Die deutsche Revolution

Submitted by IKS on Son, 09/07/2006 - 13:31.
 

 

Artikelserie zur ‚deutschen Revolution‘ (1914-1923)
Inhalt


Einleitung


  1. Die Revolutionäre in Deutschland im 1. Weltkrieg

Die Revolutionäre und ihr Kampf gegen den Krieg

Die Revolutionäre international

Das Kräfteverhältnis gerät ins Wanken

Die russische Revolution – Auftakt der revolutionären Welle

Die Intervention der Revolutionäre

Die Ausdehnung der Revolution auf die Zentren des Kapitalismus lebenswichtig

Die Januarkämpfe: Die SPD Speerspitze der Bourgeoisie gegen die Arbeiter

Die Beendigung des Krieges nur möglich durch das Wirken der Revolutionäre


  1. Der Beginn der Revolution

Die Revolutionäre bereiten den Aufstand vor

Die Ereignisse des 9. November

Die Arbeiter griffen nach der Macht – die Kräfte der Bourgeoisie standen Gewehr bei Fuß

Die zwei Waffen des Kapitals: politische Sabotage und Repression

Die Intervention der Revolutionäre

Die Arbeiterräte – Speerspitze der Revolution und die Sabotage durch die Bourgeoisie

Der Reichsrätekongress

Das Lebenselixier der Revolution: Die Massenaktivität

Die Aufgabe kann nur international gelöst werden

Die Bourgeoisie hatte die Lehren aus Russland gezogen

Die Laster der Vergangenheit


  1. Der verfrühte Aufstand

Die militärische Provokationen vom 6. und 24. Dezember

Die SPD stachelte zum Mord an den Kommunisten an

Die Falle des verfrühten Aufstands in Berlin

Der Aufstand – nur eine Frage der Partei?

Der Aufstand stützt sich auf den revolutionären Aufschwung der Klasse

Die zentrale Rolle der Kommunisten

Das Drama der zersplitterten Kämpfe

Bremen im Januar, das Ruhrgebiet im Februar, Mitteldeutschland im Februar und März, wieder Berlin im März, die bayrische Räterepublik im April,


  1. Fraktion oder Partei

Die Fraktionsarbeit

Die Strömungen in der Arbeiterbewegung

Welche Intervention gegenüber dem Zentrismus? Programmatische Klarheit vor Einheit


  1. Von der Fraktionsarbeit zur Gründung der KPD

Der gescheiterte Versuch der Parteigründung durch die Linksradikalen

Die Intervention der Spartakisten in den revolutionären Kämpfen

Die Gründung der KPD

Die Organisationsfrage auf dem Parteitag

Die Schwächen bei der Organisationsfrage

Der marxistische Flügel zur Organisationsfrage in der Minderheit

Die Laster der Vergangenheit

Der Parteiaufbau kann nur international erfolgen


  1. Der gescheiterte Organisationsaufbau

1919: Nach der Repression die KPD von der Bühne der Kämpfe abwesend

Der 2. Parteitag im Oktober 1919: Von der politischen Verwirrung zur organisatorischen Zerstreuung

Ein Bruch darf nur auf der klarsten Grundlage erfolgen

Falsche programmatische Positionen öffnen die Tür zum Opportunismus

Die Bourgeoisie trieb das Auseinanderbrechen der Partei voran


  1. Die Gründung der KAPD

Wie die Schwächen bei der Organisationsfrage zum Verschwinden der Organisation führen

Das Drama der Selbstverstümmelung

Die falschen Organisationsauffassungen der KPD beschleunigen ihren weg zum Opportunismus

„Die deutsche Revolution“: Geschichte der Schwäche der Partei



  1. Der Kapp-Putsch: Die Rechten greifen an, die Demokratie fügt den Arbeitern die Niederlage bei Die Arbeiterklasse sollte die Kosten des Krieges tragen

Die Bourgeoisie setzt den Versailler Vertrag zur Spaltung der Arbeiterklasse ein

Der Kapp-Putsch: Die Rechten greifen an

Die Reaktion der Arbeiterklasse: Der bewaffnete Abwehrkampf

Die Grenzen der Reaktion der Arbeiter

SPD und Gewerkschaften: Speerspitze bei der Niederschlagung der Arbeiterklasse

Seit dem 1. Weltkrieg sind alle bürgerlichen Parteien reaktionär und Todfeinde der Arbeiterklasse

Die Schwäche der Revolutionäre - für die Arbeiterklasse fatal


  1. Die Märzaktion 1921: Die Gefahr kleinbürgerlicher Ungeduld

Die Bourgeoisie sucht die Arbeiter zu provozieren

Die Revolution forcieren?

Welche Bilanz aus den Märzkämpfen?

Falsche Organisationsauffassungen – eine Fessel für die Fähigkeit der Partei zur Selbstkritik

Die Reaktion der KAPD

Die Haltung der Komintern zur Märzaktion

Welche Haltung einnehmen?


  1. Der Rückfluss der revolutionären Welle und die Entartung der Kommunistischen Internationale

Die internationale Bourgeoisie vereinigte sich, um die revolutionäre Welle zu stoppen

Die Entwicklung der Komintern vom 2. zum 3. Kongress

Der rückläufige Klassenkampf verlieh dem Opportunismus Auftrieb

Der Schlachtruf ‚Zu den Massen‘ – ein Schritt zur opportunistischen Verwirrung

Die Debatte um die Entwicklung in Russland

Wer übt die Kontrolle über den Staat aus? Partei oder Räte?


  1. Die Kommunistische Linke und das Problem des wachsenden Konfliktes zwischen dem russischen Staat und den Interessen der Weltrevolution

Der Beitrag der KAPD

Der wachsende Konflikt zwischen dem russischen Staat und den Interessen der Weltrevolution

Die Schwächen der KAPD bei der Organisationsfrage

Wie gegenüber der Gefahr der Entartung der Komintern reagieren? Flucht oder Kampf?

Die falschen Antworten der Kommunisten aus Russland

Der Rückfluss des Klassenkampfes ermöglichte die Entfaltung des Staatskapitalismus

Wuchern des Staatsapparates in Russland

Der 4. Kongress der Komintern: Die Unterwerfung unter den russischen Staat


  1. 1923: Die Bourgeoisie will der Arbeiterklasse eine entscheidende Niederlage beifügen

Die verheerende Politik der KPD: Schutz der Demokratie und Einheitsfront

Mit dem Abebben der revolutionären Welle – Zuspitzung der imperialistischen Konflikte

Die Provokation der Ruhrgebietsbesetzung: Welche Aufgaben der Arbeiterklasse?

Die Komintern treibt die Arbeiter in die Falle des Nationalismus

Die KPD und die Hoffnung auf ein ‚nationales Bündnis‘

Nationalistische Lockrufe an die patriotische Kleinbourgeoisie

Die Arbeiterklasse wehrt sich auf ihrem Klassenterrain

Die KPD gegen die Intensivierung der August-Kämpfe


  1. 1923: Eine Niederlage, die das Ende der weltweiten revolutionären Welle bedeutete

Die Komintern verirrte sich im Abenteuer des Aufstands

Ungünstige Bedingungen

Die Aufstandsvorbereitungen

Aufstand durch ein Regierungsbündnis mit der SPD?

Chronik einer angekündigten Niederlage

Die Lehren der Niederlage

Die Unfähigkeit der Komintern und der KPD, die wahren Lehren zu ziehen





Deutsche Revolution I


Die Revolutionäre in Deutschland im 1. Weltkrieg

Als im Aug. 1914 der 1. Weltkrieg ausgelöst wurde, der mehr als 20 Mio. Opfer hinterließ, da war für alle Beteiligten klar, welche entscheidende Rolle damals die Gewerkschaften und vor allem die deutsche Sozialdemokratie gespielt hatten.

Im Reichstag hatte die SPD einstimmig den Kriegskrediten zugestimmt. Gleichzeitig hatten die Gewerkschaften einen Burgfrieden ausgerufen, der jegliche Streiks verbot und ausschlaggebend dafür war, alle Kräfte für den Krieg einzuspannen.

Die Zustimmung der SPD-Fraktion zu den Kriegskrediten rechtfertigte die Sozialdemokratie damit: „Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. Wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir auch in Übereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen ..... von diesen Grundsätzen geleitet, bewilligen wir die geforderten Kriegskredite“. „Vaterland in Gefahr“, „nationale Verteidigung“, „Volkskrieg um Existenz“, „Kultur und Freiheit“ - das waren die Stichworte, die von der parlamentarischen Vertretung der SPD gegeben wurden

Das war der erste große Verrat einer Arbeiterpartei gewesen. Als ausgebeutete Klasse ist die Arbeiterklasse eine internationale Klasse. Deshalb ist der Internationalismus für die Arbeiterklasse der grundlegendste Bestandteil der Positionen aller ihrer Organisationen - und der Verrat desselben führt diese Organisationen unvermeidlich ins gegnerische Lager, in das des Kapitals.

Während das Kapital in Deutschland den Krieg nie ausgelöst hätte, wenn es nicht auf die Gewerkschaften und die SPD-Führung als sichere Stützen hätte rechnen können, und für das Kapital deren Verrat somit nicht als Überraschung kam, sorgte dieser Verrat jedoch in den Reihen der Arbeiterbewegung selbst für einen großen Schock. Selbst Lenin wollte am Anfang nicht glauben, daß die SPD in Deutschland den Kriegskrediten zugestimmt hatte. Er hielt die ersten Nachrichten für eine Manipulation zur Spaltung der Arbeiterbewegung.(1)

Denn da die imperialistischen Spannungen seit Jahren zugenommen hatten, war die 2. Internationale schon sehr früh gegen diese Kriegsvorbereitungen auf die Bühne getreten. 1907 auf dem Stuttgarter Kongreß, 1912 auf dem Basler Kongreß und gar bis in die letzten Juli-Tage des Jahres 1914 hinein hatte sie gegen die Kriegspropaganda mobilisiert - auch wenn dies gegen den erbitterten Widerstand des damals schon starken rechten Flügels geschah.

Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht der Sozialdemokratie, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.“ (schon 1907 angenommen, 1912 bestätigt).

Gefahr ist im Verzuge, der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die Euch im Frieden knebeln, verachten, ausnutzen, wollen Euch als Kanonenfutter mißbrauchen. Überall muß den Gewalthabern in die Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! Hoch die internationale Völkerverbrüderung!“ (Aufruf des Vorstands der SPD am 25. Juli 1914, d.h. 10 Tage vor dem Votum für den Krieg am 4.8.1914).

Als die Sozialdemokratischen Abgeordneten dem Krieg zustimmten, taten sie das als Repräsentanten der größten Arbeiterpartei in Europa, deren Einfluß weit über Deutschland hinausging und als Partei, die vor dem Krieg in jahrzehntelanger Aufbauarbeit errichtet worden war - selbst unter den ungünstigsten Bedingungen des Sozialistengesetzes, als sie verboten war. Die SPD hatte Dutzende von Wochen-, Tageszeitungen in ihren Händen. Schon 1899 hatte die SPD über 73 Zeitungen mit einer Gesamtauflage von 400.000 Exemplaren; 49 Zeitungen erschienen täglich. Schon um 1900 hatte sie über 100.000 Mitglieder, 1914 ca. eine Million.

So stand die revolutionäre Bewegung nach dem Verrat der Führung der SPD vor der Grundsatzfrage: sollte man es zulassen, daß diese Arbeiterorganisation mit Mann und Maus ins Feindeslager überwechselt?


Aber nicht nur die SPD-Führung in Deutschland hatte verraten. In Belgien wurde der Vorsitzende der Internationale, Vandervelde, Minister; Jules Guesde, der Führer der sozialistischen Partei in Frankreich wurde auch Minister. Die sozialistische Partei in Frankreich stimmte auch einstimmig für den Krieg. In England, wo es keine Wehrpflicht gab, übernahm die Labour-Partei die Organisierung der Rekrutierung. Auch wenn die österreichische SP formell nicht für den Krieg stimmen mußte, rührte sie die Werbetrommel für ihn. In Schweden, Norwegen, der Schweiz, den Niederlanden bewilligten die SP-Führer jeweils die Kredite. In Polen rief die SP im galizisch-schlesischen Teil zur Unterstützung für den Krieg auf, in Russisch-Polen war sie dagegen. In Rußland gab es ein geteiltes Bild: ehemalige Führer der dortigen Arbeiterbewegung wie Plechanow, der Führer der russischen Anarchisten Kropotkin, eine Handvoll Mitglieder der Bolschewistischen Partei in der französischen Emigration riefen zur Verteidigung vor dem preußisch-deutschen Militarismus auf. In Rußland gab die sozialdemokratische Dumafraktion eine Erklärung gegen den Krieg. Sie war die erste offizielle Antikriegserklärung einer Parlamentsfraktion in einem großen kriegführenden Land. Die Sozialistische Partei Italiens nahm von Anfang an eine ablehnende Stellung gegen den Krieg ein. Im Dezember 1914 schloß die Partei eine Gruppe von Renegaten unter der Führung von Benito Mussolini aus, die auf die Seite der ententefreundlichen Bourgeoisie getreten war und die Teilnahme Italiens am Weltkrieg propagierten. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Bulgarien (Tesnyaks) verteidigte ebenfalls einen konsequent internationalistischen Standpunkt. Die wenigen serbischen sozialdemokratischen Abgeordneten stimmten gegen den Krieg.

Die Internationale, der Stolz der Arbeiterklasse, war in den Flammen des Weltkrieges zerfallen. Die deutsche SPD war ein „stinkender Leichnam“ geworden. Die Internationale löste sich, wie Rosa Luxemburg meinte, „in einen Haufen wildgewordener nationalistischer Bestien auf, die sich gegenseitig zur höheren Ehre der bürgerlichen Rechtsordnung und Moral zerfleischten.“ Nur wenige Gruppen in Deutschland, die „Internationale“, „Lichtstrahlen“, die Bremer Linke, Trotzkis Gruppe, Martow, Teile französischer Syndikalisten, die Gruppe Tribune (Gorter, Pannekoek) in Holland sowie die Bolschewiki verfochten einen resolut internationalistischen Standpunkt.


Gleichzeitig mit diesem entscheidenden Verrat der Mehrzahl der Parteien der 2. Internationale wurde die Arbeiterklasse zur Zielscheibe eines ideologischen Angriff, bei dem ihr eine fatale Dosis nationalistisches Gift injiziert wurde. Im August 1914 hatten sich nicht nur große Teile des Kleinbürgertums für die Expansionspläne Deutschlands einspannen lassen, sondern auch Bereiche der Arbeiterklasse waren dem Nationalismus aufgesessen. Die bürgerliche Propaganda verbreitete die Hoffnung, „in einigen Wochen, spätestens Weihnachten“ sei der Krieg vorbei, das ganze Gespenst beendet und man sei wieder zu Hause.

Nach der Auslösung des Krieges zog sich die Minderheit der Revolutionäre, die den Prinzipien des proletarischen Internationalismus treu geblieben war, nicht resigniert zurück, und sie gab auch nicht in Anbetracht der besonders ungünstigen Bedingungen den Kampf auf.


Die Revolutionäre und ihr Kampf gegen den Krieg

Während große Teile der Arbeiterklasse noch nationalistisch benebelt waren, versammelten sich noch am Abend des 4. August führende Vertreter der Linken der Sozialdemokratie in Rosa Luxemburgs Wohnung (K. und H. Duncker, Hugo Eberlein, Julian Marchlewski, F. Mehring, E. Meyer, W. Pieck). Auch wenn ihre Zahl an diesem Abend verschwindend gering war, sollte ihr Wirken während der nächsten 4 Jahre von ungeheurer Ausstrahlung sein.

Auf der Tagesordnung des Treffens stand: Wie sieht das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit, wie innerhalb der SPD aus, welche Ziele muß der Widerstand gegen den Verrat der Parteiführung verfolgen, welche Perspektiven stehen an, wie müssen wir kämpfen?


Auch wenn die Situation momentan bedrückenden und niederschlagenden war, war das für die Revolutionäre kein Anlaß zu resignieren. Ihre Haltung war: wir dürfen die Organisation jetzt nicht über Bord schmeißen, sondern müssen entschlossen in der Organisation um ihre proletarischen Prinzipien kämpfen.

In der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion hatte es vor der offiziellen Abstimmung eine interne gegeben, in der 78 Abgeordnete für, 14 gegen die Kriegskredite gestimmt hatten. Aus Fraktionszwang hatten sich die 14 Abgeordneten, auch Liebknecht, dem Mehrheitsvotum gebeugt und den Krediten zugestimmt. Diese Tatsache wurde von der SPD-Führung geheimgehalten.

Vor Ort sah es in der Partei noch uneinheitlicher aus. Aus vielen Ortsvereinen wurden sofort Proteste gegen den Vorstand laut. Am 6. August sprach die überwältigende Mehrheit der Ortsversammlung in Stuttgart der Reichstagsfraktion das Mißtrauen aus. Dort gelang es den Linken gar, die Rechten aus der Partei zu schließen und die örtliche Zeitung an sich zu reißen. In Hamburg sammelten Laufenberg und Wolfheim die Opposition um sich, in Bremen trat die ‚Bremer-Bürger-Zeitung‘ um Knief entschlossen gegen den Krieg auf, der ‚Braunschweiger Volksfreund‘, das ‚Gothaer Volksblatt‘, „der Kampf“ in Duisburg, Zeitungen in Nürnberg, Halle, Leipzig und Berlin protestierten ebenfalls und spiegelten die Ablehnung großer Teile der Parteibasis wider. Auf einer Versammlung in Stuttgart am 21. September 1914 wurde Kritik am Verhalten Liebknechts geübt. Dieser sprach dann selbst von einem verheerenden Fehler, aus Fraktionsdisziplin so gehandelt zu haben. Da aber von Kriegsbeginn alle Zeitungen unter Zensur gestellt wurden, wurden die Proteststimmen sofort abgewürgt. Die SPD-Opposition stützte sich daher auf die Möglichkeit, im Ausland ihre Stimme zum Ausdruck zu bringen. Die „Berner Tagwacht“ sollte zum Sprachrohr der SPD-Linken werden, auch in der Zeitschrift ‘Lichtstrahlen’, die von Borchardt herausgegeben wurde und von September 1913 bis April 1916 erschien, konnten die Internationalisten ihre Position zum Ausdruck bringen.

Ein Überblick über die Lage innerhalb der SPD zeigte: auch wenn die Führung verraten hatte, nicht die ganze Organisation hatte sich für den Krieg einspannen lassen. Deshalb war die Perspektive klar: Um die Organisation zu verteidigen, um sie nicht den Verrätern zu überlassen, mußte für deren Rausschmiß gesorgt, für klare Trennung von ihnen eingetreten werden.

Bei dem Treffen in Rosa Luxemburgs Wohnung kam auch die Frage auf, ob man nicht aus Protest, aus Abscheu vor dem Verrat aus der Partei austreten sollte? Einstimmig wurde diese Idee verworfen, denn man durfte den Verrätern nicht das Feld überlassen, die Organisation sozusagen als Geschenk in den Dienst der herrschenden Klasse stellen. Man konnte nicht einfach die Partei verlassen, die unter größten Anstrengungen aufgebaut worden war, so wie Ratten das sinkende Schiff verlassen. Deshalb bedeutete damals die Verteidigung der Organisation nicht Austritt sondern für deren Rückeroberung einzutreten.

Niemand dachte daran die Organisation zu verlassen. Das Kräfteverhältnis zwang die Minderheit nicht dazu; auch ging es jetzt noch nicht darum, eine neue, eigenständige Organisation außerhalb der SPD zu aufzubauen, erst einmal mußte um die Organisation gekämpft werden. Rosa Luxemburg und ihre Genossen gehörten damit zu den konsequentesten Verteidigern der Notwendigkeit der Organisation.

Tatsache ist, lange bevor die Arbeiterklasse anfing, aus der nationalistischen Betäubung zu erwachen, hatten die Internationalisten längst den Kampf aufgenommen. Als Avantgarde warteten sie nicht auf die Reaktionen der Klasse insgesamt, sondern sie waren ihrer Klasse voraus. Während das nationalistische Gift in der Arbeiterklasse noch wirkte, die Klasse damals sowohl ideologisch wie auch physisch dem Maschinengewehrfeuer des imperialistischen Krieges ausgeliefert war, hatten die Revolutionäre selbst schon - unter den schwierigsten Bedingungen der Illegalität - das imperialistische Wesen des Krieges selber enttarnt. Auch hier - bei ihrer Arbeit gegen den Krieg - sind die Revolutionäre nicht in Wartestellung auf die ganze Klasse gegangen, um auf die Bewußtwerdung größerer Teile der Klasse zu warten. Und - wir werden ausführlich darauf zurückkommen - die Internationalisten erkannten ihre Verantwortung als Revolutionäre, als Mitglieder einer politischen Organisation, die sie sofort verteidigten. Es war noch keine Nacht vergangen, da hatten die Revolutionäre sich schon um die späteren Spartakisten versammelt, um die Verteidigung der Organisation in die Hand zu nehmen und faktisch die Grundlagen für den Bruch mit den Verrätern zu legen. Soweit zum angeblichen Spontaneismus der Spartakisten und Rosa Luxemburg.

Sofort traten die Revolutionäre in Kontakt mit den Internationalisten in den anderen Ländern. Liebknecht wurde deshalb als prominentester Vertreter ins Ausland geschickt. In Belgien und Holland nahm er Kontakt auf mit der dortigen sozialistischen Partei.

Und auf zwei Ebenen wurde der Widerstand gegen den Krieg vorangetrieben.

Einmal auf der Ebene des Parlamentes, wo die Spartakisten die Parlamentstribüne noch ausnutzen sollten.

Andererseits - viel wichtiger - durch die Entfaltung des Widerstandes vor Ort in der Partei selbst und im direkten Kontakt mit der Arbeiterklasse.

So sollte in Deutschland selbst Liebknecht bald zum Fanal des Widerstandes werden.

Innerhalb des Parlamentes gelang es Liebknecht, immer mehr Abgeordnete auf seine Seite zu ziehen. Zwar überwogen am Anfang noch Angst und Zögern, am 22. Oktober 1914 verließen 5 SPD-Abgeordnete aus Protest den Saal, am 2. Dezember 1914 stimmte Liebknecht als einziger öffentlich gegen die Kriegskredite, im März 1915 verließen ca. 30 Abgeordnete bei der Abstimmung den Saal, und ein Jahr später, am 19. August 1915, stimmten schon 36 Abgeordnete gegen die Kredite.

Der wirkliche Schwerpunkt lag jedoch bei den Aktivitäten der Arbeiterklasse selber: Zum einen an der Basis der Arbeiterparteien, zum anderen in den Massenaktionen der Arbeiter in den Fabriken und auf der Straße.

Unmittelbar nach der Auslösung des Krieges hatten die Revolutionäre energisch und klar gegen das imperialistische Wesen des Krieges Stellung bezogen (2). Im April wurde die erste und einzige Nummer der „Internationale“ mit 9.000 Exemplaren gedruckt, von denen allein am ersten Abend 5.000 Exemplare abgesetzt wurden (daher der Name der Gruppe „Die Internationale“).

Ab den Wintermonaten 1914/15 wurden die ersten illegalen Flugblätter gegen den Krieg verteilt; am berühmtesten wurde „Der Feind steht im eigenen Land“.

In vielen Versammlungen vor Ort zirkulierte das Material gegen den Krieg. Allein die Tatsache, daß Liebknecht seine Zustimmung verweigert hatte, dies öffentlich bekannt wurde, ließ ihn schnell zum bekanntesten Kriegsgegner in Deutschland und später auch in den Nachbarländern werden. Die Texte wurden als „höchst gefährlich“ von den bürgerlichen Sicherheitskräften eingestuft. In einigen Ortsversammlungen denunzierten die örtlichen Parteiführer diejenigen Mitglieder, die Material gegen den Krieg verteilten. Oft genug wurden sie kurz danach verhaftet! Die SPD war bis ins Innerste gespalten!

Hugo Eberlein berichtete später auf dem Gründungsparteitag der KPD am 31.Dezember 1918, daß eine Verbindung mit ca. 300 Städten bestand. Um die ständig wachsende Gefahr des Widerstands in den Reihen der SPD zu bannen, beschloß der Parteivorstand im Januar 1915 gemeinsam mit der militärischen Führung, Liebknecht sollte mundtot gemacht werden, indem er zum Militär eingezogen wurde. Damit erhielt er Redeverbot, durfte nicht auf Versammlungen auftreten. Am 18. Februar 1915 wurde Rosa Luxemburg bis Februar 1916 inhaftiert. Mit Ausnahme einiger Monate zwischen Februar und Juli 1916 hielt sie das Regime bis zum 8. November 1918 im Gefängnis. Im September 1915 wurden Ernst Meyer, Hugo Eberlein, später der 70jährige Mehring, und viele andere verhaftet.

Aber selbst unter diesen schwierigsten Bedingungen betrieben sie ihre Arbeit gegen den Krieg weiter und unternahmen alles, um das Organisationsnetz weiter aufzubauen.

Mittlerweile hatte die Wirklichkeit des Krieges auch immer mehr Arbeiter aus ihrem nationalistischen Getaumel zurückgeholt. Denn die deutsche Offensive in Frankreich war schnell ins Stocken geraten und ein langer Stellungskrieg hatte angefangen. Allein bis Ende 1914 waren schon 800.000 Soldaten gefallen. Die Stellungskriege in Belgien und Frankreich kosteten im Frühjahr 1915 Hunderttausende Tote. Allein an einem Tag starben 60.000 Soldaten an der Somme. An der Front kehrte schnell Ernüchterung ein, vor allem aber an der „Front zu Hause“ wurde die Arbeiterklasse ins Elend gestürzt. Frauen wurden in die Kriegsproduktion gezerrt, Nahrungsmittel wurden horrend teuer und später rationiert. Am 18. März 1915 kam es zur ersten Frauendemo gegen den Krieg. Vom 15.-18. Oktober wurden blutige Zusammenstöße von Anti-Kriegsdemonstranten mit Polizei in Chemnitz gemeldet, am 30. November 1915 demonstrierten ca. 10-15.000 gegen den Krieg in Berlin. Auch in anderen Ländern kam Bewegung in die Arbeiterklasse. In Österreich brachen zahlreiche ‘wilde’ Streiks gegen den Willen der Gewerkschaften aus. In England streikten 250.000 Bergarbeiter in Südwales, in Schottland streikten Maschinenbauer im Clydetal, in Frankreich gab es Streiks im Textilbereich.

Die Arbeiterklasse hatte angefangen, langsam aus der nationalistischen Benebelung zu erwachen und wieder ihre Interessen als Ausgebeutete zu manifestieren. Der Burgfrieden geriet allmählich ins Wanken.


Die Revolutionäre international

Mit der Auslösung des 1. Weltkriegs und dem Verrat verschiedener Parteien der 2. Internationale war eine Epoche zu Ende gegangen. Die Internationale war damit gestorben, denn einige ihrer Mitgliedsparteien vertraten nicht mehr eine internationalistische Richtung, sondern waren auf die Seite der jeweiligen nationalen Bourgeoisie übergewechselt. Eine Internationale, aus verschiedenen nationalen Mitgliederparteien zusammengesetzt, verrät als solche nicht; sie stirbt dann, verliert ihre Rolle für die Arbeiterklasse, kann als solche nicht mehr aufgerichtet werden.

Aber der Krieg hatte zu einer Polarisierung innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung geführt: Auf der einen Seite die Parteien, die Verrat betrieben hatten, auf der anderen Seite die revolutionäre Linke, die konsequent und unnachgiebig revolutionäre Positionen vertrat, aber anfänglich nur eine kleine Minderheit bildete.

Dazwischen trieb eine zentristische Strömung, die zwischen den Verrätern und den Internationalisten schwankte und ständig zögerte, klar und unzweideutig Stellung zu beziehen und keinen klaren Bruch mit den Sozialpatrioten herbeiführen wollte.

Innerhalb Deutschlands selbst war die Opposition gegen den Krieg ebenfalls sehr früh in mehrere Gruppierungen gespalten:

- auf der einen Seite die Zögernden, von denen die meisten der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion angehörten; Haase, Ledebour, waren einige bekannte Namen.

- die Gruppe um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, DIE INTERNATIONALE, die ab 1916 den Namen „Spartakusgruppe“ annahm,

- die Gruppen um die „Bremer Linke“ (Bremer Bürgerzeitung, die ab Juli 1916 erschien), mit Knief, K. Radek an ihrer Spitze, die Gruppe um Borchardt (Lichtstrahlen), dann in verschiedenen Städten (Hamburg: Wolfheim, Lauffenberg), (Dresden: Rühle). Ab Ende 1915 fimierten die Bremer Linken und Borchardt unter dem Namen Internationale Sozialisten Deutschland (ISD).

Nach einer ersten Phase der Desorientierung und unterbrochener Kontakte konnten ab Frühjahr die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz vom 26. bis 28. März und die Internationale Sozialistische Jugendkonferenz vom 5. bis 7. April 1915 jeweils in Bern abgehalten werden. Und nach mehrmaligem Verschieben konnten sich vom 5. bis 8. September 1915 in Zimmerwald (in der Nähe von Bern) 37 Delegierte aus 12 europäischen Ländern treffen. Die zahlenmäßig stärkste Delegation war die deutsche, ihr gehörten 10 Vertreter an, die 3 oppositionelle Gruppen repräsentierten: die Zentristen, die Gruppe „Internationale“ (E. Meyer, B. Thalheimer), von den ISD (Internationale Sozialisten Deutschlands) Julian Borchardt. Während die zentristischen Kräfte nur für die Beendigung des Krieges - ohne Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse - eintraten, stellten die Linken den Zusammenhang zwischen Krieg und Revolution in den Mittelpunkt. Die Zimmerwalder Konferenz endete nach heftigen Diskussionen mit der Annahme eines Manifestes, in dem die Arbeiter aller Länder aufgefordert wurden, durch unversöhnlichen proletarischen Klassenkampf für die Befreiung der Arbeiterklasse, für die Ziele des Sozialismus einzutreten. Dagegen hatten die Zentristen sich gegen die Betonung des organisatorischen Bruch mit dem Sozialchauvinismus gestellt und die Forderung nach dem Sturz der eigenen imperialistischen Regierung verhindert. Das Zimmerwalder Manifest sollte dennoch eine große internationale Ausstrahlung auf die Arbeiter und Soldaten haben. Auch wenn es ein Kompromiß war, der von den linken Kräften selbst kritisiert wurde, da die Zentristen noch zu stark vor klaren Stellungnahmen zurückweichen konnten, war es ein Schritt hin zum Zusammenschluß der revolutionären Kräfte.

In einem früheren Artikel der International Review (Nr. 44) haben wir die Schwächen gerade der Gruppe „Internationale“ kritisiert, die anfänglich noch zögerlich war, die Notwendigkeit des Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg anzuerkennen.


Das Kräfteverhältnis gerät ins Wanken

Während die Klasse insgesamt langsam anfing, aus dem Taumel des Nationalismus zu erwachen, hatten die Revolutionäre ihren Zusammenschluß vorangetrieben. Ihre Intervention stieß auf ein immer größeres Echo.

Am 1. Mai 1916 demonstrierten ca. 10.000 Teilnehmer gegen den Krieg. Liebknecht ergriff das Wort und rief: „Nieder mit dem Krieg, nieder mit der Regierung“. Daraufhin wurde er verhaftet, was eine Protestwelle auslösen sollte. Das mutige Auftreten K. Liebknechts diente als Ansporn und Orientierung. Die Entschlossenheit der Revolutionäre- gegen den sozialpatriotischen Strom zu schwimmen und die proletarischen Prinzipien weiter zu verteidigen, trieb sie nicht in eine größere Isolierung, sondern wirkte als Aufforderung für den Rest der Klasse, selbst in den Kampf zu treten.

Im Mai 1916 traten Bergleute im Kreis Beuthen für Lohnerhöhungen in den Streik. In Leipzig, Braunschweig, Koblenz kam es zu Demonstrationen hungernder Arbeiter und Kundgebungen gegen Lebensmittelwucher. Über Leipzig wurde der Belagerungszustand verhängt. Und die Aktionen der Revolutionäre, die Tatsache, daß trotz Zensur und Versammlungsverboten sich die Nachricht vom zunehmenden Widerstand gegen den Krieg immer mehr ausbreitete, sollte der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse insgesamt weiter Auftrieb geben.

Am 27. Juni 1916 demonstrierten 25.000 Arbeiter in Berlin gegen die Verhaftung Liebknechts. Einen Tag später kam es zum ersten politischen Massenstreik gegen die Verhaftung Liebknechts, ca 55.000 Arbeiter streikten. In Braunschweig, Bremen, Leipzig und vielen anderen Städten kam es auch zu Solidaritätskundgebungen und Hungerdemonstrationen. In nahezu einem Dutzend Städten versammelten sich Arbeiter. Wir haben hier eine Verdeutlichung des Verhältnisses zwischen den Revolutionären und der Arbeiterklasse. Die Revolutionäre stehen nicht außerhalb der Arbeiterklasse oder irgendwie über ihr, sondern sind nur der entschlossenste, klarste und in politischen Organisationen zusammengefaßte Teil. Ihre Ausstrahlung hängt aber selbst von der ‘Empfangsbereitschaft’ der Arbeiterklasse insgesamt ab. Wenn die organisierte Anhängerschaft der Spartakusbewegung noch klein war, so folgten doch schon Hunderttausende ihren Losungen. Sie war Träger der Massenstimmung geworden. Der Burgfrieden hatte seine bändige Kraft verloren. Das Erwachen begann.

Das Kapital selbst versuchte die Revolutionäre von der Arbeiterklasse zu isolieren, denn gerade in dieser Phase löste es eine Repressionswelle aus. Viele Mitglieder des Spartakusbundes wurden in ‘Schutzhaft’, genommen. So Rosa Luxemburg, nahezu die ganze Zentrale des Spartakusbundes wurde in der zweiten Hälfte 1916 verhaftet. Viele Spartakisten wurden, nachdem sie in Sitzungen der SPD Flugblätter verteilt hatten, von den SPD-Funktionären denunziert; die Polizeizellen waren gefüllt mit Spartakisten.

Die Schlachten an der Westfront (Verdun) hinterließen immer mehr Opfer, gleichzeitig verlangte das Kapital in den Fabriken den an der ‘Heimatfront’ kämpfenden Arbeitern immer mehr ab. Ein Krieg kann nur geführt werden, wenn die Arbeiterklasse bereit ist, ihr ganzes Leben für das Kapital zu opfern.

Und hier stieß das Kapital auf einen immer stärkeren Widerstand.

Die Proteste gegen den Hunger rissen nicht mehr ab (die Bevölkerung erhielt nur ein Drittel ihres Kalorienbedarfs!) . Im Herbst 1916 gab es nahezu jeden Tag in einer größeren Stadt Proteste und Demos - im September in Kiel, im November in Dresden, im Januar 1917 die Bergarbeiter im Ruhrgebiet. Das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit begann sich hier langsam zu wenden.

Auch innerhalb der SPD selbst geriet die sozialpatriotische Führung immer mehr in Bedrängnis. Auch wenn sie noch durch enge Zusammenarbeit mit der Polizei jeweils oppositionelle Arbeiter durch das Militär verschleppen ließ, auch wenn sie durch Manipulationen bei Abstimmungen innerhalb der Partei die Mehrheitsverhältnisse zu ihren Gunsten aufrechterhalten konnte, der wachsende Widerstand gegen ihre Haltung war nicht mehr kleinzukriegen. Die SPD-Führung geriet immer mehr in die Minderheit. Ab Herbst 1916 beschlossen immer mehr Ortsvereine eine Beitragssperre für den Vorstand.

Die Opposition strebte zu diesem Zeitpunkt nach dem Zusammenschluß ihrer Kräfte, um den Vorstand auszuhebeln und die Partei wieder in ihre Hände zu bekommen.

Der SPD-Vorstand sah klar, wie sich dieses Kräfteverhältnis zu seinen Ungunsten entwickelte. Nachdem sich die Opposition am 7. Januar 1917 auf einer Reichskonferenz getroffen hatte, beschloß der Vorstand den Ausschluß aller Oppositionellen. Die Spaltung war vollzogen. Der organisatorische Bruch war da! Die internationalistischen Aktivitäten und das politische Leben der Arbeiterklasse konnte sich nicht mehr innerhalb der SPD entwickeln, sondern nunmehr nur noch außerhalb. Das proletarische Leben innerhalb der SPD war ausgelöscht, nachdem die revolutionären Minderheiten ausgeschlossen worden waren. Eine Arbeit innerhalb der SPD war nicht mehr möglich, die Revolutionäre mußten sich außerhalb organisieren. (3)

Die Opposition stand nunmehr vor der Frage, welche Organisation neu errichten? An dieser Stelle sei nur gesagt, daß zu diesem Zeitpunkt, im Frühjahr 1917, die verschiedenen Strömungen innerhalb des linken Lagers in Deutschland verschiedene Richtungen einschlugen.

Wie die Organisationsarbeit zum damaligen Zeitpunkt einzuschätzen war, werden wir in einem nächsten Artikel näher aufgreifen.

Die russische Revolution - Auftakt der revolutionären Welle

Gleichzeitig hatte international der Druck der Arbeiterklasse gegen den Krieg einen entscheidenden Durchbruch erzielt.

Im Februar (März westeuropäischer Zeitrechnung) hatten in Rußland die Arbeiter und Soldaten bei ihrem Kampf gegen den Krieg wie schon 1905 Arbeiter- und Soldatenräte errichtet. Der Zar wurde gestürzt. Eine revolutionäre Entwicklung hatte in Rußland eingesetzt, die sehr schnell ein Echo in den Nachbarländern, ja auf der ganzen Welt finden sollte. Dies ließ in den Reihen der Arbeiter Hoffnung aufkommen.


Die weitere Entwicklung der Kämpfe kann nur verstanden werden im Lichte der Revolution in Rußland. Denn die Tatsache, daß die Arbeiterklasse in einem Land den Herrscher gestürzt hatte, anfing, an den kapitalistischen Grundmauern zu rütteln, wirkte wie ein leuchtender Stern, auf den die Arbeiterklasse in der ganzen Welt zu blicken begann. Nicht nur in den Nachbarländern, sondern weltweit.

Die Kämpfe der Arbeiterklasse in Rußland sollten vor allem eine große Ausstrahlung in Deutschland haben.

Im Ruhrgebiet kam es vom 16. bis 22. Februar 1917 zu einer Streikwelle. Weitere Massenaktionen gab es in zahlreichen anderen deutschen Städten. Es sollte keine Woche mehr ohne größere Widerstandsaktionen mit Forderungen nach Lohnerhöhungen und besserer Lebensmittelversorgung vergehen. In nahezu allen Großstädten wurde von Lebensmittelunruhen berichtet. Als im April eine erneute Kürzung der Lebensmittelrationen angekündigt wurde, schwappte die Wut der Arbeiterklasse über. Ab dem 16. April kam es zu einer großen Welle von Massenstreiks in Berlin, Leipzig, Magdeburg, Hannover, Braunschweig, Dresden. Das Militär, führende bürgerliche Politiker, Gewerkschaftsführer und die SPD-Führer Ebert und Scheidemann berieten gemeinsam, wie sie der Streikbewegung Herr werden können.

In mehr als 300 Betrieben streikten ca. 300.000 Arbeiter. In den Straßen bildeten sich Demonstrationszüge. Es war nach den Streiks gegen die Verhaftung Liebknechts im Juli 1916 der zweite große Massenstreik. „Unzählige Versammlungen fanden in Lokalen und unter freiem Himmel statt, es wurden Reden gehalten und Beschlüsse gefaßt. So ist im Nu der Belagerungszustand durchbrochen worden und zerflossen in nichts, sobald die Masse sich rührte und entschlossen von der Straße Besitz ergriff.“ (Aus Spartakusbriefe, April 1917)

Die Arbeiterklasse in Deutschland trat damit in die Fußstapfen ihrer Klassenbrüder in Rußland, die in einem gewaltigen Massenkampf dem Kapital entgegentraten.

Sie kämpften genau mit den Mitteln, die Rosa Luxemburg in ihrer Schrift „Massenstreik“ nach den Kämpfen 1905 geschrieben hatte: Massenversammlungen, Demonstrationen, Kundgebungen, Diskussionen und gemeinsame Beschlüsse in den Betrieben, Vollversammlungen bis hin zur Bildung von Arbeiterräten.

Nachdem die Gewerkschaften ab 1914 in den Staat integriert worden warten, dienten sie nunmehr als Bollwerk gegen die Abwehrkämpfe der Arbeiter. Sie sabotierten den Kampf der Arbeiter mit allen Mitteln. Die Arbeiter mußten sich selber organisieren, sich selbst aktivieren, sich selbst zusammenschließen. Keine vorher aufgebaute Organisation nahm ihnen diese Arbeit ab. Und die Arbeiterklasse in Deutschland, dem höchst entwickelten Industrieland der damaligen Zeit, zeigte ihre Fähigkeit, sich selbst zu organisieren. Entgegen dem Gerede, das uns heute noch unaufhörlich präsentiert wird, ist die Arbeiterklasse sehr wohl dazu fähig, massenhaft in den Kampf zu treten. Dazu konnte sie ihren Kampf nicht mehr in gewerkschaftlichen Bahnen führen, wo in den verschiedenen, voneinander getrennten Berufszweigen jeweils um Reformen gerungen wurde. Die Arbeiterklasse schloß sich über alle Berufsgruppen, Fabrikzweige hinweg zusammen und trat ein für Forderungen, die alle Arbeiter vereinigten: Brot und Frieden, die Freilassung ihrer revolutionären Kräfte. Überall erscholl der Ruf nach der Freilassung K. Liebknechts.

Die Kämpfe konnten vorher nicht mehr sorgfältig, generalstabsmäßig vorbereitet werden wie im vorigen Jahrhundert. Aufgabe einer politischen Organisation war es, eine politische Führungsrolle in diesen Kämpfen zu spielen und nicht die Klasse zu organisieren.

Bei dieser Streikwelle waren die Arbeiter zum ersten Mal voll mit den Gewerkschaften zusammengeprallt. Während die Gewerkschaften im vorigen Jahrhundert von den Arbeitern selbst geschaffen worden waren, während sie zu Kriegsbeginn schon als Stützpfeiler für das Kapital in den Fabriken dienten, sollten sie nunmehr eine Hürde für den Kampf der Arbeiter selber werden. Die Arbeiter in Deutschland machten als erste die Erfahrung, daß sie nunmehr in den Kampf nur gegen den Widerstand der Gewerkschaften treten konnten.

Die Auswirkungen der begonnenen Revolution in Rußland griffen vor allem auch auf die Reihen der Soldaten über. Nach dem Beginn der russischen Revolution debattierten die Soldatenmassen mit größter Erregtheit das Geschehen, an der Ostfront häuften sich Verbrüderungen zwischen russischen und deutschen Soldaten. Im Sommer 1917 kam es dann im Juli zu den ersten Meutereien in der deutschen Flotte. Zwar konnte auch hier noch eine blutige Repression die ersten Flammen wieder ersticken, aber die Ausdehnung und Intensivierung des revolutionären Elans ließen sich langfristig nicht mehr aufhalten. Die Spartakusanhänger und die Angehörigen der Bremer Linksradikalen hatten einen großen Einfluß auf Matrosen.

Auch in den Industriestädten rumorte der Widerstand weiter: Vom Ruhrgebiet über Mitteldeutschland, Berlin und der Küste, überall war die Klasse dabei, dem Kapital die Stirn zu zeigen. Am 16. Juli erließen die Arbeiter in Leipzig einen Aufruf, daß sich die Arbeiter anderer Städte ihnen anschließen sollten.

Die Intervention der Revolutionäre

Die Spartakisten standen bei diesen Bewegungen an vorderster Stelle.

Vom Frühjahr 1917 an hatten sie die Bedeutung der Entwicklung in Rußland erkannt. Sie waren die Kräfte, die die Brücke zur Arbeiterklasse in Rußland schlagen, die die Perspektive des internationalen Ausdehnung der revolutionären Kämpfe in Rußland aufzeigten wollten.

In ihren Schriften, in Flugblättern, in Redebeiträgen, in den Betrieben, immer wieder traten sie gegen die schwankenden, zögernden, vor klaren Stellungnahmen sich drückenden Zentristen an und trugen zum Begreifen der neuen Lage bei. Immer wieder entblößten sie den Verrat der Sozialpatrioten und zeigten den Weg auf, wie die Arbeiterklasse zu ihrem Klassenterrain zurückfinden konnte.

Die Spartakisten pochten unaufhaltsam darauf:

- wenn die Arbeiterklasse ein ausreichend großes Kräfteverhältnis entwickeln könnte, würde sie den Krieg zu Ende bringen und den Sturz der Kapitalistenklasse herbeiführen können,

- dazu war es aber notwendig, die revolutionäre Flamme, die die Arbeiterklasse in Rußland angezündet hatte, weiterzutragen. An entscheidender Stelle stand die Arbeiterklasse in Deutschland!

In Rußland haben Arbeiter und Bauern... die alte zarische Regierung gestürzt und die Leitung ihrer Geschicke selbst in die Hand genommen. Streiks und Arbeitseinstellungen von gleicher Zähigkeit und Geschlossenheit bringen uns in der gegenwärtigen Zeit nicht nur kleine Erfolge, sondern das Ende des Völkermordens, bringen den Sturz der deutschen Regierung (...). Die Arbeiterklasse war nie mächtiger als jetzt im Krieg, wenn sie geschlossen, solidarisch handelnd und kämpfend sich betätigt, die herrschende Klasse nie sterblicher(...). Nur die deutsche Revolution kann allen Völkern den heißersehnten Frieden und die Freiheit bringen. Die siegreiche russische Revolution im Bunde mit der siegreichen deutschen Revolution sind unbesiegbar. Von dem Tage an, wo unter den revolutionären Schlägen des Proletariats die deutsche Regierung samt dem deutschen Militarismus zusammenbricht, beginnt ein neues Zeitalter: ein Zeitalter, in dem Kriege, kapitalistische Ausbeutung und Bedrückung für immer verschwinden müssen.“ (Flugblatt der Spartakisten, April 1917)

Die Herrschaft der Reaktion und der imperialistischen Klassen in Deutschland gilt es zu brechen, wenn wir dem Völkermord ein Ende machen wollen... Nur durch Massenkampf, durch Massenauflehnung, durch Massenstreiks, die das ganze wirtschaftliche Getriebe und die gesamte Kriegsindustrie zum Stillstand bringen, nur durch Revolution und die Erringung der Volksrepublik in Deutschland durch die Arbeiterklasse kann dem Völkermord ein Ende gesetzt und der allgemeine Frieden herbeigeführt werden. Und nur so kann auch die russische Revolution gerettet werden. (...) Die internationale Katastrophe vermag nur das internationale Proletariat zu bändigen. Den imperialistischen Weltkrieg kann nur eine proletarische Weltrevolution liquidieren.“ (Spartakus Nr. 6, August 1917)

Die Linksradikalen waren sich ihrer Verantwortung bewußt und sahen, was auf dem Spiel stand, wenn die Revolution in Rußland isoliert bleiben sollte: „ ..... das Schicksal der russischen Revolution: sie kann lediglich als Prolog der europäischen Revolution des Proletariats ihr Ziel erreichen. Werden hingegen die europäischen, die deutschen Arbeiter dem spannenden Schauspiel weiter wohlwollend zuschauen und nur die Zaungäste spielen, dann darf die russische Sowjetherrschaft nichts anderes gewärtigen (erwarten) als das Geschick der Pariser Kommune [sprich die blutige Niederschlagung].“ (Spartakus, Januar 1918)

Deshalb mußte gerade das Proletariat in Deutschland, das an der Schlüsselstelle zur Ausdehnung der Revolution stand, seine historische Rolle wahrnehmen.

Das deutsche Proletariat ist der treueste, zuverlässigste Verbündete der russischen und internationalen proletarischen Revolution.“ (Lenin)

Überprüfen wir die Intervention der Spartakisten inhaltlich, können wir erkennen, daß sie klar, internationalistisch war und die richtige Orientierung für den Kampf der Arbeiter gab: Sturz der Regierung, die Perspektive: ein weltweiter Umsturz der kapitalistischen Gesellschaft, Bloßlegung der Sabotagetaktiken der Kräfte der Bourgeoisie.


Die Ausdehnung der Revolution auf die Zentren des Kapitalismus lebenswichtig

Während die Bewegung der Arbeiterklasse in Rußland vom Februar 1917 gegen den Krieg gerichtet war, war die Arbeiterklasse in Rußland selber zu schwach gewesen, den Krieg zu Ende zu bringen. Dazu ist es nötig, daß die Arbeiterklasse in den Industriehochburgen selber auf den Plan tritt. Die Arbeiter in Rußland waren sich dieser Notwendigkeit bewußt, und unmittelbar nachdem sie im Oktober 1917 die Macht übernommen hatten, sandten sie sofort einen Appell an die Arbeiterklasse in den kriegführenden Ländern mit dem Aufruf:

Die Arbeiter- und Bauernregierung, die durch die Revolution vom 24/25. Oktober geschaffen wurde und sich auf die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten stützt, schlägt allen kriegführenden Völkern und ihren Regierungen vor, sofort Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden aufzunehmen.“ (26. November 1917)

Die Weltbourgeoisie war sich jedoch der Gefahr, die für ihre Klassenherrschaft von dieser Lage ausging, voll bewußt. Sie wollte deshalb alles unternehmen, um das in Rußland entstandene Feuer zu löschen. Deshalb setzte die deutsche Bourgeoisie ihre Kriegsoffensive gegen Rußland fort, nachdem sie im Januar 1918 den Friedensabschluß von Brest-Litowsk unterzeichnet hatte.

Die Spartakisten hatten gegenüber diesen Friedensverhandlungen in einem Flugblatt „Die Stunde der Entscheidung“ im Dezember 1917 gewarnt: „Auch für das deutsche Proletariat schlägt nunmehr die Stunde der Entscheidung! Seid auf der Hut! Denn gerade durch diese Verhandlungen beabsichtigt die deutsche Regierung, dem Volke Sand in die Augen zu streuen, das Elend und den Jammer des Völkermordens noch zu verlängern und zu verschärfen. Die Regierung und die deutschen Imperialisten verfolgen nur durch neue Mittel ihre alten Ziele. Unter dem Deckmantel des Selbstbestimmungsrechts der Nationen sollen aus den besetzten russischen Provinzen Zwergstaaten geschaffen werden, damit sie - zu einer Scheinexistenz verdammt und von den deutschen ‘Befreiern’ wirtschaftlich wie politisch abhängig - später bei der ersten günstigen Gelegenheit, von ihnen regelrecht verspeist werden können.“

Es dauerte jedoch noch ein weiteres Jahr, bis die Arbeiterklasse in Industriezentren selbst stark genug war, um den imperialistischen, mörderischen Arm der jeweiligen Bourgeoisie zurückzuhalten.

Aber die Ausstrahlung der siegreichen Revolution in Rußland auf der einen Seite sowie die Intensivierung des Krieges durch die Imperialisten auf der anderen Seite führten jedoch nur zur einer noch größeren Entschlossenheit der Arbeiterklasse, den Krieg zu Ende zu bringen.

Die revolutionäre Flamme griff langsam auf andere Länder über.

* In Finnland wurde im Januar 1918 ein Arbeiterkomitee gegründet, das die Machtergreifung vorbereitete. Die Kämpfe in Finnland wurden dann im März militärisch niedergeschlagen. Das deutsche Militär mobilisierte alleine über 15.000 Soldaten. Bilanz der massakrierten Arbeiter: mehr als 25.000.

* Am 15. Januar 1918 begann in Wien Neustadt ein politischer Massenstreik, der sich über fast alle Teile der Habsburger Monarchie ausbreitete. In Brünn, Budapest, Graz, Prag, Wien und in anderen Städten kam es zu gewaltigen Demos für Frieden.

Ein Arbeiterrat wurde gebildet, der die Aktionen der Arbeiterklasse bündelte. Am 1. Februar 1918 erhoben sich die Matrosen der österreichisch-ungarischen Flotte im Kriegshafen Cattaro gegen die Weiterführung des Krieges und verbrüderten sich mit den streikenden Arsenalarbeitern.

Zur gleichen Zeit fanden Streiks in England, Frankreich und Holland statt (siehe dazu unseren Artikel in International Revue Nr. 80).

Die Januarkämpfe: Die SPD - Speerspitze der Bourgeoisie gegen die Arbeiter

Nachdem die deutsche Regierung die Offensive gegen die junge revolutionäre Arbeitermacht in Rußland fortsetzen wollte, kochte die Wut in den Reihen der Arbeiter in Deutschland über. Am 28. Januar traten in Berlin 400.000 Arbeiter in den Streik. Vor allem Rüstungsbetriebe wurden bestreikt. Am 29. Januar erhöhte sich die Zahl der Streikenden gar auf 500.000. Die Bewegung pflanzte sich in andere Städte in Deutschland fort: In München erließ eine Streikversammlung folgenden Aufruf: „Die streikenden Arbeiter Münchens entbieten ihre brüderliche Grüße den belgischen, französischen, englischen, italienischen, russischen, amerikanischen Arbeitern. Wir fühlen uns eins mit Euch in dem Entschluß, dem Weltkrieg sofort ein Ende zu bereiten... Wir wollen gemeinsam den Weltfrieden erzwingen ..... Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ (zitiert von R. Müller, S. 148)

In dieser größten Massenbewegung im Krieg bildeten die Arbeiter in Berlin einen Arbeiterrat. Ein Flugblatt der Spartakisten rief dazu folgendermaßen auf:

Wir müssen eine freigewählte Vertretung nach russischem und österreichischem Muster schaffen mit der Aufgabe, diesen und die weiteren Kämpfe zu leiten. Jeder Betrieb wählt pro 1000 Beschäftigten je einen Vertrauensmann.“ Insgesamt kamen über 1.800 Delegierte zusammen.

Die Belegschaften wurden von den Spartakisten dazu aufgerufen, daß die „Gewerkschaftsführer, Regierungssozialisten und andere ‘Durchhalter’ unter keinen Umständen in die Vertretungen gewählt werden. (...) Diese Handlanger und freiwilligen Agenten der Regierung, diese Todfeinde des Massenstreiks haben unter den kämpfenden Arbeitern nichts zu suchen! ..während des Massenstreiks im April 1917 haben sie in heimtückischer Weise der Streikbewegung das Genick gebrochen, indem sie die Unklarheit der Masse ausnutzten und den Kampf auf falsche Bahnen lenkten.(...) von diesen Wölfen im Schafspelz droht der Bewegung eine viel schlimmere Gefahr als von der königlich-preußischen und anderweitigen Polizei.“. Im Mittelpunkt der Forderungen standen: Frieden, Zuziehung von Arbeitervertretern aller Länder zu den Friedensverhandlungen. (...) Die Versammlung der Arbeiterräte rief dazu auf: „Wir richten an die Proletarier Deutschlands wie der anderen kriegführenden Länder insgesamt die dringende Aufforderung, wie schon die Arbeitskollegen in Österreich-Ungarn erfolgreich uns vorangegangen sind, so nunmehr gleichfalls in Massenstreiks einzutreten, denn erst der gemeinsame internationale Klassenkampf schafft uns endgültig Frieden, Freiheit und Brot.“ Ein weiteres Flugblatt der Spartakisten betonte: „Wir müssen mit der Reaktion ‘russisch’ reden.“ Es rief dazu auf, gemeinsam Demonstrationen auf der Straße durchzuführen.

Nachdem sich ca. eine Million Arbeiter der Bewegung angeschlossen hatten, schlug die herrschende Klasse eine Taktik ein, welche sie später immer wieder gegen die Arbeiterklasse einsetzte. Sie schaffte es, drei Vertreter der SPD in den Aktionsausschuß (Streikleitung) zu schicken, die ihre ganze Kraft für den Abbruch der Streiks einsetzten. Sie waren die Saboteure von Innen. Ebert gab unumwunden zu: „Ich bin mit der bestimmten Absicht in die Streikleitung eingetreten, den Streik zum schnellen Abschluß zu bringen und eine Schädigung des Landes zu verhüten’ (...) ‘Es war ja schließlich die Pflicht der Arbeiter daheim, ihre Brüder und Väter an der Front zu stützen und ihnen das Beste an Waffen zu liefern, was es gibt. Die Arbeiter Frankreichs und Englands verlieren auch nicht eine Arbeitsstunde, um ihren Brüdern an der Front zu helfen. Der Sieg ist selbstverständlich der Wunsch jedes Deutschen.“ (Ebert, 31.Januar1918) Die Arbeiter sollten ihre Illusionen über die SPD und ihre Führer noch teuer zu zahlen haben.

Nachdem die SPD seit 1914 die Arbeiter für den Krieg mobilisiert hatte, trat sie jetzt mit aller Kraft den Streiks entgegen. Das zeigt die Klarheit und den Überlebensinstinkt der herrschenden Klasse, wie bewußt sie sich war über die Gefährlichkeit der Arbeiterklasse. Die Spartakisten hatten die tödliche Gefahr, die von der Sozialdemokratie ausging, erkannt und warnten die Arbeiter vor ihnen. Aber selbst die heimtückischen Methoden der Sozialdemokratie reichten nicht.

Denn gleichzeitig mußte die herrschende Klasse direkt mit dem Militär brutal gegen die Streikenden vorgehen. Ein Dutzend Arbeiter wurden erschossen, mehrere Zehntausend Streikende zwangsrekrutiert, obgleich diese Zwangsrekrutierten in den darauffolgenden Monaten in der Armee agitierten und zu deren Destabilisierung beitrugen.

Die Streiks wurden dann am 3. Februar abgebrochen.

Wir sehen hier, daß die Arbeiterklasse in Deutschland genau die gleichen Kampfmittel einsetzte, Massenstreik, gewählte und abwählbare Delegierte, massives Zusammenkommen auf der Straße... Dies sind seitdem die ‘klassischen’ Waffen der Arbeiterklasse.

Die Spartakisten gaben auch dieser Bewegung die richtige Ausrichtung, hatten aber selbst noch keinen ausschlaggebenden Einfluß. „Unter den Delegierten waren eine Menge unserer Leute gewesen, nur waren sie zersplittert, hatten keinen Aktionsplan und verschwanden in der Menge.“ (Barthel, S. 591) Mit entscheidend war aber die Sabotagearbeit der Sozialdemokratie.

Diese Schwäche der Revolutionäre und die Sabotagearbeit der Sozialdemokratie waren die entscheidenden Faktoren für die Beendigung der Bewegung zum damaligen Zeitpunkt.

Wenn wir nicht in das Streikkomitee hineingegangen wären (...) , dann wäre der Krieg und alles andere meiner festen Überzeugung nach schon im Januar erledigt gewesen (...) Es bestand die Gefahr des totalen Zusammenbruchs und des Eintritts russischer Zustände. Durch unser Wirken wurde der Streik bald beendet und alles in geregelte Bahnen gelenkt.“ (Scheidemann)

Wir können sehen, daß die Bewegung in Deutschland auf einen viel stärkeren Widerstand stoßen sollte als in Rußland. Die Kapitalistenklasse hatte schon die Lehren gezogen, um gegenüber der Arbeiterklasse in Deutschland wie anderswo mit allen Mitteln vorzugehen.

Hier schon bewies die SPD, wie sie Fußangeln aufstellen konnte und der Bewegung die Spitze brach.

In den später folgenden Kämpfen sollte sich dies als noch verheerender erweisen.

Die Januar-Niederlage der Arbeiterklasse gab dem Kapital wiederum die Möglichkeit, seinen Krieg noch einige Monate fortzusetzen.

Im Laufe des Jahres 1918 sollte das Militär weitere Offensiven einleiten. Sie kosteten allein in Deutschland 1918 550.000 Tote und nahezu eine Million Verwundete.

Nach der Niederlage der Arbeiter im Januar 1918 war die Kampfbereitschaft trotzdem aber ungebrochen geblieben, und gerade unter dem Druck der sich weiter verschlechternden militärischen Lage desertierten immer mehr Soldaten, die Front fing an zu bröckeln. Ab dem Sommer 1918 nahm die Streikbereitschaft in den Betrieben wieder zu. Das Militär mußte offen eingestehen, daß die Fronten sich nicht mehr halten lassen könnten. Es drängte auf einen Waffenstillstand.

Und die herrschende Klasse hatte eine entscheidende Lehre aus Rußland gezogen.

Während noch im April 1917 die deutsche Bourgeoisie Lenin im verplombten Zug durch Deutschland rollen ließ, in der Hoffnung, die russischen Revolutionäre würden dort für Chaos sorgen und damit die deutschen imperialistischen Ziele erleichtern (daß dann später im Oktober 1917 eine proletarische Revolution entstand, hatten die deutschen Militärs nicht erwartet), mußte jetzt eine revolutionäre Entwicklung wie in Rußland vermieden werden.

Die SPD wurde in eine neu gebildete Regierung mit einbezogen, sie sollte als Puffer dienen.

Wenn wir jetzt unter allen Umständen unsere Mitarbeit verweigern, dann wäre mit der sehr ernsten Gefahr zu rechnen, (...) daß dann die Bewegung über uns hinweggeht und ein bolschewistisches Regime vorübergehend auch bei uns Platz greifen würde.“ (G. Noske, 23.09.1918)

In den Fabriken brodelte es, immer wieder brachen an verschiedenen Orten Streiks aus. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Massenstreikbewegung das ganze Land erfassen würde. Die aufsteigende Kampfbereitschaft lieferte dann den Nährboden für die Reaktion der Soldaten selber. Denn als das Militär im Oktober eine neuen Flottenoffensive befahl, kam es zu Meutereien. Die Matrosen von Kiel und anderen Ostseehäfen weigerten sich auszulaufen. Am 3. November erhob sich eine Welle von Protesten und Streiks gegen den Krieg. Überall wurden Arbeiter- und Soldatenräte gegründet. Innerhalb einer Woche war ganz Deutschland von einer Welle von Arbeiter- und Soldatenräte ‘überrollt’.

Während in Rußland die Fortsetzung des Krieges unter der Kerenski-Regierung nach Februar 1917 den entscheidenden Anstoß für den Arbeiterkampf geliefert hatte, so daß die Arbeiterklasse im Oktober 1917 selbst die Macht ergriffen hatte und den Krieg beenden wollte, setzte die herrschende Klasse in Deutschland, die besser gerüstet war als die russische, alles daran, ihre Macht zu verteidigen.

Am 11. November, d.h. eine Woche nach der rapiden Ausdehnung der Arbeiterkämpfe, dem Entstehen von Arbeiter- und Soldatenräten, wurde der Waffenstillstand vereinbart. In Deutschland beging die Bourgeoisie also nicht den Fehler, den Krieg ‘koste was es wolle’ gegen die Welle von Arbeiterkämpfen fortzusetzen. Mit der Beendigung des Krieges versuchte sie der Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen, damit es nicht zu einer Ausdehnung der Revolution kam. Darüber hinaus schickte sie ihr stärkstes Geschütz ins Feld: die SPD - mit den Gewerkschaften an ihrer Seite.

Der Regierungssozialismus stellt sich mit seinem jetzigen Eintritt in die Regierung als Retter des Kapitalismus der kommenden proletarischen Revolution in den Weg. Die proletarische Revolution wird über seine Leiche hinwegschreiten.“ (Spartakus-Brief Oktober 1918)

Ende Dezember schrieb Rosa Luxemburg: „In allen früheren Revolutionen traten die Kämpfer mit offenem Visier in die Schranken: Klasse gegen Klasse, Programm gegen Programm, Schild gegen Schild... In der heutigen Revolution treten die Schutztruppen der alten Ordnung nicht unter eigenen Schildern und Wappen der herrschenden Klassen, sondern unter der Fahne einer ‘sozialdemokratischen Partei’ in die Schranken. Es ist eine sozialistische Partei, es ist das ureigenste Geschöpf der Arbeiterbewegung und des Klassenkampfes, das sich in das wuchtigste Instrument der bürgerlichen Gegenrevolution verwandelt hat.“ (Rosa Luxemburg, Ein Pyrrhussieg, 21.Dezember1918)

Die Beendigung des Krieges nur möglich durch das Wirken der Revolutionäre

Die Arbeiterklasse in Deutschland hätte nie diese Kraft entfalten können ohne die systematische Hilfe und Intervention der Revolutionäre in ihren Reihen. Der Übergang vom Rausch des Hurrapatriotismus in großen Teilen der Arbeiterklasse 1914 bis hin zur Erhebung im November 1918 und zur erfolgreichen Beendigung des Krieges war nur dank der Arbeit der Revolutionäre möglich. Nicht der Pazifismus, sondern die revolutionäre Erhebung der Arbeiterklasse hatte den Krieg zu Ende gebracht.

Wenn die Revolutionäre nicht von Anfang an den Verrat der Sozialpatrioten mutig zur Sprache gebracht, sie nicht laut und deutlich in den Versammlungen, Fabriken, auf den Straßen ihre Stimme erhoben, sie nicht entschlossen die Saboteure des Klassenkampfes bloßgestellt hätten, wäre der Widerstand der Arbeiterklasse ohne Bezugspunkt geblieben.

Wenn wir zurückblicken und Bilanz ziehen hinsichtlich der Arbeit der Revolutionäre, können wir viele Lehren für heute ziehen.

Zunächst ließen sich Handvoll Revolutionäre im August 1914 nicht einschüchtern oder durch ihre geringe Zahl deprimieren. Sie behielten das Vertrauen in ihre Klasse und traten resolut weiter für die Prinzipien der Arbeiterklasse ein und intervenierten entschlossen ungeachtet der großen Schwierigkeiten, um das Kräfteverhältnis zum Kippen zu bringen. In den Ortsvereinen, an der Basis selber wie auch in anderen Ländern gruppierten die Revolutionäre schnell ihre Kräfte, ohne aufgrund der momentanen Niederlage der Arbeiterklasse ihre eigene Rolle zu verwerfen.

Indem sie der Arbeiterklasse eine politische Orientierung anboten, indem sie eine richtige politische Analyse des Imperialismus, der Klassenverhältnisse lieferten, indem sie die richtige Perspektive aufzeigten, dienten sie als politischer Kompaß.

Die konsequente Verteidigung der Organisation, um die SPD nicht kampflos den Verrätern zu überlassen, wie auch der Aufbau einer neuen Organisation, auf den wir in der nächsten Nummer eingehen wollen, waren ebenso zentraler Bestandteil dieses Kampfes.

Die Revolutionäre sind von Anfang für den Internationalismus und den internationalen Zusammenschluß der Revolutionäre zunächst (Zimmerwald & Kienthal) und der Klasse insgesamt (Zusammenschluß der Kämpfe) eingetreten.

Indem sie erkannten, daß der imperialistische Krieg nicht durch pazifistische Mittel, sondern nur durch Klassenkrieg, Bürgerkieg beendet werden könnten, daß also der Sturz der Kapitalsherrschaft notwendig war, um die Welt von der Barbarei zu befreien, traten sie konkret für die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft ein.

Diese politische Arbeit wäre nicht möglich gewesen, ohne die theoretische und programmatische Klärung vor dem Krieg. Ihr Kampf war eine Fortsetzung der Positionen der Linken innerhalb der II. Internationale gewesen, an deren Spitze Rosa Luxemburg und Lenin standen.

Wir können sehen, auch wenn die Zahl der Revolutionäre und ihr Einfluß am Anfang des Krieges noch gering waren (für die führenden Köpfe reichte anfangs noch der Platz Rosa Luxemburgs Wohnung, und die Delegierten von Zimmerwald paßten in drei Taxen), sollte ihre Arbeit ausschlaggebend werden. Auch wenn ihre Presse am Anfang noch in geringer Auflage zirkulierte, waren ihre inhaltlichen Aussagen und Orientierungen für die Arbeiterklasse unerläßlich und lieferten die Keime für die später aufgehende Saat.

All das muß uns die Augen für die Wichtigkeit der Arbeit der Revolutionäre öffnen. 1914 brauchte die Arbeiterklasse 4 Jahre, um sich aus ihrer Niederlage zu erholen und gegen den Krieg zu erheben. Heute zerfleischt sich die Arbeiterklasse in den Industriezentren nicht in einem Krieg, sondern muß sich gegen die Folterkammer der Krise zur Wehr setzen. Es dauert länger, bis die Arbeiterklasse ihre Kraft sammelt, um das System zu überwinden - aber genauso wie sie damals den Krieg nie hätte zu Ende bringen können, wenn nicht die Revolutionäre in ihrer Mitte entschlossen und klar gekämpft hätten, hängt sie heute noch mehr von der Intervention der Revolutionäre ab.

Wir werden dies in weiteren Artikeln verdeutlichen. Dv.

(1) „Aber nein, das ist eine Lüge! Das haben sie gefälscht, die Herren Imperialisten! Der ‘echte’ Vorwärts ist wahrscheinlich beschlagnahmt!“ so Sinowjew über Lenin)

(2) Pannekoek schrieb „Der große europäische Krieg und Sozialismus“, F. Mehring: „Vom Wesen des Krieges“, Lenin „Der Zusammenbruch der II. Internationale“, „ Sozialismus und Krieg“, „Die Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie im europäischen Krieg“, C. Zetkin und K. Duncker „Thesen zum Krieg“, Rosa Luxemburg „Junius-Broschüre/Die Krise der Sozialdemokratie“, Liebknecht „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“

(3) bis 1917 war der Mitgliederstand der SPD von einer Million 1914: auf ca. 200.000 geschrumpft.


Deutsche Revolution, Teil 2

Der Beginn der Revolution

 

Im letzten Artikel haben wir aufgezeigt, daß der Widerstand der Arbeiterklasse gegen den Krieg immer stärker wurde. Anfang 1917 - nach zweieinhalb Jahren Krieg, hatte die Arbeiterklasse international ein Kräfteverhältnis entwickeln können, wodurch die herrschende Klasse immer mehr unter Druck geriet. Im Februar 1917 erhoben sich die Arbeiter in Rußland gegen den Krieg und stürzten den Zar. Um aber den Krieg zu beenden, hatten sie im Oktober 1917 die bürgerliche Regierung absetzen und die Macht ergreifen müssen. Rußland hatte gezeigt: die Herbeiführung des Friedens war nicht möglich ohne den Sturz der herrschenden Klasse. Die siegreiche Machtübernahme sollte eine gewaltige Ausstrahlung auf die Arbeiter in den anderen Ländern haben. Zum ersten Mal in der Geschichte hatte es die Arbeiterklasse in einem Land geschafft, die Macht an sich zu reißen. Dies sollte ein Fanal für die Arbeiter in den anderen Ländern, vor allem in Österreich, Ungarn, ganz Mitteleuropa, hauptsächlich aber in Deutschland sein.

Auch in Deutschland hatten die Arbeiter nach anfänglichem Hurrapatriotismus zunehmend gegen den Krieg angekämpft. Angespornt durch die revolutionäre Entwicklung in Rußland war nach mehreren vorausgegangenen Kämpfen im April 1917 ein Massenstreik entbrannt. Im Januar 1918 stürzten sich ca. 1 Million Arbeiter in eine neue Streikbewegung, gründeten einen Arbeiterrat in Berlin. Unter dem Einfluß der Ereignisse in Rußland zerbröckelte im Sommer 1918 die Kampfbereitschaft an den Fronten immer mehr. In den Fabriken brodelte es, auf den Straßen sammelten sich immer mehr Arbeiter, um den Widerstand gegen den Krieg zu intensivieren. Die herrschende Klasse in Deutschland spürte die Ausstrahlung der russischen Revolution und wollte - um ihre eigene Haut zu retten - unbedingt ein Bollwerk gegen die Ausdehnung der Revolution errichten.

Aus der Entwicklung in Rußland „schlau“ geworden, zwang das Militär den Kaiser Ende September 1918 zum Abdanken und setzte eine neue Regierung ein. Aber die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse blieb weiter im Auftrieb. Es gärte weiterhin unaufhörlich.

Am 28. Oktober begann in Österreich, in den tschechischen und slowakischen Gebieten sowie in Budapest eine Welle von Streiks, die jeweils zum Sturz der Monarchie führten. Überall entstanden wie in Rußland Arbeiter- und Soldatenräte.

Die herrschende Klasse aber auch die Revolutionäre bereiteten sich jetzt auch in Deutschland auf eine entscheidende Phase der Auseinandersetzungen vor...


Die Revolutionäre bereiten den Aufstand vor

Auch wenn nahezu die gesamte Führungsspitze der Spartakisten (Liebknecht, Luxemburg, Jogiches) im Gefängnis saß, auch wenn durch einen Polizeischlag die illegale Druckerei der Partei für eine kurze Zeit lahmgelegt wurde, bereiteten die Revolutionäre um die Gruppe der Spartakisten weiter den Aufstand vor.

Anfang Oktober hielten die Spartakisten mit den Linksradikalen aus Bremen und anderen Städten eine Konferenz ab.

Auf dieser Konferenz wurde der Beginn der offenen revolutionären Auseinandersetzungen signalisiert und folgender Aufruf beschlossen, der in Deutschland wie an der Front in zahlreichen Exemplaren verbreitet wurde. Seine Hauptideen waren:

Die Soldaten haben begonnen, ihr Joch abzuwerfen, die Armee zerbricht, aber diese erste Regung der Revolution findet schon die Konterrevolution auf ihrem Posten. Indem sie scheinbare „demokratische“ Rechte einräumt, versucht die Konterrevolution, da die Gewaltmittel versagen, die Bewegung einzudämmen. Parlamentarisierung und ein neues Wahlrecht sollen das Proletariat dazu bewegen, weiter seine Lage zu erdulden.

In der Diskussion über die internationale Lage wurde der Tatsache Ausdruck gegeben, daß die Bewegung in Deutschland eine wesentliche moralische Unterstützung durch die russische Revolution gefunden hat. Es wurde beschlossen, den Genossen in Rußland den Ausdruck des Dankes, der Solidarität und brüderlicher Sympathie zu übermitteln mit dem Versprechen, diese Solidarität nicht durch Worte, sondern durch Aktionen, entsprechend dem russischen Vorbild, zu bestätigen (…). Die spontanen Meuterungen unter den Soldaten gilt es mit allen Mitteln zu unterstützen, zum bewaffneten Aufstand überzuleiten, den bewaffneten Aufstand zum Kampf um die ganze Macht für die Arbeiter und Soldaten auszuweiten und durch Massenstreiks der Arbeiter für uns siegreich zu machen. Das ist die Arbeit der allernächsten Tage und Wochen.“

Vom Anfang dieser revolutionären Auseinandersetzungen an können wir feststellen, daß die Spartakisten sofort die politischen Manöver der herrschenden Klasse durchschauten, den trügerischen Charakter der bürgerlichen Demokratie bloßlegten und die erforderlichen Schritte zum Vorantreiben der Bewegung ohne Verzögerung erkannt hatten: den Aufstand vorbereiten und die Arbeiterklasse in Rußland nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten unterstützen. Sie hatten verstanden: die Solidarität der Arbeiterklasse in dieser neuen Situation konnte sich nicht auf Worte beschränken, sondern die Arbeiter müssen selber in den Kampf treten. Diese Lehre zieht sich seitdem wie ein roter Faden durch die Erfahrung der Arbeiterkämpfe!

Aber die Bourgeoisie stand Gewehr bei Fuß. Sie hatte den Kaiser abgesetzt und ihn durch einen neuen Prinzen, Max von Baden, am 3. Oktober ersetzt. Und die SPD war schon im Oktober 1918 an der Regierung beteiligt.

Die SPD, die im vorigen Jahrhundert von der Arbeiterklasse selbst gegründet worden war, deren Führung 1914 verraten hatte, die die Internationalisten um die Spartakisten und die Linksradikalen sowie auch die Zentristen herausgeschmissen hatte, und seitdem kein proletarisches Leben mehr in sich barg, die jetzt schon seit Kriegsbeginn die imperialistische Politik unterstützte, sollte nun auch im revolutionären Ansturm des Proletariats gegen das kapitalistische Gebilde der revolutionären Erhebung der Arbeiterklasse entgegentreten.

Zum ersten Mal konnte das Kapital eine frühere, mittlerweile in das Lager des Kapitals übergewechselte „linke“ Partei an die Regierung holen - um in dieser revolutionären Situation den kapitalistischen Staat gegen die Arbeiterklasse zu schützen. Während sich viele Arbeiter dadurch Sand in die Augen streuen lassen sollten, erkannten die Revolutionäre sofort die neue Rolle der Sozialdemokratie. Rosa Luxemburg schrieb: „Der Regierungssozialismus stellt sich mit seinem jetzigen Eintritt in die Regierung als Retter des Kapitalismus der kommenden proletarischen Revolution in den Weg“ (Oktober 1918).

Seit Januar 1918, als der erste Arbeiterrat in den Massenstreiks in Berlin entstanden war, trafen sich regelmäßig geheim revolutionäre Obleute und führende Spartakisten. Die revolutionären Obleute standen der USPD sehr nahe. Auf dem Hintergrund der weiter ansteigenden Kampfbereitschaft, der zusammenbröckelnden Front, dem Drang der Arbeiter nach Taten fingen sie Ende Oktober nach der oben erwähnten Konferenz der Revolutionäre an, in einem Aktionsausschuß konkrete Pläne für einen Aufstand zu erörtern.

Am 23. Oktober war Liebknecht aus dem Gefängnis entlassen worden. Mehr als 20.000 Arbeiter begrüßten ihn bei seiner Ankunft in Berlin.

Nachdem die Regierung auf Drängen der SPD die Angehörigen der russischen Botschaft aus Berlin ausgewiesen hatte und von den Revolutionären anläßlich der russischen Revolution Versammlungen organisiert werden sollten, diskutierte der Aktionsausschuß über die Lage. Liebknecht drängte auf einen Generalstreik, auf Massendemonstrationen, die sich anschließend bewaffnen sollten. In einer Sitzung der revolutionären Obleute am 2. November schlug Liebknecht den 5 November vor, die Parolen sollten sein: „Sofortiger Frieden und Aufhebung des Belagerungszustandes, Deutschland sozialistische Republik, Bildung einer Regierung der Arbeiter- und Soldatenräte.“ (Drabkin S. 104)

Die revolutionären Obleute, die meinten, die Lage sei noch nicht reif, plädierten für weiteres Abwarten. Unterdessen warteten die Mitglieder der USPD in den Städten auf weitere Instruktionen, denn man wollte nicht vor Berlin losschlagen. Die Nachricht über einen bevorstehenden Aufstand wurde jedoch bis in andere Städte des Reichs verbreitet. Dies sollte die Ereignisse in Kiel fördern.

Als am 3. November in Kiel die Flotte zu weiteren Gefechten auslaufen sollte, erhoben sich die Matrosen und meuterten. Sofort wurden Soldatenräte gegründet, denen im gleichen Atemzug die Gründung von Arbeiterräten folgte. Die Führung des Militärs erwog, Kiel zu bombardieren. Aber nachdem sie erkannt hatte, daß die Meuterei sich nicht mehr gewaltsam unterdrücken ließ, schickten sie ihr trojanisches Pferd - den SPD-Führer Noske. Er schaffte es nach seiner Ankunft in Kiel, sich in den Arbeiterrat reinzuschmuggeln.

Aber gleichzeitig hatten die Kieler Arbeiter- und Soldatenräte ein Signal gesetzt. Sie bildeten massive Delegationen von Arbeitern und Soldaten, die sich in andere Städte begaben. Riesige Delegationen wurden nach Hamburg, Bremen, Flensburg, ins Ruhrgebiet, gar bis nach Köln geschickt, die dort vor Versammlungen der Arbeiter sprachen und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten aufriefen. So zogen Tausende von Arbeiter und Matrosen von den norddeutschen Städten auch nach Berlin und in andere Städte in die Provinz. Dort wurden viele von ihnen zunächst von regierungstreuen Soldaten verhaftet (über 1300 alleine am 6.November in Berlin), in Kasernen gesteckt - von wo sie allerdings ihre Agitation fortsetzten.

Innerhalb von einer Woche waren in den Großstädten Deutschlands überall Arbeiter- und Soldaten-Räte gegründet worden.

Die Arbeiter hatten die Ausdehnung ihrer Bewegung selber in die Hände genommen. Nicht Gewerkschaften oder parlamentarischen Vertretern hatten sie ihr Schicksal überlassen, sondern sie hatten ihren Kampf selbst in die Hand genommen. Nicht mehr nach Branchen, isoliert voneinander, kämpften die Arbeiter, mit jeweils branchenspezifischen Forderungen, sondern die Arbeiter einer ganzen Stadt schlossen sich zusammen und stellten gemeinsame Forderungen auf. Sie handelten selbst und suchten den Anschluß an die Arbeiter der anderen Städte! (1)

Weniger als 2 Jahre später als ihre Klassenbrüder in Rußland stellten die Arbeiter in Deutschland ihre Fähigkeit unter Beweis, ihren Kampf selbst in die Hand zu nehmen.

Bis zum 8. November wurden in nahezu allen Städten - mit Ausnahme Berlins - Arbeiter- und Soldatenräte (A/S-Räte) errichtet.

Am 8. November meldeten SPD-Vertrauensleute:

Die revolutionäre Bewegung sei nicht mehr aufzuhalten, wenn die SPD sich der Bewegung entgegenstellen wollte, würde sie einfach überrannt.“

Nachdem die ersten Nachrichten aus Kiel am 4. November in Berlin eintrafen, schlug Liebknecht im Vollzugsausschuß den Aufstand für den 8. November vor. Es war klar, während die Bewegung sich mittlerweile spontan im ganzen Land ausgedehnt hatte, erforderte der Aufstand in Berlin, dem Sitz der Regierung, ein zielgerichtetes, planmäßiges, die ganze Kraft bündelndes Vorgehen der Arbeiterklasse. Der Vollzugsrat zögerte weiter. Erst nachdem zwei Mitglieder des Vollzugsrates, die im Besitz der Aufstandspläne waren, am 8.November verhaftet worden waren, entschloß man sich, am nächsten Tag loszuschlagen. Die Spartakisten erließen am 8. November 1918 folgenden Aufruf:

Jetzt, da die Stunde des Handelns gekommen ist, darf es kein Zurück mehr geben. Die gleichen „Sozialisten“, die 4 Jahre lang der Regierung Zuhälterdienste geleistet haben, ... setzen alles daran, um Euren Kampf zu schwächen, um die Bewegung abzuwiegeln.

Arbeiter und Soldaten! Was Euren Genossen und Kameraden in Kiel, Hamburg, Bremen, Lübeck, Rostock, Flensburg, Hannover, Magdeburg, Braunschweig, München und Stuttgart gelungen ist: Das muß auch Euch gelingen. Denn von dem was Ihr erringt, von der Zähigkeit und dem Erfolge Eures Kampfes, hängt auch der Sieg Eurer dortigen Brüder ab, hängt der Erfolg des Proletariats der ganzen Welt ab. Soldaten! Handelt wie Eure Kameraden von der Flotte, vereinigt Euch mit Euren Brüdern im Arbeitskittel. Laßt Euch nicht gegen Eure Brüder gebrauchen, folgt nicht den Befehlen der Offiziere, schießt nicht auf die Freiheitskämpfer. Arbeiter und Soldaten! Die nächsten Ziele Eures Kampfes müssen sein:

1. Befreiung aller zivilen und militärischen Gefangenen.

2. Aufhebung aller Einzelstaaten und Beseitigung aller Dynastien

3. Wahl von Arbeiter- und Soldatenräten, Wahl von Delegierten hierzu in allen Fabriken und Truppenteilen.

4. Sofortige Aufnahme der Beziehungen zu den übrigen deutschen Arbeiter- und Soldatenräten.

5. Übernahme der Regierung durch die Beauftragten der Arbeiter- und Soldatenräte.

6. Sofortige Verbindung mit dem internationalen Proletariat, insbesondere mit der russischen Arbeiterrepublik.

Hoch die sozialistische Republik!

Es lebe die Internationale!

Die Gruppe Internationale (Spartakus­gruppe ) (8. November).


DIE EREIGNISSE DES 9. NOVEMBER

In den Morgenstunden des 9. November begann in Berlin der revolutionäre Aufstand.

Arbeiter, Soldaten, Genossen!

Die Entscheidungsstunde ist da! Es gilt, der historischen Aufgabe gerecht zu werden...

Wir fordern nicht Abdankung einer Person, sondern Republik!

Die sozialistische Republik mit all ihren Konsequenzen. Auf zum Kampf für Friede, Freiheit und Brot.

Heraus aus den Betrieben! Heraus aus den Kasernen! Reicht Euch die Hände! Es lebe die sozialistische Republik.“

(Flugblatt der Spartakisten)

Hunderttausende Arbeiter folgten den Aufrufen der Spartakusgrupppe und des Vollzugsausschusses, legten die Arbeit nieder und strömten in riesigen Demonstrationszügen in das Zentrum der Stadt. An der Spitze marschierten bewaffnet Arbeitergruppen. Die große Mehrheit der Truppen schloß sich den demonstrierenden Arbeitern an, verbrüderten sich mit ihnen. Am Mittag war Berlin in den Händen der revolutionären Arbeiter und Soldaten. Wichtige Punkte wurden von den Arbeitern besetzt. Eine Kolonne demonstrierender Arbeiter und Soldaten zog vor das Schloß. Dort sprach Liebknecht:

Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen.... Wenn auch das Alte niedergerissen ist, dürfen wir doch nicht glauben, daß unsere Aufgabe getan sei. Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen... Wir reichen (den Arbeitern der anderen Länder) die Hände und rufen sie zur Vollendung der Weltrevolution auf...“

Ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland.“ (Liebknecht am 9. November).

Liebknecht warnte die Arbeiter davor, bei dem Erreichten stehenzubleiben, er rief sie zur Übernahme der Macht und zum internationalen Zusammenschluß der Arbeiterklasse auf.

Am 9. November hatte das alte Regime das Schlachtfeld ohne Anwendung von Gewalt geräumt. Allerdings geschah das nicht, weil es vor Blutvergießen zurückscheute - es hatte schließlich Millionen Menschenleben auf dem Gewissen, sondern weil ihm die Revolution die Soldaten genommen hatte, die auf das Volk schießen konnten. Ähnlich wie in Rußland im Februar 1917, als sich die Soldaten auf die Seite der kämpfenden Arbeiter schlugen, sollte auch in Berlin die Reaktion der Soldaten im Kräfteverhältnis ein wichtiger Faktor sein. Aber erst indem sich die Arbeiter selbst organisierten, aus den Fabriken rauszogen und „die Straße besetzten“, sich massiv zusammenschloßen, konnte der „Knoten“ der Soldaten gelöst werden. Sie ließen sich von den Arbeitern überzeugen, anstecken, um sich dann mit ihnen zu verbrüdern. Das zeigt die führende Rolle der Arbeiterklasse auf!

Am Nachmittag des 9. Novembers kamen Tausende Delegierte im Zirkus Busch zusammen. R. Müller, ein führendes Mitglied der revolutionären Obleute rief dazu auf, daß „am 10. November in allen Betrieben und Truppenteilen Berlins die Wahl der Arbeiter- und Soldatenräte durchgeführt werden sollte. Die gewählten Räte sollten sich um 17.00 h im Zirkus Busch versammeln, um die provisorische Regierung zu wählen. Je 1000 Arbeiter und Arbeiterinnen hatten ein Mitglied des Arbeiterrates zu wählen, ebenso alle Soldaten je Bataillon ein Mitglied des Soldatenrates. Kleinere Betriebe (unter 500 Beschäftigte) wählten je einen Delegierten. Die Versammlung bestand auf Berufung der Machtorgane durch eine Räteversammlung.“ (Antrag R. Müller)

Die Arbeiterklasse hatte die ersten Schritte unternommen, um eine Doppelmacht aufzubauen. Würden sie soweit kommen können wie ihre russischen Klassenbrüder? Die Spartakisten bestanden darauf, daß der Druck und die Initiative aus den örtlichen Räten verstärkt werden müsse. Die lebendige Demokratie der Arbeiterklasse, aktive Selbstbeteiligung der Arbeiter, Vollversammlung in den Fabriken, Ernennung von Delegierten, die vor diesen Vollversammlungen verantwortlich und von ihnen abwählbar waren ! Das sollte die Praxis der Arbeiterklasse sein.

Revolutionäre Arbeiter und Soldaten besetzten am Abend des 9. November die Druckerei des „Berliner-Lokal-Anzeigers“ und druckten die erste Nummer der „Rote Fahne“. Diese erste Nummer warnte: „Es gibt keine Gemeinschaft mit denen, die euch vier Jahre verraten haben. Nieder mit dem Kapitalismus und seinen Agenten! Es lebe die Revolution. Es lebe die Internationale“.


Die Arbeiter griffen nach der Macht - die Kräfte der Bourgeoisie standen Gewehr bei Fuß

Der 1. Berliner Arbeiter- und Soldatenrat (genannt Vollzugsausschuß) verstand sich schnell als Organ der Macht. In seiner ersten Bekanntmachung vom 11. November hatte er sich als oberste Kontrollinstanz aller Kommunal-, Landes-, Reichs- und Militärbehörden konstituiert.

Aber die herrschende Klasse überläßt natürlich der Arbeiterklasse nicht freiwillig und ohne erbittertsten Widerstand das Feld.

Denn während Liebknecht vor dem Schloß die sozialistische Republik verkündet hatte, hatte gleichzeitig Prinz Max von Baden abgedankt; er übertrug die Regierungsgeschäfte an Ebert, den er zum Reichskanzler ernannte. Die SPD proklamierte „die freie deutsche Republik“.

Während die SPD offiziell die Regierungsgeschäfte übernahm und sofort zu „Ruhe und Ordnung“ aufrief, „freie Wahlen“ ankündigte, hatte sie gespürt, daß sie am besten der Bewegung entgegentreten könnte, indem sie sie von innen her untergrub.

Sie proklamierte einen eigenen Arbeiter- und Soldatenrat, der nur aus SPD-Funktionären bestand und von niemanden eine Legitimation besaß.

Nachdem dieser sich als A/S-Rat ausgab, behauptete die SPD dann, daß die Bewegung, die schon längst in Gang gekommen war, von der SPD und der USPD gemeinschaftlich geleitet wurde.

Diese Taktik, die Bewegung einzukreisen und von Innen her zu zerstören, ist seitdem immer wieder von den Linken mit ihren selbsternannten Räten, selbsternannten Streikkomitees, Koordinationen usw. angewandt worden. Die Sozialdemokratie und ihre späteren Nachfolger, die linkskapitalistischen Gruppierungen der sogenannten extremen Linken sind mittlerweile darauf spezialisiert, sich sofort an die Spitze einer Bewegung zu stellen, so zu tun, als seien sie deren Vertreter.

Während sie so im Vollzugsrat selber den Wind aus den Segeln nehmen wollten, griffen sie die Arbeiterklasse jedoch auch von der Regierung aus an, an deren Spitze sie sich schnell stellten. Die SPD verkündete, sie werde eine gemeinsame Regierung mit der USPD bilden. Die USPD willigte in die Regierungsbildung mit der SPD ein, wogegen die Spartakisten sie ablehnten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Spartakisten noch Mitglieder der USPD. In den Augen der meisten Arbeiter war der Unterschied zwischen USPD und Spartakisten hier verwischt. Die Spartakisten hatten jedoch eine klare Haltung zur Regierungsbildung. Sie hatten die Falle gerochen! Man setzt sich nicht mit dem Klassenfeind in ein Boot. Das beste Mittel, um Illusionen der Arbeiter über eine linkskapitalistische Partei zu bekämpfen, ist nicht, wie seitdem immer wieder die Trotzkisten und andere linke Gruppierungen behaupten, sie erst an die Regierung zu bringen, um ihr dort den Schleier der Lügen abzuziehen. Um das Bewußtsein voranzubringen, ist die schärfste Abgrenzung erforderlich und nichts anderes.

Am Abend des 9. November ließen sich die SPD und die USPD-Führung als Volksbeauftragte, als vom Vollzugsrat getragene Regierung proklamieren.

Die SPD hatte ihre ganze Cleverness gezeigt. Sowohl von der Regierungsbank aus wie auch im Namen des Vollzugsrates konnte sie gegen die Arbeiter vorgehen. Ebert war Reichskanzler wie auch Volksbeauftragter (d.h. vom Vollzugsrat gewählt), konnte so den Anschein erwecken, auf Seite der Revolution zu stehen. Daß er das Vertrauen des Kapitals besaß, stand fest; aber mit soviel Cleverness das Vertrauen des Vollzugsrat erschlichen zu haben, zeigt, wie betrügerisch die linken Kräfte des Kapitals vorgehen können.

Schauen wir an, wie geschickt die SPD auf der Versammlung des Berliner A/S-Rates am 10. November vorging. Ca. 3000 Menschen waren anwesend, es gab keine Kontrolle der Mandate, die Soldatenvertreter waren in der Mehrheit. Ebert sprach als erster. Der „alte Bruderstreit“ sei beendet, SPD und USPD hätten eine gemeinsame Regierung gebildet, jetzt ginge es darum, „gemeinsam den Aufbau der Wirtschaft auf den Grundsätzen des Sozialismus vorzunehmen. Es lebe die Einigkeit der deutschen Arbeiterklasse und der deutschen Soldaten“. Im Namen der USPD sprach Haase von der „Einheit“. „Wir wollen die Errungenschaften der großen sozialistischen Revolution befestigen... Die Regierung wird eine sozialistische sein.

Die bis vorgestern noch gegen die Revolution gearbeitet haben, sind nun nicht mehr dagegen.“ (E. Barth, 10. November 1918) „Es soll alles getan werden, damit sich die Konterrevolution nicht erhebe.“

Während die SPD schon alle Register zog, um die Arbeiter zu täuschen, trug die USPD das Ihre zur Deckung dieses Manövers bei. Die Spartakisten hatten die Gefahren erkannt: Liebknecht sprach auf dieser Versammlung:

Ich muß Wasser in den Wein Eurer Begeisterung schütten. Die Gegenrevolution ist bereits auf dem Marsche, sie ist bereits in Aktion... Ich sage Euch: Feinde ringsum!

(er nennt die konterrevolutionären Absichten der Sozialdemokratie.) Ich weiß, wie unangenehm Ihnen diese Störung ist, aber wenn Sie mich erschießen, ich werde das aussprechen, was ich für notwendig halte“

Die Spartakisten warnten vor den Feinden und bestanden auf der Notwendigkeit des Sturzes des Systems. Nicht Auswechslung von Personen sei angesagt, sondern Überwindung des Systems selber.

Während die SPD und in deren Schlepptau die USPD so taten, als ob es mit der Auswechslung der Führer, mit dem Einsetzen einer neuen Regierung getan sei, nur um die alten Machtstrukturen, um das System intakt zu lassen, riefen die Revolutionäre zur Fortführung des Kampfes auf.

Auch hier lieferte die SPD eine Lehrstunde für die Vorgehensweise der Verteidiger des Kapitals. Diese Vorgehensweise haben sie immer wieder praktiziert, sie lenken die Wut auf Führerpersönlichkeiten, um das System unangetastet zu lassen. (2)

Die SPD trommelte auf die Arbeiter in ihrer Zeitung „Vorwärts“ ein. Am 10. November schrieb er unter dem Titel: „Einigkeit: Kein Bruderkampf“

Der gestrige Tag (9. November) hat in der Arbeiterschaft das Gefühl für die Notwendigkeit innerer Einheit hoch emporlodern lassen. Aus fast allen Städten, aus ganzen Ländern, aus ganzen Bundesstaaten hören wir, daß alte Partei und Unabhängige sich am Tage der Revolution wieder zusammengefunden und zu der alten geschlossenen Partei geeint haben... Das Versöhnungswerk darf nicht an einigen Verbitterten scheitern, deren Charakter nicht stark genug ist, um alten Groll überwinden und vergessen zu können. Soll nun der Welt nach solchem herrlichen Triumph (über das alte Regime) das Schauspiel der Selbstzerfleischung der Arbeiterschaft in sinnlosem Bruderkampf geboten werden?“ (Vorwärts, 10.11.1918).


DIE ZWEI WAFFEN DES KAPITALS :POLITISCHE SABOTAGE …

Die SPD brachte ein ganzes Arsenal von Waffen gegen die Arbeiterklasse ins Feld. Neben dem Ruf nach „Einheit“ spritzte sie vor allem das Gift der bürgerlichen Demokratie. Die Einführung des „allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts aller erwachsenen Männer und Frauen wurde als die wichtigste politische Errungenschaft der Revolution und zugleich als das Mittel dargestellt, die kapitalistische Gesellschaftsordnung nach dem Willen des Volkes in planmäßiger Arbeit zur sozialistischen umzuwandeln“. Mit der Ausrufung der Republik, dadurch, daß SPD-Minister an der Macht seien, sei das Ziel, der Republik erreicht, und mit der Abdankung des Kaisers und der Ernennung Eberts zum Reichskanzler sei „der freie Volksstaat“ da. Dabei war in Deutschland nur ein Anachronismus (an der Staatsspitze hatte noch ein Kaiser gestanden, obwohl die politische Herrschaft längst in den Händen der bürgerlichen Klasse lag) abgeschafft worden. An der Staatsspitze stand jetzt kein Monarch mehr, sondern ein „Bürgerlicher“.

Der Ruf nach „demokratischen Wahlen“ war direkt gegen die Arbeiterräte gerichtet. Die SPD bombardierte die Arbeiter mit einer verlogenen Propaganda: „Wer Brot will, muß den Frieden wollen. Wer den Frieden will, muß die Konstituante wollen, die freigewählte Vertretung des ganzen deutschen Volkes. Wer die Konstituante verhindert oder hinauszögert, bringt sie um Frieden, Freiheit und Brot, raubt ihnen die unmittelbaren Früchte des Revolutionssieges, ist ein Konterrevolutionär.

Die Sozialisierung wird und muß kommen... durch den Willen des arbeitenden Volkes, das grundsätzlich die Wirtschaft beseitigen will, die vom Streben des einzelnen nach Profit bewegt wird. Aber sie wird tausendmal leichter durchzusetzen sein, wenn die Konsitutante sie beschließt, als wenn die Diktatur irgendeines Revolutionsausschusses sie verordnet...

Der Schrei nach der Konstituante ist der Schrei nach dem aufbauenden, schaffenden Sozialismus, nach jenem Sozialismus, der den Volkswohlstand mehrt, Volksglück und Volksfreiheit erhöht und für den allein sich zu kämpfen lohnt.

Die deutsche Einheit erfordert die Nationalversammlung. Nur unter ihrem Schutz kann sich die neue deutsche Kultur entfalten, die stets unser Ziel und der Kern unseres nationalen Wollens gewesen ist.

Die Errungenschaften der Revolution sind im Willen des ganzen Volkes so fest verankert, daß nur Angsthasen vor der Konterrevolution Alpdrücken bekommen könnten.“ (Flugblatt der SPD)

Wenn wir hier so ausführlich die SPD zitieren, dann damit man ein wirkliches Bild von der Spitzfindigkeit und Verschlagenheit der Linken bekommt.

Wir haben hier ein seitdem klassisches Merkmal des Klassenkampfes in den hochindustrialisierten Ländern. Wenn die Arbeiterklasse ihren Zusammenschluß anstrebt, sind es immer wieder die Kräfte der Linken gewesen, die mit cleverster Demagogie auftreten, vorgeben, im Namen der Arbeiter zu handeln; die die Kämpfe von innen her zu sabotieren versuchen und die Bewegung daran hindern, einen entscheidenden Schritt voranzugehen. Es stand hier der revolutionären Arbeiterklasse in Deutschland ein ungleich stärkerer Gegner gegenüber als den Arbeitern in Rußland. Mit einer radikalen Sprache bezichtigte die SPD im Namen der Revolution die Spartakisten als Konterrevolutionäre. Um die Arbeiterklasse zu täuschen, sind die Linken gezwungen, eine radikale Sprache zu sprechen und sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Gleichzeitig war damals schon deutlich, wie stark die SPD in den Staat integriert war, daß sie nicht als außerhalb des Staates stehende Partei gegen die Arbeiter vorging, sondern gar von dessen Spitze aus.

Die ersten Tage revolutionärer Auseinandersetzungen zeigten damals schon ein allgemeines Merkmal des Klassenkampfes in den hochindustrialisierten Ländern auf. Eine mit allen Wassern gewaschene Bourgeoisie prallt mit einer starken Arbeiterklasse zusammen. Es war eine Illusion zu glauben, der Arbeiterklasse könnte der Sieg leicht in die Hände fallen.

Wie wir später sehen werden, traten als zweiter Stützpfeiler des Kapitals die Gewerkschaften auf, die sofort nach Ausbruch der Bewegung eine Arbeitsgemeinschaft mit den Unternehmern eingingen. Nachdem sie im Krieg die Produktion für den Krieg organisiert hatten, sollten sie nun mit der SPD für die Niederschlagung der Bewegung eintreten. Einige Konzessionen wie unter anderem der 8-Stunden-Tag wurden gemacht, um durch das Zugestehen von ökonomischen Verbesserungen die Arbeiter von einer weiteren Radikalisierung abzuhalten.


Aber selbst die politische Sabotage, die Untergrabung des Bewußtseins der Arbeiter durch die SPD reichte nicht aus, denn - gleichzeitig schlug die SPD in Absprache mit den Militärs eine militärische Vorgehensweise ein.


REPRESSION

Der Oberbefehlshaber des Militärs, General Groener, der im Krieg tagtäglich mit SPD und Gewerkschaften zusammenarbeitete, denn er war für Rüstungsvorhaben verantwortlich, erklärte:

Wir haben uns verbündet zum Kampf gegen den Bolschewismus. An eine Wiedereinführung der Monarchie war nicht zu denken… Ich habe dem Feldmarschall den Rat gegeben, nicht mit der Waffe die Revolution zu bekämpfen, weil zu befürchten sei, daß bei der Verfassung der Truppen eine solche Bekämpfung scheitern würde. Ich habe ihm vorgeschlagen, die Oberste Heeresleitung möge sich mit der SPD verbünden, da es zurzeit keine Partei gebe, die Einfluß genug habe im Volke, besonders bei den Massen, um eine Regierungsgewalt mit der Obersten Heeresleitung wieder herzustellen. Die Rechtsparteien waren vollkommen verschwunden, mit den äußersten Radikalen zusammenzugehen, war ausgeschlossen. Zunächst handelte es sich darum, in Berlin den Arbeiter- und Soldatenräten die Gewalt zu entreißen. Zu diesem Zwecke wurde ein Unternehmen geplant. 10 Divisionen sollten in Berlin einmarschieren. Ebert war damit einverstanden.... Wir haben ein Programm ausgearbeitet, das nach dem Einmarsch eine Säuberung Berlins und die Entwaffnung der Spartakisten vorsah. Das war auch mit Ebert besprochen, dem ich dafür besonders dankbar bin wegen seiner absoluten Vaterlandsliebe... Dieses Bündnis war geschlossen gegen die Gefahr der Bolschewiken und gegen das Rätesystem“ (Groener, Oktober- November 1925, Zeugenaussage).

Zu diesem Zweck telefonierte Groener täglich abends mit Ebert und seinen Konsorten auf geheimen Leitungen zwischen 23.00 und 1.00 Uhr nachts und traf Absprachen.

Im Gegensatz zu Rußland, wo die Macht im Oktober in die Hände der Arbeiter nahezu unblutig fiel, schickte sich die Bourgeoisie in Deutschland sofort an, neben der politischen Sabotage einen Bürgerkrieg auszulösen. Vom ersten Tag an traf sie alle Vorbereitungen für eine militärische Niederschlagung.


DIE INTERVENTION DER REVOLUTIONÄRE

Um die Intervention der Revolutionäre zu bewerten, müssen wir jeweils ihre Fähigkeit überprüfen, die Bewegung der Klasse, das Kräfteverhältnis, das „Erreichte“, die weiteren Perspektiven richtig einzuschätzen. Was sagten die Spartakisten?

Die Revolution hat begonnen. Nicht Jubel über das Vollbrachte, nicht Triumph über den niedergeworfenen Feind ist am Platz, sondern strengste Selbstkritik und eiserne Zusammenhaltung der Energie, um das begonnene Werk weiterzuführen. Denn das Vollbrachte ist gering, und der Feind ist NICHT niedergeworfen. Was ist erreicht? Die Monarchie ist hinweggefegt, die oberste Regierungsgewalt ist in die Hände von Arbeiter- und Soldatenvertretern übergegangen. Aber die Monarchie war nie der eigentliche Feind, sie war nur Fassade, sie war das Aushängeschild des Imperialismus.... Die Abschaffung der Kapitalsherrschaft, die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaftsordnung- dies und nichts Geringeres ist das geschichtliche Thema der gegenwärtigen Revolution. Ein gewaltiges Werk, das nicht im Handumdrehen durch ein paar Dekrete von oben herab vollbracht, das nur durch die eigene bewußte Aktion der Masse der Arbeitenden in Stadt und Land ins Leben gerufen, das nur durch höchste geistige Reife und unerschöpflichen Idealismus der Volksmassen durch alle Stürme glücklich in den Hafen gebracht werden kann.

Die ganze Macht in die Hände der arbeitenden Masse, in die Hände der Arbeiter- und Soldatenräte, Sicherung des Revolutionswerkes vor seinen lauernden Feinden: dies die Richtlinie für alle Maßnahmen der revolutionären Regierung…

Ausbau und Wiederwahl der lokalen Arbeiter- und Soldatenräte, damit die erste chaotische und impulsive Geste ihrer Entstehung durch bewußten Prozeß der Selbstverständigung über Ziele, Aufgaben und Wege der Revolution ersetzt wird;

tändige Tagung dieser Vertretungen der Masse und Übertragung der eigentlichen politischen Macht aus dem kleinen Komitee des Vollzugsrates in die breitere Basis des Arbeiter- und Soldatenrats;

schleunigste Einberufung des Reichsparlamentes der Arbeiter und Soldaten, um die Proletarier ganz Deutschlands als Klasse, als kompakte politische Macht zu konstituieren und hinter das Werk der Revolution als ihre Schutzwehr und ihre Stoßkraft zu stellen;

unverzügliche Organisierung nicht der „Bauern“, sondern der ländlichen Proletarier und Kleinbauern, die als Schicht bisher noch außerhalb der Revolution stehen;

Bildung einer proletarischen Roten Garde zum ständigen Schutz der Revolution und Heranbildung der Arbeitermiliz, um das gesamte Proletariat zur jeder Zeit bereiten Wacht zu gestalten;

Verdrängung der übernommenen Organe des absolutistischen militärischen Polizeistaats von der Verwaltung, Justiz und Armee,

...

sofortige Einberufung des Arbeiter-Weltkongresses nach Deutschland, um den sozialistischen und internationalen Charakter der Revolution scharf und klar hervorzukehren, denn in der Internationale, in der Weltrevolution des Proletariats allein ist die Zukunft der deutschen Revolution verankert“ (Rote Fahne, 18. November 1918)

Zerstörung der Machtposition der Gegenrevolution, Aufbau und Festigung der proletarischen Macht - das waren die beiden Aufgaben, die die Spartakisten mit bemerkenswerter Klarheit in den Vordergrund stellten.

Das Fazit der ersten Woche der Revolution heißt: Im Staate der Hohenzollern hat sich im wesentlich nichts verändert, die Arbeiter- und Soldatenregierung fungiert als Stellvertreterin der imperialistischen Regierung, die bankrott geworden ist. All ihr Tun und Lassen ist von der Furcht vor der Arbeiter­­­­­mas­­­­­se getragen. ..

Der reaktionäre Staat der zivilisierten Welt wird nicht in 24 Stunden zum revolutionären Volksstaat. Soldaten, die gestern in Finnland, Rußland, der Ukraine, im Baltikum als Gendarmen der Reaktion revolutionäre Proletarier mordeten, und Arbeiter, die dies ruhig geschehen ließen, sind nicht in 24 Stunden zu zielklaren Trägern des Sozialismus geworden.“(Rote Fahne, 18. November 1918)

Die Einschätzung der Spartakisten, daß es sich nicht um eine bürgerliche Revolution, sondern um die bürgerliche Konterrevolution handelte, die da auf dem Vormarsch war, ihre Fähigkeit, die Lage mit Überblick, Weitblick einzuschätzen, ist ein schlagender Beweis für die Notwendigkeit revolutionärer Organisationen.

DIE ARBEITERRÄTE – SPEERSPITZE DER REVOLUTION …

Wie weiter oben beschrieben, waren in den ersten Novembertagen überall in den Großstädten Arbeiter- und Soldatenräte entstanden. Auch wenn die Räte „plötzlich“ auftauchten, kam ihr Entstehen für die Revolutionäre alles andere als unerwartet. In Rußland waren sie ebenfalls in den revolutionären Kämpfen aufgetaucht, genauso wie in Österreich-Ungarn. Denn die Arbeiterräte sind, wie es die Kommunistische Internationale im März 1919 durch die Stimme Lenins ausdrückte: „die praktische Form, die das Proletariat in den Stand setzt, seine Herrschaft zu verwirklichen. Diese Form ist das Sowjetsystem mit der Diktatur des Proletariats. Diktatur des Proletariats! Das war bisher Latein für die Massen. Mit der Ausbreitung des Sowjetsystems in der ganzen Welt ist dieses Latein in alle modernen Sprachen übersetzt worden: die praktische Form der Diktatur ist durch die Arbeitermassen gefunden...“

Das Entstehen von Arbeiterräten spiegelt den Willen der Arbeiterklasse wider, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen.

Als solches können die Arbeiterräte erst entstehen, wenn in der Klasse insgesamt eine Massenaktivität und tiefgreifende Bewußtseinsentwicklung in Gang gekommen ist. Die Arbeiterräte sind insofern nur die Speerspitze einer allumfassenden Bewegung der Klasse, und sie stehen und fallen mit der Gesamtaktivität der Klasse. Wenn die Aktivität der Arbeiterklasse in den Betrieben nachläßt, wenn die Kampfbereitschaft insgesamt abflaut, wenn das Bewußtsein der Klasse zurückweicht, haben auc