„Wildcat“ zur Krise - Wertvolle Anregungen des Nachdenkens

Nimmt man allein die Zahl der Artikel, in denen sich
die Zeitschrift Wildcat der
derzeitigen Weltwirtschaftskrise widmet, dann zeigt sich diese Gruppe ziemlich
beredt. Was sagt Wildcat zur
aktuellen Krise? Wo sehen die Genossen ihre Ursachen begründet?

Ein Streifzug durch die Krisenherde

Allein in den Ausgaben Nr. 84 und 85 vom Frühjahr
und Sommer 2009 beschäftigt sich Wildcat
in sieben Artikeln mit der jüngsten Weltwirtschaftskrise. In „Update Krise“
(Nr. 84) beschreiben die Genossen das epidemische Ausmaß der Verschuldung des
Staatshaushaltes und der privaten Haushalte in den USA – ein Ausmaß, das die
Bonität der USA bei den Ratingagenturen beeinträchtige und „bereits jetzt zum
Platzen der Mutter aller Blasen, des US-amerikanischen Bond-Bubble, führen“ könne.

Gleich zwei Artikel nehmen die Rolle der beiden
Hauptakteure der Weltwirtschaft, China und die USA, und ihre fast schon „symbiotischen“
Beziehungen unter die Lupe: „Chimerika“ (Nr. 84) und „Alle Hoffnungen richten
sich auf China“ (Nr. 85). Der Leser erfährt, dass die Wirtschaftsbeziehungen
zwischen beiden Nationen auf einem Prozess des Gebens und Nehmens beruhen, der
kurzfristig durchaus die Weltwirtschaft stimuliert habe, längerfristig aber auf
tönernen Füßen stehe: „In den Jahren zwischen dem Dot-com-Crash und dem
Einsetzen der aktuellen Krise hat die Weltwirtschaft vor allem dank ‚Chimerika‘
funktioniert: der Symbiose zwischen den USA und China. Auf der einen Seite stand
die gewaltige Verschuldung der US-amerikanischen Konsumenten, die mit ihrem
Geld chinesische Waren kauften. Auf der anderen Seite die gewaltige chinesische
Überproduktion und das Unvermögen, die vielen eingenommen Dollars produktiv in
China anzulegen. Indem ein großer Teil der Einnahmen in US-Staatsanleihen
zurückfloss, finanzierte China die amerikanischen Schulden, und der Kreis
schloss sich. Damit ergab sich eine doppelte Abhängigkeit: Die USA sind von
China als ihrem größten Kreditgeber abhängig, und China ist mit seinen über
zwei Billionen Dollar Devisenreserven von der Stabilität des Dollar abhängig.“
(„Alle Hoffnungen richten sich auf China“). Besser, als es die Genossen von Wildcat getan haben, kann man das
Dilemma der US-chinesischen Symbiose nicht veranschaulichen. Dabei darf
allerdings auch nicht vergessen werden, dass die USA und China Hauptkonkurrenten,
ja tödliche Rivalen bleiben.

Noch ausgiebiger befassen sich die Genossen von Wildcat mit dem Phänomen der
Spekulation. In „Wie die Welle auf den Boden kommt“ (Nr. 84) wird das Ausmaß
der „Finanzialisierung der allgemeinen Reproduktionskosten“ geschildert, das
dazu geführt habe, dass „viele Leute (...) gezwungenermaßen zu ‚Akteuren an den
Finanzmärkten‘“ geworden seien. Gegenstand des Artikels „Wiederkehr der
Realität“ (Nr. 84) ist die Alchimie der Finanzjongleure – die sog.
„Mathematisierung des Finanzhandels“, mit der der Wert einer Anlage in der
Zukunft vorhersehbar gemacht werden soll und die das globale Pilotenspiel mit
den sog. Derivaten erst ermöglicht hat. Dieser Artikel gibt einen guten
Einblick in die Scheinwelten postmoderner Vorturner wie Deleuze, Guttari oder
Beaudrillard, die mit ihren Theorien über „signifikante Zeichenketten“ oder die
„strukturale Revolution des Werts“ den Luftgeschäften an den Börsen die
philosophischen Weihen verliehen haben.

Zweierlei fällt auf, wenn man diese Artikel auf
ihren Inhalt abklopft. In all diesen Texten kommt ein hoher Kenntnisstand über
die auslösenden Faktoren und die Erscheinungsformen der aktuellen Krise zum
Ausdruck; sie sind gespickt mit Zahlen, Daten und Fakten zum aktuellen Stand
der Dinge. Kurz: sie sind sehr anschauliche Schilderungen, fundierte
Beschreibungen des Status quo der Weltwirtschaft. Doch die andere Aufgabe
bleibt noch anzugehen, welche der Drang zur Wissenschaft immer auch von uns
abverlangt: Den Dingen auf den Grund gehen, die tieferen Ursachen einer
Oberflächenerscheinung zu beleuchten.

Profit- und Überproduktionskrise

In dieser Richtung versucht sich der Gastbeitrag von
Paolo Guissani in Wildcat Nr. 84:
„Des Kapitalismus neue Kleider“. Hier wird der Versuch unternommen, den Zustand
des zeitgenössischen Kapitalismus in einen grundsätzlicheren, historischen
Zusammenhang zu stellen. Der Autor dieses Beitrags fühlt sich dazu umso mehr bemüßigt,
als es auch der marxistischen „Wirtschaftsliteratur“ (?) seiner Auffassung nach
„noch nie gelungen ist, eine zusammenhängende Darstellung zu liefern, die dem
magischen Wort ‚Krise‘ gerecht würde“.

Hauptgegenstand seines Beitrags ist die Umwandlung
des Weltkapitalismus, die seit den 80er Jahren zu einer wachsenden „Verlagerung
von Geldkapital in spekulative Anlagen“ geführt habe. So habe sich der Umsatz
der Wall Street, der bis Mitte der 70er Jahre bei konstanten 15 Prozent des
US-amerikanischen BIP gelegen habe, bis 2006 mehr als verzwanzigfacht
(350%). Giussani weist darauf hin, dass
im Unterschied zum Börsenboom der 20er Jahre heuer nicht nur Managergehälter
und realisierte Profite an der Börse verzockt werden, sondern – „vermittelt
durch die Fonds“ – auch Teile der Arbeitslöhne.
Er behauptet sodann: „Ohne diese Verlagerung von Geldkapital aus der
produktiven Akkumulation in spekulative Anlagen hätte es weder einen
spekulativen Boom gegeben, noch hätte der Finanzsektor sich so sensationell
ausweiten können.“

Doch warum fand diese Verlagerung statt? Was hat sie
letztendlich bewirkt? Giussanis Antworten auf diese Frage erscheinen uns
undeutlich. Da ist die Rede von einer „inneren Struktur der
Aktiengesellschaft“, die der Grund dafür sei, „warum das moderne Kapital
spontan zur Verwandlung in spekulatives Kapital tendiert“. Gleichzeitig räumt
er ein, dass die Herrschaft des spekulativen Kapitals „einen anfänglichen
Impuls von außen (braucht), denn
niemand kann einen spekulativen Boom in Gang setzen“. Da es Giussani im
Anschluss an dieser Feststellung jedoch versäumt, das Kind beim Namen zu
nennen, können wir hier nur spekulieren, was denn nun nach seiner Auffassung
den Impuls zum Börsenboom der letzten 20 Jahre gegeben hat. Wir denken, dass
die Antwort darauf in seinen einleitenden Worten desselben Kapitels zu suchen
ist: „Die parasitäre Transformation des Weltkapitalismus hat ihren Ursprung im
Ende des Nachkriegs-Wirtschaftsbooms, der in die Rezessionen und in die
Stagnation der 70er Jahre mündete, als der tendenzielle Fall der hohen
Nachkriegs-Profitrate zu einem beträchtlichen Überschuss an Geldkapital
führte.“

Nach seiner Ansicht würde der „Fall der Profitrate
(...) mehr oder weniger direkt dazu führen, dass auch die Akkumulationsrate
sinkt“. Und der einzige „Mechanismus“, der bisher in der Lage gewesen sei, den
Fall der Profitrate umzukehren, sei der Weltkrieg gewesen. Leider hat es
Giussani für überflüssig erachtet, diese Frage ausführlicher zu thematisieren,
und sich stattdessen über Gebühr mit dem Phänomen der Aktiengesellschaft und
der Spekulation gewidmet. So mutet es wie Schattenboxen an, auf Giussanis
unterlassene Argumente in dieser zentralen Frage zu antworten: Stand am Anfang
der Weltwirtschaftskrise allein der tendenzielle Fall der Profitrate?

Eine Fixierung auf die Profitraten als
ausschließliche Krisenursache könnte dazu führen, die qualitativen Unterschiede
zwischen den Wirtschaftskrisen im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhunderts zu
ignorieren. Schließlich ist das Problem der immer höheren organischen
Zusammensetzung des Kapitals fast so alt wie der Kapitalismus selbst. Dennoch
waren die mehr oder weniger regelmäßigen „Zusammenbrüche“ der kapitalistischen
Wirtschaft des 19. Jahrhunderts Wachstumskrisen eines juvenilen Kapitalismus;
die Krisen von heute sind dagegen Manifestationen des Siechtums eines senilen
Kapitalismus. Während der Kapitalismus zurzeit Marx‘ und Engels‘ aus jeder
Wirtschaftskrise mit einem unerhörten Wachstumsschub hervortrat, taumelt der
moderne Kapitalismus des 20. und 21. Jahrhunderts von einer Krise in die
nächste und gerät dabei immer tiefer in den Sog seiner eigenen Widersprüche.
Wie ist das zu erklären?

Wir meinen, dass der krisenhafte Fall der Profitrate
im Kapitalismus heute wesentlich einhergeht mit einer allgemeinen Überproduktionskrise.
Sicher, auch Letztere ist nichts Neues im Leben des Kapitalismus. Schon Marx
erkannte, dass dem schier unendlichen Potenzial des kapitalistischen
Produktionsapparates die eingeschränkte Konsumtionsfähigkeit der großen Masse
gegenübersteht, die durch die „antagonistischen Distributionsverhältnisse“
verursacht wird. Sprich: der Massenkonsum wird systemisch begrenzt durch die
Spaltung der Gesellschaft in Klassen, insbesondere durch den Warencharakter der
Lohnarbeit. Die Konsumfähigkeit der Arbeiterklasse wird in elastischen aber
engen Grenzen gehalten durch die Ausbeutungsmechanismen des Kapitalismus
selbst.

Aber die Überproduktionskrisen zu seiner Zeit waren
vorübergehend und erlebten schnell ihre Auflösung in der Erschließung neuer
außerkapitalistischer Territorien. Die Überproduktionskrise in unseren Tagen
ist hingegen permanent und kann nur dank einer schuldenfinanzierten,
künstlichen Nachfrage mühsam eingedämmt werden, um dann wieder um so heftiger
auszubrechen. Während im Zeitalter der Kolonialisierung das Gesetz des
tendenziellen Falls der Profitrate durch die Einbeziehung außerkapitalistischer
Territorien eine Abschwächung erfuhr, wird es heute angesichts des erbitterten
Kampfes der verschiedenen Produzenten um Anteile auf einem längst übersättigten
Weltmarkt gar noch verschärft.

Die aktuelle Rezession ist unserer Auffassung nach zum
wesentlichen Teil letztlich die Folge der immer größeren Schwierigkeiten des
Kapitals, seinen Mehrwert auf den heillos überfüllten Märkten zu realisieren.
Sie ist ferner das Ergebnis des jahrzehntelangen Krisenmanagements der Staaten,
das sich darin auszeichnet, mittels der Politik des billigen Geldes und einer
immer exzessiveren Verschuldung kurzfristig künstliche Nachfrage zu schaffen
und langfristig für eine Verschärfung der Krisensymptome zu sorgen. Die
Unmengen vagabundierenden Kapitals auf den Finanzmärkten wie die explodierenden
Arbeitslosenzahlen, die Spekulationsblasen wie die sog. Wiedergeburt des
Keynesianismus – sie sind alle in letzter Konsequenz auf einen Widerspruch
zurückzuführen, der einst den Kapitalismus zur dynamischsten Gesellschaftsform
in der Menschheitsgeschichte machte und ihn dazu antrieb, sich binnen kürzester
Zeit die gesamte Welt untertan zu machen, und heute den Kapitalismus auf seiner
verzweifelten Suche nach Märkten dazu treibt, sich selbst zu kannibalisieren.
Es ist der auf die Spitze getriebene Antagonismus zwischen Produktion und
Konsumtion: „Der letzte Grund aller
wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen
gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu
entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre
Grenze bilde
“. (Marx, Kapital, Bd. 3) Ried,
15.03.2010

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