Das Newtown-Massaker und der Abstieg des Kapitalismus in die Barbarei

Das Massaker an den unschuldigen Menschenleben in der Sandy Hook-Grundschule ist eine schreckliche Mahnung, dass die Ausbreitung und Vertiefung des zerfallenden Kapitalismus in Ermangelung einer umfassenden revolutionären Transformation der Gesellschaft ihren Ausdruck allein in noch barbarischeren, sinnloseren und gewaltsameren Taten finden können. Absolut nichts im kapitalistischen System ist imstande, uns eine sinnvolle Begründung dafür zu liefern, wie es zu solch einer Tat kommen konnte, gar nicht zu reden von einem brauchbaren Änderungsvorschlag: nicht in den Medien, nicht unter den Politikern, ob links, rechts oder in der Mitte, und nicht unter den akademischen Sprechblasen im Fernsehen. Es ist unter dem Joch des Kapitalismus unmöglich, sich ernsthaft dem Problem zu widmen oder auch nur zu wissen, was zu tun ist. Nach dem Schulmassaker von Connecticut haben - wie dies stets der Fall gewesen war, wenn es in jüngster Vergangenheit zu solchen Gewaltorgien gekommen war – all die verschiedenen Teile der herrschenden Klasse ihre „Erklärungen“ feilgeboten. Wie kann es sein, dass in Newtown, Connecticut, einst als „sicherste Stadt Amerikas“ tituliert, ein gestörtes Individuum solch einen Horror und Terror auslösen kann? Welche „Erklärungen“ auch immer angeboten werden, ihr vorrangiger Zweck ist es, ein Feigenblatt für die herrschende Klasse zu schaffen und deren mörderische Lebensweise zu vertuschen.

 

Die Rechte schiebt die Schuld der individuellen Verantwortung in die Schuhe, indem sie erfolgreich suggeriert, dass Adam Lanza sich mit seiner Tat vom „Bösen“ in der „menschlichen Natur“ übermannen ließ. Sie behauptet, dass es keine psychologischen oder verhaltensbezogenen Erklärungen für die Tat des Todesschützen gebe. In den Worten Nancy J. Hermans, außerordentliche Professorin an der Central Michigan University: „Heute hat die Medikalisierung von abweichenden Verhaltensweisen es uns erschwert, den Begriff des ‚Bösen‘ zu akzeptieren. Das Zurückdrängen der religiösen Symbolik der Sünde, der Aufstieg deterministischer Theorien über das menschliche Verhalten und die Doktrin der kulturellen Relativität haben ferner zur Ausgrenzung des ‚Bösen‘ aus unserem Diskurs geführt.“  Dementsprechend liegt die „Lösung“ der Rechten für dieses Problem in der Wiederbelebung des religiösen Glaubens und kollektiven Gebets. So verwirft die Rechte die Fortschritte, die in vielen Jahrzehnten der Erforschung der menschlichen Verhaltensweisen erzielt worden waren und die erst das Fenster zum Verständnis der komplexen Zwischenverbindungen zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft geöffnet hatten, insbesondere durch die evolutionären Untersuchungen der asozialen und anti-sozialen Verhaltensweisen. So rechtfertigt die Rechte auch ihren Vorschlag, all jene schlicht wegzusperren, die durch ein abweichendes Verhalten auffallen, das kriminalisiert werden soll, indem ihm ein amoralischer Charakter attestiert wird.

In etlichen Berichte heißt es, dass der 20-jährige Todesschütze am Asperger Syndrom litt, ein Umstand, der zu sozialer Unbeholfenheit und Isolation führen kann, doch gibt es keinen Automatismus zwischen dieser Störung und der Ausübung von Gewalt. Ferner ist es so, dass lediglich fünf Prozent aller Waffengewalt  in Amerika auf irgendwelche psychischen Erkrankungen zurückgeführt wird. Allein diese Tatsache dürfte ausreichen, um den verbreiteten Glauben zu widerlegen, dass Geisteskrankheiten und Gewalt mechanistisch und deterministisch miteinander verknüpft sind. Doch dies bedeutet nicht, dass Lanzas Verhalten von einer rationalen Wahl bestimmt war, oder von der bewussten Entscheidung, „Böses“ zu tun, wie die Rechte behauptet. Auch bedeutet es nicht, dass seine Tat schlicht und einfach als die Tat eines Einzelgängers verstanden werden kann, der aus dem sozialen Kontext gerissen worden sei, in dem er aufgewachsen war. Viel Aufmerksamkeit wird derzeit dem „Profiling“ potenzieller Todesschützen gewidmet, wo es doch vielmehr der Ausarbeitung eines Profils der Gesellschaft bedarf, die Menschen heranzüchtet, die sich zu solch drastischen Maßnahmen getrieben sehen. Welche Studien auch immer verwendet werden, um das Ausmaß oder die Zunahme psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung zu ermessen, die Zahlen sind alle in den letzten Jahren extrem nach oben gegangen. Diese Studien zeigen auch einen generellen Verfall der Anteilnahme in der Gesellschaft. Es ist eine schmerzliche Ironie und ein Beweis für ihre Heuchelei, dass, während die Bourgeoisie über Waffenkontrolle spricht, sie gleichzeitig Raketen in der Türkei stationiert, darüber nachdenkt, wie sie China in Schach halten kann, und weiter fortfährt, den Iran zu umzingeln. Die Natur der Gewalt kann nicht getrennt vom gesellschaftlichen und historischen Kontext begriffen werden, in der sie sich ausdrückt. Geisteskrankheiten haben seit ehedem existiert, doch es scheint, ihre Manifestationen haben in einer Gesellschaft im Belagerungszustand, erzeugt von einer Jeder-für-sich-Mentalität, vom Verlust der gesellschaftlichen Solidarität und Empathie und auch von der Beeinträchtigung des fundamentalsten menschlichen Zusammenwirkens, krampfartige Ausmaße angenommen. Die Menschen fühlen, sie müssen sich selbst „schützen“… aber vor wem? Jeder ist ein potenzieller Feind, und dies ist eine Vorstellung, eine Ansicht, die durch den Nationalismus, Militarismus und Imperialismus der Bourgeoisie bekräftigt wurde. Noch posiert die herrschende Klasse als Garant der „Rationalität“ und umgeht vorsichtig die Frage ihrer eigenen Verantwortung für die Verbreitung antisozialer Verhaltensweisen. Dies drückt sich vielleicht am klarsten in Fällen aus, wo die Kriegsgerichte der US-Armee Soldaten anklagen, die an Taten beteiligt waren, welche als „entsetzlich“ betrachtet werden – und die es sicherlich sind -, wie im Falle des Sergeanten Robert Bales, der sich auf einen Amoklauf begab und 16 Zivilisten in Afghanistan tötete, von denen mindestens neun Kinder waren. Gar nicht zu reden über Bales Gebrauch von Alkohol, Steroiden und Schlafmitteln, um seine physischen und emotionalen Schmerzen zu besänftigen, und die Tatsache, dass er zum vierten Mal in einer der am meisten umkämpften Regionen in Afghanistan stationiert wurde.

Auch wenn Medien und Gewaltspiele den Wert des Kämpfens – selbst des Tötens – als eine akzeptable Weise der Konfliktlösung lehren bzw. bekräftigen, sind sie nicht die Quelle antisozialer Verhaltensweisen, wie viele Linke es gerne möchten. Es sind sowohl die Konkurrenz, die der kapitalistischen Funktionsweise eingepflanzt ist, als auch ihre militaristischen Ausdrücke, die den Inhalt der Medien und der Videospiele prägen. Wenn Kinder in einer Kultur aufwachsen, die Kampf und Gewalt als einen respektierten Weg zelebriert, um erfolgreich zu sein, und wenn die Gesellschaft uns lehrt, dass man um jeden Preis gewinnen muss, werden sie sich höchstwahrscheinlich diese „Werte“ aneignen. Diese „Werte“ sind tief verwurzelt im globalen Kapitalismus, und was wir in den Medien und Videospielen erblicken, ist lediglich ihre Widerspiegelung. Gewalt ist kein amerikanisches Vorrecht, selbst wenn das Argument angeführt werden kann, dass die Waffengewalt besonders stark in diesem Land grassiert. Es trifft zu, dass die USA zwar nur fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen, aber Heimstatt von rund 35 – 50 Prozent der Gewehre in zivilem Besitz sind und damit die globale Geographie der Feuerwaffen und jegliche Vergleiche sprengen. Es ist wahr, dass das Verhältnis von Haushalten mit und ohne Schusswaffen in den USA rund 88 zu 100 beträgt und damit höher ist als in Jemen, das auf den zweiten Platz kommt. Noch halten Länder wie Jamaica und Puerto Rico die Spitzenposition in der Zahl der Morde durch Schusswaffen. 42 Prozent der Morde, die auf unserem Planeten vorfallen, geschehen in einem Teil der Welt, in dem nur acht Prozent der Weltbevölkerung lebt: Lateinamerika. Dies soll nicht die Verbreitung der Gewalt in den Vereinigten Staaten verharmlosen, sondern vielmehr ein Schlaglicht darauf werfen, dass im Kontext der gegenwärtigen Periode die Gesellschaft eine gefährliche „Kultur“ des Misstrauens und der Furcht vor den Mitmenschen sowie eine Neigung zum „Jeder-für-selbst“ entwickelt, in welcher der Mord, nicht die menschliche Solidarität, zur „Lösung“ von Differenzen wird.

Dies ist die Wurzel der Waffenobsession von Adam Lanzas Mutter und ihrer Praxis, ihre beiden Kinder, einschließlich Adam, zum Schießstand mitzunehmen. Nancy Adams war eine Überlebenskünstlerin. Die Ideologie, die den Survivalismus unterfüttert, ist die Ideologie des „Jeder-für-sich“ in einer vor- und postapokalyptischen Welt. Sie predigt Autarkie oder vielmehr das Überleben des Einzelnen und stützt sich auf Waffen als Instrumente für den individuellen Schutz und für die Aneignung von lebenswichtigen und mangelnden Ressourcen. In Vorbereitung auf den Zusammenbruch der US-amerikanischen Wirtschaft, von dem sie überzeugt sind, horten die Survivalisten Waffen, Munition, Nahrungsmittel und bringen sich selbst bei, wie man in der Wildnis überlebt. Dieser Typus von Gesellschaftspsychose mag auch von den jüngsten esoterischen Vorhersagen über das angebliche Ende der Welt am 21. Dezember, mit dem Ende des Maya-Kalenders, dem viele Survivalisten folgten, verstärkt worden sein. Ist es so abwegig, dass sich Adam Lanza von dieser „No future“-Stimmung überwältigt gefühlt hat? Oder dass er Kinder als künftige Konkurrenten um die knappen Ressourcen wahrgenommen hat, die es zu eliminieren galt?

Als diese Zeilen verfasst wurden, war weniger als eine Woche seit dem Newtown-Massaker verstrichen. Das anfängliche Gelöbnis von Präsident Obama („Diesmal müssen den Worten Taten folgen“) und sein Schwur: „In den kommenden Wochen werde ich meine Macht im Amt (...) zu Bemühungen nutzen, die darauf abzielen, weitere Tragödien wie diese zu verhindern“ erweist sich bereits jetzt als das, auf was es in Wahrheit stets hinausläuft: auf ein politisches Armdrücken zwischen zwei Fraktionen der herrschenden Klasse, die sich so ziemlich in jedem gesellschaftlichen Thema in den letzten zehn Jahren an die Gurgel gegangen waren. Die Kluft zwischen ihnen ist so tief, dass nicht einmal ein Massaker dieses Ausmaßes zumindest für ein Minimum an Anstand in ihren Tiraden über Waffenkontrolle und die Pflege von Geisteskranken sorgen kann. Die National Rifle Association ihrerseits drückt einen Anfall von Paranoia und eine totale Irrationalität aus, wenn sie vorschlägt, dass vor jeder Schule in Amerika ein bewaffneter Beamter stehen solle, denn „ein schlechter Mensch kann nur von einem guten Menschen gestoppt werden“. Die Schulen sind ohnehin auf dem besten Weg zu ausgewachsenen Knästen, und dies schon seit Jahren. Dieser Irrsinn zeigt nicht nur den Bankrott der rechten Ideologie, sondern auch ihre Ansteckung durch den Zerfall: In einer Gesellschaft, die keine brauchbaren Antworten und Lösungen für ihre Probleme mehr anbieten kann, besteht für den Einzelnen die einzige Möglichkeit darin, gegen alle anderen zu sein. Führende Republikaner aus dem Repräsentantenhaus, die den Verlust der Unterstützung durch die NRA fürchten, haben bereits ihre harte Opposition gegen neue Beschränkungen beim Kauf von Schusswaffen und Munition formuliert und damit die Bühne bereitet für eine weitere Schlacht in der Legislative und für eine Verschleppungstaktik in den Sitzungen über das Second Amendment. Es ist überdeutlich, dass es der herrschenden Klasse, gleich wie besorgt sie sich gibt, nicht um das Wohlergehen oder die Sicherheit der Bevölkerung geht, sondern vielmehr um ihre eigenen politischen Absichten. Die Linke bietet das Ammenmärchen an, dass, sobald sich die Rechte vernünftig und flexibel zeigt, es möglich sein werde, bedeutende und effektive Gesetze zu verabschieden, die sich den Bedürfnissen der psychisch Kranken besser widmen. Es werde auch möglich sein, das tägliche Blutvergießen, das durch den Gebrauch von Schusswaffen verursacht wird, zu reduzieren, wenn nur die Rechten überzeugt werden könnten. In diesem Märchen ist die Tatenlosigkeit in der Frage der Schusswaffengewalt in Amerika das Ergebnis der abgebrühten Haltung der Rechten. Es ist jedoch eine traurige Tatsache, dass sich bereits so viele Schusswaffen im Privatbesitz von Amerikanern befinden, dass jegliche neue Restriktionen letztendlich nichts ausrichten können, um die Gewalt zu kontrollieren. Dies zeigte sich bereits in den acht Jahren zwischen 1996 und 2004, als nach der Schießerei in der Columbine High School Sturmgewehre verboten waren. Auch wenn die National Rifle Association in jüngster Zeit einigen Einfluss eingebüßt hat und ihre Opposition etwas weniger schwer zu überwinden ist, scharren Republikaner bereits mit den Hufen, um eine lange und heftige Schlacht zu organisieren. Und selbst wenn es weniger Animositäten zwischen beiden Fraktionen der herrschenden Klasse in den USA gab, so sind die von der Administration vorgeschlagenen Änderungen so ausreichend wie ein Teelöffel zur Abschöpfung einer Flut. In ihrem ekelerregenden politischen Eigeninteresse manipuliert die zurzeit an der Macht befindliche Fraktion den Schrecken, den das Gemetzel an der Sandy Hook-Grundschule ohnehin bewirkte, um die gegnerische Fraktion zu schwächen und um als Verteidiger des sozialen Sicherheitsnetzes anerkannt  zu werden bzw. als fest entschlossen zu gelten, Vorsorgemaßnahmen jedermann zugänglich zu machen. Die Rechte ihrerseits schlägt vor, den Repressionsapparat zu stärken, so dass jeder, der als potenziell gefährlich gilt, eingesperrt werden kann. In ihrer Vorstellung sind die Schulen Gefängnisse, in denen LehrerInnen als Aufseher und Polizisten an einem öffentlichen Platz fungieren, der verriegelt gehört.

Es ist nur zu natürlich, Horror und Bestürzung angesichts des Angriffs auf unschuldige Kinder zu empfinden. Es ist nur zu verständlich, nach möglichen Erklärungen für etwas, das offenkundig völlig irrational ist, Ausschau zu halten. Dies drückt ein tief empfundenes Bedürfnis aus, uns selbst zu beschwichtigen, dass wir zumindest eine gewisse Kontrolle über unser eigenes Schicksal ausüben, dass die Menschheit aus dieser endlosen und immer extremeren Spirale der Gewalt ausbrechen kann. Doch die herrschende Klasse kann die gegenwärtigen Emotionen in der Bevölkerung durchaus verwerten und die Bedürfnisse nach Vertrauen manipulieren, um sie in dem Mythos zu kanalisieren, demzufolge der Staat willens und fähig sei, die Probleme der Gesellschaft zu lösen. Revolutionäre müssen dagegen laut und deutlich bekräftigen, dass es vielmehr die fortgesetzte Existenz der Klassengesellschaft und Klassenherrschaft sowie das Hinausschleppen der kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse sind, die allein für die exponentielle Zunahme irrationaler Verhaltensweisen und für die offenkundige Unfähigkeit verantwortlich sind, diesen Trend umzukehren.

Ana, 21. Dezember 2012   (Übersetzung aus dem Amerikanischen)