Wirtschaftliche Depression, Krieg, gesellschaftlicher Zerfall – nur der Klassenkampf bietet einen Ausweg

Die dramatische
Zuspitzung der Weltwirtschaftskrise diesen Sommer führt uns deutlich vor Augen,
dass das kapitalistische System aus dem letzten Loch pfeift. Die
„Schuldenkrise“ hat den sprichwörtlichen Bankrott nicht nur von Banken, sondern
ganzer Staaten an den Tag gebracht; nicht nur Staaten schwächerer Wirtschaften
der Eurozone sondern auch der mächtigsten Wirtschaft der Welt – der USA.

Und die Krise ist
nicht nur global, sie ist auch historisch. Der Schuldenberg, der in den letzten
Jahren so stark in Erscheinung getreten ist, ist nur die Folge der Versuche des
Kapitalismus die Wirtschaftskrise aufzuschieben oder sie zu vertuschen, die
schon Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre ausbrach. Und die heutige
„Rezession“ zeigt ihr wahres Gesicht als eine richtige Depression. Wir müssen
erkennen, dass es sich um die gleiche tiefgreifende Krise handelt, die die
Produktion schon in den 1930er Jahren lähmte und die Welt damals in den imperialistischen
Krieg, den 2. Weltkrieg, trieb. Diese Krise spiegelt die Tatsache wider, dass
das kapitalistische System historisch obsolet geworden ist.

Der Unterschied
zwischen der Depression heute und der der 1930er Jahre ist, dass der
Kapitalismus heute über keine Mittel mehr verfügt. In den 1930er Jahren konnte
die herrschende Klasse ihre eigene barbarische Lösung für die Krise durchsetzen
– die Mobilisierung der Gesellschaft für den imperialistischen Krieg und die
Neuaufteilung der Welt. Die Neuorganisierung schuf die Grundlagen für das
Wiederaufbauwunder nach dem 2. Weltkrieg in den 1950er und 1960er Jahren.
Damals bestand diese Möglichkeit, zum Teil weil der Weltkrieg nicht automatisch
bedeutete, dass der Kapitalismus sich selbst zerstören würde, und es gab noch
Raum für das Aufkommen von neuen imperialistischen Herren nach dem Krieg. Aber
es war auch und vor allem eine Option, weil die Arbeiterklasse zuvor versucht
hatte, ihre Revolution im Anschluss an den 1. Weltkrieg zu machen und dabei die
schlimmste Niederlage ihrer Geschichte durch den Stalinismus, den Faschismus
und die Demokratie erlitten hatte.

Heute ist der
Weltkrieg nur eine Option im abstraktesten theoretischen Sinne. In Wirklichkeit
wird der Weg zu einem globalen imperialistischen Krieg durch die Tatsache
versperrt, dass nach dem Zusammenbruch des Systems der beiden Blöcke der
Kapitalismus heute unfähig ist, irgendein stabiles imperialistisches Bündnis zu
errichten.  Der Weg wird ebenso versperrt durch eine fehlende Ideologie,
die dazu in der Lage wäre die Mehrheit der Ausgebeuteten in den wichtigsten
kapitalistischen Ländern zusammenzuschweißen und zu überzeugen, dass es sich
lohnt für dieses System zu kämpfen und zu sterben. Diese beiden Elemente sind
mit etwas Tieferem verbunden: der Tatsache, dass die Arbeiterklasse heute nicht
besiegt  und immer noch in der Lage ist, für ihre eigenen Interessen gegen
die des Kapitals einzutreten.

Gefahren, vor
denen die Arbeiterklasse steht

Bedeutet dies, dass
es irgendeinen Automatismus hin zur Revolution gäbe? Nein, überhaupt nicht. Die
Revolution der Arbeiterklasse kann überhaupt nicht „automatisch“ sein, weil sie
eine höhere Bewusstseinsebene verlangt als irgendeine Revolution in der
Vergangenheit. Sie ist nichts anderes als der Moment, wenn die Menschen zum
ersten Mal die Kontrolle über ihre eigene Produktion und Verteilung in einer
Gesellschaft übernehmen, wo das Prinzip der Solidarität im Mittelpunkt steht.
Sie kann deshalb nur durch eine Reihe von zunehmend massiver werdenden Kämpfen
vorbereitet werden, die wiederum ein tieferes und breiteres Klassenbewusstsein
anstoßen.

Seitdem die letzte
Phase der Krise Ende der 1960er Jahre eingetreten ist, ist es zu vielen
wichtigen Kämpfen der Arbeiterklasse gekommen, angefangen bei der
internationalen Welle von Kämpfen, welche die Ereignisse des Mai 68 in
Frankreich auslösten bis zu den Massenstreiks in Polen 1980 und dem britischen
Bergarbeiterstreik Mitte der 1980er Jahre. Auch wenn es einen langen Rückfluss
der Klassenkämpfe in den 1990er Jahren gab, ist in den letzten Jahren eine neue
Generation in Erscheinung getreten, die sich aktiv „empört“ (um den spanischen
Begriff zu benutzen) über die Unfähigkeit der gegenwärtigen
Gesellschaftsordnung, ihr irgendeine Zukunft anzubieten. In den Kämpfen in
Tunesien, Ägypten, Griechenland, Spanien, Israel und anderswo ist die Idee der
„Revolution“ ein ernsthaftes Diskussionsthema geworden, genau wie es damals in
den Straßen von Paris 1968 oder Mailand 1969 der Fall war.

Aber im Augenblick
bleibt diese Idee noch sehr konfus und vage: ‘Revolution’ kann leicht
verstanden werden als die einfache Übergabe der Macht von einem Teil der
herrschenden Klasse an einen anderen, wie das am deutlichsten in Tunesien und
Ägypten der Fall war, und jetzt auch wieder in Libyen. Und in den jüngsten
Bewegungen war es nur eine Minderheit, die begriff, dass der Kampf gegen das
herrschende System sich offen als  Klassenkampf verstehen muss, als einen
Kampf der Arbeiterklasse gegen die gesamte herrschende Klasse. Nach vier
Jahrzehnten Krise hat die Arbeiterklasse insbesondere in den wichtigsten
Ländern des Kapitalismus nicht mehr das gleiche Aussehen wie Ende der 1960er
Jahre. Viele der größten Industriehochburgen und der stärksten Klassenmilitanz
haben sich aufgelöst, sind zerbröselt. Ganze Generationen sind durch ständige
Unsicherheit und die Atomisierung infolge der Arbeitslosigkeit angeschlagen.
Die verzweifeltesten Bereiche der Arbeiterklasse laufen Gefahr, in die
Kriminalität, Nihilismus oder religiösen Fundamentalismus abzurutschen.

Kurzum, der lange,
sich verschärfende Prozess des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft kann
die schlimmsten negativen Folgen für die Fähigkeit der Arbeiterklasse haben,
ihre Klassenidentität wieder zu gewinnen und das Selbstvertrauen aufzubauen,
dass sie in der Lage ist, die Führung in der Gesellschaft zu übernehmen und
diese in eine neue Richtung zu lenken.

Und ohne das
Beispiel einer Arbeiterklasse, die gegen die kapitalistische Ausbeutung
ankämpft, mag es viele wütende Reaktionen gegen das ungerechte, unterdrückende,
korrupte Wesen des Systems geben, aber daraus alleine wird kein Ausweg
hervorgehen. Einige Reaktionen können die Gestalt von riots, Aufständen und
ziellosen Plünderungen annehmen, wie diesen Sommer in Großbritannien. In
anderen Teilen der Welt können berechtigte Wutausbrüche gar von den
Herrschenden kanalisiert und eingesetzt werden, um ein imperialistisches Lager
gegen das andere zu unterstützen, wie in Libyen.

Im
pessimistischsten Szenario wird der Kampf der Ausgebeuteten in sinnlosen und
selbstzerstörerischen Aktionen zerstreut werden, wobei die Arbeiterklasse
insgesamt zu atomisiert, zu sehr gespalten sein wird, um als eine wirkliche
gesellschaftliche Kraft in Erscheinung zu treten. Falls dies eintritt, wird
nichts den Kapitalismus daran hindern, uns alle in den Abgrund zu treiben; dazu
ist dieser sehr wohl in der Lage, ohne dass ein Weltkrieg entfacht wird. Aber
wir haben diesen Punkt noch nicht erreicht. Im Gegenteil, es gibt viele
Hinweise, dass eine neue Generation von ArbeiternInnen nicht bereit ist, sich
passiv und widerstandslos in einer kapitalistischen Zukunft von
wirtschaftlichem Zusammenbruch, imperialistischen Konflikten, Zerstörung der
Umwelt verheizen zu lassen, und es gibt Anzeichen, dass sie in der Lage ist,
die älteren Generationen der Arbeiterklasse und all diejenigen, deren Leben
durch das Kapital bedroht wird, um sich zu scharen.  WR 1.9.2011

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