Wer kann die Welt retten (Teil 2)

Das Proletariat ist die revolutionäre Klasse

Im ersten Teil dieses Artikels haben wir die Gründe aufgezeigt, weshalb das Proletariat die einzige revolutionäre Klasse in der kapitali­stischen Gesellschaft ist. Wir haben gesehen, dass allein das Proletariat die Kraft darstellt, die fähig ist, eine neue Gesell­schaft aufzu­bauen. Eine Gesellschaft frei von Ausbeutung und imstande, die Bedürfnisse der Menschheit voll zu befriedigen; die im Ka­pitalismus unlösbaren Widersprüche zu lösen, welche die heutige Welt zu­grunderichten. Diese Fähigkeit des Proleta­riats, die der Marxismus schon während des letzten Jahrhunderts her­vorgehoben hatte, rührt nicht einfach aus dem Grad der Mi­sere und der Unterdrückung, der es tagtäg­lich ausgesetzt ist. Sie beruht noch weniger auf irgendeiner "göttlichen Einge­bung", die das Proletariat zum "Messias der heutigen Zeit" machen würde, so wie das ei­nige bürgerliche Ideologen dem Marxismus unter­stellen. Diese Fähigkeit der Arbeiter­klasse ist verwurzelt in den materiellen  Be­dingungen: Dem Platz, den das Prole­tariat in den kapitalistischen Produktionsver­hältnissen einnimmt, seiner Rolle als kollekti­ver Produ­zent der gesellschaftlichen Reichtümer und zugleich als ausgebeutete Klasse in­nerhalb derselben Produktionsver­hältnisse. Ihre Rolle im Kapitalismus erlaubt es der Ar­beiterklasse nicht, im Gegensatz zu anderen Klassen und unterdrückten Schichten der Gesellschaft (z.B. die Klein­bauern), auf eine Rückkehr in die Vergan­genheit zu hoffen. Ganz im Gegenteil ist sie gezwungen, das Rad der Geschichte nicht rückwärts zu drehen, sondern sich der Zu­kunft zuzuwenden: Der Abschaffung der Lohnarbeit und der Errichtung einer kommunisti­schen Gesellschaft.

Alle diese Erkenntnisse sind nichts Neues, sondern Bestandteil der klassischen marxisti­schen Theorie. Eines der hinterhäl­tigsten Mittel jedoch, mit welchem die bürgerliche Ideologie die Arbeiterklasse von ihrem kom­munistischen Projekt abzubrin­gen versucht, ist dem Proletariat einzure­den, dass es dabei sei zu verschwinden oder schon gar nicht mehr existiere. Die revolu­tionäre Perspektive habe einen Sinn gehabt, als die Industriearbeiter eine überwiegende Mehrheit der Lohnempfän­ger ausmachten. Doch mit dem heuti­gen zahlenmäßigen Schrumpfen dieses Teils ver­schwindet  auch eine revolutionäre Perspek­tive. Man muss übrigens festhalten, dass die­ses Gerede nicht nur auf die weniger bewus­sten Arbei­ter einen Einfluss ausübt, sondern auch auf gewisse Gruppen, die sich auf den Kommu­nismus berufen. Dies ist ein zusätzli­cher Grund, das Aufkommen von sol­chem Ge­rede zu bekämpfen.

DAS ANGEBLICHE "VERSCHWINDEN" DER ARBEITER­KLASSE

Die bürgerlichen "Theorien" vom "Verschwinden" der Arbeiterklasse sind altbe­kannt.  Während mehre­rer Jahrzehnte be­haupteten sie, dass sich der Lebensstan­dard der Arbeiter in einem gewissen Masse verbes­sert habe. Die Möglichkeit, dass die Arbeiter Konsumgüter erwerben könnten, die vorher der Bourgeoisie oder dem Kleinbürgertum vorbehalten waren, zeige deut­lich das Ver­schwinden der Arbeiterklasse. Schon zu der damaligen Zeit konnten solche "Theorien" nicht auf­rechterhalten werden: Wenn das Au­tomobil, der Fernseher oder Kühlschrank weit verbrei­tet sind - relativ billige Güter dank der Steige­rung der Pro­duktivität der menschlichen Ar­beit - wenn außerdem diese Güter unverzicht­bar sind für die Entwicklung der Lebensbe­dingungen der Arbeiter[1], heißt die Tatsa­che, sie zu besitzen, noch lange nicht, dass man sich vom Arbeiterdasein be­freien kann oder dass man weniger ausgebeu­tet ist. In Wirklich­keit ist der Grad der Aus­beutung der Ar­beiterklasse nie bestimmt ge­wesen durch die Menge oder die Art der Konsumgüter, über die sie in einem bestimm­ten Mo­ment verfügen konnte. Marx und der Marxis­mus ha­ben auf diese Frage schon vor langer Zeit eine Antwort gegeben: Die Kauf­kraft der Lohnempfänger entspricht dem Wert ihrer Arbeitskraft. Mit anderen Worten; sie ent­spricht der Menge der Güter, die notwen­dig, sind um diese Arbeits­kraft wiederherzu­stellen. Wenn ein  Kapitalist einen Arbeiter einstellt, dann will er damit möglichst viel aus dem Arbeiter im Produk­tionsprozess heraus­holen. Dies setzt voraus, dass der Arbeiter nicht nur Nahrung, Klei­dung und Wohnung hat, sondern sich erho­len und die notwendige Ausbildung aneig­nen kann, um die Produkti­onsmittel laufend zu verbessern.

Aus diesem Grund hat die Einführung und die Verlängerung der Dauer von bezahltem Ur­laub, die man in den hochentwickelten Län­dern im Verlaufe des 20. Jahrhunderts fest­stellen konnte, nichts mit "Menschenfreundlichkeit" der Bourgeoisie zu tun. Sie sind absolut notwendig für die kolos­sale Steigerung der Arbeitsproduktivi­tät und das Tempo, in dem dies geschieht, genauso wie die Gesamtheit der städtischen Lebensbe­dingungen.  Auch das (relative) Verschwinden der Kinderarbeit und die Verlängerung der Schulzeit (bevor dies ein Mittel zur Ver­schleierung der Ar­beitslosigkeit geworden ist), die man uns als weiteres Geschenk der herr­schenden Klasse darstellt, erwächst grund­sätzlich aus der Not­wendigkeit für das Kapital, über Ar­beitskräfte verfügen zu können, wel­che an die Erforder­nisse des unaufhörlich wach­senden Qualifizierungsprozesses der Ar­beit infolge ständig komplexer werdender tech­nischer Produktionsabläufe  angepasst sind. übrigens muss man bei der "Erhöhung" der Löhne, de­rer sich die Bourgeoisie vor al­lem seit dem Zweiten Weltkrieg rühmt, in Be­tracht ziehen, dass die Arbeiter nun ihre Kin­der während ei­ner viel längeren Zeit unter­halten müssen als in der Vergangen­heit. Als die Kinder mit 12 Jahren  oder weniger arbei­ten gingen, lieferten sie, bevor sie selbst eine Familie gründeten, während mehr als zehn Jahre ein zusätzliches Ein­kommen an die Fa­milie ab. Mit der Schul­pflicht bis hin zu 18 Jahren verschwindet dieser Zuschuss fast gänzlich. Anders ausgedrückt sind die "Lohnerhöhungen" auch (und zum größten Teil) eines der Mittel, mit welchen der Kapi­talismus die neuen Generationen von Arbei­tern auf die neuen technologischen Produkti­onsbedingungen vorbereitet.

Auch wenn der Kapitalismus der hochentwic­kelten Länder während einer gewissen Zeit  Illusionen über die Reduzie­rung der Ausbeu­tung von Lohnabhängigen schüren konnte, so ist das nichts anderes als ein äußerer Schein. Tatsächlich ist der Grad der Ausbeu­tung, d.h. das Verhältnis zwischen dem durch den Ar­beiter produ­zierten Mehrwert und dem Lohn, den er er­hält[2], ständig gewachsen. Deshalb sprach schon Marx von ei­ner "relativen" Ver­armung der Arbeiterklasse als permanenten Tendenz im Kapitalismus.

Während die Bourgeoisie einiger europäi­scher Staaten von den "glorreichen 30 Jah­ren"  sprach, womit sie die Jahre des relati­ven Auf­schwungs in der Zeit des Wieder­aufbaus nach dem 2. Welt­krieg meinte, ver­stärkte sich die Ausbeutung der Ar­beiter kontinuierlich, auch wenn sich dies nicht in einem Sinken ihres Lebensniveaus ausdrückte. Heute stehen wir nicht mehr nur vor einer Frage der relativen Verarmung. Die "Verbesserungen" der Ge­hälter der Ar­beiter sind im Laufe der Zeit auf­gefressen worden,  und die absolute Verar­mung, de­ren definitives Ende die Schreiber­linge der bürgerlichen Ökonomie angekündigt hatten, hat in den "reichen" Lä­ndern stark zu­genommen. Angesichts der Krise greift die herrschende Klasse in allen Ländern den Le­bensstandard der Arbeiter massiv an. Durch die Arbeitslosigkeit, die dra­stische Kürzung der Sozialleistungen und auch durch die Sen­kung der Nominallöhne wird dem Gerede über die die "Konsumgesellschaft" und die "Verbürgerlichung" der Arbeiterklasse den Boden entzogen. Aus diesem Grunde wer­den jetzt beim Gerede vom "Aussterben des Pro­letariates" andere Argu­mente vorge­bracht. Mehr und mehr ist die Rede von den Verände­rungen, welche die ver­schiedenen Teile der Arbeiterklasse beeinflussen, und besonders vom Rückgang der Indu­striearbeit und dem sinkenden An­teil der "Handarbeiter" an der Gesamtmasse der be­zahlten Arbeiter.

Solche Reden beruhen auf einer plumpen Ver­fälschung des Marxismus. Der Marxis­mus hat das Proletariat nie einfach mit dem Industrie­arbeiter im "Blaumann" gleichge­setzt.  Es stimmt zwar, dass zu Marxens Zeit die größten Teile der Arbeiterklasse sogenannte "Handarbeiter" waren, aber es hat im Prole­tariat schon immer Arbeiter ge­geben, welche mit hochentwickelten Tech­nologien arbeiteten oder wichtige wissen­schaftliche Fähigkeiten auf­weisen mussten. So beispielsweise gewisse traditionelle Be­rufe, bei denen die "Gesellen" eine lange Lehrzeit absolvieren mussten. Des­gleichen Berufe wie Korrektoren in Drucke­reien, die über unverzichtbare Kenntnisse verfügen mussten, und so fast "intellektuelle Ar­beiter" waren. Diese Tatsache hat nicht ver­hindert, dass diese Branche oft an der Spitze von Arbeiterkämpfen stand. Der ver­meintliche Gegensatz zwischen den Arbei­tern, die z.B. im englischen als "blue bzw. white collar" be­zeichnet werden, entspricht einer Aufteilung, wie sie die Soziologen und ihre bürgerlichen Auftrag­geber gerne se­hen, und die dazu be­stimmt ist, die Arbeiter zu spalten. Solche Ge­gensätze zu konstruie­ren, ist absolut nichts Neues, denn die herr­schende Klasse hat schon lange begriffen, dass es in ihrem Interesse liegt, viele Ange­stellte glauben zu machen, sie gehörten nicht der Arbeiterklasse an. In Wirk­lichkeit hängt die Zugehörigkeit zur Arbeiter­klasse nicht von soziologischen und noch we­niger von ideologischen Kriterien ab, d.h. den Überlegungen, die sich dieser oder jener Ar­beiter oder gar ganze Teile der Arbeiter­klasse, über ihr Leben machen. Es sind grundsätzlich ökonomische Kriterien, die für eine solche Zugehörigkeit gelten.

DIE KRITERIEN: WER GEHÖRT ZUR ARBEITERKLASSE?

Grundsätzlich ist das Proletariat die durch die spezifisch kapitalistischen Produktionsverhält­nisse ausgebeutete Klasse. Daraus leiten sich, wie wir schon im ersten Teil dieses Artikels gesehen ha­ben, folgende Kriterien ab: "Zur Arbeiter­klasse gehört, wer über keine Produk­tionsmittel verfügt und, um zu überleben, ge­zwungen ist, seine Arbeitskraft an Unterneh­mer zu verkaufen, die diesen ´Tausch´ benut­zen, um einen Mehrwert aus der Arbeits­kraft herauszupressen". Es ist notwendig, gegenüber allen Verfälschun­gen, die über diese Frage in die Welt ge­setzt worden sind, diese Kriterien genauer zu bestimmen.

An erster Stelle ist zu bemerken, dass die Tat­sache, lohnabhängig zu sein, allein nicht genügt, um der Arbeiterklasse anzugehö­ren. Andernfalls wären Polizisten, Pfarrer, Direk­toren großer Unternehmen (besonders die der öffentlichen Betriebe) oder sogar die Minister Ausgebeutete und somit potentielle Kampfge­fährten derer, die sie selber unterdrücken, verdummen, sich abrackern lassen, und all das für einen zehn- oder hundertfach niedrigeren Lohn als diese[3]. Deshalb ist es uner­lässlich, darauf hinzuweisen, dass es ein Cha­rakteristikum der Arbeiterklasse ist, Mehr­wert zu produzieren. Dies bedeutet im be­sonderen zwei Sachen:

- Das Gehalt eines Arbeiters besteigt ein gewisses Niveau nicht, über das hinaus es nur noch vom heraus abgepressten Mehr­wert ande­rer Arbeiter herstammen könnte[4].

- Ein Proletarier ist ein wirklicher Produ­zent von Mehrwert und kein bezahlter Funktionär des Kapitals, der für die Auf­rechterhaltung der Mehrwertproduktion zu­ständig ist.

Unter den Beschäftigten einer Firma kann es auch Techniker und gar Ingenieure ge­ben,  deren Gehalt, dem eines Facharbeiters entspre­chen mag. Sie alle gehören der glei­chen Klasse an.

Umgekehrt gibt es auch welche, deren Ein­kommen eher dem eines Chefs ähnelt (wenn sie nicht sogar die Rolle der Führung und Kontrolle der Arbeitskraft haben), und die man nicht als zur Arbeiterklasse gehörig zäh­len kann.

Ebenso wenig kann in diesem Betrieb dieser oder jener "kleine Chef" oder "Sicherheitsbeamte", des­sen Lohn niedriger sein mag als derjenige eines Technikers oder sogar eines qualifizierten Ar­beiters, aber des­sen Rolle diejenige eines "Kapos" im industri­ellen Knast ist, als Teil des Pro­letariats ange­sehen werden.

Umgekehrt bedeutet die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse nicht zwangsläufig eine di­rekte und unmittelbare Beteiligung an der Mehr­wertproduktion. Der Lehrer, der den zukünftigen Produzenten ausbildet, die Kranken­schwester - oder sogar der Lohn empfangende Arzt (der heute manchmal weniger verdient als ein qualifizierter Ar­beiter) (es gibt große Lohnunterschiede zwischen den verschiedenen Ländern)

- die die Ar­beitskraft des Proletariers "repariert" (auch wenn sie gleichzeitig Bullen, Pfaffen oder Gewerkschaftsfunktio­näre, ja so­gar Minister pflegt) gehören un­bestreitbar zur Arbeiter­klasse genauso wie ein Koch in einer Betriebskantine. Selbst­verständlich heißt das nicht, dass der ein­flussreiche Professor  an der Universität oder die Krankenschwester, die sich selb­ständig gemacht haben, gleich zu be­urteilen wären. Es ist aber notwendig zu prä­zisieren, dass die Tatsache, dass die Mitglie­der der Lehrerschaft, eingeschlossen die GrundschullehrerInnen (deren ökonomi­sche Situation nun wirklich im allgemeinen nicht gerade glänzend ist), ob bewusst oder unbe­wusst, freiwillig oder nicht, die bürgerlichen ideologischen Werte vermitteln, sie nicht von der ausgebeuteten und revolu­tionären Klasse ausschließt, ebenso wenig wie die Me­tallarbeiter, die Waffen produ­zieren[5]. Im Übrigen kann man feststellen, dass im Laufe der Geschichte der Arbeiter­bewegung die Lehrer (insbesondere die Grundschullehrer) eine beträchtliche Anzahl von Revolutionären gestellt haben. So wie auch die Arbeiter der Kriegswerften in Kronstadt Teil der Vorhut der Arbeiter­klasse während der Russischen Revolution 1917 waren.

Es ist gleichzeitig zu unterstreichen, dass die große Mehrheit der Angestellten auch zur Arbeiterklasse gehört. Wenn wir den Fall ei­ner Verwaltung nehmen wie die Post, so werde niemand auf den Gedanken kom­men vorzugeben, dass die Mechaniker, die die Postwagen unterhalten, und die Ange­stellten, die sie fahren, und ebenso wenig diejenigen, die die Postsäcke umladen, nicht zum Proleta­riat gehörten. Davon ausgehend ist es nicht schwierig zu verstehen, dass sich die Kolle­gen, die die Briefe austragen oder an den Schaltern arbeiten, um Pakete zu frankieren oder Zahlungsanweisungen entgegenzuneh­men, in der gleichen Situa­tion befinden. Des­halb gehören die Ange­stellten von Banken, Versi­cherungen, die kleinen Angestellten der Sozialversiche­rungskassen oder der Steuer­verwaltung, de­ren Status vollkommen gleich­wertig mit dem der vorher erwähnten ist, ebenfalls zur Arbeiterklasse. Und man kann nicht einmal ins Feld führen, dass die Letzte­ren bessere Arbeitsbedingungen hätten als In­dustriearbeiter, als ein Schlosser oder ein Frä­ser beispielsweise. Den ganzen Tag hinter ei­nem Schalter oder vor einem Bild­schirm ei­nes Computers zu arbeiten, ist nicht weniger mühsam, als eine Werkzeug­maschine zu bedienen, auch wenn man sich dort die Hände nicht schmutzig macht. Zu­dem wird das, was einer der objektiven Faktoren der Fähigkeit des Proletariates sowohl zum Führen seines Klas­senkampfes als auch zum Umsturz des Kapi­talismus ausmacht, nämlich der ge­sellschaftliche Charakter seiner Arbeit, durch die moder­nen Produktionsbedingungen überhaupt nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil, er wird immer ausgeprägter.

Weiter erfordert das sich ständig hebende technische Niveau der Produktion eine stei­gende Anzahl von Leuten, welche die Sozio­logen "Führungskräfte" (Techniker oder sogar Ingenieure) nennen. Bei den mei­sten nähern sich ihr sozialer Status und sogar ihr Einkom­men demjenigen von qualifizierten Arbeitern an. Es geht dabei überhaupt nicht um ein Phä­nomen des Ver­schwindens der Arbeiterklasse zugun­sten der "Mittelschichten", sondern um­gekehrt um ein Phänomen der Proletarisierung der­selben[6]. Deshalb haben die Reden über das "Verschwinden des Proletariats", das aus der steigenden Anzahl von Angestellten oder "Führungskräften" im Vergleich zur Anzahl der Handarbeiter der Industrie re­sultieren soll, keinen anderen Sinn als zu versu­chen, für Verschleierung und Demo­ralisierung zu sorgen. Ob die Autoren die­ser Reden daran glauben oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle: Sie können der Bourgeoisie einen durchaus nützlichen Dienst erweisen auch als Trottel, die nicht einmal fä­hig sind, sich zu fragen, wer wohl den Kugel­schreiber herge­stellt hat, mit dem sie ihren Blödsinn verzap­fen.

DIE ANGEBLICHE "KRISE" DER AR­BEITERKLASSE

Wenn die Bourgeoisie die Arbeiter demorali­sieren will, kann sie nicht alles auf eine Karte setzen. Deshalb paukt sie denje­nigen, die der Kampagne vom "Verschwinden der Arbeiter­klasse" nicht auf den Leim gehen, ein, die Ar­beiterklasse sei in der Krise. Und eines der Argu­mente, das für den Beweis dieser Krise ent­scheidend sein soll, ist der Verlust an Anhän­gern, den die Gewerkschaften in den letzten zwei Jahrzehnten erlitten. Im Rah­men dieses Artikels können wir nicht auf unsere Analyse zu sprechen kommen, die den bürgerlichen Charakter jeder Form von Gewerk­schaft auf­zeigt. Gerade die tägliche Erfahrung der Ar­beiterklasse, die systema­tische Sabotage ihrer Kämpfe durch die Or­ganisationen, die vorge­ben, sie zu "verteidigen", liefern diesen Be­weis[7]. Und gerade diese Erfahrung der Arbeiter ist in erster Linie dafür verantwort­lich, dass sie die Gewerkschaften ablehnen. In diesem Sinn ist diese Ablehnung nicht ein "Beweis" irgendeiner Krise der Arbeiter­klasse, son­dern im Gegenteil und vor allem ein Aus­druck eines in der Klasse ablaufenden Be­wusstseinsprozesses. Eine Veranschauli­chung dieser Tatsache - nur eine von tausen­den - wird uns geliefert durch die Haltung der Ar­beiter während zweier großer  Bewegun­gen, die in Frankreich im Ab­stand von 30 Jah­ren stattgefunden haben.

Am Ende der Streiks von Mai/Juni 1936, in­mitten der tief­sten Konterrevolution, die auf die weltrevolutionäre Welle der ersten Nach­kriegszeit folgte, verzeichneten die Gewerk­schaften eine Beitrittsbewegung wie nie zuvor. Umgekehrt war das Ende des General­streiks im Mai 1968, der das histo­rische Wie­deraufleben des Klassenkampfes und den Ab­schluss jener konterrevolutio­nären Periode darstellte, gekennzeichnet von zahlreichen Austritten aus den Gewerk­schaften, viele Tau­sende Arbeiter zerrissen ihre  Mitgliederkar­ten.

Wenn jemand den Mitgliederschwund der Gewerkschaften als Beweis für die Schwierig­keiten der Arbeiterklasse darstellt, dann ist dies eines der sichersten Indizien für die Zugehö­rigkeit zum bürgerlichen La­ger. Dasselbe tritt zu für das angebliche "sozialistische" Wesen der stalinistischen Re­gimes. Die Geschichte hat gezeigt - u.a. mit dem 2. Weltkrieg -, wie verheerend diese Lüge auf das Bewusst­sein der Arbei­ter ge­wirkt hat, die von allen Teilen der Bourgeoisie verbreitet wurde:  vom rechten, vom linken und auch dem ex­trem linken Flügel (Stalinisten und Trotzkisten). In den letzten Jahren haben wir sehen können, wie der Zu­sammenbruch des Stalinismus als "Beweis" für den endgültigen Bankrott jeder kommunisti­schen Perspek­tive ge­braucht wurde. Die Lüge vom "proletarischen Cha­rakter der Gewerkschaf­ten" ist im Wesentli­chen von der gleichen Art: Zuerst dient sie dazu, die Ar­beiter hinter den kapitalisti­schen Staat zu scha­ren;  dann ver­sucht man, daraus ein Instru­ment zu machen, das sie demoralisieren und verwirren soll. Es gibt jedoch einen Unter­schied hinsichtlich des Einflusses der beiden Lügen: Da es zum  Bankrott der stalinistischen Regimes nicht als Folge von Arbeiter­kämpfen kam, konnte er effizient gegen das Proletariat benützt werden; umgekehrt re­sultiert das Misstrauen  gegenüber den Gewerkschaften ge­rade aus den Arbeiterkämpfen, was den Ein­fluss als demo­ralisierenden Faktor stark ein­schränkt. Ge­nau deshalb hat die Bourgeoisie ja auch eine Basisgewerkschaftsbewegung auf­bauen müssen, die den traditionellen Syn­dikalismus abzulösen hat. Genau deshalb muss sie Ideo­logen mit "radikaleren" Allüren för­dern, die die gleiche Art von Bot­schaft übermitteln sol­len.

So sind "Analysen"  weit verbreitet worden und werden von den Medien[8] gefördert - wie die von Herrn Alain Bihr, Doktor der Sozio­logie und Autor u.a. eines Buches mit dem Titel "Du grand soir l'alternative: la crise du mouvement ouvrier europaen" (Die Krise der europäischen Arbeiterbewegung).

An sich sind die Thesen von Alain Bihr nicht sehr inter­essant. Der Umstand aber, dass sie seit einiger Zeit Einfluss in Kreisen gewinnen, die sich auf die Kommunistische Linke beru­fen, von denen wiederum einige nicht davor zurückschrecken, seine "Analysen"[9] ("kritisch", versteht sich) zu übernehmen, veranlasst uns, die Gefahr, die diese darstel­len, zu entblößen.

Alain Bihr präsentiert sich als ein "wahrer" Verteidiger der Arbeiterinteressen. Des­halb behauptet er nicht, dass die Arbeiter­klasse da­bei sei zu verschwinden. Im Gegen­teil, er be­ginnt mit der Aussage: "...die Grenzen des Proletariats erstrecken sich heute weit über die traditionelle `Arbeiterschaft` hin­aus." Dies tut er aber nur, um seine zen­trale Bot­schaft besser rüberzubringen: "Nun hat man aber im Verlaufe der letzten ca. 15 Jahre der Krise in Frankreich wie in den mei­sten westli­chen Ländern eine zuneh­mende Zersplitterung des Proletariates be­obachtet, die, weil sie des­sen Einheit in Frage stellt, darauf hinausläuft, es als ge­sellschaftliche Kraft zu lähmen[10]."

So ist das Hauptvorhaben unseres Autoren, aufzuzeigen, dass das Proletariat "in der Krise ist", und dass verantwortlich für diese Situa­tion die Krise des Kapitalismus selber sei, ein Grund, dem man natürlich die so­ziologischen Änderungen hinzufügend müsse, die die Zu­sammensetzung der Ar­beiterklasse erfahren habe: "Tatsächlich tendieren die laufenden Umwälzungen des Lohnverhältnisses mit ihren globalen Wir­kungen der Fragmentierung und des zahlenmäßigen Rückgangs  des Proletari­ats (....) dazu, die beiden proletarischen Cha­raktere aufzulösen, die ihm seine großen Ba­taillone während der fordistischen Peri­ode ge­liefert haben: einerseits denjenigen des ge­lernter Ar­beiters, den die gegenwär­tigen Transformatio­nen tiefgreifend umge­stalten, in­dem die alten Kategorien des ge­lernten Ar­beiters tendenziell verschwinden und gleich­zeitig erscheinen neue Katego­rien von "Gelernten" in Verbin­dung mit den neuen au­tomatisierten Arbeits­prozessen; andererseits denjenigen des nicht-qualifi­zierten bzw. ange­lernten Arbeiters, der Speerspitze der proleta­rischen Offensive der 60er und 70er Jahre, indem die angelernten Arbeiter immer mehr durch prekäre Arbei­ter in diesen automati­sierten Arbeitsprozes­sen eliminiert und ver­drängt wurden"[11]. Abgesehen von der schulmeisterlichen Sprache (die den Kleinbürgern, die sich für "Marxisten" halten, Vergnügen bereitet) tischt uns Bihr die glei­chen Klischees auf, die uns schon Generatio­nen von Soziologen zugemutet haben: Die Automati­sierung der Produktion sei verant­wortlich für die Schwächung des Proletariates (da er sich als "Marxist" verstehen will, sagt er nicht das "Verschwinden"), usw. Und er tritt ebenso in ihre Fußstapfen, wenn er vor­gibt, dass der Misskredit der Gewerkschaften auch ein Zei­chen der "Krise der Arbeiter­klasse" sei, da: "Alle Studien, die über die Entwicklung der Arbeitslosigkeit und die pre­kären Arbeitsbe­dingungen erstellt wurden, zeigen, dass diese dazu tendieren, die alten Spal­tungen und Un­gleichheiten im Proletariat (...) zu reaktivieren und zu verstärken. Diese Zersplitterung in derart heterogene Status' hat fatale Auswir­kungen auf die Or­ganisations- und Kampfbe­dingungen ge­habt. Das lässt sich zuerst ein­mal am Scheitern verschiedener Ver­suche v.a. der Gewerkschaftsbewegung, die Präkarisier­ten und die Arbeitslosen zu organi­sieren, (...) erkennen."[12] So setzt uns Bihr, getarnt mit radikaleren Phrasen, mit seinem angeb­lichen "Marxismus", den gleichen falschen Ramsch vor, mit dem uns alle Flügel der Bourgeoisie bedienen: Die Gewerk­schaften seien immer noch "Organisationen der Ar­beiterbewegung."

Hier sieht man, von welchem "Spezialistentypus" Leute wie GS und die Pu­blikationen wie "Perspective Internatio­naliste", die mit Sympathie seine Schriften begrüßen, ihre Inspirationen be­ziehen. Es stimmt, dass Bihr, der trotz al­lem schlau ist, sich bemüht, und um seine Ware durch­zuschmuggeln behauptet, das Proletariat könne trotz allen seinen aktuellen Schwierig­keiten diese überwinden, indem es sich "neuzusammensetzt". Aber die Art, wie er dies vorträgt, zielt eher darauf ab, vom Ge­genteil zu überzeugen. "Die Verände­rungen im Lohnabhängigkeitsverhältnis stellen die Ar­beiterbewegung also vor eine doppelte Her­ausforderung: Es zwingt sie gleichzeitig, sich einer neuen gesellschaftli­chen Basis anzupas­sen (an eine neue "technische" und "politische" Zusam­mensetzung der Klasse) und eine Synthese zu vollziehen zwischen hetero­genen Katego­rien wie den `neuen Fachkräf­ten` und den Präkarisierten, eine Synthese, die viel schwieriger ist, als die zwischen an­gelernten und gelernten Arbeitern während der fordisti­schen Periode"[13]. "Die fakti­sche Schwächung des Proletariats und des Gefühls der Klassenzugehörigkeit, kann so Wege der Neuzusammensetzung einer auf anderen Grundlagen vorstellbaren kollekti­ven Identität öffnen."[14]

Nach den Tonnen von Argumenten - in ih­rer Mehrzahl speziell aufgeführt, um den Leser zu überzeugen, dass alles schlecht gehe für die Arbeiterklasse - nachdem die Gründe "aufgezeigt" wurden für diese "Krise", welche zu suchen seien in der Automatisierung sowie im Zusammenbre­chen der kapitalistischen Produktion und im Anstieg der Arbeitslosig­keit, alles Phäno­mene, die sich nur ver­schlimmern können, schließt er mit der lapi­daren Behauptung: "Es wird besser ... viel­leicht! Aber es stellt eine sehr schwere Her­ausforderung dar". Wenn man das Geschwätz von Bihr heruntergeschluckt hat und immer noch glaubt, dass es für die Arbeiterklasse und ihren Kampf eine Zukunft gibt, kann man nur ein glücklicher und unverbesserlicher Optimist sein. Gut gespielt Doktor Bihr: Eure große Schlauheit hat die Einfaltspinsel, die "Perspective Internatio­naliste" pu­blizieren, eingefangen, die sich als die wahren Verteidiger der kommunistischen Prinzipien aufspielen, welche die IKS in den Abfall ge­worfen haben soll.

Es stimmt, dass die Arbeiterklasse während den letzten Jahren bei der Entwicklung ihrer Kämpfe und ihres Bewusstseins auf einige Schwierigkeiten gestoßen ist. Unsererseits haben wir nie gezögert, auf diese Schwierig­keiten einzugehen entgegen den Vorwürfen, die uns die Skeptiker vom Dienst anlasten, die FECCI heißen - die ihre Arbeit als Verwir­rungstifter  leisten - aber auch "Battaglia Co­munista" - die dies weniger tun, weil sie eine Organisation vom politisch-proletarischen Milieu sind. Aber gleichzeitig haben wir, und dies ist das Mindeste was man von Revolutio­nären er­warten kann, auf der Basis einer Analyse des Ursprungs der Schwierigkeiten, denen das Proletariat begegnet, hervorgeho­ben, was die Voraussetzungen sind, um sie zu überwinden. Und wenn man einigermaßen ernsthaft die Entwicklung der Arbeiter­kämpfe im letzten Jahrzehnt untersucht, springt es ei­nem in die Augen, das die jet­zige Schwäche sich nicht mit der Abnahme der Bestände des "traditionellen" Arbeiters, der "Blaukragen", erklären lässt. So sind in den meisten Ländern die Arbeiter von der Post oder der Telekom­munikation vielfach die kämpferischsten. Das Gleiche gilt für die Arbeiter des Gesundheits­wesens. In Ita­lien waren es 1987 die Arbeiter in den Schulen, die die wichtigsten Kämpfe aus­fochten. Wir könnten weitere Beispiele aufführen, die aufzeigen, dass nicht nur das Pro­letariat sich nicht auf die "Blaukragen", auf die "Traditionellen" der Industrie, son­dern auch seine Kampfkraft sich nicht auf jene be­schränkt.

Aus diesen Gründen haben wir unsere Ana­lyse nicht auf die soziologischen Betrachtun­gen ausgerichtet, die gut sind für Akademiker oder Kleinbürger, die damit wenig über die Schwierigkeiten der Arbei­terklasse aussagen, dafür umso mehr über ihre eigenen.

DIE WIRKLICHEN SCHWIERIGKEI­TEN DER ARBEITERKLASSE UND DIE VORAUSSETZUNGEN ZU IHRER ÜBERWINDUNG

Wir können im Rahmen dieses Artikels nicht auf die gesamte Analyse zurückkommen, die wir im Verlauf der letzten Jahre über die in­ternationale Situation erstellt ha­ben. Der Leser kann sie in praktisch allen Nummern unserer Revue während dieser Periode und insbeson­dere in den Thesen und Beschlüssen unserer Organisation nach 1989 wiederfinden[15]. Die Schwierigkei­ten, die das Proletariat heute durchmacht, der Rückgang seiner Kampfbe­reitschaft und der Rückfluss seines Bewussts­eins (Schwierigkeiten, auf die sich einige stützen, um die "Krise" der Arbeiterklasse zu diagnostizieren) sind der IKS nicht entgan­gen. Insbesondere haben wir hervorgeho­ben, dass die Arbeiterklasse während den ganzen 80er Jahren dem schwerer druckenden allgemeinen Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft ausge­setzt war. Dies begünstigte die Verzweiflung, die Atomisierung, das "jeder für sich", und versetzte der all­gemeinen Perspektive des proletarischen Kampfes und der Klassensoli­darität harte Schläge. Das wiederum erleich­terte die ge­werkschaftlichen Manöver, die die Arbei­terkämpfe koorporatistisch einbinden. Trotz­dem, und das ist ein Ausdruck der Le­bendigkeit des Arbeiterkampfes, ist es dem ständigen Gewicht des Zerfalls bis 1989 nicht gelungen, die Kampfwelle, die 1983 in Bel­gien im öffentlichen Dienst ausgelöst wurde, zu meistern. Ganz im Gegenteil be­obachteten wir in dieser Phase eine zuneh­mende Ten­denz, die Gewerkschaften über Bord zu wer­fen, die umgekehrt gezwungen wurden, die Hauptrolle mehr und mehr den radikaleren "Basisgewerkschaften" zu überlassen, um ihre Sabotagearbeit weiterführen zu können.[16]

Diese Welle der Arbeiterkämpfe wurde wäh­rend den weltverändernden Umwälzun­gen des Jahres 1989 zum Versiegen ge­bracht. Einige (im allgemeinen die Glei­chen, die während der 80er Jahre keine Kämpfe gese­hen haben) ha­ben die Auffas­sung vertreten, dass der Zu­sammenbruch des Ostblockes 1989 (bis heute der wichtig­ste Ausdruck der Zer­falls des Ka­pitalismus) die Bewusstwerdung der Arbeiter­klasse begünstigen werde. Wir haben nicht gezögert, auf das Gegenteil hin­zuweisen[17]. In der Folge, vor allem 1990-91 während der Golf-Krise und des Krieges, nachher beim Putsch in Moskau, der auf den Zusammen­bruch der UdSSR folgte, haben wir aufge­zeigt, dass diese Ereignisse den Klassen­kampf beeinflussen, die Widerstandsfähig­keit des Proletariats gegenüber den wach­senden An­griffen des Kapitals schwächen.

Aus diesen Gründen sind die Schwierigkei­ten, die die Arbeiterklasse in dieser Periode durchmacht, uns weder entgangen, noch ha­ben sie unsere Organisation überrascht. Trotzdem haben wir bei der Analyse der Gründe (die nichts zu tun haben mit dem my­thologischen Bedürfnis "der Neuzusammenset­zung der Arbeiterklasse"),  gleichzeitig die Mittel hervorgehoben, die der Arbeiterklasse ermöglichen, diese Schwierigkeiten zu überwinden.

In diesem Zusammenhange ist es wichtig, auf ein Argument zurückzukommen, das Herr Bihr benutzt, um die Vorstellung glaubwürdig zu machen, die Arbeiterklasse stecke in einer Krise: Die Krise und die Ar­beitslosigkeit hät­ten "das Proletariat frag­mentiert" , indem "die alten Spaltungen und Ungleichheiten ver­stärkt". Um sein Vorha­ben darzustellen und "das Maß vollzuma­chen", liefert uns Bihr eine ganze Liste die­ser "Fragmente": "Diejenigen, die noch einen `festen und ga­rantierten` Arbeitsplatz haben", "die von der Arbeit  bzw. vom Ar­beitsmarkt ausge­schlossenen", "die fließende Masse der pre­kären Arbeiter". Bei letzteren unterscheidet er genüsslich noch einige Unterkategorien: "die Arbeiter der Subunternehmen,  "die Teilzeitbe­schäftigten, "die Temporärarbeiter", "die Umschüler, Auszubildenden und Schwarzarbei­ter"[18]. Was der Herr Dok­tor Bihr uns als Argument vorträgt, ist nichts anderes als eine fotografische Feststellung, die mit seiner re­formistischen Anschauung gut zusammen­passt[19]. Es stimmt, dass die herrschende Klasse vorerst ihre Angriffe selektiv ausführte, um das Ausmaß der Antwort der Arbeiter­klasse einzuschränken. Es stimmt weiter, dass die Arbeitslosigkeit, insbesondere die der Jun­gen, ein Faktor der Erpressung für einige Sektoren der Arbeiterklasse gewesen ist. Wäh­rend einer Passivität verstärkt sie die zerstöre­rische Stimmung der sozialen Zer­setzung und des "jeder für sich". Inzwi­schen wird die Krise selber, ihre unver­meidliche Verschär­fung, die Aufgabe übernehmen, die Bedingun­gen der verschie­denen Sektoren der Arbeiter­klasse mehr und mehr nach unten auszuglei­chen. Insbe­sondere die Sektoren Informatik und Telekommunikation, die scheinbar der Krise entronnen waren, werden heute voll durchgeschüttelt, und ihre Arbeiter werden in die gleiche Situation geschleudert, wie jene der Eisenhüttenindustrie und der Au­tomobilbranche. Es sind heute die größten Unternehmen (wie IBM), die massenhaft ent­lassen. Gleichzeitig und entgegen der Tendenz des letzten Jahrzehnts nimmt die Arbeitslosig­keit der reiferen Arbeiter, die schon eine kol­lektive Erfahrung der Arbeit und des Kampfes haben, schneller zu als die der Jungen. Diese Entwicklung der Ar­beitslosigkeit schränkt die damit verbundene bisherige Atomisierung.

Selbst wenn der Zerfall ein Hindernis für die Entwicklung der Kämpfe und des Bewussts­eins in der Klasse darstellt, stellt das offen­sichtliche und immer brutaler wer­dende Scheitern der kapitalistischen Wirt­schaft mit der Folge von Angriffen auf die Lebensbedin­gungen der Arbeiterklasse, das bestimmende Element der aktuellen Situa­tion dar für die Wiederaufnahme der Kämpfe und für die Be­wusstwerdung seiner selbst. Offensichtlich kann man dies nicht verstehen, wenn man sich, wie es die re­formistische Ideologie tut, weigert, jegliche revolutionäre Perspektive in Betracht zu ziehen, und meint, dass die Krise eine "Krise der Arbeiterklasse" auslöse. Aber noch einmal haben die Ereignisse selbst die Aufgabe übernommen, die Gültigkeit des Marxismus und die Nichtigkeit der Ausge­burten der Soziologen, zu unterstreichen. Die riesigen Kämpfe des italienischen Pro­letariats 1992 gegenüber gewaltsamen öko­nomischen Angriffen ohnegleichen haben einmal mehr bewiesen, dass das Proletariat nicht tot ist. Es ist noch nicht verschwunden und hat auch nicht auf den Kampf verzich­tet, selbst wenn es wie vorrausehbar, die Schläge, die ihm in den letzten Jahren zuge­setzt wurden, noch nicht verdaut hat. Diese Kämpfe sind nicht dazu be­stimmt, Stroh­feuer zu bleiben. Sie kündigen nur (wie es die Arbeiterkämpfe im Mai 1968 in Frankreich getan hatten, gerade vor einem Vierteljahrhundert) eine Erneuerung der all­gemeinen Kampfbereitschaft der Arbeiter an. Ein Wiederbeginn des Vorwärtsschreitens des Proletariats in Richtung Bewusst­werdung der Bedingungen und der Ziele für die Abschaf­fung des Kapitalismus. Zum Missfallen all de­rer, die ehrlich oder heuchlerisch über die "Krise der Arbeiter­klasse" und ihre "notwendige Neuzusam­mensetzung" jammern.

FM (International Review Nr. 74)

[1] Das Auto ist unverzichtbar, um zur Arbeit zu gelangen oder Einkäufe zu machen, denn die öf­fentlichen Verkehrsmittel sind unzureichend und die zurückzulegenden Distanzen immer grösser. Auf einen Kühlschrank kann man nicht verzich­ten, da Nahrungsmittel zu günstigen Preisen oft nur in großen Mengen zu kaufen sind und man dies nicht täg­lich machen kann. Was den Fernse­her betrifft, der dargestellt wurde als das Symbol für den Eintritt in die "Konsumgesellschaft", und der außerdem vor allem ein Instrument der Pro­paganda und Verdum­mung in den Händen der Bourgeoisie ist (als "Opium für das Volk" hat er vortrefflich die Reli­gion abgelöst), ihn findet man heute in vielen Woh­nungen in den Slums der Dritten Welt, was genug besagt über den Wert­verlust eines Artikels wie die­sen.

[2]Marx bezeichnete als Mehrwertrate oder Aus­beutungsrate das Verhältnis zwischen M und V. M stellt den Mehrwert in Arbeitswert dar (die Anzahl Stunden pro Arbeitstag, die sich der Ka­pitalist an­eignet), und V das variable Kapital, das heißt der Lohn (die Anzahl Stunden, während denen ein Ar­beiter den Gegenwert seines Lohnes produziert). Dies ist ein Indiz, welches erlaubt, den Grad der Ausbeutung in objektiven ökonomi­schen Begriffen und nicht subjektiv festzulegen.

[3] Selbstverständlich richtet sich diese Behaup­tung gegen die Lügen der angeblichen "Verteidiger der Arbeiterklasse" wie der Sozial­demokraten und Stali­nisten, die durch ihre Mini­sterposten eine lange Er­fahrung der Repression und Mystifizierung gegen­ber den Arbeitern ha­ben. Wenn ein Arbeiter "seinen Stand verlässt", einen Gewerkschaftsposten annimmt, Stadtrat, Bürgermeister, Abgeordneter oder Minister wird, dann hat er mit seiner ursprünglichen Klasse nichts Gemeinsames mehr.

[4] Es ist selbstverständlich sehr schwierig (wenn nicht sogar unmöglich), dieses Niveau genau fest­zulegen, da es in den verschiedenen Ländern oder Zeitabschnitten unterschiedlich sein kann. Das Wichtige jedoch ist zu wissen, dass in jedem Land (oder einer Gemeinschaft von Ländern mit etwa gleichgestellter ökonomischer Entwicklung und Produktivität der Arbeit) eine solche Schwelle exi­stiert, die zwischen dem Gehalt eines qualifizierten Arbeiters und dem der Führungskräfte liegt.

[5] Für eine breiter dargelegte Analyse über pro­duktive und unproduktive Arbeit sei auf unsere Broschüre "Die Dekadenz des Kapitalismus" (S. 30 ff. in der deutschsprachigen Ausgabe) verwie­sen.

[6] Es ist hingegen festzuhalten, dass gleichzeitig ein bestimmter Anteil des Kaders mit steigenden Einkommen entlöhnt wird, was schließlich zu sei­ner Integration in die herrschende Klasse führt.

[7] Für die vertiefte Analyse über den bürgerlichen Charakter der Gewerkschaften siehe unsere Broschüre "Die Gewerkschaften gegen die Arbeiter­klasse".

[8]Z.B. Le Monde Diplomatique, eine humanisti­sche französische Monatszeitung, die auf die Befürwortung eines Kapitalismus "mit menschlichem Ant­litz" spezialisiert ist, publiziert oft Artikel von Alain Bihr. So findet man in der Ausgabe vom März 91 einen Text dieses Autors mit dem Titel "Regression des droits sociaux, affaiblissement des syndicats, le proletariat dans tous ses eclats" (Rückgang der so­zialen Rechte, Schwächung der Gewerkschaften, das Proletariat am Auseianderflie­gen).

[9] So kann man in der Nr. 22 von Perspective In­ternationaliste, dem Organ der "Externen (sic!) Fraktion der IKS", einen Beitrag von GS lesen (der, ohne dass sein Autor Mitglied der EFIKS wäre, im Wesentlichen ihre Zustimmung findet) mit dem Titel "La necessaire recomposition du proletariat" (Die notwendige Neuzusammenset­zung des Proletariats), einen Artikel, der aus­führlich aus dem meistgelese­nen Buch von Bihr zitiert, um seine Behauptungen zu stützen.

[10] Le Monde Diplomatique, März 1991.

[11] "Du grand soir ..."

[12] Le Monde Diplomatique, März 1991.

[13] "Du grand soir ..."

[14] Le Monde Diplomatique, März 1991

[15] Nachzulesen in Internationale Revue (engl., franz., span.) Nr. 60, 63, 67, 70 und in dieser Nummer

[16] Offensichtlich, wenn man die Gewerkschaf­ten, wie das Dr. Bihr macht, für Organe der Arbeiter­klasse hält und nicht der Bourgeoisie, werden die Fortschritte, die der Arbeiterkampf gemacht hat, in Rückschritte verwandelt. Es ist allerdings seltsam, dass Leute wie die Mitglieder der FECCI, die den bürgerlichen Charakter der Gewerkschaften aner­kennen, ihm bei dieser Ein­schätzung folgen.

[17] Zu lesen in "Zunahme der Schwierigkeiten für die Arbeiterklasse", in der Internationalen Revue, Nr. 60 (engl., franz., span.), auf deutsch in Inter­nationale Revue Nr. 11.

[18] Le Monde Diplomatique, März 1991

[19] Eine der beliebtesten Phrasen von Alain Bihr ist: "Der Reformismus ist eine zu ernste Sache um sie den Reformisten zu berlassen". Wenn er sich zufällig für einen Revolutionär hält, legen wir hier Wert darauf, ihn zu widerlegen.