Diskussionsveranstaltung der IKS in Zürich: Die Verantwortung der Revolutionäre

Über
Landes- und Sprachgrenzen hinweg gibt es in letzter Zeit Fragen, die an
verschiedenen Orten der Welt gleich lautend auftauchen und diskutiert werden:
Wie entsteht das Bewusstsein in der Arbeiterklasse? Welche Rolle spielen die
Revolutionäre in der Klasse? Braucht es eine Partei? Welche Aufgaben übernehmen
die Arbeiterräte? - Diese und ähnliche weitere Fragen diskutierten in den
letzten Monaten politisierte Leute beispielsweise in Brasilien und Südkorea, in
vielen Städten Europas. Es gibt sicher viele solche Diskussionen, über welche
die IKS gar nichts erfahren hat. Bei gewissen Treffen waren wir aber dabei oder
haben sie sogar organisiert. In Zürich beispielsweise, wo das Thema der Rolle
der Revolutionäre bei verschiedenen Gelegenheiten bereits diskutiert worden
ist, hat die IKS im Februar 2006 eine öffentliche Veranstaltung zu diesem Thema
durchgeführt.

Wir
möchten hier auf einige Fragen eingehen, die uns in der heutigen Zeit besonders
brennend erscheinen. Ein Teil dieser Fragen wurde an der öffentlichen
Veranstaltung im Februar diskutiert, ein anderer Teil tauchte in weiteren
Debatten auf, die gegenwärtig an Treffen von interessierten Leuten oder im
Internet geführt werden.

Die besondere Rolle der Revolutionäre

“Wieso
braucht die Arbeiterklasse eine politische Organisation? Treffen abhalten,
Flugblätter schreiben und verteilen usw. - das kann man auch ohne.” – So
ungefähr warf ein Teilnehmer diese Frage an einem Diskussionstreffen der IKS in
Frankreich auf

[1]

. Ähnlich
argumentierten aber auch schon Genossen in politischen Diskussionen in Zürich:
Die Klasse müsse sich und ihre Kämpfe selber organisieren; eine besondere
Organisation der Revolutionäre (oder gar eine Partei) brauche es nicht, die
Klasse schaffe sich selbst die Mittel, die sie für den Kampf braucht.

Wie
meistens in Diskussionen mit Genossen, die ehrlich um Klärung bemüht sind,
kommt in diesem Argument ein berechtigtes Anliegen zum Ausdruck. In der Tat ist
es die Arbeiterklasse, die den Kampf um ihre 
Befreiung selbst und nicht nur dies, sondern der Menschheit überhaupt
aufnehmen muss. Sie darf sich diese Initiative nicht aus den Händen nehmen
lassen – und zwar von niemandem. Die Arbeiterklasse hat aber auch bewiesen,
dass sie fähig ist, die Organe ihres Kampfes zuerst der Verteidigung und dann
für den Umsturz der herrschenden Verhältnisse - die Vollversammlungen in den
Betrieben, Streikkomitees und Arbeiterräte - spontan im Kampf zu schaffen und
weiter zu entwickeln. Diese richtigen Feststellungen und Sorgen ändern aber
nichts an der Tatsache, dass die Arbeiterklasse abgesehen von ihren
Massenorganen - den Räten - auch noch eine besondere Organisation hervorbringt,
auf die sie ebenso wenig verzichten kann: diejenige der Revolutionäre. Seit es
die Arbeiterklasse gibt, haben sich ihre fortgeschrittensten Elemente in
revolutionären Organisationen zusammengeschlossen, und zwar oft auch ausserhalb
unmittelbar revolutionärer Zeiten. Der Bund der Kommunisten, die I., die II.
und die III. Internationale, die Fraktionen der Kommunistischen Linken sind
Zeugen, Erzeugnisse dieser Bemühungen.

Worin
besteht die Rolle der revolutionären Organisation? - In ihr schliessen sich die
entschlossensten, bewusstesten Teile der Arbeiterklasse zusammen; in ihr
bündeln sich die Erfahrungen der vergangenen Kämpfe, fließen die am weitesten
fortgeschrittenen Debatten zusammen, werden die Waffen für die
Weiterentwicklung der Theorie geschmiedet - jedoch nicht losgelöst von den
Kämpfen der Klasse insgesamt, sondern in engstem Kontakt mit ihnen, als
bewusstester Teil derselben: “Die Kommunisten unterscheiden sich (...) nur
dadurch, dass sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der
Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des
gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andererseits
dadurch, dass sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf
zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der
Gesamtbewegung vertreten.

Die
Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil
der Arbeiterparteien alle Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse
des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen
Resultate der proletarischen Bewegung voraus.” (Marx/Engels, Das Manifest der
Kommunistischen Partei)

Es
gab und gibt in Zürich und auch anderswo Gruppierungen, die Ausdruck dieser
Bemühungen der Arbeiterklasse sind, eine Klärung der Positionen herbeizuführen
mit dem mehr oder minder klar formulierten Ziel, eine Rolle als Revolutionäre
zu spielen. Dabei offenbaren sich aber oft zwei scheinbar gegensätzliche
Tendenzen, die in der Tat nur zwei Seiten ein und derselben Medaille sind: der
Akademismus und der Aktivismus. Die aktivistische Tendenz zeichnet sich dadurch
aus, dass ihre Anhänger die “Praxis” um jeden Preis fordern; ihr unmittelbares
Ziel sind irgendwelche Aktionen, auch wenn nicht klar ist, wem und wozu sie
dienen. In der akademistischen Tendenz umgekehrt treffen sich diejenigen,
welche die “Theorie” um ihrer selbst Willen suchen und meinen, sie müssten
zuerst nicht nur sämtliche Werke von Marx und Engels, sondern auch noch alle
Aufsätze ihrer Exegeten in den letzen 150 Jahren gelesen haben, bevor sie zu
einer bestimmten Frage, z.B. derjenigen der Rolle der Gewerkschaften in der
heutigen Zeit, Stellung nehmen können. Der blinde Aktivismus und die Theorie
als Selbstzweck stehen sich als These und Antithese gegenüber. Ihre Synthese
ist aber nicht die Summe der Pole, sondern ihre Aufhebung - ihre Überwindung
auf einer höheren Ebene. Die programmatische Klärung muss einhergehen mit der
Bewusstwerdung über die eigene Rolle, mindestens in der Perspektive. Und dies
kann letztlich nur geschehen, wenn man sich auch die Frage der Organisierung
stellt oder sich mindestens mit den bestehenden revolutionären Organisationen
auseinandersetzt. “Die Arbeiterklasse bringt keine revolutionären Militanten
hervor, sondern nur revolutionäre Organisationen: Es gibt keine direkte
Beziehung zwischen Militanten und der Klasse. Die Militanten beteiligen sich am
Kampf der Klasse, indem sie zu Mitgliedern der Organisation werden und sich an
der Verwirklichung deren Aufgaben beteiligen. Sie haben kein besonderes Heil
gegenüber der Arbeiterklasse oder der Geschichte zu suchen.”

[2]

  Theorie, Praxis und Organisierung sind also
eine Einheit, aus der sich nicht ein Teil herausreissen lässt, ohne das Ganze
zu beschädigen und in ein steriles Hobby zurück zu fallen.

Wenn
man sich die Frage der Organisierung stellt, muss man sich vergegenwärtigen,
dass die Arbeiterklasse weltweit eine und dieselbe Klasse ist. Die Bourgeoisie
will uns zwar immer wieder vom Gegenteil überzeugen und irgendwelche
nationalen, kulturellen, geschlechtlichen, ausbildungsmässigen,
altersabhängigen usw. Besonderheiten unter die Nase reiben. Tatsache ist aber:
Unsere Stärke ist die Einheit über alle Grenzen hinweg. Deshalb braucht das
Proletariat auch nicht möglichst viele revolutionären Organisationen, sondern
letztlich eine einzige Partei, und zwar weltweit - die Weltpartei. Wer
Revolutionär oder Revolutionärin sein will, muss sich die Frage stellen, welche
bestehenden Organisationen tatsächlich proletarisch sind und welche nicht. Und
dann geht es darum, sich gegenüber den bestehenden proletarischen
Organisationen zu positionieren: Bin ich mit dem Programm einer bestimmten
Organisation einverstanden oder nicht? Wenn nicht: Gibt es eine Möglichkeit,
mit dieser Organisation in eine Diskussion einzutreten, damit sie ihren Standpunkt
ändert oder ich mich von ihrer Position überzeugen lasse? - Bevor solche
Versuche unternommen worden sind, kann es nicht im Ernst darum gehen, eine neue
Gruppe aus der Taufe zu heben - eine “eigene Kapelle” zu errichten. Zu
zahlreich sind die gescheiterten Versuche

[3]

.

Das Verhältnis zwischen Räten und Partei

An
der öffentlichen Veranstaltung in Zürich wurde auch die Frage des Verhältnisses
zwischen der revolutionären Partei und den Arbeiterräten angeschnitten, die
noch einmal ein Licht auf die besondere Rolle der politischen Organisation der
Revolutionäre warf. Niemand bezweifelte zwar offen die Notwendigkeit der
Arbeiterräte in der Revolution. Und doch schien ihre Funktion nicht so klar zu
sein. Ein Teilnehmer war skeptisch, dass nicht am Ende doch die Partei die
Diktatur ausübe, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur
der Partei über das Proletariat. 

In
die gleiche Richtung geht die kürzlich aufgeworfene Frage eines Teilnehmers an
einem Internet-Diskussionsforum: “Bisher dachte ich, Rätedemokratie
(soviet=Rat) und Bolschewismus wären dasselbe. Aber in dem Artikel
“Rätedemokratie statt Parteidiktatur” (von Cajo Brendel, die Red.) wird etwas
anderes behauptet. Weil der Text meiner Meinung nach nichts erklärt, frage ich
mal hier was der Unterschied ist.”

[4]

Der
Rätekommunismus (in welcher Tradition Cajo Brendel steht) meint, die Räte seien
die einzige Organisation, welche die Arbeiterklasse für die Revolution brauche.
Die Bordigisten umgekehrt (welche sich schon heute nicht nur Partei, sondern
die Partei nennen) meinen, die Klasse müsse bloss die Führung der Partei
anerkennen, andere Organe brauche sie nicht. Es handelt sich auch hier um
falsche Gegenüberstellungen und um Organisationsfetischismus - weder die Partei
noch der Arbeiterrat sind für sich allein ausreichende Mittel. Die Klasse
braucht beide und schafft sich auch beide.

Die
Diktatur des Proletariats muss durch die Arbeiterräte ausgeübt werden, durch
das Kampforgan, das die gesamte Arbeiterklasse zusammenfasst, ihren kollektiven
Willen auf den Punkt bringt. Die kommunistische Partei umgekehrt hat nicht die
Aufgabe, die gesamte Arbeiterklasse zu organisieren, nicht einmal ihre
Mehrheit. Auch in der Zeit der Revolution und der Diktatur der Proletariats
bleibt die Partei eine Organisation zur Intervention im Klassenkampf, die
“stets das Wesen der Gesamtbewegung vertritt” (Kommunistisches Manifest), aber
sich nicht mit dem Übergangsstaat identifiziert. “Es muss klar sein, dass die
Partei nicht die Aufgabe hat, die Macht zu übernehmen, auch nicht ‚im Namen der
Klasse’, und sie bleibt immer ein Organ der politischen Orientierung, die mit
dem Staat nichts zu tun hat und weit davon entfernt ist, sich mit ihm zu
identifizieren. Dies gilt vor, während und nach der Revolution, somit auch in einer
Zeit nach dem Aufstand. Sie bleibt als solche ein Ausdruck der Arbeiterklasse
und ihres geschichtlichen Kampfes.” (1)

Die
Bolschewiki erklärten zwar in der Theorie die Arbeiterräte für die endlich
gefundene Form der Diktatur des Proletariats, in der Praxis übernahm aber die
Kommunistische Partei immer mehr die Rolle eines Machtinstrumentes und
identifizierte sich mit dem Staat. Es war die Kommunistische Linke v.a. in
Italien und Frankreich, welche die klarsten Lehren aus der Russischen
Revolution und diesen Fehlern der Bolschewiki zog

[5]

.  

Die
Arbeiterklasse braucht also für die Revolution beides: die politische
Organisation der Revolutionäre (die Partei) und die Massenorgane (die
Arbeiterräte). Beide sind Instrumente, welche die Klasse selbst hervorbringt.
Diese kollektiven Anstrengungen der Arbeiterklasse materialisieren sich aber
nur dann, wenn ihre bewusstesten Kräfte auch die individuelle Verantwortung
wahrnehmen, d.h. ihre eigene politische Klärung vorantreiben, sich mit den
bestehenden revolutionären Organisationen auseinandersetzen und gegebenenfalls
organisieren.  PT, 10.03.06

Fussnoten:


[1]

vgl. die
IKS-Zeitung in Frankreich Révolution internationale Nr. 361, “Warum braucht Arbeiterklasse
revolutionäre Organisationen?” (Ein Bericht über eine Diskussionsveranstaltung
der IKS in Nantes)
 

[2]

“Bericht
zur Struktur und Funktionsweise der Organisation der Revolutionäre” in
Internationale Revue Nr. 22 S. 25

[3]

vgl. dazu
Weltrevolution Nr. 77 und 78: Diskussionszirkel in der Arbeiterklasse

[5]

vgl. dazu
die IKS-Broschüren Die Italienische Kommunistische Linke, insbesondere 7.
Kapitel und Die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: