Dekadenz des Kapitalismus

Welche wissenschaftliche Methode benötigen wir, um die gegenwärtige
gesellschaftliche Ordnung und die Bedingungen und Mittel ihrer Aufhebung zu
verstehen?

Im ersten Teil dieser Serie untersuchten wir die Abfolge der Weltkriege, Revolutionen
und globalen Wirtschaftskrisen, die den Eintritt des Kapitalismus in seine
Niedergangsepoche im frühen 20. Jahrhundert ankündeten und die die Menschheit
vor die historische Alternative stellen: Errichtung einer höheren
Produktionsweise oder Rückfall in die Barbarei. Aber das Verständnis der
Ursprünge und Ursachen der Krisen, denen sich die Menschheit gegenübersieht,
bedarf einer Theorie, die die gesamte Bewegung der Geschichte umfasst.
Allgemeine Geschichtstheorien sind nicht mehr angesagt unter den offiziellen
Historikern, die mit Fortdauer der Niedergangsepoche des Kapitalismus zunehmend
in Verlegenheit gerieten, irgendeinen Über- und einen wirklichen Einblick in
die Quellen der Spirale von Katastrophen anzubieten, die diese Periode
gekennzeichnet haben. Große historische Visionen sind nicht mehr in Mode; sie
werden abgetan als Abkömmlinge des idealistischen deutschen Philosophen Hegel
oder der allzu optimistischen englischen Liberalen, die auf dem gleichen Gebiet
die Idee eines stetigen Fortschritts der Geschichte aus der Dunkelheit und
Tyrannei zur wunderbaren Freiheit der Bürger im modernen Verfassungsstaat
entwickelten.

 

In der Tat ist diese Unfähigkeit, die
historische Bewegung in ihrer Gesamtheit zu sehen, kennzeichnend für eine
Klasse, die nicht mehr für den historischen Fortschritt steht und deren
Gesellschaftssystem der Menschheit keine Zukunft mehr anbieten kann. Als die
Bourgeoisie noch davon überzeugt war, dass ihre Produktionsweise im Vergleich
zu früheren Gesellschaftsformen einen fundamentalen Fortschritt für die
Menschheit darstellte und als sie die Zukunft mit dem wachsenden
Selbstvertrauen einer im Aufstieg befindlichen Klasse betrachten konnte, da
konnte sie noch einen längeren Blick zurück, aber auch nach vorn wagen. Die
Schrecken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versetzten diesem Vertrauen
den Todesstoß. Nicht nur dass symbolische Ortsnamen wie die Somme oder
Passchendaele, wo Zehntausende von jungen Eingezogenen im I. Weltkrieg
abgeschlachtet wurden, oder Auschwitz und Hiroshima, synonym für den Massenmord
an Zivilisten durch den Staat, oder gleichermaßen symbolische Daten wie 1914,
1929 und 1939 alle früheren Behauptungen über den Fortschritt in Frage stellen;
sie legen auch auf alarmierende Weise nahe, dass die gegenwärtige
Gesellschaftsordnung nicht so ewig sein wird, wie es einst schien. Insgesamt
ziehen es die bürgerlichen Geschichtsschreiber angesichts der Aussicht auf ihr
eigenes Dahinscheiden - entweder durch den Kollaps ihrer Ordnung in eine
Anarchie oder, was für die Bourgeoisie auf dasselbe hinausläuft, durch ihren
Sturz durch die revolutionäre Arbeiterklasse - vor, Scheuklappen aufzusetzen
und sich selbst in einem engstirnigen Kurzzeit-Empirismus zu verlieren -
kurzzeitig und lokal - oder Theorien wie den Relativismus und Postmodernismus
zu entwickeln, die jeglichen Begriff einer fortschrittlichen Bewegung von einer
Epoche zur nächsten und jeglichen Versuch ablehnen, ein Entwicklungsmuster in
der menschlichen Geschichte auszumachen. Darüber hinaus wird diese Unterdrückung
des historischen Bewusstseins täglich im Bereich der Massenkultur verstärkt,
intensiviert durch die verzweifelten Bedürfnisse des Marktes: Alles von Wert
muss jetzt und neu sein, von nirgendwo kommend, ins Nirgendwo gehend.

Angesichts der Kleingeistigkeit
eines großen Teils der etablierten Gelehrtheit ist es kein Wunder, dass so
viele, die noch immer danach streben, den allgemeinen Sinn der Geschichte
insgesamt zu verstehen, von den Verkäufern des Schlangengifts der Religion und
des Okkultismus betört werden. Der Nazismus war eine frühe Manifestation dieses
Trends - ein Kunterbunt von okkultistischen Theosophien, Pseudo-Darwinismus und
rassistischen Verschwörungstheorien, die eine einfache Lösung all der Probleme
der Welt anbieten und jede weitere Notwendigkeit des Denkens wirksam
annullieren. Der islamische und christliche Fundamentalismus oder die zahllosen
Verschwörungstheorien über die Geheimgesellschaften, die die Geschichte
manipulieren, spielen heute dieselbe Rolle. Die offizielle bürgerliche Vernunft
versagt nicht nur darin, auch nur eine bescheidene Antwort auf die Probleme im
gesellschaftlichen Bereich anzubieten - sie hat es größtenteils aufgegeben,
diese Fragen erst zu stellen, und überlässt somit der Unvernunft das Feld, die
an ihren eigenen mythologischen Lösungen bastelt.

Die herrschende Weisheit
ist sich in einem gewissen Sinn all dessen bewusst. Sie ist bereit,
anzuerkennen, dass sie in der Tat einen Verlust ihres Selbstvertrauens erlitten
hat. Statt positiv die Lobpreisungen des liberalen Kapitalismus als die
feinsten Errungenschaften des menschlichen Geistes nachzubeten, neigt sie nun
dazu, ihn als die beste unter den schlechten Lösungen zu porträtieren,
sicherlich verunstaltet, aber allemal all den Formen des Fanatismus vorzuziehen,
die allem Anschein gegen sie aufgeboten werden. Im Lager der Fanatiker äußert
sich dies nicht nur im Faschismus oder im islamischen Terrorismus, sondern
betrifft auch den Marxismus, der nun endgültig als ein Markenzeichen für
utopischen Messianismus zurückgewiesen wird. Wie oft ist uns erzählt worden,
üblicherweise von drittklassigen Denkern, die die Allüren haben, etwas Neues zu
sagen: Die marxistische Geschichtsanschauung sei eine bloße Umkehrung des
judäisch-christlichen Mythos von der Geschichte als eine Erlösungsgeschichte;
der Urkommunismus sei der Garten Eden, der künftige Kommunismus das kommende
Paradies; das Proletariat sei das auserwählte Volk oder der leidende Knecht
Gottes, die Kommunisten seien die Propheten. Doch uns wird ebenfalls erzählt, dass
diese religiösen Projektionen alles andere als harmlos seien: Die Realität der
„marxistischen Herrschaft" habe gezeigt, wo solche Versuche, den Himmel auf
Erden zu verwirklichen, enden müssten - in der Tyrannei und in Arbeitslagern,
in dem irrsinnigen Projekt, die unvollkommene Menschheit nach seiner Vision von
Perfektion zu modellieren.

Und in der Tat wird diese
Analyse vom Werdegang des Marxismus im 20. Jahrhundert allem Anschein nach
bestätigt. Wer kann leugnen, dass Stalins GPU an die Heilige Inquisition
erinnert oder dass Lenin, Stalin, Mao und andere Große Führer zu den neuen
Göttern auserkoren wurden? Doch dieser Beweis ist zutiefst unsolide. Er beruht
auf der größten Lüge des Jahrhunderts: dass Stalinismus gleich Kommunismus
gewesen sei, wo er tatsächlich dessen totale Negation war. Wenn der Stalinismus
in der Tat eine Form der kapitalistischen Konterrevolution war, wie wirklich
revolutionäre Marxisten meinen, dann muss das Argument, dass die marxistische
Theorie unvermeidlich zum Gulag führen musste, in Frage gestellt werden.

Und wir können auch so
antworten, wie Engels dies in seinen Schriften über die Frühgeschichte des
Christentums getan hatte, nämlich dass die Ähnlichkeiten zwischen den Ideen der
modernen Arbeiterbewegung und den Worten der biblischen Propheten oder der
frühen Christen nicht befremdlich sind, da auch Letztere das Streben der
unterdrückten und ausgebeuteten Klassen und ihre Hoffnungen auf eine Welt, die
auf menschlicher Solidarität statt auf Klassenherrschaft beruht, repräsentierten.
Wegen der Einschränkungen, die von den Gesellschaftssystemen erzwungen wurden,
in welchen sie auftraten, konnten diese frühen Kommunisten nicht über die
religiöse oder mystische Vision einer klassenlosen Gesellschaft hinausgehen.
Heute ist dies nicht mehr der Fall, weil die historische Entwicklung die
kommunistische Gesellschaft zu einer rationalen Möglichkeit sowie zu einer
dringenden Notwendigkeit gemacht hat. Nur indem wir den modernen Kommunismus
nicht im Lichte alter Mythen betrachten, können wir die alten Mythen im Lichte
des modernen Kommunismus begreifen.

Für uns ist der Marxismus,
der historische Materialismus nichts, wenn nicht der theoretische Ausblick
einer Klasse, die eine neue und höhere gesellschaftliche Form in sich trägt.
Ihre Bemühungen, ja ihr Bedürfnis, die Geschichte der Vergangenheit und die
Perspektiven für die Zukunft zu untersuchen, sind somit nicht überschattet von
den Vorurteilen einer herrschenden Klasse, die letztendlich stets dazu
gezwungen ist, die Realität im Interesse ihres Ausbeutungssystems zu leugnen
und zu vernebeln. Die marxistische Theorie basiert auch, im Gegensatz zu den
romantischen Bestrebungen früherer ausgebeuteter Klassen, auf einer
wissenschaftlichen Methode. Sie mag zwar keine exakte Wissenschaft im Sinne der
Naturwissenschaften sein, da sie die Menschheit und ihre höchst komplexe
Geschichte nicht auf eine Reihe reproduzierbarer Laborexperimente reduzieren
kann - aber diesen Gesetzmäßigkeiten ist auch die Evolutionstheorie
unterworfen. Der Punkt ist, dass allein der Marxismus in der Lage ist, die
wissenschaftliche Methode auf die Untersuchung der herrschenden
Gesellschaftsordnung und auf die Gesellschaftsordnungen anzuwenden, die ihr
vorausgingen, indem er rigoros die beste geisteswissenschaftliche Forschung
nutzt, die die herrschende Klasse anbieten kann, und über sie hinausgeht sowie
eine höhere Synthese skizziert.

Vorwort zur Einführung in die Kritik der politischen
Ökonomie

1859 schrieb Marx, der über bis beide Ohren
tief n der Arbeit zum späteren Kapital steckte, eine kurze Schrift, dei eine
meisterhafte Zusammenfassung seiner gesamten historischen Methode wiedergibt.
Es war die Schrift, die „Zur Kritik der politischen Ökonomie" genannt wurde,
ein Text, der größtenteils verdrängt und überschattet wurde vom Erscheinen des Kapitals. Nachdem er uns einen komprimierten Bericht über seine
Gedankengänge von seinen ersten Wertstudien bis zu seiner damaligen
Hauptbeschäftigung, der politischen Ökonomie, gegeben hat, kommt Marx zum
springenden Punkt - dem „Das allgemeine Resultat...meine(r) Studien zum Leitfaden
diente". Hier wird die marxistische Geschichtstheorie mit meisterhafter
Präzision und Klarheit zusammengefasst. Wir beabsichtigen daher, diese Zeilen
so getreu wie möglich zu studieren, um die Grundlage für ein wirkliches
Verständnis der Epoche zu legen, in der wir leben.

Wir haben die wichtigste
Passage aus diesem Text in einem Anhang am Schluss dieses Artikels
zusammengefasst, aber hier beabsichtigen wir, jeden seiner Bestandteile im
Detail zu betrachten.

Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres
Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige
Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten
Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit
dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der
Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer
Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen
entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen,
politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt."

Der Marxismus wird häufig
von seinen Kritikern, bürgerlich-konvertionell oder pseudoradikal, als eine
mechanistische, „objektivistische" Theorie karikiert, die danach trachte, die
Komplexität des historischen Prozesses auf eine Serie von ehernen Gesetzen zu
reduzieren, über die die menschlichen Subjekte keine Kontrolle hätten und die
sie wie ein Moloch zu einem schicksalhaften, determinierten äußersten Resultat
trieben. Wenn uns nicht gar erzählt wird, dass er eine andere Form der Religion
sei, dann wird zumindest gesagt, dass das marxistische Gedankengut ein
typisches Produkt der unkritischen Anbetung der Wissenschaft im 19. Jahrhundert
und ihrer Illusionen in den Fortschritt sei, das danach strebe, die
vorhersagbaren, verifizierbaren Gesetze der natürlichen Welt - physikalisch,
chemisch, biologisch - auf die im wesentlichen unvorhersehbaren Muster im
gesellschaftlichen Leben anzuwenden. Marx wird schließlich als Autor einer
Theorie der unvermeidlichen und linearen Evolution von einer Produktionsweise
zur nächsten porträtiert, die unaufhaltsam von der primitiven Gesellschaft über
die Sklaverei, den Feudalismus und Kapitalismus zum Kommunismus führe. Und
dieser ganze Prozess sei umso mehr vorbestimmt, als er angeblich von einer rein
technischen Entwicklung der Produktivkräfte verursacht werde.

Wie alle Karikaturen
enthält auch dieses Bild ein Körnchen Wahrheit. Es ist zum Beispiel wahr, dass
es in der Periode der Zweiten Internationale, als es eine wachsende Tendenz zur
„Institutionalisierung" der Arbeiterparteien gegeben hatte, einen äquivalenten
Prozess auf der theoretischen Ebene gab, eine Widerstandslosigkeit gegenüber
den vorherrschenden Fortschrittskonzeptionen und eine gewisse Neigung,
„Wissenschaft" als ein Ding an sich zu betrachten, losgetrennt von den realen
Klassenverhältnissen in der Gesellschaft. Kautskys Idee vom wissenschaftlichen
Sozialismus, der durch die Intervention der Intellektuellen in die
proletarischen Massen injiziert werden müsse, war ein Ausdruck dieser Tendenz.
Dies war umso mehr der Fall, als im 20. Jahrhundert, nachdem so vieles von dem,
was einst den Marxismus ausgemacht hatte, nun zu einer offenen Rechtfertigung
für die kapitalistische Ordnung geworden war, mechanistische Visionen des
historischen Fortschritts nun offiziell kodifiziert wurden. Es gibt keine
deutlichere Demonstration dafür als Stalins Fibel des „Marxismus-Leninismus",
die Geschichte der KPdSU (Kurzfassung), wo die Theorie des Primats der
Produktivkräfte als die materialistische Geschichtsauffassung schlechthin
vorgestellt wird:

„Die zweite Besonderheit
der Produktion besteht darin, dass ihre Veränderungen und ihre Entwicklung mit
Veränderungen und Entwicklungen  der
Produktivkräfte und vor allem der Produktionsmittel beginnen. Die
Produktivkräfte sind deshalb das dynamischste und revolutionärste Element der
Produktion. Zunächst verändern sich die Produktivkräfte der Gesellschaft selber
und entwickeln sich; dann verändern sich im Verhältnis zu ihnen und in
Übereinstimmung mit dieser Veränderung die Produktionsverhältnisse zwischen den
Menschen, die wirtschaftlichen Verhältnisse."

Diese Konzeption des
Primats der Produktivkräfte fiel nahtlos mit dem fundamentalen Projekt des
Stalinismus zusammen: die „Entwicklung der Produktivkräfte" der UdSSR auf
Kosten des Proletariats mit dem Ziel, Russland zu einer Hauptmacht auf der Welt
zu machen. Es war vollkommen im Interesse des Stalinismus, die Anhäufung von
Schwerindustriebetrieben in den 1930er Jahren als Einzelschritte zum
Kommunismus darzustellen und jede Untersuchung der hinter dieser „Entwicklung"
befindlichen gesellschaftlichen Verhältnisse zu verhindern - die brutale
Ausbeutung der Klasse der LohnarbeiterInnen, mit anderen Worten: die Extraktion
von Mehrwert mit dem Ziel der Akkumulation des Kapitals.

Marx hat diese ganze
Herangehensweise in den ersten Zeilen des Kommunistischen Manifestes widerlegt,
die den Klassenkampf als die dynamische Kraft in der historischen Evolution
darstellen, mit anderen Worten: den Kampf zwischen verschiedenen
Gesellschaftsklassen („Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und
Leibeigener") um die Aneignung der Mehrarbeit. Sie wird nicht minder entschieden
von den einleitenden Zeilen unseres Zitats aus dem Vorwort widerlegt: „In der
gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte,
notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein..." Es sind
menschliche Wesen aus Fleisch und Blut, die „bestimmte, notwendige, von ihrem
Willen unabhängige Verhältnisse" eingehen, die Geschichte machen, nicht
„Produktivkräfte", nicht Maschinen, auch wenn es notwendigerweise eine enge
Verknüpfung zwischen den Produktionsverhältnissen und den Produktivkräften, die
sich für sie „eignen", gibt. Wie Marx es in einer anderen berühmten Stelle im
18. Brumaire des Louis Bonaparte formulierte: „Die Menschen machen ihre eigene
Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten,
sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten
Umständen."

Man beachte dabei: unter
Bedingungen, die sie nicht selbst gewählt haben; die Menschen treten in „von
ihrem Willen unabhängige Verhältnisse". Bisher zumindest. Unter den
Bedingungen, die in allen bis dahin existierenden Gesellschaftsformen
vorgeherrscht hatten, waren die gesellschaftlichen Verhältnisse, die die
Menschen unter sich bilden, mehr oder weniger unklar für sie, mehr oder weniger
überschattet von mythologischen und ideologischen Darstellungen; aus dem
gleichen Grunde tendieren mit dem Aufkommen der Klassengesellschaft die Formen
des Reichtums, den die Menschen durch diese Verhältnisse erzeugen, dazu, sich
ihnen zu entziehen, zu einer fremden Kraft zu werden, die über ihnen steht. In
dieser Sichtweise sind die Menschen keine passiven Produkte ihrer Umwelt oder
die Werkzeuge, die sie produzieren, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, sie
sind stattdessen noch nicht Meister ihrer eigenen gesellschaftlichen Kräfte
oder der Produkte ihrer eigenen Arbeit.

Gesellschaftliches Sein und gesellschaftliches
Bewusstsein

„Es ist nicht das
Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr
gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt (...) In der Betrachtung
solcher Umwälzungen muss man stets unterscheiden zwischen der materiellen,
naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen
Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen,
künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die
Menschen dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten. Sowenig man das,
was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebenso
wenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewusstsein beurteilen,
sondern muss vielmehr dies Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen
Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen
Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären."

Mit einem Wort, die Menschen machen
Geschichte, aber noch nicht in vollem Bewusstsein dessen, was sie tun. Von nun
an können wir uns, wenn wir den historischen Wandel untersuchen, nicht damit
zufrieden geben, das Gedankengut und den Glauben einer Epoche zu studieren oder
die Modifizierungen in den Regierungssystemen und Gesetzen zu prüfen. Um zu
begreifen, wie diese Ideen und Systeme entstehen, ist es notwendig, auf die
fundamentalen gesellschaftlichen Konflikte, die dahinter liegen, zurück zu
gehen.

Noch einmal: diese Herangehensweise an die
Geschichte missachtet nicht die aktive Rolle des Bewusstseins, des Glaubens und
der legal-politischen Formationen, ihren realen Einfluss auf die
Gesellschaftsverhältnisse und die Entwicklung der Produktivkräfte. Zum Beispiel
war die Ideologie der Sklavenhalterklasse in der Antike eine Ideologie, die der
Arbeit äußerste Geringschätzung entgegenbrachte. Diese Haltung spielte eine
wichtige Rolle dabei, dass die Umsetzung der sehr beachtlichen
wissenschaftlichen Fortschritte, die von den griechischen Denkern erzielt
wurden, in eine praktische Entwicklung der Wissenschaft, in allgemeine
Werkzeuge und Techniken, verhindert wurde, was die Arbeitsproduktivität erhöht
hätte. Doch die zugrundeliegende Realität hinter dieser Barriere war die
sklavische Produktionsweise an sich: Es war die Existenz der Sklaverei im
Zentrum der Wohlstandsmehrung der klassischen Gesellschaft, die die Quelle der
Geringschätzung der Arbeit durch die Sklavenhalter und ihrer Überzeugung war,
dass man, wollte man das Mehrprodukt erhöhen, sich mehr Sklaven verschaffen
musste.

In späteren Schriften
mussten Marx und Engels ihre theoretische Herangehensweise sowohl gegen
Kritiker als auch gegen fehlgeleitete Anhänger verteidigen, die das Diktum,
dass es das gesellschaftliche Sein ist, welches das gesellschaftliche
Bewusstsein bestimmt, auf die einfachst mögliche Art interpretierten, indem sie
beispielsweise vorgaben, dass dies bedeute, dass alle Mitglieder der
Bourgeoisie unvermeidlich dazu bestimmt seien, wegen ihrer ökonomischen
Gesellschaftsstellung nur in eine Richtung denken, oder, noch absurder, dass
alle Mitglieder des Proletariats unweigerlich ein klares Bewusstsein über ihre
Klasseninteressen hätten, weil sie der Ausbeutung unterworfen seien. Es war
genau solch eine reduktionistische Haltung, die Marx dazu veranlasste zu
behaupten: „Ich bin kein Marxist." Es gibt zahllose Gründe, warum in der
Arbeiterklasse, so wie sie existiert in der „Normalität" des Kapitalismus,
lediglich eine Minderheit ihre reale Klassensituation erkennt: nicht nur
Unterschiede in den individuellen Lebensgeschichten und Psychologien, sondern
auch und besonders die aktive Rolle, die von der herrschenden Ideologie
gespielt wird, um zu verhindern, dass die Beherrschten ihre eigenen
Klasseninteressen begreifen - eine herrschende Ideologie, die eine viel längere
Geschichte und Auswirkung hat als die unmittelbare Propaganda der herrschenden
Klasse, da sie in den Köpfen der Unterdrückten tief verinnerlicht ist. „Die
Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der
Lebenden", wie Marx es gleich nach der Passage aus dem 18. Brumaire über die
Menschen formulierte, die Geschichte unter Bedingungen machen, die nicht ihre
Wahl sind.

In der Tat zeigt Marx‘
Vergleich zwischen der Ideologie einer Epoche und dem, was ein Individuum über
sich selbst denkt, weit entfernt davon, reduktionistisch zu sein,
psychologische Tiefe: Es wäre ein schlechter Psychoanalytiker, der kein
Interesse daran zeigt, was ein Patient ihm über seine Gefühle und Überzeugungen
mitteilt, aber es wäre ein gleichfalls schlechter Analytiker, der kurz vor der
Selbstbewusstwerdung des Patienten stoppt und die Komplexität der versteckten
und unbewussten Elemente in seinem psychologischen Gesamtprofil ignoriert.
Dasselbe trifft auch auf die Geschichte der Ideen und auf die „politische"
Geschichte zu. Sie können uns viel darüber erzählen, was in einer vergangenen
Epoche geschah, doch für sich genommen, geben sie nur eine verzerrte
Widerspiegelung der Realität wider. Daher Marx‘ Ablehnung aller historischen
Vorgehensweisen, die an der Oberfläche der Ereignisse bleiben:

„Die ganze bisherige
Geschichtsauffassung hat diese wirkliche Basis der Geschichte entweder ganz und
gar unberücksichtigt gelassen oder sie nur als eine Nebensache betrachtet, die
mit dem geschichtlichen Verlauf außer allem Zusammenhang steht. Die Geschichte
muss daher immer nach einem außer ihr liegenden Maßstab beschrieben werden; die
wirkliche Lebensproduktion erscheint als Urgeschichtlich, während das
Geschichtliche als das vom gemeinen Leben Getrennte, Extra-Überweltliche
erscheint. Das Verhältnis der Menschen zur Natur ist hiermit von der Geschichte
ausgeschlossen, wodurch der Gegensatz von Natur und Geschichte erzeugt wird.
Sie hat daher in der Geschichte nur politische Haupt- und Staatsaktionen und
religiöse und überhaupt theoretische Kämpfe sehen können und speziell bei jeder
geschichtlichen Epoche die Illusion dieser Epoche teilen müssen. Z.B. bildet
sich eine Epoche ein, durch rein ‚politische‘ oder ‚religiöse‘ Motive bestimmt zu
werden, obgleich ‚Religion‘ und ‚Politik‘ nur Formen ihrer wirklichen Motive
sind, so akzeptiert ihr Geschichtsschreiber diese Meinung. Die ‚Einbildung‘,
die ‚Vorstellung‘ dieser bestimmten Menschen über ihre wirkliche Praxis wird in
die einzig bestimmende und aktive Macht verwandelt, welche die Praxis dieser
Menschen beherrscht und bestimmt. Wenn die rohe Praxis, in der die Teilung der
Arbeit bei den Indern und Ägyptern vorkommt, das Kastenwesen bei diesen Völkern
in ihrem Staat und ihrer Religion hervorruft, so glaubt der Historiker, das
Kastenwesen sei die Macht, welche die rohe gesellschaftliche Form erzeugt
habe."[1]

Epochen der sozialen Revolution

Wir kommen jetzt zur Passage aus dem Vorwort,
die am deutlichsten zu einem Verständnis der gegenwärtigen historischen Phase
im Leben des Kapitalismus führt: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung
geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den
vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür
ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt
hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse
in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein."

Auch hier zeigt Marx, dass
das aktive Element im historischen Prozess die gesellschaftlichen Verhältnisse
sind, in die sich die Menschen begeben, um das Lebensnotwendige herzustellen.
Wenn wir zurückblicken auf die Bewegung von einer Gesellschaftsformation zur
nächsten, wird es offensichtlich, dass es eine ständige Dialektik zwischen
Perioden, in denen diese Verhältnisse zu einer wirklichen Weiterentwicklung der
Produktivkräfte verhelfen, und jenen Perioden gibt, in denen dieselben
Verhältnisse zu einer Barriere gegen die Weiterentwicklung werden. Im
Kommunistischen Manifest zeigten Marx und Engels auf, dass die kapitalistischen
Produktionsverhältnisse, die aus der zerfallenden feudalen Gesellschaft
aufgetaucht waren, als eine zutiefst revolutionäre Kraft agierten, indem sie alle
stagnierenden, statischen Formen des gesellschaftlichen und ökonomischen Lebens
hinwegfegten, die ihnen im Weg standen. Die Notwendigkeit, miteinander zu
konkurrieren und so billig wie möglich zu produzieren, zwang die Bourgeoisie,
die Produktivkräfte ständig zu revolutionieren. Die unaufhörliche
Notwendigkeit, neue Märkte für ihre Waren zu finden, zwang sie, den gesamten
Erdball einzunehmen und eine Welt nach ihrem eigenen Bilde zu schaffen.

1848 waren die
kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse eindeutig eine „Entwicklungsform"
und hatten sich erst in einem oder zwei Ländern fest etabliert. Jedoch
veranlasste die Gewaltsamkeit der Wirtschaftskrisen im ersten Viertel des 19.
Jahrhunderts die Autoren des Manifests anfangs zur Schlussfolgerung, dass der Kapitalismus
bereits zu einer Fessel der Produktivkräfte geworden sei und die kommunistische
Revolution (oder zumindest der schnelle Übergang von der bürgerlichen zur
proletarischen Revolution) auf der unmittelbaren Tagesordnung stünde.

„In den Handelskrisen wird
ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits
geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine
gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn
erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich
plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot,
ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten
zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie
zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel
besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr
zur Beförderung der bürgerlichen Zivilisation und der bürgerlichen
Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu gewaltig für diese
Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies
Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in
Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die
bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten
Reichtum zu fassen."[2]

Mit der Niederlage der
Revolutionen von 1848 und der enormen Expansion des Weltkapitalismus, die in
der folgenden Periode stattfand, sollten sie diese Ansicht revidieren, auch
wenn sie noch immer ungeduldig auf die Ankunft des langersehnten Zeitalters der
sozialen Revolution warteten, auf den Tag der Abrechnung mit der arroganten
Herrschaft des Weltkapitals. Doch der Kern dieser Herangehensweise ist die
grundlegende Methode: die Erkenntnis, dass eine Gesellschaftsordnung nicht
weggefegt werden kann, ehe sie endgültig in Konflikt mit der Weiterentwicklung
der Produktivkräfte getreten ist und die gesamte Gesellschaft in eine Krise
gestürzt hat, die keine zeitweilige, keine Jugendkrise ist, sondern ein ganzes
„Zeitalter" von Krisen, Erschütterungen, der sozialen Revolution, in einem
Wort: eine Krise der Dekadenz.

1858 kehrte Marx erneut zu
dieser Frage zurück: „Die eigentliche Aufgabe der bürgerlichen Gesellschaft ist
die Herstellung des Weltmarkts, wenigstens seinen Umrissen nach, und einer auf
seiner Basis ruhenden Produktion. Da die Welt rund ist, scheint dies mit der
Kolonisation von Kalifornien und Australien und dem Aufschluss von China und
Japan zum Abschluss gebracht. Die schwierige Frage für uns ist die: auf dem
Kontinent ist die Revolution imminent und wird sofort einen sozialistischen
Charakter annehmen. Wird sie in diesem kleinen Winkel nicht notwendig
unterdrückt werden, da auf viel größerem Terrain die Bewegung der bürgerlichen
Gesellschaft noch aufsteigend ist."[3]

Was an diesen Zeilen so
interessant ist, das sind genau die Fragen, die sie stellen: Worin bestehen die
historischen Kriterien zur Bestimmung des Wechsels zu einer Periode der
Revolution im Kapitalismus? Kann es eine erfolgreiche kommunistische Revolution
geben, solange der Kapitalismus noch immer ein global expandierendes System
ist? Marx war voreilig, als er dachte, dass die Revolution in Europa anstünde.
Tatsächlich schien er in einem Brief an Vera Sassulitsch über das russische
Problem, 1881 geschrieben, auch hier seine Auffassung modifiziert zu haben, als
er im zweiten Entwurf dazu meinte, dass „das kapitalistische System im Westen
im Verblühen ist, und sich die Zeit nähert, da es nur noch eine „archaische"
Formation sein wird"[4]. 20 Jahre nach 1858 „näherte" sich das
System selbst in den fortgeschrittenen Ländern erst seinem „Verblühen". Erneut
drückte dies die Schwierigkeiten aus, denen sich Marx angesichts der historischen
Lage, in der er lebte, gegenübersah. Wie sich herausstellte, hatte der
Kapitalismus noch eine letzte Phase realer globaler Entwicklung vor sich, die
Phase des Imperialismus, die in eine Epoche der Erschütterungen auf Weltebene
hineinführen sollte und der Indikator für die Tatsache war, dass das System in
seiner Gesamtheit, und nicht nur ein Teil von ihm, in seine Senilitätskrise
stürzte. Jedoch zeigen Marx‘ Äußerungen in diesen Briefen, wie ernst er das
Problem nahm, eine revolutionäre Perspektive von der Entscheidung abhängig zu
machen, ob der Kapitalismus diese Stufe erreicht hat oder nicht.

Weg mit den überholten Werkzeugen: die Notwendigkeit von
Dekadenzphasen

„Eine Gesellschaftsformation geht nie unter,
bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und
neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die
materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft
selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben,
die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die
Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung
schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind."

In der nächsten Passage
betont Marx weiterhin, wie wichtig es ist, eine Perspektive der sozialen
Revolution nicht auf die rein moralische Abscheu zu basieren, die von einem
Ausbeutungssystem ausgelöst wird, sondern auf dessen Unfähigkeit, die
Arbeitsproduktivität und allgemein die Kapazitäten des menschlichen Wesens
weiterzuentwickeln, seine materiellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Das Argument, dass eine
Gesellschaft niemals ihr Leben aushaucht, ehe sie nicht alle
Entwicklungskapazitäten ausgeschöpft hat, ist benutzt worden, um gegen die Idee
zu argumentieren, dass der Kapitalismus seine Dekadenzperiode erreicht hat: Der
Kapitalismus sei seit 1914 deutlich gewachsen; man könne nicht sagen, dass er
dekadent sei, solange nicht sämtliches Wachstum stoppe. Es ist richtig, dass ein
großer Teil der Konfusionen durch Theorien wie jene von Trotzki aus dem Jahr
1930 verursacht worden war. Eingedenk dessen, dass der Kapitalismus sich in den
heftigsten Kämpfen seiner bis damals größten Depression befand, schien diese
Ansicht plausibel; darüber hinaus kann der Gedanke, dass die Dekadenz durch
einen vollständigen Stopp in der Entwicklung der Produktivkräfte gekennzeichnet
sei, ja sogar durch eine Rückbildung, in einem gewissen Sinn auf die früheren
Klassengesellschaften angewendet werden, wo die Krise stets das Resultat der
Unterproduktion war, eine absolute Unfähigkeit, genug zu produzieren, um den
Grundbedürfnissen der Gesellschaft nachzukommen (und selbst in jenen
Gesellschaften lief der Prozess des „Abstiegs" niemals ohne Phasen der scheinbaren
Wiedererholung und gar eines kräftigen Wachstums ab). Doch das Grundproblem
dieser Ansicht ist, dass sie die fundamentale Realität des Kapitalismus
ignoriert - die Notwendigkeit des Wachstums, der Akkumulation, der erweiterten
Reproduktion von Werten. Wie wir sehen werden, kann dieser Notwendigkeit in der
Dekadenz des Systems dadurch nachgekommen werden, indem immer mehr an den
eigentlichen Gesetzen der kapitalistischen Produktion herumgepfuscht wird. Doch
wie wir ebenfalls sehen werden, wird dieser Punkt, an dem die kapitalistische
Akkumulation absolut unmöglich wird, wahrscheinlich niemals erreicht werden.
Wie Rosa Luxemburg in der Antikritik hervorhob, war ein solcher Punkt „eine
theoretische Fiktion, gerade weil die Akkumulation des Kapitals nicht bloß
ökonomischer, sondern politischer Prozess ist"[5]. Darüber hinaus hatte Marx bereits den
Begriff des Wachstums als Rückgang postuliert: „Die höchste Entwicklung dieser
Basis selbst (die Blüte, worin sie sich verwandelt; es ist aber doch immer
diese Basis, diese Pflanze als Blüte; daher Verwelken nach der Blüte und als
Folge der Blüte) ist der Punkt, worin sie selbst zu der Form ausgearbeitet ist,
worin sie mit der höchsten Entwicklung der Produktivkräfte vereinbar, daher
auch der reichsten Entwicklung der Individuen. Sobald dieser Punkt erreicht
ist, erscheint die weitre Entwicklung als Verfall und die neue Entwicklung
beginnt von einer neuen Basis."

Der Kapitalismus hat
sicherlich genügend Produktivkräfte für die Entstehung einer neuen und höheren
Produktionsweise entwickelt. In der Tat tritt das System in dem Augenblick in
den Niedergang, wenn die materiellen Bedingungen für den Kommunismus entwickelt
sind. Durch die Schaffung einer Weltwirtschaft - für den Kommunismus
fundamental - erreicht der Kapitalismus auch die Grenzen seiner gesunden
Entwicklung. Die Dekadenz des Kapitalismus ist also nicht an einer kompletten
Aussetzung der Produktion festzumachen, sondern zeichnet sich durch eine
wachsende Reihe von Erschütterungen und Katastrophen aus, die die absolute
Notwendigkeit für seine Überwindung demonstrieren.

Marx‘ Hauptpunkt ist hier
die Notwendigkeit einer Dekadenzperiode. Die Menschen machen keine Revolution,
weil es ihnen gefällt, sondern weil sie von der Notwendigkeit gezwungen werden,
von dem unerträglichen Leid, das von der Krise eines Systems hervorgerufen
wird. Aus dem gleichen Grund ist die Anhänglichkeit am Status quo tief in ihrem
Bewusstsein verwurzelt, und es kann nur der wachsende Konflikt zwischen jener
Ideologie und der materiellen Wirklichkeit, der sie sich gegenübersehen, sein,
der die Menschen dazu bringt, das herrschende System herauszufordern. Dies
trifft vor allem auf die proletarische Revolution zu, die das erste Mal in der
Geschichte eine bewusste Umwandlung jedes Aspektes des Gesellschaftslebens
erfordert.

Die Revolutionäre werden
gelegentlich beschuldigt, der Idee: „Je schlechter, desto besser" anzuhängen,
der Idee, dass je mehr die Massen leiden, desto wahrscheinlicher sie
revolutionär werden. Doch es gibt keine mechanische Beziehung zwischen dem Leid
und dem revolutionären Bewusstsein. Das Leid enthält eine Dynamik zum
Nachdenken und zur Revolte, aber es enthält auch eine Dynamik zur Abnutzung und
Erschöpfung der Fähigkeit zur Revolte. Es kann außerdem leicht zur Praktizierung
völlig falscher Formen der Rebellion führen, wie das gegenwärtige Wachstum des
islamischen Fundamentalismus zeigt. Die Dekadenzperiode ist notwendig, um die
Arbeiterklasse davon zu überzeugen, dass sie eine neue Gesellschaft aufbauen
muss, dass aber andererseits eine auf unbestimmte Zeit verlängerte Epoche der
Dekadenz die eigentliche Möglichkeit der Revolution gefährden kann, indem sie
die Welt in eine Spirale der Katastrophen drängt, die nur dazu dienen, die
angehäuften Produktivkräfte und insbesondere die wichtigsten aller
Produktivkräfte, das Proletariat, zu zerstören. Dies ist in der Tat die Gefahr,
die sich in der finalen Phase der Dekadenz stellt, der Phase, die wir die
Zerfallsphase nennen und die unserer Meinung nach bereits begonnen hat.

Dieses Problem einer am
lebendigen Leib verfaulenden Gesellschaft ist im Kapitalismus besonders akut,
weil im Gegensatz zu früheren Systemen die Reifung der materiellen Bedingungen
für die neue Gesellschaft - den Kommunismus - nicht mit der Entwicklung neuer
Wirtschaftsformen innerhalb der Hülle der alten Gesellschaftsordnung
zusammenfällt. Im Niedergang der römischen Sklaverei war die Entwicklung
feudaler Stände oftmals das Werk von Mitgliedern der alten sklavenhaltenden
Klasse, die sich selbst vom Zentralstaat distanziert hatten, um den
niederschmetternden Lasten ihrer Steuern zu entgehen. In der Periode der
feudalen Dekadenz wuchs die neue Bourgeoisie in den Städten - die immer die
kommerziellen Zentren des alten Systems gewesen waren - heran und nahm sich
vor, die Fundamente einer neuen Wirtschaft zu legen, die auf den Manufakturen
und dem Handel basierte. Das Aufkommen dieser neuen Formen war sowohl eine
Antwort auf die Krise der alten Ordnung als auch ein Faktor, der sie mehr und
mehr zu ihrem endgültigen Ableben trieb.

Mit dem Niedergang des
Kapitalismus treten die Produktivkräfte, die er in Bewegung gesetzt hat, ganz
sicher mit den Gesellschaftsverhältnissen, in denen sie wirken, in wachsendem
Konflikt. Dies wird besonders durch den Kontrast zwischen den enormen
Produktionskapazitäten des Kapitalismus und seiner Unfähigkeit, alle Waren, die
sie produzieren, zu absorbieren, ausgedrückt - kurz: durch die
Überproduktionskrise. Doch während diese Krise die Abschaffung der
Warenverhältnisse immer dringender macht und das Wirken der Gesetze der
Warenproduktion immer mehr entstellt, resultiert dies nicht in einem spontanen
Auftreten kommunistischer Wirtschaftsformen. Anders als frühere revolutionäre
Klassen ist die Arbeiterklasse eine eigentumslose, ausgebeutete Klasse und kann
nicht ihre eigene Wirtschaftsordnung innerhalb des Rahmens der alten aufbauen.
Der Kommunismus kann nur das Resultat eines allzeit bewussteren Kampfes gegen
die alte Ordnung sein, der zur politischen Überwindung der Bourgeoisie als
Voraussetzung für die kommunistische Transformation des wirtschaftlichen und
sozialen Lebens führt. Wenn das Proletariat unfähig ist, seinen Kampf auf die
notwendige Höhe des Bewusstseins und der Selbstorganisation zu heben, dann
werden die Widersprüche des Kapitalismus nicht zur Ankunft einer höheren
gesellschaftlichen Ordnung führen, sondern zum „gemeinsamen Untergang der
kämpfenden Klassen".

Gerrard

Zur Kritik der politischen Ökonomie, Vorwort

Im Folgenden die vollständige Stelle aus dem Vorwort:

 

Das allgemeine
Resultat, das sich mir ergab und, einmal gewonnen, meinen Studien zum Leitfaden
diente, kann kurz so formuliert werden: In der gesellschaftlichen Produktion
ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen
unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten
Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit
dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der
Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer
Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen
entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen,
politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein
der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das
ihr Bewusstsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten
die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den
vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck
dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher
bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese
Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution
ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze
ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher
Umwälzungen muss man stets unterscheiden zwischen der materiellen,
naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen
Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen,
künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die
Menschen dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten. Sowenig man das,
was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebenso
wenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewusstsein beurteilen,
sondern muss vielmehr dies Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen
Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen
Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine
Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt
sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse
treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben
im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt
sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer
betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo
die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im
Prozess ihres Werdens begriffen sind. In großen Umrissen können asiatische,
antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive
Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die
bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des
gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem
Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der
Individuen hervor wachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen
Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die
materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser
Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen
Gesellschaft ab.


[1]
Kommunistisches Manifest, Kapitel 1, „Bourgeois
und Proletarier"
. In: 
MEW, Bd. 4, S. 462 ff.

 

[2]
Marx an Engels, 8. Oktober 1858. In: MEW, Bd. 29, S. 359

 

[3]
K. Marx, Brief an V. I. Sassulitsch. Zweiter Entwurf. In: MEW, Bd. 19, S. 398.

 

[4]
R. Luxemburg, Antikritik,
Gesammelte Werke Bd. 5 S. 519

 

[5]
Grundrisse, S. 439

 

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