Die utopistischen Vorläufer des wissenschaftlichen Sozialismus

Wir veröffentlichen hier einen Artikel aus der Presse der KAPD (Kommunistische Arbeiterpartei Deutschland) aus dem Jahre 1927 

 

Der
sozialistische Gedanke, der in unserer Zeit stärker als je die Geister bewegt, ist
nicht erst in der Gegenwart oder der jüngsten Vergangenheit lebendig geworden,
sondern er kann auf eine Jahrtausende lange Geschichte zurückblicken. Das was
man heute gemeinhin unter Sozialismus oder Kommu­nismus versteht, der
proletarische Sozialismus, ist zwar jungen Datums, ist kaum ein Jahrhundert
alt. Aber zu allen Zeiten hat
es Denker gegeben, die, wenn auch gefühlmäßig
und unklar, der auf Ausbeutung und Unterdrückung beruhenden Gesellschaft ein
neues Kulturideal gegenüberstellten, die einen Zustand herbeisehnten, in dem
nicht mehr Willkür und Macht, sondern Recht und Gerechtigkeit bestimmend wären
für die Beziehungen von Mensch zu Mensch. Alle diese Denker können sich
Sozialisten nennen, können darauf Anspruch er­heben, als Sozialisten anerkannt
zu werden; denn sie alle weisen in ihrer Zielsetzung auf das Ideal des
Sozialismus hin. Es kann aber nicht wundernehmen, dass über dieses eine, allen
sozialistischen Denkern gemeinsame Ziel hinaus die Ge­danken dieser
verschiedenen Sozialisten in mannigfacher Weise von einander abweichen. Klar
und deutlich lassen sich in der sozialistischen Geistesweit namentlich zwei Strömungen
unterscheiden, in die wir die Gesamtheit der sozialistischen Systeme gliedern
wollen: 1. der utopische oder naturrechtliche Sozialismus, auch als „nationaler"
Sozialismus bezeichnet, und 2. der entwicklungsgeschichtliche, moderne oder
wissenschaftliche Sozialismus: der Marxismus.

 

Alle
sozialistischen Theorien, alle sozialistischen Denker lassen sich in eine
dieser beiden Gruppen einordnen. Unsere Aufgabe ist es nun, die gemeinsamen
Züge und die Unterschiede dieser Spielarten des Sozialismus festzustellen.
Gemeinsam ist dem utopistischen mit dem modernen Sozialismus: 1. der Gegensatz
gegen die bestehende Gesellschaftsordnung 2. das Ziel einer von Ausbeutung und
Unterdrückung freien Gesell­schaft. Die Scheidung beginnt bereits, sobald es
sich um: 1. eine nähere Kennzeichnung dieses Zieles handelt. Der uto­pische
Sozialismus ergeht sich in weitschweifigen Darstellungen des "Zukunftsstaates".
dessen „vernünftige" und „gerechte" Einrichtungen genau beschrieben
werden, als ob sie schon verwirklicht wären. Es ist eines der Kennzeichen des
Utopis­mus, dass seine literarischen Erzeugnisse häufig nichts anderes sind als
Beschreibungen der sozialen Zustände von Ländern, die es in Wirklichkeit nicht
gibt, die nur in der Phantasie des betreffenden Schriftstellers existieren.
Daher auch der aus dem Griechischen stammende Name „Utopie", das heißt
Nicht‑Ort, Nirgendwo. Wie dieser ersehnte Zukunftsstaat im Einzelnen aussieht, darüber
gehen die Wünsche der Utopisten selbst welt auseinander, darüber denkt z.B. Thomas
Morus ganz anders als Fourier. Das wesentliche ist an dieser Stelle nur, dass
die Utopisten auf die genaue Ausmalung des künftigen Reiches das Hauptgewicht
legen. Damit stehen sie im Gegen­satz zu den modernen Sozialisten: diese haben
es im Allgemeinen mit Recht abgelehnt zu sagen, wie sie sich den
Zukunftsstaat" im Einzelnen „vorstellen", und sich darauf beschränkt.
die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die Aufhebung der
kapitalistischen Gesellschaft und der Klassen­gegensätze und die Schaffung der
gleichen EntwicklungsmögIichkeiten für alle als die Grundlagen der künftigen
Gesellschaft aufzuzeigen.

Dieser Unterschied
in der Zielsetzung führt uns
unmittelbar auf: 2. die Verschiedenheit in der
Methode, d.h. der Begrün­dung der sozialistischen Anschauung. Hier liegt
rechteigent­lich der springende Punkt, der wesentlichste Unterschied zwischen
utopischen und wissenschaftlichen Sozialismus: a) die Utopisten begründen ihre
Forderungen naturrechtlich, d.h. sie stellen der bestehenden „unnatürlichen"
Gesellschaftsordnung eine andere, bessere gegenüber, die sie für die „natürliche"
Ordnung ausgeben. Mit anderen Worten: die Utopisten erheben sittliche
Forderungen, die sie nicht aus den gegebenen Verhältnissen, sondern aus ihrer
höheren Einsicht herleiten. Die Utopisten sind Erfinder einer neuen, bisher
unbekannten Gesellschaftsordnung. Der Utopismus sagt, was „gut" ist und
daher  kommen soll. b) die modernen
wissenschaftlichen Sozia­listen, voran Marx und Engels, leiten das
sozialistische Ziel historisch aus dem bisherigen Verlauf der
Geschichte und der
Erkenntnis der gegenwärtigen Verhältnisse her. Es gibt für sie keine
„natürliche", über Zeit und Raum erhabene Ordnung, sondern jeder Epoche
ist die ihr eigene Ordnung „natürlich", und: „Alles was besteht, ist welt,
dass es zugrunde geht". Der Marxismus stellt keine moralischen Forderungen
auf, sondern er sagt, was nach wissenschaftlicher Einsicht kommen muss. Marx
ist kein Erfinder bisher nicht existierender Dinge, son­dern ein Entdecker von
Zuständen, die zwar bisher unbekannt waren, aber doch schon im Keime in der
bestehenden Gesell­schaft schlummerten. Kurz: der wissenschaftliche moderne Sozialismus
sagt, was notwendig ist und daher kommen muss und kommen wird. 3. Ein weiterer
wesentlicher Unterschied zwischen utopischen und wissenschaftlichen Sozialismus
liegt in der Taktik, der Anschauung über den Weg zum Ziel. Dieser Gegensatz
ergibt sich mit Notwendigkeit aus dem obigen:

a) Die Utopisten,
soweit sie überhaupt die Frage nach dem
Weg zum Ziel aufwerfen (was keineswegs
durchgehend der Fall ist), wollen den Sozialismus sozusagen „machen", künstlich
herbeiführen. Sie glauben, dass es nur des Planes eines klugen Kopfes bedürfe,
um alle Menschen von der Vortrefflichkeit der sozialistischen Ordnung zu
überzeugen und die Reichen und Großen dieser Welt
zum freiwilligen
Aufgeben ihrer Vorrechte, ja sogar zur Hilfeleistung zu bewegen. Als Mittel
dazu dient ihnen neben der Überredung vor allem das soziale Experiment: die
Utopisten haben zahlreiche kommunistische Gemeinwesen nach ihren Plänen
errichtet, um durch die Macht des Beispiels Anhänger für ihre Ideen zu gewinnen
und zugleich den Keim für die künftige Gesellschaft zu legen. Alle diese
Versuchskolonien haben sich nicht lange behaupten können innerhalb einer ganz anders
gearteten Welt. Klassen­kampf und revolutionäre Betätigung als Mittel zum Ziel
lehnen die Utopisten ab: sie stützen sich überhaupt nicht auf das Pro­letariat
als Klasse, sie treten nicht als Interessenvertreter
der Lohnarbeiterschaft
auf, sondern als Vertreter aller Armen und Bedrängten. Auch das ist erklärlich;
denn zu der Zeit, als der Utopismus in Blüte stand. gab es noch gar keine zum
Bewusstsein ihrer selbst gelangte Lohnarbeiterklasse. Das mo­derne Proletariat
steckte noch in den Kinderschuhen: als es erst zum Klassenbewusstsein erwacht
war, da war notwendig auch die Zeit des unklaren Utopismus vorbei.

b) Der wissenschaftliche moderne Sozialismus will keine künstlichen Gebilde
schaffen, sondern erwartet alles von
der notwendigen Entwicklung, die durch
menschliches Eingreifen zwar gefördert oder gehemmt werden kann. Nicht das „Genie"
wird die künftige Gesellschaft durch Erfindung eines klugen Planes
herbeiführen: denn es übersteigt die Kraft eines einzel­nen, der Weltgeschichte
ohne weiteres die Bahn zu weisen. Auch die Hoffnung auf Hilfe seitens der  Reichen und Mächtigen wird als utopistisch  abgelehnt; denn nie werden sich die
herrschenden Klassen dazu bequemen, freiwillig das Feld zu räumen. Soweit es
menschlichen Eingreifens bedarf, um die kommende Entwicklung zu fördern und
Hindernisse aus dem Weg zu räumen, erwartet der Sozialismus dieses Eingreifen
nur von unten her, von der unterdrückten Klasse: von dem Proletariat. Er
appelliert an die Proletarier, die sich damals (zurzeit von Marx) allmählich
von der Bevormundung durch dass Bürgertum lossagten und nun nicht mehr als
unterste Stufe, als „Anhängsel" dieses Bürgertums, sondern als ständige
Klasse zu fühlen begannen. Das Proletariat soll durch seinen Klassenkampf (von
dem ja bekanntlich die Utopisten nichts wissen wollten) nicht nur in der
kommenden Entwicklung von sich aus richtunggebend wirken, sondern auch seine
Klasseninteressen während dieses Umbildungsprozesses wahr­nehmen. Aus dem
Gesagten folgt bereits, dass der moderne wissenschaftliche Sozialismus grundsätzlicher
Gegner jedes utopistischen Experiments ist; er erkennt klar die Unmöglichkeit,
in einer von Kapitalismus beherrschten Umwelt sozialistische Eilande zu
schaffen, wie er überhaupt in der sozialen Entwicklung nur die Daseinsberechtigung
des natürlich Ge­wordenen anerkennt.

Alles in allem kann
man den Unterschied zwischen uto­pischem und wissenschaftlichem Sozialismus
dahin zusam­menfassen: Die Utopischen erwünschen und erhoffen das Gute und
Schöne, Marx erforscht das Wirkliche und erkennt das Notwendige. Aus dem Gesagten
ergeben sich nun folgende Begriffsbestimmungen: Unter utopischem Sozialismus
verstehen wir diejenige Spielart des Kommunismus oder Sozialismus, die sich in
erster
Reihe mit der
Ausmalung eines Zukunftsstaates beschäftigt, ihr Ziel naturrechtlich begründet
und den Weg zu diesem  Ziel entweder gar
nicht oder in wirklichkeitsfremder Weise behandelt. Unter dem modernen wis­senschaftlichen
Sozialismus oder Kommunismus verstehen
wir diejenige Art des Sozialismus, die unter
Verzicht auf die nähere Ausmalung des Zukunftsstaates ihr Ziel historisch
begründet und die Entwicklung selbst sowie den Klassenkampf des Proletariats
als die Hebel zur sozialistischen Gesellschaft betrachtet.

Die bisherige
Betrachtung hat uns zwei große Gruppen von sozialistischen Systemen erkennen
lassen. Der utopische Sozialismus 1st heute praktisch überwunden, d.h. es gibt
keine ernst zu nehmende sozialistische Bewegung. die noch heute auf den Lehren
der Plato, Morus. Fourier usw. fußt. Wir wollen aber nicht verkennen, dass der
Utopismus in der sozialistischen Geistesgeschichte Jahrhunderte hindurch eine
große und eine - damals - notwendige Aufgabe erfüllt hat: Das Fundament einer über
Ziel und Weg klaren sozialistischen Bewegung hat er nicht werden können, wohl
aber haben die Utopisten durch die sittliche Kraft ihrer Gedanken die Geister
erst einmal aufgerüttelt. Zudem knüpft der moderne Sozia­lismus geistig
unmittelbar an sie an, und - auch darüber wollen wir uns klar sein - so mancher
Gedanke, den Vertreter des utopischen Sozialismus zum ersten Male ausgesprochen
haben. ist als unveräußerlicher Besitz in den Ideenansatz der modernen
Arbeiterbewegung übergegangen.

 

All das macht es
notwendig, dass wir nach der zusammenfassenden Kennzeichnung der Eigenart des
Utopismus auch noch einige der bedeutsamsten utopistischen Systeme kurz
besprechen.

Leute: 

Historische Ereignisse: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: