Ein schreckliches Massaker! Die Unterdrückung der Demonstrierenden im Iran kennt keine Grenzen mehr; das Mullah-Regime, die Fraktion der iranischen Bourgeoisie an der Macht, kämpft um sein Überleben, es weiß das und reagiert wie alle bourgeoisen Fraktionen in Bedrängnis. Es schießt in die Menge! Es mordet, wie bereits bei den Demonstrationen von 2019 gegen den plötzlichen Anstieg der Benzinpreise oder bei den Demonstrationen nach dem Tod von Mahsa Amini im Jahr 2022. Aber heute ist diese besonders rückständige Fraktion der iranischen Bourgeoisie durch allgemeine Proteste und Wut im Land in die Enge getrieben und reagiert mit beispielloser Grausamkeit, um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels liegen mehr als 16.000 Tote in den Leichenhallen des Landes[1], ganz zu schweigen von den Verletzten, insbesondere mit Augenverletzungen, da die Sicherheitskräfte bevorzugt auf den Kopf schießen. Mehr als 26.000 Menschen wurden verhaftet[2] und Tausende von Todesurteilen wurden verhängt, was diese groß angelegte Repression zum größten Massaker seit den Massenhinrichtungen von 1988 macht.
Diese Repression wird jedoch nur den Hass auf das Regime verstärken und nichts an den wirtschaftlichen Turbulenzen ändern, die das Land erschüttern. Die iranische Wirtschaft litt zunehmend unter der Last der Kriegswirtschaft mit ihren enormen Militärausgaben und musste sich mit dem Zusammenbruch der Landeswährung (die 2025 30% ihres Wertes verlor) und einer außer Kontrolle geratenen Inflation (offiziell 52%) auseinandersetzen. Nichts wird die Verarmung eines wachsenden Teils der Bevölkerung und das Elend, von dem verschiedene soziale Schichten betroffen sind, aufhalten können. Doch diesmal waren es nicht die am stärksten benachteiligten und unterdrückten Schichten, die den Protest initiierten; der Wutausbruch ging von bürgerlichen Fraktionen aus, die bis dahin die Regierung unterstützt hatten. Es waren diese Fraktionen, die dem Protest von Anfang an ihre nationalistischen Forderungen aufdrückten.
Ausgehend vom Basar von Teheran, einer politischen Säule des bestehenden Regimes, wurden bei den Demonstrationen schnell Slogans für eine verstärkte Unterstützung der nationalen Wirtschaft („Weder Gaza noch Libanon, mein Leben sei dem Iran geopfert“) laut, die die Beschwerden der Händler und Immobilienbesitzer zum Ausdruck brachten. Trotz der Versuche des Regimes, die soziale Unzufriedenheit einzudämmen, indem es ein wenig nachgab in Bezug auf die „individuellen Freiheiten“, gewann die von verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie und des Kleinbürgertums initiierte Bewegung an Dynamik, und auf dieser Welle schlossen sich massenhaft Demonstrierende aus allen Schichten der Gesellschaft an. Die Wut, die Ende Dezember in der Mehrheit der Bevölkerung massiv zum Ausdruck kam, ließ sich nicht mehr durch einige oberflächliche Zugeständnisse besänftigen und führte zu Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften im ganzen Land.
Das Ausmaß der Wut und Verzweiflung („Wir sind sowieso schon tot “, Schlachtruf der Demonstrierenden) ist eine tragische Manifestation des Zerfalls des Kapitalismus, der Empörung und Auflehnung gegen Korruption, Elend und Unterdrückung hervorruft. Aufgrund ihres bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ursprungs und ihrer nationalistischen Ausrichtung zugunsten der Rettung der nationalen Wirtschaft entwickelten sich diese Demonstrationen jedoch auf einem Terrain, das zwangsläufig zu ihrer Instrumentalisierung durch verschiedene Fraktionen der iranischen Bourgeoisie zugunsten der Interessen der Opposition führte. Diese sind selbst von Rivalitäten und tiefsitzendem Hass zerfressen, alle unfähig einen Plan für die Führung des Landes vorzulegen, wobei die eine Fraktion zur „Demokratisierung“ des Iran aufrief, andere zur Rückkehr des Sohnes des ehemaligen Schahs. Hinter diesen rivalisierenden Cliquen verbergen sich auch imperialistische Geier, jeder mit seinem eigenen Plan, wie Trump, der den Demonstranten Hilfe versprach und von einigen sogar aufgefordert wurde, militärisch zu intervenieren, um die Proteste zu unterstützen.
Unabhängig vom Ausgang dieser inneren Auseinandersetzungen und der Einmischung von außen ist der Iran einem großen Risiko der Zersplitterung ausgesetzt, da er aus einem Mosaik von Minderheiten besteht, darunter Kurden, Aserbaidschaner, Araber und Belutschen, auf die lokale Fraktionen und ausländische Mächte Einfluss nehmen. Die zentrifugalen Tendenzen, die zum Zerfall des Landes führen, können nur zunehmen und drohen, nicht nur das Land, sondern die gesamte Region des Nahen und Mittleren Ostens in immense Instabilität und Barbarei zu stürzen. Die Proteste im Iran finden nicht auf proletarischem Boden statt. Wenn sich die Arbeiter und Arbeiterinnen daran beteiligen, haben sie alles zu verlieren, und es besteht die Gefahr, dass eine ganze Generation der Arbeiterklasse zugunsten von bürgerlichen Cliquen ausgelöscht wird, die ebenso barbarisch und ausbeuterisch sind wie die Mullahs und keine Zukunft haben. Während der Kapitalismus unaufhaltsam im Chaos versinkt, hat keine Fraktion der Bourgeoisie eine andere Perspektive zu bieten als Barbarei und Elend.
Die Heuchelei der weltweiten Bourgeoisie kennt keine Grenzen, wenn es darum geht, ihre eigenen nationalen Interessen zu fördern. So zeigen sich Russland und China, Verbündete des blutigen Regimes in Teheran, zynisch „besorgt über das Gespenst des Chaos im Land“ und rufen zu „Frieden und Stabilität“ auf (sic!). Die verschiedenen europäischen Staaten beschränkten sich ihrerseits darauf, die iranischen Botschafter vorzuladen, um ihre „Missbilligung“ angesichts der Lage zum Ausdruck zu bringen. Trump hingegen ließ die Demonstrierenden im Iran glauben, er stehe auf ihrer Seite, versprach ihnen zu Hilfe zu kommen, und drohte dem Mullah-Regime mit schrecklichen Vergeltungsmaßnahmen – um schließlich eine Kehrtwende zu machen und den Weg für blutige Repressionen frei zu machen, während er zynisch versicherte, er habe von der iranischen Regierung Garantien erhalten, dass die Repressionen aufhören würden. In Wirklichkeit schert sich Trump nicht um die iranische Bevölkerung: Für ihn geht es vor allem darum, mit einem Regime abzurechnen, das seit 1979 ein Feind der USA ist, es daran zu hindern, seine Atomkraft auszubauen und weiterhin als Störfaktor im Nahen Osten zu agieren, und schließlich die unübertroffene militärische Macht der Vereinigten Staaten zu demonstrieren, während er gleichzeitig dem Druck der arabischen Ölmonarchien ausgesetzt ist, die vor allem eine Implosion des Iran befürchten, die zu einem Ausbruch von Chaos in der gesamten Golfregion führen würde. Auch Israels Heuchelei ragt heraus, ein Regime, das in den letzten zwei Jahren seine Grausamkeit offen gezeigt hat. Nach massiven Bombardierungen in Palästina, im Libanon, in Syrien oder im Iran, nach dem Massaker an unschuldigen Palästinenserinnen und Palästinensern im Gazastreifen und den unaufhörlichen Angriffen auf die gleiche Bevölkerungsgruppe im Westjordanland wagt es Netanjahu, sich offen als Verteidiger des iranischen Volkes gegen das „Joch der Tyrannei“ zu präsentieren und ruft die Bevölkerung dazu auf, auf die Straße zu gehen, um sich massakrieren zu lassen. In Wirklichkeit rechnet er zynisch damit, dass diese Zusammenstöße den imperialistischen Konkurrenten Iran in der Region noch weiter schwächen werden.
Was das Mullah-Regime angeht, das ohne mit der Wimper zu zucken seine „revolutionäre“ und moralische Überlegenheit betont und – sogar mit Zustimmung eines Teils der „antiimperialistischen“ extremen Linken – behauptet, gegen die imperialistische Vorherrschaft der USA und Israels in der Welt zu kämpfen, steht diesem in Sachen Zynismus und Barbarei in nichts nach, sei es durch die gigantische Korruption, die das Regime zerfrisst, oder durch die brutale Unterdrückung der eigenen Bevölkerung, sowohl bei Demonstrationen als auch durch die massenhafte Hinrichtung von Mitgliedern der politischen Opposition.
Alle Bourgeoisien der Welt sind vom gleichen Schlag wie die Mörder in Teheran. Alle haben auf die eine oder andere Weise das Blut der Bevölkerung und namentlich von Proletarier:innen in ihren Kriegen und anderen imperialistischen Kreuzzügen oder einfach bei ihren zahlreichen brutalen Unterdrückungsmaßnahmen vergossen. Der Iran ist kein Einzelfall, sondern ein besonders karikaturaler Ausdruck einer grundlegenden Tendenz der Periode des Zerfalls des Kapitalismus, die wir derzeit erleben: den unkontrollierbaren Zusammenbruch der Weltwirtschaft; die absolute Verarmung immer größerer Teile der Menschheit, auch in den zentralen Ländern; die sich in alle Richtungen entwickelnden imperialistischen Spannungen, die zu einem allgemeinen Wettrüsten führen; die Tendenz aller Regime, ob demokratisch oder nicht, zu einer immer offener repressiven totalitären Regierungsform. Angesichts dieser Situation muss die Arbeiterklasse vermeiden, sich in die bürgerliche Falle von Revolten mit der Forderung eines „Regimewechsels“ locken zu lassen, und sie muss darauf achten, sich nicht in die Abrechnungen der verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse hineinziehen zu lassen. Sie muss vielmehr den Kampf für ihre eigenen Forderungen führen, ausgehend von der Verteidigung ihrer eigenen Klasseninteressen, wie es das iranische Proletariat seit Ende der 1970er Jahre mehrfach getan hat. Dies wird für sie der einzige Weg sein, ihren Kampf langfristig zu politisieren und ihre revolutionäre Perspektive zu bekräftigen.
HG, 15. Januar 2026