Leserbrief: Die Wirtschaftsordnung unter der Herrschaft der Arbeiterräte

Leserbrief:

Ich interessiere mich für die rätekommunistische Wirtschaftsordnung. Wie sieht diese Wirtschaft genau aus? Ich habe schon gelesen, dass die Arbeiter die Betriebe enteignen und sie anschließend Durch Arbeiterräte selbst verwalten. Wer ist aber dann der Kapitaleigner? Der Staat oder alle Arbeiter zusammen (Verein)? Bei letzterem stellt sich noch die Frage: Was passiert, wenn ein Arbeiter ausscheidet und ein neuer in den Betrieb eintritt? In der Wirtschaft wird es schon allein zwecks der Dynamik immer nicht kapitalistische Selbstständige geben, die ihren Betrieb auch vergrößern wollen. Wie werden diese in die rätekommunistische Wirtschaftsordnung integriert, ohne dass neue Kapitalverhältnisse entstehen? Für diese Fragen finde ich einfach keine Antwort. Ich hoffe, Sie können mir weiterhelfen. Ich freue mich auf Ihre baldige Antwort und danke Ihnen im Voraus.

 

Antwort der IKS:

Lieber Genosse,

 

vielen Dank für Deine E-Mail, die wir vor einigen Wochen bekommen haben. Entschuldige bitte unsere späte Antwort. Wir haben uns natürlich sehr gefreut, dass Du uns solch wichtigen und nicht einfachen Fragen stellst, auf die man auch keine Antworten aus dem Ärmel schütteln kann. Hier also nur der Beginn einer Antwort und hoffentlich der Beginn eines Austausches zwischen uns zu diesem und vielleicht anderen Themen. Bei unserer Antwort wollen wir vorneweg eine Unterscheidung hervorheben, auf die wir hier nicht ausführlicher eingehen wollen, die aber hilfreich ist, um Missverständnisse zu vermeiden. Wir unterscheiden drei Phasen auf dem Weg zum Kommunismus: Erstens der Bürgerkrieg: in dieser Phase kämpfen die Arbeiterklasse und die mit ihr verbündeten Klassen und Schichten gegen die Kapitalistenklasse; das Proletariat ist noch nicht im Besitz der Macht. Zweitens: nach erfolgreicher Machtergreifung und dem Sturz der Kapitalistenklasse beginnt die Übergangsperiode, die auch wiederum in verschiedene Phasen untergliedert wird. Während dieser können erste Maßnahmen durch die an die Macht gekommene Arbeiterklasse ergriffen werden. Wie der Name sagt, befindet sich alles im Fluss. Drittens der Aufbau des eigentlichen Kommunismus.

 

Weiter muss man die jeweiligen Organe und die Funktionen dieser Organe auseinander halten: die Arbeiterräte, die Partei, der Staat. Es handelt sich hierbei um Organe, die entweder im Verlauf des Kampfes um die Macht entstehen, wie die Räte und die Klassenpartei, oder erst nach der erfolgreichen Machtergreifung (wie der Staat in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus). Alle drei haben aber eins gemeinsam: Es wird sie im Kommunismus nicht mehr geben. In der klassenlosen Gesellschaft wird es ganz einfach deshalb weder Arbeiterräte noch Arbeiterparteien geben können, weil es keine Arbeiterklasse mehr geben wird. Zwar wird immer noch menschliche Arbeit verrichtet, aber dies wird auf die menschliche Gesellschaft insgesamt aufgeteilt sein und nicht mehr nur einem Teil derselben aufgebürdet. Außerdem wird die Menschheit sich höchstwahrscheinlich nicht mehr in erster Linie über die Arbeit definieren. Dementsprechend wird es im Kommunismus keinen Staat mehr geben. Denn der Staat ist nach Auffassung des Marxismus ein Produkt aus der Spaltung der Gesellschaft in Klassen. Nachdem wir unsere Auffassung über den Platz der Arbeiterräte, der Klassenpartei sowie über den “Übergangsstaat" im Kampf für den Kommunismus kurz abgesteckt haben, können wir nun ihre jeweiligen Rollen unter die Lupe nehmen. Die Arbeiterräte setzen sich aus Delegierten zusammen, die jederzeit abwählbar und gegenüber den Vollversammlungen rechenschaftspflichtig sein sollen. Wir gehen weiter unten auf ihre Aufgaben ein. Die Partei ist eine politische Organisation, die nicht zur Aufgabe hat, die Macht zu übernehmen oder sie in ihren Händen zu halten. Sie erfüllt stattdessen eine politische Aufgabe – das Bewusstsein voranzutreiben, der Arbeiterklasse politisch helfend zur Seite zu stehen. Der nach der Machtergreifung existierende Staat ist nicht mehr der alte kapitalistische Staat; er ist in gewisser Weise ein “Rumpfstaat", ein Übergangsstaat, der absterben muss und im Kommunismus verschwunden sein wird. (Zu all diesen Punkten haben wir jeweils mehrere Artikel verfasst, zu denen wir Dir bei Bedarf gerne mehr Angaben machen).

 

Nun konkret zu Deinen Fragen:

 

Du schreibst: Ich interessiere mich für die rätekommunistische Wirtschaftsordnung. Wie sieht diese Wirtschaft genau aus? Habe schon gelesen, dass die Arbeiter die Betriebe enteignen und sie anschließend durch Arbeiterräte selbst verwalten. Wer ist aber dann der Kapitaleigner? Der Staat oder alle Arbeiter zusammen (Verein)? Bei letzterem stellt sich noch die Frage: Was passiert, wenn ein Arbeiter ausscheidet und ein neuer in den Betrieb eintritt?

 

Zunächst ein Wort zum Begriff “rätekommunistische Wirtschaftsordnung". Worauf bezieht er sich? Auf den Kommunismus selbst oder auf die Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus (also der Phase, die Marx und Engels mit dem Begriff “Diktatur des Proletariats" beschrieben)? Was die Epoche der klassenlosen Gesellschaft betrifft, so ist es unbestreitbar, dass die Organisationsweise des Proletariats in ihrem Kampf für den Kommunismus gewisse Elemente der künftigen Gesellschaft im Keim enthält. Der kollektive, einheitliche, zentralisierte, unbürokratische (sprich nicht-staatliche) und solidarische Charakter der Arbeiterräte, der alle ihre Mitglieder aktiviert und ihnen Verantwortung überträgt, nimmt tatsächlich in vielerlei Hinsichten das Wesen des Kommunismus vorweg. Man kann auch nicht ausschließen, dass die Mitglieder dieser künftigen Gesellschaft ihre Verwaltungsorgane weiterhin als Räte bezeichnen werden (vielleicht um der Organe zu gedenken, die einst den Kommunismus erkämpften). Aber abgesehen davon, dass sie keine Klassenorganisationen mehr sein können, werden diese künftigen Gremien sich in einem Punkt ganz grundlegend von allem unterscheiden, was heute ist oder möglich wäre: Sie werden nicht mehr Menschen, sondern Dinge “verwalten". So wichtig sie sein werden, sie werden nicht mehr über die Menschen herrschen, sondern der Gesellschaft zu dienen haben.

 

Von daher scheint es uns wenig sinnvoll, dem Begriff “Kommunismus" das Attribut “Räte" hinzuzufügen, der den künftigen Verwaltungsorganen der Gesellschaft eine Bedeutung beimessen würde, den sie nicht haben werden und auch nicht haben dürfen. Der Begriff “Rätekommunismus" passt ohne Zweifel viel besser zu der Phase des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus. Wir vermuten, dass Du den Begriff auch in diesem Sinne in deinem Brief verwendet hast. Denn die Fragen, die Du (über die Rolle des Staates, der Arbeiterräte oder der Selbständigen) aufwirfst, werden in einer klassenlosen Gesellschaft hinfällig. Für die Periode des Übergangs hingegen sind das äußerst wichtige und auch schwierige Fragen. Auch ist es absolut richtig, die Rolle der Arbeiterräte in dieser Phase besonders zu betonen. Denn die Räte sind – wie der I. Kongress der Kommunistischen Internationale es zu Recht formulierte – die “endlich gefundene Form" der Diktatur des Proletariats. Bei dem Begriff “rätekommunistische Wirtschaftsordnung" haben wir eher mit dem Hauptwort “Wirtschaftsordnung" unsere Probleme. Und zwar insofern, als die Aufgabe der Arbeiterräte nicht darin besteht, eine eigene Wirtschaftsordnung aufzubauen, sondern vielmehr eine Umwälzung, eben einen Übergang zu bewerkstelligen – hin zu einer Gesellschaft, die die Arbeiterräte sowie das restliche Beiwerk aus der Klassengesellschaft überflüssig macht und darüber hinaus die Beherrschung der Menschen durch ihre Wirtschaftsverhältnisse überwindet. Aber wir wollen uns nicht länger mit diesen Begriffsfragen aufhalten. Wir hoffen aber, dass Du unsere Sorge dabei erkennst und nicht denkst, dass wir sterile Wortklauberei betreiben wollen. Natürlich kann heute niemand genau voraussagen, wie die Wirtschaft in der Übergangsphase und noch weniger in einer kommunistischen Gesellschaft tatsächlich aussehen wird. Die bislang in der Geschichte gemachten Erfahrungen mit einer Machtübernahme durch die Arbeiterklasse (Pariser Kommune, Russland 1917) können nicht genügend Aufschluss darüber liefern, wie die Wirtschaft in der Zukunft aussehen wird. Die materiellen Verhältnisse in der Übergangsperiode sind mit den Verhältnissen heute und auch mit denen unmittelbar nach der Machtergreifung kaum zu vergleichen.

 

Unsere Vorgänger, die Gruppe Gauche Communiste de France (GCF) schrieb dazu vor mehr als 50 Jahren, 1946, in einem Artikel in ihrer Zeitschrift Internationalisme: “Die Verwaltung der Wirtschaft nach dem Bürgerkrieg ist das schwierigste und komplizierteste Problem, das dem Proletariat und seiner Partei gegenüberstehen wird. Es wäre töricht zu versuchen, von vornherein Lösungen für all die praktischen Gesichtspunkte dieses Problems zu entwickeln. Es hieße den Marxismus in ein System rigider Gesetze umzuwandeln, das zu jeder Zeit gültig und anwendbar ist, ohne Rücksicht auf die vielfältigen konkreten und zufälligen Umstände, die in den verschiedenen Ländern und Wirtschaftsbereichen auftreten würden. Erst durch das praktische Studium werden wir imstande sein, zu jeder sich ergebenden Situation die notwendige Lösung zu finden." Man kann deshalb auf ökonomischer Ebene nur einige allgemeine Orientierungspunkte nennen – z.B. die Abhängigkeit dieses Prozesses von der politischen Entwicklung, d.h. der Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen Arbeiterklasse und Kapitalisten; die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Produktions- und Konsumgüter. Die Arbeiterklasse muss eine umfassende Steigerung der Konsumgüterproduktion durchsetzen; die Vergesellschaftung kann nicht in einem Land isoliert vorangetrieben werden, da ein Teil der Welt nicht isoliert vom Rest der Welt bleiben darf usw. Auch ist es schwierig, in diesen ökonomischen Fragen einen Konsens herzustellen, da erst die Zukunft zeigen wird, wie sich die Dinge wirklich entwickeln werden. Dagegen besteht eine wahre Schatzkammer an Erfahrungen im politischen Bereich, d.h. über das Verhältnis zwischen Räten, Partei und Staat. Diese Erfahrungen auszuwerten und auch in Übereinstimmung zu bringen ist eine zentrale Pflicht aller Revolutionäre.

 

Welche Vorstellung von der Arbeiterselbstverwaltung?

 

Während der Übergangsperiode werden die Kapitalisten enteignet und die Betriebe schrittweise in gesellschaftliche Kontrolle überführt. Solange noch Mangel herrscht, werden die Betriebe zwar der übergeordneten Kontrolle der Arbeiterräte unterliegen, aber im alltäglichen Betriebsablauf wird auch noch das Wirken des Staates (als Verwalter des Mangels) mehr oder weniger stark zu spüren sein. Auf welcher Ebene werden die Arbeiterräte konkret die Macht ausüben?

 

Die Rolle der Arbeiterräte besteht nicht nur in der unmittelbaren ökonomischen Verwaltung, wo sie ständig mit der tagtäglichen Verwaltung und Organisierung des Produktionsablaufes und der Verteilung der Güter beschäftigt sein werden. D.h. sie sind nicht nur Organe der Organisierung des täglichen Betriebsablaufs. Sie sind es nicht mal in erster Linie. Die Arbeiterräte selbst müssen vor allem über die Prioritäten entscheiden, eine Ausrichtung der Produktionsschwerpunkte und der Verteilung der Produkte vornehmen. Einerseits müssen die Arbeiter als Produzenten diese Entscheidungen vor Ort, d.h. in den Betrieben umsetzen, andererseits müssen die Arbeiterräte dazu dem Staat entsprechende Vorgaben machen, die Letzterer dann im konkreten Alltag, in der Wirtschaft insgesamt umzusetzen hat. Die Tatsache, dass die Arbeiterräte über die Verwaltung der Wirtschaft entscheiden, die konkrete Umsetzung und Kontrolle aber nicht zu ihrem Alltagsgeschäft gehört, heißt aber nicht, dass die Arbeiter mit der konkreten Verwaltung der Wirtschaft nichts zu tun hätten. Wir wollen weiter unten darauf zurückkommen. Auch wenn die Arbeiter jeweils an einem Ort – wahrscheinlich später an mehreren Wirkungsstätten - arbeiten werden, somit einen tiefen Einblick in die Zusammenhänge des Produktionsablaufs haben, insofern mit der Organisierung der Produktion Tag für Tag zu tun haben werden und diese umsetzen müssen, dürfen (und werden) sie sich mit dem jeweiligen Betrieb oder Teilbereich nicht identifizieren. Es gab in der Geschichte der Arbeiterbewegung zwei unterschiedliche, entgegengesetzte Auffassungen über die Arbeiterselbstverwaltung.

 

 

Während manche mit Arbeiterselbstverwaltung nur eine rein ökonomische Verwaltung ins Auge fassen und sie sich sofort nach der Machtübernahme auf eine Umwälzung der Produktionsabläufe und der Verteilung der Güter stürzen wollen, meinen wir, dass Verwaltung der Gesellschaft, der Wirtschaft heißen muss, dass die Hebel für alle wichtigen gesellschaftlichen Entscheidungen von der Arbeiterklasse, konkret durch die Arbeiterräte, gestellt werden – aber dies ist an bestimmte politische Bedingungen gebunden. Zunächst geht es darum, dass die “globale" Entscheidungskompetenz in den Händen der Arbeiterräte liegen muss. Diese dürfen die politischen Grundsatzentscheidungen nicht an den Staat (weil Mangelverwalter) abtreten. Die ArbeiterInnen “verwalten", dirigieren die Wirtschaft insofern, als sie die Richtung, die Grundsatzentscheidungen vorgeben. Jedoch dürfen die Arbeiterräte sich nicht lahm legen, ihren Blick durch die jeweils vor Ort bestehenden Verhältnisse des Mangels einschränken und versperren lassen. Methodisch heißt dies, die Arbeiterräte müssen immer von einem internationalen Standpunkt ausgehen. Dies verlangt von ihnen, über den örtlichen Tellerrand hinaus zu sehen, die weltweiten Interessen und Bedürfnisse der Arbeiterklasse, ja der Menschheit insgesamt zu berücksichtigen. Wenn es zum Beispiel darum geht festzulegen, welche Produktionsschwerpunkte gesetzt werden, an welchen “Standorten", unter welchen Gesichtspunkten (ökologisch, ökonomisch usw.) welche Produkte hergestellt werden sollen, müssen immer die weltweiten, langfristigen Interessen gegenüber den lokalen Gegebenheiten Vorrang genießen.

 

Wenn man unter der Selbstverwaltung versteht, die Produktion sofort in Arbeiterhand zu überführen, den Mangel sofort abzuschaffen oder die Treue zu diesem oder jenem Betrieb zu betonen, unterschätzt man die Gefahr, die aus dem Mangel auch nach der Machtübernahme noch hervorgeht. Denn da der für die kapitalistische Gesellschaft typische Mangel noch nicht sofort überwunden sein wird, da man nicht sofort die Produktion weltweit unter Arbeiterkontrolle organisieren kann, besteht die Gefahr, sich durch die Bedürfnisse und Wünsche der Beschäftigten an einem Ort absorbieren und verblenden zu lassen. Gerade die Erfahrung in Russland hat Folgendes gezeigt: Wenn man versucht, einzelne Länder, in denen die Arbeiterklasse die Macht bereits erobert hat, als “Inseln" des Sozialismus auffasst und entsprechend aufbaut, während im Rest der Welt die Kapitalistenklasse noch die Zügel in der Hand hält und die Marktgesetze dominieren, wird kein Sozialismus aufgebaut, sondern nur ein schreckliches antiproletarisches Monstrum, eine besonders perverse Spielart des Staatskapitalismus. Sozialismus lässt sich nur weltweit aufbauen oder gar nicht.

 

 

Einerseits die Lehren aus den Erfahrungen der Arbeiter in Russland, Deutschland, Italien, etc. aus der revolutionären Welle von Kämpfen nach dem I. Weltkrieg. Andererseits sind aber auch die Erfahrungen aus dem spanischen Bürgerkrieg 1936 in diesem Zusammenhang wichtig. Damals nämlich führte der Versuch, sofort eine Verwaltung der Betriebe durch die ArbeiterInnen einzuleiten, dazu, dass sich die ArbeiterInnen der jeweiligen Betriebe hinter die Fabriktore der selbstverwalteten Betriebe einsperren und politisch nahezu entwaffnen ließen, weil sie gänzlich mit den Fragen der Verwaltung dieser Betriebe befasst waren und das Interesse an der Ausdehnung der revolutionären Kämpfe oft aus den Augen verloren. In Wirklichkeit hatte das Proletariat damals noch nicht einmal die Macht umfassend an sich gerissen; weder in Deutschland noch in Italien war die Kapitalistenklasse gestürzt - von einer weltweiten Machtergreifung ganz zu schweigen.

 

Aufrechterhaltung kapitalistischer Anarchie oder zentralisierter, koordinierter Einsatz gesellschaftlicher Ressourcen?

Wie Du siehst, verlangt diese Herangehensweise eine klare Abkehr von der der kapitalistischen Gesellschaft innewohnenden Anarchie. Wir meinen deshalb, dass man sich gegen eine Haltung zur Wehr setzen muss, die alles sofort will und nur aus dem Blickwinkel der lokalen Verhältnisse urteilt. Stattdessen sind eine weltweite Zentralisierung sowie eine Bündelung der Kräfte nötig, aber auch möglich. Denn es steht fest, dass es zu einer Freisetzung kreativen Potenzials kommen wird, sobald die Arbeiter die Macht übernommen haben. Jeder wird Lust zum Arbeiten, Freude am “Mitwirken", am Mitgestalten verspüren. Die vielen Arbeitslosen, die unendlich große Zahl nutzlos und unproduktiv Beschäftigter - sie alle werden im Kampf gegen die Bourgeoisie integriert. Auch werden sie den Drang in sich verspüren, ihren Nutzen in die Gesellschaft einzubringen. Der Sieg des Proletariats auf Weltebene wird hier neue und ungeahnte Möglichkeiten erschließen. Niemand wird ihnen sagen, dass sie überflüssig sind; sie werden ermutigt werden mitzumachen. Man wird z.B. nicht wie im Kapitalismus auf die Uhr schauen und schon nach Arbeitsbeginn die Stunden und Minuten bis zum Ende der Arbeit zählen. Je mehr man sich dem Zustand des Kommunismus annähert, desto eher wird die Arbeit an Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit gewinnen, bis sie selbst immer mehr zu einem Genuss, zu einem elementaren Bedürfnis wird, so dass sie nicht mehr als Mittel zum Zweck des Überlebens empfunden wird. Die Menschen werden sich vermutlich nur wenige Stunden am Tag einer Tätigkeit widmen, um nicht bei einer Arbeit zu “versauern". Stattdessen werden sie das Interesse und die Möglichkeit haben, sich in anderen Bereichen gleichermaßen zu betätigen, damit sie nicht auf eine Tätigkeit beschränkt bleiben. Insofern kommt es zur Entwicklung und Freisetzung aller möglichen Fähigkeiten. Es wird ein schöpferisches Potenzial und damit eine Vielseitigkeit gefördert und freigesetzt, von der wir nur erahnen können, welch enormen Schwung und welche Schaffenskraft sie mobilisieren wird. Sicher ist, dass die Arbeitszeit – sobald die Macht des Proletariats auf Weltebene gefestigt und die größten Schäden beseitigt sind, die aus dem jahrhundertelangen Wüten des Kapitalismus selbst, aber auch dem Bürgerkrieg herrühren – nach Möglichkeit deutlich schnell gesenkt werden wird, weil wir anfangen werden, nur nützliche Güter zu produzieren und keine Tauschgüter, weil wir die höchst entwickelten Technologien verwenden und weil all die unzähligen Unterbeschäftigen bzw. Beschäftigungslosen in den Produktionsprozess integriert werden. Ja, das Proletariat wird schon direkt nach der Machtergreifung nach Möglichkeit versuchen, die Arbeitszeit zu reduzieren. Dies nicht nur aus kulturellen, sondern auch und vor allem aus politischen Erwägungen: Eine Klasse, die von morgens bis abends schuften muss, wird nur schwer in der Lage sein, eigenhändig die Macht auszuüben. Diese Reduzierung der Arbeitszeit wird allen Menschen Zeit und Gelegenheit bieten, ihre Schaffenskraft in verschiedenster Art auszuleben.

 

Insofern wird die ganze wirtschaftliche Entwicklung immer weniger an den für den Kapitalismus üblichen Produktivitätskriterien gemessen werden können. Stattdessen zählt das Glücksgefühl, die Freude an der Arbeit, die Genugtuung und Befriedigung, sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, seine Fähigkeiten in ein gesellschaftliches Ganzes, in ein Gesamtwerk einbringen zu können. In diesem Prozess wird die Entfremdung überwunden, der Widerspruch zwischen kollektiver Produktion und individueller Aneignung aufgehoben und die Warenwirtschaft zugunsten der Gebrauchsgüterproduktion beendet, was langfristig die ganze Wirtschaft umkrempeln wird. Anders als im Kapitalismus wird so die größte Kreativität der Menschheit freigesetzt werden. Dies wird nur auf zentralisierte Weise möglich sein. Hier kommt ein dialektisches Verhältnis zum Tragen. Die Freisetzung lokaler Initiativen kann nur wirklich produktiv und im Sinne der ganzen Menschheit sein, wenn sie zielgerichtet in ein Ganzes eingebettet und gesteuert wird. Damit wird eine wichtige Gegenkraft zu den bürgerlichen Eigentumsverhältnissen wirksam, wo Konkurrenz und Profitstreben den Blick auf den “eigenen" Betrieb verengen. Deshalb wäre es ein Irrtum zu glauben, die Verwaltung der Wirtschaft durch die Arbeiterklasse sei “Sache der einzelnen Betriebe". In einer “Wirtschaftsordnung", in der die Arbeiterräte das Sagen haben, befinden sich die Betriebe nicht im Eigentum der jeweiligen Arbeiterräte. Vielmehr sind sie gesellschaftliches Eigentum. Entscheidend ist, dass aus revolutionärer Sicht die Wirtschaft in der Übergangsperiode nicht durch die Vergangenheit, durch das im unterschiedlichen Maße noch vorhandene Substrat des Kapitalismus bestimmt sein wird, sondern durch die Zukunft, durch das große Ziel der Befreiung der Produktivkräfte und der Kreativität der Menschheit von den Fesseln des Privateigentums und der Nationalgrenzen.

 

Du fragst: Was passiert, wenn ein Arbeiter aus dem Betrieb scheidet? Im Kommunismus verlässt er eigentlich nur eine Wirkungsstätte, aber nicht einen irgendwie gearteten Eigentumsbereich. Und auch unter der Diktatur des Proletariats, unter der Herrschaft der Arbeiterräte, werden die Beschäftigten schrittweise von der Geißel der Arbeitslosigkeit, aus der Abhängigkeit eines bestimmten Betriebs befreit. Die Selbstverwaltung der Betriebe stützt sich auf eine Einbettung der Betriebe in ein gesellschaftlich organisiertes, zentralisiertes Ganzes. Die dort tätigen ArbeiterInnen sind insofern nicht einem einzeln Betrieb treu ergeben. Mehr noch: Arbeiterräte sind immer ein Ort der Zentralisierung, d.h. der Überwindung der jeweiligen örtlichen Besonderheiten. Sie stellen eine Zusammenführung der Interessen aller ArbeiterInnen dar. Da in ihnen Delegierte zunächst aus einer Stadt, dann aus einer Region, aus einem Land, schließlich auch auf Weltebene zusammengeschlossen sind, besteht gerade die ganze Dynamik darin, die jeweiligen Besonderheiten hinter sich zu lassen und nach dem Ganzen, dem Zusammenführenden zu streben. Insofern beinhaltet die Dynamik des Arbeiterkampfes eine Abkehr von Partikularinteressen, die letzten Endes meist von den Eigentumsverhältnissen nicht getrennt werden können.

 

Wir stimmen hier mit den Aussagen der GCF im o.g. Artikel überein: “Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen diesen Bereichen werden wahrscheinlich mannigfaltige Formen einnehmen, von sozialistisch-kooperativen Beziehungen bis hin zum freien Austausch von Waren zwischen dem Staat und den Kleinbesitzern und auch unter den einzelnen, isolierten Produzenten selbst. Die Probleme der Produktion, des Austausches, der Preise, des Marktes und des Geldes werden ebenfalls mannigfaltige Formen annehmen. Die Wirtschaftspolitik des Proletariats wird diese Situation in Betracht ziehen müssen, wobei es bürokratische Gewalt als Mittel der Regulierung des Wirtschaftslebens ablehnt, und sich allein auf die realen Möglichkeiten der Technologieentwicklung stützt, um die private Produktion zu absorbieren. Es wird danach streben, das Privateigentum und die isolierten Hersteller durch Einverleibung in die große Familie des Proletariats auszumerzen. 21) Die Verwaltung des sozialen und Wirtschaftslebens ist eng verknüpft mit der Gesamtheit der nationalen und internationalen Produktion. Sie verlangt, daß erhebliche Kräfte in Bewegung gesetzt werden und systematisch geplant wird. Allein eine zentralisierte Verwaltung kann dies sicherstellen. Es sei denn, man möchte jedes Mitglied und jede Gruppe der Gesellschaft in viele kleine Eigentümer umwandeln, alle mit ihren eigenen, widerstreitenden Interessen. Was bedeuten würde, zu der Epoche der einfachen Warenproduktion zurückzukehren, die vor langem durch die historische Entwicklung der Industrie ausgelöscht wurde."

 

Du hast Recht, dass die “Selbständigen", sprich die Klein- und Mittelbetriebe, oft die dynamischsten Elemente im Kapitalismus darstellen. Insbesondere leisten sie einen recht großen Beitrag zur technologischen Erneuerung. Und im Gegensatz zu den großen und auch die mittleren Betrieben, die zügig sozialisiert werden müssen, werden die Kleinbetriebe eher schrittweise von der sozialisierten Produktion absorbiert. Aber ihre Rolle als “Erneuerer" wird sehr rasch hinfällig werden. Sie werden sehr bald durch die “selbständige", aber kollektive Kreativität der Arbeiterinnen und Arbeiter selbst überflügelt werden.

 

 

Staatliches Eigentum versus Vergesellschaftung

Die nur sehr kurze und beschränkte Erfahrung in Russland zeigt auf, dass die Arbeiterklasse mit der politischen Machtergreifung und der Absetzung der herrschenden Klasse natürlich noch nicht die kapitalistischen Verhältnisse aus der Welt geschafft hatte. In Russland fanden sich die Arbeiter nach 1917 einem Staat gegenüber, der nicht mehr der alte Kapitalistenstaat war. In diesem neuen Staat wurden die Betriebe verstaatlicht, wodurch er seine Macht und seine Position auf Kosten der Arbeiterklasse ausbauen konnte. Je mehr die Arbeiterklasse politisch geschwächt wurde (internationale Isolierung des Proletariats, schrittweise Entmachtung der Räte, Auflösung derselben bzw. ihre Verwandlung zu staatstragenden Organen), desto mehr Macht entwickelte dieser Staat. Die Arbeiterklasse wird deshalb in Zukunft alles daran setzen müssen, einer Verstärkung des Staates entgegenzuwirken. Die Vergesellschaftung der Betriebe heißt damit nicht einfach die Betriebe in die Hände des Staates zu legen, den Staat also zum neuen Eigentümer zu machen, sondern die Leitung der Betriebe durch die Arbeiterklasse. Man kann hier hinzufügen, dass die Arbeiterklasse heute im Vergleich zu Russland 1917 in ihren Reihen über eine Vielzahl hoch ausgebildeter Fachkräfte verfügt, die ihr Know-how mit einbringen können. Die kapitalistischen Manager werden alle überflüssig sein. Schnell wird sich die Frage stellen, wie sinnvoll und unter welchen Gesichtspunkten die Produktion organisiert werden kann, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Dazu können die alten Manager überhaupt keinen spezifischen Beitrag leisten. Und dennoch wird, solange Mangel herrscht, auch ein Staat vorhanden sein, der diesen Mangel verwalten wird. Wie dieser Staat absterben wird, welch aktiver Prozess erforderlich sein wird, dazu vielleicht in einer weiteren Korrespondenz mehr.

 

Als weiterführende Lektüre empfehlen wir einen Artikel von Rosa Luxemburg aus Band 4 der Gesammelte Werke, den wir hier als Anhang beifügen

 

 

Rosa Luxemburg:

Die Sozialisierung der Gesellschaft

1918

In: Gesammelte Werke, Bd. 4. S. 431-434.

 

 

Die jetzt begonnene Revolution des Proletariats kann kein anderes Ziel und kein anderes Ergebnis haben als die Verwirklichung des Sozialismus. Die Arbeiterklasse muss vor allem danach trachten, die ganze politische Macht im Staate in die eigenen Hände zu bekommen. Aber die politische Macht ist für uns Sozialisten nur Mittel. Der Zweck, zu dem wir die Macht gebrauchen müssen, ist die Umwandlung von Grund aus der ganzen wirtschaftlichen Verhältnisse. Heute gehören alle Reichtümer: die größten und besten Ländereien, die Gruben und Werke sowie die Fabriken, einigen wenigen .Junkern und Privatkapitalisten. Die große Masse der Arbeiter bekommt nur für schwere Arbeit von jenen Junkern und Kapitalisten einen kargen Lohn zum Leben. Die Bereicherung einer kleinen Anzahl von Nichtstuern ist der Zweck der heutigen Wirtschaft. Dieser Zustand soll beseitigt werden. Alle gesellschaftlichen Reichtümer, der Grund und Boden mit allen Schätzen, die er in seinem Schoß und an seiner Oberfläche birgt, alle Fabriken und Werke, müssen als Gemeingut des Volkes den Ausbeutern aus der Hand genommen werden. Die erste Pflicht, die eine wirkliche Arbeiterregierung hat, ist die, durch eine Reihe von Machtsprüchen die wichtigsten Produktionsmittel als Nationaleigentum zu erklären und unter die gesellschaftliche Kontrolle zu stellen. Dann beginnt aber erst die eigentliche und die schwierigste Aufgabe: der Aufbau der Wirtschaft auf ganz neuen Grundlagen. Heute wird die Produktion in jedem Unternehmen von dem einzelnen Kapitalisten auf eigene Faust geleitet. Was und wie produziert werden soll, wo, wann und wie die hergestellten Waren verkauft werden sollen, bestimmt der Unternehmer. Die Arbeiter kümmern sich um all dies gar nicht, sie sind ja nur lebende Maschinen, die ihre Arbeit zu verrichten haben. In der sozialistischen Wirtschaft muss dies alles anders werden! Der private Unternehmer verschwindet. Die Produktion hat dann nicht mehr den Zweck, einen einzelnen zu bereichern, sondern der Allgemeinheit Mittel zur Befriedigung aller Bedürfnisse zu liefern. Demgemäß müssen die Fabriken, Werke, die landwirtschaftlichen Betriebe nach völlig neuen Gesichtspunkten umgestaltet werden:

 

Erstens : Wenn die Produktion den Zweck haben soll, allen ein menschenwürdiges Leben zu sichern, allen reichlich Nahrung, Kleidung und sonstige kulturelle Existenzmittel zu liefern, dann muss die Ergiebigkeit der Arbeit eine viel größere sein als heute. Die Äcker müssen eine viel höhere Ernte liefern, in den Fabriken muss die höchste Technik angewendet werden, von den Kohlen- und Erzgruben müssen nur die allerergiebigsten ausgebeutet werden usw. Daraus folgt, dass die Sozialisierung sich vor allem auf die Großbetriebe in der Industrie und Landwirtschaft erstrecken wird. Dem Kleinbauern und dem Kleinhandwerker, die sich mit eigener Arbeit auf ihrem Stückchen Land oder in ihrer Werkstatt durchschlagen, brauchen und wollen wir ihr bisschen Besitz nicht wegnehmen. Sie alle werden schon mit der Zeit freiwillig zu uns kommen und die Vorzüge des Sozialismus vor dem Privateigentum einsehen lernen.

 

Zweitens: Damit alle in der Gesellschaft den Wohlstand genießen können, müssen alle arbeiten. Nur wer irgendeine nützliche Arbeit für die Allgemeinheit verrichtet, sei es Handarbeit oder Kopfarbeit, darf beanspruchen, dass auch er Mittel zur Befriedigung seiner Bedürfnisse von der Gesellschaft zugewiesen bekommt. Ein müßiges Leben, wie es jetzt die reichen Ausbeuter meist führen, hört auf. Allgemeine Arbeitspflicht für alle Arbeitsfähigen, wovon natürlich kleine Kinder sowie Greise und Kranke ausgenommen sind, ist in der sozialistischen Wirtschaft eine Selbstverständlichkeit. Für die Arbeitsunfähigen muss die Allgemeinheit ohne weiteres sorgen – nicht wie heute durch kümmerliche Almosen, sondern durch reichliche Verpflegung, gesellschaftliche Erziehung für Kinder, behagliche Versorgung für Alte, öffentliche Gesundheitspflege für Kranke usw.

 

Drittens muss von denselben Gesichtspunkten aus, das heißt zum Wohl der Allgemeinheit, mit Produktionsmitteln wie mit Arbeitskräften verständig gewirtschaftet und gespart werden. Die Vergeudung, wie sie heute auf Schritt und Tritt stattfindet, muss aufhören. So müssen natürlich die gesamten Kriegs- und Munitionsindustrien abgeschafft werden, denn die sozialistische Gesellschaft braucht keine Mordwaffen, und anstatt dessen müssen die darin verwendeten kostbaren Stoffe und Arbeitskräfte für nützliche Produktionen verwendet werden. Ebenso müssen die Luxusindustrien verschwinden, die heute allerlei Firlefanz für die reichen Nichtstuer herstellen, und ebenso die persönliche Dienerschaft. Alle die hier festgelegten Arbeitskräfte werden eine nützlichere und würdigere Beschäftigung finden.

 

Wenn wir nun auf diese Weise ein Volk von Arbeitenden herstellen, wo alle für alle arbeiten, zum allgemeinen Wohl und Nutzen, dann muss viertens die Arbeit selbst ganz anders gestaltet werden. Heutzutage ist die Arbeit in der Industrie wie in der Landwirtschaft und auch im Kontor oder Büro meist eine Qual und eine Last für die Proletarier. Man geht zur Arbeit, weil man muss, weil man sonst die Mittel zum Leben nicht bekommen würde. In der sozialistischen Gesellschaft, wo alle gemeinsam zum eigenen Wohle arbeiten, muss natürlich bei der Arbeit auf die Gesundheit und die Arbeitslust die größte Rücksicht genommen werden. Kurze Arbeitszeit, die die normale Leistungsfähigkeit nicht übersteigt, gesunde Arbeitsräume, alle Mittel zur Erholung und Abwechslung der Arbeit müssen eingeführt werden, damit jeder mit Lust und Liebe an seinem Teil schafft. Zu allen diesen großen Reformen gehört aber ein entsprechendes Menschenmaterial. Heute steht hinter dem Arbeiter der Kapitalist mit seiner Peitsche – ob selbst, ob durch seine Werkmeister und Aufseher. Der Hunger treibt den Proletarier in die Fabrik, zum Junker oder Großbauern auf die Arbeit, ins Büro, in das Kontor. Der Unternehmer passt dann schon auf, dass die Zeit nicht vertrödelt, dass Material nicht vergeudet, dass gute und tüchtige Arbeit geliefert wird. In der sozialistischen Wirtschaft fällt der Unternehmer mit seiner Peitsche fort. Die Arbeiter sind hier freie und gleiche Menschen, die zu eigenem Wohl und Nutzen arbeiten. Da heißt es eben, von selbst, aus eigenem Antrieb fleißig arbeiten, keine Verschwendung mit dem gesellschaftlichen Reichtum treiben, reellste und pünktlichste Arbeit liefern. Jede sozialistische Unternehmung braucht natürlich ihre technischen Leiter, die die Sache genau verstehen, die das Nötigste anordnen, damit alles klappt, damit die richtigste Arbeitsteilung und die höchste Leistungsfähigkeit erzielt wird. Da heißt es nun, diesen Anordnungen willig und voll und ganz folgen, Disziplin und Ordnung halten, keine Reibungen, kein Durcheinander herbeiführen. Mit einem Wort: Der Arbeiter der sozialistischen Wirtschaft muss zeigen, dass er auch ohne die Hungerpeitsche, ohne den Kapitalisten und seinen Antreiber hinter dem Rücken fleißig und ordentlich arbeiten, Disziplin halten und sein Bestes leisten kann. Dazu gehören innere Selbstzucht, geistige Reife, sittlicher Ernst, dazu gehört das Gefühl der Würde und der Verantwortlichkeit, eine ganze innere Wiedergeburt des Proletariers. Mit faulen, leichtsinnigen, egoistischen, gedankenlosen und gleichgültigen Menschen kann man keinen Sozialismus verwirklichen. Sozialistische Gesellschaft braucht Menschen, von denen jeder an seinem Platz voller Glut und Begeisterung für das allgemeine Wohl ist, voller Opferfreudigkeit und Mitgefühl für seine Mitmenschen, voller Mut und Zähigkeit, um sich an das Schwerste zu wagen.

 

Wir brauchen aber nicht etwa Jahrhunderte oder Jahrzehnte zu warten, bis ein solches Geschlecht von Menschen heranwachse. Gerade jetzt, im Kampf, in der Revolution lernen die Massen der Proletarier den nötigen Idealismus und erwerben sich früh die geistige Reife. Mut und Ausdauer, innere Klarheit und Opferfreudigkeit brauchen wir ja auch, um die Revolution überhaupt weiter zum Siege zu führen. Indem wir tüchtige Kämpfer der heutigen Revolution werben, schaffen wir künftige sozialistische Arbeiter, wie sie als Grundlage einer neuen Ordnung sein müssen. Zumal die arbeitende Jugend ist zu diesen großen Aufgaben berufen. Sie wird ja als die künftige Generation ganz sicher schon das wahre Fundament der sozialistischen Wirtschaft bilden. Es ist nun ihre Sache, jetzt schon zu zeigen, dass sie der großen Aufgabe als Trägerin der Zukunft der Menschheit gewachsen ist. Es ist eine ganze alte Welt noch zu stürzen und eine ganze neue aufzubauen. Aber wir schaffen's, junge Freunde, nicht wahr? Wir schaffen's! Wie heißt es doch im Lied:

 

Uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,

 

als all das, was durch uns gedeiht,

 

um so frei zu sein, wie die Vögel sind:

 

nur Zeit!

 

 

 

 

Rosa Luxemburg: