Ägypten - Keime des Massenstreiks

In Worldrevolution 302 haben wir
über eine Streikwelle berichtet, die zu Jahresbeginn über zahlreiche Sektoren
in Ägypten schwappte: In Zement- und Geflügelbetrieben, in Bergwerken, bei den
öffentlichen Verkehrsbetrieben wie Bus und Bahn, im Reinigungssektor und vor
allem in der Textilindustrie setzten sich die Arbeiterinnen und Arbeiter mit
einer Serie von illegalen Streiks gegen das massive Senken des realen Lohns und
die enormen Kürzungen der Zulagen zur Wehr. Einen Einblick in das kämpferische
und spontane Wesen dieser Kämpfe kann man durch den unten stehenden Bericht
erhalten, der schildert, wie im letzten Dezember der Streik in dem großen
Spinnerei-und Weberei-Komplex von Mahalla al-Kubra Misr nördlich von Kairo ausbrach.
Dieser Komplex bildete das Epizentrum der Kämpfe. Der Auszug entstammt dem von
Joel Beinin und Hossam el-Hamamawy verfassten Bericht "Ägyptische
TextilarbeiterInnen konfrontieren die neue wirtschaftliche Ordnung", der
im Internet auf Middle East Report Online und auf libcom.org veröffentlicht
wurde. Er basiert auf Interviews mit zwei Arbeitern der Fabrik, Muhammed ´Attar
und Sayyid Habib.  

"Die 24.000 Arbeiterinnen
und Arbeiter des Spinnerei-und-Weberei-Komplexes von Mahalla al-Kubra Misr
waren begeistert, als sie am 3. März 2006 die Nachricht erhielten, dass der
Premierminister Ahmad Nazif einen Anstieg der jährlichen Zulagen für alle
gewerblichen Beschäftigten im staatlichen Sektor von den gegenwärtigen 100
Ägyptischen Pfund (17$) auf zwei Monatslöhne verordnet hatte. Die jährlichen
Zulagen waren zuletzt 1984 angehoben worden, damals von 75 auf 100 Pfund.

‚Wir lasen die Verordnung und
begannen unverzüglich diese Neuigkeit im Betrieb zu verbreiten,' sagt ´Attar.
‚Ironischerweise veröffentlichten sogar die regierungsfreundlichen
Gewerkschaftsfunktionäre diese Nachricht als eine ihrer Errungenschaften.' Und
er fährt fort: ‚Als der Dezember kam (in dem die jährlichen Zulagen ausbezahlt
werden), waren alle gespannt. Dann entdeckten wir, dass man uns hintergangen
hatte. Sie boten uns nur die gleichen alten 100 Pfund. Genau genommen waren es
sogar nur 89 Pfund, denn die Abzüge [für Steuern] fallen ja noch an.'

Ein kämpferischer Geist lag in
der Luft. In den nächsten zwei Tagen verweigerten ganze Gruppen von Arbeiterinnen
aus Protest die Annahme ihrer Löhne. Dann, am 7. Dezember 2006, begannen die
Arbeiterinnen der Frühschicht sich auf Mahallas Tal`at Harb-Platz zu
versammeln, der vor dem Fabrikeingang liegt. Das Arbeitstempo war zwar bereits
verlangsamt worden, aber die Produktion kam erst zum Stillstand, als etwa 3.000
Arbeiterinnen der Bekleidungsindustrie ihre Betriebe verließen und zu den
Spinnerei- und Webereibetrieben herübermarschierten, wo ihre Kollegen die
Maschinen noch nicht abgeschaltet hatten. Die Arbeiterinnen stürmten hinein und
riefen: ‚Wo sind die Männer? Hier sind die Frauen!' Beschämt schlossen sich die
Männer dem Streik an.

Nun versammelten sich etwa 10.000
ArbeiterInnen auf dem Platz und skandierten: ‚Zwei Monate! Zwei Monate!', um
ihrem Anspruch auf die versprochenen Zulagen Nachdruck zu verleihen. Die
schwarz gekleideten Sondereinheiten der Polizei wurden rasch um die Fabrik und
in der ganzen Stadt aufgestellt, aber sie taten nichts, um den Protest
niederzuschlagen. ‚Sie waren zu schockiert, als sie sahen, wie viele wir
waren', sagt `Attar. ‚Sie hatten die Hoffnung, dass wir uns bis Einbruch der
Nacht oder spätestens bis zum nächsten Tag auflösen würden.' Auf Anregung des
Staatsschutzes bot das Management schließlich eine Zulage von 21 Tagen Lohn an.
‚Aber', wie sich `Attar sich lachend erinnert, ‚die Arbeiterinnen rissen jeden
Vertreter vom Management, der zum Verhandeln kam, beinahe in Stücke.'

‚Als die Nacht hereinbrach', sagt
Sayyid Habib, ‚hatten die Arbeiter Schwierigkeiten, die Arbeiterinnen davon zu
überzeugen, heimzugehen. Letztere wollten bleiben und in der Fabrik
übernachten. Erst nach Stunden gelang es uns, sie davon zu überzeugen, zu ihren
Familien nach Hause zu gehen und am folgenden Tagen wiederzukommen.' Breit
grinsend fügt `Attar hinzu: ‚Die Frauen waren viel kämpferischer als die
Männer. Obwohl sie Einschüchterungsversuchen und Drohungen ausgesetzt waren,
hielten sie allem stand.'

Noch vor den Morgengebeten drang
das Sonderkommando der Polizei in die Fabrik ein. 70 Arbeiter, unter ihnen auch
`Attar und Habib, schliefen noch in der Fabrik, wo sie sich eingeschlossen
hatten. ‚Die Staatssicherheitleute sagten uns, wir seien nur wenige, und dass
wir uns besser ergeben sollten', sagte `Attar. ‚Tatsächlich aber wussten sie
nicht, wie viele von uns drinnen waren. Wir logen und behaupteten, wir seien
Tausende. `Attar und Habib weckten schnell ihre Kollegen und gemeinsam begannen
die Arbeiter dann so laut es ging, gegen die Eisentonnen zu hämmern. ‚So
weckten wir alle in der Firma, aber auch in der Stadt. Bald hatten wir kein
Guthaben mehr auf unseren Handys, weil wir alle unsere Familien und Freunde
draußen anriefen und baten, sie sollten ihre Fenster öffnen und so den
Staatsschutz wissen lassen, dass er beobachtet wird. Zudem riefen wir alle
ArbeiterInnen, die wir kannten, dazu auf, so schnell wie möglich zur Fabrik zu
kommen.'

Bis dahin hatte die Polizei
bereits das Wasser und den Strom in der Fabrik abgeschaltet. Staatliche Agenten
hasteten zu den Bahnhöfen, um den aus der Stadt kommenden ArbeiterInnen zu
erzählen, dass die Fabrik auf Grund eines elektrischen Kurzschlusses
geschlossen worden sei. Diese List schlug jedoch fehl.

‚Mehr als 20.000 ArbeiterInnen
erschienen', sagt `Attar. ‚Wir organisierten eine riesige Demonstration und inszenierten
Scheinbeerdigungen für unsere Chefs. Die Frauen brachten uns Essen und
Zigaretten und schlossen sich dem Demonstrationszug an. Die Sicherheitskräfte
wagten es nicht einzugreifen. Schülerinnen und Schüler von den nahe gelegenen
Grundschulen und weiterführenden Schulen gingen ebenfalls auf die Straße, um
die Streikenden zu unterstützen.' Am vierten Tag der Werksbesetzung boten die
inzwischen panischen Regierungsvertreter den Streikenden eine Zulage in Höhe
von 45 Tageslöhnen an und versicherten, dass der Betrieb nicht privatisiert
werde. Der Streik wurde nun ausgesetzt, nachdem die von der Regierung
kontrollierte Gewerkschaftsföderation durch den Erfolg der nicht autorisierten
Aktionen der ArbeiterInnen der Misr-Spinnerei und Weberei gedemütigt worden
war."

Der Sieg bei Mahalla inspirierte
auch zahlreiche andere Sektoren, in den Streik einzutreten, und bis heute ist
die Bewegung weit entfernt davon nachzulassen. Im April brach erneut eine
Auseinandersetzung zwischen den Mahalla-ArbeiterInnen und dem Staat aus. Die
ArbeiterInnen hatten nämlich beschlossen, eine große Delegation nach Kairo zu
entsenden, um mit der Zentrale der Allgemeinen Förderation der Gewerkschaften
über Lohnforderungen zu verhandeln (!) und um die Anschuldigungen gegen das
Gewerkschaftskommitee der Mahalla-Fabrik weiter aufrechtzuerhalten, da dieses
während des Dezemberstreiks die Firmenchefs unterstützt hatte. Die Antwort des
Staatsschutzes war die Umstellung der Fabrik. Daraufhin traten die
ArbeiterInnen aus Protest in den Streik und zwei weitere große Textilfabriken
erklärten ihre Solidarität mit Mahalla: Ghazl Shebeen und Kafr el-Dawwar. Das
Solidaritätsschreiben Letzterer war besonders beeindruckend und klar:

Die ArbeiterInnen von Kafr
el-Dawwar sitzen im gleichen Boot wie die von Ghazl el-Mahalla

"Wir, die ArbeiterInnen von
Kafr el-Dawwar, verkünden unsere ganze Solidarität mit euch; au, dass ihr eure
gerechtfertigten Forderungen durchsetzt, welche die gleichen sind wie die
unsrigen. Wir verurteilen aufs Schärfste die Sicherheitsoffensive, welche die
ArbeiterInnendelegation von Mahalla daran hinderte, zu Verhandlungen mit der
Allgemeinen Föderation der Gewerkschaften in Kairo anzureisen. Außerdem
verurteilen wir die Stellungnahme von Said el-Gohary an Al-Masry Al-Youm vom
letzten Sonntag, wo er euren Schritt als ‚Unsinn' bezeichnete. Wir verfolgen
mit großer Anteilnahme, was euch widerfährt, und verkünden unsere Solidarität
mit dem Streik der ArbeiterInnen der Bekleidungsindustrie vorgestern und dem
Streik in Teilen der Seidenfabrik.

Uns ist wichtig, dass ihr wisst,
dass wir ArbeiterInnen von Kafr el-Dawwar und ihr, die ArbeiterInnen von
Mahalla, zusammenstehen und einen gemeinsamen Feind haben. Wir unterstützen
euren Kampf, weil wir die gleichen Forderungen haben. Seit dem Ende eures
Streiks in der ersten Februarwoche hat die Betriebsabteilung der Gewerkschaft
nichts getan, um unsere Forderungen durchzusetzen, die wir in unserem Streik
vorgebracht haben. Im Gegenteil, sie haben unseren Interessen geschadet (…) Wir
wollen unsere Unterstützung für eure Forderungen nach Reformierung der Löhne
zum Ausdruck bringen. Wir, ebenso wie ihr, sind schon gespannt, ob Ende April
die Arbeitsministerin unsere diesbezüglichen Forderungen in die Tat umsetzen
wird oder nicht. Allerdings setzen wir nicht viele Hoffnungen in die
Ministerin, da wir weder von ihr noch von der Betriebsabteilung der
Gewerkschaft irgendeine Regung gesehen haben. Wir werden uns nur auf uns selbst
verlassen können, um unsere Forderungen durchzusetzen.

Daher betonen wir:

1) Wir sitzen im gleichen Boot
mit euch und werden zur gleichen Reise mit euch aufbrechen

2) Wir erklären unsere volle
Solidarität mit euren Forderungen und bekräftigen, dass wir bereit stehen,
solidarische Aktionen auszuführen, solltet ihr euch zum Arbeitskampf
entschließen

3) Wir werden die ArbeiterInnen
von Artificial Silk, El-Beida Dyes und Misr Chemicals über euren Kampf
informieren, um so Brückenköpfe zur Ausweitung unserer solidarischen Front zu
errichten. Alle ArbeiterInnen sind in Zeiten des Kampfes Brüder und Schwestern.

4) Wir müssen eine breite Front
errichten, um eine Entscheidung in unserem Kampf gegen die staatlichen
Gewerkschaften zu unseren Gunsten zu erreichen. Wie müssen diese Gewerkschaften
heute überwinden und nicht erst morgen." 
(Übersetzung von der Arabawy Webseite und auf Englisch zuerst
veröffentlicht bei libcom.org)

Dies ist eine exzellente
Stellungnahme, denn sie verdeutlicht die grundlegende Basis jeglicher
wirklichen Klassensolidarität über alle Berufs- und Betriebsgrenzen hinweg - das
Bewusstsein, derselben Klasse anzugehören und den gleichen Feind zu bekämpfen.
Zudem ist diese Stellungnahme beeindruckend klar hinsichtlich der
Notwendigkeit, den Kampf gegen die staatlichen Gewerkschaften aufzunehmen.

Auch anderswo brachen in dieser Zeit
Kämpfe aus: So stürmten etwa die Müllarbeiter in Giza aus Protest die
Firmenzentrale, da ihre Löhne nicht ausgezahlt worden waren; 2.700
TextilarbeiterInnen besetzten eine Textilfabrik in Monofiya; 4.000
TextilarbeiterInnen streikten ein zweites Mal, nachdem das Management versucht
hatte, die Lohnauszahlungen wegen des ersten Streiks zu kürzen. Auch dies waren
illegale, inoffizielle Streiks.

Zudem hat es auch andere Versuche
gegeben, Arbeitskämpfe mittels Gewalt zu brechen. Die Sicherheitspolizei schloss
oder drohte mit der Schließung von ‚Zentren der Gewerkschaften und der
Arbeiterdienste' in Nagas Hammadi, Helwan und Mahalla. Den Zentren wurde
vorgeworfen, "eine Kultur des Streiks" zu pflegen.

Die Existenz solcher Zentren
deutet bereits an, dass es klare Anstrengungen gibt, neue Gewerkschaften
aufzubauen. Es wird sich wohl kaum vermeiden lassen, dass in einem Land wie
Ägypten, wo die ArbeiterInnen bisher nur mit Gewerkschaften konfrontiert waren,
die offen als Polizei im Betrieb auftreten, die besonders kämpferischen
Arbeiterinnen und Arbeiter für die Idee zugänglich sein werden, dass die
Antwort auf ihre Probleme in der Gründung wirklich "unabhängiger"
Gewerkschaften liege; ähnlich, wie es damals, 1980-81, die polnischen
ArbeiterInnen dachten. Die Art und Weise, wie der Streik bei Mahalla
organisiert wurde (d.h. spontane Demonstrationsmärsche, massive Delegationen
und Versammlungen an den Werkstoren), macht jedoch deutlich, dass die
ArbeiterInnen am stärksten sind, wenn sie ihre Interessen selbst in die Hände
nehmen, statt ihre Macht an einen neuen Gewerkschaftsapparat zu übergeben.

In Ägypten zeigten sich bereits
deutlich die Keime des Massenstreiks, nicht nur durch die Fähigkeit der
ArbeiterInnen, sich massenhaft und spontan zu organisieren, sondern auch durch
das hohe Niveau des Klassenbewusstseins, wie es in dem Solidaritätsschreiben
von Kafr el-Dawwar zum Ausdruck kommt.

Bis jetzt ist noch keine bewusste
Verknüpfung zwischen diesen Ereignissen und anderen Kämpfen auf den
verschiedenen Seiten der imperialistischen Spannungslinien des Nahen Ostens
erkennbar. So gab es Streiks von Hafenarbeitern und Beschäftigten des
öffentlichen Dienstes in Israel und kürzlich auch unter Lehrern für
Lohnerhöhungen, wie auch von Studenten, welche in Demonstrationszügen gegen die
Erhöhung der Studiengebühren die Polizei konfrontierten. Des Weiteren
unterbrachen Tausende von Arbeitern die offiziellen, staatlich organisierten
1.Mai-Kundgebungen im Iran, indem sie regierungskritische Losungen anstimmten
sowie an nicht genehmigten Kundgebungen teilnahmen und sich daher bald massiver
Polizeirepression ausgesetzt sahen. Die Gleichzeitigkeit dieser Bewegungen
jedoch entspringt in jedem Fall der gleichen Quelle - dem Drang des
Kapitalismus, die Arbeiterklasse weltweit in großes Elend zu stürzen. In diesem
Sinne tragen alle diese Kämpfe die Keime für die zukünftige
internationalistische Einheit der Arbeiterklasse in der ganzen Welt in sich,
durch welche alle Mauern des Nationalismus, der Religionen und der
imperialistischen Kriege eingerissen werden. 
(aus Worldrevolution, IKS-Zeitung in GB; Mai 2007)