei"

[23]


geleistet wurde. Es handelte sich also keineswegs um eine rein bolschewistische
Konferenz, zumal ihre Organisierung zum Großteil dem territorialen Komitee in
Kiew übertragen worden war, das von den Menschewisten beherrscht wurde, und es
war gerade ein Menschewik, der der Mandatsprüfungskomission vorstand

[24]

.
Von einer Änderung des alten Programms war nichtmal die Rede, und die
getroffenen Entscheidungen bestanden einfach in der Anwendung der Resolutionen,
welche die Liquidatoren verurteilten. Es handelte sich dabei um Resolutionen,
die 1908 und 1910 von den "Repräsentanten aller Fraktionen"
verabschiedet worden waren.

Die
Konferenz setzte sich also nicht nur aus "Mitgliedern der Partei zusammen,
unabhängig von ihrer Fraktionszugehörigkeit", sondern sie stützte sich
auch auf eine Resolution, die von "den Repräsentanten aller
Fraktionen" unterstützt wurde. Es liegt auf der Hand, daß es sich nicht um
die Gründung einer neuen bolschewistischen Partei handelte, sondern um die
einfache Neuorganisierung der alten sozialdemokratischen Partei. Es lohnt sich
hervorzuheben, daß solch eine Umorganisierung nur als möglich angesehen wurde,
weil "die Arbeiterbewegung wieder auf dem aufsteigenden Pfad" sei

[25]

  nach den Jahren der Reaktion von 1908-1910.
Wie man sieht, dachte Lenin überhaupt nicht an die Gründung einer neuen Partei
vor den revolutionären Schlachten, sondern er hatte nicht mal die Illusion der
Neuorganisierung dieser alten Partei, wenn es keine neue Phase des
Klassenkampfes geben würde. Die Genossen von Battaglia - und nicht nur sie -
sind so sehr von dem Wort Partei hypnotisiert, daß sie nicht mehr in der Lage
sind, die Tatsache mit klarem Kopf zu untersuchen, wobei sie als eine
entscheidende Wende das bezeichnen, was in Wirklichkeit eine wichtige Etappe
bei dem Prozeß der Abgrenzung vom Opportunismus war. Die Wahl eines
Zentralkomitees 1912 auf einer Konferenz, in der die Bolschewiki die
vorherrschende Gruppe waren, kann nicht als Beweis für das Ende der
Fraktionsphase und als den Anfang der Phase der Partei aufgefaßt werden. Ganz
einfach schon allein, weil es in London 1905 eine ausschließlich von
Bolschewiki besuchte Konferenz gegeben hatte, die sich als den 3. Kongreß der
Partei bezeichnet hatte, und die ein Zentralkomitee gewählt hatte, welches
ausschließlich aus Bolschewiki bestand und die Menschewiki als außerhalb der
Partei stehend auffaßte. Aber im darauffolgenden Jahr wurde sich Lenin des
Fehlers bewußt, der begangen worden war, und auf dem Kongreß von 1906 hatte
sich die Partei wieder zusammengeschlossen, wobei die beiden Fraktionen als
Fraktionen ein- und derselben Partei auftraten. So schätzte Lenin zwischen
1912-14 die Situation auch so ein, daß die Phase des Kampfes der Fraktion jetzt
dabei sei vorüberzugehen und daß die Stunde der endgültigen
Herauskristallisierung geschlagen habe. Aus einem eng russischen Standpunkt aus
konnte dies vielleicht zutreffen, aber aus einem internationalen Standpunkt aus
war dies sicherlich eine vorreife, verfrühte Einschätzung:

"Diese
Fraktionsarbeit Lenins fand nur innerhalb der russischen Partei statt, ohne zu
versuchen, diese auf internationaler Ebene auszudehnen. Man muß nur seine
verschiedenen Interventionen auf den verschiedenen Kongressen lesen, um sich
davon zu überzeugen, und man kann sehen, daß diese Arbeit außerhalb der
russischen Kreise vollkommen unbekannt blieb".

[26]

.

Praktisch
fand dann die endgültige Herauskristallisierung zwischen 1914 und 1917
gegenüber der doppelten Herausforderung des Krieges und der Revolution statt,
die unter den Sozialisten eine klare Abgrenzung zwischen Sozialpatrioten und
Internationalisten bewirkte. Lenin war sich dessen voll bewußt - und genauso
wie er 1906 für die Wiedervereinigung der Partei gekämpft hatte - trat er im
Februar 1915 dafür ein, als er der Gruppe Trotzkis "Nashe slovo"
antwortete: "Wir sind voll mit euch einverstanden, daß die Sammlung
aller wirklichen sozial-demokratischen Internationalisten eine der dringendsten
Aufgeben der jetzigen Zeit ist..."

[27]

.

Das
Problem war, daß aus Lenins Sicht die Vereinigung der Internationalisten in
einer wirklich kommunistischen Partei nur unter der Bedingung möglich war, daß
man diejenigen, die nicht wirklich konsequent internationalistisch waren,
beiseite drängt und herausschmeißt, während Trotzki - wie gewohnt - das Unversöhnliche
"versöhnen" wollte. Denn er wollte die Einheit der
internationalistischen Partei "auf der Union all der Fraktionen"
bauen, wobei diejenigen eingeschlossen wären, die nicht bereit wären, mit den
Feinden des Internationalismus zu brechen. Drei Jahre lang hat Lenin
unaufhörlich gegen diese Illusionen gekämpft, als er seinem Fraktionskampf um
die Klarheit von dem zuvor ausschließlich russischen Rahmen auf eine
internationale Ebene übertrug, den der "Zimmerwälder Linken"

[28]

.
Dieser große internationale Kampf war der Gipfel und der Abschluß der
Fraktionsarbeit der Bolschewiki, die bei Ausbruch der Revolution in Rußland gut
vorbereitet dastanden. Dank dieser Kampftradition und aufgrund der Entwicklung
einer revolutionären Situation konnte Lenin unmittelbar nach seiner Rückkehr
nach Rußland die Vereinigung der Bolschewiki mit den anderen konsequenten
Internationalisten auf der Grundlage eines neuen Programms vorschlagen. Der
neue Name sollte "Kommunistische Partei" sein, wodurch der alte
Begriff "Sozialdemokratie" ersetzt wurde. Dadurch kam es zum letzten
Ausscheidungsprozeß bei den rechten Bolschewiki (Voitinski, Goldenberg), die zu
den Menschewiki überwechselten, während das Zentrum der "alten
Bolschewiki" (Sinowjew, Kamenew) sich Lenin entgegenstellte unter Berufung
auf das alte Programm, auf das sich die Konferenz von 1912 gestützt hatte.
Lenin wurde beschuldigt, der "Totengräber des ganzen bolschewistischen
Kampfes" zu sein. Darauf erwiderte er, daß der ganze Kampf der Bolschewiki
nur eine Vorbereitung für den Aufbau einer wirklich kommunistischen Partei
gewesen sei: "Schaffen wir eine proletarische kommunistische Partei;
Elemente einer solchen Partei haben die besten Anhänger des Bolschewismus
bereits aufgebaut.

[29]


Hier kam der lange Kampf der bolschewistischen Fraktion zum Abschluß, hier
kam es zur wirklichen Umwandlung zur Partei. Wir sagen wirklichen, weil
von einem formalen Standpunkt aus der Name Kommunistische Partei erst im März
1918 eingeführt wurde, während die endgültige Fassung des neuen Programms erst
im März 1919 angenommen wurde. Aber der grundsätzliche Übergang fand im April
1917 statt (8. Gesamtrussische Konferenz der Bolschewiki). Man darf nicht
vergessen, was eine Partei von einer Fraktion unterscheidet, ist ihre
Fähigkeit, direkt den Lauf der Ereignisse zu beeinflussen. Die Partei ist
tatsächlich "ein Programm, aber auch ein Willen zur Handlung"
(Bordiga), unter der Voraussetzung natürlich, daß dieser Willen auch in
objektiv günstigen Voraussetzungen für die Entwicklung einer Klassenpartei zum
Ausdruck kommen kann. Im Februar 1917  waren die Bolschewiki nur einige
Tausend, und sie hatten keine führende Rolle bei dem spontanen Aufstand
gespielt, der die revolutionäre Periode eröffnete. Ende April waren sie schon
mehr als 60.000 und waren als einzige wirkliche Opposition gegen die
bürgerliche provisorische Regierung anerkannt. Mit der Zustimmung zu den
Aprilthesen und der Notwendigkeit eines neuen Programms wurde die Fraktion zur
Partei, und sie öffnete die Tür zum "roten Oktober".

Im
nächsten Artikel dieser Serie werden wir untersuchen, wie die besonderen und
geschichtlich neuen Bedingungen des Niedergangs der russischen Revolution das
Auftauchen einer Linksfraktion verhindert haben, um in der entartenden
bolschewistischen Partei den Kampf Lenins innerhalb der sozialdemokratischen
Partei wieder aufzunehmen. Die Unfähigkeit der russischen Opposition, eine
Fraktion zu bilden, legte die Grundlage für das historische Scheitern der
trotzkistischen internationalistischen Opposition, während die Italienische
Linke - sich auf die Arbeitsmethode Marxens und Lenins stützend - von 1937 an
in der Lage war, eine Internationale Kommunistische Linke zu bilden

[30]

.
Wir werden ebenfalls sehen, wie die Aufgabe dieser Arbeitsmethode von den
Genossen, die die Internationalistische Kommunistische Partei 1943 gegründet
haben, die Ursache ist für die Unfähigkeit, als revolutionärer
Umgruppierungspol zwischen den Organisationen zu wirken (Battaglia Comunista
und Programma Comunista), die aus dieser Partei hervorgingen.

Beyle.

(aus Internationale Revue, Nr. 65, englisch,
französisch, spanische Ausgabe, 2. Quartal 1991).


[1]


"Fraktion und Partei in der Erfahrung der Italienischen Linke",in
Prometeo, Nr. 2,März 1979, 

[2]

"Hin
zur 2 3/4 Internationale?" in BILAN; Nr. 1, Nov. 1933

[3]

Es konnte
keine voll entwickelte Klassenpartei geben. Der Bund der Kommunisten und die I.
Internationale waren beide Klassenparteien, die der Entwicklung der Bewegung
der Arbeiterklasse voll entsprachen. (Hinweis der IKS).

[4]


"Das Problem der Fraktion in der II. Internationale", in BILAN, Nr.
24,1935.

[5]

Marx
verstand darunter eine wirklich sozialistische Zeitung. Die unterschiedslose
Verwendung des Wortes 'Partei' zeigt klar, daß man noch in den Kinderschuhen
steckte bei der historischen Definition der Struktur und der Funktion der
Klassenpartei.

[6]

siehe dazu
die Korrespondenz von Marx und Engels mit den Führern der deutschen Partei,

[7]

Während des
I. Weltkriegs schwankte die Führung der holländischen Sozialdemokratie zwischen
einer Politik der zweideutigen Unterstützung des englisch-amerikanischen
Imperialismus. Die internationalistischen Schriften der linken Parteimitglieder
wie Gorter wurden einer Zensur unterworfen; siehe dazu "Die holländische
Linke", Artikelsammlung der IKS.

[8]

Die ersten
Teile dieser Artikelserie wurden in der International Review Nr. 59/61 (engl.,
franz., spann. Ausgabe) veröffentlicht. Weiteres Vertiefungsmaterial in
"La Gauche Communiste d'Italie, 1927-52 (erhältlich auch auf Englisch),
sowie "Rapports entre fraction de gauche du PC d'Italie et l'Opposition de
Gauche Internationale 1929-1933".

[9]

Siehe 3.
Teil "Von Marx bis Lenin, 1848-1917, I. Lenin und die Bolschewiki",

[10]


Intervention Bordigas auf dem 6. erweiterten Exekutivkomitee der Komintern
1926.

[11]

"1902
schon hatte Lenin die taktischen und organisatorischen Grundlagen geschaffen,
auf der die Alternative zum Opportunismus der russischen Sozialdemokratie, die
Parteialternative aufgebaut wurde; es sei denn man möchte "Was tun?"
als die 10 Gebote des guten Fraktionisten darstellen" ("Fraktion und
Partei in der Erfahrung der Italienischen Linken", in Prometeo Nr. 2, März
1979).

[12]

Die
(mehrheitlichen) Bolschewiki auf dem Kongreß von 1903 der SDAPR waren das
Ergebnis der vorübergehenden Allianz zwischen Lenin und Plekanov. Die Fraktion
von 1904 nannte sich Bolschewistisch, um sich auf die Positionen zu berufen,
die von der Mehrheit des Kongresses von 1903 vertreten wurde.

[13]

Es ist
aufschlußreich, daß die vollständige Theoretisierung des Konzeptes der Fraktion
durch Lenin erst in den Jahren der furchtbaren Reaktion nach der Revolution von
1905 stattfand. Erst die Aktivität der Fraktion machte es möglich, den
ungünstigen Zeiten zu widerstehen.

[14]

"Über
die neue Fraktion der Versöhnler oder die Tugendhaften", Sozialdemokrat
Nr. 24, 18(31) Okt. 1911, Lenin, Ges. Werke, Bd. 17,

[15]


"Beratung der erweiterten Redaktion des "Proletari", 8-17(21-30)
Juli 1909, Bd 15, S. 432).

[16]


"Die Liquidierung des Liquidatorentums", Proletari Nr. 46, 11 (24)
Juli 1909, Bd 15).

[17]

Ebenda,
siehe Fußnote 7

[18]

"Das
Problem der Fraktionen in der 2. Internationale", in BILAN Nr. 24, 1935.

[19]

Ebenda,
Fußnote 7

[20]

("Zu
den nächsten Aufgaben", 12/25. Juli 1909, Bd 15, S. 358).

[21]

Politische
Plattform der Internationalistischen KP (BC) von 1952. In einer neulich
stattgefundenen Aktualisierung im Jahre 1982 ist dieser Absatz unverändert
übernommen worden.

[22]

"Hin
zur 2 3/4 Internationale" in BILAN Nr. 1, 1933, Auszüge sind im
"Bulletin d'Etude et de Discussion de Révolution Internationale", Nr.
6, April 1974.

[23]

  (6. Konferenz der SDAPR in Prag, 6-17
(18-30) Jan. 1912, Resolution der Konferenz, "Über die
Organisationskommission Rußlands, die mit dem Aufruf zur Konferenz befaßt ist",
Bd 17.

[24]

"Die
Situation in der SDAPR und die unmittelbaren Aufgaben der Partei", 16.Juli
1912, Gazeta Robotnicza, Nr. 15-16, Bd 18,  "Es war gerade der
Delegierte dieser Organisation (aus Kiew), der der Vorsitzende der
Mandatskommission auf der Konferenz wurde".

[25]

Aus den
Resolutionen der Konferenz. Lenin kam 1915 nochmal auf dieses Thema zu
sprechen: "Die Jahre 1912-14 standen im Zeichen des Beginns eines neuen
grandiosen revolutionären Aufschwungs in Rußland. Wir wurden aufs neue Zeugen
einer gewaltigen Streikbewegung, wie sie die Welt noch  nicht gesehen hatte.
Am revolutionären Massenstreik nahmen im Jahre 1913 nach den minimalsten
Berechnungen anderthalb Millionen teil, im Jahre 1914 überstieg die Zahl schon
2 Mio. und näherte sich dem Stand von 1905" (Sozialismus und Krieg,
"Die Arbeiterklasse und der Krieg", MEW Bd 21, S. 321, Sommer 1915).

[26]

"Das
Problem der Fraktionen in der 2. Internationale", BILAN, Nr. 24, 1935

[27]

"Brief
des ZK der SDAPR an die Reaktion des Nashe Slovo", 10 (23) März 1915, Bd.
21

[28]

Für ein
umfassenderes Verständnis der Rolle der Bolschewiki bei der Zimmerwalder
Konferenz siehe "International Review" Nr. 57.

[29]

"Zur
Doppelmacht", Prawda, Nr. 28, 9.April 1917, Bd. 24.

[30]

Siehe die
beiden ersten Teile dieser Artikelserie zur Geschichte der Italienischen
Fraktion in den 30er Jahren.