Arbeiteremigration: Das Ergebnis kapitalistischer Gewaltpolitik

"Sowenig die kapitalistische Produktion sich auf die Naturschätze und Produktivkräfte der gemäßigten Zonen beschränken kann,...sowenig kann sie mit der Arbeitskraft der weißen Rasse allein auskommen". (Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals, Ges. Werke, Bd. 5, 2. Teil, S. 311)

Laut der verlogenen bürgerlichen Propaganda ist der Weltmarkt für Arbeitskraft (und damit das sog. "Ausländerproblem") dadurch entstanden, daß die "fleißigen" Europäer, Nord-Amerikaner und Japaner ihre Länder so reich gemacht haben, daß alle anderen Völker "bei uns" wohnen wollen, um sich einen Teil "unseres Wohlstands" zu erschleichen.

In Wirklichkeit aber ist dieser Reichtum der bürgerlichen Schmarotzer das Ergebnis jahrhundertelanger Ausbeutung nicht nur der Arbeiterklasse der Metropolen sondern der Arbeiter der Bevölkerung aller Erdteile. Weit entfernt davon, das Resultat der Habgier der "rückständigen Völker" nach europäischem Luxus zu sein, ist der Weltmarkt für Arbeitskraft entstanden mittels rücksichtsloser Gewalt der kapitalistischen Staaten, da die Menschen aller Kontinente regelrecht gezwungen werden mußten, ihre Heimat zu verlassen und für das Kapital zu schuften.

Die gewaltsame Enteignung der Bauern in Europa des ausgehenden Mittelalters und ihre Vertreibung in die Städte als Lohnarbeiter (die 'ursprüngliche Akkumulation', die Marx anhand Englands des 16. Jahrhunderts so eindrucksvoll im Kapital Bd. I beschrieb), wurde von Anfang an durch eine blutige Arbeitskraftmobilisierung außerhalb Europas begleitet. Es begann mit der Sklavenarbeit der indianischen Wanderarbeiter ganz Amerikas in den Bergwerken, wodurch Europa damals mit Gold und Silber überflutet wurde. Allein durch das Fördern und Verarbeiten der Silbererze starben binnen 300 Jahren 8 Mio. Eingeborene. Die Bevölkerung Mexikos z.B. fiel von 1518 25 Mio. auf 1605 1 Mio. infolge von Überarbeitung und Massakern.

Als im 18. Jahrhundert die landwirtschaftliche Plantagenproduktion für den Weltmarkt in den Kolonien aufkam, organisierten die europäischen Kapitalisten dafür die wohl größte Zwangsmigration von Arbeitskräften aller Zeiten. Weit über 50 Mio. Menschen wurden aus Afrika geraubt, und als Sklaven in die USA, Brasilien und die Karibik verkauft. GB z.B. bezog dank der dortigen Sklavenarbeit damals viermal soviel Einkommen aus dem Handel mit den westindischen Inseln als aus dem Handel mit der gesamten übrigen Welt.

"Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt unserer heutigen Industrie ebenso wie die Maschinen, der Kredit etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Erst die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben, erst die Kolonien haben den Welthandel geschaffen, der Welthandel ist die notwendige Bedingung der maschinellen Großindustrie". (Marx, MEW, Bd. 27, S. 458).

Die Sklaverei wurde nicht abgeschafft, weil die Kapitalisten humaner wurden, sondern weil in den USA die Lohnarbeit produktiver war; weil im 19. Jahrhundert die Kolonisierung Afrikas einsetzte (so daß die schwarzen Arbeitskräfte dort benötigt wurden), und weil eine neue, billigere Arbeit der Halbsklaverei aufkam: das Kuli-System. Die zwangsweise Verschleppung von Arbeitskräften in der ganzen Welt im Interesse des Kapitals ging also weiter.

Während in Afrika massiv Zwangs- und Wanderarbeit angewandt wurde (allein in Belgisch-Kongo starben dadurch in den 20 Jahren nach 1885 8 Mio. Menschen), wurden zwischen 1830-1930 aus Indien, China, Java, Japan über 30 Mio. Kulis durch Gewalt, List und die Ausnutzung von Hungersnöten nach den USA, Australien und die europäischen Kolonien verfrachtet. Die vorsätzliche Zerstörung z.B. der landwirtschaftlichen Kanalisationssyteme Indiens sowie die aufgezwungene Opiumeinfuhr nach China durch die europäische Kapitalistenklasse halfen, die Arbeitskräfte dieser Länder "freizusetzen".

Diese weitgehend unbekannte, weil verschwiegene Geschichte der Entstehung des Weltarbeitsmarkts zeigt die wirkliche Quelle des heutigen sog. "Ausländerproblems". Vier Jahrhunderte lang fußten die kapitalistischen Arbeitskräftewanderungen teils vorwiegend, teils ausschließlich auf brutalstem Zwang sowie auf der Vernichtung der wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen der Einwohner von 3 Kontinenten. (1) Aber auch "eigene" europäische Arbeitskräfte wurden zwangsverfrachtet, um neue Gebiete zu erschließen (z.B. die Sträflingsarbeit in Australien oder Sibirien).

Weit davon entfernt, über den vom kapitalistischen Europa bescherten "Wohlstand" begeistert zu sein, begingen z.B. die schwarzen Sklaven und die asiatischen Kulis zu Tausenden Massenselbsttötungen.

 

DAS 20. JAHRHUNDERT - DER GIPFEL DER BARBAREI

Glaubt man der bürgerlichen Propaganda, so sollte man meinen, der Weltarbeitsmarkt sei im "fortschrittlichen 20. Jahrhundert" weniger barbarisch und gewaltsam als zuvor. Aber das Gegenteil trifft zu. Daß Formen des Sklavenhandels und der Kuliarbeit bis tief in unser Jahrhundert hinein fortdauerten, daß die Reste der Staatssklaverei in den niederländischen Kolonien erst 1941 abgeschafft wurden (1 Jahr nach der Besetzung des "demokratischen" Hollands durch die faschistische deutsche Wehrmacht), daß es in den Weltkriegen in Deutschland, Japan usw. sowie jahrzehntelang in der UdSSR wieder millionenfache Verschleppungen und Sklavenarbeit gegeben hat, ist dabei nicht mal die Hauptsache.

Die Entstehung des Weltarbeitsmarkts zwischen 1500 - 1900, so unbeschreiblich brutal sie auch war, fand im Rahmen einer mächtigen ENTWICKLUNG der Produktivkräfte statt. Die gewaltsamen Arbeitskräftewanderungen ermöglichten die Ernährung einer unglaublich schnell sich entwickelnden städtischen Bevölkerung, die Entstehung der Industriegesellschaft, die Entwicklung einer kapitalistischen Infrastruktur (Eisenbahnen, Suez- und Panama-Kanäle usw.). Mehr noch: die millionenfache Auswanderung von Europa vor allem nach den USA und von der Ost- zur Westküste Nordamerikas, schufen durch die steten Exporte der Arbeitslosen (Reservearmee) die notwendigen günstigen Entwicklungsbedingungen in den Industriezentren für eine Arbeiterbewegung, die sich von dem Schrecken der "ursprünglichen Akkumulation" erholte und nacheinander drei Internationalen gründete.

Die letzten Endes fortschrittliche Rolle des Weltarbeitsmarktes bis 1900 (trotz alledem!) sowie seine zerstörerische Natur seitdem verdeutlicht sich anhand der demographischen Entwicklung. Zwischen 1750 und 1900 kämpften die Kolonialherren in den Kolonien ständig mit dem Problem des Arbeitskräftemangels, weil die dortigen vorkapitalistischen Strukturen, worin die Einheimischen eingebunden waren, kaum Arbeitskräfteüberschuß produzierten. In Europa dagegen fand wegen verbesserter landwirtschaftlicher, industrieller, medizinischer Methoden eine Bevölkerungsexplosion statt, wobei die Menschenüberschüsse von dort in die neue Welt produktiv exportiert werden konnten. Und insgesamt ging die Arbeitskraftwanderung hin zu Gebieten, die kapitalistisch noch zu entwickeln waren.

Von 1900 bis heute ist das genau umgekehrt. Die Auflösung der vorkapitalistischen Strukturen, ohne daß eine echte kapitalistische Entwicklung stattfindet, stellt die Bevölkerungsmehrheit der "peripheren" Länder außerhalb des Produktionsprozesses. Die Regelung der Geburtenrate versagt, die Fortpflanzung erscheint oft als einzige Überlebensmöglichkeit der Familieneinheiten. Diese BEVÖLKERUNGSEXPLOSION entspringt nicht mehr einer Entwicklung, sondern dem Ausbleiben dieser Entwicklung. In den Industriestaaten dagegen geht die Geburtenrate stetig zurück, weil die reine Lohnarbeit bei höchster Produktivität und Ausbeutung eine höhere Geburtenrate nicht mehr zuläßt. Der Arbeitskräftestrom ist jetzt umgekehrt: von den unterentwickelten, hin zu den entwickelten Gebieten, was offenbar unsinnig ist.

Aber die Gebiete mit niedriger Geburtenrate können diesen Überschuß nicht aufnehmen, weil sie aufgrund der permanenten Massenarbeitslosigkeit trotzdem selber einen eigenen Arbeitskräfteüberschuß produzieren. Das Hauptmerkmal der Weltwirtschaft ist nicht mehr Entwicklung sondern Zerstörung.

Deshalb werden die Industriestaaten infolge von zerstörerischen Kriegen für fremde Arbeitskräfte am aufnahmefähigsten: Kriegsgefangene in Deutschland, oder kriegsbedingte Arbeitereinwanderungen aus Mexiko in den USA im 2. Weltkrieg und im Koreakrieg, Wiederaufbau und Arbeitsmarktaufstockung nach 1945. Diese Arbeitermigration erfordert keinen Sklavenhandel mehr. Infolge von Hungersnöten, Katastrophen, Kriegen usw. geht das von ganz allein. Vielmehr übt der bürgerliche Staat Gewalt aus, um diese Arbeiterwanderung zu verhindern, oder gar rückgängig zu machen (wie 1983, als über 2 Mio. Gastarbeiter aus Nigeria gewaltsam vertrieben wurden).

Der dekadente Kapitalismus produziert stets ein zuviel an Menschen, die, was vom Standpunkt des Kapitals aus gesehen, überflüssig sind und gar nicht schnell genug verrecken können. Die Hungersnöte der Peripherie sowie die Massenarbeitslosigkeit der Industriestaaten sind Zeugen dieser aller fatalsten Überproduktion. Die Barbarei, die der Weltkapitalismus erzeugt hat, soll jetzt gegen die Arbeiterklasse eingesetzt werden, indem wir in einheimische und ausländische Konkurrenten gespalten werden. Aber die Arbeiter aller Länder haben ein gemeinsames Interesse, die Reichtümer dieser Erde, die wir seit Generationen gezwungenermaßen in aller Welt unter schlimmster Ausbeutung gemeinsam erarbeitet haben, auch gemeinsam durch die Zerschlagung des Kapitalismus anzueignen. Und gerade die Arbeiter der Industriestaaten (die Hauptzielscheibe der jetzigen chauvinistischen Spaltungspropaganda) tragen hierbei eine besondere Verantwortung.

"Nur aus Europa, nur aus den ältesten, kapitalistischen Ländern kann, wenn die Stunde reif ist, das Signal zur menschenbefreienden, sozialen Revolution ausgehen... Nur sie können, wenn die Zeit kommt, für die jahrhundertealten Verbrechen des Kapitalismus an allen primitiven Völkern, für sein Vernichtungswerk auf dem Erdenrund Rechenschaft fordern und Vergeltung üben" (R. Luxemburg, Juniusbroschüre, Ges. Werke, Bd. 4, S. 162).

Groener, Aug. 1989

(1) "... also gerade den ständigen Übergang der Arbeitskräfte aus nicht-kapitalistischen Verhältnissen in kapitalistische, also Ausscheidungsprodukt nicht der kapitalistischen, sondern vor-kapitalistischer Produktionsweise in dem fortschreitenden Prozeß ihres Zusammenbruchs und ihrer Auflösung" (R. Luxemburg, "Die Akkumulation des Kapitals", GW Bd. 5, S. 311).

(2) Wertvolle Dokumentation zu diesem Thema: "Weltmarkt für Arbeitskraft", Lydia Potts.