Interne Debatte in der IKS (II): Die Ursachen für die Aufschwungperiode nach dem Zweiten Weltkrieg

In der Internationalen Revue Nr. 42 begannen wir mit der
Veröffentlichung einer Debatte innerhalb der IKS über die grundlegenden
Ursachen für die Periode der Nachkriegsprosperität während der 1950-60er Jahre,
die sich als außergewöhnlich in der Geschichte des Kapitalismus seit dem Ersten
Weltkrieg erwiesen hat. In diesem Artikel formulierten wir die Fragen und den
Rahmen der Debatte und stellten kurz die Hauptpositionen dar, um die sich die
Debatte dreht. Wir veröffentlichen nachstehend einen neuen Beitrag zur
Diskussion.

Dieser Beitrag unterstützt die in Nr. 42 vorgestellte These unter dem
Titel „keynesianisch-fordistischer Staatskapitalismus" und schreibt die
Schaffung einer zahlungsfähigen Nachfrage während des Nachkriegsbooms im
wesentlichen den keynesianischen Mechanismen zu, die von der Bourgeoisie
installiert worden waren. In den folgenden Ausgaben der Revue werden wir
Artikel veröffentlichen, die andere Positionen in der Debatte vertreten und auf
diese Position antworten, insbesondere bezüglich des Charakters der
kapitalistischen Akkumulation und der Faktoren, die den Eintritt des
Kapitalismus in seine dekadente Phase bestimmen.

Die Ursprünge, Dynamiken und Grenzen des keynesianisch-fordistischen
Staatskapitalismus

1952 beendeten unsere Vorgänger in der GCI[1] die
Aktivitäten ihrer Gruppe, weil das „Verschwinden der außerkapitalistischen
Märkte (...) zu einer permanenten Krise des Kapitalismus führt (...) Wir können
hier die ins Auge fallende Bestätigung von Rosa Luxemburgs Theorie sehen (...)
In der Tat sind die Kolonien nicht mehr ein außerkapitalistischer Markt für das
koloniale Mutterland (...) Wir leben in einem Zustand des drohenden Krieges..."[2]
Geschrieben am Vorabend des Nachkriegsbooms, enthüllen diese wiederholten
Fehler die Notwendigkeit, über die „ins Auge fallende Bestätigung von Rosa
Luxemburgs Theorie" hinauszugehen und zu einem kohärenteren Verständnis der
Funktionsweise und Grenzen des Kapitalismus zurückzukehren. Dies ist das Ziel
dieses Artikels.

I. Die Triebkräfte und
inneren Widersprüche des Kapitalismus

1) Die Zwänge einer
erweiterten Reproduktion und ihre Grenzen

Die Aneignung von Mehrarbeit ist fundamental für das
Überleben des Kapitalismus.[3]
Anders als die vorhergehenden Gesellschaften besitzt die kapitalistische
Aneignung ihre eigene, eingebaute, permanente Dynamik in Richtung Expansion des
Produktionsumfangs, die weit über die einfache Reproduktion hinausgeht. Sie
erzeugt eine wachsende gesellschaftliche Nachfrage durch die Beschäftigung von
neuen Arbeitern und die Investition in zusätzliche Produktions- und
Konsumtionsmittel: „Diese Grenzen der Konsumtion werden erweitert durch die
Anspannung des Reproduktionsprozesses selbst; einerseits vermehrt sie den
Verzehr von Revenue durch Arbeiter und Kapitalisten, andrerseits ist sie
identisch mit Anspannung der produktiven Konsumtion."[4]
Diese Ausbreitungsdynamik nimmt die Form einer Abfolge von Zyklen an, in denen,
grob gesagt alle zehn Jahre die periodische Zunahme des fixen Kapitals dazu
tendiert, die Profitrate zu verringern und Krisen hervorzurufen.[5]
Während dieser Krisen schaffen Bankrotte und Wertminderung des Kapitals die
Bedingungen für eine Erholung, die die Märkte und das Produktionspotenzial
erweitert: „Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame Lösungen der
vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht
für den Augenblick wiederherstellen (...) Die eingetretne Stockung der
Produktion hätte eine spätere Erweiterung der Produktion - innerhalb der
kapitalistischen Grenzen - vorbereitet. Und so würde der Zirkel von neuem
durchlaufen. Ein Teil des Kapitals, das durch Funktionsstockung entwertet war,
würde seinen alten Wert wiedergewinnen. Im übrigen würde mit erweiterten
Produktionsbedingungen, mit einem erweitertem Markt und mit erhöhter
Produktivkraft derselbe fehlerhafte Kreislauf wieder durchgemacht werden."[6]
Die Graphik Nr. 1 veranschaulicht treffend all die Elemente dieses
theoretischen Rahmens, der von Marx herausgearbeitet worden war: Alle zehn
Zyklen der steigenden und fallenden Profitrate enden in einer Krise
(Rezession):

Die kapitalistische Akkumulation in den mehr als zwei
Jahrhunderten fand im Rhythmus von gut dreißig Zyklen und Krisen statt. Marx
identifizierte sieben zeit seines Lebens, die Dritte Internationale sechzehn[7],
und die Linke in der Internationale vervollständigte das Bild in der
Zwischenkriegsphase.[8]
Dies ist die immer wiederkehrende materielle Grundlage für die Zyklen der Überproduktion,
deren Ursprünge wir nun untersuchen werden.[9]

Grafik 1: Quartalsweise die Profitraten und Rezessionen in den USA von 1948 bis 2007.

 

2) Der Kreislauf der
Akkumulation - ein Spiel in zwei Akten: die Produktion von Profit und die
Realisierung von Waren

Die Abpressung eines Maximums an Mehrarbeit, kristallisiert
in einer wachsenden Warenmenge, bildet das, was Marx den „ersten Akt des
kapitalistischen Produktionsprozesses" nannte. Diese Waren mussten anschließend
verkauft werden, um die im Mehrwert materialisierte Mehrarbeit in die Form von
Geld zur Neuinvestition umzuwandeln: Dies ist der „zweite Akt des Prozesses".
Jeder dieser beiden Akte enthält seine eigenen Widersprüche und Grenzen. Obwohl
sie sich gegenseitig beeinflussen, wird der erste Akt vor allem durch die
Profitrate angetrieben, während der zweite eine Funktion der mannigfaltigen
Tendenzen ist, die den Markt begrenzen.[10]
Diese beiden Einschränkungen erzeugen periodisch eine Nachfrage, die unfähig
ist, die gesamte Produktion zu absorbieren: „Die Überproduktion speziell hat
das allgemeine Produktionsgesetz des Kapitals zur Bedingung, zu produzieren im
Maße der Produktivkräfte (d.h. der Möglichkeit, mit gegebner Masse Kapitals
größtmöglichste Masse Arbeit auszubeuten) ohne Rücksicht auf die vorhandnen
Schranken des Marktes oder der zahlungsfähigen Bedürfnisse...."[11]

Wo liegt der Ursprung dieser unzureichenden zahlungsfähigen
Nachfrage?

In der eingeschränkten Konsumtionsfähigkeit der
Gesellschaft, die durch die antagonistischen Verhältnisse bei der Aufteilung
der Mehrarbeit (Klassenkampf) begrenzt wird: „Der letzte Grund aller wirklichen
Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber
dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu
entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre
Grenze bilde."[12]

In den Grenzen, die aus dem Akkumulationsprozess
resultieren, der den Konsum reduziert, sobald die Profitrate fällt: Der im
Verhältnis zum investierten Kapital unzureichende Mehrwert, der extrahiert
wurde, bremst die Investitionen und die Beschäftigung neuer Arbeitskräfte: „Die
Schranke der kapitalistischen Produktionsweise tritt hervor: 1. Darin, daß die
Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit im Fall der Profitrate ein Gesetz
erzeugt, das ihrer eignen Entwicklung auf einen gewissen Punkt feindlichst
gegenübertritt und daher beständig durch Krisen überwunden werden muß..."[13]

In einer unvollständigen Realisierung des Gesamtprodukts,
wenn die Proportionen zwischen den Produktionssektoren nicht beachtet werden.[14]

3) Eine dreifache
Schlussfolgerung über die inneren Widersprüche und die Dynamik des Kapitalismus

In seinem gesamten Werk unterstreicht Marx konstant diese
zweifach geartete Ursache von Krisen, deren Bestimmungen im Grunde unabhängig
sind: „Die moderne Überproduktion beruht einerseits auf der absoluten Entwicklung
der Produktivkräfte und folglich der massenhaften Produktion durch Produzenten,
die im Kreislauf der notwendigen Lebensmittel eingeschlossen sind, und
andererseits der Begrenzung durch den Profit der Kapitalisten."[15]
In der Tat: auch wenn das Niveau und der wiederkehrende Fall der Profitrate
wechselseitig die Weise beeinflussen, in welcher der Mehrwert verteilt wird,
besteht Marx nichtsdestotrotz darauf, dass diese beiden Grundursachen
fundamental „unabhängig", „begrifflich auseinanderfallend", „nicht identisch"
sind.[16]
Warum das? Einfach weil die Profitproduktion und die Märkte zum größten Teil
unterschiedlichen Bedingungen ausgesetzt sind. Daher lehnt Marx kategorisch
jede Theorie ab, die die Krisen auf eine einzige Ursache zurückführt.[17]
Es ist also ein theoretischer Fehler, die Entwicklung der Profitrate strikte
vom Umfang des Marktes abhängig zu machen oder umgekehrt. Daraus folgt, dass
diese beiden Hauptursachen je ihre eigene zeitliche Logik haben. Der erste
Widerspruch (die Profitrate) hat seine Wurzeln in der Notwendigkeit, das
konstante Kapital auf Kosten des variablen Kapitals zu erhöhen, und sein
zeitlicher Ablauf ist somit im Wesentlichen an die Zyklen gebunden, in denen
das fixe Kapital rotiert. Da der zweite Widerspruch sich um die Verteilung von
Mehrarbeit dreht, wird seine Zeitebene durch das Kräfteverhältnis zwischen den
Klassen bestimmt, das sich über längere Perioden erstreckt.[18]
Auch wenn diese beiden Zeitebenen zusammenfallen können (der
Akkumulationsprozess beeinflusst das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen und
umgekehrt), sind sie dennoch fundamental „unabhängig", „begrifflich
auseinanderfallend", „nicht identisch", denn der Klassenkampf ist nicht strikt
an die Zehnjahreszyklen gebunden, und Letztere sind nicht mit dem Kräfteverhältnis
zwischen den Klassen verknüpft.

Grafik 2: Die Löhne im Verhältnis zum gesammten Vermögen in den G7, EU und Frankreich.

 

II. Eine empirische
Bestätigung der marxistischen Theorie der Überproduktionskrisen

Die Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute ist
ein gutes Beispiel, um die Marxsche Analyse der Überproduktionskrisen und ihrer
drei Implikationen zu bestätigen. Insbesondere erlaubt sie uns, die
Unrichtigkeit aller wKrisentheorien zu beweisen, die sich auf eine einzige
Ursache berufen, ob es nun um die Theorie geht, die sich allein auf die
fallende Profitrate stützt und die nicht in der Lage ist zu erklären, warum
Akkumulation und Wachstum nicht wieder anspringen trotz der Tatsache, dass die
Profitrate ein Vierteljahr lang gestiegen ist, oder jene Theorie, die auf der
Sättigung der zahlungsfähigen Nachfrage basiert und die nicht den Anstieg der
Profitrate erklären kann, da die Märkte völlig ausgezehrt sind (was sich
eigentlich in einer Nullprofitrate ausdrücken müsste). All dies kann leicht aus
den beiden Graphiken (Nr. 1 und Nr. 3) ersehen werden, die die Entwicklung der
Profitrate zeigen.

Die Ermüdung des Nachkriegsboom und das sich
verschlechternde wirtschaftliche Klima zwischen 1969-82 sind im Wesentlichen
eine Folge des Rückganges der Profitrate[19],
trotz der Tatsache, dass der Konsum durch die Indexierung der Löhne und durch
Maßnahmen zur Stützung der Nachfrage aufrecht gehalten wurde[20].
Die Produktivitätssteigerungen sanken ab Ende der 60er Jahre[21]
und halbierten die Profitrate ab 1982 (s. Graphik Nr. 3). Seither ist eine
Erholung der Profitrate nur noch durch die Steigerung der Mehrwertrate
(sinkende Löhne und wachsende Ausbeutung) möglich gewesen. Dies implizierte
eine unvermeidliche Deregulierung der Schlüsselmechanismen, die das Wachstum in
der Endnachfrage während des Nachkriegsbooms gesichert hatten (siehe unten). Dieser
Prozess begann Anfang der 1980er Jahre und kann insbesondere im konstanten Fall
der Löhne im Verhältnis zum gesamten hergestellten Reichtum betrachtet werden.

Überall lastete schließlich in den 70er Jahren der
„Profitraten"-Widerspruch auf dem Kapitalismus, während die Endnachfrage
aufrechterhalten wurde. Die Situation kehrte sich ab 1982 in ihr Gegenteil um:
Die Profitrate hatte sich spektakulär erholt, aber zum Preis einer drastischen
Zusammenpressung der Endnachfrage (des Marktes): im Wesentlichen der
Lohnempfänger (siehe Graphik Nr. 2), aber auch (in einem geringeren Umfang) der
Investitionen, da die Akkumulationsrate auf ihrem niedrigen Stand verblieben
war (siehe Graphik Nr. 3).

Dadurch können wir nun verstehen, warum der wirtschaftliche
Niedergang sich trotz einer wiederhergestellten Profitrate fortsetzt: Das
Unvermögen von Wachstum und Akkumulation, wieder an Schwung zu gewinnen, trotz
einer spektakulären Verbesserung in der Betriebsrentabilität, erklärt sich aus
der Zusammenpressung der Endnachfrage (Löhne und Investitionen). Diese
drastische Reduzierung der Endnachfrage führt zu einer lustlosen Investition in
die erweiterte Akkumulation, zu fortgesetzter Rationalisierung durch
Konzernübernahmen und -verschmelzungen, ungenutztem Kapital, das in die
Finanzspekulation strömt, Verlagerung von Industrien auf der Suche nach
billiger Arbeitskraft - was die allgemeine Nachfrage noch weiter drückt.

Was die Wiederherstellung der Endnachfrage angeht, so ist
sie unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum möglich, da das Wachstum der
Profitrate davon abhängt, sie niedrig zu halten! Seit 1982 ist es also im
Rahmen verbesserter Betriebsrentabilität die „Begrenzung der zahlungsfähigen
Märkte" bzw. ihre Zeitebene, die die wesentliche Rolle bei der Erklärung der fortgesetzten
Lustlosigkeit der Akkumulation und des Wachstums spielen, selbst wenn
Fluktuationen in der Profitrate kurzfristig durchaus einen wichtigen Anteil bei
der Auslösung von Rezessionen haben können, wie wir unschwer aus den Graphiken
N. 1 und Nr. 3 ersehen können.

 

Grafik 3: Profitrate, Akkumulationsrate und ökonomisches Wachstum in den USA, Europa und Japan zwischen 1961 und 2006.

 

III. Der Kapitalismus und
seine Umgebung

Die Dynamik des Kapitalismus zur Vergrößerung verleiht ihm
notwendigerweise einen fundamental expansiven Charakter: „Der Markt muß daher
beständig ausgedehnt werden, so daß seine Zusammenhänge und die sie regelnden
Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von den Produzenten unabhängigen
Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollierbarer werden. Der innere Widerspruch
sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion. Je
mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät sie in
Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen."[22]
Als Marx all die Dynamiken und Grenzen des Kapitalismus aufzeigte, tat er dies,
indem er von den Beziehungen des Kapitalismus zur äußeren
(nicht-kapitalistischen) Sphäre abstrahierte. Wir müssen nun verstehen, worin
die Rolle und Bedeutung Letzterer in der Entwicklung des Kapitalismus liegen.
Der Kapitalismus kam zur Welt und entwickelte sich innerhalb des Rahmens feudaler,
dann merkantiler gesellschaftlicher Verhältnisse, zu denen er
unvermeidlicherweise wichtige Bande unterhielt, um an die Mittel seiner eigenen
Akkumulation zu gelangen (Import von kostbaren Metallen, Ausplünderungen,
etc.), um seine eigenen Waren abzusetzen (Direktverkauf, Atlantischer
Dreieckshandel, etc.) und als Quelle der Ware Arbeitskraft.

Auch nachdem die Fundamente des Kapitalismus nach drei
Jahrhunderten der ursprünglichen Akkumulation (1500-1825) gesichert waren, im
Grunde in der gesamten aufsteigenden Periode, bot dieses Milieu weiterhin eine
ganze Reihe von Gelegenheiten als Profitquelle, als Ventil für den Verkauf von
Waren aus der Überproduktion und als zusätzliche Quelle von Arbeitskräften. All
diese Gründe erklären die imperialistische Jagd nach Kolonien zwischen 1880 und
1914.[23]
Jedoch bedeutet die Existenz einer externen Regulierung eines Teils der
internen Widersprüche des Kapitalismus weder, dass jene für seine Entwicklung
die wirksamsten gewesen wäre, noch, dass der Kapitalismus absolut außerstande
wäre, interne Regulierungsmethoden zu schaffen. Es ist zuallererst die
Ausweitung und Herrschaft der Lohnarbeit auf seinen eigenen Fundamenten, die es
dem Kapitalismus fortschreitend ermöglichen, sein Wachstum dynamischer zu
gestalten. Und auch wenn die vielfältigen Beziehungen zwischen dem Kapitalismus
und der außerkapitalistischen Sphäre ihm eine ganze Reihe von Gelegenheiten
verschafften, so war die Größe dieses Milieus und die allgemeine Bilanz seines
Austausches mit dieser Sphäre nichtsdestotrotz eine Bremse für sein Wachstum.[24]

IV. Die historische
Überlebtheit der kapitalistischen Produktionsweise und die Grundlage ihrer
Aufhebung

Diese gewaltige Dynamik der internen und externen Expansion
des Kapitalismus ist dennoch nicht ewig. Wie jede Produktionsweise in der
Geschichte durchläuft auch der Kapitalismus eine Phase der Veraltung, in der
seine gesellschaftlichen Verhältnisse die Entwicklung seiner Produktivkräfte
bremsen.[25]

Wir müssen daher nach den historischen Grenzen der
kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der Umwandlung und Generalisierung
der gesellschaftlichen Verhältnisse der Lohnarbeitsproduktion suchen. Auf einer
bestimmten Stufe bilden die Ausweitung der Lohnarbeit und ihre durch die
Herstellung des Weltmarktes erreichte allgemeine Herrschaft den
Kulminationspunkt des Kapitalismus. Statt fortzufahren, alte gesellschaftliche
Verhältnisse auszurotten und die Produktivkräfte weiterzuentwickeln, neigt der
nun obsolete Charakter des Lohnarbeitsverhältnisses dazu, jene einzufrieren und
diese zu bremsen: Er bleibt unfähig, die ganze Menschheit in sein Verhältnis zu
integrieren (große Teile werden nicht integriert), er erzeugt Krisen, Kriege
und Katastrophen von immer größeren Ausmaßen, und dies bis zu dem Punkt, wo er
die Menschheit mit der Auslöschung bedroht.

1) Die Überlebtheit des
Kapitalismus

Die fortschreitende Verallgemeinerung der Lohnarbeit
bedeutet nicht, dass sie überall Wurzeln gefasst hat, weit entfernt davon, aber
sie bedeutet, dass ihre Vorherrschaft auf der Welt eine wachsende Instabilität
schafft, in der sämtliche Widersprüche des Kapitalismus ihren höchsten Ausdruck
finden. Der Erste Weltkrieg eröffnete dieses Zeitalter großer Krisen, deren
vorherrschender Ausdruck darin besteht, dass die Krisen weltweit und in den
Lohnarbeitsverhältnissen verankert sind: a) Der nationale Rahmen ist zu eng
geworden, um den Ansturm der Widersprüche des Kapitalismus aufzufangen; b) die
Welt bietet nicht mehr genug Gelegenheiten und Stoßdämpfer, die den
Kapitalismus mit einer äußeren Regulierung seiner inneren Widersprüche
versorgen; c) nachträglich betrachtet enthüllt das Scheitern der Regulierung,
die während des Nachkriegsbooms eingeführt wurde, die historische Unfähigkeit
des Kapitalismus, auf lange Frist seine eigenen Widersprüche in Ordnung zu
bringen, die folglich mit immer barbarischerer Gewalt ausbrechen.

In dem Sinne, dass er ein Weltkonflikt war, nicht zur
Eroberung neuer Einflusssphären, Investitionszonen und Märkte, sondern zur
Umverteilung jener, die bereits existierten, markierte der Erste Weltkrieg den
endgültigen Eintritt der kapitalistischen Produktionsweise in die Phase ihrer
Überalterung. Die beiden zunehmend zerstörerischen Weltkriege, die größte je
auftretende Überproduktionskrise (1929-1933), die starke Einschränkung des
Wachstums der Produktivkräfte zwischen 1914 und 1945, die Unfähigkeit des
Kapitalismus, einen großen Teil der Menschheit zu integrieren, die Entwicklung
des Militarismus und Staatskapitalismus über den gesamten Planeten, das
zunehmende Wachstum der unproduktiven Ausgaben und die historische Unfähigkeit
des Kapitalismus, seine eigenen Widersprüche intern zu stabilisieren - all
diese Phänomene sind materielle Ausdrücke dieser historischen Überlebtheit der
gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, die auf der Lohnarbeit fußen und
die der Menschheit nichts anderes anzubieten haben als eine Perspektive der
wachsenden Barbarei.

2)
Katastrophaler Zusammenbruch oder eine historische, materialistische und
dialektische Sichtweise der Geschichte?

Die Überlebtheit des Kapitalismus impliziert nicht, dass er
zu einem katastrophalen Zusammenbruch verdammt ist. Es gibt keine
vordefinierten, quantitativen Grenzen innerhalb der Produktionsverhältnisse des
Kapitalismus (ob es die Profitrate ist oder eine gegebene Menge an
außerkapitalistischen Märkten), die den ominösen Punkt bestimmen, jenseits
dessen die kapitalistische Produktion stirbt. Die Grenzen der
Produktionsverhältnisse sind vor allem gesellschaftlich, das Produkt ihrer
inneren Widersprüche und dem Zusammenstoss zwischen diesen nun obsoleten
Verhältnissen und den Produktivkräften. Von nun an ist es das Proletariat, das
den Kapitalismus abschaffen wird, der Kapitalismus wird nicht von selbst als
Resultat seiner ‚objektiven‘ Grenzen sterben. Während der Überalterung des
Kapitalismus wirken dieselben Tendenzen und Dynamiken, die Marx analysierte,
fort, aber sie tun dies in einem völlig veränderten allgemeinen Kontext. All
die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Widersprüche erscheinen
unvermeidlich auf einer höheren Stufe, ob in den sozialen Kämpfen, die
regelmäßig die Frage der Revolution stellen, oder in imperialistischen
Konflikten, die die eigentliche Zukunft der Menschheit bedrohen. Mit anderen
Worten: Die Welt hat das „Zeitalter der Kriege und Revolutionen" betreten, das
von der Dritten Internationale angekündigt worden war.

 

Grafik 4: Löhne und Produkitivtät in den Vereinigten Staaten.
Kommentar zu dieser Grafik: Der Anstieg der Produktivität und der Löhne stieg in gleicher Dynamik nach
dem Zweiten Weltkrieg. Nach 1980 gab es Unterschiede im Wachstum von Produktivität und dem Lohn. Seit
der Kapitalismus begann, war dieses unterschiedliche Wachstum die Regel und die Parallelität während dem
Nachkriegsboom die Ausnahme. In der Tat, diese Unterschiedlichkeit ist ein realer Ausdruck der Tendenz im
Kapitalismus, dass die Produkitivtät (obere Linie), über die Steigerung der Kaufkraft steigt (untere Linie).

 

V.
Keynesianisch-fordistischer Staatskapitalismus: das Fundament des
Nachkriegsbooms

Marxisten haben keinen Anlass, angesichts von
Erholungsphasen, die in einer Überlebtheit der Produktionsweise durchaus
stattfinden, irritiert zu sein: Wir können dies zum Beispiel bei der
Rekonstituierung des Römischen Reiches unter Karl dem Großen sehen oder bei der
Formierung der großen Monarchien während des Ancien Régime. Wenn ein Fluss
mäandriert, bedeutet dies noch nicht, dass er aufwärts und weg vom Meer fließt!
Dasselbe trifft auf den Nachkriegsboom zu: Die Bourgeoisie erwies sich als
fähig, eine kurze Phase starken Wachstums im allgemeinen Verlauf der
Überlebtheit zu kreieren.

Die Große Depression von 1929 in den Vereinigten
Staaten zeigte, wie gewaltsam die Widersprüche des Kapitalismus in einer
Wirtschaft ausbrechen, die von der Lohnarbeit bestimmt wird. Man mag daher
erwartet haben, dass ihr immer gewaltsamere und häufigere Wirtschaftskrisen
folgen werden, aber dies war nicht der Fall. Die Situation hat sich
beträchtlich weiterentwickelt, sowohl im Produktionsprozess (Fordismus) als
auch im Kräfteverhältnis zwischen den Klassen (und innerhalb derselben).
Darüber hinaus hat die Bourgeoisie gewisse Lehren gezogen. Den Jahren der Krise
und der Barbarei des Zweiten Weltkrieges folgten somit gute dreißig Jahre eines
starken Wachstums, eine Vervierfachung der Reallöhne, Vollbeschäftigung, die
Schaffung eines Soziallohns und die Fähigkeit des Systems, die zyklischen
Krisen zwar nicht zu vermeiden, aber auf sie zu reagieren. Wie war dies alles
möglich?

1) Die Fundamente des
keynesianisch-fordistischen Staatskapitalismus

Von nun an musste der Kapitalismus mangels adäquater Ventile
für seine Widersprüche eine interne Lösung für seine zweifache Beschränkung auf
der Ebene der Profite und der Märkte zu finden. Die hohe Profitrate wurde durch
die großen Steigerungen in der Arbeitsproduktivität dank des industriellen
Fordismus (Fließband kombiniert mit Schichtarbeit) ermöglicht. Und die Märkte,
auf denen diese enormen Warenmengen verkauft werden sollten, wurden durch die
Ausweitung der Produktion, durch Staatsinterventionen und vielfältige Systeme
zur Koppelung der Reallöhne an die Produktivität garantiert. Dies ermöglichte
es, die Nachfrage parallel zur Produktion zu steigern (s. Graphik Nr. 4). Durch
die Stabilisierung des Lohnanteils am Gesamtvermögen war der Kapitalismus somit
eine Zeitlang in der Lage die Überproduktion zu vermeiden, die „(...) grade daraus
hervor[geht], dass die Masse des Volks nie mehr als die average quantity of
necessaries [durchschnittliche Menge der lebenswichtigen Güter] konsumieren
kann, ihre Konsumtion also nicht entsprechend wächst mit der Produktivität der
Arbeit."[26]

Diese Analyse wurde von Paul Mattick und anderen
Revolutionären damals übernommen, um die Nachkriegsprosperität zu analysieren:
„Es ist unleugbar, dass die Löhne in der modernen Epoche gestiegen sind. Aber
nur im Rahmen der Kapitalexpansion, die voraussetzt, dass das Verhältnis der
Löhne zu den Profiten im Allgemeinen konstant bleibt. Die Arbeitsproduktivität
sollte daher mit einer Schnelligkeit wachsen, die es ermöglichen würde, sowohl
Kapital zu akkumulieren und den Lebensstandard der Arbeiter anzuheben."[27]
Dies ist der wirtschaftliche Hauptmechanismus des keynesianisch-fordistischen
Staatskapitalismus. Er wird von der parallelen Entwicklung der Löhne und der
Arbeitsproduktivität während dieser Periode empirisch bestätigt.

Den spontanen Dynamiken des Kapitalismus entsprechend
(Konkurrenz, Lohndruck, etc.), kann ein solches System nur in der Zwangsjacke
eines Staatskapitalismus lebensfähig sein, der vertraglich eine Dreiteilung der
Resultate der gestiegenen Produktivität zwischen den Profiten, Löhnen und
Staatseinkünften garantiert. Eine Gesellschaft, die vom Lohnarbeitsverhältnis
beherrscht wird, zwingt der gesamten Politik de facto eine gesellschaftliche
Dimension auf, die von der herrschenden Klasse angenommen wurde. Dies setzt die
Errichtung von vielfältigen sozialen und wirtschaftlichen Kontrollen, von
gesellschaftlichen Stoßdämpfern, etc. voraus. Zweck dieser beispiellosen
Aufblähung des Staatskapitalismus war es, die explosiven gesellschaftlichen
Widersprüche des Systems innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Ordnung
aufzufangen: Vorherrschaft der Exekutive über die Legislative, bedeutsame
Steigerung der Staatsinterventionen in der Wirtschaft (fast die Hälfte des BSP
in den OECD-Ländern), gesellschaftliche Kontrolle der Arbeiterklasse, etc.

2) Ursprünge, Widersprüche
und Grenzen des keynesianisch-fordistischen Staatskapitalismus

Nach der deutschen Niederlage in Stalingrad (Januar 1943)
begannen die politischen, gewerkschaftlichen und Arbeitgeberrepräsentanten im
Londoner Exil intensive Diskussionen über die Reorganisation der Gesellschaft
nach dem nun unvermeidbaren Zusammenbruch der Achsenmächte. Die Erinnerung an
die Jahre der Depression und die Furcht vor sozialen Bewegungen am Ende des
Krieges, die aus der Krise von 1929 gezogenen Lehren, die immer breitere Akzeptanz
der Notwendigkeit von Staatsinterventionen und die durch den Kalten Krieg
geschaffene Bipolarität sollten die Elemente sein, die die Bourgeoisie dazu
veranlassten, die Spielregeln zu modifizieren und mehr oder weniger bewusst
diesen keynesianisch-fordistischen Staatskapitalismus auszuarbeiten, der sich
als praktikabel erwies und nach und nach in allen entwickelten Ländern (OECD)
eingepflanzt wurde. Die Verteilung der Produktivitätssteigerungen wurde von
allen um so leichter akzeptiert, als: a) sie stark anstiegen, b) diese
Neuverteilung die Steigerung der zahlungsfähigen Nachfrage parallel zur
Produktion garantierte, c) sie den sozialen Frieden bot, d) der soziale Frieden
umso leichter erhalten werden konnte, als das Proletariat in Wahrheit besiegt
aus dem Zweiten Weltkrieg heraustrat, unter der Kontrolle von Parteien und
Gewerkschaften zugunsten des Wiederaufbaus innerhalb dieses Systems, e) sie
aber gleichzeitig die langfristige Rentabilität der Investitionen garantierten,
f) wie auch eine hohe Profitrate.

Das System war also zeitweise imstande, die Quadratur des
Kreises, die parallele Steigerung der Profitproduktion und der Märkte, zu
bewerkstelligen, in einer Welt, in der die Nachfrage fortan größtenteils von
jener bestimmt wurde, die aus der Lohnarbeit herrührt. Die garantierte
Steigerung der Profite, der Staatsausgaben und der Anstieg der Löhne waren in
der Lage, die Endnachfrage zu gewährleisten, die so entscheidend ist, wenn das
Kapital seine Akkumulation fortsetzen will. Der keynesianisch-fordistische
Staatskapitalismus ist die Antwort, die das System zeitweise auf die Krisen der
Senilitätsphase des Kapitalismus geben konnte, die wesentlich weltweite, durch
das Lohnarbeitsverhältnis bestimmte Krisen sind. Er ermöglichte momentan ein
auf sich selbst beruhendes Funktionieren des Kapitalismus, ohne die
Notwendigkeit, Zuflucht in Produktionsverlagerungen zu suchen, trotz hohen
Löhnen und Vollbeschäftigung, während er es ihm gleichzeitig ermöglichte, seine
Kolonien loszuwerden, die künftig nur einen geringen Nutzen hatten, und die
innere außerkapitalistische Bauernwirtschaft zu eliminieren, deren Aktivitäten
fortan subventioniert werden mussten.

Vom Ende der 1960er Jahre bis 1982 verschlechterten sich
sämtliche Bedingungen, die den Erfolg dieser Maßnahmen ermöglicht hatten,
beginnend mit einer fortschreitenden Verlangsamung im Produktivitätsanstieg,
der überall um ein Drittel gekürzt wurde, und zogen alle anderen ökonomischen
Variablen mit sich hinunter. Die innere Regulierung, die zeitweilig vom keynesianisch-fordistischen
Staatskapitalismus entdeckt worden war, hatte also kein dauerhaftes Fundament.

Jedoch waren die Gründe, die die Schaffung dieses Systems
erfordert hatten, immer noch da: Die Lohnarbeit ist in der arbeitenden
Bevölkerung vorherrschend, und daher war der Kapitalismus gezwungen, ein Mittel
zur Stabilisierung der Endnachfrage zu finden, um ihren Zerfall zu vermeiden,
der andernfalls zu einer Depression führen würde. Da Betriebsinvestitionen
durch die Nachfrage bedingt sind, war es notwendig, andere Mittel zur
Aufrechterhaltung des Konsums zu finden. Die Antwort wurde unvermeidlicherweise
in den Zwillingsfaktoren der abnehmenden Ersparnisse und der steigenden
Schulden gefunden. Dies schuf den Anreiz zur Spekulation und zur Produktion von
Finanzblasen. Die konstante Erschwerung der Ausbalancierung des Systems ist
somit nicht das Resultat von Irrtümern bei der Ausübung der Wirtschaftspolitik;
sie ist ein integraler Bestandteil des Modells.

3) Schlussfolgerung: und
morgen?

Dieser Abstieg in die Hölle ist in der gegenwärtigen
Situation umso unvermeidlicher, als die Bedingungen für eine Wiedererholung der
Produktivitätssteigerungen und eine Rückkehr zu ihrer dreiseitigen Verteilung
gesellschaftlich nicht mehr vorhanden sind. Es gibt nichts Greifbares in den
wirtschaftlichen Bedingungen, im gegenwärtigen Kräfteverhältnis zwischen den
Klassen und in der imperialistischen Konkurrenz auf der internationalen Ebene,
das irgendeinen Ausweg offen lässt: Alle Bedingungen sind gegeben für einen
unerbittlichen Abstieg in die Hölle. Es liegt an den Revolutionären, zum
Bewusstsein der Klassenkämpfe beizutragen, die unvermeidlich aus den sich
vertiefenden Widersprüchen des Kapitalismus entstehen werden.

C.
Mcl

 


[1] Gauche Communiste de France (Französische Kommunistische
Linke)

 

[2]Internationalisme, Nr. 46, 1952.

 

[3] „Sie ist ferner beschränkt durch den
Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach
Produktion von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist das Gesetz für
die kapitalistische Produktion, gegeben durch die beständigen Revolutionen in
den Produktionsmethoden selbst, die damit beständig verknüpfte Entwertung von
vorhandnem Kapital, den allgemeinen Konkurrenzkampf und die Notwendigkeit, die
Produktion zu verbessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als
Erhaltungsmittel und bei Strafe des Untergangs." (Marx, Das Kapital, Bd. 3, III. Abschnitt, S. 254, MEW)

 

[4] Marx, Das Kapital, Bd. 3, V. Abschnitt, S. 499, MEW.

 

[5] „In demselben Maße also, worin sich mit der
Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise der Wertumfang und die
Lebensdauer des angewandten fixen Kapitals entwickelt, entwickelte sich das
Leben der Industrie und des industriellen Kapitals in jeder besondren Anlage zu
einem vieljährigen, sage im Durchschnitt zehnjährigen Zyklus (...) Durch diesen
eine Reihe von Jahren umfassenden Zyklus von zusammenhängenden Umschlägen, in
welchen das Kapital durch seinen fixen Bestandteil gebannt ist, ergibt sich
eine materielle Grundlage der periodischen Krisen..." (Marx, Das Kapital, Bd. 2, II. Abschnitt, S. 185, MEW)

 

[6] Marx, das Kapital, Bd. 3, III. Abschnitt, S. 259 und 265, MEW.

 

[7] „Wenn wir einen aufwärts sich entwickelnden
Kapitalismus betrachten, so finden wir dieselben Schwankungen, nur geht die
Kurve nach oben. Wenn wir eine verfallende kapitalistische Gesellschaft
beobachten, so geht die Kurve nach unten, die Entwicklung bewegt sich aber
immer in diesen Schwankungen.

Aus der Tabelle der Januarnummer der
„Times" ersehen wir die Epoche von 138 Jahren, von der Zeit der Kriege für die
Unabhängigkeit Nordamerikas bis zum heutigen Tage. Im Laufe dieser Zeit hatten
wir, wenn ich nicht irre, 16 Zyklen, das heißt 16 Krisen und 16
Hochkonjunkturen. Auf jeden Zyklus entfallen ungefähr 8 ½ Jahre, fast 9 Jahre."
(Trotzki, Die wirtschaftliche Krise und die neuen Aufgaben der Kommunistischen
Internationale, Protokolle
der Komintern-Kongresse
, 23. Juni
1921)

[8] „...Das erstrangige Ziel des Kapitalisten ist ein
neuer Produktionszyklus, der ihm neuen Mehrwert einbringt (...) Die mit beinahe
mathematischer Regelmäßigkeit wiederkehrenden Krisen bilden einer der
spezifischen Züge der kapitalistischen Produktionsweise." (Mitchell, Bilan, Nr. 10, „Krisen und Zyklen in der Wirtschaft des
niedergehenden Kapitalismus")

 

[9] In Graphik Nr. 1 sind die neun Rezessionen, die die
zehn Zyklen interpunktieren, durch die von oben nach unten durchlaufenden
Liniengruppen dargestellt: 1949, 1954, 1958, 1960, 1970-71, 1974, 1980-81,
1991, 2001.

 

[10] „Sobald das auspreßbare Quantum Mehrarbeit in Waren
vergegenständlicht ist, ist der Mehrwert produziert. Aber mit dieser Produktion
des Mehrwerts ist nur der erste Akt des kapitalistischen Produktionsprozesses,
der unmittelbare Produktionsprozeß beendet. Das Kapital hat soundsoviel
unbezahlte Arbeit eingesaugt. Mit dieser Entwicklung des Prozesses, der sich im
Fall der Profitrate ausdrückt, schwillt die Masse des so produzierten Mehrwerts
ins Ungeheure. Nun kommt der zweite Akt des Prozesses. Die gesamte Warenmasse,
das Gesamtprodukt, sowohl der Teil, der das konstante und variable Kapital
ersetzt, wieder den Mehrwert darstellt, muß verkauft werden. Geschieht das
nicht oder nur zum Teil oder nur zu Preisen, die unter den Produktionspreisen
stehn, so ist der Arbeiter zwar exploitiert, aber seine Exploitation realisiert
sich nicht als solche für den Kapitalisten, kann mit gar keiner oder nur
teilweiser Realisation des abgepreßten Mehrwerts, ja mit teilweisem oder ganzem
Verlust seines Kapital verbunden sein." (Marx, Das Kapital, Bd. 3, III. Abschnitt, S. 254, MEW)

 

[11]
Marx, Theorien über den Mehrwert,
MEW, Bd. 26.2, XVII. Kapitel, S. 535)

 

[12]
Marx, Das Kapital,
Bd. 3, V. Abschnitt. S. 501 MEW. Diese Analyse von Marx hat selbstverständlich
nichts mit der Theorie der Unterkonsumtion als Krisenursache zu tun - eine
Theorie, die er tatsächlich kritisierte: „Es ist reine Tautologie zu sagen, daß
die Krisen aus Mangel an zahlungsfähiger Konsumtion oder an zahlungsfähigen
Konsumenten hervorgehn. Andere Konsumarten als zahlende kennt das
kapitalistische System nicht, ausgenommen die sub forma pauperis oder die des
‚Spitzbuben‘. Daß Waren unverkäuflich sind, heißt nichts, als daß sich keine
zahlungsfähigen Käufer für sie fanden, also Konsumenten (sei es nun, daß die
Waren in letzter Instanz zum Behuf produktiver oder individueller Konsumtion
gekauft werden). Will man aber dieser Tautologie einen Schein tiefrer
Begründung dadurch geben, daß man sagt, die Arbeiterklasse erhalte einen zu
geringen Teil ihres eignen Produkts, und dem Übelstand werde mithin abgeholfen,
sobald sie größern Anteil davon empfängt, ihr Arbeitslohn folglich wächst, so
ist nur zu vermerken, daß die Krisen jedesmal vorbereitet werden durch eine
Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt und die Arbeiterklasse realiter
größern Anteil an dem für Konsumtion bestimmten Teil des jährlichen Produkts
erhält." (Marx, Das Kapital,
Bd. 2, III. Abschnitt, MEW, S. 409)

 

[13]  Marx, Das Kapital, Bd. 3, III. Abschnitt, S. 268, MEW.

 

[14]  Jeder dieser drei Faktoren wird von Marx in der
folgenden Passage identifiziert: „Die Bedingungen der unmittelbaren
Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht
nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur
beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die andren durch die
Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die
Konsumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztre aber ist bestimmt weder durch
die absolute Produktionskraft noch durch die absolute Konsumtionskraft; sondern
durch Konsumtionskraft auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse,
welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb
mehr oder minder enge Grenzen veränderliches Minimum reduziert. Sie ist ferner
beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des
Kapitals und nach Produktion von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter." (Marx,
Das
Kapital
, Bd. 3, III.
Abschnitt, S. 254, MEW)

 

[15]  Marx, Theorien über den Mehrwert, von uns rückübersetzt aus dem Französischen.

 

[16]  „Da die Märkte und die Produktion unabhängige
Faktoren sind, muss die Ausweitung des einen nicht unbedingt dem Wachstum des
anderen entsprechen" (unsere Übersetzung aus der französischen Version der
Grundrisse von Marx, La
Pléiade, Economie II, S. 489). Oder noch einmal: „Die
Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht
identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich
auseinander." (Marx, Kapital, Bd. 3)

 

[17]
Es ist umso wichtiger, die Idee abzulehnen, dass die Überproduktionskrisen eine
einzige Ursache haben, als ihre Ursachen sowohl für Marx als auch in der
Realität weitaus komplexer sind: die Anarchie der Produktion, die
Disproportionalität zwischen den beiden Hauptsektoren der Wirtschaft, der
Gegensatz zwischen „geliehenem Kapital" und „Produktivkapital", die Trennung
zwischen Kauf und Verkauf nach Schatzbildung etc. Dennoch sind die beiden
Hauptursachen, die von Marx am vollständigsten analysiert worden sind, und auch
die wichtigsten in der Realität die beiden, auf die wir hier stets bestanden
haben: der Fall der Profitrate und die Gesetze, die die Verteilung des
Mehrwerts bestimmen.

 

[18]
Wie zum Beispiel die lange Periode der steigenden Reallöhne in der zweiten
Hälfte des Aufstiegs des Kapitalismus (1870-1914), während des Nachkriegsbooms
(1945-82) oder ihr relativer und gar absoluter Fall seitdem (1982-2008).

 

[19]
Es ist selbstverständlich, dass eine Rentabilitätskrise unweigerlich zu einem
endemischen Zustand der Überproduktion sowohl des Kapitals als auch der Waren
führt. Jedoch tauchten diese Phänomene der Überproduktion nach der
Rentabilitätskrise auf und wurden dann Gegenstand einer Auffangpolitik sowohl
des Staates (Produktionsquoten, Umstrukturierungen, etc.) als auch von Privaten
(Fusionen, Rationalisierung, Übernahmen, etc.).

 

[20]
In den 1970er Jahren litt die Arbeiterklasse in der Krise im Wesentlichen unter
einem Verfall der Arbeitsbedingungen, Umstrukturierungen und Entlassungen und
seither unter einem spektakulären Anstieg der Arbeitslosigkeit. Jedoch führte,
anders als in der Krise von 1929, diese Arbeitslosigkeit nicht zu einer Spirale
der Rezession dank dem Einsatz von keynesianischen sozialen Stoßdämpfern:
Arbeitslosenunterstützung, Auffangmaßnahmen, planmäßige Entlassungen, etc.

 

[21]
Für Marx ist die Arbeitsproduktivität der wahre Schlüssel der Entfaltung des
Kapitalismus, da sie nichts anderes ist als das umgekehrte Verhältnis des
Wertgesetzes, mit anderen Worten: der gesellschaftlich notwendigen
durchschnittlichen Arbeitszeit für die Warenproduktion. Unser Artikel über die
Krise in der Internationalen Revue, Nr. 33 enthält eine Graphik, die die
Arbeitsproduktivität für die G6-Staaten (USA, Japan, Deutschland,
Großbritannien, Frankreich, Italien) von 1961 bis 2003 zeigt. Sie zeigt
deutlich, dass der Fall der Arbeitsproduktivität allen anderen Variablen
vorausgeht und dass sie seither auf einem tiefen Niveau geblieben ist.

 

[22] Marx,
Das Kapital, Bd. 3, III.
Abschnitt, S. 255, MEW.

 

[23] Jedes Akkumulationsregime, das die historische
Entwicklung des Kapitalismus ausgezeichnet hat, hat spezifische Beziehungen mit
seiner äußeren Sphäre erzeugt: vom Merkantilismus der Länder der Iberischen
Halbinsel über den Kolonialismus des viktorianischen Britannien zum
selbst-zentrierten Kapitalismus des Nachkriegsbooms - es gibt keine Uniformität
in den Beziehungen zwischen dem Herzen des Kapitalismus und der Peripherie, wie
Rosa Luxemburg annahm, sondern eine gemischte Abfolge von Beziehungen, die alle
von diesen unterschiedlichen inneren Bedürfnissen der Kapitalakkumulation
angetrieben werden.

 

[24] Im 19. Jahrhundert, als die Kolonialmärkte am
wichtigsten waren, wuchsen ALLE NICHT-kolonialen Länder schneller als die
Kolonialländer (71% schneller im Durchschnitt). Diese Beobachtung ist in der
gesamten Geschichte des Kapitalismus zutreffend. Verkäufe außerhalb des reinen
Kapitalismus ermöglichten es sicherlich individuellen Kapitalisten, ihre Waren
zu realisieren, doch behinderten sie eine globale Akkumulation des
Kapitalismus, da sie, wie die Waffen, materiellen Mitteln entsprechen, die den
Kreislauf der Akkumulation verlassen.

 

[25] „...das Kapitalverhältnis wird zu einer Schranke für die
Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit. Wenn dieser Punkt erreicht ist,
tritt das Kapital, d.h. die Lohnarbeit, in dasselbe Verhältnis gegenüber der
Entwicklung gesellschaftlichen Reichtums und der Produktivkräfte wie das
Zunftsystem, Leibeigenschaft, Sklaverei, und es wird als Fessel abgestreift"
(Marx, Grundrisse, Das Kapitel vom Kapital, Heft VII, eigene Rückübersetzung
aus dem Englischen)

 

[26]  Marx, Theorien über den Mehrwert, Sechzehntes Kapitel, S. 469, MEW Bd. 26.2

 

[27]  Paul Mattick, Intégration capitaliste et rupture ouvrière, EDI, S. 151, unsere Übersetzung.

 

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