Kapitalismus und Umweltzerstörung: Die Menschheit am Scheideweg

Die Natur ist
der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst
menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist
sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß bleiben muß, um nicht zu sterben.“
(Karl Marx, Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, MEW Bd. 40, S. 516

Ein Blick auf die
Katastrophenbilanz der jüngsten Vergangenheit reicht aus, um zu begreifen, dass
die Menschheit sich bereits heute mit den Folgen der von ihr – oder besser: von
der kapitalistischen Produktionsweise – verursachten Veränderung des globalen
Klimas konfrontiert sieht. Ob die verheerenden Waldbrände in Russland oder die
nicht minder schlimme Überschwemmungskatastrophe in Pakistan im vergangenen
Jahr, ob die Häufung von außergewöhnlich kalten Wintern in Europa oder die
Heimsuchung der USA von immer zerstörerischeren Tornados, die eine Spur der
Verwüstung hinter sich lassen – all dies und vieles mehr lässt sich in seiner
Häufung und Intensität nur um den Preis der Lächerlichkeit mit klimatischen
Kapriolen, mit den „Launen der Natur“ erklären. All diese Katastrophen sind –
darüber gibt es in der seriösen Wissenschaft keinen ernsthaften Zweifel mehr -
direkt oder indirekt Folgen der von Menschenhand verursachten Erderwärmung. Und
als ob dies nicht genug wäre, reißen die Meldungen über katastrophale Havarien
im kapitalistischen Produktionsapparat nicht ab: im letzten Sommer die
Explosion der „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko (deren Langzeitfolgen sich
bereits heute im Massensterben von größeren Meerestieren äußert), nun die
Kernschmelze der Atomreaktoren von Fukushima (unter deren Folgen die japanische
Bevölkerung noch lange Zeit zu leiden haben wird), um nur die größten zu
nennen.

Ist die Welt
angesichts all dessen noch zu retten? Und wenn ja, wie?

Umweltkatastrophen
gestern und heute

Dass der Mensch mit
seiner Produktionsweise imstande ist, seine eigenen Lebensgrundlagen zu
zerstören, ist beileibe keine Erfahrung, die sich ausschließlich auf den
Kapitalismus beschränkt. Spätestens mit der Einführung der Sesshaftigkeit und
der Landwirtschaft (der so genannten neolithischen Revolution vor rund 11.000
Jahren in der Region des so genannten Fruchtbaren Halbmonds) ging es dem
Menschen vornehmlich darum, der natürlichen Umwelt urbares Land „abzuringen“,
die Naturkräfte zu „zähmen“ – oder um es in den Worten der Bibel zu sagen: sich
die Erde „untertan“ zu machen. Der Erfolg einer jeden Gesellschaft, der
Aufstieg von Hochkulturen maß sich nun an ihrer Fähigkeit, die Grundlagen für
das Wachstum ihrer Bevölkerung zu legen. Bereits die frühgeschichtlichen
Häuptlings-und Priestergesellschaften griffen dabei massiv in die natürliche Umwelt
ein, indem sie durch Brandrodungen und Be- und Entwässerungssysteme die Wildnis
urbar machten und die Urwälder u.a. für ihre Sakralbauten abholzten.

Dabei liefen
insbesondere jene Völker Gefahr, Opfer ihres eigenen Erfolges zu werden, die
sich in ökologisch besonders sensiblen Regionen angesiedelt hatten. Etliche von
ihnen schwangen sich zu großartigen kulturellen Zeugnissen auf, um anschließend
nicht einfach nur als Gesellschaft zu kollabieren, sondern auch physisch zu
verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen (ausgenommen ihre Artefakte) – wie
die Maya im heutigen Mexiko, die kulturell am höchsten entwickelte Gesellschaft
der präkolumbianischen Neuen Welt (eigene Schrift, Städtebau), die um 3000
v.Chr. aus dem Dunklen der Geschichte auftauchten und deren Spuren sich um 900
n. Chr. im Nichts verloren, oder die Anasazi im heutigen New Mexico im
Südwesten der USA, eine Hochkultur (600-ca.1150n.Chr.), die in der Lage war,
Häuser von einer Höhe zu bauen, die erst von den Wolkenkratzern im 19.
Jahrhundert übertroffen wurden, oder die Osterinsulaner mitten im Pazifik, von
denen nicht viel mehr übrig blieb als eine Unzahl imposanter, metergroßer
Götzenstatuen. Noch heute liegt ein großer Teil der Geschichte dieser Völker im
Verborgenen. Doch eine Fülle von Indizien spricht dafür, dass es - neben den
auch in den frühen Klassengesellschaften üblichen Phänomenen wie Krieg und
Konkurrenz - der Verlust der natürlichen Lebensgrundlage war, der diese
Gesellschaften zunächst in den Kollaps, dann in den Kannibalismus trieb und
schließlich auslöschte. All ihnen war gemeinsam, dass sie in relativ regenarmen
Breitengraden existierten, deren Vegetation eine vergleichsweise geringe
Wachstums- und Regenerationsrate aufwies – eine Rate, die nicht Schritt halten
konnte mit dem Raubbau durch den Menschen. Letztendlich führten
Bevölkerungsdruck und Konkurrenz, das Füttern von immer mehr hungrigen Mäulern
und die Befriedigung der Imponierbedürfnisse der Herrschenden[1]
zuerst zur Entwaldung, dann zur Bodenerosion und –versalzung und schließlich
zur Desertifikation. Um es bildlich auszudrücken: diese Gesellschaften sägten
an dem Ast, auf dem sie selbst saßen.

Fazit: alle
Klassengesellschaften, angefangen von den frühgeschichtlichen Häuptlings- und
Priestergesellschaften über die antiken Sklavenhaltergesellschaften und die
mittelalterlichen Feudalgesellschaften bis hin zum modernen Kapitalismus, haben
sich an der Umwelt „versündigt“. So wie sie die menschlichen Arbeitskräfte
ausgebeutet haben, so haben sie auch die natürlichen Schätze unserer Erde
geplündert und dabei in vielen Fällen buchstäblich verbrannte Erde
hinterlassen. Doch es hieße, die Umweltzerstörung im Kapitalismus zu
bagatellisieren, beließe man es bei dieser eher banalen Feststellung. In der
Tat hat die Zerstörung der natürlichen Umwelt im Kapitalismus Dimensionen
erreicht, die sich qualitativ wie quantitativ von den Brandrodungen,
Abholzungen und Überweidungen in vorkapitalistischen Gesellschaften
unterscheiden:

·       
Die Auswirkungen
der vorkapitalistischen Umweltzerstörung waren allenfalls regionalen Charakters
und blieben in der Regel überschaubar – bis auf die oben genannten Beispiele
von ökologisch besonders sensiblen Umwelten. Die Folgen der Umweltzerstörung im
Kapitalismus haben dagegen längst globale Ausmaße angenommen; mögen sich einige
Staaten im „Ruhm“ ihrer angeblichen ökologischen Politik noch so sehr sonnen –
auch sie sind Leidtragende der Globalität der Umweltzerstörung. Darüber hinaus
sind die Folgen des alltäglichen Umweltfrevels im Kapitalismus auch
unüberschaubar geworden. Überall lauern tickende Umweltzeitbomben, drohen
unübersehbare Gefahren mit Langzeitwirkung, sieht sich die Menschheit einem
globalen Feldversuch des Kapitalismus mit zweifelhaftem Ausgang ausgesetzt.

·       
Die
frühgeschichtlichen, aber auch die antiken und mittelalterlichen Gesellschaften
waren noch weitestgehend in Unkenntnis über die größeren Zusammenhänge des
natürlichen Kreislaufes und somit über die langfristigen Folgen ihrer Eingriffe
in die Umwelt. Sie eroberten sich mit Brandrodungen ihren Lebensraum, weil sie
eine nachhaltigere Bewirtschaftung des Bodens schlicht und einfach noch nicht
kannten. Sie holzten die Urwälder ab, weil sie in ihnen eine bedrohliche
Wildnis wahrnahmen und nicht ihre eminent wichtige Bedeutung für den eigenen
Lebensraum. Der Kapitalismus rennt dagegen sehenden Auges in den Abgrund. Der
„Club of Rome“ in den 1960er Jahren, danach die unzähligen staatlichen,
nicht-staatlichen und supranationalen Umweltinstitutionen und nun der
Weltklimarat – der Weg des Kapitalismus in den ökologischen Abgrund war und ist
gesäumt von unzähligen Mahnern und Kritikern, die seit Jahr und Tag dem
Kapitalismus in Sachen Umweltverschmutzung den Spiegel vorgehalten haben.

·       
Der ökologische
Raubbau in den vorkapitalistischen Gesellschaften war der Unterentwicklung
ihrer Produktivkräfte geschuldet. Ihnen fehlte die entsprechende Technik für
einen schonenderen Umgang mit der natürlichen Umwelt. So griffen die Menschen
dieser Gesellschaften in Ermangelung anderer Energiequellen auf Brennholz zur
Aufbereitung ihrer Lebensmittel, zur Herstellung ihrer Werkzeuge und zur
Beheizung ihrer Häuser zurück, was zur Vernichtung unzähliger Wälder führte. Im
Kapitalismus dagegen wird die Umwelt trotz und wegen der
hochentwickelten Produktivkräfte zerstört. Einerseits basiert die ungeheure
Leistungskraft und Mobilität des modernen Kapitalismus auf der Verfeuerung
fossiler Brennstoffe, was zu eben jener fatalen Aufheizung der Atmosphäre
geführt hat, unter deren Folgen wir heute bereits leiden. Andererseits hat die
kapitalistische Produktionsweise der Menschheit auch die technologischen
Möglichkeiten verliehen, auf andere Energieformen auszuweichen, ohne in die
Steinzeit zurückzufallen. Die technischen Mittel für eine nachhaltige
Bewirtschaftung der natürlichen Umwelt sind längst vorhanden, allein es fehlt
der Wille und das Vermögen der herrschenden Klasse.

·       
In den
vorkapitalistischen Gesellschaften waren es neben den Überlebensbedürfnissen
der Menschen vor allem die Machtgelüste der Herrschenden, die die natürliche
Umwelt in Mitleidenschaft zogen. So wurden die Wälder Siziliens zugunsten des
Aufbaus einer großen Kriegsflotte geopfert, die das junge Römische Reich in den
so genannten Punischen Kriegen in den letzten drei Jahrhunderten vor Christi
Geburt gegen Karthago benötigte. Ähnlich erging es den Wäldern Spaniens, die im
Zuge der Auseinandersetzungen zwischen dem spanischen Thron und dem
aufstrebenden, kapitalistischen Großbritannien Ende des 16. Jahrhunderts für
den Aufbau der „Armada“ abgeholzt wurden. Im Kapitalismus gibt es jedoch
daneben noch einen weiteren Faktor, der zur Umweltzerstörung beiträgt: die Jagd
nach den Profiten. Sie ist zum beherrschenden Faktor bei der täglichen Zerstörung
unserer Biosphäre geworden. Zum Zweck der Profitmaximierung werden die Flüsse
verseucht, die Böden vergiftet, Regenwälder abgeholzt, Landschaften
zubetoniert, die Weltmeere leergefischt und zugemüllt und nicht zuletzt der
Mensch krank gemacht.

Wie lernfähig
ist der Kapitalismus?

Spielen wir einmal
den Advocatus diaboli und untersuchen die Substanz der „grünen“ Politik, derer
sich nicht nur die politische Klasse, sondern auch so mancher Topmanager
hierzulande rühmt. Hat der Kapitalismus in den hochentwickelten Ländern nicht
bewiesen, dass er in Sachen Ökologie lernfähig ist? Hat er nicht dafür gesorgt,
dass sich die Luft- und Wasserqualität in den Industrieländern in den
vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert hat? Der Smog in den Ballungsgebieten
und das Umkippen ganzer Seen und Flüsse gehören dort zweifellos der
Vergangenheit an. Und hat sich das kapitalistische Regime nach zähem Widerstand
nicht schließlich zu einem Verbot verschiedener hochgiftiger Substanzen wie
DDT, Asbest etc. durchgerungen? Dem Waldsterben ist dank der Einführung von
Rauchgasentschwefelungsanlagen in den Kraftwerken allem Anschein nach Einhalt
geboten worden; der Benzinverbrauch pro PKW ist dank etlicher technologischer
Verbesserungen im Laufe der letzten Jahrzehnte erheblich gesenkt worden.
Illegale Giftmülldeponien, die noch in den 70er Jahren in den Medien
skandalisiert wurden, gibt es nicht mehr, dafür aber jede Menge Naturparks,
Nationalreservate, Renaturierungen. Daneben hat sich eine mächtige
Umweltbewegung etabliert, der sich mittlerweile kein etablierter Politiker mehr
entziehen kann. Und kaum ein Konzern kann es sich leisten, auf eins der
Öko-Labels zu verzichten, um seine Waren loszuwerden.

Ist es dem
Kapitalismus der Industrieländer also gelungen, über seinen Schatten zu
springen? Angesichts der Tatsache, dass die westlichen Industrieländer noch
immer den mit Abstand größten Beitrag zur Verschmutzung der Atmosphäre leisten
und immer noch Spitzenreiter im Energieverbrauch sind, relativieren sich
allerdings die umweltpolitischen Leistungen der staatskapitalistischen Regimes
in Europa, Nordamerika und Japan. Dies umso mehr, als dass bestimmte
ökologische Erfolge wie die unbestreitbare Verbesserung der Luft- und
Wasserqualität in erster Linie ein Abfallprodukt massiver Umstrukturierungen in
der Industrielandschaft bzw. der De-Industrialisierung sind, die in vielen
traditionellen Industrienationen im Laufe der 70er, 80er und 90er Jahre um sich
gegriffen haben. Und kaum sind die alten Umweltgefahren gebannt, tauchen neue
am Horizont auf. Smog war gestern, heute wird die Bevölkerung der
fortgeschrittenen Industrieländer vom Albtraum der radioaktiven und chemischen
Verseuchung heimgesucht (Tschernobyl, Seveso, Bhopal, Fukushima). Die Gewässer
sind heute zwar frei von Tensiden und industriellen Abwässern, dafür lassen
sich im Wasser fast aller Flüsse und Seen Spurenelemente von Pharmazeutika wie
die Antibabypille nachweisen. Die Verseuchung der Böden mit DDT und anderen
Chemiekeulen ist Vergangenheit, die Verschmutzung der Weltmeere (nebst ihrer
Überfischung) durch Kunststoffabfälle dagegen traurige Gegenwart. Alljährlich
werden rund 6,5 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren entsorgt. Mit
fatalen Folgen für Mensch und Umwelt: mittlerweile sind für die
Kunststoffherstellung notwendige Chemikalien, insbesondere die so genannten
Weichmacher, selbst im Blut von Eskimos nachgewiesen worden.

Doch abgesehen von
diesen „Kleinigkeiten“ hat der niedergehende Kapitalismus des ausgehenden 20.
und beginnenden 21. Jahrhunderts vor allen Dingen eins bewirkt: Mit der
Entfesselung des Freihandels durch die GATT-Abkommen in den 90er Jahren und der
Öffnung Chinas gegenüber dem Weltmarkt hat eine Globalisierung der
Umweltzerstörung stattgefunden, die jeglichen Umweltschutz in den westlichen
Industrieländern, selbst wenn er ehrlich gemeint wäre, wirkungslos verpuffen
lässt. Alle Experten sind sich darüber einig, dass eine Industrialisierung der
Schwellenländer nach dem Vorbild der westlichen Konsumgesellschaft die bereits
feststehende Erwärmung der Atmosphäre (zwischen zwei und vier Grad Celsius)
vervielfachen würde. Angesichts dieser globalen Dimensionen der Zerstörung
unserer „äußeren Natur“ sind nationale Alleingänge zwecklos; was nottut, ist
ein globales Vorgehen aller Länder, ist mithin nichts Geringeres als eine
Weltgemeinschaft, die den kapitalistischen Zug in den Abgrund zum Halten
bringt, eine Gesellschaft, die planvoll und vereint eine Kurskorrektur
herbeiführt.

Nun ist es nicht
so, dass sich die Weltbourgeoisie dessen nicht bewusst wäre. Die zahllosen
supra- und transnationalen Institutionen, die in den letzten Jahrzehnten im
Umweltbereich gegründet wurden, stehen für den Versuch der kapitalistischen
Klasse, die nationalstaatliche Fragmentierung angesichts der gewaltigen
Herausforderungen, die sich auch und gerade auf dem Gebiet des Umweltschutzes
stellen, zumindest teilweise zu überwinden. Einige Teile der Bourgeoisie sind
in ihrem Denkprozess noch weiter gegangen. So hat der „Wissenschaftliche Beirat
der deutschen Bundesregierung zur Großen Umweltveränderung“ (wbgu.de) der
Öffentlichkeit in diesem Sommer einen „Gesellschaftsvertrag für eine Große
Transformation“ vorgestellt, der nichts anderes als den Abschied vom „kohlenstoffbasierten
Weltwirtschaftsmodell“ ankündigt. Die Autoren – Wissenschaftler bzw.
Wissenschaftsfunktionäre diverser Disziplinen – scheuen nicht davor zurück,
diese „Transformation“[2]
in einem Atemzug mit der neolithischen und der industriellen Revolution zu
nennen. Im Unterschied zu den bisherigen Umwälzungen, fahren die Autoren des
Beirats fort, bestehe „die historisch einmalige Herausfor­derung bei der nun
anstehenden Transformation zur klimaverträglichen Gesellschaft (…) darin, einen
umfassenden Umbau aus Einsicht, Umsicht und Voraus­sicht voranzutreiben
“.
Die Autoren gehen sogar noch weiter und wagen den Nationalstaat als „alleinige
Grundlage“ für den angestrebten neuen „Gesellschaftsvertrag“ anzuzweifeln; sie
streben nichts Geringeres als eine „Kooperationsrevolution“ an.

Und genau hier
liegt der Hase im Pfeffer. Denn hier zeigen sich die Grenzen der
kapitalistischen Produktionsweise. Unsere Gesellschaft, deren Grundlage
eigentlich die assoziierte Arbeit ist, hat die Konkurrenz unter den Menschen zu
ihrem Lebensprinzip und Hauptantrieb gemacht. Sie stellt den Egoismus vor dem
Gemeinsinn und ist zerrissen von tausenderlei Partikularinteressen. Nirgendwo
wird dabei die Unfähigkeit des Kapitalismus zu einem einheitlichen Handeln
deutlicher demonstriert als in der Frage der Ökologie. Kyoto und Kopenhagen,
Schauplätze der letzten beiden Umweltkonferenzen vor Cancún, stehen für das
jämmerliche Versagen der internationalen Staatengemeinschaft; beide Konferenzen
scheiterten an den nationalen Egoismen der Beteiligten. Die einen –
Industrieländer wie Japan, Skandinavien, der deutschsprachige Raum, etc. –
drängen auf die Einführung neuer Umweltstandards, denn sie versprechen sich
davon Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz, da sie im Laufe der letzten
Jahrzehnte ein beachtliches Know-how in umweltschonenden Produktionsverfahren
und –anlagen erworben und ihre Claims auf diesem Markt bereits abgesteckt
haben. Die Anderen – die Entwicklungsländer, sog. Schwellenländer wie China,
Indien und Brasilien, aber auch Industrieländer wie die USA – sträuben sich mit
Händen und Füßen gegen eben jene Standards, weil sie befürchten, dass sie in
ihrer Aufholjagd von den etablierten Industrieländern ausgebremst werden bzw.
gegenüber ihren Konkurrenten ins Hintertreffen geraten. Der Umweltschutz ist
mithin selbst zum Gegenstand der Konkurrenz unter den imperialistischen Staaten
geworden.

Die kapitalistische
Produktionsweise generiert aber nicht nur tödliche Konkurrenz, sie ist auch
eine planlose, erratische Wirtschaftsform, deren „ordnende Hand“ (Adam Smith),
der Markt, nur auf unmittelbare Nachfrage reagiert, nicht aber auf langfristige
Erfordernisse und schon gar nicht auf die Bedürfnisse der natürlichen Umwelt.
Nur so ist zu erklären, warum sich die Manager der deutschen Automobilindustrie
anlässlich regelmäßiger Rekordabsätze auf dem chinesischen Markt die Hände
reiben, obwohl sie wissen, dass eine Motorisierung der chinesischen Bevölkerung
katastrophale Auswirkungen auf unser Klima hätte. Nur so ist auch zu erklären,
warum die petrochemische Industrie unbeirrt auf Wachstumskurs ist, obwohl die
globalen Ölförderkapazitäten, der sog. oil peak, seit einigen Jahren
bereits ihr Maximum überschritten haben. Nur so ist zu erklären, dass Shell, BP
und die anderen Ölkonzerne mit ihrer üblen Praxis der Gasabfackelung bei der
Erdölförderung jährlich mehr als vier Millionen Tonnen Kohlendioxid in die
Atmosphäre blasen. In dieser Vogel-Strauß-Politik offenbart sich das ganze
Dilemma der kapitalistischen Produktionsweise. Ihre Protagonisten sind nicht
Herren über ihr eigenes Geschick; sie sind zur Akkumulation verdammt und
verschwenden keinerlei Gedanken für die Konsequenzen ihres Handelns. Um es in den
Worten von Engels zu formulieren: „… jede auf Warenproduktion beruhende
Gesellschaft hat das Eigentümliche, daß in ihr die Produzenten die Herrschaft
über ihre eigenen gesellschaftlichen Beziehungen verloren haben. Jeder
produziert für sich mit seinen zufälligen Produktionsmitteln und für sein
besondres Austauschbedürfnis. Keiner weiß, wieviel von seinem Artikel auf den
Markt kommt, wieviel davon überhaupt gebraucht wird, keiner weiß, ob sein
Einzelprodukt einen wirklichen Bedarf vorfindet, ob er seine Kosten
herausschlagen oder überhaupt wird verkaufen können. Es herrscht Anarchie der
gesellschaftlichen Produktion.“[3]
Die „Zwangsgesetze der Konkurrenz“ (ebenda) lassen den einzelnen Kapitalisten
(aber auch den einzelnen Staaten) keine andere Wahl, als die Rentabilität vor
der Nachhaltigkeit, den Profit vor den gesellschaftlichen (und ökologischen)
Nutzen zu stellen.

Um zur
Ausgangsfrage dieses Kapitels zurückzukehren: es bestehen ernsthafte Zweifel an
der Fähigkeit des Kapitalismus als globales System, rechtzeitig und adäquat auf
eine derart existenzielle Gefahr wie die globale Erwärmung der Atmosphäre zu
reagieren. Nichts spricht dafür, dass sich die kapitalistischen Führer der
Weltgemeinschaft zu einem gemeinsamen und entschlossenen Handeln zusammenraufen
werden, um noch Schlimmeres zu verhüten. Im Gegenteil: selbst jene Staaten,
denen eine gewisse Vorreiterrolle in Sachen Umweltschutz nachgesagt wird,
schlagen schnell alle ökologischen Vorbehalte in den Wind, wenn es um ihre
nackten ökonomischen Interessen geht.[4]
Was wunder, dass die Emporkömmlinge aus den sog. BRIC-Staaten (Brasilien, Russland,
Indien und China) in dem Bohei der Führer der westlichen Welt um den
Umweltschutz nur ein billiges Manöver wittern und nicht im Traum daran denken,
von ihrem Wachstumskurs abzuweichen. Ein grundsätzlicher Kurswechsel sieht
anders aus. Die Jagd nach Rohstoffen für den unersättlichen Appetit des
Kapitals geht unvermindert weiter, ja hat sich verschärft, weil neben den
etablierten Industrieländern nun auch die Emporkömmlinge aus Asien und
Lateinamerika mitmischen. Nachdem der Kapitalismus bereits zu Lande eine Spur
der Verwüstung hinter sich gelassen hat, ist er nun dabei, nun auch die letzten
natürlichen Refugien, die Antarktis und die Tiefsee auszuplündern (Erdöl,
Mangan und viele andere Rohstoffe) – mit unabsehbaren Folgen für unseren
Planeten.

Hatte der „juvenile
Kapitalismus“ (R. Luxemburg) des 18. und 19. Jahrhunderts der Menschheit neue
Lebensräume erschlossen, so ist er nun, in seiner Niedergangsphase, im Begriff,
dieselben wieder zu zerstören und darüber hinaus den Rest der Welt unbewohnbar
zu machen. Der dekadente Kapitalismus des 20. und 21. Jahrhunderts zehrt nur
noch von seiner eigenen Substanz. Oder anders ausgedrückt: er befindet sich
mitten in einem Prozess der Kannibalisierung. So wie er auf der ökonomischen
Ebene seit Jahrzehnten nur mittels astronomischer Schulden überleben kann und
dabei die Zukunft der Menschheit buchstäblich ruiniert, so opfert er die
natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit auf dem Altar des kurzfristigen
Profits. Kurzum: die Gegenwart des Kapitalismus bedroht die Zukunft der
Menschheit.

Ökologie,
Klassenkampf und Kommunismus

Was haben die Frage
der Emanzipation der Frau und die Frage des Umweltschutzes gemeinsam? Beide
sind Schlüsselfragen für die Menschheit im Allgemeinen und für die
Arbeiterklasse im Besonderen. Die Befreiung der Frau, dem ersten Opfer von
Unterdrückung und Ausbeutung in der Menschheitsgeschichte, ist gewissermaßen
das Synonym für den Kommunismus, die klassenlose Gesellschaft; der Schutz der
natürlichen Umwelt, die Aussöhnung des Menschen mit seiner äußeren Natur kann
erst allgegenwärtige Realität werden, wenn Ausbeutung und Unterdrückung
überwunden sind und somit der Entfremdung des Menschen vom Mitmenschen, aber
auch von der natürlichen Umwelt ein Ende gesetzt ist. Dennoch ist weder die Frauenbewegung
noch die Umweltschutzbewegung der Schlüssel zur Überwindung des Status
quo. Beide zeichnen sich dadurch aus, dass sie Ein-Punkt-Bewegungen sind, die
sich mit Symptomen statt mit ihren Ursachen auseinandersetzen. Die Aktivisten
dieser Bewegungen ignorieren, dass diese Ursachen in erster Linie in der
spezifischen kapitalistischen Produktionsweise zu suchen sind. Und nicht in den
bösen Absichten ihrer Protagonisten.

Die natürliche
Umwelt wird nicht durch Appelle an den „guten Willen“ der kapitalistischen
Regimes vor ihrer Zerstörung beschützt, sondern allein durch die Ersetzung
dieser räuberischen Wirtschaftsweise durch ein nachhaltigeres Wirtschaften
nicht nur mit den natürlichen, sondern auch mit den menschlichen Ressourcen.
Dass dies aber nur auf dem Weg einer Revolution an Haupt und Gliedern unserer
Zivilisation geschehen kann, versteht sich von selbst. Die Umweltfrage kann nur
im Rahmen der sozialen Frage gelöst werden oder gar nicht. Während
Umweltschutzbewegungen, so militant sie sich auch gebärden mögen, in ihrer
Limitiertheit unweigerlich in die reformistische Spur geraten, lauert in jedem
Streik der Arbeiterklasse, das hat bereits der preußische Innenminister
Puttkamer erkannt, „die Hydra der Revolution“. Das mag in Jahren der sozialen
Grabesruhe etwas anmaßend klingen, bewahrheitet sich in Krisenzeiten, wie sie
heute herrschen, allerdings umso mehr. Eine Wirtschafts- und Finanzkrise, wie
sie die Welt seit einigen Jahren in Atem hält, ist weitaus brisanter, rückt sie
doch das Verhältnis zwischen den beiden großen Gesellschaftsklassen,
Bourgeoisie und Proletariat, gewissermaßen wieder gerade: hier eine dünne
Schicht von Superreichen, Spitzenmanagern, Bankern und alteingesessenen Familienclans,
die sich an und in der Krise noch eine goldene Nase „verdient“ haben, dort die
große Mehrheit der Bevölkerung, die die Zeche für die Schuldenkrise zahlt und
sich zunehmend einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt sieht. Nie war die Wut
und die Empörung „der da unten“ gegen „die da oben“ größer. Der
Gesellschaftsvertrag, der in den Jahrzehnten des Wohlfahrtstaates zwischen
Arbeit und Kapital in aller Munde war, gehört der Vergangenheit an. Alle
Zeichen stehen auf Radikalisierung des Klassenkampfes weltweit. Mit den
Massenbewegungen in Nordafrika, Spanien, Griechenland, Chile und anderswo ist
der Anfang gemacht. Ungeachtet all ihrer Illusionen über die bürgerliche
Demokratie, ungeachtet auch der Tatsache, dass sich diese Bewegungen noch im
Rahmen von Klassen übergreifenden Volksaufständen abspielen – die
Massenversammlungen auf dem Tahirplatz in Kairo, auf den Plätzen Madrids und
Barcelonas lassen erahnen, welche Kraft und Kreativität der künftige
Arbeiterkampf entfalten kann, sobald er auf dem ureigenen Terrain der
Arbeiterklasse geführt wird. Während sich die Scharmützel der Umweltaktivisten
von Greenpeace & Co. in Blockaden, spektakulären Einzelaktionen,
Menschenketten, Kampagnenpolitik erschöpfen und in der Borniertheit des
Ein-Punkt-Ziels verlieren, schöpft der Kampf der Arbeiterklasse seine Kraft aus
dem Massenversammlungen, in denen alles, aber auch wirklich alles auf den
Prüfstand gestellt wird, aus der autonomen und kollektiven Organisation der
Bewegung und vor allem aus seiner tendenziellen Neigung, die Grundfeste des
kapitalistischen Regimes und die Logik des Kapitals in Frage zu stellen. In
einem Satz: der ausschließlich ökologisch orientierte Kampf der
Umweltaktivisten muss zwangsläufig in der Sackgasse des bürgerlichen
Reformismus enden, wofür die Entwicklung der grünen Parteien beispielhaft
steht; der Klassenkampf der Arbeiterklasse dagegen birgt die Perspektive in
sich, das Tor zu einer neuen, klassenlosen Gesellschaft zu öffnen: dem
Kommunismus, der allein eine endgültige Aufhebung der Spaltung des Menschen von
seinen „äußeren Natur“ bewirken kann.

Doch ebenso wenig
wie der Weg der Menschheit automatisch zum Kommunismus führt, ist der
Kommunismus als Option eine ewige Gewissheit, eine historische Wahrheit, die
sich stets und unveränderlich einstellt, gleichgültig, wann es der
Arbeiterklasse gelingt, den Kapitalismus zu stürzen.

Aus ihrer
Auseinandersetzung mit den utopischen Sozialisten (Saint-Simon, Owen, Fourier
u.a.), die letztlich an der Frage scheiterten, wann aus der moralischen Notwendigkeit
des Sozialismus eine materielle Möglichkeit wird, zogen Marx und Engels eine
ganz wichtige Schlussfolgerung: „… wenn hiernach die Einteilung in Klassen eine
gewisse geschichtliche Berechtigung hat, so hat sie eine solche doch nur für
einen gegebnen Zeitraum, für gegebne gesellschaftliche Bedingungen. Sie
gründete sich auf die Unzulänglichkeit der Produktion; sie wird weggefegt
werden durch die volle Entfaltung der modernen Produktivkräfte (…) Die
Abschaffung der gesellschaftlichen Klassen (…) hat also zur Voraussetzung eine
Höhegrad der Entwicklung der Produktion, auf dem Aneignung der
Produktionsmittel und Produkte und damit der politischen Herrschaft, des
Monopols der Bildung und der geistigen Leitung durch eine besondre
Gesellschaftsklasse nicht nur überflüssig, sondern auch ökonomisch, politisch
und intellektuell ein Hindernis der Entwicklung geworden ist.“[5]
In der Tat konnten sich die utopischen Sozialisten nie von dem Dilemma
befreien, zwischen den beiden Polen Freiheit und (materielle) Gleichheit wählen
zu müssen. Die Welt war zu ihren Lebzeiten noch von vor-kapitalistischen
Gesellschaftsformen dominiert, die von unterentwickelten Produktivkräften und
einem allseitigen Mangel gekennzeichnet waren. Erst der moderne Kapitalismus,
so erkannten Marx und Engels, schuf mit seinen modernen Produktivkräften, die
assoziierte Arbeit, den Wissenschaften und der modernen Technologie die Mittel
zur endgültigen Überwindung des Mangels. Die kapitalistische Produktionsweise
mit ihrer Massenproduktion machte aus der Notwendigkeit des Kommunismus erst
eine reale Möglichkeit, da Letzterer nur auf der Grundlage des Überflusses
existieren kann.

Doch nun, rund
hundert Jahre nach dem Eintritt des Kapitalismus in seine Niedergangsphase,
drohen alle Errungenschaften dieser Produktionsweise im Kampf gegen den
existenziellen Mangel sich in ihr Gegenteil zu verkehren. Je länger dieses
System noch dahinvegetiert, desto größer ist die Gefahr, dass es der Menschheit
ein Erbe hinterlässt, das den Kommunismus zu einer Unmöglichkeit macht. Denn
was wir derzeit erleben, ist eine rapide, nahezu exponentielle Einschränkung
des natürlichen Lebensraums des Menschen. Fangen wir mit der Entwaldung an:
mehr als die Hälfte aller ursprünglich vorhandenen Wälder der Welt sind bereits
verschwunden; geht die Abholzung der Regenwälder im heutigen Tempo weiter, so
ist damit zu rechnen, dass in den nächsten fünfzig Jahren ein weiteres Viertel
der noch existierenden Waldgebiete abgeholzt sein wird. Nehmen wir die
Bodenerosion: mehr als eine Milliarde Menschen oder ein Drittel aller
landwirtschaftlich nutzbaren Gebiete der Welt sind von ihr betroffen; die
Folgen sind Versalzung der Böden[6],
Desertifikation und Staubstürme[7].
Oder die Überfischung der Weltmeere: „Einer Prognose zufolge droht ein Rückgang
der Fänge um 90% gegenüber dem jeweiligen Höchststand aller derzeit kommerziell
genutzten Fischarten, sollte die Befischung unverändert fortgesetzt werden.
Laut Zahlen der Food and Agriculture Organization (FAO) waren 2005 drei Viertel
der weltweiten Bestände überfischt oder bis an die Grenzen der
Regenerationsfähigkeit ausgebeutet. Bei rund einem Viertel der Bestände ist
eine Steigerung der Fänge noch möglich. Zu Beginn der Überwachung des globalen
Fischbestandes im Jahre 1974 betrug dieser Anteil noch 40%.“[8]i
Vergessen wir auch nicht die chemische und radioaktive Verseuchung ganzer
Regionen, die unabsehbare Zeit unbewohnbar bleiben; ganz zu schweigen von den Hinterlassenschaften
des atomaren Zeitalters, die noch viele tausend Jahre vor sich hin strahlen
werden und deren Entsorgung nach wie vor völlig ungeklärt ist.

Dies alles vor dem
Hintergrund der globalen Erwärmung der Atmosphäre betrachtet, bleibt nur noch
die Feststellung, dass die Menschheit am Scheideweg steht. Namhafte
Wissenschaftler räumen der Menschheit nicht mehr viel Zeit ein. Falls in den
nächsten zwanzig Jahren kein entscheidender globaler Kurswechsel stattfindet,
werden die Folgen der menschengemachten Klimaveränderung aller Voraussicht nach
so gravierend sein, dass sie kaum mehr beherrschbar sind. Mit anderen Worten:
die Arbeiterklasse hat nicht mehr allzu lange Zeit, diese völlig
unverantwortliche bürgerliche Klasse endlich in die Wüste zu schicken, bevor
diese noch mehr Unheil anrichtet und den Rubikon überschreitet. Ihr zu Hilfe
kommt dabei der Umstand, dass die Umweltkatastrophe einhergeht mit der weiteren
Verschärfung der Weltwirtschaftskrise mit ihren verheerenden Folgen für die
Arbeiterhaushalte. Nichts erschüttert das Vertrauen der ArbeiterInnen in dieses
System so sehr wie die Unfähigkeit der Herrschenden, für ihr Auskommen zu
sorgen, und sei es noch so bescheiden. Sie ist der Antrieb für die
Beherrschten, nach eigenen Lösungen Ausschau zu halten, der Motor des
Bewusstseinsprozesses, an dessen Ende ein revolutionäres Klassenbewusstsein
stehen könnte, sofern die Revolutionäre dieser Welt ihren Beitrag leisten.

Schmeicheln
wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für
jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die
Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz
andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder
aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo
die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, daß sie
damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit
den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. Die
Italiener der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten
Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, daß sie damit der
Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger,
daß sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser
entzogen, damit diese zur Regenzeit um so wütendere Flutströme über die Ebene
ergießen könnten. Die Verbreiter der Kartoffel in Europa wußten nicht, daß sie
mit den mehligen Knollen zugleich die Skrofelkrankheit verbreiteten. Und so
werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur
beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der
außer der Natur steht - sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr
angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie
darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und
richtig anwenden zu können.“
(Friedrich Engels, Dialektik der Natur,
„Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen)

 


[1] So wurde ein Großteil der Wälder
auf der Osterinsel vermutlich für den Transport der riesigen Statuen zu ihrem
Standort abgeholzt. Allein die schiere Zahl der auf der Insel aufgefundenen
Statuen lässt vermuten, dass zwischen den Häuptlingen der verschiedenen Stämme
ein regelrechtes „Wettrüsten“ um den Bau der größten und meisten Götzenstatuen
stattgefunden hat.

[2] Mit dem Begriff der „Großen
Transformation“ nehmen die Autoren Bezug auf den ungarisch-österreichischen
Wirtschaftstheoretiker Karl Polanyi, der in seinem Hauptwerk The Great
Transformation
die These vertrat, dass – um es in den Worten der Autoren zu
sagen – „die Stabilisierung und Akzeptanz der ‚modernen
Industriegesellschaften‘ erst durch die Einbettung der ungesteuerten
Marktdynamiken und Innovationspro­zesse in Rechtsstaat, Demokratie und
wohlfahrtsstaat­liche Arrangements gelang“.

[3] Die
Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft
, MEW Bd. 19, S.
214f.

[4] So weigert sich
die politische Klasse in Deutschland beharrlich, ein Tempolimit auf den
Autobahnen einzuführen, und wehrte sich vehement und erfolgreich gegen eine Sonderbesteuerung
PS-starker Kfz durch die EU – alles im Interesse der deutschen Autoproduzenten.

[5]
Engels, Die Entwicklung
des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft
, MEW Bd. 19, S. 225.

[6]
„Heute sind bereits neun
Prozent aller gerodeten Landflächen Australiens davon betroffen, und wenn man
die derzeitige Entwicklung fortschreibt, wird der Anteil nach Berechnungen auf
etwa 25 Prozent ansteigen.“ (aus: J. Diamond, Kollaps, S. 497)

[7]
„Von 300
n. Chr. bis 1950 suchten Staubstürme durchschnittlich alle 31 Jahre einmal
Nordwestchina heim; von 1950 bis 1990 betrug der Abstand durchschnittlich nur
20 Monate; und seit 1990 ereignen sie sich fast jedes Jahr. Am 5. Mai 1993
kamen in einem gewaltigen Staubsturm ungefähr 100 Menschen um.“ (aus: J.
Diamond, Kollaps, S. 456)

[8]
„Überfischung
der Meere“, Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages.

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