Dokumente aus dem Organisationsleben: Die Frage der Funktionsweise in der IKS

 

Die Frage der Funktionsweise der Organisation in der IKS

Die IKS hat kürzlich eine Außerordentliche Konferenz abgehalten, die den Organisationsfragen gewidmet war. In unserer Territorialpresse und in der nächsten Ausgabe der Internationalen Revue werden wir auf die Arbeit dieser Konferenz zurückkommen. Da die hier behandelten Fragen große Ähnlichkeiten mit bereits in der Vergangenheit behandelten aufweisen, sahen wir es als nützlich an, Auszüge aus einem internen Dokument (das von der IKS einstimmig angenommen worden war) zu veröffentlichen, das als Grundlage im Kampf zur Verteidigung der Organisation diente. Wir haben diese Auseinandersetzung in den Jahren 1993–1995 geführt und darüber auch in der International Review Nr. 82 (engl./frz./span. Ausgabe) anlässlich des 11. Kongresses der IKS Rechenschaft abgelegt.
Der auf der Vollversammlung des IB1 im Oktober 1993 vorgelegte Aktivitätenbericht stellt die Existenz bzw. das Fortdauern von organisatorischen Schwierigkeiten in einer großen Anzahl von Sektionen der IKS fest. Der Bericht für den 10. Internationalen Kongress hatte bereits in aller Ausführlichkeit diese Schwierigkeiten behandelt. Er hatte vor allem auf die Notwendigkeit einer größeren internationalen Einheit der Organisation, auf eine lebendigere und strengere Zentralisation bestanden. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten sind ein Beweis dafür, dass die damals eingeleiteten, diesbezüglichen Anstrengungen nicht ausreichend waren. Die im Verlauf der letzten Periode verzeichneten Unregelmäßigkeiten in der Funktionsweise bringen das Vorhandensein von Verzögerungen und Lücken im Verständnis dieser Fragen zum Ausdruck. Wir haben den Rahmen unserer Prinzipien in Organisationsfragen aus den Augen verloren. Diese Situation verlangt von uns die Verantwortung, die auf dem 10. Kongress aufgeworfenen Fragen nach tiefgreifender anzugehen. Es ist notwendig, dass die Organisation, die Sektionen und alle Militanten sich nochmals über diese Grundfragen und besonders über die Prinzipien beugen, die eine für den Kommunismus kämpfende Organisation benötigt.
Ein solches Nachdenken war bereits im Anschluss an die Krise von 1981/82, von der die IKS damals erschüttert wurde (Verlust der Hälfte der Sektion in Großbritannien, Verlust von ca. 40 Militanten), erfolgt. Die Grundlage dieser Reflexionen hatte der Bericht über „Die Struktur und die Funktionsweise der Organisation“ (Internationale Revue Nr. 22), der auf der Außerordentlichen Konferenz im Januar 1982  angenommen worden war, gebildet. In diesem Sinn bleibt dieses Dokument nach wie vor ein Bezugspunkt für die Gesamtheit der Organisation2. Der nun folgende Text ist als Zusatz, Illustration und Aktualisierung (aufgrund der inzwischen gemachten Erfahrungen) des Textes von 1982 zu verstehen. Insbesondere möchte er die Aufmerksamkeit der Organisation und der Militanten auf die Erfahrung nicht nur der IKS, sondern auch anderer revolutionärer Organisationen in der Geschichte lenken.

1. Die Wichtigkeit des Problems in der Geschichte

Die Frage der Struktur und der Funktionsweise der Organisation stellte sich in allen Phasen der Arbeiterbewegung. Jedesmal waren die Auswirkungen dieser Fragestellung von größter Bedeutung. Dies ist kein Zufall. In der Organisationsfrage findet man auf konzentrierte Weise eine ganze Reihe von wichtigen Aspekten der revolutionären Perspektive des Proletariats:
die Grundeigenschaften der kommunistischen Gesellschaft und der Beziehungen, die sich unter ihren Mitgliedern herausbilden;
das Wesen des Proletariats als Erschaffer des Kommunismus;
die Natur des Klassenbewusstseins, die Eigenschaften seiner Entwicklung sowie seine Vertiefung und Ausdehnung in der Klasse;
die Rolle der kommunistischen Organisation im Prozess der Bewusstseinsbildung im Proletariat.
Die Folgen der Entwicklung von Meinungsverschiedenheiten zu Organisationsfragen wirken sich oft dramatisch oder sogar katastrophal auf das Leben der politischen Organisationen des Proletariats aus. Das ist so aus folgenden Gründen:
Solche Meinungsverschiedenheiten sind in letzter Instanz Anzeichen des Eindringens von dem Proletariat feindlich gesinnten Ideologien, die aus der Bourgeoisie oder dem Kleinbürgertum stammen.
Mehr als in anderen Fragen wirken sich Meinungsverschiedenheiten hier notwendigerweise auf die Funktionsweise der Organisation aus; sie können gar ihre Einheit und Existenz überhaupt bedrohen.
Insbesondere neigen sie dazu, eine persönliche und somit emotionale Form anzunehmen.
Unter den vielen historischen Beispielen dieses Phänomens wollen wir zwei der bekanntesten herausgreifen:
den Konflikt zwischen dem Generalrat der I. Internationalen und der Allianz;
die Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki während des 2. Kongresses der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) 1903.
Im ersten Beispiel ist es klar, dass die Bildung der Internationalen Allianz für die sozialistische Demokratie innerhalb der I. Internationalen ein Ausdruck des Einflusses der kleinbürgerlichen Ideologie war, mit der die Arbeiterbewegung sich in ihren ersten Schritten immer wieder auseinandersetzen musste. Es ist also keineswegs ein Zufall, wenn sich die Allianz hauptsächlich aus Vertretern von Handwerkern (Uhrenarbeiter aus dem Schweizer Jura beispielsweise) oder aus Gebieten, in denen das Proletariat noch schwach entwickelt war (wie in Italien und hauptsächlich in Spanien), zusammensetzte.
Die Bildung der Allianz stellte für die Gesamtheit der I. Internationalen aus folgenden Gründen eine Gefahr dar:
Sie war eine „Internationale in der Internationalen“ (Marx), die zugleich innerhalb und ausserhalb derselben existierte, was für sich selbst schon eine Infragestellung der Einheit bedeutete.
Sie arbeitete klandestin und setzte ihr Treiben trotz des Auflösungsbeschlusses der I. Internationalen fort.
Sie widersetzte sich den Auffassungen der I. Internationalen auf Organisationsebene, hauptsächlich in der Frage der Zentralisierung (Verteidigung des Föderalismus), obwohl sie selbst übrigens ultrazentralistisch in Gestalt des mit eiserner Hand von Bakunin beherrschten Zentralkomitees funktionierte. Sie forderte von ihren Mitgliedern „die strengste Disziplin auf der Grundlage der totalen Selbstverleugnung und Selbstaufopferung“ (Bakunin).
Die Allianz stellte eine totale Verneinung der Grundlagen dar, auf denen die Internationale gegründet worden war. Um zu verhindern, dass sie in die Hände der Allianz fällt und zerstört wird, haben Marx und Engels auf dem Kongress von Den Haag 1872 den Vorschlag gemacht, ihren Sitz nach New York zu verlegen, dem der Generalrat zustimmte. Sie wussten, dass diese Verlegung zu einem langsamen Absterben der I. Internationalen führen würde (was 1872 auch geschah). Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune, die einen schweren Rückschlag für die Klasse bewirkte, haben sie dieses Ende einer Degenerierung vorgezogen, die alle positiven Errungenschaften der Jahre 1864 bis 1872 diskreditiert hätte.
Der Konflikt zwischen der I. Internationalen und der Allianz hat sich sehr stark um Marx und Bakunin personalisiert. Letzterer, der der Internationalen erst 1868 nach seiner gescheiterten Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Demokraten in der Liga für Frieden und Freiheit beitrat, beschuldigte Marx, Diktator des Generalrats und somit der gesamten IAA zu sein.3 Das war eine vollständig falsche Anschuldigung (es reicht aus, hierzu die Protokolle der Treffen des Generalrats und der Kongresse der Internationalen zu studieren). Marx seinerseits hat völlig richtig die Intrigen des heimlichen Chefs der Allianz denunziert. Diese Intrigen sind durch den geheimen Charakter und die sektiererischen Auffassungen der Allianz erleichtert worden. Die sektiererische und konspirative Konzeption sowie das Charisma Bakunins begünstigten seinen persönlichen Einfluss auf seine Anhänger und die Ausübung seiner Autorität als „Guru“. Mit der Behauptung, Opfer einer Verfolgungskampagne zu sein, säte er Verwirrung und gewann einige Anhänger unter einer gewissen Anzahl von schlecht informierten oder gegenüber den Ideologien des Kleinbürgertums offenen Arbeitern.
Die gleichen Charakteristiken beobachtet man bei der Spaltung zwischen den Bolschewiki und den Menschewiki, die sich von Anbeginn über Organisationsfragen auftat.
Wie sich später bestätigte, war das Vorgehen der Menschewiki vom Eindringen bürgerlicher und kleinbürgerlicher Ideologien in die russische Sozialdemokratie bestimmt (obwohl auch gewisse Vorstellungen der Bolschewisten die Folge einer bürgerlich-jakobinistischen Sichtweise waren). Lenin stellte in Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück dazu fest, „dass die Opposition in ihrer Mehrheit aus den intelektuellen Elementen der Partei...” bestand, und ein Vehikel kleinbürgerlicher Organisationsauffassungen war.
(LW Bd.7, S 197ff)
Zweitens vernachlässigte die Organisationsauffassung, die von den Menschewiki auf dem 2. Kongress vertreten wurde und die Trotzki lange geteilt hatte (obwohl er sich deutlich von ihnen besonders in der Frage der Natur der Revolution in Russland sowie der Aufgaben des Proletariats in ihr distanziert hatte), die Bedürfnisse des revolutionären Kampfes des Proletariats und barg die Zerstörung der Organisation in sich. Einerseits war sie unfähig, eine klare Unterscheidung zwischen Parteimitgliedern und Sympathisanten vorzunehmen, wie dies die Meinungsverschiedenheit zwischen Lenin und Martow, dem Führer des menschewistischen Flügels, über den Punkt 1 der Statuten zum Ausdruck brachte4. Andererseits war sie vor allem der Ausdruck einer vergangenen Periode der Arbeiterbewegung (als die Allianz  noch von der sektiererischen Phase der Arbeiterbewegung gekennzeichnet war):
„Unter der Bezeichnung ‚Minderheit‘ haben sich in der Partei heterogene Elemente zusammen gefunden, die den bewussten oder unbewussten Wunsch vereint, Zirkelbeziehungen aufrecht zu erhalten, der Partei vorausgehende Organisationsformen. Gewisse bedeutende Mitglieder der alten einflussreichsten Zirkel, die es nicht gewihnt sind in Organisationsfragen eingeschränkt zu werden, die sich der Parteidisziplin fügen müssen, neigen dazu, gedankenlos di e allgemeinen Parteiinteressen mit ihren Zirkelinteressen zu verwischen, die tatsächlich in der Phase des Zirkelwesens zusammenfallen mochten.“ (Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück) Insbesondere erhoben dies Elemente aufgrund ihrer Kleinbürgerlichen Haltung „...das Banner der Rebellion gegenn die unabdingbaren Einschränkungen durch die Organisation, und sie errichteten ihren spntanen Anarchismus zum Kampfprinzip (...), indem sie mehr ‚Toleranz‘ forderten, etc.“
(a.a.O.)
Drittens führten der Zirkelgeist und der Individualismus der Menschewiki zur Personalisierung von politischen Fragen. Der dramatischste Augenblick des Kongresses, der einen unüberbrückbaren Graben zwischen den beiden Gruppen schuf, war die Nominierung für die diversen verantwortlichen Instanzen der Partei, insbesondere für die Redaktion der Iskra, die als die eigentliche politische Führung angesehen wurde (während das Zentralkomitee hauptsächlich für Organisationsfragen zuständig war). Vor dem Kongress bestand die Redaktion aus sechs Mitgliedern: Plechanow, Lenin, Martow, Axelrod, Starover (Potressow), Vera Sassulitsch. Aber nur die drei Erstgenannten waren wirklich Redakteure, während Letztere praktisch nichts taten oder sich damit begnügten, Artikel zu senden5. Um den in der alten Redaktion herrschenden Zirkelgeist zu überwinden, schlug Lenin dem Kongress eine Formel  vor, die die Ernennung einer geeigneteren Redaktion ermöglichen sollte, ohne dass dies als Misstrauensvotum gegenüber jenen drei Militanten erschien: Der Kongress wählte eine kleinere Redaktion aus drei Mitgliedern, die dann darüber hinaus in Übereinstimmung mit dem Zentralkomitee weitere Mitglieder kooptieren sollte. Nachdem dieser Vorschlag zunächst von Martow und den anderen Redakteuren akzeptiert wurde, änderte Martow am Ende der Debatte seine Meinung, als er mit Lenin über die Frage der Statuten in einen Gegensatz geriet (und als evident wurde, dass diese alten Genossen Gefahr liefen, ihre Stellung zu verlieren): Er verlangte nun vom Kongress (in der Tat schlug Trotzki eine Resolution in diesem Sinn vor), dass die alte Redaktionskommission mit ihren sechs Mitgliedern „bestätigt“ wird. Es war schließlich Lenins Vorschlag, der den Ärger und das Wehklagen der späteren Menschewiki (Minderheit) auslöste. Martow erklärte „im Namen der Mehrheit der ehemaligen Redaktion, dass keiner von uns in dieser neuen Redaktion teilnehmen wird“.
(O. a.a. LW Bd. 7, S. 318)
Anstelle politischer Betrachtungen setzte Martow die sentimentale Verteidigung seiner alten Freunde, den Opfern des „Belagerungszustands, der in der Partei herrscht“. Der Menschewist Tsarew erklärte: „Wie sollen sich die nicht gewählten Mitglieder der Redaktion verhalten, wenn der Kongress sie nicht mehr als Teil der Redaktion sehen will?“ Die Bolschewiki verurteilten die konspiratorische Art und Weise, wie diese Probleme dargestellt wurden.6 In der Folge lehnten die Menschewiki die Entscheidungen des Kongresses ab und sabotierten sie. Sie boykottierten die gewählten Zentralorgane und richteten sytematische, persönliche Angriffe gegen Lenin. Trotzki beispielsweise bezeichnete ihn als „Maximilius Lenin“ und bezichtigte ihn, à la Robespierre die „Rolle des Unbestechlichen zu spielen“ sowie eine „Republik der Tugend und des Terrors“ zu errichten (Bericht der sibirischen Delegation). Die Ähnlichkeit zwischen den Anklagen der Menschewiki gegen Lenin und denjenigen der Allianz gegen Marx und seine „Diktatur“ ist frappierend. Angesichts dieses Verhaltens der Menschewiki, ihrer Personalisierung von politischen Fragen, ihrer Attacken, die ihn ins Visier nahmen, und der Subjektivität Martows und seiner Freunde antwortete Lenin: „Betrachte ich das Verhalten der Martowleute  nach dem Parteitag ... so kann ich nur sagen, dass das ein irrsiniger, eines Parteimitglieds unwürdiger Versuch ist, die Partei zu sprengen... und weshalb? Nur weil man unzufrieden ist mit der Zusammensetzung der Zentralstellen, denn objektiv war das die e i n z i g e  Frage, in der wir uns trennten, die subjektiven Urteile aber ( wie Kränkung, Beleidigung, Hinauswurf, Beseitigung, Verunglimpfung etc. etc) sind die Frucht gekränkter Eigenliebe und krankhafter Phantasie. Diese krankhafte Phantasie und diese gekränkte Eigenliebe führen geradewegs zu schädlichen Klatschereien nämlich dazu, dass man, ohne die Tätigkeit der neuer Zentralstellen kennengelernt und ohne sie gesehen zu haben, Gerüchte verbreitet über ihre ‚Arbeitsunfähigkeit‘, über die ‚eiserne Hand‘ eines Iwan Iwanowitsch... Die russische  Sozialdemokratie muss den letzten schwierigen Übergangg vollziehen vom Zirkelwesen zum Parteiprinzip, vom Spiessertum zur Erkenntnis der revolutionären Pflicht, vom Handeln auf Grund von Klatschereien und Zirkeleinflüssen zur Disziplin.“ (Bericht vom 2. Kongress der SDAPR;
LW 7, S. 20)

2. Organisationsprobleme in der Geschichte der IKS

Wie alle anderen Organisationen des Proletariats hat auch die IKS mit ähnlichen organisatorischen Schwierigkeiten, mit denen wir uns weiter oben befassten, zu tun gehabt. Unter diesen Schwierigkeiten sind Folgende zu nennen:
1974: die Debatte in der Gruppe Révolution Internationale, der späteren französischen Sektion der IKS, über die Zentralisierung; Bildung und Austritt der „Bérard–Tendenz“;
1978: die Bildung der „Sam-MM-Tendenz“, die 1979 die GCI gründete;
1981: die Krise der IKS, Bildung und Austritt der „Chénier-Tendenz“;
1984: das Auftreten der Minderheit, die sich 1985 als „Tendenz“ konstituieren und dann die IKS verlassen sollte, um die FECCI zu gründen;
1987/88: die Schwierigkeiten in der spanischen Sektion, die zum Verlust der Sektion im Norden des Landes führten;
1988: die Dynamik der Anfechtung und Demobilisierung in der Pariser Sektion, die infolge des Gewichts des Zerfalls auf unsere Reihen auf dem 8. Kongress von RI (Révolution Internationale, der IKS-Sektion in Frankreich) ans Tageslicht getreten waren.
Trotz ihrer Unterschiede kann man aus diesen Schwierigkeiten eine Reihe von gemeinsamen Merkmalen destillieren, die an die Probleme anknüpfen, die in der bisherigen Geschichte der Arbeiterbewegung bereits vorgekommen waren:
das Gewicht der kleinbürgerlichen Ideologie, insbesondere des Individualismus;
die Infragestellung des einheitlichen und zentralisierten Charakters der Organisation;
die Bedeutung der persönlichen und subjektiven Faktoren.
Es würde zuviel Platz einnehmen, wenn wir nun all diese schwierigen Perioden Revue passieren lassen würden. Es genügt vollauf, jene Merkmale hervorzuheben, die stets, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, präsent waren.

a) Das Gewicht der kleinbürgerlichen Ideologie

Dieses Gewicht wird deutlich, wenn man untersucht, was aus der Tendenz von 1978 geworden ist: Die GCI (Group Communiste Internationale) hat sich einer Art von Anarcho-Bordigismus hingegeben, begeistert sich für terroristische Aktivitäten und misstraut den Kämpfen des Proletariats in den fortgeschrittenen Ländern, während sie angebliche proletarische Kämpfe in der Dritten Welt glorifiziert. In der Dynamik jener Gruppe von Genossen, die die FECCI gründen sollten, haben wir frappante Ähnlichkeiten mit jenen identifiziert, die die Menschewiki 1903 motiviert hatten (s. den Artikel „Die externe Fraktion der IKS“, Revue Internationale Nr. 45, engl., franz., span.), insbesondere das Gewicht des intellektuellen Elements. In der Dynamik der Anfechtung und Demobilisierung, die die Pariser Sektion betroffen hatte, haben wir bereits die Bedeutung des Zerfalls hervorgehoben, der das Eindringen der kleinbürgerlichen Ideologie in unsere Reihen begünstigte, insbesondere in der Form des „Demokratismus“

b) Die Infragestellung des einheitlichen und zentralisierten Charakters der Organisation

Es handelt sich hier um ein Phänomen, das wir systematisch und bezeichnenderweise während der verschiedenen Organisationsschwierigkeiten der IKS angetroffen haben:
Den Ausgangspunkt der Dynamik, die zur „Bérard-Tendenz“ führte, war der Beschluss der Pariser Sektion, eine Organisationskommission (OK) zu gründen. Eine gewisse Anzahl von Genossen, besonders die Mehrheit derjenigen, die aus der trotzkistischen LO (Lutte Ouvrier)e stammten, sahen in diesem embryonalen Zentralorgan die „große Gefahr einer Bürokratisierung“ der Organisation. Bérard verglich das OK unaufhörlich mit dem Zentralkomitee von LO (Bérard war mehrere Jahre lang Mitglied dieser Organisation gewesen), er setzte RI mit dieser trotzkistischen Organisation gleich. Dieses Argument hatte einen großen Einfluss auf die anderen Genossen seiner „Tendenz“, denn alle (außer einer) kamen von LO.
Anlässlich der Krise von 1981 machte sich (mit Unterstützung des dubiosen Elements Chénier, aber nicht nur mit seiner) die Sichtweise breit, dass jede lokale Sektion eine eigene Politik bezüglich der Intervention verfolgen könne, was eine totale Infragestellung des Internationalen Büros (IB) und seines Sekretariats (IS) bedeutete (man warf diesen Organen insbesondere ihre Auffassung über die Linke in der Opposition sowie die Provozierung einer stalinistischen Degeneration vor). Zwar vertrat man die Notwendigkeit von Zentralorganen, doch beschränkte man sie letztlich auf die Rolle bloßer Briefkästen.
In der ganzen Dynamik, die zur Bildung der FECCI führte, machte sich erneut die Infragestellung der Zentralisierung bemerkbar, jedoch mit dem Unterschied, dass fünf von zehn Mitgliedern der „Tendenz“ im IB waren. Sie wurde hauptsächlich durch wiederholte Akte der Disziplinverletzung gegenüber  dem IB, aber auch gegenüber anderen Instanzen der Organisation in Frage gestellt: In ihrer gewissermaßen aristokratischen Haltung betrachteten sich bestimmte Mitglieder der „Tendenz“ als „über den Gesetzen stehend“. Konfrontiert mit der Notwendigkeit der Disziplin in der Organisation, erblickten diese Militanten darin eine „stalinistische Degenerierung“ und wiederholten die Argumente der „Chénier-Tendenz“, die sie selbst drei Jahre zuvor bekämpft hatten.
Die Schwierigkeiten der Sektion in Spanien von 1987/88 hängen direkt mit dem Problem der Zentralisierung zusammen. Die neuen Militanten der Sektion von San Sebastian gerieten in eine Dynamik, die zur Anfechtung der Sektion von Valencia führte, die gleichzeitig als Zentralorgan wirkte. In der „baskischen“ Sektion existierte eine Reihe von Meinungsverschiedenheiten und politischen Konfusione bemerkenswerterweise über die Frage der Arbeitslosenkomitees; Konfusionen, die zu einem beträchtlichen Teil auf die linksextremen Ursprünge gewisser Elemente dieser Sektion zurückzuführen waren. Doch anstelle einer Diskussion über diese Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Organisation, wurde dies zum Anlass genommen für eine Art „My-home-is-my-castle“-Politik und für eine prinzipielle Ablehnung aller Orientierungen von Valencia. Infolge dieser Dynamik verlor die Sektion in Spanien die Hälfte ihrer Mitglieder.
Im Geist der Anfechtung und Demobilisierung, der sich 1988 in der französischen Sektion und besonders in Paris breitmachte,  drückte sich die Infragestellung der Zentralisierung im Wesentlichen gegen das Zentralorgan der Sektion aus. Am klarsten wurde diese Infragestellung durch ein Mitglied der Organisation ausgedrückt, das in seinen Texten und in seinem Verhalten eine dem Anarcho-Rätekommunismus nahe Vorgehensweise entwickelte. Insbesondere enthielt einer seiner ersten Beiträge eine Kritik der Zentralorgane und die Idee des Rotationsprinzips bei der Ernennung der Militanten für dieses Organ.
Die Ablehnung bzw. Anfechtung der Zentralisierung stellte jedoch nicht die einzige Form der Infragestellung des Einheitscharakters der Organisation während all der erwähnten schwierigen Momente dar. Es sei hier eine weitere Manifestation dieser Dynamik hinzugefügt, die, wie es von Lenin 1903 getan wurde, als „Zirkel“, ja, gar als „Clan“ beschrieben werden kann. Das heißt, eine informelle Umgruppierung einer gewissen Anzahl von Genossen auf der Basis nicht einer politischen Übereinstimmung, sondern von seltsamen Kriterien wie persönlicher Affinitäten, der Unzufriedenheit über diese oder jene Orientierung der Organisation oder die Anfechtung eines Zentralorgans.
Alle „Tendenzen“ die sich bis auf den heutigen Tag innerhalb der IKS formiert hatten, unterlagen mehr oder weniger dieser Dynamik. Aus diesem Grund führten sie übrigens auch alle zur Abspaltung. Wir haben jedes Mal darauf hingewiesen: Die Tendenzen bildeten sich nicht auf der Grundlage einer positiven Orientierung als Alternative zur von der Organisation eingenommenen Position, sondern als eine Ansammlung von „Unzufriedenen“, die erst alle ihre Divergenzen in einen gemeinsamen Topf warfen und anschließend versuchten, sich selbst eine gewisse Kohärenz zu verleihen. Auf solchen Grundlagen konnte eine Tendenz nichts Positives hervorbringen, denn ihre Dynamik bestand nicht darin, die Organisation durch eine möglichst große Klarheit zu stärken, sondern im Gegenteil in einer (oft unbewussten) Vorgehensweise, die zerstörerisch für die Organisation ist. Solche Tendenzen waren nicht das organische Produkt der IKS oder des Proletariats, sondern der Ausdruck des Eindringens von fremden Einflüssen. Im Allgemeinen handelte es sich hierbei um die kleinbürgerliche Ideologie. Folglich erscheinen diese Tendenzen  wie Fremdkörper innerhalb der IKS. Deshalb stellen sie eine Gefahr für die Organisation dar, daher führen sie fast zwangsläufig zu Abspaltungen.7
In gewisser Weise wies die Bérard-Tendenz die grösste Homogenität auf. Doch es gab kein gemeinsames Verständnis über die Fragen ihres Ursprungs. Ihre „Homogenität“ basierte im Wesentlichen auf:
dem gemeinsamen Ursprung (LO) der Mitglieder dieser Tendenz, die sie spontan in einer gemeinsamen Vorgehensweise und insbesondere in der Ablehnung der Zentralisierung vereinigte;
dem Charisma von Bérard, der ein brilliantes Element war und dessen Interventionen weniger erfahrene Elemente blendeten,  die in ihrer Gesamtheit keine große Ahnung hatten und sich ihm blindlings anschlossen.
Aus diesem letzgenannten Grund findet man in dieser „Tendenz“ sehr akademistische und gleichzeitig eher aktivistische Elemente vor. Es erübrigt sich zu sagen, dass die „Kommunistische Tendenz“ die erste Nummer ihrer Publikation nicht überlebte.
Was die anderen „Tendenzen“ der IKS anbelangt, beinhaltete jede ein Allerlei  von Positionen.
Tendenz Sam-MM: tendenzieller Fall der Profitrate als Erklärung für die Wirtschaftskrise (Sam) plus die proletarische Natur des Übergangsstaates (Sam) plus bordigistische Ansichten über die Rolle der Organisation (MM) plus Überschätzung der Klassenkämpfe in der 3. Welt (Ric);
Tendenz Chénier: Ablehnung der Analyse über die Linke in der Opposition plus Verwandlung von gewerkschaftlichen Organismen in Organe des Klassenkampfes plus stalinistische „Degenerierung“ der IKS (dazu verdeckte Praktiken eines vielleicht im Dienste des bürgerlichen Staates stehenden Individuums);
Tendenz FECCI: nichtmarxistische Sichtweise des Klassenbewusstseins (ML) plus rätekommunistische Schwächen (JA und Sander) plus Meinungsverschiedenheiten über die Intervention der IKS in die gewerkschaftlich organisierten Aktionen zur Lähmung der Arbeiterklasse (ROSE) plus Ablehnung der Begriffe Zentrismus und Opportunismus (McIntosh).
Betrachten wir den zusammengewürfelten Charakter dieser Tendenzen, so muss man sich fragen, worauf sich denn ihre Vorgehensweise stützte.
Ursprünglich gab es zweifellos Unzufriedenheiten und Konfusionen über allgemeine politische wie auch über organisatorische Fragen. Doch nicht jeder Genosse, der in diesen Fragen anderer Meinung war, schloss sich diesen Tendenzen an. Andererseits haben gewisse Genossen, die anfangs keine Meinungsverschiedenheiten hatten, sie im weiteren Verlauf „entdeckt”, um sich der Bildung einer „Tendenz“ anzuschließen Deshalb müssen wir, wie das bereits Lenin 1903 gemacht hat, an einen anderen Aspekt des Organisationslebens erinnern: an die Bedeutung „persönlicher“ Fragen und der Subjektivität.

c) Die Bedeutung „persönlicher“ Fragen und der Subjektivität

Die Fragen bezüglich Verhaltensweisen, Benehmen, Subjektivität, emotionalen Reaktionen von Militanten sowie der Personifizierung von bestimmten Debatten besitzen keine „psychologische“ Natur, sind aber eminent politisch. Perönlichkeit, individuelle Geschichte, Kindheit, emotionale Probleme u. a. erlauben uns nicht, regelwidrige, abweichende Verhaltensweisen von Mitgliedern der Organisation zu erklären, die sie in diesem oder jenem Fall angenommen haben. Hinter solchem Benehmen findet man immer, direkt oder indirekt, Individualismus oder Sentimentalitäten, welche Ausdruck von nicht-proletarischen Klassen sind: dem Bürgertum und Kleinbürgertum. Man kann zumeist sagen, dass bestimmte Persönlichkeiten angesichts des Drucks von solchen ideologischen Einflüssen zerbrechlicher sind als andere.
Das bedeutet nicht, dass „persönliche“ Aspekte keine wichtige Rolle im Leben der Organisation spielen, wie man anhand zahlreicher Beispiele sehen kann:
Die Bérard-Tendenz: Es genügt die Tatsache aufzuzeigen, dass einige Tage nach der Einsetzung einer Organisationskommission, die von Bérard nicht anerkannt wurde, derselbe Bérard gegenüber MC8 folgenden Handel vorschlug: „Ich werde für die Untersuchungskommission stimmen, wenn du mich für sie vorschlägst. Andernfalls werde ich kämpfen.” MC machte den Vorfall nicht publik, um Bérard nicht öffentlich „niederzumachen“ und um zu ermöglichen, dass die Debatte an die Wurzeln gelangt. Die OK stellte also eine Gefahr der „Bürokratisierung“ dar, weil Bérard nicht aufgenommen wurde. Kein weiterer Kommentar!
Die Sam-MM-Tendenz:  Sie setzte sich aus drei Gruppen (teilweise familiärer Natur) zusammen, deren „Anführer“ verschiedene Vorurteile hatten, welche alle in der Anfechtung der Zentralorgane zusammenfanden. Da „es keinen Platz für mehrere männliche Krokodile im selben Teich gibt“ (wie ein afrikanisches Sprichwort sagt), trennten sich die drei kleinen Krokodile bald darauf. Sam spaltete sich als erster von der GCI ab, um die Eintagsfliege der „Fraction Communiste Internationaliste“ zu gründen; später verrließ auch MM die GCI, um die „Movement Communiste“ zu bilden.
Die Chénier-Tendenz: Persönliche Konflikte und Persönlichkeiten spalteten die englischen Sektion in zwei Gruppen, welche nicht miteinander sprachen und zum Beispiel in  verschiedenen Restaurants essen gingen. Militante aus dem Ausland, welche diese Treffen besuchten, wurden von dem einen oder dem anderen Clan vereinnahmt und mit Klatsch über die anderen bedrängt. Die Krise wurde durch die Manöver von Chénier, der ständig Öl ins Feuer goss, noch verschlimmert9:
Die EFICC-Tendenz: Abgesehen von den politischen Differenzen (welche unvereinbar waren) war eine Hauptquelle für den Werdegang derjenigen, die die EFICC gründeten, der verletzte Stolz einiger (besonders JA und ML), die es wenig gewohnt waren, kritisiert zu werden (besonders von MC), und die „Solidarität“, welche ihre alten Freunde ihnen gegenüber bekunden wollten. Wenn man die Geschichte des zweiten Kongresses der SDAPR untersucht und die Affäre der „EFICC-Tendenz“ erlebt hat, stößt man auf all die Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Ereignissen. Doch wie Marx sagte: „die Geschichte wiederholt sich, zuerst als Tragödie und dann als Farce.”
Persönliche Fragen spielten nicht nur im Zeitraum sich bildender Tendenzen in verschiedener Hinsicht eine Rolle. So entwickelten sich zurzeit der Schwierigkeiten in der spanischen Sektion 1987–88 unter den Genossen aus San Sebastian, die auf einer unzureichend soliden politischen Grundlage und zu einem erheblichen Umfang aufgrund der Persönlichkeit integriert worden waren, sehr starke Animositäten gegenüber gewissen Genossen aus Valencia. Dieser personalisierte Ablauf wurde besonders betont durch den ungesunden und  entstellten Geist eines der Elemente aus San Sebastian und vor allem durch die Agitation Albars, der eine Triebkraft des Kerns in Lugo war und dessen Verhalten dem von Chénier ähnelte: Geheimkontakte und -korrespondenz, Verunglimpfungen und Verleumdungen, der Einsatz von Sympathisanten, um auf die Genossen aus Barcelona „einzuwirken”, die schließlich die IKS verließen 
Diese unvermeidlicherweise zu schnelle und oberflächliche Untersuchung, der organisatorischen Schwierigkeiten, auf die die  IKS im Verlauf ihrer Geschichte gestoßen ist, enthüllt trotzdem zwei wesentliche Tatsachen:
Diese Schwierigkeiten sind nicht ungewöhnlich und existierten die gesamte Geschichte der Arbeiterklasse hindurch.
Die IKS ist von diesen Arten von Schwierigkeiten wiederholt und häufig konfrontiert worden.
Gerade das letzte Element muss die Organisation und die Genossen dazu anregen, die Organisationsprinzipien, welche 1982 von der Außerordentlichen Konferenz im „Bericht zur Struktur und Funktionsweise der Organisation der Revolutionäre“ und in den Statuten ausgearbeitet worden waren, gründlich zu studieren.

3. Die prinzipiellen Punkte des  „Berichts zur Struktur und Funktionsweise“ von 1982 und der Statuten.

Die Grundidee des Berichts von 1982 ist die Einheit der Organisation. In diesem Dokument war die Idee zuerst unter dem Gesichtspunkt der Zentralisierung behandelt worden, ehe sie unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen der Militanten zur Organisation betrachtet wurde. Die Wahl dieser Reihenfolge entsprach den Problemen, auf die die IKS 1981 gestoßen war, als die Schwächen durch die Anfechtung der Zentralorgane und der Zentralisierung offenkundig wurden. Heute sind die meisten Schwierigkeiten, denen sich die Sektionen gegenübersehen, nicht direkt mit der Frage der Zentralisierung verknüpft, sondern viel mehr mit dem Organisationsgewebe, mit dem Platz und den Verantwortlichkeiten von Militanten innerhalb der Organisation. Und selbst wenn Schwierigkeiten bezüglich der Zentralisierung aufkommen, wie in der französischen Sektion, gehen sie zurück auf das vorhergehende Problem. Daher ist es bei der Bewertung der verschiedenen Aspekte des Berichts von 1982 angebracht, mit dem letzten
– Punkt 12 – zu beginnen, der richtigerweise die Beziehungen zwischen der Organisation und den Militanten betrifft

3 .1. Die Beziehungen zwischen den Militanten und der Organisation

a) Das Gewicht des Individualismus

Eine grundlegende Bedingung der Fähigkeit einer Organisation, ihre Aufgaben innerhalb der Klasse zu erfüllen, ist das richtige Verständnis des Verhältnisses zwischen ihren Mitgliedern und der Organisation. Dies ist eine in der gegenwärtigen Zeit besonders schwer zu verstehende Frage, weil es einen organischen Bruch zwischen den Fraktionen der Vergangenheit und dem Einfluss der Studenten in den revolutionären Organisationen in der Zeit nach 1968 gegeben hat, der das Wiederauftauchen eines Lasters aus der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts bewirkt hat: den Individualismus.“ (Bericht von 1982, Punkt 12)
Es ist notwendig festzustellen, dass zu den Ursachen des Eindringens des Individualismus, welche bereits identifiziert wurden, heute noch das Gewicht des Zerfalls hinzukommt. Im Besonderen fördert der Zerfall die „Atomisierung“ und das „Jeder für sich“. Es ist wichtig, dass sich die ganze Organisation vollständig bewusst ist über diesen konstanten Druck, den der verfaulende Kapitalismus in den Köpfen der Militanten ausübt. Ein Druck, welcher außerhalb einer offen revolutionären  Periode nur wachsen kann. In diesem Sinne sind die  folgenden Punkte, die auf die Schwierigkeiten und Gefahren antworten, welche bereits in der Vergangenheit auf die Organisation gelauert haben, heute gültiger denn je. Selbstverständlich darf uns dies nicht entmutigen, sondern im Gegenteil zu noch größerer Wachsamkeit gegenüber diesen Schwierigkeiten und Gefahren ermutigen.

b) Die „Erfüllung“ der Militanten

„Das gleiche Verhältnis, das zwischen einem besonderen Organismus (Gruppe oder Partei) und der Klasse besteht, existiert auch zwischen der Organisation und dem Militanten. Und ebenso wenig, wie die Klasse  für die Bedürfnisse der kommunistischen Organisation existiert, existieren kommunistische Organisationen, um die Probleme des individuellen Militanten zu lösen. Die Organisation ist nicht das Produkt der Bedürfnisse ihrer Mitglieder. Man ist Militanter in dem Maße, wie man die Aufgaben und die Funktion der Organisation verstanden hat und ihnen beipflichtet.
Infolgedessen zielt die Verteilung der Aufgaben und der Verantwortlichkeiten innerhalb der Organisation nicht auf eine ‚Verwirklichung‘ der einzelnen Mitglieder ab. Die Aufgaben müssen so verteilt werden, dass die Organisation als ein Ganzes optimal funktionieren kann. Wenn die Organisation soweit wie möglich die Situation und das Wohlergehen eines einzelnen Mitglieds berücksichtigt, dann geschieht dies vor allem deshalb, weil es im Interesse der Organisation ist, dass alle ihre ‚Zellen‘ in der Lage sind, ihren Teil zur Arbeit der Organisation beizutragen. Das heißt nicht, dass die Individualität und die Probleme eines einzelnen Mitgliedes außer Acht gelassen würden; es bedeutet, dass  Ausgangs- und Endpunkt die Fähigkeit der Organisation sein muss, ihre Aufgaben im Klassenkampf auszuführen.“ (Bericht, Punkt 12)
Dies ist ein Punkt, den wir nie vergessen dürfen. Wir stehen im Dienst der Organisation, nicht umgekehrt. Insbesondere ist Letztere keine Art von Klinik, wo besonders die psychischen Krankheiten geheilt werden, an denen ihre Mitglieder möglicherweise laborieren. Dies bedeutet nicht, dass das Revolutionär-Werden nicht dabei hilft, die persönlichen Schwierigkeiten, die jedermann hat, in einen Zusammenhang zu stellen, wenn es sie schon nicht alle zusammen überwinden kann. Ganz im Gegenteil: Ein Kämpfer für den Kommunismus zu werden bedeutet, seiner Existenz einen tiefen Sinn zu geben. Einen Sinn, der dazu beitragen kann, auch allen anderen Aspekte des Lebens einen grundsätzlicheren Sinn zu geben (Erfolg in Beruf oder Familienglück, Kindererziehung, wissenschaftliche oder künstlerische Tätigkeiten, alles Befriedingungen, die von allen geteilt werden sollten, aber einem großen Teil der Menschheit versagt bleiben) Die größte Befriedigung, die ein menschliches Wesen in seinem Leben erfahren kann, ist ein positiver Betrag für seine Nachfahren, für die Gesellschaft und Menscheit. Was den kommunistischen Militanten von seinen Mitmenschen unterscheidet und ihm Sinn gibt in seinem Leben, ist, dass er ein Glied in der Kette ist, die zur Emanzipation der Menschheit, ihren Eintritt in das “Reich der Freiheit“ führt; eine Kette, die auch nach seinem Tode weitergeführt wird. Folglich ist das, was ein Militanter heute vollbrint, unvergleichlich wichtiger als das, was das größte Genie tun kann, sei es die Entdeckung eines Heilmittels gegen Krebs oder einer unerschöplichen Quelle umweltfreundlicher Energie. In diesem Sinne muss die Leidenschaft seines Engagements dem Militanten erlauben, über die Schwierigkeiten hinauszugehen, auf die jedes menschliche Wesen stößt.
Deshalb muss angesichts der besonderen Schwierigkeiten, auf die Mitglieder der Organisation stoßen können, eine politische Haltung eingenommen werden, nicht eine psychologische. Es ist klar, dass psychologische Aspekte bei Problemen, die einen Militanten betreffen, durchaus berücksichtigt werden können. Aber sie müssen grundsätzlich im Rahmen der Organisation gestellt werden, und nicht umgekehrt. So muss, wenn ein Mitglied häufig seine Aufgaben nicht erfüllen kann, die Organisation grundsätzlich politisch und in Übereinstimmung mit ihren Prinzipien und ihrer Funktion reagieren, auch wenn sie selbstverständlich imstande sein muss, die Besonderheiten der Situation anzuerkennen, in der sich ein Militanter befindet. Wenn die Organisation es z.B. mit einem Genossen zu tun hat, der  dem Alkoholismus verfällt, darf sie nicht die Rolle des Psychotherapeuten spielen (eine Rolle, wofür sie sowieso keine Qualifizierung hat und mit der sie nur riskiert, „Zauberlehrling“ zu sein), sondern sie muss auf ihrem eigenen  Terrain reagieren:
das Problem zur Sprache bringen, indem es innerhalb der Organisation und mit dem betroffenen Militanten diskutiert wird;
das Trinken von Alkohol auf den Treffen und bei Aktivitäten verbieten;
die Militanten dazu verpflichten, zu Treffen und Aktivitäten nüchten zu erscheinen
Die Erfahrungen haben reichlich gezeigt, dass dies der beste Weg ist, solche Probleme zu überwinden.
Aus denselben Gründen darf militantes Engagement nicht als Routine, wie  am Arbeitsplatz, betrachtet werden, auch wenn bestimmte Aufgaben an sich nicht so anregend sind. Im Besonderen ist es wichtig, dass diese Aufgaben – wie alle Aufgaben im Allgemeinen – so ausgeglichen wie möglich verteilt werden, damit nicht die einen überlastet werden, während die anderen nichts zu tun haben. Es ist auch wichtig, dass jeder Militante die Überzeugung aus seinen Gedanken und aus seinem Verhalten verbannt, er sei ein „Opfer“ der Organisation, die ihn schlecht behandle und ihm zuviel Arbeit gebe. Die große Stille, welche es oft in den Sektionen gibt, wenn es darum geht, freiwillig Aufgaben zu übernehmen, ist vor allem für junge Militante erschreckend und demoralisierend.10

c) Verschiedene Arten von Aufgaben und die Arbeit in den Zentralorganen

„In der Organisation gibt es keine ‚erhabene‘ und keine ‚zweitrangige‘, weniger erhabene‘  Aufgaben. Sowohl die Aufgabe der theoretischen Ausarbeitung als auch die Verwirklichung der praktischen Aufgaben, die Arbeit innerhalb der Zentralorgane wie auch die spezifische Arbeit in den örtlichen Sektionen sind gleichermaßen wichtig für die Organisation und dürfen nicht hierarchisch geordnet werden (nur der Kapitalismus errichtet solche Hierarchien). Deshalb muss man die Idee als bürgerlich verwerfen, derzufolge die Berufung eines Mitglieds in ein Zentralorgan einen ‚Aufstieg‘, den Zugang zu einem ‚Ehrenposten‘ oder zu einem Privileg bedeuten würde. Das Karrieredenken muss vollkommen aus der Organisation verbannt werden, da es im Gegensatz steht zu der selbstlosen Aufopferung, die ein charakteristisches Merkmal der kommunistischen Militanten ist.“ (ebenda)
Dies wurde nicht nur in der Situation, in der sich die IKS 1981 befand, bekräftigt, sondern hat darüber hinaus eine allgemeine und permanente Bedeutung.11 In gewisser Hinsicht war das Phänomen der Anfechtungen in der IKS oft mit der Vorstellung verbunden, welche die Organisation als „Pyramide“ oder „hierarchisch“ betrachtet, was der Sichtweise entspricht, die die Erlangung von Verantwortlichkeiten in einem Zentralorgan als eine Art „Ziel“ für jeden Militanten betrachtet . Dieselbe Vision sieht die Zugehörigkeit zu einem Zentralorgan, als eine Art Ziel für jeden Militanten an (die Erfahrung lehrt, dass Anarchisten sozusagen oft hervorragende Bürokraten sind).
Darüber hinaus muss man nur den Widerwillen betrachten, mit dem die Organisation einen Militanten von seiner Verantwortung in einem Zentralorgan entbindet, das Trauma, das eine solche Maßnahme provoziert, um einzusehen, dass dies ein echtes Problem ist. Es ist klar, dass solche Traumen der bürgerlichen Ideologie direkt Tribut zollen. Aber es genügt nicht, völlig davon überzeugt zu sein, um ihm zu entkommen. Angesichts einer solchen Situation ist es wichtig, dass die Organisation und ihre Militanten alles bekämpfen, was das Eindringen solcher Ideologien begünstigt:
Mitglieder von Zentralorganen dürfen weder von besonderen Privilegien profitieren noch sie akzeptieren, insbesonders die Vernachlässigung von Aufgaben und der Disziplin, welche für alle Mitglieder der Organisation gültig sind.
Sie dürfen mit ihrem Verhalten und ihrer Ausdrucksweise anderen Genossen nicht ihre Mitgliedschaft in diesem oder jenem Zentralorgan „spüren“ lassen: Solch eine Mitgliedschaft ist keine Medaille, die man überheblich zur Schau trägt, sondern eine besondere Aufgabe, die mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Verantwortung übernommen werden muss wie alle anderen.
Es gibt keine „Begünstigung durch die Alten“ in den Zentralorganen, eine Art von „Karrierestruktur”, wie in bürgerlichen Firmen und Verwaltungen, deren Beschäftigte angeblich auf der hierarchischen Leiter zum Erfolg klettern können. Im Gegenteil: Um sich auf die Zukunft vorzubereiten, muss die Organisation dafür Sorge tragen, dass auch auf der höchsten Ebene Verantwortlichkeiten an junge Militante übertragen werden, sofern diese ihre Fähigkeit gezeigt haben, Verantwortung zu übernehmen (erinnert sei dabei, dass Lenin vorschlug, gegen den Widerstand des “alten“ Plechanow den 22jährigen Trotzki in die Redaktion der Iskra aufzunehmen. Wir wissen, was aus dem Einen und dem Anderen wurde).
Was die Bedürfnisse der Organisation angeht, ist es erforderlich und zweckmäßig, Militante im Zentralorgan zu ersetzen, ohne dass dies als Sanktion, als eine Art Degradierung oder Vertrauensentzug gesehen und dargestellt wird. Die IKS verlangt weder die Rotation von Aufgaben wie die Anarchisten noch erkennt sie die Lebenserfahrung von Leuten als Ausschlag gebend bei der Verteilung von Verantwortlichkeiten an, wie dies in der Académie française oder in der Führung der Kommunistischen Partei Chinas der Fall ist.

d) Ungleichheit zwischen Militanten

„Auch wenn es unterschiedliche Fähigkeiten unter Individuen und Militanten gibt, welche durch die Klassengesellschaft aufrechterhalten und verschärft werden, besteht die Rolle der Organisation nicht darin, wie die utopischen Sozialisten vorzutäuschen, diese abschaffen zu können. Die Organisation muss versuchen, die politischen Kapazitäten ihrer Militanten maximal voranzutreiben, da diese eine Vorbedingung für ihre eigene Stärkung sind. Doch sie behandelt diese nie als eine Frage der individuellen Schulbildung oder einer Gleichmacherei der individuellen Erziehung.
Die wirkliche Gleichheit zwischen Militanten ist die, das Maximum für das Leben der Organisation zu geben (”Jeder nach seinen Fähigkeiten”, eine von Saint-Simon stammende, von Marx übernommene Formulierung). Die wirkliche ‚Erfüllung‘ als Militanter besteht darin, alles zu tun, um die Organisation zu unterstützen, ihre Aufgaben, welche sie von der Klasse erhalten hat, zu verwirklichen.” (ebenda)
Gefühle von Eifersucht, Rivalität, Konkurrenz oder „Minderwertigkeitskomplexen”, die zwischen Militanten aufkommen können und mit ihren Ungleichheiten verknüpft sind, sind typische Ausdrücke des Eindringens der herrschenden Ideologie in die Reihen der kommunistischen Organisation12. Auch wenn es eine Illusion ist zu glauben, man könne solche Gefühle vollständig aus den Köpfen aller Mitglieder der Organisation verbannen, so ist es dennoch wichtig, dass jeder Militante die permanente Sorge haben muss, sich in seinem Verhalten nicht durch diese Gefühle steuern zu lassen und sie innerhalb der Organisation zu bekämpfen.
Anfechtungen sind oft das Resultat solcher Gefühle und Frustrationen. In der Tat ist die Anfechtung von Zentralorganen oder von Militanten, die ein „größeres Gewicht“ als andere haben (wie gerade die Mitglieder der Zentralorgane), die typische Haltung von Militanten oder Teilen der Organisation, welche „Komplexe“ gegenüber anderen haben. Deshalb nimmt dies oft die Form einer Kritik um der Kritik willen an (und nicht über das, was wirklich gesagt bzw. getan wurde) gegenüber allem, was eine „Autorität“ repräsentiert (das klassische Verhalten des Halbwüchsigen, der gegen seinen Vater aufbegehrt). Als Ausdruck des Individualismus deckt sich das Protestlertum exakt mit einer anderen Erscheinung des Individualismus: dem autoritären Verhalten, dem „Gefallen an der Macht“13. Das Protestlertum kann aber auch unauffälligere Formen annehmen, die nicht weniger gefährlich sind, im Gegenteil, denn sie sind schwerer zu erkennen. Es drückt sich gleichermaßen  im Streben aus, den Platz dessen (Militanter oder Zentralorgan) einzunehmen, der angefochten wird, und dabei zu hoffen, so den Grund seines Komplexes zu beseitigen.
Ein anderer Aspekt, den es zu beachten gilt, wenn neue Genossen zur Organisation  stoßen, ist das Misstrauen von Seiten alter Genossen, die befürchten, die Neuen könnten sie „in den Schatten stellen”, besonders dann, wenn die Neuen über wichtige politische Kapazitäten verfügen. Dies ist ein echtes Problem: Einer der Hauptgründe für die Feindschaft Plechanows gegen Trotzki bei dessen Aufnahme in die Redaktion der Iskra war die Angst, dass sein eigenes Ansehen durch dieses brilliante Element geschmälert würde.14 Was zu Beginn des 20. Jahrhundert gültig war, ist heute aktueller denn je. Wenn die Organisation (und ihre Militanten) nicht fähig ist, solche Verhaltensweisen loszuwerden oder zumindest zu neutralisieren, wird sie nicht fähig sein, ihre Zukunft im revolutionären Kampf vorzubereiten.
Schließlich ist es bezüglich der Frage der „individuellen Erziehung“, die im Bericht von 1982 aufgegriffen wurde, wichtig zu unterstreichen, dass der Eintritt in ein Zentralorgan in keiner Weise als ein Mittel zur „Schulung“ von Militanten zu sehen ist. Der Ort, an dem sich die Militanten formen, sind ihre Aktivitäten innerhalb der „Basisorganismen der Organisation“ (Statuten), der lokalen Sektionen. In diesem Rahmen eignen sie sich ihre Fähigkeiten an und vervollkommnen sich, um einen besseren Beitrag zum Leben der gesamten Organisation zu leisten (theoretische, organisatorische und praktische Fähigkeiten, das Verantwortungsbewusstsein usw.) Wenn die lokalen Sektionen nicht fähig sind, diese Rolle zu spielen, bedeutet dies, dass ihre Funktionsweise, ihre Aktivitäten und Diskussionen sich nicht auf dem Niveau befinden, auf dem sie sich befinden sollten. Wenn die Organisation neue Genossen für die Erfüllung besonderer Aufgaben in den Zentralorganen oder spezifischen Kommissionen heranzieht (zum Beispiel um gerüstet zu sein für Situationen, in denen diese Organe durch die Repression lahmgelegt sind), dann geschieht dies keineswegs zur Befriedigung eines „Schulungsbedürfnisses“ für die betroffenen Militanten, sondern um der Organisation als Ganzes zu ermöglichen, ihre Verantwortung wahrzunehmen.

e) Die Beziehungen zwischen den Militanten

„Auch wenn sie die Narben der kapitalistischen Gesellschaft tragen, (...) dürfen die Beziehungen zwischen den Militanten nicht im flagranten Widerspruch zu dem von den Revolutionären verfolgten Ziel stehen (...) und müssen notwendigerweise auf der Solidarität und dem gegenseitigen Vertauen beruhen, die ein Kennzeichen der Zugehörigkeit der Organisation zu jener Klasse sind, die den Kommunismus verwirklichen wird.” (Auszug aus der Plattform der IKS)
Dies bedeutet insbesondere, dass das Verhältnis der Militanten durch Brüderlichkeit und nicht durch Feindschaft geprägt sein soll. Im Besonderen :
darf die Praktizierung einer politisch-organisatorischen und nicht „psychologischen“ Herangehensweise gegenüber Genossen, die in Schwierigkeiten stecken, nicht als Funktion einer unpersönlichen oder administrativen Maschinerie verstanden werden. Die Organisation und ihre Militanten müssen verstehen, wie sie in solchen Fällen ihre Solidarität zeigen, ohne zu vergessen, dass Brüderlichkeit nicht Nachgiebigkeit bedeutet;
deutet das Aufkommen feindschaftlicher Gefühle unter Militanten, die den anderen als Feind betrachten, an, wie sehr der Blick für den Daseinsgrund der Organisation verloren gegangen ist. Es signalisiert, dass es notwendig ist, sich die Grundlagen des militanten Engagements wiederanzueignen.
Außerhalb solcher extremen Fälle, die in der Organisation keinen Platz haben, ist es klar, dass Abneigungen in Letzterer nicht total verschwinden können. In solchen Fällen darf das Funktionieren der Organisation solche Abneigungen nicht fördern, sondern muss sie im Gegenteil verringern und neutralisieren. Insbesondere bedeutet die notwendige Offenheit, die unter Genossen existieren muss, nicht Rücksichtslosigkeit oder Respektlosigkeit. Ferner sollten Beleidigungen absolut aus den Beziehungen zwischen Militanten verbannt werden.
Doch dies heisst keinesfalls, dass die Organisation sich als eine „Gruppe von Freunden“ oder als eine Ansammlung solcher Gruppen ansehen darf.15
Tatsächlich ist eine der größten Gefahren, die die Organisation ständig bedroht, ihre Einheit in Frage stellt und sie zerstören kann, die Gründung von „Clans”, auch wenn dies nicht absichtlich und bewusst geschieht. In einer Clandynamik fußt das gemeinsame Vorgehen nicht auf wirklicher politischer Übereinstimmung, sondern vielmehr auf Freundschaft, Loyalität, gemeinsamen persönlichen Interessen oder geteilten Frustrationen. Oft ist eine solche Dynamik in dem Maße, wie sie nicht auf gemeinsamen politischen Übereinstimmungen basiert, von der Existenz von „Gurus“ und „Leitwölfen“ begleitet, welche die Einheit des Clans garantieren und ihre Kraft aus einen besonderen Charisma schöpfen. Diese können die politischen Fähigkeiten und die Urteilskraft anderer Militanter lahmlegen, indem sie als „Opfer“ dieser oder jener Politik der Organisation präsentiert werden oder sich selbst als solches darstellen. Wenn eine solche Dynamik entsteht, entscheiden die Mitglieder oder Sympathisanten des Clans nicht infolge einer bewussten und rationalen Wahl über ihre Haltung und die Entscheidungen, die sie treffen, sondern als Resultat der Claninteressen, die dazu neigen, sich gegen jene der Organisation zu richten.16
Im Besonderen werden alle Interventionen, die eine Position beziehen, welche ein Clanmitglied (bzw. das, was es sagt oder tut) herausfordert, als eine „persönliche Abrechnung“ mit ihm oder dem ganzen Clan betrachtet. Ferner neigt in einer solchen Dynamik ein Clan oft dazu, eine monolithische Front zu präsentieren (und es vorzuziehen, seine schmutzige Wäsche innerhalb der Familie zu waschen), die begleitet wird von einer blinden Disziplin, indem man sich ohne Diskussion um die Orientierungen des „Rudelführers“ schart.
Es ist eine Tatsache, dass einzelne Mitglieder der Organisation aufgrund ihrer Erfahrungen, politischen Kapazitäten oder der Bestätigung ihrer Einschätzungen durch die Realität eine größere Autorität erlangen können als andere Militante. Das Vertrauen, welches ihnen die anderen Militanten spontan entgegenbringen, auch wenn sie deren Standpunkt im Moment nicht mit Sicherheit teilen, ist eine normale Sache im Leben der Organisation. Es kann auch vorkommen, dass die Zentralorgane oder einzelne Militante vorübegehend um Vertrauen ersuchen, auch wenn sie noch nicht unmittelbar alle Elemente haben, um ihre Überzeugung fundiert darlegen zu können oder die Bedingungen für eine klare Debatte in der Organisation noch nicht existieren. Im Gegenteil dazu ist es nicht normal, definitiv mit einer Position einverstanden zu sein, nur weil sie von dem Genossen X vertreten wird. Sogar die größten Namen in der Geschichte der Arbeiterbewegung haben Fehler gemacht. In diesem Sinne kann das Festhalten an Positionen nur auf einer wirklichen Übereinstimmung basieren, für welche eine unerlässliche Bedingung die Qualität und Tiefe der Debatte ist. Dies ist auch die beste Garantie für die Solidität und Dauerhaftigkeit einer Position innerhalb der Organisation, die nicht einfach in Frage gestellt werden kann, nur weil Genosse X seine Meinung geändert hat. Die Militanten sollten nicht ein für allemal daran „glauben“, was ihnen selbst von einem Zentralorgan gesagt wird. Ihr kritischer Geist muss ständig aktiv sein (auch wenn dies nicht heißt, dass sie ständig kritisieren müssen). Dies verleiht den Zentralorganen wie auch den Militanten, welche ein großes „Gewicht“ haben, die Verantwortung, nicht bei jeder Gelegenheit und wahllos die „Argumente der Autorität“ zu nutzen. Im Gegenteil, sie müssen jede Tendenz zum „Hinterherdackeln“, zu oberflächlichen Argumenten ohne Überzeugung und ohne Nachdenken bekämpfen.
Eine Clandynamik kann auch von der Vorgehensweise einer nicht notwendigerweise bewussten „Infiltration“ geprägt sein, das heißt,  die Besetzung von Schlüsselpositionen in der Organisation (wie den Zentralorganen zum Beispiel, aber nicht nur) mit Clanmitgliedern oder Personen, die vom Clan überzeugt werden können. Das ist eine gebräuchliche Praxis und wird systematisch in den bürgerlichen Parteien angewandt. Es muss von einer kommunistischen Organisation entschieden zurückgewiesen werden. Sie muss gegenüber diesen Methoden sehr wachsam sein. Besonders bei der Besetzung der Zentralorgane „ist es notwendig, die Fahigkeit (der Kandidaten), kollektiv zu arbeiten, zu berücksichtigen“ (Statuten). Es ist ebenfalls wichtig, bei der Auswahl jener Militanten, die in solchen Organen arbeiten sollen, darauf zu achten, dass die Möglichkeit einer Clandynamik bezüglich Affinitäten und persönlichen Verbindungen zwischen den betroffenen Militanten möglichst gering gehalten wird. Deshalb muss die Organisation besonders soweit wie möglich vermeiden, dass zwei Militante, die in einer privaten Beziehung zusammenleben, für die gleiche Kommission nominiert werden. Ein Mangel an Wachsamkeit auf diesem Gebiet kann sehr schädliche Konsequenzen für die politische Kapazität der Militanten und der ganzen Organisation haben. Bestenfalls könnte das fragliche Organ, gleichgültig wie die Qualität seiner Arbeit ist, vom Rest der Organisation als „Gang von Freunden“ übelgenommen werden und damit zu einem bedeutsamen Verlust der Autorität des Organs führen. Schlimmstenfalls endet dieses Organ in einem Verhalten als abgesonderter Clan, mit allen Gefahren, die dies beinhaltet, oder wird von den Konflikten zwischen den Clans in ihm gar gelähmt. Im beiden Fällen kann die Existenz der ganze Organisation davon betroffen sein.
Letztendlich kann eine Clandynamik den Boden schaffen, auf dem eine Praxis ausgeübt wird, die der des bürgerlichen Wahlspektakels näher steht als jener der kommunistischen Militanz:
Kampagnen zur Verführung derjenigen, die der Clan für sich gewinnen will oder um deren Stimme bzw. Unterstützung für diese oder jene Nominierung für besondere Verantwortlichkeiten er wirbt17;
Verleumdungskampagnen gegen diejenigen, die den Clan ablehnen oder „Posten“ besetzen, die von Mitgliedern des Clans begehrt werden, oder die einfach ein Hindernis für seine Ziele sind.
Warnungen vor der Gefahr, ein Verhalten anzunehmen, das dem kommunistischen Militanten fremd ist, sollten nicht als „Kampf gegen Windmühlen“ betrachtet werden. Tatsächlich war die Arbeiterbewegung  in ihrer Geschichte häufig mit dieser Art von Benehmen, diesem beredten Zeugnis für den Druck der herrschenden Ideologie in ihren Reihen, konfrontiert. Auch die IKS kann dem nicht entweichen. Anzunehmen, dass die IKS von jetzt an immun gegen diese Plage sei, ist keine politische Klarsicht, sondern religiöser Glaube. Im Gegenteil, das zunehmende Gewicht des Zerfalls, der das Ausmaß der Atomisierung (und somit die Suche nach einem Schutz), Irrationalitat, emotionalen Herangehensweise und Demoralisierung noch verstärkt, kann nur die Bedrohung steigern, die von einem derartigen Verhalten ausgeht. Dies muss gegenüber den Gefahren, die dies darstellt, noch wachsamer machen. 
Das heisst nicht, dass sich in der Organisation eine ständiges Misstrauen unter den Genossen breitmachen soll. Das Gegenteil ist der Fall. Das beste Mittel gegen Misstrauen ist Wachsamkeit gegenüber Situationen, die das Misstrauen nähren könnten. Diese Wachsamkeit muss gegenüber jederlei Verhalten ausgeübt werden, das zu solchen Gefahren führen können. Insbesondere bei informellen Diskussionen unter Genossen und Fragen, welche das Leben der Organisation betreffen, gilt: Wenn sie in einem gewissen Umfang schon unumgänglich sind, so müssen sie wenigstens so weit wie möglich begrenzt werden und in verantwortlicher Art geführt werden. Während der formale Rahmen der Organisation, der bei den lokalen Sektionen beginnt, für zuverlässige Protokolle und Diskussionen wie auch für ein wirklich bewusstes und politisches Nachdenken am geeignetesten ist, lässt der „informelle“ Rahmen Spielraum für unverantwortliche Haltungen und ist darüber hinaus von Subjektivität gekennzeichnet. Besonders wichtig ist, allen Verleumdungskampagnen gegen Mitglieder der Organisation (wie natürlich auch der Zentralorgane) den Weg zu versperren. Diese Wachsamkeit gegenüber solches Verhalten muss gegenüber sich selbst wie auch gegenüber anderen ausgeübt werden. Auf diesem Gebiet wie auch auf vielen anderen, müssen sich die erfahrensten Militanten und besonders die Mitglieder der Zentralorgane vorbildlich verhalten und immer die Wirkung dessen bedenken, was sie sagen. Und was sie sagen ist noch wichtiger und schwerwiegender gegenüber neuen Genossen:
welche die Opfer von Verleumdungen nicht gut kennen und das, was gesagt wird, wörtlich nehmen;
welche Gefahr laufen, entweder sich dieser Art von Benehmen anzupassen oder von dem Bild, das die Organisation bietet, angeekelt und demoralisiert werden;
Um diesen Teil über die Beziehungen zwischen der Organisation und ihren Militanten zu schließen, ist es notwendig, zu betonen und  daran zu erinnern, dass die Organisation nicht einfach die Summe ihrer Militanten ist. Im historischen Kampf für den Kommunismus bringt das kollektive Wesen des Proletariats als Teil seiner selbst ein anderes kollektives Wesen ans Tageslicht, die revolutionäre Organisation. Kommunistische Militante sind diejenigen, die ihr Leben dafür widmen, dieses kollektive und vereinigte Wesen, das ihre Klasse ihnen anvertraut, am Leben zu erhalten, es fortzuentwickeln und zu verteidigen. Alle anderen Konzeptionen, besonders jene, welche die Organisation als die Summe ihrer Militanten betrachtet, sind von der bürgerlichen Ideologie beeinflusst und bilden eine tödliche Gefahr für die Existenz der Organisation.
Nur mittels dieser kollektiven und einheitlichen Auffassung der Organisation kann die Frage der Zentralisierung verstanden werden.

3.2. Die Zentralisierung der Organisation

Diese Frage stand im Zentrum des Aktivitätenberichts, welchen wir auf dem 10. Internationalen Kongress präsentierten. Darüber hinaus betreffen die Schwierigkeiten, mit denen die meisten Sektionen konfrontiert sind, nicht direkt die Frage der Zentralisierung. Schließlich ist es weitaus einfacher, die Frage der Zentralisierung zu verstehen, wenn man die Frage der Beziehungen zwischen der Organisation und ihren Militanten begriffen hat. Daher ist dieser Teil des vorliegenden Textes weniger detailliert als der erste Teil und größtenteils aus Auszügen des grundlegenden Textes Bericht zur Struktur und Funktionsweise von 1982 zusammengestellt, zu welchem wir wegen der Verständnislosigkeit, die sich in letzter Zeit breitgemacht hat, notwendigerweise Kommentare hinzufügen.

a) Die Einheit der Organisation und die Zentralisierung

„Der Zentralismus ist kein abstraktes oder frei wählbares Prinzip für die Organisationsstruktur. Er stellt die Konkretisierung ihres Einheitscharakters dar. Er spiegelt die Tatsache wider, dass die Organisation als ein einheitlicher Körper Position bezieht und in der Klasse handelt. In der Beziehung zwischen den verschiedenen Teilen der Organisation und dem Ganzen überwiegt das Ganze (...) Wir müssen resolut die Auffassung verwerfen, derzufolge einzelne Teile der Organisation gegenüber der Klasse oder der Organisation Positionen oder Einstellungen vertreten können, die ihnen im Gegensatz zu den von ihnen als falsch erachteten Positionen der Organisation, als richtig erscheinen: (...) Wenn die Organisation einen falschen Weg einschlägt, besteht die Verantwortung der Mitglieder, die glauben, eine richtige Position zu verteidigen, nicht darin, sich in ihre eigene kleine Ecke zurückzuziehen, sondern einen Kampf innerhalb der Organisation zu führen, um damit beizutragen, sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen.” (ebenda, Punkt 3)
“In der Organisation setzt sich das Ganze nicht aus der Summe der Teile zusammen. Die einzelnen Teile erhalten ein Mandat für  die Durchführung einer besonderen Aufgabe  (territoriale Presse, lokale Intervention usw.) und sind somit gegenüber der gesamten Organisation für die Durchführung des Mandats verantwortlich.” (ebenda, Punkt 4)
Diese kurzen Abstecher zum Bericht von 1982  zeigen deutlich, dass das Beharren auf die Frage der Einheit der Organisation die prinzipielle Achse dieses Dokuments ist. Die veschiedenen Teile der Organisation können nur als Teile des Ganzen, als Delegationen und Instrumente dieses Ganzen begriffen werden. Ist es notwendig zu wiederholen, dass diese Auffassung ständig in allen Teilen der Organisation präsent sein muss?
Nur auf dieser Basis, dem Beharren auf die Einheit der Organisation, bringt der Bericht die Frage des Kongresses (welcher hier keine Rolle spielt) und der Zentralorgane ein.
„Das Zentralorgan ist ein Teil der Organisation, und als solches ist es der Organisation gegenüber verantwortlich, wenn diese zu ihrem Kongress zusammenkommt. Jedoch handelt es sich um einen Teil, der zur Aufgabe hat, das Ganze zum Ausdruck zu bringen und zu repräsentieren. Deshalb sind die Positionen und Beschlüsse des Zentralorgans immer höherwertig gegenüber denen, die andere Teile der Organisation getrennt davon getroffen haben.” (ebenda, Punkt 5)
“Im Gegensatz zu bestimmten Auffassungen, insbesondere der so genannten ‚leninistischen‘, ist das Zentralorgan ein Instrument der Organisation und nicht umgekehrt. Es ist nicht die Spitze einer Pyramide, wie das eine hierarchische und militärische Auffassung von der Organisation der Revolutionäre meinen könnte. Die Organisation besteht nicht aus dem Zentralorgan plus Militante, sondern stellt ein dichtes und vereinigtes Netz dar, innerhalb dessen alle Teile miteinander verbunden sind und zusammenwirken. Man muss deshalb das Zentralorgan eher als den Kern einer Zelle auffassen, der den Stoffwechsel eines lebendigen organischen Einheit koordiniert.” (ebenda)
Dieses Bild ist grundlegend für das Verständnis der Zentralisierung. Es alleine, erlaubt uns im Besonderen das Verständnis dafür, weshalb es in einer einheitlichen Organisationen mehrere Zentralorgane mit verschiedenen Verantwortlichkeiten geben kann. Wenn wir die Organisation wie eine Pyramide betrachten, deren Spitze das Zentralorgan ist, wären wir mit einer unmöglichen geometrischen Figur konfrontiert: mit einer Pyramide, die eine Spitze hat und aus  vielen kleinen Pyramiden besteht, die alle eine eigene Spitze haben. In der Praxis wäre eine solche Organisation genauso abwegig wie diese geometrische Figur und könnte auch nicht funktionieren. Es sind die Administrationen und die Unternehmen der Bourgeoisie, welche eine pyramidenhafte Architektur haben. Damit Letztere funktionieren, werden die Verantwortlichkeiten zwangsläufig von oben nach unten delegiert. Dies ist nicht der Fall bei der IKS, die gewählte Zentralorgane auf den verschiedenen territorialen Ebenen hat. Solch eine Funktionsweise entspricht genau der Tatsache, dasss die IKS eine lebendige Einheit (wie die einer Zelle in einem Organismus) ist, in der die verschiedenen organisatorischen Momente Ausdruck des einheitlichen Ganzen sind.
In einer solchen Auffassung, welche detailliert in den Statuten ausgedrückt wird, kann es keine Konflikte und Widersprüche zwischen den verschiedenen Strukturen der Organisation geben. Es können durchaus Meinungsverschiedenheiten irgendwo in der Organisation entstehen. Aber das ist Teil des normalen Lebens. Doch wenn Meinungsverschiedenheiten zu Konflikten  führen, bedeutet dies, dass irgendwo diese Auffassung über die Struktur verlorengegangen ist und sich eine andere Sichtweise eingeschlichen hat, welche nur zu Gegensätzen zwischen den verschiedenenen „Spitzen“ führt. In einer solchen Dynamik, welche zum Auftauchen mehrerer „Zentren“ und dadurch zu Konflikten zwischen ihnen führt, ist die Einheit der Organisation und somit ihre ganze Existenz in Frage gestellt.
Die Fragen der Organisation und des Funktionierens sind nicht nur von höchster Wichtigkeit, sie sind auch am schwierigsten zu begreifen.18 Viel mehr als andere Fragen ist ihr Verständnis mit der Subjektivität der Militanten verbunden, welche ein wichtiges Einfallstor für das Eindringen fremder Ideologien in das Proletariat sein kann. Als solche sind sie Fragen, die par excellence niemals endgültig beantwortet werden. Es ist daher wichtig, dass sie Gegenstand anhaltender Wachsamkeit auf Seiten der Organisation und aller ihrer Militanten sind.                                                                                                                                                14. Oktober 1993