Interne Debatte der IKS: Marxismus und Ethik (Teil II)

In der vorherigen Ausgabe unserer
Internationalen Revue begannen wir mit der Veröffentlichung großer Auszüge aus
einem Orientierungstext über den Marxismus und die Ethik, der Gegenstand
interner Diskussionen in unserer Organisation war und ist. In den
veröffentlichten Auszügen lasen wir:

„Wir haben stets darauf bestanden, dass
die Statuten nicht eine Kollektion von Regeln sind, die festlegen, was erlaubt
ist und was nicht, sondern eine Orientierung für unser Verhalten und unsere
Haltung, die eine in sich zusammenhängende Sammlung von moralischen Werten
(besonders bezüglich des Verhältnisses unter den Mitgliedern und gegenüber der
Organisation) zusammenfasst. Daher verlangen wir von jedem, der Mitglied der
Organisation werden will, eine tiefgehende Übereinstimmung mit diesen Werten.

Doch die Statuten als integraler
Bestandteil unserer Plattform regeln nicht allein, wer unter welchen Umständen
Mitglied der IKS werden kann. Sie bedingen auch den Rahmen und den Geist des
militanten Lebens der Organisation und jedes ihrer Mitglieder.

Die Bedeutung, die die IKS stets diesen
Verhaltensprinzipien zugemessen hat, wird von der Tatsache veranschaulicht,
dass sie nie zögerte, diese Prinzipien zu verteidigen, selbst wenn sie dabei
eine Organisationskrise riskierte. Indem sie so verfährt, stellt sich die IKS
bewusst und unerschütterlich in die Tradition des Kampfes von Marx und Engels
in der Ersten Internationale, des Bolschewismus und der Italienischen Fraktion
des Kommunistischen Linken. Indem sie so verfuhr, war sie in der Lage gewesen,
eine Reihe von Krisen zu überstehen und fundamentale Verhaltensprinzipien der
Klasse aufrechtzuerhalten.

Jedoch wurde das Konzept der
proletarischen Moral mehr implizit denn explizit hochgehalten, wurde es eher in
empirischer Manier als theoretisch verallgemeinert in die Praxis umgesetzt.
Angesichts massiver Vorbehalte der neuen Generation von Revolutionären nach
1968 gegenüber jeglichen Moralkonzepten, welche im Allgemeinen als notwendigerweise
reaktionär betrachtet wurden, hielt es die Organisation für wichtiger, die
Verhaltensweisen der Arbeiterklasse zu berücksichtigen, statt diese sehr
allgemeine Debatte zu einer Zeit zu eröffnen, die noch nicht reif genug dafür
war.

Fragen der Moral waren nicht das einzige
Gebiet, wo die IKS auf diese Weise verfuhr. In den frühen Tagen der
Organisation existierten ähnliche Vorbehalte gegenüber der Notwendigkeit der
Zentralisierung oder der Intervention der Revolutionäre, der führenden Rolle
der Organisation bei der Entwicklung von Klassenbewusstsein, der Notwendigkeit
des Kampfes gegen den Demokratismus oder der Anerkennung der Aktualität der
Auseinandersetzung mit dem Opportunismus und Zentrismus."

Dieser erste Artikel mit Auszügen des
Textes behandelte folgende Themen:

-
das Problem des Zerfalls und des Vertrauensverlustes im Proletariat und in der
Menschheit insgesamt;

-
die Ursachen für die Vorbehalte unter den Revolutionären gegenüber dem Konzept
der proletarischen Moral nach 1968;

-
die Natur der Moral;

-
die Ethik, das heißt, die vor-marxistische Theorie der Moralität;

-
der Marxismus und die Ursprünge der Moral;

-
der Kampf des Proletariats gegen die
bürgerliche Moral;

-
die proletarische Moral.

In dieser Ausgabe werden wir mit der
Veröffentlichung von Auszügen fortfahren und an den Kampf erinnern, der vom
Marxismus gegen verschiedene Formen und Manifestationen der bürgerlichen
Moral geführt wurde. Ferner werden wir
auf die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung des Proletariats mit den
Auswirkungen des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft besonders auf seine
Perspektive hinweisen, nämlich die Wiederaneignung eines sehr wesentlichen Elements seines
Kampfes und seiner historischen Perspektive - die Solidarität.

Der marxistische Kampf
gegen den ethischen Idealismus

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts
behauptete die Bernsteinsche Strömung in der Zweiten Internationale, dass der
Anspruch des Marxismus, eine wissenschaftliche Vorgehensweise zu sein, die
Rolle der Ethik im Klassenkampf ausschließe. Davon ausgehend, dass sich
wissenschaftliche und ethische Vorgehensweise gegenseitig negieren,
befürwortete diese Strömung den Verzicht auf Erstere zugunsten Letzterer. Sie
schlug die „Vervollständigung" des Marxismus durch die Ethik von Kant vor.
Hinter ihrer Praxis, die Gier des einzelnen Kapitalisten zu verdammen, steckte
die Entschlossenheit des bürgerlichen Reformismus, die fundamentale
Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Kommunismus zu begraben.

Doch weit entfernt davon, die Ethik
auszuschließen, führte die wissenschaftliche Vorgehensweise des Marxismus
erstmals eine wirklich wissenschaftliche Dimension im gesellschaftlichen Denken
und damit in die Moral ein. Der Marxismus entwirrte das Puzzle der Geschichte,
weil er verstand, dass das wichtigste gesellschaftliche Verhältnis das zwischen
der lebendigen Arbeitskraft und den toten Produktionsmitteln ist. Der
Kapitalismus öffnete den Weg zu dieser Erkenntnis, so wie er den Weg zum
Kommunismus ebnete, indem er die Ausbeutungsmechanismen entpersonalisierte.

In Wahrheit stellte der Ruf nach einer
Rückkehr zur Ethik von Kant einen theoretischen Rückfall weit hinter den
bürgerlichen Materialismus dar, der bereits die sozialen Ursprünge von „gut und
böse" begriffen hatte. Seither hat jeder Fortschritt im gesellschaftlichen
Wissen dieses Verständnis bekräftigt und vertieft. Dies trifft nicht nur auf
den Fortschritt in der Wissenschaft zu, wie im Falle der Psychoanalyse, sondern
auch auf die Künste. Wie Rosa Luxemburg schrieb: „Wie für Hamlet durch das
Verbrechen seiner Mutter alle Bande der Menschheit aufgelöst, die Welt aus den
Fugen ist, so für Dostojewski angesichts der Tatsache, dass ein Mensch einen
Menschen ermorden kann. Er findet keine Ruhe, er fühlt die Verantwortung, die
auf ihm wie auf jeden von uns für dies Entsetzliche lastet. Er muss sich die
Psyche des Mörders klarmachen, seinen Leiden, seinen Qualen bis in die
verborgenste Falte seines Herzens nachspüren. Er hat diese Foltern alle
durchkostet und ist geblendet durch die furchtbare Erkenntnis: Der Mörder ist
selbst das unglücklichste Opfer der Gesellschaft (...) Die Romane Dostojewskis
sind die furchtbarste Anklage gegen die bürgerliche Gesellschaft, der er ins
Gesicht schleudert: Der wahre Mörder, der Mörder der Menschenseelen bist
du!"[1]

Diesen Standpunkt vertrat auch die junge
proletarische Diktatur in Russland. Sie rief die Strafgerichte dazu auf, „vollkommen
frei
(zu sein) vom Geist der Revanche. Sie können nicht Rache an Leuten
nehmen, nur weil sie in der bürgerlichen Gesellschaft gelebt haben."
[2]

Nicht zuletzt dieses Verständnis, dass
wir alle Opfer unserer Umstände sind, macht die marxistische Ethik zum
fortgeschrittensten Ausdruck des moralischen Fortschritts bis heute. Diese
Vorgehensweise schafft nicht die Moral ab, wie die Bourgeoisie behauptet, oder
beseitigt die individuelle Verantwortung, wie es der kleinbürgerliche
Individualismus gerne hätte. Stattdessen stellt sie einen gewaltigen
Fortschritt darin dar, die Moral auf Verständnis statt auf Schuld - jenes
Schuldgefühl, das den moralischen Fortschritt behindert, indem es die innere
Persönlichkeit vom Mitmenschen abschneidet - zu stützen. Sie ersetzt den Hass
von Menschen - diese Hauptquelle von anti-sozialen Trieben - durch die Empörung
und die Revolte gegen gesellschaftliche Verhältnisse und Verhaltensweisen.

Die reformistische Kant-Nostalgie war in
Wirklichkeit der Ausdruck einer Erosion des Kampfwillens. Die idealistische
Interpretation der Moral versöhnte sich auf emotionaler Ebene mit der
herrschenden Klasse, indem sie die Rolle der Moral bei der Umwandlung der
gesellschaftlichen Verhältnisse leugnete. Doch das höchste Ideal der
Menschheit, der innere Frieden und Einklang mit der umgebenden
gesellschaftlichen und natürlichen Welt, kann nur durch einen beständigen Kampf
erreicht werden. Die erste Bedingung des menschlichen Glücks ist die Kenntnis
darüber, was notwendig ist, ist das freiwillige Dienen für eine große Sache.

Kant verstand den widersprüchlichen
Charakter der bürgerlichen Moral weitaus besser als die bürgerlichen
Utilitaristen wie Bentham.[3] Insbesondere begriff er, dass
ungezügelter Individualismus selbst in der positiven Form des Strebens nach
persönlichem Glück zur Auflösung der Gesellschaft führen kann. Die Tatsache,
dass es innerhalb des Kapitalismus nicht nur Gewinner im Konkurrenzkampf geben
kann, bewirkt unvermeidlich die Trennung zwischen Pflicht und Neigung. Kants
Beharren auf den Vorrang der Pflicht korrespondiert mit der Auffassung, dass
das höchste Gut der bürgerlichen Gesellschaft nicht das Individuum, sondern der
Staat und besonders die Nation ist. In der bürgerlichen Moralität besitzt der
Patriotismus einen viel höheren Stellenwert als die Menschenliebe. In der Tat
lauerte hinter dem Mangel an Empörung innerhalb der Arbeiterbewegung über den
Reformismus bereits die Erosion des proletarischen Internationalismus.

Für Kant ist eine moralische Handlung,
die vom Pflichtgefühl motiviert wird, von größerem ethischem Wert als jene, die
mit Begeisterung, Leidenschaft und Freude ausgeübt wird. Hier ist der ethische
Wert mit dem Verzicht, mit der Idealisierung der Selbstaufopferung durch die
nationalistische und staatliche Ideologie aufs Engste verknüpft. Das
Proletariat lehnt diesen unmenschlichen Opferkult um seiner selbst willen, den
die Bourgeoisie von der Religion geerbt hat, rigoros ab. Auch wenn der
Kampfwille notgedrungen die Leidensbereitschaft mit einschließt, hat die
Arbeiterbewegung niemals aus solch einem notwendigen Übel eine moralische
Qualität gemacht. Tatsächlich haben schon vor dem Marxismus die besten Beiträge
zur Ethik stets die pathologischen und unmoralischen Konsequenzen solch einer
Vorgehensweise unterstrichen. Denn im Gegensatz zu dem, was die bürgerliche
Ethik glaubt, heiligt die Selbstaufopferung nicht jedes unwerte Ziel.

Wie Franz Mehring betonte, repräsentierte
selbst Schopenhauer, der seine Ethik auf das Mitgefühl statt auf die Pflicht
stützte, im Verhältnis zu Kant einen Fortschritt.[4]

Die bürgerliche Moral, unfähig, sich die
Überwindung des Gegensatzes zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Egoismus
und Altruismus auch nur vorzustellen, bezieht Stellung zugunsten des einen
gegen den anderen oder sucht nach einem Kompromiss zwischen beiden. Sie ist
nicht in der Lage zu begreifen, dass das Individuum selbst einen sozialen
Charakter besitzt. Entgegen der idealistischen Moral vertritt der Marxismus den
moralischen Idealismus der Freuden spendenden Aktivität als einen der
wichtigsten Aktivposten in der Erhebung gegen die niedergehende Klasse.

Eine andere Attraktion der Kantschen
Ethik bestand für den Opportunismus darin, dass ihre Formulierung des
„kategorischen Imperativs" eine Art Kodex in Aussicht stellte, mit dem
sämtliche moralischen Konflikte automatisch gelöst werden können. Nach Kant ist
die Gewissheit, dass man im Recht ist, ein Merkmal der moralischen
Handlungsweise (...) Auch hier drückt sich der Wille aus, den Kampf zu umgehen.

Der dialektische Charakter der Moral,
der die Tugend und Untugend im konkreten Leben nicht immer leicht
unterscheidbar macht, wird verleugnet. Wie Josef Dietzgen betonte, kann die
Vernunft den Verlauf einer Handlung nicht im Voraus bestimmen, da jedes
Individuum und jede Situation einmalig und unvorhersehbar sind. Es müssen
komplexe moralische Probleme studiert werden, um zu einem Verständnis und zu
einer kreativen Lösung zu gelangen. Dies kann gelegentlich eine besondere
Untersuchung oder die Etablierung eines spezifischen Organs erforderlich
machen, wie die Arbeiterbewegung lange Zeit verstanden hat.[5]

In Wahrheit sind moralische Konflikte
ein unvermeidlicher Bestandteil des Lebens - nicht nur innerhalb der
Klassengesellschaft. Beispielsweise können verschiedene ethische Prinzipien
(...) oder verschiedene Ebenen der Sozialisation des Menschen (die
Verantwortung gegenüber der Klasse, der Familie, dem persönlichen Gleichgewicht,
etc.) miteinander in Konflikt treten. Dies erfordert die Bereitschaft, mit der
momentanen Ungewissheit zu leben, um eine wirkliche Prüfung zu erlauben und der
Versuchung zu widerstehen, das eigene Gewissen zum Schweigen zu bringen; es
erfordert die Fähigkeit, seine eigenen Vorurteile zu hinterfragen, vor allem
aber eine rigorose, kollektive Methode der Klärung.

Im Kampf
gegen den Neo-Kantianismus zeigte Kautsky, wie der Beitrag Darwins über den
biologischen, animalischen Ursprung des Gewissens das stärkste Bollwerk der
idealistischen Moral zerschlug. Diese unsichtbare Kraft, diese kaum hörbare
Stimme, die nur in den Tiefen der Persönlichkeit vernehmbar ist, war stets der
Kern der ethischen Kontroverse gewesen. Die idealistische Moral war im Recht, wenn
sie darauf bestand, dass das Gewissen nicht durch die Angst vor der
öffentlichen Meinung oder vor Sanktionen durch die Mehrheit erklärt werden
kann. Im Gegenteil, das Gewissen kann uns zwingen, uns der öffentlichen Meinung
und Repression zu widersetzen oder unser Handeln zu bedauern, obwohl es
auf allgemeine Zustimmung stößt. „Daher seine geheimnisvolle Natur, diese
Stimme in uns, die mit keinem äusserlichen Anstoss, keinem sichtbaren Interesse
zusammenhängt; dieser Dämon oder Gott, den seit Sokrates und Plato bis Kant
jene Ethiker in sich empfanden, die es ablehnten, die Ethik aus der Selbstliebe
oder der Luft abzuleiten. Sicher ein geheimnisvoller Drang, aber nicht
geheimnisvoller als die Geschlechtsliebe, die Mutterlieb, der
Selbsterhaltungstrieb, das Wesen des Organismus überhaupt und so viele andere
Dingen, die nur der Welt der
´Erscheinungen´ angehören und die niemand
als Produkt einer übersinnlichen Welt ansehen wird. Weil das Sittengesetz ein
tierischer Trieb ist, der den Trieben der Selbsterhaltung und Fortpflanzung
ebenbürtig, deshalb seine Kraft, deshalb sein Drängen, dem wir ohne zu
überlegen gehorchen, deshalb unsere rasche Entscheidung in einzelnen Fällen..."
.[6]

Diese Schlussfolgerungen sind seitdem
von der Wissenschaft bestätigt worden, zum Beispiel durch Freud, der darauf
bestand, dass die entwickeltsten und sozialisiertesten Tiere grundsätzlich
einen ähnlichen psychischen Apparat wie der Mensch besitzen und an
vergleichbaren Neurosen leiden. Doch Freud hat nicht nur unser Verständnis in
diesen Fragen vertieft. Wegen der Vorgehensweise der Psychoanalyse, die nicht
nur untersucht, sondern auch eingreift, therapiert, teilt sie mit dem Marxismus
das Anliegen einer fortschreitenden Entwicklung des moralischen Apparates des
Menschen.

Freud unterschied zwischen den Trieben
(„Es"), dem „Ego", das ihn die Umwelt kennen lernen lässt und die Existenz
sichert (eine Art Realitätsprinzip), und dem „Über-Ich", das das Gewissen
enthält und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft gewährt. Obwohl Freud
manchmal polemisch behauptete, das das Gewissen „nichts anderes als
gesellschaftliche Furcht" sei, macht seine ganze Auffassung, wie Kinder die
Moral der Gesellschaft verinnerlichen, deutlich, dass dieser Prozess von der
emotionalen Liebe zu den Eltern und deren Akzeptanz als nachahmenswerte
Beispiele abhängt.[7] (...)

Freud untersuchte auch die Interaktion
zwischen bewussten und unbewussten Faktoren des Gewissens selbst. Das Über-Ich
entwickelt die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren. Das Ego kann und muss
seinerseits in der Lage sein, über die Reflexionen des Über-Ichs nachzudenken.
Erst durch diese „Doppelreflexion" wird der Verlauf einer Handlung zu einem
bewussten Akt des Menschen.

Dies entspricht der marxistischen
Sichtweise, dass der moralische Apparat des Menschen auf sozialen Triebkräften
beruht, dass er aus unbewussten, halbbewussten und bewussten Komponenten
besteht, dass mit dem Fortschreiten der Menschheit die Rolle der bewussten
Faktoren wächst, bis mit dem revolutionären Proletariat die Ethik, auf einer
wissenschaftlichen Methode basierend, immer mehr zur Richtschnur des
moralischen Verhaltens wird, und dass im Gewissen selbst der moralische
Fortschritt untrennbar mit der Stärkung des Bewusstseins zu Lasten der
Schuldgefühle verknüpft ist.[8] Der Mensch kann in wachsendem Maße
Verantwortung übernehmen, und dass nicht nur gegenüber seinem Gewissen, sondern
auch hinsichtlich der Inhalte seiner eigenen moralischen Werte und
Überzeugungen.

Der marxistische Kampf
gegen den ethischen Utilitarismus

Trotz seiner Schwächen repräsentierte
der bürgerliche Materialismus, besonders in seiner utilitaristischen Form - mit
dem Konzept, dass die Moral Ausdruck realer, objektiver Interessen ist - , einen enormen Fortschritt in der ethischen
Theorie. Er ebnete den Weg für ein historisches Verständnis der moralischen
Entwicklung. Indem er den relativen Übergangscharakter aller moralischen
Systeme enthüllte, versetzte er der religiösen und idealistischen Vision eines
ewigen, unveränderlichen, vermeintlich Gott gegebenen Kodex‘ einen schweren
Schlag.

Wie wir gesehen haben, zog die
Arbeiterklasse bereits sehr früh ihre eigenen, sozialistischen Schlüsse aus
dieser Vorgehensweise. Obgleich frühe sozialistische Theoretiker wie Robert
Owen oder William Thompson weit über die Philosophie eines Jeremy Bentham - den
sie als Ausgangspunkt benutzten - hinausgingen, übte die utilitaristische
Vorgehensweise selbst nach dem Erscheinen des Marxismus einen starken Einfluss
innerhalb der Arbeiterbewegung aus. Die Frühsozialisten revolutionierten Benthams
Theorie, indem sie seine Hauptvoraussetzungen auf gesellschaftliche Klassen
statt auf Individuen anwandten und so den Weg zum Verständnis des
gesellschaftlichen Klassencharakters der Geschichte der Moral öffneten. Und die
Erkenntnis, dass Sklavenhalter nicht denselben Wertekatalog haben wie Kaufleute
oder dass Wüstennomaden dieselbe Moral haben wie Bergschäfer, ist bereits
nachdrücklich von der im Kielwasser der kolonialen Expansion entstandenen
Anthropologie bestätigt worden. Der Marxismus hat von diesen vorbereitenden
Arbeiten profitiert, so wie er auch von den Studien Morgans oder Maurers, die
die „Genealogie der Moral" ins Licht gerückt haben, profitiert hat.[9] Doch trotz des Fortschritts, den er
verkörperte, ließ dieser Utilitarismus auch in seiner proletarischen Form eine
Reihe von Fragen ungelöst.

Erstens: Wenn die Moral nichts anderes
ist als die Kodifizierung der materiellen Interessen, wird die Moral selbst
überflüssig und verschwindet als gesellschaftlicher Faktor. Der britische
Radikalmaterialist Mandeville hatte bereits in diesem Zusammenhang behauptet,
dass die Moral nichts als Heuchelei sei, die dazu diene, die eigentlich
Interessen der herrschenden Klassen zu verbergen. Später sollte Nietzsche etwas
unterschiedliche Schlussfolgerungen aus derselben Prämisse ziehen: dass die
Moral das Mittel der schwachen Masse sei, um die Herrschaft der Eliten zu
verhindern, so dass die Befreiung Letzterer das Eingeständnis erfordere, dass
für sie alles erlaubt sei. Doch wie Mehring betonte, ist die angebliche
Abschaffung der Moral in Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse" nichts anderes
als die Etablierung einer neuen Moral - eine Moral des reaktionären
Kapitalismus in seinem Hass auf das sozialistische Proletariat, eine Moral, die
sich von den Fesseln des kleinbürgerlichen Anstandes und der großbürgerlichen
Respektabilität befreit.[10] Insbesondere beinhaltet die Identität
von Interesse und Moral, dass, wie die Jesuiten bereits behauptet hatten, der
Zweck die Mittel heiligt.[11]

Zweitens: Indem die gesellschaftlichen
Klassen als „kollektive Individuelle" postuliert werden, die lediglich ihre
eigenen Interessen verfolgen, erscheint die Geschichte als bedeutungsloses
Hauen und Stechen, als eine Angelegenheit, die vielleicht für die verwickelten
Klassen wichtig ist, aber nicht für die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Diese
Sichtweise stellt einen Rückschritt gegenüber Hegel dar, der (wenn auch in
einer mystifizierten Form) nicht nur die Relativität aller Moral bereits
verstanden hatte, sondern auch den progressiven Charakter emporstrebender
ethischer Systeme, die gegen die bestehende Moral verstießen. (In diesem Sinn
erklärte Hegel: „Man kann der Meinung sein etwas Grossartiges zu sagen wenn
man behauptet: Der Mensch ist von Natur aus gut. Doch man vergisst, dass man
etwas viel Grösseres sagt mit der Aussage: Der Mensch ist von Natur aus
schlecht."
[12]

Drittens: Die utilitaristische
Herangehensweise führt zu einem sterilen Rationalismus, der die sozialen
Gefühle aus dem ethischen Leben tilgt.

Die negativen Konsequenzen dieser
bürgerlichen, utilitaristischen Überbleibsel wurden in dem Moment sichtbar, als
mit der Ersten Internationale die Arbeiterbewegung begann, die Sektenphase zu
überwinden. Die Untersuchung des Komplotts der Allianz gegen die Internationale
- insbesondere die Kommentare von Marx und Engels über Bakunins
„Revolutionskatechismus" - enthüllen, dass die „alleszerstörenden
Anarchisten (...) die Anarchie in die Moral ein (führen), indem sie die
Unsittlichkeit der Bourgeoisie aufs äußerste übertreiben"
. Der Bericht, der
vom Haager Kongress 1872 in Auftrag gegeben wurde, zählt die einzelnen Elemente
aus Bakunins Anschauung auf: Der Revolutionär hat keine persönlichen
Interessen, Angelegenheiten, Gefühle oder Neigungen; er hat nicht nur mit der
bürgerlichen Ordnung gebrochen, sondern auch mit der Moral und den Sitten der
gesamten zivilisierten Welt; er sieht in allem, was den Triumph der Revolution
fördert, eine Tugend und in allem, was sie behindert, eine Laster; er ist stets
bereit, alles zu opfern, einschließlich seinen eigenen Willen und seine
Persönlichkeit; er unterdrückt alle Gefühle der Freundschaft, Liebe oder
Dankbarkeit; er zögert niemals, Menschen, falls nötig, zu liquidieren; er kennt
keinen anderen Wertekanon als den Maßstab der Nützlichkeit.

Tief empört über dieses Vorgehen,
nannten Marx und Engels dies die Moral der Gosse, des Lumpenproletariats.
Genauso grotesk wie infam und autoritärer als der primitivste Kommunismus, wird
die Revolution bei Bakunin „zu einer Reihe von erst einzelnen individuellen,
dann Massenmorden; die einzige Verhaltensregel ist die gesteigerte
Jesuitenmoral...".
[13]

Wie wir wissen, hat die Arbeiterbewegung
in ihrer Gesamtheit die Lehren aus dem Kampf gegen den Bakunismus nicht allzu
tief assimiliert. In seinem „Historischen Materialismus" präsentierte Bucharin
die ethischen Normen als bloßes Regelwerk. Die Taktik ersetzte die Moral. Noch
konfuser war die Haltung von Lukacs gegenüber der Revolution. Nachdem er
ursprünglich das Proletariat als die Verwirklichung des moralischen Idealismus
von Kant und Fichte dargestellt hatte, wandte Lukacs sich dem Utilitarismus zu.
In „Was bedeutet revolutionäres Handeln?" (1919) erklärte er: „Die
Herrschaft der Gesamtheit über die Teile bedeutet (...) die entschlossene, zu
allem bereite Selbstaufopferung (...) Derjenige ist ein Revolutionär (...), der
zu allem bereit ist, wenn es um die Verwirklichung dieser Interessen geht."

Doch die Stärkung der utilitaristischen
Moral nach 1917 in der UdSSR war vor allem eine Widerspiegelung der Bedürfnisse
des Übergangsstaates. In seiner „Moral und Klassennormen" präsentierte
Preobraschenski die revolutionäre Organisation als eine Art moderne
Klosterordnung. Er wollte sogar den Geschlechtsverkehr den Prinzipien einer
erbhygienischen Selektion unterordnen, und zwar in einer Welt, in welcher der
Unterschied zwischen Individuum und Gesellschaft abgeschafft worden sei und
Emotionen den Befunden der Naturwissenschaften unterworfen seien. Selbst
Trotzki war nicht frei von diesem Einfluss, vertrat er doch in „Ihre Moral und
unsere" faktisch den Standpunkt, dass der Zweck die Mittel heiligt.

Es ist sicherlich richtig, dass jede
Gesellschaftsklasse dazu neigt, das „Gute" und „Sittliche" in ihrem Interesse
zu interpretieren. Nichtsdestotrotz sind Interessen und Moral nicht identisch.
Der Einfluss der Klassen auf gesellschaftliche Werte ist äußerst vielgestaltig
und verkörpert die Stellung einer gegebenen Klasse im Produktionsprozess und im
Klassenkampf, ihre Traditionen, Ziele und Zukunftserwartungen, ihren Anteil an
der Kultur. All dies manifestiert sich in der Form der Lebensweise, der
Emotionen, der Intuitionen und Bestrebungen.

Im Gegensatz zur utilitaristischen
Vermengung von Interessen und Moral (oder „Pflicht", wie er hier formuliert)
unterscheidet Dietzgen zwischen beiden. „Das Interesse ist mehr das
konkrete, gegenwärtige, handgreifliche Heil; die Pflicht dagegen das
erweiterte, auch auf die Zukunft bedachte, allgemeine Heil (...) verlangt die
Pflicht dagegen, dass wir nicht nur einen Teil, auch das Ganze, nicht nur gegenwärtige,
nächste, auch das entfernte, künftige, nicht nur das leibliche, auch das
geistige Wohl im Auge halten. Die Pflicht kümmert sich auch um das Herz, um die
sozialen Bedürfnisse, die Zukunft, das Seelenheil, kurz um die Interessen im
Großen und Ganzen und schärft uns ein, dem Überflüssigen zu entsagen, um das
Notwendige zu erlangen und zu erhalten."
[14]

In Reaktion auf die idealistische
Befürwortung einer unveränderlichen Moral geht der soziale Utilitarismus ins
andere Extrem, indem er so einseitig auf ihren Übergangscharakter beharrt, dass
er die Existenz gemeinsamer Werte, die die Gesellschaft zusammenhalten, und den
ethischen Fortschritt aus den Augen verliert. Die Kontinuität des
Gemeinschaftsgefühls ist jedoch keine metaphysische Fiktion.

Dieser „übertriebene Idealismus"
sieht die einzelnen Klassen und ihren Kampf, aber „nicht den totalen
gesellschaftlichen Prozess, die Verbindung zwischen den verschiedenen Episoden,
versagt also darin, die unterschiedlichen Stufen der moralischen Entwicklung
als Teile eines in Wechselbeziehungen stehenden Prozesses zu unterscheiden. Er
besitzt keinen allgemeinen Standard, um die verschiedenen Regeln zu würdigen,
ist unfähig, über die unmittelbaren und temporären Erscheinungen hinauszugehen.
Er setzt die verschiedenen Erscheinungsformen nicht durch die Mittel des
dialektischen Denkens zu einer Einheit zusammen."
[15]

Bezüglich des Verhältnisses zwischen
Zweck und Mittel lautet die korrekte Formulierung nicht, dass der Zweck die
Mittel heiligt, sondern dass der Zweck die Mittel beeinflusst und die Mittel
ihrerseits den Zweck beeinflussen. Beide Seiten des Gegensatzes bestimmen sich
wechselseitig und bedingen einander. Mehr noch, sowohl der Zweck als auch die
Mittel sind Glieder in einer historischen Kette, wo jeder Zweck umgekehrt ein
Mittel ist, um ein weiterreichendes Ziel anzustreben. Daher muss eine
methodische und ethische Rigorosität Anwendung finden, die den ganzen Prozess
erfasst; eine Methode, die sich auch auf die Vergangenheit und Zukunft und
nicht nur auf das Unmittelbare bezieht. Mittel, die nicht einem gegebenen Zweck
entsprechen, dienen lediglich dazu, ihn zu deformieren und von ihm abzulenken.
Das Proletariat kann zum Beispiel die Bourgeoisie nicht besiegen, indem es ihre
Waffen benutzt. Die Moral des Proletariats richtet sich sowohl nach der
gesellschaftlichen Realität als auch nach sozialen Emotionen. Daher lehnt es
sowohl das dogmatischen Ausschließen von Gewalt als auch das Konzept der
moralischen Gleichgültigkeit gegenüber den angewandten Mitteln ab.

In seinem falschen Verständnis der
Verknüpfung von Mittel und Zweck meint Preobraschenski auch, dass das Schicksal
der einzelnen Teile - und insbesondere der Individuen - unwichtig sei und
bedenkenlos dem Interesse des Ganzen geopfert werden könne. Dies war jedoch
nicht die Haltung von Marx, der erkannte, dass die Pariser Kommune zu früh kam,
und sich dennoch aus Solidarität mit ihr verbündete, und auch nicht die Haltung
von Eugen Levine aus der noch jungen KPD, der der dahinscheidenden Münchener
Räteregierung beitrat - deren Ausrufung sich die KPD noch widersetzt hatte - , um ihre Verteidigung zu organisieren und
so die Zahl der proletarischen Opfer zu minimieren. Das einseitige Kriterium
des Klassennutzens dagegen lässt faktisch Spielraum für eine sehr bedingte Klassensolidarität.

Wie Rosa Luxemburg in ihrer Polemik
gegen Bernstein betonte, besteht der prinzipielle Widerspruch im Herzen der
proletarischen Bewegung darin, dass der
tägliche Kampf innerhalb des Kapitalismus stattfindet, während das Ziel
außerhalb desselben liegt und einen fundamentalen Bruch mit jenem System
darstellt. Infolgedessen ist der Gebrauch von Gewalt und Täuschung gegen den
Klassenfeind notwendig und das Auftreten von Klassenhass und anti-sozialen
Aggressionen kaum zu vermeiden. Doch das Proletariat ist moralisch nicht
gleichgültig gegenüber solchen Manifestationen. Auch wenn es selbst Gewalt
anwendet, darf es niemals vergessen, dass - wie Pannekoek sagte - sein Ziel
darin besteht, die Köpfe aufzuklären, und nicht darin, sie zu zerschmettern.
Und wie Bilan[16] aus den russischen Erfahrungen schloss,
sollte, wo immer es geht, der Gebrauch von Gewalt gegen andere
nicht-ausbeutende Schichten vermieden werden und muss gänzlich und prinzipiell
aus den Reihen der Arbeiterklasse ausgeschlossen werden. Selbst unter den
Begleitumständen des Bürgerkriegs gegen den Klassenfeind muss sie von der
Notwendigkeit überzeugt sein, dem Aufkommen anti-sozialer Gefühle wie Rache,
Grausamkeit, Zerstörungswut entgegenzuwirken, da diese zur Brutalisierung
führen und das Bewusstsein trüben. Solche Gefühle signalisieren das Eindringen
fremder Klasseneinflüsse. Es kam nicht von ungefähr, dass Lenin nach der
Oktoberrevolution erkannte, dass die Hebung des kulturellen Bildungsgrades der
Massen die - nach der Ausdehnung der Weltrevolution - höchste Priorität haben
sollte. Wir sollten uns auch vergegenwärtigen, dass es die Erkenntnis von der
Grausamkeit und moralischen Indifferenz Stalins war, die Lenin (in seinem
Testament) befähigte, die von ihm ausgehende Gefahr zu erkennen.

Die Mittel, die vom Proletariat
angewendet werden, müssen soweit wie möglich sowohl mit seinen Zielen als auch
mit den sozialen Emotionen korrespondieren, die seinem Klassencharakter
entsprechen. Es war nicht zuletzt im Namen dieser Gefühle, dass das Programm
der KPD vom 14. Dezember 1918 zwar resolut die Notwendigkeit der Klassengewalt
vertrat, aber gleichzeitig den Gebrauch von Terror ablehnte.

„Die proletarische Revolution bedarf
für ihre Ziele keines Terrors, sie hasst und verabscheut den Menschenmord. Sie
bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern
Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena
tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte."
[17]

Im Gegensatz dazu ist die Eliminierung
der emotionalen Seite der Moral durch ein mechanistisches, utilitaristisches
Vorgehen typisch bürgerlich. Gemäß diesem Vorgehen ist der Gebrauch von Lügen
und Irreführungen moralisch höher zu bewerten, sofern diese der Erlangung eines
gegebenen Zieles dienen. Doch die Lügen, die von den Bolschewiki in Umlauf
gesetzt wurden, um die Repression von Kronstadt zu rechtfertigen, erodierten
nicht nur das Vertrauen der Klasse in die Partei, sondern untergruben auch die
Überzeugung der Bolschewiki selbst. Die Sichtweise, dass der Zweck die Mittel
heiligt, leugnet praktisch die ethische Überlegenheit der proletarischen
Revolution über die Bourgeoisie. Sie vergisst: Je mehr die Belange einer Klasse
mit dem Wohl der gesamten Menschheit verknüpft sind, desto mehr kann diese
Klasse auf ihre moralische Stärke bauen.

Das in der Welt des Business geläufige
Motto, dass nur der Erfolg zählt, findet keine Anwendung auf die
Arbeiterklasse. Das Proletariat ist die erste revolutionäre Klasse, deren
endgültiger Sieg von einer Reihe von Niederlagen vorbereitet wird. Die
unschätzbaren Lektionen, aber auch das moralische Beispiel der großen
Revolutionäre und der großen Arbeiterkämpfe sind die Vorbedingungen für den
künftigen Sieg.

Der Kampf gegen die
Auswirkungen des kapitalistischen Zerfalls

In der gegenwärtigen historischen
Periode ist die Bedeutung ethischer Fragen größer denn je. Die deutliche
Tendenz zur Auflösung der soziale Bande und des Denkens in Zusammenhängen hat
notgedrungen besonders negative Auswirkungen auf die Moral. Darüber hinaus ist
die ethische Desorientierung innerhalb der Gesellschaft eine zentrale
Komponente des Problems im Zentrum des Zerfalls der sozialen Bande. Die
Blockade, die aus der Antwort der Bourgeoisie auf die Krise des Kapitalismus
und der Antwort des Proletariats, zwischen Weltkrieg und Weltrevolution
resultiert, ist direkt mit dem Bereich der gesellschaftlichen Ethik verknüpft.
Die Überwindung der Konterrevolution durch eine neue und ungeschlagene
Generation des Proletariats nach 1968 drückte nicht zuletzt die historische
Diskreditierung des Nationalismus aus, vor allem in jenen Ländern, wo sich die
stärksten Sektoren der Arbeiterklasse befanden. Doch andererseits sind die
massiven Arbeiterkämpfe nach 1968 nicht von einer dementsprechenden Entwicklung
der politischen und theoretischen Dimension des proletarischen Kampfes
begleitet worden, insbesondere der ausdrücklichen und bewussten Bejahung des Prinzips des proletarischen
Internationalismus. Als Folge ist keine der beiden Hauptklassen der
zeitgenössischen Gesellschaft im Moment in der Lage, ihr eigenes Klassenideal
einer sozialen Gemeinschaft durchzusetzen.

Im Allgemeinen ist die herrschende Moral
in der Gesellschaft die Moral der herrschenden Klasse. Genau aus diesem Grunde
muss jede dominante Moral, um den Interessen der herrschenden Klasse zu dienen,
gleichzeitig Elemente von allgemeinem moralischen Interesse enthalten, die die
Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zusammenhalten. Eines dieser Elemente ist die
Entwicklung einer Perspektive oder eines Ideals der sozialen Gemeinschaft.
Solch ein Ideal ist ein unerlässlicher Faktor bei der Zügelung anti-sozialer
Triebkräfte.

Wie wir gesehen haben, ist der
Nationalismus das spezifische Ideal der bürgerlichen Gesellschaft. Dies
entspricht der Tatsache, dass der Nationalstaat die höchste Einheit ist, die
der Kapitalismus erreichen kann. Als der Kapitalismus in seine dekadente Phase
trat, hörte jedoch der Nationalstaat definitiv auf, ein Vehikel des
Fortschritts in der Geschichte zu sein, und wurde faktisch zum Hauptinstrument
der gesellschaftlichen Barbarei. Schon lange bevor dies eintrat, war der
Totengräber des Kapitalismus, die Arbeiterklasse - eben weil sie die Trägerin
eines höheren, internationalistischen Ideals ist - , in der Lage gewesen, den betrügerischen
Charakter der nationalen Gemeinschaft bloßzustellen. Obgleich die Arbeiter 1914
zunächst diese Lehre vergessen hatten, sollte der Erste Weltkrieg letztendlich
die Haupttendenz nicht nur in der bürgerlichen Moral, sondern in der Moral
aller ausbeutenden Klassen enthüllen. Diese besteht in der Mobilisierung der
mutigsten und selbstlosesten sozialen Instinkte der ausgebeuteten, arbeitenden
Klassen zu Gunsten der engstirnigsten und schmutzigsten Anliegen.

Doch ungeachtet ihres betrügerischen und
immer barbarischeren Charakters ist die Nation das einzige Ideal, welches die
Bourgeoisie vorbringen kann, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Dieses Ideal
allein entspricht der heutigen Realität der staatlichen Strukturen in der
bürgerlichen Gesellschaft. Daher sind all die anderen Ideale, die heute
vorhanden sind - die Familie, die Lokalität, die religiöse, kulturelle oder
ethnische Gemeinschaft, die Lifestyle-Szene oder die Gang - im Allgemeinen
Ausdrücke des sich auflösenden Gesellschaftslebens, der Verfaulung der
Klassengesellschaft.

Aber dies trifft genauso auf jene
moralischen Anliegen zu, die sich an die gesamte Gesellschaft zu richten
versuchen, dies jedoch auf der Grundlage des Interklassismus, der Klassen
übergreifenden Aktion tun: der Humanitarismus, die Ökologie, „eine andere
Globalisierung". Indem sie die Verbesserung des Individuums auf der Basis einer
erneuerten Gesellschaft postulieren, bilden sie demokratistische Ausdrücke
derselben individualistischen Fragmentierung der Gesellschaft. Überflüssig zu
sagen, dass diese Ideologien ganz hervorragend der herrschenden Klasse in ihrem
Bemühen passen, die Entwicklung einer proletarischen, internationalistischen
Klassenalternative zum Kapitalismus abzublocken.

Innerhalb der Gesellschaft des Zerfalls
können wir gewisse Züge mit direkten Auswirkungen auf die gesellschaftlichen
Werte identifizieren.

Erstens: Der Mangel an Perspektiven
tendiert dazu, den Fokus des menschlichen Verhaltens auf die Gegenwart und die
Vergangenheit zu richten. Wie wir gesehen haben, ist ein zentraler Bestandteil
im rationalen Kern der Moral die Verteidigung der langfristigen Interessen
gegen das Gewicht des Unmittelbaren. Die Abwesenheit einer langfristigen
Perspektive begünstigt somit die Entsolidarisierung zwischen den Individuen und
Gruppen der zeitgenössischen Gesellschaft, aber auch und besonders zwischen den
Generationen. Sie mündet in der Neigung zur Pogrommentalität, d.h. zum
zerstörerischen Hass gegen einen Sündenbock, der für das Verschwinden einer
idealisierten, besseren Vergangenheit verantwortlich gemacht wird. Auf der
Bühne der Weltpolitik können wir diese Tendenz in der Entwicklung des
Antisemitismus, der antiwestlichen Haltung oder des Anti-Islamismus, in der
Vervielfachung „ethnischer Säuberungen", im Aufstieg des politischen Populismus
gegen Immigranten und in der Ghettomentalität unter den Immigranten selbst
beobachten. Diese Mentalität neigt dazu, das gesellschaftliche Leben insgesamt
zu durchdringen, wie die Entwicklung des Mobbings als allgemeines Phänomen
veranschaulicht.

Zweitens:
Die Entwicklung der gesellschaftlichen Ängste neigt zur Lähmung sowohl der
sozialen Instinkte als auch des kohärenten Denkens - die grundlegenden
Prinzipien der menschlichen Solidarität und vor allem der Klassensolidarität
heute. Diese Ängste sind das Resultat der gesellschaftlichen Atomisierung, die
jedem Individuum das Gefühl verleiht, es sei allein mit seinen Problemen. Diese
Einsamkeit färbt auf die Art und Weise ab, wie der Rest der Gesellschaft
gesehen wird und macht die Reaktion anderer menschlicher Wesen immer
unkalkulierbarer, gefährlicher und feindlicher. Diese Ängste - die in allen
irrationalen Denkrichtungen aufblühen, die sich der Vergangenheit und der Leere
zuwenden - sollten daher von jenen Ängsten unterschieden werden, die aus der
wachsenden gesellschaftlichen Unsicherheit resultieren, welche von der
Wirtschaftskrise ausgelöst wurde, und die zu einem mächtigen Impuls für eine
Gegenreaktion wie die Klassensolidarität werden können.

Drittens: Der Mangel an Perspektiven und
die Auflösung der sozialen Bande machen für zahllose Menschen das Leben
sinnentleert. Diese nihilistische Atmosphäre ist prinzipiell für die
Gesellschaft unerträglich, da sie der bewussten und sozialen Essenz der
Menschheit widerspricht. Sie führte somit zu einer Reihe von eng miteinander
verknüpften Phänomenen, von denen die wichtigsten die Entwicklung einer neuen
Religiosität und einer Todessehnsucht sind.

In Gesellschaften, die hauptsächlich auf
Naturalwirtschaft beruhen, ist die Religion vor allem Ausdruck der Rückständigkeit,
der Ignoranz und der Angst vor den Kräften der Natur. Im Kapitalismus nährt
sich die Religion hauptsächlich aus der gesellschaftlichen Entfremdung - aus
der Angst vor den gesellschaftlichen Kräften, die unerklärlich und
unkontrollierbar geworden sind. In der Epoche des kapitalistischen Zerfalls ist
es vor allen Dingen der allgegenwärtige Nihilismus, der religiöse Sehnsüchte
antreibt. Während die traditionelle Religion, so reaktionär ihre Rolle zumeist
gewesen ist, immer noch Bestandteil einer kommunitarischen Weltsicht war und
die modernisierte Religion der Bourgeoisie die Adoption dieser traditionellen
Weltsicht in die Perspektiven der kapitalistischen Gesellschaft darstellte,
speist sich der Mystizismus des kapitalistischen Zerfalls aus dem Nihilismus.
Ob in der Form der reinen Zersplitterung esoterischer Seelenwanderer, des
berüchtigten „Sich-selbst-Findens" außerhalb jeglichen gesellschaftlichen
Zusammenhangs oder in der Form der Festungsmentalität von Sekten und des
religiösen Fundamentalismus, die die Auslöschung der Persönlichkeit und die
Liquidierung der individuellen Verantwortung anbieten - all diese Tendenz sind,
auch wenn sie behaupten, Antworten zu geben, in Wahrheit nichts anderes als
extreme Ausdrücke dieses Nihilismus.

Darüber hinaus erwecken dieser Mangel an
Perspektiven und die Auflösung der sozialen Bande den Anschein, als raube die
biologische Tatsache des Todes dem individuellen Leben jegliche Bedeutung. Die
daraus resultierende Morbidität (von der der Mystizismus heute zu einem beträchtlichen
Umfang profitiert) drückt sowohl die unverhältnismäßig große Angst vor dem Tod
als auch eine pathologische Sehnsucht nach ihm aus. Erstere konkretisiert sich
zum Beispiel in der „hedonistischen" Mentalität der „Spaßgesellschaft" (deren
Motto lauten könnte: „Esst, trinkt und seid fröhlich, denn morgen sterben
wir"); Letztere endet mittels Kulten wie den Satanismus in Weltsekten und in
der stetig wachsenden Verherrlichung der Gewalt, der Zerstörung und des
Märtyrertums (wie im Falle der Selbstmordattentäter).

Der Marxismus hat sich als
revolutionäre, materialistische Weltanschauung des Proletariats stets durch
seine tiefe Zuwendung zur Welt und seine leidenschaftliche Bejahung des Wertes
des menschlichen Lebens ausgezeichnet. Gleichzeitig hat sein dialektischer
Standpunkt Leben und Tod, Sein und Nicht-Sein als Teil einer unzertrennlichen
Einheit verstanden. Weder hat er den Tod ignoriert, noch hat er dessen Rolle im
Leben überbewertet. Die Menschheit ist Teil der Natur. Als solches sind das
blühende Leben, aber auch Krankheit, Siechtum und Tod genauso Bestandteile
ihrer Existenz wie die aufgehende Sonne oder der Fall der Blätter im Herbst.
Doch der Mensch ist ein Produkt nicht nur der Natur, sondern auch der
Gesellschaft. Als Erbe der Errungenschaften der menschlichen Kultur und als
Träger ihrer Zukunft ist das revolutionäre Proletariat selbst mit den
gesellschaftlichen Quellen einer wirklichen Stärke verbunden, deren Wurzeln die
Klarheit des Gedankens sowie Brüderlichkeit, Geduld und Humor, Freude und Zuneigung,
die reale Sicherheit eines gut begründeten Vertrauens sind.

Die Solidarität und die
Perspektive des Kommunismus heute

Für die Arbeiterklasse ist die Ethik
nicht etwas Abstraktes, das außerhalb ihres Kampfes steht. Die Solidarität, das
Fundament ihrer Klassenmoral, ist gleichzeitig die erste Vorbedingung ihrer
Fähigkeit, sich selbst im Kampf als Klasse zu bestätigen.

Heute sieht sich das Proletariat der
Aufgabe gegenüber, seine Klassenidentität zurückzuerobern, die nach 1989 einen
Rückschlag erlitten hatte. Diese Aufgabe ist nicht zu trennen vom Kampf um die
Wiederaneignung seiner Traditionen der Solidarität.

Die Solidarität ist nicht nur eine
zentrale Komponente des Tageskampfes der Arbeiterklasse, sondern trägt auch den
Keim der künftigen Gesellschaft in sich. Diese beiden Aspekte, die sich auf
Vergangenheit und Zukunft beziehen, beeinflussen sich wechselseitig. Die
Wiederentdeckung der Klassensolidarität in den Arbeiterkämpfen ist ein
wesentlicher Aspekt der gegenwärtigen Dynamik des Klassenkampfes und öffnet den
Weg zu einer neuen revolutionären Perspektive. Und solch eine Perspektive wird,
wenn sie sich auftut, umgekehrt zu einem mächtigen Faktor bei der
Wiederverstärkung der Solidarität in den unmittelbaren Kämpfen des Proletariats
sein.

Diese Perspektive ist also entscheidend
angesichts der Probleme, mit denen die Dekadenz und der Zerfall des
Kapitalismus die Arbeiterklasse konfrontiert. Zum Beispiel die Frage der
Immigration: Im emporstrebenden Kapitalismus war die Position der
Arbeiterbewegung, insbesondere der Linken, gleichbedeutend mit der Verteidigung
der offenen Grenzen und der Bewegungsfreiheit der Arbeit. Dies war Teil des
Minimalprogramms der Arbeiterklasse. Heute ist die Wahl zwischen offenen und
geschlossenen Grenzen eine falsche Alternative, da nur die Abschaffung aller
Grenzen diese Frage lösen kann. Unter den Bedingungen des Zerfalls neigt das
Thema der Migration dazu, die Klassensolidarität auszuhöhlen und die Arbeiter
gar mit der Pogrommentalität zu infizieren. Angesichts dieser Situation ist die
Perspektive einer weltweiten Gemeinschaft, die auf Solidarität fußt, der
wirksamste Faktor bei der Verteidigung des proletarischen Internationalismus.

Unter der Voraussetzung, dass die
Arbeiterklasse nach einer langen Periode wachsender Kämpfe und politischer
Denkprozesse ihre Klassenidentität wiedererlangen kann, kann die Anerkennung
der tatsächlichen Unterminierung der sozialen Emotionen, Beziehungen und
Verhaltensweisen durch den heutigen Kapitalismus zu einem Faktor werden, der
das Proletariat dazu drängt, seine eigenen Klassenwerte zu entwickeln und
bewusst zu formulieren. Die Empörung der Arbeiterklasse über das Verhalten, das
vom zerfallenden Kapitalismus provoziert wird, und das Bewusstsein darüber,
dass allein der proletarische Kampf eine Alternative bilden kann, sind von
zentraler Bedeutung für das Proletariat, um seine revolutionäre Perspektive neu
zu bekräftigen.

Die
revolutionäre Organisation hat eine unverzichtbare Rolle in diesem Prozess zu
spielen, nicht nur durch die Propagierung dieser Klassenprinzipien, sondern
auch und vor allem dadurch, dass sie selbst ein lebendiges Beispiel für ihre
Praktizierung und Verteidigung gibt.

Abgesehen davon ist die Verteidigung der
proletarischen Moral ein unverzichtbares Instrument im Kampf gegen den
Opportunismus und somit bei der Verteidigung des Programms der Arbeiterklasse.
Entschlossener denn je müssen sich die Revolutionäre durch einen
kompromisslosen Kampf gegen fremdes Klassenverhalten in die Tradition des
Marxismus stellen.

„Der Bolschewismus hat den Typ des
wahren Revolutionärs geschaffen, der den historischen, mit der bestehenden
Gesellschaft nicht zu versöhnenden Zielen die Bedingungen seines persönlichen
Daseins, seine Ideen, seine sittlichen Kriterien unterwirft. Die nötige Distanz
zur bürger-lichen Ideologie wurde in der Partei durch die wachsame
Unver-söhnlichkeit, deren Inspirator Lenin war, aufrechterhalten. Er wurde
nicht müde, mit der Lanzette zu arbeiten, um jene Bindun-gen zu zerschneiden,
die die kleinbürgerliche Umgebung zwi-schen Partei und offizieller öffentlicher
Meinung schuf. Gleich-zeitig lehrte Lenin die Partei, sich eine eigene
öffentliche Meinung zu formen, die sich auf Gedanken und Gefühle der
emporsteigen-den Klasse stützt. So schuf sich die bolschewistische Partei durch
Auslese und Erziehung in ständigem Kampfe nicht nur ihr poli-tisches, sondern
auch ihr moralisches, von der bürgerlichen öffent-lichen Meinung unabhängiges
und dieser unversöhnlich entgegen-gesetztes Milieu. Nur dies allein hat den
Bolschewiki ermöglicht, die Schwankungen in den eigenen Reihen zu überwinden
und durch die Tat jene kühne Entschlossenheit zu entwickeln, ohne die der
Oktobersieg nicht möglich gewesen wäre."
[18]


[1] R. Luxemburg, Einleitung zu W. Korolenko - Die Geschichte meines Zeitgenossen,
geschrieben im Strafgefängnis Breslau im Juli 1918.

[2]
Bucharin
und Preobraschenski, Das ABC des Kommunismus. Kommentare zum Programm des 8.
Parteikongresses, 1919. Kapitel IX Proletarische Justiz, §74: Proletarische
Strafmethoden.

[3] Jeremy Bentham (1748-1832)
war ein britischer Philosoph, Jurist und Reformer. Er war ein Freund von Adam
Smith und Jean-Baptiste Say, zwei der wichtigsten Ökonomen der Bourgeoisie zu
einer Zeit, als Letztere noch eine revolutionäre Klasse war. Er beeinflusste
„klassische" Philosophen wie John Stuart Mill, John Austin, Herbert Spencer,
Henry Sidgwick und James Mill. Er unterstützte die Französische Revolution von
1789 und unterbreitete zahlreiche Vorschläge bezüglich der Etablierung der
Rechtssprechung, der Judikative, von Gefängnissen, der politischen
Organisationen des Staates und bezüglich der Kolonialpolitik („Emanzipiert eure
Kolonien"). Die junge französische Republik ernannte ihn am 23. August 1792 zum
Ehrenbürger. Sein Einfluss machte sich im Code civile (auch bekannt als „Code
Napoleon", der noch heute die zivile Rechtssprechung in Frankreich beherrscht)
bemerkbar. Der Gedanke von Bentham ging von folgendem Prinzip aus: Individuen
können sich ihre Interessen nur im Verhältnis zu Strafe und Belohnung
vorstellen. Sie versuchen, ihr Glück zu maximieren, was sich in einem Mehr an
Belohnungen als an Strafe ausdrückt. Jedes Individuum muss gemäß einer
hedonistischen Logik verfahren. Jede Handlung hat eine Zeitlang positive und
negative Auswirkungen mit unterschiedlicher Intensität; also muss das
Individuum jene Handlung begehen, die ihm die meiste Freude einbringt. Er gab
dieser Doktrin 1781 den Namen Utilitarismus.

Bentham stellte eine Methode, „Die
Kalkulation des Glücks und der Strafe", vor, die beabsichtigte, die Quantität
an Freude und Strafe wissenschaftlich zu bestimmen, die durch unsere
vielfältigen Handlungen geprägt sind. Es gibt sieben Kriterien:

- Dauer:
eine lange und andauernde Freude ist nützlicher
als eine vorübergehende Freude.

- Intensität:
eine intensive Freude ist nützlicher als eine schwache Freude.

- Gewissheit:
eine Freude ist nützlicher, wenn man sicher ist, dass sie wahr wird.

- Nähe:
eine unmittelbare Freude ist nützlicher als eine Freude, die sich erst
langfristig äußert.

- Ausdehnung:
eine Freude, die mehrmals genossen wird, ist nützlicher als eine einzelne
Freude.

- Fruchtbarkeit:
eine Freude, die zu weiteren Freuden führt, ist nützlicher als eine einfache
Freude.

- Reinheit:
eine Freude, die nicht zu Leiden führt, ist nützlicher als eine Freude, die ein
Risiko birgt.

- Theoretisch wird die moralischste
Handlung jene sein, die die größte Zahl der Kriterien erfüllt.

[4] FranzMehring: Zurück zu
Schopenhauer!
, in: Neue Zeit, 1908/09.

[5] So hatten die meisten politischen
Organisationen des Proletariats neben Organen der Zentralisierung, die sich mit
den „laufenden Angelegenheiten" befassen, Organe wie die Kontrollkommission,
die sich aus erfahrenen Mitgliedern zusammensetzten, welchen das größte
Vertrauen entgegengebracht wurde und besonders mit heiklen Fragen beauftragt
wurden, die sensible Aspekte des Verhaltens der Militanten innerhalb wie
außerhalb der Organisation berührten.

[6]
Karl Kautsky, Ethik und materialistische Geschichtsauffassung., Kapitel
Die sozialen Triebe.

[7]
Bestätigt von der Beobachtung von Anna Freud, dass aus dem KZ befreite
Waisen, während sie eine Art von rudimentärer egalitärer Solidarität unter
ihresgleichen etablierten, kulturelle und moralische Standards gegenüber der
Gesamtgesellschaft nur akzeptierten, wenn sie in kleineren „Familien"-Einheiten
gruppiert waren, die jeweils von einer erwachsenen Respektsperson geleitet
wurden, denen gegenüber die Kinder Zuneigung und Bewunderung entwickeln
konnten.

[8]
Kautskys Buch über die Ethik ist die erste verständliche marxistische
Studie dieser Frage und auch sein Hauptbeitrag zur sozialistischen Theorie.
Jedoch überschätzt er die Bedeutung des Beitrags von Darwin. Als Folge davon
unterschätzt er die spezifisch menschlichen Faktoren der Kultur und des
Bewusstseins, indem er zu einer statischen Sichtweise neigt, in der
unterschiedliche Gesellschaftsformationen eigentlich unveränderliche soziale
Impulse mehr oder weniger begünstigen oder behindern.

[9]
Siehe zum Beispiel Paul Lafargue, Vom Ursprung der Ideen, 1885, wieder
veröffentlicht in: Neue Zeit, 1899/1900.

[10]
Franz Mehring: Über die Philosophie des Kapitalismus, 1891. Wir sollten
hinzufügen, dass Nietzsche der Theoretiker der deklassierten Abenteurer und
ihres Verhaltens ist.

[11]
Die Vorhut der Konterrevolution gegen den Protestantismus, die Jesuiten,
zeichnete sich durch die Aneignung der Methoden der Bourgeoisie bei ihrer
Verteidigung gegen die Feudalkirche aus. Sie drückte daher schon sehr früh die
Niederträchtigkeit der bürgerlichen Moral aus, lange bevor die bürgerliche
Klasse in ihrer Gesamtheit (die damals noch eine revolutionäre Rolle spielte)
die hässlichsten Seiten ihrer Klassenherrschaft enthüllte. Siehe zum Beispiel
F. Mehring, Deutsche Geschichte vom Ausgange des Mittelalters, 1910.

[12]
Eine Bemerkung am Rande: Die vielleicht geeignetste Antwort auf die
uralte Frage, ob die Menschheit gut oder böse ist, kann vielleicht gegeben
werden, indem man aus Die heilige Familie von Marx und Engels zitiert, wo sie
im Kapitel über Fleur de Marie aus dem Roman von Eugene Sue, Das Geheimnis von
Paris schreiben: „Die Menschheit ist nicht gut oder böse, sie ist menschlich".

[13]
Ein Komplott gegen die Internationale Arbeiterassoziation - Bericht über
das Treiben Bakunins, 1873, Kapitel VIII: Die Allianz in Russland, MEW Bd. 18,
S. 407.

[14]
J. Dietzgen: Das Wesen der Kopfarbeit, 1869

[15] Henriette Roland-Holst:
Communisme en moraal, 1925. Kapitel V Der ‚Sinn des Lebens‘ und die Aufgabe des
Proletariats (eigene Übersetzung). Trotz einiger wesentlicher Schwächen enthält
dieses Buch vor allem eine exzellente Kritik an der utilitaristischen Moral.

[16]
Französischsprachige Zeitschrift der Linken Fraktion der Italienischen
Kommunistischen Partei (später die italienische Fraktion der Internationalen
Kommunistischen Linken).

[17]
Was will der Spartakusbund?, in: Ges. Werke Bd. 4, S. 440 ff. Hier und
in anderen Schriften von Rosa Luxemburg finden wir ein tiefes Verständnis der
Klassenpsychologie des Proletariats. (Eine leicht veränderte englische
Übersetzung dieser Passage kann man in Selected Political Writings of Rosa
Luxemburg, Monthly Review Press, 1971, lesen).

[18]
Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Kapitel: Lenin ruft zum Aufstand (Ausgabe:
Fischer-Taschenbuch Bd. 2.2. S. 831)

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Theoretische Fragen: 

Erbe der kommunistischen Linke: