Postskriptum zum Artikel „Ablehnung und Rückschritte“ aus unserer Reihe „Die Dekadenz des Kapitalismus“

Mit dem ursprünglichen Artikel wollten wir auf den weitverbreiteten Trend einer Reihe von Strömungen in oder um der revolutionären Bewegung herum reagieren, den Begriff der kapitalistischen Dekadenz abzulehnen, der ein Grundstein der in unserer Plattform enthaltenen Klassenpositionen ist. Wir haben darauf hingewiesen, dass diese Tendenz sowohl Teile der Kommunistischen Linken wie auch Leute aus dem Anarchismus oder den „libertären“ Versionen des Marxismus erfasst hat. Eine der Gruppen, auf die wir uns bezogen, war die „Internationale Kommunistische Tendenz“. Wir verwiesen auf zwei Artikel aus den Jahren 2002 und 2003, die uns als ein Ausdruck dieses Trends erschienen, da beide Formulierungen enthielten, die das Grundkonzept der Dekadenz infragestellten, indem sie es mit der fatalistischen Vorstellung identifizierten, wonach die Revolutionäre nur auf den unvermeidlichen Zusammenbruch des Systems und auf seine gleichermaßen unvermeidliche Ersetzung durch den Sozialismus warten müssen.

 

Wir stellten in unserem Artikel fest, dass der zweite der beiden erwähnten Artikel - „Für eine Definition des Konzeptes der Dekadenz“, der auf Italienisch in Prometeo, Nr. 8, VI. Serie (Dezember 2003) und auf Englisch in Revolutionary Perspectives, Nr. 32, dritte Serie, Sommer 2004, veröffentlicht wurde - eigentlich der Beitrag eines einzelnen Mitglieds gewesen war und nicht notwendigerweise die Ansicht des italienischen Teils des damaligen IBPR noch des IBRP insgesamt ausdrückte. Wir gestanden ferner ein, dass wir uns nicht darüber im Klaren waren, in welchem Maße sich die Diskussion über diese Frage innerhalb der IKT seit der Veröffentlichung des Textes entwickelt hatte.

Soweit wir wissen, hat die IKT nichts aus den internen Debatte zu dieser Frage veröffentlicht, so dass man unser Unwissen darüber nachsehen muss, wie die Debatte ausgegangen war. Doch wie ein Genosse der IKT aus Großbritannien in einem Gespräch mit dem Autor des oben erwähnten Artikels neulich meinte, hätten wir allerdings den IBRP-Artikel „Das Konzept der Dekadenz näher definieren“ berücksichtigen müssen, der im September 2005 erschien und Folgendes in der Einleitung sagte: „Das nachfolgende Dokument ist das Ergebnis einer weitreichenden Debatte unter all den Organisationen, die dem Internationalen Büro angehören. Die gemeinsame Arbeit spiegelt die wachsende Homogenisierung des Büros wider, die eine grundlegende Vorbedingung für uns ist, um das Ziel zu erreichen, das wir uns gesetzt haben, den Wiederaufbau der revolutionären Partei auf internationaler Ebene.“

Kurzum, dies ist eine gemeinsame Stellungnahme des/der IBRP/IKT, die die Überzeugung der Organisation bekräftigt, derzufolge der Kapitalismus ein System im Niedergang ist, das die Menschheit vor die Perspektive Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei stellt. Es gibt viele Elemente im Text, gegen die wir Einwände haben – ein übermäßiges Vertrauen in Lenins spezifisches Konzept des kapitalistischen Niedergangs, einschließlich seiner Auffassung über die Arbeiteraristokratie, und die Fortsetzung einer überflüssigen Polemik gegen ungenannte Elemente, die meinen, der Begriff der kapitalistischen Dekadenz bedeute, die sozialistische Revolution sei unvermeidbar. Wir werden sicherlich auf einige dieser Ideen in einem späteren Beitrag zu sprechen kommen. Aber im Wesentlichen scheint es sich aus unserer Sicht um eine richtige Antwort des IBRP auf einige gewichtige Konfusionen zu handeln, die in der Organisation aufgetaucht waren und sich in dem eingangs erwähnten Artikeln geäußert hatten.

Auch möchten wir auf einen aktuelleren Artikel verweisen, der auf der IKT-Website veröffentlicht wurde und der aus unserer Sicht ebenso viele positive Punkte aufweist: „Kapitalistische Krise, Ursachen und Folgen, eine kurze Übersicht“. Im Gegensatz zum Beitrag von 2003 in Prometeo, der davon ausging, dass der Kapitalismus zu einer ständigen Erneuerung durch Krisen in der Lage sei, bekräftigt der neue Artikel explizit, dass die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise ein Zeichen des Endstadiums des kapitalistischen Niedergangs sei. Und indem er mit der Aussage beginnt: „Unter den mannigfaltigen revolutionären Organisationen konzentriert sich die Erklärung der kapitalistischen Krise auf zwei Hauptaspekte: auf den tendenziellen Fall der Profitrate und die Schwierigkeit, ausreichend Märkte für die gewaltigen Produktionskapazitäten zu finden, die der Kapitalismus generiert“, öffnet er auch die Tür zu einer fruchtbareren Diskussion innerhalb des revolutionären Lagers.  Obgleich die IKT offensichtlich die erste Position unterstützt, würden wir diesen Absatz so interpretieren, dass die zweite Herangehensweise ein Teil der marxistischen Tradition ist und nicht außerhalb derselben steht.

Wenn wir darauf hinweisen, dass revolutionäre Organisationen durch den Sirenengesang der bürgerlichen Ideologie beeinflusst werden können - in diesem Fall die alte Leier, dass der Kapitalismus noch ein pulsierendes, aufsteigendes System sei –, nehmen wir uns selbst nicht davon aus. Im Gegenteil, die meisten Fälle, die in besagtem Artikel in der Internationalen Revue, 149 (engl., franz., span. Ausgabe) erwähnt werden, haben ihren Ursprung in der IKS selbst. Worauf es ankommt, ist, dass proletarische Organisationen die Fähigkeit haben, gegen solch einen Druck anzukämpfen, indem sie nicht einfach die grundlegenden Errungenschaften der Vergangenheit herunterleiern, sondern indem sie diese fortentwickeln und auf feste theoretische Grundlagen stellen. 

Gerrard, Februar 2013