Wirtschaftskrise: Die Antwort ist nicht finanzielle Regulierung, sondern Sturz des Kapitalismus

„Der nächste Crash kommt bestimmt, und er wird schlimm werden.“ „Absolut
niemand glaubt an die Rettungspläne. Sie wissen, dass der Mark ausgepresst und
die Börse am Ende ist.“ „Händler geben einen Dreck darauf, wie die Wirtschaft
gerettet werden kann; unser Job ist es, Geld zu machen in dieser Situation.“ „Jede
Nacht träume ich von der Rezession.“ „1929 machten einige wenige Leute Geld mit
dem Crash; heute kann dies jeder tun, nicht nur die Eliten.“ „Diese
Wirtschaftskrise ist wie ein Krebs.“ „Rechnet mit dem Schlimmsten! Es ist nicht
der Augenblick, darauf zu hoffen, dass die Regierung das Problem lösen wird. Regierungen
regieren nicht die Welt. Goldman Sachs regiert die Welt. Diese Bank kümmert
sich nicht um Rettungspläne.“ „Ich sage voraus, dass in weniger als zwölf
Monaten Millionen von Menschen verschwinden werden, und dies ist erst der
Anfang.“ Dies alles sind Zitate aus einem Gespräch, das die BBC am 26. September
mit dem Londoner Händler Alessio Rastani führte. Das Video hat seitdem einen
regelrechten Hype im Internet ausgelöst.
[1]

Gewiss stimmen wir diesem
Ökonomen in seiner schwarzen Perspektive zu. Ohne zu versuchen, selbst präzise
Vorhersagen zu machen, können wir dennoch ohne Zögern zustimmen, dass der
Kapitalismus dabei ist, seinen Sturzflug fortzusetzen, dass die Krise noch
schlimmer und verheerender wird und dass ein wachsender Teil der Menschheit im
Begriff ist, die Konsequenzen daraus zu tragen.

 

Und dennoch: die Erklärung von
Alession Rastani nährt eine der größten Lügen der letzten Jahre: dass der
Planet wegen der Finanzwelt und nur wegen der Finanzwelt in Schwierigkeiten
ist: „Goldman Sachs regiert die Welt“. Und all die Stimmen der Linken, der
Linksextremen, der „Anti-Globalisierer“ stimmen in diesen Chor ein: „Es ist
entsetzlich! Hier liegt die Ursache all unserer Probleme. Wir müssen die
Kontrolle über die Wirtschaft zurückgewinnen. Wir müssen den Banken und der
Spekulation Grenzen setzen. Wir müssen für einen stärkeren und humaneren Staat
kämpfen!“ Diese Art von Sprüchen ertönt nonstop seit dem Kollaps des
US-Bankgiganten Lehman Brothers 2008. Heute schenken selbst Teile des
klassischen rechten Flügels dieser „radikalen“ Kritik an der „wildgewordenen“
Finanzwirtschaft Glauben und rufen zu einer moralischeren Vorgehensweise und zu
einer größeren Rolle des Staates auf. All diese Propaganda ist nichts anderes
als ein verzweifelter ideologischer Vorwand, um die wahren Ursachen dieser
zeitgenössischen Verheerungen zu verbergen: der historische Bankrott des
Kapitalismus. Hier geht es nicht um Nuancen oder Begriffsfragen. Den
Neoliberalismus anzuklagen und den Kapitalismus anzuklagen sind zwei
fundamental unterschiedliche Dinge. Auf der einen Seite ist da die Illusion,
dass dieses Ausbeutungssystem reformiert werden kann. Auf der anderen Seite ist
das Verständnis, dass der Kapitalismus keine Zukunft hat, dass er total
zerstört und von einer neuen Gesellschaft ersetzt werden muss. Wir können daher
begreifen, warum die herrschende Klasse, ihre Medien und ihre Experten so viel
Energie aufwenden, um mit dem Finger auf das unverantwortliche Handeln der
Finanzmärkte zu weisen und sie für all die gegenwärtigen wirtschaftlichen
Kalamitäten schuldig zu sprechen: Sie versuchen so, die Aufmerksamkeit vom
System wegzulenken, das aufkommende Nachdenken über die Notwendigkeit eines
radikalen Wechsels, d.h. einer Revolution, zu behindern.

„Die Finanzhändler sind schuld“ oder: Die Suche nach einem Sündenbock

In den letzten vier Jahren
wurde bei jedem Börsencrash das Märchen vom zwielichtigen Finanzhandel
intoniert. Im Januar 2008 stand der Skandal um Jerome Kirviel in den
Schlagzeilen. Er wurde als Verantwortlicher für das Fiasko in der französischen
Bank Societé Générale ausgemacht, die 4,82 Milliarden Euro durch schlechte
Investments verloren hatte. Der wahre Grund für diese Krise, die
Immobilienblase in den USA, wurde in den Hintergrund gerückt. Im Dezember 2008
wurde gegen den Investor Bernard Madoff wegen Unterschlagung von 65 Milliarden
Dollar ermittelt. Er wurde zum größten Halunken aller Zeiten, was
praktischerweise die Aufmerksamkeit vom Ruin des US-Giganten Lehman Brothers
weglenkte. Im September 2011 wurde der Händler Kweku Adoboli an der Schweizer
Bank UBS der Unterschlagung von 2,3 Milliarden Dollar beschuldigt. Diese Affäre
kam „zufällig“ ans Tageslicht, als sich die Weltwirtschaft erneut in großer
Unordnung befand.

Natürlich weiß jeder, dass
diese Individuen lediglich Sündenböcke sind. Die Fäden, die von den Bänken
gezogen wurden, um ihre eigenen Verbrechen zu rechtfertigen, sind zu dick, um
nicht bemerkt zu werden. Doch die intensive Medienpropaganda macht es möglich,
jedermanns Aufmerksamkeit auf die verrottete Welt der Hochfinanz zu
fokussieren. Das Image dieser Spekulationshaie wird benutzt, um unsere Köpfe zu
erobern und unsere Gedanke zu benebeln.

Gehen wir einen Schritt zurück
und denken einen Moment lang nach: Wie können diese vielfältigen Ereignisse in
sich selbst erklären, warum die Welt am Rand des Zusammenbruchs ist? Wie
Abscheu erregend diese milliardenschweren Unterschlagungen auch sein mögen zu
einer Zeit, in der Millionen überall auf der Welt vor Hunger sterben, wie
zynisch und schändlich die Worte von Alessio Rastani auch sein mögen, wenn er
sagt, dass er hofft, durch Spekulationen mit den Börsenkrachs reich zu werden,
so erklärt nichts von dem das Ausmaß der Weltwirtschaftskrise, die heute jeden
Bereich und jedes Land trifft. Die Kapitalisten haben, ob sie nun Banker oder
Industriekapitäne waren, stets ohne jegliches Interesse an dem Wohlergehen der
Menschheit nach dem maximalen Profit gestrebt. Nichts davon ist neu. Von seinem
Beginn an war der Kapitalismus immer ein System der unmenschlichen Ausbeutung
gewesen. Die barbarische und blutige Ausplünderung Afrikas und Asiens im 18.
und 19. Jahrhundert ist ein tragischer Beweis dafür. Die Kleptokratie der
Finanzhändler und Banker teilt uns daher nichts Neues über die gegenwärtige
Krise mit. Wenn nun betrügerische Finanzdeals in kolossalen Verlusten enden und
manchmal drohen, Banken in den Abgrund zu stoßen, so ist dies in der Tat ein
Resultat der Fragilität, die von der Krise verursacht wurde – und nicht
umgekehrt. Wenn beispielsweise Lehman Brothers 2008 pleiteging, so nicht wegen
ihrer unverantwortlichen Investmentpolitik, sondern weil der US-amerikanische
Immobilienmarkt im Sommer 2007 kollabierte und weil diese Bank sich in der
misslichen Lage befand, auf Massen von wertlosen Schulden zu sitzen. Mit der
Subprime-Krise zeigte sich, dass die amerikanischen Haushalte insolvent waren
und die an ihnen verliehenen Kredite niemals zurückgezahlt werden
konnten. 

„Es ist die Schuld der Kreditratingagenturen“ oder: Die Beschuldigung
gegen das Thermometer, das Fieber erzeugt zu haben

Auch die Kreditratingagenturen
standen unter Feuer. Ende 2007 wurden sie der Inkompetenz beschuldigt, weil sie
das Gewicht der Schulden des staatlichen Souveräns vernachlässigt hätten. Heute
werden sie des Gegenteils beschuldigt; sie würden den Staatsschulden in der
Euro-Zone (für Moody’s) und in den USA (für Standard and Poor’s) zu viel
Aufmerksamkeit schenken.

Es ist richtig, dass diese
Agenturen besondere Interessen haben, dass ihr Urteil nicht neutral ist. Die
chinesischen Ratingagenturen waren die ersten, die die Kreditwürdigkeit des
amerikanischen Staates herunterstuften; die amerikanischen Agenturen wiederum
verhielten sich gegenüber Europa rigider als gegenüber dem eigenen Land. Und es
trifft zu, dass mit jeder Herabstufung die Finanzwelt die Gelegenheit zur
Spekulation ergriff und so den Verfall der Wirtschaftslage weiter
beschleunigte. Die Spezialisten sprechen in dem Fall von einer „sich selbst
erfüllenden Prophezeiung“.

Doch in Wahrheit unterschätzen
alle diese Agenturen das Ausmaß der Situation komplett: Die Ratings, die sie
vergeben, sind viel zu hoch im Verhältnis zu den tatsächlichen Kapazitäten der
Banken, der Unternehmen und gewisser Staaten, ihre Schulden zurückzuzahlen. Es
ist im Interesse dieser Agenturen, nicht zu kritisch hinsichtlich der
ökonomischen Essentials zu sein, weil dies Panik schaffen würde, und die
Weltwirtschaft ist der Ast, auf dem sie alle sitzen. Wenn sie die Ratings
herabstufen, dann geschieht dies, um ein Minimum an Glaubwürdigkeit
aufrechtzuerhalten. Den Ernst der Lage, der sich die Weltwirtschaft
gegenübersieht, völlig zu leugnen wäre grotesk, und niemand würde ihnen
glauben. Vom Standpunkt der herrschenden Klasse ist es intelligenter, gewisse
Schwächen anzuerkennen, um die grundlegenden Probleme des Systems zu
verschleiern. All jene, die jüngst die Ratingagenturen beschuldigten, sind sich
dessen voll bewusst. Wenn sie sich über die Qualität des Thermometers
beschweren, dann nur, um uns daran zu hindern, über die seltsame Krankheit
nachzudenken, die den Weltkapitalismus in Mitleidenschaft zieht, aus Furcht,
zugeben zu müssen, dass diese Krankheit unheilbar ist und sich noch
verschlimmern wird.

„Es ist die Schuld der Finanzwelt“ oder: Die Verwechslung des
Symptoms mit der Krankheit

Die Kritik an die Trader und
Ratingagenturen ist Teil einer größeren Propagandakampagne über den Irrsinn und
Größenwahn des Finanzsektors. Wie immer basiert die dem zugrundeliegende
Ideologie auf ein Körnchen Wahrheit. Es kann nicht bestritten werden, dass in den letzten Jahrzehnten die Finanzwelt in der Tat
zu einer aufgeblasenen und immer irrationaleren Monstrosität herangewachsen
ist.  Die Beweise dafür gehen in die Legion. Im Jahr 2008 stieg die
Gesamtsumme der globalen Finanztransaktionen auf  2200.000 
Milliarden  Dollar, verglichen mit einem globalen Bruttosozialprodukt von
55.000 Milliarden Dollar
[2]  Die spekulative Ökonomie ist somit rund vierzigmal größer als die so
genannte „Realwirtschaft“! Und diese Billionen sind über Jahre auf immer
verrücktere und selbstzerstörerische Weise investiert worden. Ein anschauliches
Beispiel: der Leerverkaufsmechanismus. Worum geht es hierbei? „Beim
Leerverkaufsmechanismus beginnen wir damit, eine Anlage zu verkaufen, die wir
nicht besitzen, um sie später zu kaufen. Das Ziel dieses Tricks besteht
offensichtlich darin, eine Anlage zu einem bestimmten Preis zu verkaufen, um
sie später zu einem niedrigeren Preis zurückzukaufen und die Differenz als
Gewinn zu verbuchen. Wie wir sehen, ist dieser Mechanismus das völlige
Gegenteil davon, etwas zu erwerben und dann weiterzuverkaufen.“
[3]

Konkret beinhalten Leerverkäufe
einen riesigen Fluss von spekulativem Kapital zu bestimmten Anlagen, die auf
den Fall ihrer Preise wetten, was gelegentlich zum Zusammenbruch der
anvisierten Anlage führt. Dies ist nun zum Skandal geworden, und ein Haufen
Ökonomen und Politiker erzählt uns gar, dass dies das Hauptproblem sei. DER
Grund für den Bankrott und den Fall des Euro. Ihre Lösung ist daher simpel:
Leerverkäufe verbieten, und alles wird gut in der besten aller Welten. Es
stimmt, dass Leerverkäufe völliger Irrsinn sind und dass sie die Vernichtung
weiter Teile der Wirtschaft beschleunigen. Aber genau das sind sie: Sie sind
bloße „Beschleuniger“ und nicht ihre Ursache. Es bedarf zuallererst einer
wütenden Wirtschaftskrise, damit solche Deals so profitabel sein können. Die
Tatsache, dass die Kapitalisten nicht auf einen Anstieg in den Märkten zocken,
sondern auf ihren Fall, zeigt, wie wenig Vertrauen sie in die Zukunft der
Weltwirtschaft haben. Daher gibt es auch immer weniger langfristige, stabile
Investments: Die Investoren sind auf den schnellen Gewinn aus, ohne jegliche
Sorge um die Langlebigkeit von Unternehmen und besonders von Fabriken, da es
nahezu keinen Industriesektor gibt, der langfristige Profite verspricht. Und
hier schließlich kommen wir zum Kern des Problems: Die so genannte Real- oder
traditionelle Wirtschaft sitzt schon seit Ewigkeiten in der Tinte. Das Kapital
flüchtet aus dieser Sphäre, weil sie immer weniger profitabel ist. Die
Weltwirtschaft ist gesättigt, und die Waren können nicht mehr verkauft werden,
die Fabriken produzieren und akkumulieren nicht mehr. Das Resultat: die
Kapitalisten investieren ihr Geld in die Spekulation, in die „virtuelle“
Ökonomie. Daher der Größenwahn der Finanzwelt, der nur ein Symptom der
unheilbaren Krankheit des Kapitalismus, die Überproduktion, ist.

„Der Neoliberalismus hat Schuld“ oder: Wie man die Ausgebeuteten an
den Staat bindet

Jene, die das Problem im
Neoliberalismus lokalisieren, stimmen durchaus zu, dass die Realwirtschaft in
echten Nöten ist. Aber sie führen dies nicht eine Sekunde lang auf die
Unmöglichkeit des Kapitalismus zurück, sich weiter zu entwickeln. Sie streiten
ab, dass das System dekadent geworden ist und sich in seiner Agonie befindet. Die
Antiglobalisierungsideologen geben die Schuld für die Zerstörung der Industrie
seit den sechziger Jahren der schlechten Politik und somit der neoliberalen
Ideologie. Für sie wie für unseren Trader Alessio Rastani „regiert Goldman
Sachs die Welt“. So kämpfen sie also für mehr Staat, für mehr Regulierung, für
mehr soziale Politik. Sie beginnen mit der Kritik an den Neoliberalismus und
enden bei einer neuen Fata Morgana, die uns leiten soll: Dirigismus. „Mit mehr
staatlicher Kontrolle über die Finanzen können wir eine neue Wirtschaft
aufbauen, eine, die sozialer und wohlhabender ist.“

Doch ein bisschen mehr Staat
wird es nicht ermöglichen, die ökonomischen Probleme des Kapitalismus zu lösen.
Um es noch einmal zu sagen: Was das System unterminiert, ist seine Tendenz,
mehr Waren zu produzieren, als der Markt absorbieren kann. Jahrzehntelang ist
es gelungen, die Paralyse der Wirtschaft zu vermeiden, indem ein künstlicher
Markt geschaffen wurde, der auf Schulden basierte. Mit anderen Worten, seit den
sechziger Jahren hat der Kapitalismus auf Pump gelebt. Daher ächzen Haushalte,
Unternehmen, Banken und Staaten heute unter einem gewaltigen Schuldenberg,
deshalb wird die gegenwärtige Rezession „Kreditkrise“ genannt. Allein, was
haben die Staaten und ihre Zentralbanken, insbesondere die Fed und die
Europäische Zentralbank seit 2008, seit dem Scheitern von Lehman Brothers
getan? Sie haben Milliarden von Dollar und Euro in den Wirtschaftskreislauf
gepumpt, um weitere Bankrotte zu verhindern. Und woher kamen diese Milliarden?
Von neuen Schulden! Alles, was sie tun, ist, private Schulden in öffentliche
Schulden umzuwandeln und so den Boden für den Bankrott ganzer Staaten zu
bereiten, wie wir bereits bei Griechenland gesehen haben. Die ökonomischen
Stürme, die vor uns liegen, drohen von ungeahnter Brutalität zu werden.
[4]

„Doch auch wenn wir die Krise
nicht kontrollieren können, so schützt uns der Staat zumindest und kann
sozialer sein“, singt der ganze linke Chor. Kein Wort darüber, dass der Staat
stets der Schlimmste aller Bosse gewesen war. Verstaatlichungen waren nie gute
Neuigkeiten für die ArbeiterInnen. Die große Verstaatlichungswelle nach dem II.
Weltkrieg hatte den Zweck, den Produktionsapparat, der im Krieg zerstört wurde,
wiederzubeleben, und wurde von einer brutalen Steigerung des Arbeitstempos
begleitet. Damals richtete Thorez, der Generalsekretär der französischen KP und
Vizepräsident der De Gaulle-Regierung, seinen berühmten Appell an die
Arbeiterklasse Frankreichs, besonders an die ArbeiterInnen der verstaatlichten
Unternehmen: „Wenn Bergarbeiter auf ihrem Posten sterben, werden ihre Ehefrauen
sie ersetzen.“ Oder: „Knüpft eure Gürtel enger für den nationalen Wiederaufbau“
und „Streiks sind die Waffe der Trusts“. Willkommen in der wundervollen Welt
der verstaatlichten Unternehmen! Es gibt nichts Unerwartetes oder
Überraschenden an ihnen. Seit den Erfahrungen der Pariser Kommune 1871 haben
kommunistische Revolutionäre stets auf die eingefleischte
Anti-ArbeiterInnen-Funktion des Staates bestanden: Und
der moderne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich die bürgerliche
Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern Bedingungen der kapitalistischen
Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe, sowohl der Arbeiter wie
der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine
wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle
Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto
mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er
aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird
nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben.“
(http://www.mlwerke.de/me/me20/me20_239.htm#Kap_V, Anti-Dühring, MEW 20).

Friedrich Engels schrieb 1878
diese Zeilen, die zeigten, dass damals schon der Staat im Begriff war, seine
Tentakeln auf die gesamte Gesellschaft auszustrecken und die gesamte nationale
Wirtschaft, öffentliche Unternehmen wie auch die großen Privatunternehmen, zu
übernehmen. Seither ist der Staat nur noch stärker geworden: Jede nationale
Bourgeoisie reiht sich hinter ihrem Staat ein, um den unerbittlichen
kommerziellen Krieg zu führen, der zwischen allen Ländern ausgefochten wird.

„Die BRICS werden uns retten“ oder: Für ein Wirtschaftswunder beten

Brasilien, Russland, Indien,
China und Südafrika (die BRICS) haben in den letzten Jahren ein bemerkenswertes
Ausmaß an wirtschaftlichem Erfolg an den Tag gelegt. Besonders China wird
mittlerweile als zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt betrachtet, und viele
denken, dass es die USA bald entthronen wird. Diese auffällige Leistung hat
Ökonomen zur Hoffnung verleitet, dass diese Gruppe von Ländern die neue
Lokomotive der Weltwirtschaft wird, so wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Jüngst
hat China, angesichts des Risikos, dass die Euro-Zone in Folge der
Staatsschuldenkrise auseinanderbricht, gar vorgeschlagen, Italiens Staatssäckel
teilweise zu füllen. Die Leute von der Anti-Globalisierungs-Front glauben hier
einen Grund zum Frohlocken zu sehen: Da sie argumentieren, dass die
US-amerikanische Überlegenheit des Neoliberalismus die schlimmste aller Geißeln
ist, wird der Aufstieg der BRICS ihnen zufolge in eine ausbalanciertere,
fairere Welt münden. Diese Hoffnung in die Entwicklung der BRICS, die von der
Großbourgeoisie und den „Anti-Kapitalisten“ gemeinsam geteilt wird, entbehrt
nicht nur einer gewissen Komik; sie zeigt auch, wie sehr Letztere der
kapitalistischen Welt anhängen.

Diese Hoffnung ist im Begriff,
wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Das Gerede über dieses „Wirtschaftswunder“
weckt ein Déjá-vu-Gefühl. Argentinien und die asiatischen Tiger in den
achtziger und neunziger Jahren oder erst jüngst Irland, Spanien und Island
wurden alle zu ihrer Zeit als „Wirtschaftswunder“ gepriesen. Und wie alle
Wunder stellten sie sich durchgängig als Schwindel heraus. Alle diese Länder
verdanken ihr rapides Wachstum der ungezügelten Verschuldung. Sie gingen daher
alle demselben zähen Ende entgegen: Rezession und Bankrott. Mit den BRICS wird
es sich genauso verhalten. Es gibt bereits eine wachsende Sorge über das Ausmaß
der Schulden in den chinesischen Provinzen und über den Anstieg der Inflation. Der
Präsident des Staatsfonds China Investment Corp., Gao Xiping, hatte jüngst
gesagt, dass „wir keine Beschützer sind. Wir müssen uns selbst retten“.
Deutlicher kann man es nicht ausdrücken!
 

Die Wahrheit: Der Kapitalismus hat keine Lösung und keine Zukunft

Der Kapitalismus kann nicht
mehr reformiert werden. Als Realist muss man sich eingestehen, dass nur die
Revolution die Katastrophe verhindern kann. Der Kapitalismus ist, wie das
Sklaventum und die Leibeigenschaft zuvor, ein Ausbeutungssystem, das dazu
verdammt ist, zu verschwinden. Nachdem er sich in über zwei Jahrhunderten, vor
allem im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt und den Planeten erobert hatte,
betrat der Kapitalismus mit einem lauten Knall seine Niedergangsepoche, als er
den Ersten Weltkrieg auslöste. Die Große Depression in den dreißiger Jahren,
dann das fürchterliche Gemetzel des Zweiten Weltkriegs – all dies bestätigte
die Überalterung dieses Systems und die Notwendigkeit, ihm ein Ende zu setzen,
wenn die Menschheit überleben soll. Doch ab den fünfziger Jahren gab es keine
Krise, die so gewalttätig war wie die von 1929. Die Bourgeoisie hatte gelernt,
wie sie den Schaden begrenzen und die Wirtschaft wiederbeleben kann, so dass
viele glauben, dass die heutige Krise nur eine weitere in einer Reihe von
Abstürzen ist und dass das Wachstum wieder zurückkehren wird, so wie dies in
den letzten sechzig Jahren geschehen war. In Wahrheit ebneten die
aufeinanderfolgenden Krisen von 1967, 1970-71, 1974-75, 1991-93 (in Asien) und
2001-2002 nur den Weg für das heutige Drama. Jedes Mal gelang es der
Bourgeoisie lediglich durch das Öffnen der Kreditschleusentore, die Wirtschaft
zum Laufen zu bringen. Nie war es ihr gelungen, zur Wurzel des Problems
vorzudringen: chronische Überproduktion. Alles, was sie getan hat, war, den
Zahltag hinauszuschieben, indem sie in den Kredit flüchtete. Heute erstickt das
System unter dem Gewicht all dieser Schulden. Kein Bereich, kein Staat bleibt
dabei ausgespart. Dieser Sprung kopfüber in die Verschuldung ist an seine
Grenzen gestoßen. Bedeutet dies, dass die Wirtschaft dabei ist, zu einem
vollständigen Halt zu kommen? Natürlich nicht. Die Bourgeoisie wird die
Optionen, die sie hat, diskutieren, was auf die Wahl zwischen Pest und Cholera
hinauslaufen wird: drakonische Sparpolitik oder ein monetärer Neustart. Das
erste führt zu einer brutalen Rezession, das zweite zu unkontrollierter Inflation.

Von jetzt an ist der Wechsel
zwischen kurzen Phasen der Rezession und langen Perioden der kreditfinanzierten
Wiedererholung Vergangenheit: Die Arbeitslosigkeit wird explodieren, Armut und
Barbarei werden sich dramatisch ausbreiten. Wenn es Erholungsphasen (wie 2010)
gibt, dann werden sie nichts anderes sein als ein flüchtiges Japsen nach Luft,
gefolgt von neuen wirtschaftlichen Desastern. All jene, die das Gegenteil
behaupten, ähneln ein bisschen dem Optimisten, der von der Spitze des Empire
State Building springt und nach dem Passieren einer jeden Etage erklärt, dass
bis jetzt alles gut gegangen ist. Vergessen wir nicht, dass zu Beginn der
Großen Depression der US-Präsident erklärte, dass „die Prosperität schon in
Sicht ist“. Die einzige Ungewissheit ist, wie das Schicksal der Menschheit
aussehen wird. Wird sie mit dem Kapitalismus untergehen? Oder wird sie in der
Lage sein, eine neue Welt der Solidarität und gegenseitigen Hilfe aufzubauen,
ohne Klassen oder Staaten, Ausbeutung oder Profit? Wie Friedrich Engels mehr
als Jahrhundert zuvor schrieb: „Die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem
Dilemma: entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei.
Der
Schlüssel zu dieser Zukunft liegt in den Händen der Arbeiterklasse, in ihren
Kämpfen, die die Beschäftigten, die Arbeitslosen, die Rentner und die jungen
Leute in prekären Jobs vereinigen.

Pawel 29.9.2011

 

 


[4]  Die Idee eines „Mehr Europa“ oder „Mehr Weltregierung“
ist eine weitere Sackgasse. Ob sie allein oder mit anderen handeln, die Staaten
haben keine realen und dauerhaften Lösungen. Zusammenzukommen ermöglicht ihnen,
das Fortschreiten der Krise zu verlangsamen, so wie ihre Spaltungen dieselbe
beschleunigt.

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