ÖKOLOGIE

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DER KAPITALISMUS VERGIFTET DIE ERDE

Es ist unübersehbar geworden, daß - je länger sie fortdauert - die kapitalistische Zivilisation uns umso näher an eine ökologische Katastrophe planetarischen Ausmaßes bringen wird. 

Die grundsätzlichen Tatsachen sind wohlbekannt und können einer wachsenden Zahl von sowohl populärwissenschaftlichen als auch Fachpublikationen entnommen werden, so daß wir sie hier nicht im Detail beschreiben werden. Eine simple Auflistung reicht aus, um das Ausmaß und die Größe der Gefahr zu demonstrieren: das zunehmende Verderben der Nahrungsmittel durch Zusätze und Tierkrankheiten; die Verseuchung der Trinkwasservorräte durch den uneingeschränkten Gebrauch von Kunstdünger und durch das Ablagern von Giftmüll; die Luftverschmutzung besonders in den großen Städten durch die kombinierten Auswirkungen von Industrieemissionen und Autoabgasen; die Drohung der radioaktiven Verseuchung durch Kernkraftwerke und Atommülldeponien, die überall in den industrialisierten Ländern und unter den ex-stalinistischen Regimes verbreitet sind - eine Bedrohung, die mit den Katastrophen in Windscale, Three Mile Island und vor allem in Tschernobyl bereits zur alptraumhaften Wirklichkeit geworden ist; die Vergiftung der Flüsse, Seen und Meere, die jahrzehntelang als Müllkippen der Welt genutzt wurden, was jetzt in einem Zusammenbruch der gesamten komplexen Nahrungsmittelkette und in einer Zerstörung von Organismen resultiert, die eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Weltklimas spielen; die sich beschleunigende Zerstörung der Wälder dieser Welt, insbesondere der tropischen Regenwälder, was ebenfalls das Klima der Erde verändert, Bodenerosion verursacht und so ihrerseits zu weiterem Unheil wie die fortschreitende Wüste in Afrika und den Überschwemmungen in Bangladesh beiträgt.

Ferner ist ersichtlich, daß die Quantität in Qualität umschlägt, da die Auswirkungen der Umweltverschmutzung sowohl globaler als auch unkalkulierbarer geworden sind. Sie sind insofern global, als jedes Land auf der Welt davon betroffen ist: nicht nur der hochindustrialisierte Westen, sondern auch die "unterentwickelte" Dritte Welt und die stalinistischen und ex-stalinistischen Regimes, die zu bankrott sind, um selbst die minimalen Kontrollen aufzuwenden, die im Westen eingeführt worden sind. Ehemalige "sozialistische" Länder wie Polen, die ex-DDR und Rumänien sind womöglich die vergiftesten auf der Welt; faktisch jede Stadt hat ihre eigenen Horrorgeschichten über örtliche Fabriken, die tödliche Gifte ausstoßen, welche Krebs-, Lungen- und andere Krankheiten verursachen, über Flüsse, die sich in ein Flammenmeer verwandeln, wenn man ein brennendes Streichholz hineinwirft, und so weiter.

Aber es gibt eine weitere, noch fürchterlichere Bedeutung des Wortes "global" in diesem Zusammenhang; nämlich daß das ökologische Desaster jetzt fühlbar das eigentliche Biosystem des Planeten bedroht. Das Ausdünnen der Ozonschicht, das hauptsächlich das Resultat der Emissionen von FCKW-Gasen zu sein scheint, ist ein klarer Ausdruck dafür, da die Ozonschicht das gesamte Leben auf der Erde vor der tödlichen ultra-violetten Strahlung schützt; es ist unmöglich zum gegenwärtigen Stadium zu sagen, was die langfristigen Konsequenzen dieses Prozesses sein werden. Dasselbe trifft auf das Problem des Treibhauseffektes zu, der jetzt von einer wachsenden Zahl von wissenschaftlichen Kommissionen, zuletzt von der zwischenstaatlichen UN-Kommission über die Klimaveränderungen als eine wirkliche Bedrohung akzeptiert worden ist. Diese und andere Kommissionen haben nicht nur vor massiven Überschwemmungen, Dürren und Hungersnöten gewarnt, die das Resultat sein werden, falls es nicht zu einer bedeutsamen Verringerung des gegenwärtigen Stands an Treibhausgas-Emissionen kommt; sie haben auch die Gefahr eines Rückkoppelungsprozesses hervorgehoben, in welchem jeder Aspekt der Umweltverschmutzung und -zerstörung auf die anderen einwirkt, um eine unumkehrbare Spirale von Katastrophen zu produzieren.

Es ist ebenfalls offensichtlich, daß die Klasse, deren System dieses Schlamassel verursacht hat, nicht imstande ist, etwas dagegen zu unternehmen. Sicherlich, in den letzten paar Jahren sind nahezu alle führenden Leuchten der Bourgeoisie auf wundersame Weise zur guten Sache des Umweltschutzes konvertiert. Die Regale der Supermärkte sind voll von Waren, angepriesen, wie frei sie von künstlichen Zusätzen sind; Kosmetika, Waschmittel und übertölpelnde Kennzeichen, die miteinander um den Beweis ihrer Rücksicht auf die Ozonschicht, die Luft oder die Flüsse wetteifern, und die politischen Führer sprechen immer mehr darüber, daß wir alle zusammenarbeiten müssen, um den bedrohten Planeten zu schützen.

Wie gewöhnlich kennt die Scheinheiligkeit dieser Klasse von Gangstern keine Grenzen. Die wirkliche Verpflichtung der Bourgeoisie zur Rettung des Planeten kann nur mit Blick auf das, was sie tatsächlich in Angriff nahm, beurteilt werden. Zum Beispiel machte sie viel Aufheben um die jüngste Ozon-Konferenz in London, wo die größten Länder der Welt, einschließlich der ehemals widerspenstigen 3.Welt-Größen wie Indien und China darin übereinkamen, die FCKWs bis zum Jahr 2000 abzuschaffen. Aber dies bedeutet immer noch, daß weitere 20 % der Ozonschicht im nächsten Jahrzehnt zerstört werden; in dieser Periode würde ein Volumen von Ozon-dezimierenden Gasen freigesetzt werden, das die Hälfte des gesamten, seit der Erfindung des FCKW bisher freigesetzten Volumens darstellt.

Es ist noch schlimmer, wenn es um den Treibhaus-Effekt geht. Die US-Administration hat den Begriff "globale Erwärmung" aus all ihren offiziellen Verlautbarungen verbannt. Und die Länder, die auf dem Papier die Vorhersagen der UN-Kommission akzeptieren, haben sich gerade einmal dazu verpflichtet, nicht mehr zu tun, als den Ausstoß von Kohlendioxid auf seinem gegenwärtigen Stand zu stabilisieren. Und vor allem besitzen sie keine ernsthafte Strategie zur Verringerung der Abhängigkeit ihrer Ökonomie von fossilen Brennstoffen oder vom privaten Automobil, den Hauptverursachern des Treibhaus-Effektes. Nichts ist getan worden, um die Zerstörung der Regenwälder aufzuhalten, was sowohl zur Anhäufung von Treibhausgasen beiträgt als auch die Fähigkeit des Planeten vermindert, sie wieder zu absorbieren: der UN-eigene Tropenwald-Aktionsplan ist vornehmlich beherrscht von den Holzproduzenten, und abgesehen davon kann der Raubbau in den Regenwäldern durch Holzproduzenten, Viehzucht und industrielle Interessen sowie durch darbende, verzweifelt nach Land und Brennstoffen suchende Bauern nur aufgehalten werden, wenn die 3. Welt plötzlich von ihrer massiven Schuldenlast und Armut befreit werden würde. Doch so wie die Pläne zur Abwehr von Überschwemmungen und zur Vermeidung des Hungers aussehen, können die Bevölkerungen der am meisten bedrohten Länder wie Bangladesh dieselbe Art von "Hilfe" erwarten, wie sie auch den Einwohnern der Erdbebengebiete der Welt oder den Opfern der Dürre in Afrika zugutekam.

Die Antwort der Bourgeoisie auf all diese Probleme unterstreicht die Tatsache, daß gerade die Struktur ihres Systems sie der Fähigkeit beraubt, mit den ökologischen Problemen, die sie geschaffen hat, fertig zu werden. Globale ökologische Probleme bedürfen einer globalen Lösung. Aber trotz aller internationaler Konferenzen, trotz all des frommen Geredes über internationale Zusammenarbeit, basiert der Kapitalismus unumstößlich auf der Konkurrenz zwischen nationalen Ökonomien. Seine Unfähigkeit, ein echtes Maß an globaler Zusammenarbeit zu erreichen, hat sich heute in der Tat noch verschlimmert, wo die alten Blockstrukturen zerfallen und das System in einen Krieg jeder gegen jeden abgleitet. Die Zuspitzung der Weltwirtschaftskrise, die den russischen Block in die Knie zwang, wird die Konkurrenz und die nationalen Rivalitäten verschärfen; das wird heißen, jedes Unternehmen, jedes Land wird mit einer immer größeren Verantwortungslosigkeit in dem verrückten Kampf um das wirtschaftliche Überleben mitmischen.

Welche kleine Konzessionen den Umweltbelangen auch immer gemacht wurden, der vorherrschende Trend geht dahin Gesundheit, Sicherheit und Umweltkontrolle zum Teufel zu wünschen. Das war bereits während des vergangenen Jahrzehnts der Fall, das einen markanten Anstieg in der Zahl der Industrie-, Verkehrs- und anderer Katastrophen verzeichnete, das Ergebnis einer gewaltigen Kostensenkung aufgrund der Wirtschaftskrise. Da der Handelskrieg zwischen den Nationen sich aufheizt, wird alles nur noch schlimmer werden.

Mehr noch, dieses "Von-allem-befreit-Sein" wird die Gefahr lokaler, militärischer Konflikte in Regionen erhöhen, wo die Arbeiterklasse zu schwach ist, um sie zu verhindern. Jetzt, wo diese Konflikte nicht mehr in die Disziplin der alten imperialistischen Blöcke eingebunden sind, laufen sie viel eher Gefahr, den Horror einer chemischen oder gar nuklearen Kriegsführung auf "lokaler" Ebene zu entfesseln, wo Millionen massakriert werden und zudem die Atmosphäre des Planeten verseucht wird. Wer kann daran glauben, daß die Bourgeoisien der Welt, gefangen in einer sich auftürmenden Spirale des Chaos und der Verwirrung, sich anschicken, harmonisch zusammenzuarbeiten, um der Gefahr für die Umwelt zu begegnen? Wenn überhaupt dann wird das Ergebnis der ökonomischen Widrigkeiten - schwindende Trinkwasservorräte, Überschwemmungen, Streit über Asylanten usw. - die lokalen imperialistischen Spannungen noch weiter verschärfen. Die Bourgeoisie ist sich dessen bereits bewußt. Wie der ägyptische Außenminister Butros Ghali es kürzlich formulierte: "Der nächste Krieg in unserer Region wird um das Wasser gehen, nicht um die Politik".

In dieser gegenwärtigen Phase der fortschreitenden Auflösung verliert die herrschende Klasse zunehmend die Kontrolle über ihr soziales System. Die Menschheit kann es sich nicht länger leisten, den Planeten ihren Händen zu überlassen. Die "ökologische Krise" ist ein weiterer Beweis dafür, daß der Kapitalismus zerstört werden muß, eher er die gesamte Welt in den Abgrund zerrt.

IDEOLOGISCHE VERGIFTUNG

Aber während die Bourgeoisie nicht imstande ist, den Schaden, den sie am Planeten angerichtet hat, zu reparieren,  zögert sie jedoch nicht, die ökologischen Fragen zur Auffrischung ihrer Mystifikationskampagnen zu benutzen, die die einzige Kraft in der Gesellschaft zur Zielscheibe haben, die etwas gegen das Problem unternehmen kann - die Weltarbeiterklasse.

Die ökologische Frage ist in dieser Hinsicht ideal, was erklärt, warum die Bourgeoisie nur geringe Anstrengungen unternimmt, die Schwere des Problems zu verbergen (und selbst einer kleinen Übertreibung freien Lauf läßt, wenn es ihr paßt). Immer und immer wieder wird uns erzählt, daß Probleme wie das Ozonloch oder die globale Erwärmung "uns alle betreffen", daß sie "keine Unterschiede machen" zwischen Rassen, Klassen und Ländern. Und es ist wahr, daß Umweltverschmutzung, wie all die anderen Aspekte der Auflösung der kapitalistischen Gesellschaft (Drogenmißbrauch, Kriminalität usw.) alle Klassen der Gesellschaft betrifft (auch wenn es die am schlimmsten Ausgebeuteten und Unterdrückten sind, die am meisten darunter leiden). Gibt es eine bessere Grundlage, um den Charakter des Proletariats zu verwässern, um es zum Vergessen seiner eigenen Klassenziele zu bewegen und in einer formlosen Masse zu ertränken, wo nicht mehr zwischen den Interessen der Arbeiter, Ladenbesitzer... oder der herrschenden Klasse selbst unterschieden wird? Die konstante ideologische Eindämmung der Umweltpolitik vervollständigt auf diese Weise all die Kampagnen über Demokratie und "Volksmacht" und wurde nach dem Fall des Ostblocks verstärkt.

Man beachte, wie sie die ökologischen Fragen drehen und wenden, bis sie ihren Bedürfnissen entsprechen. Diese Probleme seien furchterregend, so dringend, sagen sie, jedenfalls wichtiger als eure egoistischen Kämpfe um höhere Löhne oder gegen den Arbeitsplatzverlust. In der Tat: sind nicht die meisten dieser Probleme mit der Tatsache verknüpft, daß "wir" in den Industriestaaten "zuviel konsumieren"? Sollten wir uns nicht darauf einstellen, weniger Fleisch zu essen, weniger Energie zu verbrauchen, selbst die eine oder andere Fabrikschließung "zum Wohle des Planeten" zu akzeptieren? Ein besseres Alibi für die von der Krise der kapitalistischen Wirtschaft geforderten Opfer gibt es nicht.

Und dann gibt es da noch all die Argumente, die die Mythologie der "Reformen" und des "realistischen Wandels" unterstützen. Natürlich muß jetzt etwas unternommen werden, sagen sie. Sollten wir also nicht darauf achten, welcher Wahlkandidat die beste ökologische Politik anbietet, welche Partei das Beste für die Umwelt verspricht? Beweist das von Gorbatschow, Mitterand oder Bush ausgedrückte Interesse nicht, daß die Politiker tatsächlich auf öffentlichen Druck reagieren? Beweisen die Experimente in der Energieeinsparung, der Sonnenenergiebenutzung oder der Windenergie, die von etlichen "aufgeklärten" Regierungen z.B. in Schweden oder den Niederlanden heute durchgeführt werden, nicht, daß der Wandel nur eine Frage des Willens und der Initiative auf seiten der Politiker ist, kombiniert mit dem Druck der Bürger von unten? Beweist die Umstellung auf umweltfreundliche Produkte nicht, daß die großen Konzerne wirklich vom "Verbraucherschutz" beeinflußt werden können?

Und falls diese "hoffnungsvollen" und "positiven" ersten Schritte nicht überzeugen, dann profitiert die Bourgeoisie immer noch von den Gefühlen der Hilflosigkeit und Verzweiflung, die sich nur verstärken können, wenn der isolierte Bürger aus dem Fenster schaut und sieht, wie eine ganze Welt vergiftet wird. Wenn man schon die Ausgebeuteten nicht dazu bringen kann, den Lügen zu glauben, dann wenigstens eine Arbeiterklasse, die atomisiert und demoralisiert ist und keine Bedrohung für das System darstellt.

DIE FALSCHEN ALTERNATIVEN DER "GRÜNEN"

Im letzten Jahrzehnt ist jedoch eine neue politische Kraft auf der Bühne erschienen - eine, die für sich beansprucht, für einen radikalen Versuch zu stehen, der die Verteidigung der Umwelt über alle anderen Rücksichten stellt: die Grünen. In Deutschland wurden sie zu einer Kraft, die zum nationalen politischen Leben zählte. In Osteuropa wirkten ökologische Gruppen überwiegend an der  demokratischen Opposition mit, die für den zusammengebrochenen Stalinismus in die Bresche gesprungen ist. Grüne Parteien und pressure groups sind in den meisten Industriestaaten und selbst in der 3. Welt aufgetreten.

 Aber die Grünen sind ebenfalls Teil der verrottenden kapitalistischen Ordnung. Dies wird offensichtlich, wenn man die Grünen in Deutschland betrachtet: sie sind zu einer respektablen parlamentarischen Partei geworden, mit zahlreichen Sitzen im letzten Bundestag und etlichen verantwortungsvollen Posten in lokalen und Länderregierungen. Die offenkundige Integration der Grünen in die kapitalistische Normalität wurde vor einigen Jahren durch den "außerparlamentarischen", anarchistischen Rebell von 1968, Daniel Cohn-Bendit (erinnert sei an die Parole "Wahlen, eine Falle"), symbolisiert, der selbst städtischer Abgeordneter wurde und sich wünschte, Minister zu werden. Im Bundestag engagierten sich die Grünen in all den schäbigen Manövern, die typisch sind für eine bürgerliche Partei - mal handeln sie als "Spielverderber", um die SPD in der Opposition zu halten, mal bilden sie eine Allianz mit den Sozialdemokraten gegen die herrschende CDU.

 Es trifft zu, daß die Grünen gespalten sind in einen "Realo-Flügel", der zufrieden ist, wenn er sich in der parlamentarischen Arena versammeln darf, und einen "Fundi-Flügel", der den Akzent auf radikalere, außerparlamentarische Aktionen legt. Und vieles von der Wirkung der grünen Parteien und pressure groups besteht darin, daß sie sich auf das Mißtrauen der Bevölkerung gegenüber bürokratisch-zentralen Regierungen und parlamentarischer Korruption stützen. Als Alternativen bieten sie Kampagnen gegen lokale Beispiele der Umweltverschmutzung, spektakuläre Proteststunts jeder Art, auf die sich Greenpeace spezialisiert hat, Märsche und Demonstrationen an, während sie nach der Dezentralisierung der politischen Macht und den "Bürgerinitiativen" rufen. Aber keine dieser Aktivitäten begibt sich auch nur einen Zentimeter außerhalb der allgemeinen Kampagnen der Bourgeoisie. Im Gegenteil, sie halfen sicherzustellen, daß diese Kampagnen in die eigentlichen Quellen der Gesellschaft eindringen. Die "radikalen" Grünen sind Meister in der klassenübergreifenden Zusammenarbeit. Sie richten sich an das "verantwortungsbewußte Individuum", an die "örtliche Gemeinschaft", an das Gute im Menschen schlechthin. Die von ihnen initiierten Aktionen versuchen, alle Bürger, ungeachtet der Klasse, im Kampf gegen die Umweltverschmutzung zu mobilisieren. Und wenn sie die Bürokratie und die Ferne der zentralen Regierungen kritisieren, dann geschieht dies nur, um die Vision einer "lokalen Demokratie" in den Vordergrund zu schieben, die genauso bürgerlich im Inhalt ist.

 Sie sind nicht weniger eifrig in ihrer Unterstützung der Illusion des Reformismus. Die von ihnen organisierten Aktionen haben ausnahmslos zum Ziel, Konzerne und Regierungen verantwortungsbewußter, sauberer, grüner zu machen. Als ein Beispiel ein Flugblatt der "Friends of the Earth", das erklärt, wie die Schulden der 3. Welt zur Zerstörung der Regenwälder führen. Was ist nun die Antwort? Die großen westlichen Banken  "sollten die Schulden der ärmsten Länder der Welt annullieren und die Schulden der anderen Hauptschuldnerländer um mindestens die Hälfte reduzieren. Sie haben die Mittel, so zu handeln" ("Merzt die Schulden aus, nicht die Regenwälder". Und wie werden die Banken davon überzeugt? "Die Banken werden sich solange nicht rühren, bis ihnen gezeigt wird, wie stark die Empfindungen der Käufer in dieser Frage sind. Eure Schecks mit dem Zusatz "Merzt die Schulden aus, nicht die Regenwälder" zu versehen und einen "Schuldschein" aufzunehmen, sind 2 machtvolle Wege, um ihnen zu zeigen, was man empfindet".  

Auf diese Weise fordern die Grünen uns dazu auf, an die Wirksamkeit der "Konsumentenmacht" und an die Möglichkeit eines Appells an die gute Seite der Geldsäcke zu glauben, die sich nichts dabei denken, wenn sie durch die Umschichtung ihres Kapitals von einem Land in das andere Millionen zum Hungertod verurteilen. Genauso verhält es sich, wenn die Grünen ihr Bild einer möglichen Zukunft entwerfen: eine Welt, in der kleine, ökologisch sanfte Firmen sich nie in habgierige, kapitalistische Giganten verwandeln, eine pazifistische Version des Verhältnisses  unter den Nationen, kurzum ein netter, fürsorglicher, unmöglicher Kapitalismus.  

Aber halt. Es gibt Strömungen innerhalb oder im Umfeld der grünen Bewegung, die für sich beanspruchen, radikaler zu sein als diese, die tatsächlich den Kapitalismus kritisieren und gar von der Revolution sprechen. Einige von ihnen sind so radikal, daß sie behaupten, der Marxismus sei nichts anderes als die Kehrseite der kapitalistischen "Monstermaschine". Seht euch die Regime im Osten an, sagen sie: sie sind das logische Resultat der marxistischen Huldigung "fortschrittlicher" Technologien oder Industrien. Angeregt von "Denkern" wie Baudrillard, können sie sogar in einer sehr komplizierten Ausdrucksweise erklären, daß der Marxismus lediglich eine andere produktivistische Ideologie sei (darin stimmen sie mit exkommunizierten Stalinisten wie Martin Jacques überein, der jüngst auf einer Konferenz der britischen KP äußerte, daß "man nicht der Tatsache aus dem Wege gehen kann, daß die marxistische Tradition in ihrem Kern produktivistisch ist ... die Eroberung der Natur, die Produktivkräfte, die Verpflichtung zum wirtschaftlichen Wachstum"). Anarcho-Primitivlinge wie der Fifth Estate in Detroit rufen nach nichts geringerem als der Ausrottung der industriell-technologischen Gesellschaft und der Rückkehr zum primitiven Kommunismus. Die "fundamentalen Ökologen" von Earth First  gehen sogar noch weiter: für ihre Ideologen ist das Problem nicht allein die Industriegesellschaft oder die Zivilisation, sondern der Mensch selbst... 

 

MARXISMUS GEGEN GRÜNE MYSTIFIKATIONEN 

 

Der Gedanke, daß ein abstraktes Wesen, "Mensch" genannt, für das gegenwärtige ökologische Unheil verantwortlich ist, beschränkt sich nicht auf ein paar esoterische grüne Ideologen; es ist tatsächlich ein weitverbreitetes Klischee. Aber in jedem Fall ist es eine Idee, die nur zur Verzweiflung führen kann, weil wenn Menschen das Problem sind, wie können dieselben eine Lösung finden? Es ist kein Zufall, daß einige der "fundamentalistischen Ökologen" AIDS als notwendiges Mittel willkommen heißen, um die Welt vom exzessiven Menschenwachstum zu befreien...  

Die Position der Anarcho-Primitivlinge führt zu denselben trüben Schlußfolgerungen. "Gegen die Technologie" zu sein, bedeutet auch, gegen die Menschheit zu sein; der Mensch schuf sich selbst durch die Arbeit, und "Arbeit beginnt mit der Herstellung von Werkzeugen" (Engels, "Der Anteil der Arbeiter an der Menschwerdung des Affen"). Die Logik der anti-technologischen Position läuft darauf hinaus, zurück zu einer vormenschlichen Vergangenheit zu gelangen zu versuchen, als die Natur noch ungestört von den Lauten menschlicher Aktivitäten war: "Das Tier benutzt die äußere Natur bloß und bringt Änderung in ihr einfach durch seine Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren, und es ist wieder die Arbeit, die diesen Unterschied bewirkt" (ebenda).(Marx-Engels, Gesammelte Werke, Bd. 20, S. 452)  

Aber selbst wenn die "Anti-Technologen" sich mit der Rückkehr zur Kulturstufe der Jäger und Sammler zufriedengäben, wäre das Resultat dasselbe, da die materiellen Bedingungen hierfür eine Weltbevölkerung von nicht mehr als einigen Millionen zur Voraussetzung hätten. Diese Bedingungen könnten nur durch eine massive "Auslese" der menschlichen Wesen wiederhergestellt werden, etwas, was der Kapitalismus in seiner Agonie bereits für uns vorbereitet. So werden die "radikalen" Ökologen - Produkte eines sich auflösenden Mittelstandes, der keine historische Zukunft besitzt und lediglich in eine idealisierte Vergangenheit zurückschauen kann - als Theoretiker und Apologeten des Abstiegs in die Barbarei herangezogen, auf dem wir uns schon längst befinden.  

Entgegen dieser nihilistischen Ideologien besteht der Marxismus, indem er den Standpunkt der einzigen Klasse ausdrückt, die eine Zukunft heute besitzt, darauf, daß der gegenwärtige ökologische Alptraum nicht mit beschwörenden Kategorien wie Mensch, Technologie oder Industrie, auf eine vage und ahistorische Weise erklärt werden kann. Der Mensch existiert nicht außerhalb der Geschichte, und die Technologie kann nicht von den sozialen Verhältnissen, in denen sie entwickelt wurde, getrennt werden. Das Wechselspiel zwischen Mensch und Natur kann nur in seinem wirklichen historischen und sozialen Zusammenhang begriffen werden.  

Die Menschheit existiert auf diesem Planeten mindestens seit einigen hunderttausend Jahren - zumeist auf der Ebene eines primitiven Kommunismus, einer Gesellschaft von Jägern und Sammlern, in der ein relativ stabiles Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur herrschte, eine Tatsache, die sich in vielen Mythen und Ritualen der primitiven Völker widerspiegelt. Die Auflösung dieses archaischen Kommunismus und der Aufstieg der Klassengesellschaft, ein qualitativer Schritt zur Entfremdung des Menschen vom Menschen, bewirkte ebenso eine Entfremdung zwischen Mensch und Natur. Die ersten Fälle einer ausgedehnten ökologischen Zerstörung fielen zusammen mit den frühen Stadtstaaten; es gibt tatsächlich Beweise dafür, daß der eigentliche Vorgang der Abholzung, der es Zivilisationen wie den Sumerern, Babyloniern, Singhalesen und anderen erlaubte, sich auf einer umfangreichen landwirtschaftlichen Basis zu entwickeln, auch eine beträchtliche Rolle in ihrem Zerfall und Verschwinden spielte.  

Aber dies waren lokale, begrenzte Phänomene: vor dem Kapitalismus basierten alle Zivilisationen auf der "Naturalwirtschaft". Der Umfang der Produktion orientierte sich noch an dem unmittelbaren Verbrauch der Gebrauchswerte, selbst wenn im Gegensatz zur primitiven Gemeinschaft ein großer Teil von ihnen durch die ausbeutende Klasse angeeignet wurde. Der Kapitalismus ist dagegen ein System, in dem die ganze Produktion mit dem Markt, mit der erweiterten Reproduktion der Tauschwerte verzahnt ist; es ist eine soziale Formation, die weitaus dynamischer als jedes vorherige System ist, und diese Dynamik zwang sie unerbittlich zur Bildung einer Weltwirtschaft. Aber die Dynamik und Globalität des Kapitals bedeutete, daß das Problem der ökologischen Zerstörung nun planetarische  Ausmaße angenommen hat. Denn es ist nicht der Marxismus, sondern der Kapitalismus, der "produktivistisch in seinen Kern" ist. Angestachelt von der Konkurrenz, von der anarchischen Rivalität kapitalistischer Einheiten, die um die Kontrolle des Marktes kämpfen, gehorcht er dem inneren Zwang, sich bis an die äußersten, ihm auferlegten Grenzen auszuweiten, und in dieser gnadenlosen Jagd zu seiner eigenen Ausweitung kann er nicht anhalten, um entweder die Gesundheit und das Wohlergeben seiner Produzenten oder die zukünftigen ökologischen Konsequenzen dessen, was er wie produziert, zu beachten. Das Geheimnis der heutigen Umweltzerstörung kann nur in dem eigentlichen Geheimnis der kapitalistischen Produktion gefunden werden: "Akkumuliert, akkumuliert. Das ist Moses und die Propheten..." (Das Kapital, Bd. 1, "Verwandlung von Mehrwert in Kapital").  

Das Problem hinter der ökologischen Katastrophe ist folglich nicht das einer abstrakten "Industriegesellschaft", wie so viele Ökologen verkünden: die bislang einzige Industriegesellschaft, die jemals existiert hat, ist der Kapitalismus. Dieser schließt natürlich die stalinistischen Regimes mit ein, die leibhaftige Karikaturen der kapitalistischen Unterordnung des Verbrauchs unter die Akkumulation sind; jene, die den Marxismus für die ökologische Verwüstung im Osten verantwortlich machen, leihen bloß ihre Stimmen dem gegenwärtigen Gezeter der Herrschenden über das "Scheitern des Kommunismus", das dem Zusammenbruch des östlichen imperialistischen Blocks folgte. Das Problem liegt nicht in dieser oder jener Form des Kapitalismus, sondern in den wesentlichen Mechanismen einer Gesellschaft, die nicht in bewußter Harmonie mit den Bedürfnissen des Menschen und mit dem, was Marx den "anorganischen Körper" des Menschen nannte, die Natur, sondern allein um des Profits willen wächst. 

 

Das ökologische Problem hat jedoch auch ihre  besondere Geschichte innerhalb des Kapitalismus.  

Schon in der aufsteigenden Periode hatten Marx und Engels viele Gelegenheiten, die Art und Weise zu entlarven, mit der der Heißhunger des Kapitalismus nach Profit das Leben und die Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse vergiftete. Sie beachteten selbst, daß "die Abschaffung der Trennung zwischen Stadt und Land" zu einem Bestand des kommunistischen Programms wurde (man stelle sich vor, was sie über die Megastädte des späten 20. Jahrhunderts gesagt hätten).   

Jedoch war es in der Hauptsache der gegenwärtige Epoche des Kapitalismus überlassen, der Epoche, welche seit 1914 von den Marxisten als jene der Dekadenz dieser Produktionsweise definiert wurde, daß die unbarmherzige Umweltzerstörung durch das Kapital eine andere Stufe und Qualität erreichen konnte, während sie gleichzeitig jede historische Rechtfertigung verlor. Dies ist die Epoche, die alle kapitalistischen Nationen dazu zwingt, miteinander um einen gesättigten Weltmarkt zu konkurrieren; eine Epoche der ständigen Kriegswirtschaft also, mit einem unverhältnismäßigen Wachstum der Schwerindustrie; eine Epoche, die charakterisiert ist durch eine irrationale, verschwenderische Vervielfältigung von Industriekomplexen in jeder nationalen Einheit, durch das verzweifelte Ausplündern der natürlichen Rohstoffe durch eine jede Nation in ihrem Versuch, in der gnadenlosen Hetzjagd auf dem Weltmarkt zu überleben. Die sich aus alldem ergebenden Konsequenzen für die Umwelt sind jetzt kristallklar. Die Intensivierung der ökologischen Probleme kann anhand der verschiedenen Phasen der kapitalistischen Dekadenz abgelesen werden. Das Hauptwachstum der Kohlendioxid-Emissionen fand in diesem Jahrhundert statt, mit einem beträchtlichen Anstieg seit den 60er Jahren. FCKWs wurden erst in den 30er Jahren entdeckt und seither in den letzten Jahrzehnten intensiv genutzt. Der Aufstieg der "Megastädte" ist sehr stark ein Phänomen der dem 2. Weltkrieg folgenden Zeit, so wie auch die Entwicklung von Landwirtschaftsformen, die ökologisch nicht weniger schädlich sind als die meisten Formen der Industrie. Die wahnwitzige Zerstörung der Regenwälder fand in derselben Periode statt und besonders das letzte Jahrhundert hindurch: die Rate hat sich seit 1979 wahrscheinlich verdoppelt.  

Was wir heute sehen, ist der Gipfel eines Jahrzehnts ungeplanter, verschwenderischer und irrationaler wirtschaftlicher und militärischer Aktivitäten durch den dekadenten Kapitalismus; die qualitative Beschleunigung der ökologischen Krise fällt "wie zufällig" zusammen mit der Eröffnung der letzten Phase kapitalistischer Dekadenz - die Phase der Auflösung. Damit meinen wir, daß nach 20 Jahren einer tiefen und sich ständig verschlimmernden Wirtschaftskrise, in der keine der größeren politischen Klassen fähig gewesen war, ihre historische Alternative des Weltkriegs bzw. der Weltrevolution durchzusetzen, die gesamte soziale Ordnung im Begriff ist, zusammenzubrechen, in eine unkontrollierte, abwärts gerichtete Spirale des Chaos und der Zerstörung zu versinken (siehe Artikel dazu in dieser Internationalen Revue).

 Das kapitalistische System hat lange aufgehört, irgendeinen Fortschritt für die Menschheit darzustellen. Die katastrophalen ökologischen Konsequenzen seines "Wachstums" seit 1945 sind eine weitere Verdeutlichung dafür, daß dieses Wachstum auf einer krankhaften, zerstörerischen Grundlage stattfindet, und stellen einen Schlag in das Gesicht all jener "Gelehrten" dar - wobei sich bedauerlicherweise einige von ihnen in der proletarischen politischen Bewegung befinden -, die auf dieses Wachstum hinweisen, um den marxistischen Begriff der Dekadenz des Kapitalismus abzulehnen.  

Dies bedeutet jedoch nicht, daß Marxisten - wie etwa der größere Teil der Bourgeoisie heute und all ihre kleinbürgerlichen Anhänger - den Begriff des Fortschritts abschaffen oder den anti-technologischen Vorurteilen der radikalen Grünen Konzessionen machen.  

Das marxistische Konzept vom Fortschritt war niemals dasselbe wie der einseitige, lineare Begriff der Bourgeoisie von einem stetigen Aufstieg aus der primitiven Dunkelheit und dem Aberglauben in das Licht der modernen Vernunft und Demokratie. Es ist eine dialektische Auffassung, die anerkennt, daß historische Fortschritte durch den Zusammenprall von Gegensätzen stattfinden, daß sie Katastrophen und selbst Rückschritte beinhalten, daß der Fortschritt der "Zivilisation" auch die Verfeinerung der Ausbeutung und die Verschlimmerung der Entfremdung unter den Menschen und zwischen Mensch und Natur bedeutete. Aber es erkennt ebenfalls an, daß die wachsende Fähigkeit des Menschen, die Natur durch die Entwicklung seiner Produktivkräfte umzuwandeln, die unbewußten Naturprozesse seiner eigenen bewußten Kontrolle untertan zu machen, die einzige Basis für die Überwindung dieser Entfremdung und für das Erreichen einer höheren Form der Gemeinschaft als der beschränkte Kommunismus in der Vorzeit ist - eine weltweit vereinigte Gemeinschaft, die nicht auf Armut und der Unterdrückung des Individuums im Kollektiv basiert, sondern auf einen noch nie dagewesenen Grad an Wohlstand, der die materiellen Bedingungen für die vollständige, allgemeine Entwicklung der produktiven Möglichkeiten des Einzelnen ermöglichen wird. Bei der Schaffung der materiellen Basis für diese globale, menschliche Gemeinschaft stellte der Kapitalismus einen immensen Schritt nach vorn dar gegenüber der Naturalwirtschaft, die ihm vorausging.  

Heute ist der Begriff der "Naturbeherrschung" auf abscheuliche Weise von der Erfahrung des Kapitalismus verdreht worden, der die Gesamtheit der Natur wie eine x-beliebige Ware, wie einen toten Gegenstand, wie etwas, das sich im wesentlichen außerhalb des Menschen befindet, behandelt. Gegen diese Sichtweise - aber auch gegen die passive Naturanbetung, die bei vielen der heutigen Grünen vorherrscht - definierte Engels die kommunistische Position, als er schrieb: "Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht - sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehen und daß unsere ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug zu allen anderen Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können" (Engels, ebenda).  

In der Tat offenbart der Kapitalismus trotz all seiner sogenannten "Eroberungen" heute, daß seine Kontrolle über die Natur die "Kontrolle" des Zauberlehrlings ist, nicht die des Zauberers selbst. Ersterer hat das Fundament für eine bewußte Bändigung der Natur gelegt, aber seine eigentliche Wirkungsweise verwandelt all seine Errungenschaften in Katastrophen. Wie Marx es formulierte:  "In dem Maße, wie die Menschheit die Natur bezwingt, scheint der Mensch durch andre Menschen oder durch seine eigene Niedertracht unterjocht zu werden. Selbst das reine Licht der Wissenschaft scheint nur auf dem dunklen Hintergrund der Unwissenheit leuchten zu können. All unser Erfinden und unser ganzer Fortschritt scheinen darauf hinauszulaufen, daß sie materielle Kräfte mit geistigem Leben ausstatten und das menschliche Leben zu einer materiellen Kraft verdummen" (Rede auf der Jahresfeier des "People's Paper" am 14.4. 1856 in London).

 Heute hat der Widerspruch einen Punkt erreicht, wo die Menschheit an einem historischen Scheideweg steht, wo sie sich der Wahl zwischen der bewußten Kontrolle über ihre eigenen sozialen und produktiven Kräfte und somit einer "richtigen Anwendung" der Naturgesetze sowie der Zerstörung durch die von ihr selbst in Bewegung gesetzten Kräfte gegenübersieht. Mit anderen Worten, der Wahl zwischen Kommunismus oder Barbarei.

 NUR DIE PROLETARISCHE REVOLUTION KANN DEN PLANETEN RETTEN

 Wenn der Kommunismus die einzige Antwort auf die ökologische Krise ist, dann ist die einzige Kraft, die eine kommunistische Gesellschaft einführen kann, die Arbeiterklasse. 

Wie andere Gesichtspunkte der Auflösung der kapitalistischen Gesellschaft wirft auch die Bedrohung der Umwelt ein Schlaglicht auf die Tatsache, daß je länger das Proletariat seine Revolution hinauszögert, desto größer die Gefahr der Erschöpfung und Untergrabung der revolutionären Klasse ist, die Gefahr, daß auf dem Weg zu Zerstörung und Chaos ein Punkt erreicht wird, an dem eine Umkehr nicht mehr möglich ist, an dem sowohl der Kampf für die Revolution als auch der Aufbau einer neuen Gesellschaft unmöglich wird. Somit wird ein Bewußtwerden über die Größe der gegenwärtigen ökologischen Probleme, sofern es die Dringlichkeit der kommunistischen Revolution unterstreicht, seinen Teil zum Übergang des proletarischen Kampfes von der defensiven, ökonomischen Ebene auf die Ebene einer bewußten und politischen Auseinandersetzung mit dem Kapital in seiner Gesamtheit beitragen.  

Aber es wäre ein Irrtum zu denken, daß die ökologische Frage an sich ein Brennpunkt für die Mobilisierung des Proletariats auf seinem eigenen Terrain sein kann. Obwohl gewisse begrenzte Aspekte des Problems (z.B. Gesundheit und Arbeitssicherheit) in echte Klassenforderungen integriert werden können, erlaubt die Frage als solche dem Proletariat nicht, sich als gesonderte soziale Kraft zu bestätigen. In der Tat schafft sie einen idealen Vorwand für die Kampagnen der Bourgeoisie, bei denen die Klassenunterschiede verwischt werden, und die Arbeiter werden aktiv den vielfältigen Versuchen der Herrschenden und insbesondere ihrer grünen und linken Elemente widerstehen müssen, die diese Frage als ein Mittel benutzen, um die Arbeiter von ihrem eigenen Boden zu zerren. Übrig bleibt die Tatsache, daß vor allem durch den Kampf gegen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise - gegen Lohnkürzungen, Arbeitslosigkeit, wachsende Verarmung auf allen Ebene - die Arbeiter in die Lage versetzt werden, sich selbst als eine Kraft zu konstituieren, die imstande ist, der gesamten bürgerlichen Ordnung entgegenzutreten.  

Die Arbeiterklasse wird nur dann fähig sein, sich mit der ökologischen Frage als Ganzes zu beschäftigen, wenn sie die politische Macht auf Welteben erobert hat. Tatsächlich ist jetzt klar geworden, daß dies eine der dringendsten Aufgaben in der Übergangsperiode sein wird, und in jedem Fall eng verknüpft ist mit anderen dringenden Problemen wie dem Welthunger und der Reorganisation der Landwirtschaft.  

Dies ist nicht die Gelegenheit für eine detaillierte Diskussion über die Maßnahmen, die das Proletariat zu ergreifen hat, um sowohl den vom Kapitalismus hinterlassenen Unrat zu beseitigen, als auch sich in Richtung eines neuen Verhältnisses zwischen Mensch und Natur zu bewegen. Wir wollen hier nur einen Punkt hervorheben: daß die Probleme, denen sich ein siegreiches Proletariat gegenübersieht, prinzipiell nicht technischer, sondern politischer und sozialer Art sein werden.  

Die existierende technische und industrielle Infrastruktur ist weitestgehend durch die Irrationalität der kapitalistischen Entwicklung in dieser Epoche ruiniert, und zweifellos wird ein beträchtlicher Teil von ihr abgeschafft werden müssen, als Vorbedingung für den Bau einer Produktionsbasis, die nicht zu einer Bedrohung der natürlich Umwelt wird. 

Auf der rein technischen Ebene sind jedoch schon eine Reihe von Alternativen entwickelt worden oder könnten entwickelt werden, wenn ihnen genügend Ressourcen zugeteilt werden würden. Es ist z.B. schon jetzt möglich, durch ein System der Wärme-Kraft-Kopplung in mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerken den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Schadstoffen beträchtlich zu drosseln, wobei ein Ausnutzungsgrad der produzierten Rückstände von fast 100% erreicht werden kann. Ebenso ist es bereits möglich, viele andere Energiequellen zu entwickeln: Sonnenenergie, Wind- und Wellenkraft, etc., die sowohl erneuerbar als auch faktisch frei von Rückständen sind; es gibt enorme Möglichkeiten, die in dem Prozeß der Kernfusion stecken, die viele der mit der Kernspaltung verbundenen Probleme vermeiden könnten.  

Der Kapitalismus hat bereits seine technischen Kapazitäten soweit entwickelt, daß das Problem der Umweltverschmutzung gelöst werden könnte. Aber die Tatsache, daß das wahre Problem sozialer Art ist, wird von so vielen Beispielen untermauert, in denen die dem Kapitalismus eigenen kurzfristigen wirtschaftlichen und militärischen Interessen es ihm nicht erlaubt haben, umweltschonende Technologien zu entwickeln. Es ist zum Beispiel bekannt, daß die Erdöl- und Erdgaskonzerne sowie die Elektrizitätsgesellschaften der USA nach dem 2. Weltkrieg eine Kampagne einleiteten, um die Entwicklung der Solarenergie abzuwürgen. Wir haben kürzlich gesehen, daß die britische Regierung an der Erstellung eines Gutachtens mitgearbeitet hat, an dessen Zahlen solange herumgedoktert wurde, bis der Beweis erbracht wurde, daß Nuklearenergie billiger sei als die Wellenkraftenergie; die Automobilindustrie hat sich lange in den Weg einer Entwicklung zu weniger umweltbelastenden Transportformen gestellt und so weiter.  

Aber die Frage reicht tiefer als die bewußte Politik dieser oder jener Regierung oder Industrie. Das Problem liegt, wie wir gesehen haben, in der Operationsbasis der kapitalistischen Produktionsweise, und es kann nur gelöst werden, indem diese Produktionsweise an ihren Wurzeln angegriffen wird.  

Das Kapital zerstört mutwillig die natürliche Umwelt, weil es akkumulieren oder sterben muß; die einzige Antwort darauf lautet, das eigentliche Prinzip der kapitalistischen Akkumulation zu unterdrücken, nicht für den Profit, sondern für die menschlichen Bedürfnisse zu produzieren. Das Kapital verwüstet die Ressourcen der Welt, weil es in konkurrierende nationale Einheiten gespalten ist, weil es grundlegend anarchisch ist und nicht mit den Interessen der Zukunft produzieren kann; die einzige Antwort darauf ist die Abschaffung des Nationalstaates, die Vergesellschaftung aller menschlichen und natürlichen Reichtümer und Quellen der Erde und die Entwerfung eines, wie Bordiga es nannte, "Lebensplanes für die menschliche Art". Kurz, das Problem kann nur durch eine Arbeiterklasse gelöst werden, die sich der Notwendigkeit bewußt ist, die eigentliche Basis des sozialen Lebens zu revolutionieren, und die die politischen Instrumente in der Hand hält, um den Übergang zu einer kommunistischen Gesellschaft durchzuführen. Organistisiert in seinen Arbeiterräten auf Weltebene, all die unterdrückten Massen der Welt mit sich ziehend, kann und muß das internationale Proletariat die Schaffung einer Welt in Angriff nehmen, in der ein beispielloser Überfluß nicht mit dem Wohlergehen der natürlichen Umwelt kollidiert; in der tatsächlich dafür gesorgt ist, daß beides sich wechselseitig bedingt, eine Welt, in der die Menschheit - endlich befreit von der Vorherrschaft der Schufterei und Armut, angefangen kann, das Leben auf dem Planeten zu genießen.  

Durch die Nebelbänke der Ausbeutung und Umweltvergiftung spähend, mit denen die kapitalistische Zivilisation die Erde in ein Leichentuch gehüllt hat, war dies zweifellos die Welt, die Marx flüchtig erblickte, als er in seinen Manuskripten von 1848 eine Gesellschaft vorhersah:  

„Also die Gesellschaft ist die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur.“ (Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844). 

 

CDW (aus Internationale Revue 63 der IKS, 4. Quartal 1990).

(aus International Review Nr. 63 (engl. Ausgabe) 1990, Nr. 13 (deutsche Ausgabe).