Die Dekadenztheorie im Zentrum des historischen Materialismus (Teil 4)

Von Marx zur Kommunistischen Linken (Teil II)

Im ersten Artikel dieser Serie, den wir in der Internationalen Revue Nr. 32 veröffentlicht hatten, sahen wir, dass die Dekadenztheorie im eigentlichen Zentrum des historischen Materialismus, in Marxens und Engels‘ Analyse der Evolution der Produktionsweisen steht. Des Weiteren finden wir denselben Begriff im Mittelpunkt programmatischer Texte von Arbeiterorganisationen. Darüber hinaus beließen es diese Organisationen nicht dabei, diesen Grundstein des Marxismus einfach nur zu übernehmen, sondern entwickelten diese Analyse und/oder ihre politischen Implikationen weiter. Wir beabsichtigen hier, kurz die politischen Ausdrücke der Arbeiterbewegung Revue passieren zu lassen. In diesem Teil werden wir mit der Bewegung zu Lebzeiten von Marx, mit der Zweiten Internationale, der marxistischen Linken, die ihr entstammte, und mit der Kommunistischen Internationale zurzeit ihrer Gründung beginnen. Im nächsten Teil, der in einer späteren Ausgabe erscheinen wird, werden wir detaillierter den analytischen Rahmen für die politischen Positionen untersuchen, die von der Dritten Internationale und schließlich von den linken Fraktionen entwickelt wurden, die zu Beginn ihrer Degeneration auftauchten und von denen wir unsere politischen und organisatorischen Ursprünge beziehen.

Die Arbeiterbewegung zurzeit von Marx

Marx und Engels drückten stets sehr deutlich die Ansicht aus, dass die Perspektive einer kommunistischen Revolution von der materiellen, historischen und globalen Entwicklung des Kapitalismus abhängt. Die Auffassung, dass eine Produktionsweise nicht ihr Leben aushaucht, bevor die Produktionsverhältnisse, auf denen sie beruht, zu einem Hindernis für die Weiterentwicklung der Produktivkräfte geworden sind, war die Grundlage der gesamten politischen Aktivitäten von Marx und Engels sowie für die Erarbeitung eines jeden politischen Programms des Proletariats. Obgleich es zwei Momente gab, in denen Marx und Engels vermeinten, den Beginn der Dekadenz des Kapitalismus festgestellt zu haben[i], korrigierten sie diese Einschätzung schnell und erkannten, dass der Kapitalismus immer noch ein progressives System war. Ihre Ansicht – bereits im Kommunistischen Manifest umrissen und seitdem in all ihren Werken vertieft -, dass, wenn das Proletariat in dieser Periode an die Macht käme, es seine hauptsächliche Aufgabe sein müsste, den Kapitalismus auf fortschrittlichste Art und Weise weiterzuentwickeln, statt ihn einfach zu zerstören, war ein Ausdruck dieser Analyse. Daher basierte die Praxis der Marxisten in der Zweiten Internationale völlig zu Recht auf der Erkenntnis, dass, solange der Kapitalismus eine fortschrittliche Rolle spielte, es notwendig war für die Arbeiterbewegung, bürgerliche Bewegungen zu unterstützen, die dabei helfen sollten, den historischen Boden für den Sozialismus zu bereiten. Wie das Kommunistische Manifest es nennt: „Wir sahen oben schon, dass der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie ist. Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.“ Die Kommunisten „kämpfen für die Erreichung der unmittelbar vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung. In Frankreich schließen sich die Kommunisten an die sozialistisch-demokratische Partei an gegen die konservative und radikale Bourgeoisie, ohne darum das Recht aufzugeben, sich kritisch zu den aus der revolutionären Überlieferung herrührenden Phrasen und Illusionen zu verhalten. In der Schweiz unterstützen sie die Radikalen, ohne zu verkennen, dass diese Partei aus widerstrebenden Elementen besteht, teils aus demokratischen Sozialisten im französischen Sinn, teils aus radikalen Bourgeois. Unter den Polen unterstützen die Kommunisten die Partei, welche eine agrarische Revolution zur Bedingung der nationalen Befreiung macht, dieselbe Partei, welche die Krakauer Insurrektion von 1846 ins Leben rief. In Deutschland kämpft die Kommunistische Partei, sobald die Bourgeoisie revolutionär auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die Kleinbürgerei.“[ii]

Parallel dazu war es für die Arbeiter notwendig, den Kampf um Reformen fortzusetzen, solange der Kapitalismus sie ermöglichte, und in diesem Kampf sollten die Kommunisten „für die Erreichung der unmittelbar vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse“ (Manifest) kämpfen. Diese materialistischen Positionen wurden auch gegen die ahistorischen Rufe der Anarchisten nach sofortiger Abschaffung des Kapitalismus und gegen ihre totale Opposition gegenüber jedweder Reform vertreten.[iii]

Die Zweite Internationale:Erbe von Marx und Engels

Die Zweite Internationale machte sich diese Anpassung der Arbeiterpolitik an die historische Periode noch ausdrücklicher zu Eigen, indem sie zusammen mit einem Minimalprogramm (Anerkennung der Gewerkschaften, Arbeitszeitverkürzung, etc.) auch ein Maximalprogramm, den Sozialismus, verabschiedete, das in Kraft treten sollte, sobald die unvermeidliche historische Krise des Kapitalismus in Erscheinung trat. Dies wird deutlich im Erfurter Programm, das den Sieg des Marxismus innerhalb der Sozialdemokratie konkretisierte: „So verwandelt das Privateigenthum an den Produktionsmitteln (…) für die ganze Gesellschaft sein ursprüngliches Wesen in sein Gegentheil. Aus einer Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung wird es zu einer Ursache der gesellschaftlichen Versumpfung, des gesellschaftlichen Bankerotts. (…) Sein Untergang ist gewiss. Es fragt sich nur: Soll es die Gesellschaft mit sich in den Abgrund reißen oder soll diese sich der verderblichen Bürde entledigen, um frei und neugestärkt den Weg weiter wandeln zu können, den die Gesetze der Entwicklung ihr vorschreiben? (…) Die Produktivkräfte, die sich im Schooße der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt haben, sind unvereinbar geworden mit der Eigenthumsordnung, auf der dieselbe beruht. Diese Eigenthumsordnung aufrecht erhalten wollen, heißt jeden weiteren gesellschaftlichen Fortschritt unmöglich machen, heißt die Gesellschaft zum Stillstand, zur Verwesung verurtheilen (…) Der Untergang dieses Privateigenthums ist nur noch eine Frage der Zeit. Er kommt sicher, wenn auch Niemand mit Bestimmtheit sagen kann, wann und in welcher Weise er eintreten wird. (…) Ein Beharren in der kapitalistischen Zivilisation ist unmöglich; es heißt entweder vorwärts zum Sozialismus oder rückwärts in die Barbarei. (…) die Geschichte der Menschheit (wird) nicht durch die Ideen der Menschen, sondern durch die ökonomische Entwicklung bestimmt (…), welche unwiderstehlich fortschreitet, nach bestimmten Gesetzen, nicht nach den Wünschen und Launen der Menschen“ (aus: Das Erfurter Programm, In seinem grundsätzlichen Teil erläutert von Karl Kautsky, Stuttgart 1892, korrigiert und unterstützt von Engels.[iv]

 Doch für die Mehrheit der offiziellen Führung der Zweiten Internationale wurde das Minimalprogramm immer mehr zum einzig gültigen Programm der Sozialdemokratie: „Das Endziel ist nichts, die Bewegung ist alles“, wie Bernstein es formulierte. Der Sozialismus und die proletarische Revolution wurden auf Plattitüden und Moralpredigten anlässlich von 1.-Mai-Kundgebungen reduziert, während die Energie der offiziellen Bewegung immer mehr darauf gerichtet wurde, der Sozialdemokratie einen Platz innerhalb des kapitalistischen Systems zu verschaffen, zu welchem Preis auch immer. So war es unvermeidlich, dass der opportunistische Flügel der Sozialdemokratie die eigentliche Idee von der Notwendigkeit der Zerstörung des Kapitalismus abzulehnen und die Idee von einer langsamen, allmählichen Umwandlung des Kapitalismus in den Sozialismus zu vertreten begann.

Die marxistische Linke in der Zweiten Internationalen

In Reaktion auf die Ausbreitung des Opportunismus in der Zweiten Internationale tauchten in einer Reihe von Ländern linke Fraktionen auf. Sie sollten die Basis für die Bildung kommunistischer Parteien sein, die als Folge auf den Verrat am proletarischen Internationalismus durch die Sozialdemokratie bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ins Leben traten. Diese Fraktionen nahmen unüberhörbar und entschlossen die Fackel des Marxismus und das Erbe der Zweiten Internationale auf; wobei sie gezwungen waren, dieses Vermächtnis im Angesicht neuer Herausforderungen weiterzuentwickeln, die durch die Eröffnung einer neuen Epoche des Kapitalismus, der Dekadenzperiode, entstanden waren.

Diese Strömungen erschienen zu einem Zeitpunkt, als der Kapitalismus durch die letzte Phase seines Aufstiegs ging, als die imperialistische Expansion es ermöglichte, sich eine Ahnung von den kommenden Konfrontationen zwischen den Großmächten auf Weltebene zu verschaffen, und als die Arbeiterklasse immer öfter ihr Haupt erhob (die Entwicklung von politischen Generalstreiks und vor allem der Massenstreiks in etlichen Ländern). Gegen den Opportunismus von Bernstein und Co. verteidigte der linke Flügel der Sozialdemokratie – die Bolschewiki, die holländischen Tribunisten, Rosa Luxemburg und andere Revolutionäre – all die Implikationen des Marxismus: das Verständnis der Dynamik am Ende der aufsteigenden Phase des Kapitalismus und des unvermeidlichen Bankrotts des Systems[v], die Gründe der opportunistischen Abweichungen[vi] und die Bekräftigung der Notwendigkeit einer gewaltsamen und endgültigen Zerstörung des Kapitalismus.[vii] Unglücklicherweise wurde all diese theoretische Arbeit der linken Fraktionen nicht auf internationaler Ebene ausgeführt. All diese Fraktionen arbeiteten isoliert voneinander und mit einem unterschiedlich ausgeprägten Verständnis der gewaltigen gesellschaftlichen Konvulsionen im ersten Teil des 20. Jahrhunderts, verkörpert durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der aufständischen Bewegungen auf internationaler Ebene. Wir maßen uns hier nicht an, all die Beiträge der linken Fraktionen zu diesen Fragen darzustellen oder zu analysieren; wir wollen uns vielmehr auf einige wenige Schlüsselpositionen der beiden Organisationen beschränken, die das Rückgrat der neuen Internationale bildeten – die Bolschewiki und die deutsche Kommunistische Partei mit ihren hervorragendsten Repräsentanten, Lenin und Rosa Luxemburg.

Auch wenn Lenin nicht die Begriffe „Aufstieg“ und „Dekadenz“ benutzte (jedoch Ausdrücke wie „die Epoche des fortschrittlichen Kapitalismus“, „einst ein Faktor des Fortschritts“, „die Epoche der fortschrittlichen Bourgeoisie“, um die Aufstiegsperiode des Kapitalismus zu charakterisieren, und: „die Epoche der reaktionären Bourgeoisie“, „der Kapitalismus ist reaktionär geworden“, „sterbender Kapitalismus“, „die Epoche eines Kapitalismus, der seinen Zenit überschritten hat“, um die Dekadenzperiode des Kapitalismus zu charakterisieren), machte er ausgiebig Gebrauch von diesem Konzept und seinen wesentlichen Auswirkungen, besonders in seiner Analyse des Charakters des Ersten Weltkriegs. So war Lenin im Gegensatz zu den Sozialchauvinisten, die, indem sie sich die Analysen von Marx in der aufsteigenden Epoche des Kapitalismus zunutze machten, damit fortfuhren, zur Unterstützung bestimmter bürgerlicher Fraktionen und ihrer nationalen Befreiungskämpfe aufzurufen, in der Lage, im Ersten Weltkrieg den Ausdruck eines Systems zu sehen, das seine historische Funktion erschöpft hat, und die Notwendigkeit zu erklären, es durch eine weltweite Revolution zu überwinden. Daher seine Charakterisierung des imperialistischen Krieges als total reaktionär und seine Betonung der Notwendigkeit, ihm den proletarischen Internationalismus und die Revolution entgegenzusetzen:

„Aus einem Befreier der Nationen, der er in der Zeit des Ringens mit dem Feudalismus war, ist der Kapitalismus in der imperialistischen Epoche zum grössten Unterdrücker der Nationen geworden. Früher fortschrittlich, ist der Kapitalismus jetzt reaktionär geworden, er hat die Produktivkräfte so weit entwickelt, dass der Menschheit entweder den Übergang zum Sozialismus oder aber ein jahre-, ja sogar jahrzehntelanger bewaffneter Kampf der „Groß“mächte um die künstliche Aufrechterhaltung des Kapitalismus mittels der Kolonien, Monopole, Privilegien und jeder Art von nationaler Unterdrückung bevorsteht.“ (W. I. Lenin: „Sozialismus und Krieg“, in: LW Bd. 21 S. 302)

„Die Epoche des kapitalistischen Imperialismus ist die des reifen und überreifen Kapitalismus, der vor dem Zusammenbruch steht, der reif ist, dem Sozialismus Platz zu machen. Die Epoche 1789 bis 1871 war die des fortschrittlichen Kapitalismus, als auf der Tagesordnung der Geschichte die Niederringung des Feudalismus, des Absolutismus, die Abschüttelung des fremden Joches stand.“ (W. I. Lenin: „Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationalen“, in: LW Bd. 22 S. 108)

„Es sind eben der Parasitismus und die Fäulnis des Kapitalismus, die seinem höchsten geschichtlichen Stadium, d.h. dem Imperialismus, eigen sind (...) Der Imperialismus ist der Vorabend der sozialen Revolution des Proletariats. Das hat sich seit 1917 im Weltmaßstab bestätigt“ (W. I. Lenin, „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, in: LW Bd. 22 S. 191)

Die Haltung zu Krieg und Revolution war stets eine klare Trennungslinie innerhalb der Arbeiterbewegung gewesen. Lenins Fähigkeit, die historische Dynamik des Kapitalismus wahrzunehmen, das Ende der „Epoche des fortschrittlichen Kapitalismus“ zu erkennen, zu sehen, dass der „Kapitalismus reaktionär geworden ist“, versetzte ihn nicht nur in die Lage, den Ersten Weltkrieg klar zu charakterisieren, sondern auch das Wesen und die Bedeutung der Revolution in Russland zu erfassen. Als in diesem Land die revolutionäre Situation heranreifte, erlaubte es die Wahrnehmung der durch die neue Periode aufgezwungenen Aufgaben den Bolschewiki, gegen die mechanistischen und nationalistischen Auffassungen der Menschewiki anzukämpfen. Als Letztere versuchten, die Bedeutung der revolutionären Welle unter dem Vorwand herunterzuspielen, dass Russland viel zu unterentwickelt für den Sozialismus sei, beharrten die Bolschewiki darauf, dass der weltweite Charakter des imperialistischen Krieges enthüllt hatte, dass der Weltkapitalismus einen Punkt der Reife erreicht hat, wo die sozialistische Revolution zu einer Notwendigkeit geworden ist. Somit kämpften sie für die Machtergreifung durch die Arbeiterklasse in Russland, die sie als den Auftakt zur proletarischen Weltrevolution betrachteten.

Zu den ersten und klarsten Ausdrücken dieser Verteidigung des Marxismus gehörte die Broschüre Sozialreform oder Revolution, die 1899 von Rosa Luxemburg verfasst wurde. Auch wenn sie anerkannte, dass der Kapitalismus noch immer durch „die plötzliche Erweiterung des Gebiets der kapitalistischen Wirtschaft“ (d.h. den Imperialismus) expandierte, bestand Luxemburg darauf, dass der Kapitalismus sich unabwendbar auf seine „Senilitätskrise“ hinzubewegt, die die revolutionäre Machtergreifung durch das Proletariat notwendig macht. Darüber hinaus erkannte Luxemburg mit großem politischen Scharfsinn die neuen Erfordernisse, die sich durch den Wandel in der historischen Periode den Kämpfen und den politischen Positionen des Proletariats stellten, insbesondere bezüglich der Gewerkschaftsfrage, der parlamentarischen Taktik, der nationalen Frage und der neuen Methoden des Kampfes, die durch den Massenstreik in den Mittelpunkt rückten.[viii]

Über die Gewerkschaften: „Hat die Entwicklung der Industrie ihren Höhepunkt erreicht und beginnt für das Kapital auf dem Weltmarkt der ‚absteigende Ast‘, dann wird der gewerkschaftliche Kampf doppelt schwierig (...) Der bezeichnete Gang der Dinge ist es, dessen andere Seite und Korrelat der Aufschwung des politischen und sozialen Klassenkampfes sein muss.“ (Sozialreform oder Revolution?, „Einführung des Sozialismus durch soziale Reformen“)

Über den Parlamentarismus: „Entweder Nationalversammlung oder die ganze Macht den Arbeiter- und Soldatenräten, entweder Verzicht auf den Sozialismus oder schärfster Klassenkampf im vollen Rüstzeug des Proletariats gegen die Bourgeoisie: Das ist das Dilemma. Ein idyllischer Plan dies: auf parlamentarischem Wege, durch einfachen Mehrheitsbeschluss den Sozialismus zu verwirklichen! (...) Auch der Parlamentarismus war eine Arena des Klassenkampfes für das Proletariat, solange der ruhige Alltag der bürgerlichen Gesellschaft dauerte: Er war die Tribüne, von der aus die Massen um die Fahne des Sozialismus gesammelt, für den Kampf geschult werden konnten. Heute stehen wir mitten in der proletarischen Revolution, und es gilt heute, an den Baum der kapitalistischen Ausbeutung selbst die Axt zu legen. Der bürgerliche Parlamentarismus hat, wie die bürgerliche Klassenherrschaft, deren vornehmstes politisches Ziel er ist, sein Daseinsrecht verwirkt. Jetzt tritt der Klassenkampf in seiner unverhüllten, nackten Gestalt in die Schranken. Kapital und Arbeit haben sich nichts mehr zu sagen, sie haben einander nur mit eiserner Umarmung zu packen und im Endkampf zu entscheiden, wer zu Boden geworfen wird.“ (Nationalversammlung oder Räteregierung?)

Über die nationale Frage: „5. Der Weltkrieg dient weder der nationalen Verteidigung noch wirtschaftlichen oder politischen Interessen irgendwelcher Volksmassen, er ist lediglich eine Ausgeburt imperialistischer Rivalitäten zwischen den kapitalistischen Klassen verschiedener Länder um die Weltherrschaft und das Monopol in der Aussaugung und Auspowerung der letzten Reste der noch nicht vom Kapital beherrschten Welt. In der Ära dieses entfesselten Imperialismus kann es keine nationalen Kriege mehr geben. Die nationalen Interessen dienen nur als Düpierungsmittel, um die arbeitenden Volksmassen ihrem Todfeind, dem Imperialismus, dienstbar zu machen.“ (Entwurf zu den Junius-Thesen, in: Luxemburg-Werke Bd. 4 S. 44)

Die Dekadenz des Kapitalismus im Zentrum der Analysen der Kommunistischen Internationalen

Von den revolutionären Bewegungen, die dem Ersten Weltkrieg ein Ende bereitet hatten, ins Leben gerufen, wurde die Kommunistische Internationale (KI) auf der Grundlage der Erkenntnis gegründet, dass die fortschrittliche Rolle der Bourgeoisie beendet war, wie der linke Flügel der Zweiten Internationale vorhergesagt hatte. Konfrontiert mit der Aufgabe, den Wendepunkt zu begreifen, der im Ausbruch des Weltkriegs und in den aufständischen Bewegungen auf internationaler Ebene zum Ausdruck kam, erblickten die KI und die Gruppen, aus denen sie zusammengesetzt war, in der Dekadenz mehr oder weniger den Schlüssel zu ihrem Verständnis der neuen Epoche. So wird in der Richtlinien der Kommunistischen Internationale gesagt: „Eine neue Epoche ist geboren! Die Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seines inneren Zersetzung, die Epoche der kommunistischen Revolution des Proletariats.“ (in: Manifeste, Leitsätze, Thesen und Resolutionen, Bd. 1 S. 40). Dieser analytische Rahmen findet sich mehr oder weniger in allen Grundsatzerklärungen der KI[ix], wie in den „Thesen zum Parlamentarismus“, die auf ihrem Zweiten Kongress verabschiedet wurden: „Der theoretische klare Kommunismus muss dagegen den Charakter der gegenwärtigen Epoche richtig einschätzen (Höhepunkt des Kapitalismus; imperialistische Selbstverneinung und Selbstvernichtung, ununterbrochenes Anwachsen des Bürgerkrieges usw.).“ (in: Manifeste, Leitsätze, Thesen und Resolutionen, Bd. 1 S. 178)

Dieser analytische Rahmen erschien mit noch größerer Klarheit im „Bericht über die internationale Lage“, der von Trotzki verfasst und vom Dritten Kongress angenommen wurde: „Zyklische Schwankungen – sagten wir in unserem Bericht an den 3. Kongress der KI - begleiten die kapitalistische Gesellschaft in ihrer Jugend, in ihrem Erwachsensein und in ihrem Zerfall, so wie die Herzschläge den Menschen selbst auf seinem Totenbett begleiten“ (aus: Die Flut steigt, Jan. 1922, eigene Übersetzung). Was auch in den Diskussionen rund um diesen Bericht bestätigt wurde: „Wir sahen gestern im Detail, wie Genosse Trotzki – und ich denke, alle, die hier sind, stimmen mit ihm überein – auf der einen Seite das Verhältnis zwischen kurzen Krisen und kurzen Perioden zeitweiliger zyklischer Krisen und auf der anderen Seite das Problem der Krise und des Niedergangs des Kapitalismus auf der Ebene der großen historischen Epochen aufzeigt. Wir stimmen alle darin überein, dass die große aufsteigende Kurve nun unwiderstehlich in die andere Richtung gehen wird und dass in dieser Kurve weiterhin Schwankungen, ein Auf und Ab stattfinden werden.“ (Authier D., Dauve G., Ni parlement ni syndicats... les conseils ouvriers!, Edition „Les nuits rouges“ 2003, eigene Übersetzung).[x] Schließlich wird dieser Rahmen noch ausdrücklicher in den „Thesen über die Taktik der Komintern“  bestätigt:

„2. Die Niedergangsperiode des Kapitalismus. Nach Abschätzung der ökonomischen Weltlage konnte der 3. Kongress mit vollkommener Bestimmtheit konstatieren, dass der Kapitalismus nach Erfüllung seiner Mission, die Entwicklung der Produktion zu fördern, in unversöhnlichen Widerspruch zu den Bedürfnissen nicht nur der gegenwärtigen historischen Entwicklung, sondern auch der elementarsten menschlichen Existenzbedingungen geraten ist. Im letzten imperialistischen Kriege spiegelte sich dieser fundamentale Widerspruch wider, der durch den Krieg noch verschärft wurde und der die Produktions- und Zirkulationsverhältnisse den schwersten Erschütterungen aussetzte. Der überlebte Kapitalismus ist in das Stadium getreten, in dem die Zerstörungsarbeit seiner zügellosen Kräfte die schöpferischen, wirtschaftlichen Errungenschaften, die das Proletariat noch in den Fesseln kapitalistischer Knechtschaft geschaffen hat, lähmt und vernichtet.“  (in: Manifeste, Leitsätze, Thesen und Resolutionen, Bd. 2, 4. Weltkongress, S. 6)

Die Analyse der politischen Bedeutung des I. Weltkriegs

Der Ausbruch des imperialistischen Krieges 1914 markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte sowohl der Bourgeoisie als auch der Arbeiterbewegung. Das Problem der „Senilitätskrise“ des Systems war nicht mehr Gegenstand einer rein theoretischen Debatte zwischen den verschiedenen Fraktionen der Arbeiterbewegung. Die Erkenntnis, dass der Krieg eine neue Periode des Kapitalismus als historisches System eröffnet hatte, erforderte auch eine Änderung in der politischen Praxis, die die Klassengrenzen neu justierte: auf der einen Seite die Opportunisten, die sich selbst deutlich als Agenten des Kapitalismus gezeigt haben, indem sie die Revolution zugunsten der nationalen Verteidigung in einem imperialistischen Krieg „vertagten“; und auf der anderen Seite die Bolschewiki um Lenin, die Gruppe Internationale, die Bremer Linksradikalen, die holländischen Tribunisten, etc., die sich in Zimmerwald und Kienthal versammelten und bekräftigten, dass der Krieg die Ära der „Kriege und Revolutionen“ eröffnet hat und dass die einzige Alternative zur kapitalistischen Barbarei die revolutionäre Erhebung des Proletariats gegen den imperialistischen Krieg war. Unter allen Revolutionären, die an diesen Konferenzen teilnahmen, waren die Bolschewiki am klarsten in der Kriegsfrage, und diese Klarheit resultierte direkt aus der Auffassung, dass der Kapitalismus in seine Dekadenzphase getreten ist, da die „Epoche der fortschrittlichen Bourgeoisie“ abgelöst wurde durch die „Epoche der reaktionären Bourgeoisie“, wie in folgender Passage von Lenin unmissverständlich klargemacht wurde: „Die russischen Sozialchauvinisten (an ihrer Spitze Plechanow) berufen sich auf die Taktik von Marx im Kriege von 1870; die deutschen Sozialchauvinisten (vom Schlage der Lensch, David und Co.) berufen sich auf die Erklärungen von Engels im Jahre 1891, in denen er von der Pflicht der deutschen Sozialisten spricht, im Falle eines gleichzeitigen Krieges gegen Russland und Frankreich das Vaterland zu verteidigen. (…) All diese Berufungen sind eine empörende Verfälschung der Auffassungen von Marx und Engels zugunsten der Bourgeoisie und der Opportunisten (…) Wer sich jetzt auf Marx´ Stellungnahme zu den Kriegen in der Epoche der  fortschrittlichen Bourgeoisie beruft und Marx´ Worte ´Die Arbeiter haben kein Vaterland´  vergisst – dies Worte, die sich gerade auf die Epoche der reaktionären, überlebten Bourgeoisie beziehen, auf die Epoche der sozialen Revolution –, der fälscht Marx schamlos und ersetzt die sozialistische Auffassung durch die bürgerliche.“ (W. I. Lenin: Sozialismus und Krieg, in LW Bd. 21 S. 309 f.)

Diese politische Analyse der historischen Bedeutung des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs bestimmte die Stellung, die von der gesamten revolutionären Bewegung eingenommen wurde, von der marxistischen Fraktion innerhalb der Zweiten Internationale[xi] über die Kommunistische Internationale bis hin zu den Gruppen der Kommunistischen Linken. Exakt dies hatte Engels Ende des 19. Jahrhunderts vorhergesehen. „Friedrich Engels sagt einmal: Die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma, entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei. Was bedeutet ein ‚Rückfall in die Barbarei‘ auf unserer Höhe der europäischen Zivilisation? Wir haben wohl alle die Worte bis jetzt gedankenlos gelesen und wiederholt, ohne ihren furchtbaren Ernst zu ahnen. Ein Blick um uns in diesem Augenblick, was ein Rückfall der bürgerlichen Gesellschaft in die Barbarei bedeutet. Dieser Weltkrieg – das ist ein Rückfall in die Barbarei. Der Triumph des Imperialismus führt zur Vernichtung der Kultur – sporadisch während der Dauer eines modernen Krieges und endgültig, wenn die nun begonnene Periode der Weltkriege ungehemmt bis zur letzten Konsequenz ihren Fortgang nehmen sollte. Wir stehen also heute, genau wie Friedrich Engels vor einem Menschenalter, vor vierzig Jahren, voraussagte, vor der Wahl: entweder Triumph des Imperialismus und Untergang jeglicher Kultur, wie im alten Rom, Entvölkerung, Verödung, Degeneration, ein großer Friedhof; oder Sieg des Sozialismus, d.h. der bewussten Kampfaktion des internationalen Proletariats gegen den Imperialismus und seine Methode: den Krieg. Dies ist ein Dilemma der Weltgeschichte, ein Entweder – Oder, dessen Waagschalen zitternd schwanken vor dem Entschluss des klassenbewussten Proletariats. Die Zukunft der Kultur und der Menschheit hängt davon ab, ob das Proletariat sein revolutionäres Kampfschwert mit männlichem Entschluss in die Waagschale wirft.“ (R. Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie, in: Werke Bd. 4 S. 62)

Es war auch dieses Verständnis, das die revolutionären Kräfte bei der Gründung der Kommunistischen Internationale antrieb. So stellte Letztere unmissverständlich fest: „Die III. Kommunistische Internationale bildete sich beim Ausbruch des imperialistische Krieges 1914-1918, in welchem die imperialistische Bourgeoisie der verschiedenen Länder 20 Millionen Menschen opferte. `Gedenke des imperialistischen Krieges!` das ist das erste, womit sich die Kommunistischen Internationale an jeden Werktätigen wendet, wo er auch leben mag, in welcher Sprache er auch sprechen mag. Gedenke dessen, dass dank des Bestehens  der kapitalistischen Ordnung ein kleines Häufchen von Imperialisten die Gelegenheit hatte, im Verlauf von vier langen Jahren die Arbeiter der verschiedenen Länder zu zwingen, einander den Hals abzuschneiden! Gedenke dessen, dass der Krieg der Bourgeoisie über Europa und die ganze Welt  die fürchterlichste Hungersnot und das entsetzlichste Elend heraufbeschwor! Gedenke dessen, dass ohne den Sturz des Kapitalismus die Wiederholung von derartigen Raubkriegen nicht nur möglich, sondern unvermeidlich ist. (...) Die Kommunistische Internationale hält die Diktatur des Proletariats für das einzige Mittel, welches die Möglichkeit gibt, die Menschheit von den Greueln des Kapitalismus zu befreien.“ (in: Manifeste, Leitsätze, Thesen und Resolutionen, Bd. 1 S. 142)

Ja, mehr denn je müssen wir uns an die Analysen „erinnern“, die von unseren illustren Vorgängern angefertigt wurden. Wir müssen all dies umso nachdrücklicher bekräftigen, wenn parasitäre Grüppchen versuchen, sie als „bürgerlichen Moralismus und Humanismus“ abzutun, indem sie den imperialistischen Krieg und den Genozid bagatellisieren. Unter dem Vorwand einer Kritik an der Dekadenztheorie greifen solche Gruppen in Wahrheit die fundamentalsten Errungenschaften der Arbeiterbewegung an: „Um zum Beispiel zu demonstrieren, dass sich die kapitalistische Produktionsweise in der Dekadenz befindet, bekräftigt Sander, dass ihr Kennzeichen der Völkermord ist und dass mehr als drei Viertel aller Kriegstoten in den letzten 500 Jahren auf das 20. Jahrhundert fielen. Diese Art von Argumentation kommt auch im Denken des Tausendjährigen Reiches vor. Für die Zeugen Jehovas war der Erste Weltkrieg wegen seiner Erhabenheit und Intensität ein Wendepunkt in der Geschichte. Ihnen zufolge war die Zahl der Toten während des Ersten Weltkriegs ‚siebenmal höher als alle 901 vorhergehenden Kriege in den 2400 Jahren vor 1914‘. Gemäß einem polemischen Werk von Ruth Leger Sivard, das 1996 veröffentlicht wurde, hinterließ das Jahrhundert rund 110 Millionen Tote in 250 Kriegen. Wenn wir diese Zahl bis zum Ende des Jahrhunderts hochrechnen, werden es 120 Millionen sein, sechsmal mehr als im 19. Jahrhundert. Wenn wir diese Zahl zum Bevölkerungswachstum ins Verhältnis setzen, sind es nur noch zweimal soviel (...) Selbst dann bleiben die Auswirkungen der Kriege zweitrangig gegenüber jenen von Fliegen und Mücken (...) Nicht indem man sich hinter Konzepte schart, die zum bürgerlichen Gesetz gehören (wie der Völkermord), gestaltet von der demokratischen Ideologie und den Menschenrechten im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg, werden wir den Materialismus nach vorn bringen; schon gar nicht werden wir unser Verständnis über die Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise vergrößern.“  (Robin Goodfellow, „Comrade, one more effort to no longer be revolutionary“, eigene Übersetzung)

Die Verheerungen des imperialistischen Krieges als etwas darzustellen, das „zweitrangig gegenüber den Auswirkungen von Fliegen und Mücken“ ist, heißt auf die Millionen von Proletariern, die auf den Schlachtfeldern niedergemetzelt wurden, und auf die Tausenden von Revolutionären zu spucken, die ihr Leben geopfert haben, um dem mörderischen Arm der Bourgeoisie Einhalt zu gebieten und den Ausbruch der revolutionären Bewegungen zu forcieren. Es ist eine skandalöse Beleidigung von Generationen von Kommunisten, die mit aller Macht darum kämpften, die imperialistischen Kriege anzuprangern. Der Vergleich der Analysen, die uns von Marx, Engels und all unseren Vorgängern aus der Kommunistischen Internationale und der Kommunistischen Linken hinterlassen wurden, mit den Zeugen Jehovas und mit dem bürgerlichen Moralismus ist wirklich irrsinnig. Angesichts solcher Verunglimpfungen stimmen wir mit Rosa Luxemburg überein, die argumentierte, dass die Empörung des Proletariats eine revolutionäre Kraft ist!

Für diese parasitären Elemente sind die gesamte Dritte Internationale, Lenin, Trotzki, Bordiga einem beklagenswerten Irrtum aufgesessen und haben dummerweise den Ersten Weltkrieg, den die KI-Plattform das „größte aller Verbrechen“ nannte, mit etwas verwechselt, dessen Auswirkungen „zweitrangig gegenüber denen von Fliegen und Mücken“ waren. All die Revolutionäre, die annahmen, dass der imperialistische Krieg die gigantischste Katastrophe für das Proletariat ist – „Die Katastrophe des imperialistischen Krieges hat alle Eroberungen des gewerkschaftlichen und parlamentarischen Kampfes weggefegt“ (Manifest der Komintern) –, hätten den größten aller Fehler begangen: Sie haben den Ersten Weltkrieg als Eröffnung der Niedergangsepoche des Kapitalismus theoretisiert. Sie haben tollkühn behauptet, dass „der Kapitalismus nach Erfüllung seiner Mission, die Entwicklung der Produktion zu fördern, in unversöhnlichen Widerspruch zu den Bedürfnissen nicht nur der gegenwärtigen historischen Entwicklung, sondern auch der elementarsten menschlichen Existenzbedingungen geraten ist. Im letzten imperialistischen Kriege spiegelte sich dieser fundamentale Widerspruch wider, der durch den Krieg noch verschärft wurde und der die Produktions- und Zirkulationsverhältnisse  den schwersten Erschütterungen aussetzte.“ (Thesen über die Taktik der Komintern, 4. Weltkongress, a.a.O.)

Die hochnäsige Geringschätzung der Errungenschaften der Arbeiterbewegung, die mit dem Blut unserer Klassenbrüder erkauft wurden, durch diese Parasiten wird nur von der Geringschätzung, die die Bourgeoisie gegenüber dem Elend der Arbeiter zeigt, und vom seelenlosen Zynismus erreicht, den diese Klasse an den Tag legt, wenn sie ihre brutalen Statistiken benutzt, um die „Errungenschaften“ des Kapitalismus aufzuzeigen. In Anlehnung an den berühmten Satz von Marx gegenüber Proudhon über das Elend könnte man sagen, dass diese Parasiten in den Zahlen nichts als Zahlen, und nicht die darin enthaltene gesellschaftliche und revolutionäre Bedeutung sehen.[xii] Alle Revolutionäre jener Periode hatten den qualitativen Unterschied begriffen, die ganze gesellschaftliche und politische Bedeutung dieses Massenuntergangs der „Kerntruppen des internationalen Proletariats“:    „Aber das heutige Wüten der imperialistischen Bestialität in den Fluren Europas hat noch eine Wirkung, für welche die ‚Kulturwelt‘ (und die heutigen Parasiten) kein entsetztes Auge, kein schmerzzuckendes Herz hat: Das ist der Massenuntergang des europäischen Proletariats. Nie hat ein Krieg in diesem Maße ganze Volksschichten ausgerottet (...) Es sind die besten, intelligentesten, geschultesten Kräfte des internationalen Sozialismus, die Träger der heiligsten Traditionen und des kühnsten Heldentums, der modernen Arbeiterbewegung, die Vordertruppen des gesamten Weltproletariats: die Arbeiter Englands, Frankreichs, Belgiens, Deutschlands, Russlands, die jetzt zuhauf niedergeknebelt, niedergemetzelt werden (...) Hier enthüllt der Kapitalismus seinen Totenschädel, hier verrät er, dass sein historisches Daseinsrecht verwirkt, seine weitere Herrschaft mit dem Fortschritt der Menschheit nicht mehr vereinbar ist.“  (R. Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie, in Werke Bd. 4, S. 162 f.)[xiii]

C. Mcl.

[i] Für weitere Details siehe den ersten Artikel dieser Serie in Internationale Revue Nr. 32.

[ii] Leider wurde diese Sichtweise, die Marx sehr richtig in dieser Epoche zum Ausdruck gebracht hatte, in der Epoche der Dekadenz als reaktionäre Konfusion benutzt, indem die Maßnahmen, die im Kommunistischen Manifest befürwortet worden waren, weiterhin gepredigt wurden, so als seien sie in der gegenwärtigen Periode noch geeignet.

[iii] Diese scheinbar ultrarevolutionären Positionen waren in Wahrheit der Ausdruck eines kleinbürgerlichen Wunsches nach Abschaffung des Kapitalismus und der Lohnarbeit, nicht indem man sich in Richtung ihrer historischen Überwindung bewegt, sondern indem man sich in eine Welt unabhängiger Kleinproduzenten zurückzieht.

[iv] Der erste Artikel in dieser Reihe hat bereits mit Hilfe einer Reihe von Zitaten aus ihrem gesamten Werk deutlich gemacht, dass das Konzept der Dekadenz wie auch der Begriff selbst ihren Ursprung in den Schriften von Marx und Engels haben und den Mittelpunkt des historischen Materialismus, des Verständnisses der Aufeinanderfolge von Produktionsweisen bildeten. Dies weist eindeutig die verrückte Behauptung der akademischen Zeitschrift Aufheben zurück, dass „die Theorie des kapitalistischen Niedergangs erstmals in der Zweiten Internationale auftauchte“ (s. die Serie „Über die Dekadenz: Theorie des Niedergangs oder Niedergang der Theorie“ in Aufheben Nr. 2, 3 und 4, eigene Übersetzung). Doch auch die Erkenntnis, dass die Dekadenztheorie in der Tat ein Kernbereich im marxistischen Programm der Zweiten Internationale war, überführt allein die absurden Behauptungen der Lüge, die der Chor der parasitären Gruppen anstimmt. So tauchte für die IFIKS diese Theorie zuerst Ende des 19. Jahrhunderts auf. „Wir haben den Ursprung des Begriffs der Dekadenz in den Debatten rund um den Imperialismus und der historischen Alternative zwischen Krieg und Revolution gezeigt, die am Ende des 19. Jahrhunderts angesichts der tiefen Umwälzungen, durch die der Kapitalismus ging, stattfand.“ Für die RIMC (Revue Internationale du Mouvement Communiste) wurde er laut ihrem Artikel „Die Dialektik der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse in der kommunistischen Theorie“ nach dem Ersten Weltkrieg in die Welt gesetzt: „Ziel dieses Werks ist es, eine globale und definitive Kritik an dem Konzept der ‚Dekadenz‘ zu üben, das die kommunistische Theorie vergiftet hat und eine der Hauptabweichungen war, die in der Nachkriegszeit in die Welt gesetzt wurde und aufgrund ihres total ideologischen Charakters jeglicher wissenschaftlichen Arbeit zur Restaurierung der kommunistischen Theorie im Weg stand.“ Und für Internationalist Perspective („Auf zu einer neuen Theorie der Dekadenz des Kapitalismus“) war es schließlich Trotzki, der das Konzept erfand: „Das Konzept der Dekadenz des Kapitalismus entstand in der Dritten Internationale und wurde insbesondere von Trotzki entwickelt.“ Das einzige, was diese Gruppen gemeinsam haben, ist die Kritik an unserer Organisation und insbesondere an unserer Dekadenztheorie. Doch in Wahrheit weiß keine von ihnen wirklich, worüber sie spricht.

[v] Was zum Beispiel von Lenin in Der Imperialismus, die höchste Stufe des Kapitalismus oder von Rosa Luxemburg in Die Akkumulation des Kapitals getan wurde.

[vi] Was wiederum von Luxemburg in Sozialreform oder Revolution und später von Lenin in Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky getan wurde.

[vii] Auch hier waren Lenin und Luxemburg tätig, in Staat und Revolution und Was will der Spartakusbund?

[viii] siehe ihr Buch Der Massenstreik, die Partei und die Gewerkschaften.

[ix] Wir werden diese Idee im dritten Teil dieses Artikels noch anschaulicher machen.

[x] Diese Passage ist ein Ausdruck aus einer Intervention von Alexander Schwab, einem KAPD-Delegierten auf dem 3. Kongress der KI, in der Diskussion über Trotzkis Bericht über die weltwirtschaftliche Lage („Thesen zur Weltlage und zu den Aufgaben der Kommunistischen Internationalen“). Sie gewährt einen guten Einblick in den Tenor, die Richtung und vor allem den konzeptionellen Rahmen dieses Berichts und der Diskussionen in der KI rund um den Begriff des Aufstiegs und Niedergangs des Kapitalismus auf der Ebene der „großen historischen Epochen“.

[xi] „Eines ist sicher: Der Weltkrieg ist eine Weltwende. Es ist ein törichter Wahn, sich die Dinge so vorzustellen, dass wir den Krieg nur zu überdauern brauchen, wie der Hase unter dem Strauch das Ende des Gewitters abwartet, um nachher munter wieder in den alten Trott zu verfallen. Der Weltkrieg hat die Bedingungen unseres Kampfes verändert und uns selbst am meisten.“ (R. Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie, in Werke Bd. 4 S. 56)

[xii] Selbst auf der Zahlenebene sind unsere Zensoren immer noch gezwungen, gemäß ihren weisen Kalkulationen anzuerkennen, dass in der Dekadenz doppelt so viele Menschen starben wie in der Epoche des Aufstiegs.

[xiii] Wenn wir uns überhaupt mit solchen Beleidigungen auseinandersetzen, dann nicht nur, um sie zu stigmatisieren und die theoretischen Errungenschaften aller Generationen von Proletariern und Revolutionären zu verteidigen, sondern auch um das kleine Milieu der Parasiten deutlich zu brandmarken, das diese Art von Prosa kultiviert und verbreitet. Wir haben es hier mit einem von vielen Beispielen ihres vollkommen parasitären Charakters zu tun: Ihre Rolle ist es, die Errungenschaften der Kommunistischen Linken zu zerstören, das proletarische Milieu kaputt zu machen und insbesondere die IKS zu diskreditieren.