14. Kongress der IKS: Bericht über den Klassenkampf: Die revolutionäre Bewegung und das Konzept des Historischen Kurses, Teil 2

In der letzten Ausgabe der Internationalen Revue veröffentlichten wir den 1. Teil dieses Artikels. Er umfasst die Entwicklung des Konzepts des Historischen Kurses in der Zeit von 1848 bis 1952. 

 

Teil 2: 1968-2000

 

Das Ende der Konterrevolution

Trotz der Fehler, die sie in den 40er und 50er Jahren begangen hatte – insbesondere die Schlussfolgerung, dass ein dritter Weltkrieg bevorstand -, versetzte die prinzipielle Loyalität der GCF gegenüber den Methoden der Italienischen Linken ihren unmittelbaren Nachfolger, die Gruppe Internacionalismo in Venezuela, Ende der 60er Jahre in die Lage zu erkennen, dass sowohl der Wiederaufbauboom der Nachkriegszeit als auch die lange Periode der Konterrevolution sich ihrem Ende neigten. Die IKS hat mehr als einmal die Gelegenheit genutzt, die treffenden Worte aus Internacialismo Nr. 8 im Januar 1968 zu zitieren, aber es schadet nicht, sie noch einmal zu zitieren, da sie ein schönes Beispiel für die Fähigkeit des Marxismus sind, den allgemeinen Kurs der Ereignisse vorwegzunehmen, ohne sich dabei auf prophetische Gaben zu berufen: ”Wir sind keine Propheten, noch können wir behaupten vorherzusehen, wann und wie sich die Ereignisse in der Zukunft entwickeln werden. Doch über eins sind wir uns bewusst und sicher: Der Prozess, in den der Kapitalismus heute gedrängt ist, kann nicht gestoppt werden... und er führt direkt in die Krise. Und wir sind uns gleichfalls sicher, dass der entgegengesetzte Prozess einer sich entwickelnden Kampfbereitschaft der Klasse, dessen Zeuge wir heute sind, die Arbeiterklasse zu einem blutigen und direkten Kampf für die Zerstörung des bürgerlichen Staates führen wird.”

Hier drückte die venezuelanische Gruppe ihr Verständnis aus, dass nicht nur eine neue Wirtschaftskrise zum Vorschein gekommen war, sondern dass es ein Wiedersehen mit einer neuen und ungeschlagenen Generation von Proletariern geben wird. Die Ereignisse vom Mai 68 in Frankreich und die internationale Welle von Kämpfen in den folgenden vier, fünf Jahren waren eine klare Bestätigung dieser Diagnose. Natürlich war eine Komponente dieser Diagnose die Erkenntnis, dass die Krise die imperialistischen Spannungen zwischen den beiden Militärblöcken, die den Globus beherrschten, verschärfen würde; doch der enorme Schwung der ersten internationalen Welle von Kämpfen zeigte, dass das Proletariat nicht gewillt war, sich in einen neuen Holocaust hineinziehen zu lassen. Mit einem Wort, der historische Kurs wies nicht in Richtung Weltkrieg, sondern in Richtung massiver Klassenkonfrontationen.

Eine direkte Konsequenz aus der Wiederbelebung des Klassenkampfes war das Auftreten neuer proletarischer Kräfte nach einer langen Periode, in der revolutionäre Ideen mehr oder weniger aus dem Blickfeld verschwunden waren. Die Ereignisse vom Mai 68 und ihre Nachwirkungen erzeugten eine Fülle neuer politischer Gruppierungen, die durch einen Haufen Konfusionen gekennzeichnet, aber gewillt waren, zu lernen und sich eifrig die wahrhaften kommunistischen Traditionen der Arbeiterklasse wiederanzueignen. Das Beharren von Internacionalismo und ihrer Nachkommen – Révolution Internationale in Frankreich und Internationalism in den USA – auf der Notwendigkeit einer ‚Umgruppierung der Revolutionäre‘ fasste diesen Gesichtspunkt der neuen Perspektive zusammen. Diese Strömungen übernahmen also die Führung und drängten auf Debatten, Korrespondenzen und internationale Konferenzen. Diese Bemühungen ernteten ein großes Echo unter den klarsten der neuen politischen Gruppierungen, denen es nicht schwer fiel zu verstehen, dass eine neue Periode eröffnet war. Dies trifft besonders auf jene Gruppen zu, die sich der ‚internationalen Tendenz‘ angeschlossen hatten, aber es trifft auch auf Gruppen wie Revolutionary Perspectives zu, deren ursprüngliche Plattform das historische Wiedererwachen  der Klassenbewegung anerkennt:

”Parallel zur Erneuerung der Krise wurde 1968 mit den Massenstreiks in Frankreich, denen die Erhebungen in Italien, Großbritannien, Argentinien, Polen, etc. folgten, eine neue Periode des internationalen Klassenkampfes eröffnet. Die heutigen Arbeitergenerationen sind, anders als nach dem Ersten Weltkrieg, unbelastet vom Reformismus oder von der Niederlage, wie in den 30er Jahren, was uns Anlass zur Hoffnung in ihre Zukunft und in die der Menschheit gibt. All diese Kämpfe zeigen zur Verlegenheit der modernistischen Dilettanten, dass das Proletariat trotz 50 Jahren nahezu vernichtender Niederlagen nicht im Kapitalismus integriert ist: Mit diesen Kämpfen belebt es die Erinnerung an seine eigene vergangene Geschichte wieder und bereitet sich selbst auf seine wichtigste Aufgabe vor.” (Revolutionary Perspectives Nr. 1, alte Reihe, c. 1974)

Leider hatten die ‚etablierten‘ Gruppen der Italienischen Linken, denen es gelang, während der Nachkriegsperiode eine organisatorische Kontinuität aufrechtzuerhalten, dies nur um den Preis eines Skleroseprozesses erreicht. Weder Battaglia Comunista (Publikation der Partito Comunista Internazionalista) noch Programma Comunista (von der Internationalen Kommunistischen Partei in Italien veröffentlicht) trugen viel Erhellendes zu den Revolten Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre bei. Sie richteten ihr Augenmerk auf die Studenten und kleinbürgerlichen Gestalten, die sich zweifellos in diese Revolten gemischt hatten. Für die genannten Gruppen – die, man erinnere sich, einst aufgebrochen waren, um in einer Periode der schlimmsten Niederlage den Kurs zur Revolution anzusteuern – war nun die Nacht der Konterrevolution noch nicht zu Ende. Sie sahen wenig Anlass, sich aus der splendid isolation zu begeben, die sie so lange ‚geschützt‘ hatte. Die Programma-Strömung erlebte in den 70er Jahren durchaus eine Periode beachtlichen Wachstums, doch sie war ein Gebilde, das auf dem Sand des Opportunismus, besonders in der nationalen Frage, gegründet war. Die katastrophalen Konsequenzen dieser Art von Wachstum sollten mit dem Zerbrechen der IKP in den frühen 80er Jahren offensichtlich werden. Was Battaglia angeht, so schaute sie lange Zeit kaum einmal über die italienischen Grenzen. Es dauerte fast ein Jahrzehnt, ehe sie ihren eigenen Appell für internationale Konferenzen der Linkskommunisten formulierte, wobei ihre Beweggründe unklar blieben (die ”Sozialdemokratisierung der Kommunistischen Parteien”).

Die Gruppen, die mit der Bildung der IKS fortfuhren, waren zu dieser Zeit mit einer Auseinandersetzung an zwei Fronten konfrontiert. Zum einen mussten sie Stellung gegen den Skeptizismus unter den existierenden linkskommunistischen Gruppen  beziehen, die Alles beim Alten sahen. Zum anderen mussten sie auch den Immediatismus und die Ungeduld vieler neuer Gruppen kritisieren, von denen einige überzeugt davon waren, dass der Mai 68 die Frage der unmittelbar bevorstehenden Revolution gestellt habe (dies war besonders bei denjenigen der Fall, die von der Situationistischen Internationalen beeinflusst waren, welche keine Verbindung zwischen dem Klassenkampf und dem Zustand der kapitalistischen Wirtschaft sah, die gerade in eine neue Phase, die der offenen Krise, eintrat). Doch so wie der ‚Geist von 68‘, die studentischen, rätekommunistischen oder anarchistischen Vorurteile in Bezug auf die Aufgaben und Funktionsweise einer revolutionären Organisation ein beträchtliches Gewicht auf die junge IKS ausübten, so drückten sich diese Einflüsse auch auf ihre Auffassung über den neuen historischen Kurs aus. Die absolut notwendige Verkündung eines neuen historischen Kurses, den der proletarischen Wiedererweckung, tendierte dahin, mit einer Unterschätzung der immensen Schwierigkeiten zusammenzufallen, die vor der internationalen Arbeiterklasse lagen. Dies drückte sich auf vielerlei Weise aus:

- in der Neigung zu vergessen, dass die Entwicklung des Klassenkampfes per se ein unsteter Prozess ist, der Fortschritte und Niederlagen durchmisst, und somit eine mehr oder weniger ununterbrochene Entwicklung zu revolutionären Kämpfen zu erwarten – eine Aussicht, die in gewisser Weise im oben genannten Zitat von Internacionalismo enthalten ist;

- in der Unterschätzung der Fähigkeit der Bourgeoisie, den Verlauf der Krise stufenweise zu gestalten, vielfältige staatskapitalistische Mechanismen zu nutzen, um die Heftigkeit der Krisenfolgen besonders für die zentralen proletarischen Konzentrationen zu reduzieren;

- in der Definition des neuen Kurses als einen ”Kurs zur Revolution”, was beinhaltet, dass das Wiedererwachen der Klasse unvermeidlich in einer revolutionären Konfrontation mit dem Kapital kulminieren würde;

- damit verknüpft war die – im damaligen Milieu sehr starke – Konzentration auf die Frage der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus. Diese Debatte war keineswegs irrelevant, besonders da sie Teil der Bemühungen des neuen Milieus war, sich die Lehren und Traditionen der vergangenen Bewegung wiederanzueignen. Doch die Leidenschaft, mit der sie geführt wurde (was beispielsweise zu Spaltungen zwischen verschiedenen Elementen des Milieus führte), drückte auch eine gewisse Naivität über die Schwierigkeiten aus, eine solche Periode erst einmal zu erreichen, in der solche Fragen wie die Form des Übergangsstaates zu einem akuten Problem für die Arbeiterklasse werden.

In den nächsten Jahrzehnten wurden die Analysen der IKS verfeinert und weiterentwickelt. Es begann die Arbeit der Untersuchung der bürgerlichen Mechanismen zur ‚Kontrolle‘ der Krise und somit der Gründe, warum die Krise unvermeidbar ein lang hingezogener und unsteter Prozess sein wird. Gleichfalls wurde sie nach den Rückflüssen Mitte der 70er Jahre und Anfang der 80er dazu gezwungen anzuerkennen, dass innerhalb des Rahmens einer allgemein aufwärts weisenden historischen Kurve des Klassenkampfes es da und dort wichtige Phasen des Rückzugs geben wird. Ferner hat die IKS 1983 ausdrücklich anerkannt, dass der historische Kurs von keinem Automatismus geregelt wird; so hat sie auf ihrem 5. Kongress eine Resolution verabschiedet, welche den Begriff ”Kurs zur Revolution” kritisierte:

”Die Existenz eines Kurses zu Klassenkonfrontationen bedeutet, dass die Bourgeoisie die Hände nicht frei hat, um ein neues imperialistisches Gemetzel auszulösen: Zunächst muss sie die Arbeiterklasse konfrontieren und schlagen. Aber dies nimmt nicht das Ergebnis dieser Konfrontationen in der einen oder anderen Weise vorweg. Deshalb ist es vorzuziehen, über einen ‚Kurs zu Klassenkonfrontationen‘ zu sprechen statt über einen ‚Kurs zur Revolution‘.” (Resolution über die internationale Lage, veröffentlicht in International Review Nr. 35)

Innerhalb des Milieus verstärkten jedoch die Schwierigkeiten und Rückschläge, die das Proletariat erlitten hatte, die skeptischen und pessimistischen Ansichten, denen sich lange Zeit die ‚italienischen‘ Gruppen verschrieben hatten. Dies kam besonders während der internationalen Konferenzen Ende der 70er Jahre zum Ausdruck, als sich die Communist Workers‘ Organisation (Nachfolgerin der Gruppe um Revolutionary Perspectives) die Ansichten von Battaglia zu Eigen machte, indem sie die Auffassung der IKS ablehnte, dass der Klassenkampf eine Barriere zum Weltkrieg bildet. Die CWO schwankte in ihrer Erläuterung, warum denn der Krieg noch nicht ausgebrochen ist, von der Behauptung, die Krise sei noch nicht tief genug, in dem einen Moment zu der Idee im nächsten Moment, dass die Blöcke in jüngerer Vergangenheit nicht mehr der Vernunft der russischen Bourgeoisie entsprochen hätten, die erkannt habe, dass sie einen Krieg nicht gewinnen kann. Kurz: Alles, nur nicht der Klassenkampf!

Es gab auch innerhalb der IKS selbst ein Echo auf diesen Pessimismus; die spätere Tendenz GCI (2) und insbesondere RC (3), der ähnliche Ansichten übernahm, gingen durch eine Phase, in der sie ‚päpstlicher als Papst‘, sprich: Bilan, waren und argumentierten, dass wir uns auf den Kurs Richtung Krieg befänden.

Ende der 70er Jahre musste daher der erste wichtige Text der IKS über den historischen Kurs, der auf dem 3. Kongress angenommen und in International Review Nr. 18 veröffentlicht wurde, unsere Position gegen den Empirizismus und Skeptizismus definieren, die das Milieu zu beherrschen begannen.

Der Text kreuzte die Klinge mit allen Konfusionen innerhalb des Milieus:

- die im Empirizismus verwurzelte Idee, dass es unmöglich für Revolutionäre sei, allgemeine Voraussagen über den Kurs des Klassenkampfes zu treffen. Gegen diesen Einwand unterstrich der Text die Tatsache, dass ihre Fähigkeit, die künftige Perspektive – und nicht nur die allgemeine Alternative zwischen Sozialismus und Barbarei – zu definieren, eines der erklärten Charakteristiken des Marxismus ist und stets gewesen war. Im Einzelnen beharrte der Text darauf, dass Marxisten ihre Arbeit stets auf die Fähigkeit gegründet haben, das besondere Kräfteverhältnis zwischen den Klassen in einem gegebenen Zeitraum zu erfassen, wie wir im ersten Teil dieses Berichts bereits sahen. Aus dem gleichen Grunde zeigt der Text auf, dass die Unfähigkeit, die Natur des Kurses zu erkennen, frühere Revolutionäre zu ernsthaften Irrtümern verleitet hatte;

- eine Steigerung dieser agnostischen Ansicht war das besonders vom IBRP vertretene Konzept eines ‚parallelen‘ Kurses zur Revolution und zum Krieg. Wir haben bereits gesehen, wie diese von Bilan und der GCF praktizierte Herangehensweise solch einen Begriff ausschloss; der Text des Dritten Kongresses fährt fort zu argumentieren, dass solch ein Konzept das Resultat des Außerachtlassens der marxistischen Methode selbst sei.

”Erst kürzlich sind noch andere Theorien aufgekommen, denen zufolge ‚mit der Entwicklung der Krise des Kapitalismus beide Ausdrücke des Widerspruchs gleichzeitig verstärkt wurden: Krieg und Revolution schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern entwickeln sich simultan und parallel, ohne dass es für uns möglich wäre zu wissen, welcher vor dem anderen seinen Höhepunkt erreicht‘. Der Hauptirrtum in dieser Konzeption ist, dass sie den Faktor des Klassenkampfes im gesellschaftlichen Leben vernachlässigt, so wie die Auffassung, die die Italienische Linke entwickelte (die Theorie der Kriegswirtschaft), auf einer Überschätzung dieses Faktors basierte. Ausgehend von der Formulierung im Manifest, wonach ‚die Geschichte aller bisher existierenden Gesellschaften die Geschichte von Klassenkämpfen‘ ist, wendete die Italienische Linke dies mechanisch auf die Analysen des imperialistischen Krieges an und erblickte im imperialistischen Krieg eine Antwort auf den Klassenkampf; sie vermochte nicht zu sehen, dass im Gegenteil der imperialistische Krieg nur dank der Abwesenheit oder Schwächung des Klassenkampfes stattfinden kann. Obwohl sie falsch war, ging diese Auffassung von richtigen Prämissen aus; der Fehler lag in der Weise, wie diese Voraussetzungen angewendet wurden. Im Gegensatz dazu räumt die Theorie von dem ‚parallelen und simultanen Kurs sowohl zum Krieg als auch zur Revolution‘ diese fundamentale marxistische Ausgangsbedingung völlig beiseite, da sie der Ansicht ist, dass beide prinzipiellen antagonistischen Klassen in der Gesellschaft ihre eigenen Antworten – imperialistischer Krieg für die eine, Revolution für die andere – völlig unabhängig voneinander, vom Kräfteverhältnis zwischen beiden, von den Konfrontationen und Zusammenstößen zwischen beiden vorbereiten können. Wenn es nicht zur Bestimmung der gesamten historischen Alternative für das gesellschaftliche Leben angewendet werden kann, dann hat das Schema des Kommunistischen Manifestes keinen Daseinsgrund, und wir können den Marxismus neben anderen aus der Mode gekommenen Produkten menschlicher Phantasie im Museum ausstellen.”

Schließlich greift der Text die Argumentation derjenigen auf, die offen über einen Kurs zum Krieg sprachen – ein Argument, das sich einer kurzen Beliebtheit erfreute, das aber seine Stoßkraft mit dem Zusammenbruch des einen der am Krieg beteiligten Blöcke verlor.

In vielerlei Hinsicht hat die Debatte innerhalb des proletarischen Milieus über den historischen Kurs keine großen Fortschritte gemacht, seitdem dieser Text verfasst worden war. 1985 verfasste die IKS eine weitere Kritik am Konzept des parallelen Kurses, das in einem vom 5. Kongress von Battaglia Comunista stammenden Dokument vertreten wurde (International Review Nr. 85: ”The 80s are not the 30s”). In den 90er Jahren wurde in Texten des IBRP erneut sowohl die ‚agnostische‘ Sichtweise, die die Fähigkeit der Marxisten zu allgemeinen Vorhersagen über die Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft anzweifelt, als auch der eng damit verknüpfte Begriff des parallelen Kurses bestätigt. So zitierte die CWO in einer Polemik über die Bedeutung vom Mai 68 in Revolutionary Perspectives Nr. 12 einen Artikel aus World Revolution Nr. 216, der eine Diskussion zusammenfasste, die auf einem unserer Londoner Foren über dieses Thema stattgefunden hat. Unserer Artikel hebt hervor, dass ”die offensichtliche Verneinung der Möglichkeit der Vorhersage des allgemeinen Verlaufs der Ereignisse durch die CWO auch eine Ablehnung der Arbeit bedeutet, die auf diesem überlebenswichtigen Gebiet von den Marxisten in der gesamten Geschichte der Arbeiterbewegung ausgeführt worden war”. Die Antwort der CWO ist äußerst lustig: ”Wenn dies der Fall wäre, dann hätten die Marxisten einen schlechten Ruf. Vergessen wir dabei einmal das gebräuchliche (aber irrelevante) Beispiel von Marx nach den Revolutionen von 1848 und schauen stattdessen auf die Italienische Linke in den 30er Jahren. Während sie manch gute Arbeit bei dem Versuch verrichtete, mit der fürchterlichen Niederlage der revolutionären Welle nach dem Ersten Weltkrieg klar zu kommen, theoretisierte sie sich noch vor dem zweiten imperialistischen Gemetzel um ihre eigene Existenz.” ‚Vergessen‘ wir einmal das unglaublich gönnerhafte Verhalten gegenüber der gesamten marxistischen Bewegung: Was wirklich bemerkenswert ist, ist die Unfähigkeit der CWO zu begreifen, dass die Italienische Linke genau aus dem Grunde, weil sie ihre frühere Klarheit über den historischen Kurs verloren hatte, am Vorabend des Krieges ”sich um die eigene Existenz theoretisierte”, wie wir im ersten Teil des Berichts sahen.

Was die bordigistischen Gruppierungen anbetrifft, so ist es kaum ihr Stil, an Debatten zwischen den Gruppen des Milieus teilzunehmen, doch in einem kürzlichen Briefwechsel zwischen einem Kontakt in Australien und unseren beiden Organisationen wies die Gruppe Programma die Möglichkeit von der Hand, dass die Arbeiterklasse eine Barriere zum Weltkrieg sei. Ihre Spekulationen darüber, ob die Wirtschaftskrise in einem Krieg oder in einer Revolution endet, unterscheiden sich inhaltlich nicht von jenen des IBRP.

Wenn sich irgendetwas in der vom IBRP vorgestellten Position geändert hat, dann ist es die Bösartigkeit ihrer Polemik gegen die IKS. Während in der Vergangenheit unsere ”rätekommunistische” Sichtweise der Partei ein Vorwand für den Abbruch der Diskussionen mit der IKS war, konzentrieren sich in der jüngsten Zeit die Gründe für die Ablehnung jeglicher vereinter Bemühungen noch viel schärfer auf unsere Differenzen über den historischen Kurs. Unsere Ansichten in dieser Frage werden als Hauptbeweis für unsere idealistische Methode und für unsere Loslösung von der Realität betrachtet. Ferner sei, gemäß des IBRP, der Schiffbruch unserer historischen Perspektiven, unseres Konzeptes über die ‚Jahre der Wahrheit‘, der wahre Grund für die jüngste Krise in der IKS und die ganze Debatte über die Funktionsweise im Kern eine Ablenkung von dieser zentralen Frage.

Die Folgen des Zerfalls 

Auch wenn sich die Debatte innerhalb des Milieus nur wenig entwickelt hat – die Realität hat dies zweifellos getan. Der Eintritt des dekadenten Kapitalismus in seine Zerfallsphase hat die Art, sich der Frage des historischen Kurses zu nähern, zutiefst verändert.

Das IBRP hat uns lange vorgehalten, wir behaupteten, dass die ‚Jahre der Wahrheit‘ bedeuteten, dass die Revolution in den 80er Jahre ausbrechen würde. Was sagten wir wirklich? Im Originalartikel ”Die 80er Jahre – Jahre der Wahrheit” (Internationale Revue Nr.   ) argumentierten wir, dass angesichts einer tiefen Verschärfung der Krise und einer Intensivierung der imperialistischen Spannungen, die mit der russischen Invasion Afghanistans deutlich wurde, die kapitalistische Klasse mehr und mehr dazu gezwungen wurde, die Sprache des Trostes und der Illusionen über Bord zu werfen und stattdessen die ‚Sprache der Wahrheit‘, den Ruf nach Blut, Schweiß und Tränen zu gebrauchen, und wir legten uns auf die folgende Vorhersage fest: ”Im heute beginnenden Jahrzehnt wird über die historische Alternative entschieden werden: Entweder wird das Proletariat seine Offensive fortsetzen, mit der Lahmlegung des mörderischen Arms des Kapitalismus in seiner Agonie fortfahren und seine Kräfte zu sammeln, um das System zu zerstören, oder es wird von den Reden und der Repression in die Falle gelockt, ausgelaugt, demoralisiert werden, womit der Weg frei wäre für einen neuen Holocaust, der die Eliminierung der menschlichen Gesellschaft riskiert.”

Es gibt hier gewisse Zweideutigkeiten, besonders was die Suggestion betrifft, dass der proletarische Kampf sich bereits in der Offensive befindet, eine fehlerhafte Formulierung, die aus der bereits angesprochenen Neigung entspringt, die Schwierigkeiten zu unterschätzen, denen sich eine Arbeiterklasse gegenübersieht, die sich von einem defensiven zu einem offensiven Kampf (in anderen Worten: zur politischen Konfrontation mit dem kapitalistischen Staat) bewegt. Doch dessen ungeachtet verbirgt sich hinter dem Begriff der Jahre der Wahrheit eine tiefe Einsicht. Die 80er Jahre sollten sich als ein entscheidendes Jahrzehnt erweisen, aber nicht ganz in dem Sinn, wie der Text es sich vorstellt. Wofür dieses Jahrzehnt steht, war nicht ein entscheidender Fortschritt der einen oder anderen Hauptklasse, sondern eine gesellschaftliche Pattsituation, die in den Prozess des Zerfalls mündete, der eine zentrale und charakteristische Rolle in der gesellschaftlichen Entwicklung einnimmt. So begann dieses Jahrzehnt mit der russischen Invasion Afghanistans, die eine Verschärfung der imperialistischen Spannungen provozierte; doch diesem Ereignis folgten die Massenstreiks in Polen auf dem Fuß, die sehr deutlich demonstrierten, dass es dem russischen Block gleichsam unmöglich war, für den Krieg zu mobilisieren. Der polnische Kampf warf jedoch auch ein Schlaglicht auf die chronische politische Schwäche der Arbeiterklasse. Nicht nur die polnischen Arbeiter standen angesichts der tief sitzenden Mystifikationen, die vom Stalinismus (und der Reaktion gegen ihn) in die Welt gesetzt worden waren, vor besonderen Problemen bei der Politisierung ihres Kampfes in einem proletarischen Sinne; auch die Arbeiter im Westen erwiesen sich, obschon sie in ihren Kämpfen während der 80er Jahre beträchtliche Fortschritte gemacht hatten, als unfähig, eine klare politische Perspektive zu entwickeln. Ihre Bewegung wurde somit vom Zusammenbruch des Stalinismus ‚überwältigt‘;  etwas allgemeiner gefasst, sollte der endgültige Beginn der Zerfallsphase die Klasse vor gewaltige Probleme stellen, da Erstere bei fast jeder Wendung den Rückgang im Bewusstsein verstärkte, welcher aus den Ereignissen 1989-91 resultierte.

Mit einem Wort, der Beginn des Zerfalls ist ein Resultat des historischen Kurses, so wie ihn die IKS seit den 60er Jahren festgestellt hatte, da er z.T. durch die Unfähigkeit der Bourgeoisie bedingt ist, die Gesellschaft für den Krieg zu mobilisieren. Aber er hat uns gleichfalls dazu gezwungen, das Problem des historischen Kurses in einer neuen und unvorhergesehene Weise zu stellen:

- Zunächst einmal wurde die Auflösung der beiden imperialistischen Blöcke, die 1945 gebildet worden waren, und die in Gang gesetzte Dynamik des ‚Jeder für sich selbst‘ – sowohl Ausdruck als auch Resultat des Zerfalls – zu einem neuen Faktor, der die Möglichkeit eines Weltkrieges erschwert. Während sich die imperialistischen Spannungen verschärften, hat diese neue Dynamik der Tendenz zur Bildung neuer Blöcke entgegengewirkt. Ohne die Existenz von Blöcken, ohne ein neues Machtzentrum, das zur direkten Herausforderung der US-Hegemonie imstande wäre, ist eine Schlüsselbedingung für die Auslösung eines Weltkrieges nicht vorhanden.

- Gleichzeitig ist diese Entwicklung wenig tröstlich für die Sache des Kommunismus, da sie eine Situation geschaffen hat, in der die Basis einer neuen Gesellschaft auch ohne Weltkrieg und somit ohne die Notwendigkeit, das Proletariat für den Krieg zu mobilisieren, untergraben werden kann. Im ersten Szenario ist es der Nuklearkrieg, der die Möglichkeit des Kommunismus definitiv aufs Spiel setzt, indem er den Planeten oder zumindest einen großen Teil der globalen Produktivkräfte, einschließlich des Proletariats, zerstört. Das neue Szenario sieht die Möglichkeit eines langsameren, aber nicht weniger tödlichen Rutsches in einen Zustand vor, in dem das Proletariat irreparabel zersplittert ist und die natürlichen sowie wirtschaftlichen Fundamente für die gesellschaftliche Umwandlung durch die Zunahme von lokalen und regionalen militärischen Konflikten, von Umweltkatastrophen und durch den gesellschaftlichen Zusammenbruch gleichermaßen ruiniert werden. Ferner kann das Proletariat zwar auf seinem eigenen Terrain gegen den Krieg kämpfen, doch ist dies mit Blick auf die Auswirkungen des Zerfalls weitaus schwieriger.

Dies wird besonders am ‚ökologischen‘ Aspekt des Zerfalls deutlich: Obgleich die Zerstörung der natürlichen Umwelt für sich schon zu einer wirklichen Bedrohung für das Überleben der Menschheit geworden ist – eine Bedrohung, die teilweise von der Arbeiterbewegung bis in die letzten Jahrzehnte hinein nur flüchtig wahrgenommen worden war -, handelt es sich hierbei um einen Prozess, den das Proletariat kaum ‚blockieren‘ kann, ehe es die politische Macht auf Weltebene übernommen hat. Kämpfe in Bereichen wie die Umweltverschmutzung sind durchaus auf Klassenbasis möglich, doch sie gehören aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu den Hauptfaktoren zur Stimulierung des proletarischen Widerstandes.

Wir sehen also, dass der Zerfall des Kapitalismus die Arbeiterklasse in eine schlechtere Lage versetzt als zuvor. In der vorherigen Situation war eine frontale Niederlage der Arbeiterklasse erforderlich, ein Sieg der Bourgeoisie in einer Konfrontation Klasse gegen Klasse, ehe alle Bedingungen für den Weltkrieg vereint sind. Im Rahmen des Zerfalls kann die ‚Niederlage‘ des Proletariats allmählicher, heimtückischer und weitaus weniger zu widerstehen sein. Und ganz zuoberst haben die Auswirkungen des Zerfalls, wie wir oft festgestellt haben, eine zutiefst negative Auswirkung auf das Bewusstsein des Proletariats, auf seinen Sinn für sich selbst, da sie in all ihren verschiedenen Aspekten – die Bandenmentalität, Rassismus, Kriminalität, Drogenmissbrauch, etc. – dazu dienen, die Klasse zu atomisieren, die Spaltungen in ihren Reihen zu vergrößern und sie im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf aufzulösen.

Konfrontiert mit dieser äußerst bedeutenden Veränderung in der Weltlage, erweist sich die Antwort des proletarischen Milieus als völlig unzureichend. Obwohl sie die Auswirkungen des Zerfalls erkennen, sind die Gruppen des Milieus nicht in der Lage, seine Wurzeln – da sie den Begriff des Patts zwischen den Klassen ablehnen – oder seine tatsächliche Gefahr zu sehen. So tut das IBRP die Zerfallstheorie der IKS als nichts Anderes als eine Beschreibung des ”Chaos” ab, was praktisch darauf hinausläuft, nach Möglichkeiten für eine Stabilisierung des Kapitalismus zu suchen. Dies wird zum Beispiel an seiner Auffassung offensichtlich, dass das ”internationale Kapital” nach Frieden in Nordirland trachtet, um friedlich die Früchte der Ausbeutung genießen zu können, doch wird es ebenso deutlich in seiner Ansicht, dass um die Pole der wirtschaftlichen Konkurrenz (USA, Europäische Union, etc.) herum neue Blöcke im Entstehen begriffen sind. Obwohl diese Sichtweise (mit ihrer Weigerung, irgendeine langfristige ”Vorhersage” zu machen) durchaus die Idee eines nahenden Krieges enthalten kann, ist sie häufiger mit einem rührenden Glauben an die Vernunft der Bourgeoisie verknüpft: Da die neuen ”Blöcke” eher ökonomische denn militärische Gebilde sind und da wir nun in eine neue Periode der ”Globalisierung” eingetreten sind, ist die Tür zumindest halb offen für die Vorstellung, dass diese Blöcke, indem sie im Interesse des ”internationalen Kapitals” handeln, eine allseits nützliche Stabilisierung der Welt bis in eine unbestimmte Zukunft hinein erreichen könnten.

Die Ablehnung der Theorie des Zerfalls kann nur in eine Unterschätzung der Gefahren münden, denen die Arbeiterklasse gegenübersteht. Sie unterschätzt das Ausmaß der Barbarei und des Chaos‘, in der sich der Kapitalismus bereits befindet; sie neigt dazu, die Gefahr herunterzuspielen, dass das Proletariat durch die Auflösung des gesellschaftlichen Lebens fortschreitend unterminiert wird; und sie vermag nicht deutlich zu registrieren, dass die Menschheit auch ohne einen dritten Weltkrieg vernichtet werden kann.

Wo stehen wir? 

Der Beginn der Zerfallsperiode hat somit die Art und Weise verändert, in der wir die Frage nach dem historischen Kurs stellen. Aber sie hat sie nicht irrelevant gemacht – im Gegenteil. Tatsächlich ist man geneigt, sich noch schärfer auf die zentrale Frage zu konzentrieren: Ist es schon zu spät? Ist das Proletariat bereits besiegt worden? Gibt es irgendein Hindernis gegen den Abstieg in die totale Barbarei? Wie wir gesagt haben, ist eine Beantwortung dieser Fragen heute weniger leicht als in einer Periode, in der der Weltkrieg noch eine konkrete Option für die Bourgeoisie war. So war Bilan beispielsweise in der Lage, nicht nur auf die blutige Niederlage der proletarischen Erhebungen und den folgenden konterrevolutionären Terror in jenen Ländern, wo die Revolution am weitesten gediehen war, hinzuweisen, sondern auch auf die nachfolgende ideologische Kriegsmobilisierung und auf das ‚positive‘ Echo in der Arbeiterklasse gegenüber dem Säbelrasseln der herrschenden Klasse (Faschismus, Demokratie, etc.). Unter den gegenwärtigen Umständen, wo der kapitalistische Zerfall das Proletariat ohne eine einzige direkte Niederlage und ohne diese Art von ‚positiver‘ Mobilisierung verschlingen kann, sind die Zeichen einer unumkehrbaren Niederlage schwerer zu definieren. Nichtsdestotrotz liegt der Schlüssel zum Verständnis des Problems dort, wo er sich schon 1923 oder, wie wir in den Analysen der GCF sahen, 1945 befand – in den zentralen Konzentrationen des Weltproletariats und vor allem in Westeuropa. Haben diese Sektoren in den 80er Jahren (oder, wie es einige gern haben möchten, in den 70ern) ihr letztes Wort gesprochen, oder bergen sie noch genügend Kampfreserven und ein ausreichendes Potenzial für die Entwicklung des Klassenbewusstseins, um sicherzustellen, dass die wichtigen Klassenkonfrontationen noch auf der Tagesordnung der Geschichte stehen?

Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, eine vorläufige Bilanz des letzten Jahrzehnts zu ziehen – der Periode seit dem Kollaps des Ostblocks und dem endgültigen Beginn der Zerfallsphase.

Das Problem ist, dass die ‚Schnittmuster‘ des Klassenkampfes seit 1989 sich von jenen in der Periode nach 1968 unterscheiden. Während jener Periode gab es klar identifizierbare Wellen des Kampfes, mit ihrem Epizentrum in den kapitalistischen Hauptzentren, auch wenn die Schockwellen über den gesamten Globus gingen. Ferner war es möglich, diese Bewegungen zu analysieren und den Fortschritt kenntlich zu machen, den das Klassenbewusstsein in ihnen machte – zum Beispiel über die Gewerkschaftsfrage oder ihr Fortschritt bezüglich des Massenstreiks.

Ferner war es nicht allein die revolutionäre Minderheit, die diese Reflexionen anstellte. Während der verschiedenen Wellen des Kampfes war es offenkundig, dass Kämpfe in dem einen Land direkt Kämpfe in einem anderen Land anregen konnten (beispielsweise die Verbindung zwischen Mai 68 und Italien 69, zwischen Polen 1980 und den folgenden Bewegungen in Italien, zwischen den großen Bewegungen in Belgien in den 80ern und den Arbeiterreaktionen in den benachbarten Ländern). Gleichzeitig war ersichtlich, dass Arbeiter Lehren aus den vorausgegangenen Bewegungen zogen – zum Beispiel in Großbritannien, wo die Niederlage des Bergarbeiterstreiks ein Nachdenken in der Klasse über die Notwendigkeit auslöste, nicht in die Falle lang hingezogener und isolierter Streiks zu laufen, oder in Frankreich und Italien 1986 und 1987, wo verstärkt versucht wurde, sich außerhalb der Gewerkschaften zu organisieren.

Die Situation seit 1989 zeichnete sich nicht durch offen ersichtliche Fortschritte im Klassenbewusstsein aus. Dies soll nicht heißen, dass die Bewegung in den 90er Jahren völlig nichtssagend war. Im Bericht über den Klassenkampf auf dem 13. Kongress stellten wir die prinzipiellen Phasen heraus, die die Bewegung durchlaufen hat:

- der mächtige Einfluss des Zusammenbruchs des Ostblocks, der durch die pausenlosen Kampagnen der Bourgeoisie über den Tod des Kommunismus multipliziert wurde. Dieses historische Ereignis brachte die dritte Welle von Kämpfen zu einem plötzlichen Ende und leitete einen starken Rückgang sowohl im Bewusstsein als auch in der Klassenmilitanz ein, Auswirkungen, mit denen wir es immer noch tun haben, besonders in der Frage des Bewusstseins;

- die Tendenz zur Wiederbelebung der Militanz nach 1992, mit den Kämpfen in Italien, denen 1993 Kämpfe in Deutschland und Großbritannien folgten;

- die großen Manöver der Bourgeoisie in Frankreich 1995, die das Vorbild für ähnliche Operationen in Belgien und Deutschland waren. Hier fühlte sich die herrschende Klasse stark genug, um landesweite Bewegungen zu provozieren, in der Absicht, das Bild der Gewerkschaften aufzupolieren. In diesem Sinne waren diese Bewegungen ein Produkt sowohl der Unordnung innerhalb der Klasse als auch  der Erkenntnis der Bourgeoisie, dass diese Unordnung nicht ewig dauert und dass glaubwürdige Gewerkschaften ein sehr wichtiges Instrument zur Kontrolle künftiger Ausbrüche des Klassenwiderstands sind.

- die langsame, aber faktische Entwicklung von Unzufriedenheit und Militanz innerhalb der Arbeiterklasse angesichts der sich vertiefenden Krise wurde nach 1998, mit den massiven Streiks in Dänemark und Norwegen sowie einer Reihe von Kämpfen in den USA, Großbritannien und Frankreich so wie in peripheren Ländern wie Korea, China und Simbabwe, mit großem Nachdruck bekräftigt. Dieser Prozess ist ferner in den vergangenen Jahren durch die Demonstrationen der Transportarbeiter in New York, die Kämpfe der Postangestellten in Großbritannien und Frankreich und insbesondere durch den wichtigen Ausbruch von Kämpfen in Belgien im Herbst 2000 veranschaulicht worden, als wir so manch wirkliches Anzeichen nicht nur einer allgemeinen Unzufriedenheit, sondern auch einer Unzufriedenheit mit der gewerkschaftlichen Führung des Kampfes beobachten konnten.

Keine dieser Bewegungen hatte jedoch einen Einfluss bzw. ein Ausmaß erreicht, mit dem sie imstande gewesen wäre, den massiven ideologischen Kampagnen der Bourgeoisie über das Ende des Klassenkampfes wirklich etwas entgegenzusetzen oder den Arbeitern in der ganzen Welt neues Vertrauen in sich selbst und in ihre eigenen Kampfmethoden einzuflößen; keine von ihnen war vergleichbar mit den Ereignissen vom Mai 68 oder mit dem Massenstreik in Polen 1980 oder selbst mit den ständigen Kämpfen in den 80er Jahren. Selbst die wichtigsten Kämpfe ernteten nur ein geringes Echo innerhalb des Rests der Klasse: Das Phänomen, dass die Kämpfe in einem Land auf Bewegungen anderswo ‚antworten‘, scheint nahezu nichtexistent zu sein. Unter diesen Umständen ist es selbst für die Revolutionäre schwierig, ein klares Strickmuster oder definitive Anzeichen von Fortschritt im Klassenkampf der 90er Jahre zu erkennen. Für die Klasse im Allgemeinen trug die zersplitterte und separate Natur der Kämpfe – zumindest oberflächlich - wenig dazu bei, das Selbstvertrauen des Proletariats, sein Bewusstsein über sich selbst als eine besondere gesellschaftliche Kraft, als eine internationale Klasse mit dem Potenzial, die herrschende Ordnung herauszufordern, zu verstärken oder zu erneuern.

Diese Tendenz unter den desorientierten Arbeitern, den Blick für ihre spezifische Klassenidentität zu verlieren und angesichts einer immer schwierigeren Weltlage sich im Großen und Ganzen machtlos zu fühlen, ist das Ergebnis einer Reihe von miteinander verwobenen Faktoren. Zuunterst ist – und dies ist ein Faktor, der von den Revolutionären immer etwas unterschätzt wurde, eben weil er so elementar ist – die grundsätzliche Stellung der Arbeiterklasse als eine ausgebeutete Klasse, die unter dem Gewicht der gesamten Ideologie der herrschenden Klasse leidet. Zuoberst dieses ‚unveränderlichen‘ Faktors im Leben der Arbeiterklasse stehen die Auswirkungen des Dramas des 20. Jahrhunderts – die Niederlage der revolutionären Welle, die lange Nacht der Konterrevolution und das Beinahe-Verschwinden der organisierten proletarischen Bewegung während dieser Periode. Diese Faktoren bleiben wegen ihrer Natur auch in der Zerfallsphase äußerst mächtig; in der Tat, wenn überhaupt, dann verstärkten sie seine negativen Einflüsse, so wie die negativen Einflüsse sie verstärken. Dies wird besonders an den antikommunistischen Kampagnen deutlich: Historisch stammen sie aus den Erfahrungen der stalinistischen Konterrevolution, die als erste die Lüge verbreitete, Stalinismus ist gleich Kommunismus. Doch der Zusammenbruch des Stalinismus – ein Produkt des Zerfalls par excellence – wird nun seinerseits von der Bourgeoisie dazu benutzt, um auch weiterhin die Botschaft an den Mann  zu bringen, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gibt und dass es mit der Klasse vorbei ist.

Um jedoch die besonderen Schwierigkeiten zu begreifen, mit denen es das Proletariat in dieser Phase zu tun hat, ist es notwendig, sich auf die spezifischeren Auswirkungen des Zerfalls auf den Klassenkampf zu konzentrieren. Ohne in die Details zu gehen, über die wir in vielen anderen Texten zu diesem Problem bereits geschrieben haben, können wir sagen, dass diese Auswirkungen auf zwei Ebenen stattfinden: An erster Stelle gibt es die wirklichen materiellen Auswirkungen der Zerfallsphase, an zweiter Stelle steht die Art und Weise, wie die herrschende Klasse diese Auswirkungen benutzt, um die Desorientierungen der ausgebeuteten Klasse zu verstärken. Einige Beispiele:

- der Prozess der Desintegration, der durch die massive und andauernde Arbeitslosigkeit besonders unter den jungen Menschen, durch die Auflösung traditioneller militanter Arbeiterkonzentrationen im Herzen der Industrie hervorgerufen wurde, was die Atomisierung und die Konkurrenz unter den Arbeitern intensivierte. Dieser objektive Prozess, der direkt mit der Wirtschaftskrise verknüpft ist, wird schließlich durch die ideologischen Kampagnen über die ‚postindustrielle Gesellschaft‘ und über das Außer-Mode-kommen des Proletariats weiter verstärkt. Dieser Prozess ist von etlichen Elementen aus dem proletarischen Milieu oder dem Sumpf als ‚Neuzusammensetzung‘ des Proletariats bezeichnet worden; tatsächlich rührt solch eine Terminologie, ähnlich wie die Neigung, in der Globalisierung eine neue Stufe in der kapitalistischen Gesellschaft zu betrachten, aus einer ernsthaften Unterschätzung der Gefahren her, denen sich die Klasse gegenübersieht. Die Fragmentierung der Klassenidentität, die wir besonders im letzten Jahrzehnt erlebt haben, ist kein irgendwie gearteter Fortschritt, sondern eine Manifestation des Zerfalls, die immense Gefahren für die Arbeiterklasse in sich birgt.

- die Kriege, die sich in den Peripherien des Systems ausbreiteten und die sich immer mehr den Kernländern des Kapitals nähern, sind offenkundig eine klare Äußerung des Zerfallsprozesses und beherbergen eine direkte Drohung an das Proletariat in jenen Gebieten, die sie verwüsten, sowohl wegen des Gemetzels und der Zerstörung, die sie begleiten, als auch wegen der ideologischen Vergiftung der Arbeiter, die für diese Konflikte mobilisiert werden. Die Lage im Nahen Osten beweist Letzteres in aller Deutlichkeit. Doch die herrschende Klasse in den Hauptzentren des Kapitals schlägt auch aus diesen Konflikten einen Nutzen – nicht nur bei der Weiterverfolgung ihrer imperialistischen Interessen, sondern auch bei der Verstärkung ihrer Angriffe auf das Bewusstsein der zentralem Bataillone des Proletariats, indem sie Gefühle der Machtlosigkeit, der Abhängigkeit von den ‚demokratischen‘ und ‚humanitären‘ Staaten bei der Lösung der globalen Probleme usw. verstärkt.

- ein anderes wichtiges Beispiel ist der Prozess der ‚Kriminalisierung‘, der sich im letzten Jahrzehnt enorm ausgeweitet hat. Dieser Prozess schließt sowohl die höheren Ränge der herrschenden Klasse (die russische Mafia ist nur die Karikatur eines viel weiter verbreiteten Phänomens) als auch die niederen Schichten der Gesellschaft einschließlich einer beträchtlichen Menge proletarischer Jugendlicher mit ein. Dies ist überall der Fall, ob wir auf Länder wie Sierra Leone, wo Bandenrivalitäten Teil des interimperialistischen Konflikts sind, oder auf die Innenstädte in den entwickelten Ländern schauen, wo nur die Straßenbanden den am meisten marginalisierten Gesellschaftsbereichen ‚Gemeinschaft‘ und eine Quelle des Lebensunterhalts anzubieten scheinen. Gleichzeitig hat die herrschende Klasse, während sie diese Banden zur Organisierung der ‚gesetzwidrigen‘ Seite ihres Geschäfts (Waffen-, Drogenhandel, etc.) benutzt, nicht gezögert, die ‚Gangsta‘-Ideologie mit Musik, Film oder Mode zu verbinden und sie als eine Art falsche Rebellion zu kultivieren, die jeglichen Zugehörigkeitssinn zur Klasse auslöscht, indem die Identität der Bande, ob sie durch lokale, rassische, religiöse oder andere Kategorien bestimmt ist, überhöht wird.

Es könnten noch weitere Beispiele genannt werden; doch letztendlich geht es darum, die beträchtliche Reichweite und Wirkung jener Kräfte hervorzuheben, die in jüngster Zeit als Gegengewicht zur proletarischen Selbstkonstituierung als Klasse fungieren. Nichtsdestotrotz müssen Revolutionäre gegen all die Drangsalierungen, gegen alle Kräfte, die behaupten, das Proletariat sei tot und begraben, weiter darauf bestehen, dass die Arbeiterklasse nicht verschwunden ist, dass der Kapitalismus nicht ohne Proletariat existieren kann und dass das Proletariat nicht ohne den Kampf gegen das Kapital existieren kann. Dies ist elementar für jeden Kommunisten. Doch die Besonderheit der IKS besteht darin, dass sie bereit ist, sich der Analyse des historischen Kurses und des allgemeinen Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen anzuvertrauen. Und an dieser Stelle muss festgestellt werden, dass das Weltproletariat zu Beginn des 21. Jahrhunderts trotz all der Widrigkeiten, denen es gegenübersteht, noch nicht sein letztes Wort gesprochen hat, noch immer die einzige Barriere gegen die vollständige Entwicklung der kapitalistischen Barbarei darstellt und noch immer das Potenzial in sich trägt, massive Klassenkonfrontationen gegen das Innerste des Systems auszulösen.

Dies ist kein abstrakter Glauben und auch keine ewige Wahrheit. Wir werden auch nicht davor zurückschrecken, in Zukunft unsere Analyse gegebenenfalls zu revidieren und anzuerkennen, dass eine fundamentale Verschiebung in diesem Kräfteverhältnis zum Schaden des Proletariats stattgefunden hat. Unsere Argumente basieren auf einer ständigen Beobachtung der Prozesse innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, die uns bisher zur Schlussfolgerung geleitet haben:

- dass trotz der Schläge gegen ihr Bewusstsein im letzten Jahrzehnt die Arbeiterklasse immer noch gewaltige Kampfreserven besitzt, die in einer beträchtlichen Zahl von Bewegungen in dieser Periode sichtbar geworden sind. Dies ist von enormer Bedeutung, denn obgleich man nicht Kampfgeist mit Bewusstsein verwechseln darf, ist die Entwicklung von offenem Widerstand gegen die Angriffe des Kapitals unter den heutigen Bedingungen wichtiger denn je für das Proletariat bei der Wiederentdeckung seiner Identität als Klasse, die eine Vorbedingung für eine allgemeinere Entwicklung des Klassenbewusstseins ist.

- dass sich der Prozess der unterirdischen Reifung fortgesetzt hat und unter anderem durch die Entstehung von ”suchenden Elementen” überall auf der Welt, von einer wachsenden Minderheit demonstriert wird, die ernsthafte Fragen über das herrschende System stellt und nach einer revolutionären Alternative sucht. Diese Elemente bestehen aus einer Mehrheit, die zum Sumpf, zu den mannigfaltigen Ausdrücken des Anarchismus und so weiter strebt. Die gegenwärtige Zunahme von ”antikapitalistischen” Protesten drückt auch – auch wenn von der herrschenden Klasse zweifellos manipuliert und ausgenutzt – eine massive Ausweitung des Sumpfes aus, jener hin und her schwankenden Übergangszone zwischen der Politik der Bourgeoisie und der Politik der Arbeiterklasse. Doch noch viel bedeutsamer in den letzten Jahren ist die beträchtliche Steigerung der Zahl jener Elemente, die direkt den Kontakt zu den existierenden revolutionären Gruppen, besonders zur IKS und dem IBRP, suchen. Dieser Zustrom von Elementen, die weiter gehen als der zweifelnde Sumpf und nach einem wirklichen kommunistischen Zusammenhang suchen, ist die ‚Spitze des Eisberges‘, Zeichen eines tieferen und weiterreichenden Prozesses innerhalb des Proletariats als Ganzes. Ihr Auftreten auf der Bühne wird erhebliche Auswirkungen auf das existierende proletarische Milieu haben, indem sie seine Physiognomie verändern und es dazu zwingen, mit althergebrachten sektiererischen Verhaltensweisen zu brechen.

- Die fortgesetzte Existenz einer proletarischen Bedrohung kann auch in einem gewissen Umfang an ”negativen” Parametern gemessen werden – durch die Untersuchung der Politik und Kampagnen der Bourgeoisie. Wir können dies auf etlichen miteinander verbundenen Ebenen sehen – ideologisch, ökonomisch und militärisch. Auf der ideologischen Ebene ist die Kampagne um den ”Antikapitalismus” solch ein Fall. Zu Beginn des letzten Jahrzehnts zielten die Kampagnen der Bourgeoisie darauf ab, das Durcheinander in der Klasse, die gerade erst durch den Zusammenbruch des Ostblocks einen Schlag erlitten hatte, zu vergrößern; und ihre Themen konnten damals noch offen bürgerlich sein: Die Dutroux-Affäre zum Beispiel bewegte sich völlig im Rahmen der Demokratie. Das Betonen des ”Antikapitalismus” heute ist dagegen ein Zeichen für die Erschöpfung der Mystifikation des ”Triumphs des Kapitalismus”, für die Notwendigkeit des Kapitalismus, dem Potenzial für eine wirkliche Infragestellung des Kapitalismus durch die Arbeiterklasse beizukommen und es zu entstellen. Die Tatsache, dass die antikapitalistischen Proteste die Arbeiter nur marginal als solche mobilisiert haben, vermindert nicht ihren allgemeinen ideologischen Einfluss. Dasselbe kann von der Taktik der Linken in der Regierung gesagt werden. Obwohl ein Großteil der Ideologie der linken Regierungen direkt von den Kampagnen über das Scheitern des Sozialismus und die Notwendigkeit für einen zweiten oder dritten Weg in die Zukunft übernommen wurde, sind diese Regierungen größtenteils nicht einfach zur Aufrechterhaltung der herrschenden Desorientierungen in der Klasse, sondern als Vorbeugemaßnahme installiert worden, um die Arbeiterklasse daran zu hindern, ihren Kopf zu heben, ihre Unzufriedenheit, die sich in ihren Reihen im letzten Jahrzehnt breitgemacht hat, freien Lauf zu lassen.

Auf der wirtschaftlichen Ebene, so haben wir stets argumentiert, wird die Bourgeoisie der Hauptzentren damit fortfahren, jedes zu ihrer Verfügung stehende Mittel zu nutzen, um ihre Ökonomie vor dem Kollaps und davor zu bewahren, dass sie auf ihr wahres Maß zurechtgestutzt wird. Die Logik dahinter ist sowohl ökonomisch als auch sozial. Sie ist ökonomischer Natur in dem Sinn, dass die Bourgeoisie koste es was es wolle ihre Wirtschaft auswringen muss, um ihre eigenen Illusionen über die Aussicht auf Expansion und Wohlstand aufrechtzuerhalten. Doch diese Logik ist auch gesellschaftlicher Natur in dem Sinn, dass die herrschende Klasse immer noch in Angst davor lebt, dass dramatische Abstürze der Wirtschaft massive Reaktionen im Proletariat hervorrufen, die einen viel klareren Blick auf den wahren Bankrott der kapitalistischen Produktionsweise erlauben würden.

Was möglicherweise noch wichtiger ist – in allen großen militärischen Konflikten dieses Jahrzehnts, in denen die zentralen imperialistischen Mächte verwickelt waren (Golfkrieg, Balkan, Afrika) waren wir Zeuge einer extremen Vorsicht der herrschenden Klasse, ihres Widerstrebens, andere Soldaten außer den Berufssoldaten in diesen Operationen einzusetzen, und gar ihres Zauderns davor, das Leben dieser Soldaten aus Angst vor der Provozierung einer Reaktion ‚in der Heimat‘ zu riskieren.

Es ist sicherlich bedeutsam, dass mit der Bombardierung Serbiens durch die NATO der imperialistische Krieg einen weiteren Schritt zu den Kernländern des Systems gemacht hat. Doch Serbien ist nicht Westeuropa. Wir erblicken keinerlei Anzeichen dafür, dass die Arbeiterklasse der Hauptindustrieländer bereit ist, sich hinter ihren Nationalfahnen zu sammeln und direkt für die imperialistischen Hauptkonflikte (und selbst innerhalb solcher Länder wie Serbien sind die Grenzen der Opferbereitschaft in Sicht, auch wenn die massive Unzufriedenheit durch den demokratischen Karneval kanalisiert wurde) anzumustern. Der Kapitalismus ist immer noch dazu gezwungen, seine imperialistischen Spaltungen hinter der Fassade von Bündnissen für humanitäre Interventionen zu maskieren. Dies spiegelt teilweise die Unfähigkeit der zweitrangigen Mächte wider, die US-Vorherrschaft offen herauszufordern, aber es drückt auch die Tatsache aus, dass das System keine ernsthafte ideologische Grundlage für die Zementierung neuer imperialistischer Blöcke besitzt – eine Tatsache, die von den proletarischen Gruppen völlig missachtet wird, die solche Blöcke im Wesentlichen auf ökonomische Funktionen reduzieren. Imperialistische Blöcke sind in ihrer Funktion eher militärisch denn ökonomisch ausgerichtet, doch um auf militärischer Ebene zu operieren, müssen sie auch ideologisch begründet sein. Zurzeit ist es unmöglich abzusehen, welche ideologischen Themen benutzt werden könnten, um einen Krieg zwischen den imperialistischen Hauptmächten heute zu rechtfertigen – alle treten für dieselbe demokratische Ideologie ein, und keiner von ihnen ist in der Lage, mit dem Finger auf ein böses Reich zu zeigen, dass eine große Bedrohung für den eigenen Way of Life abgeben könnte: Der Antiamerikanismus, der in einem Land wie Frankreich gepflegt wird, ist ein müder Abklatsch früherer Ideologien wie der Antifaschismus oder der Antikommunismus. Wir haben geäußert, dass der Kapitalismus der Arbeiterklasse in den entwickelten Ländern immer noch eine schwere und offene Niederlage zufügen muss, eher er die ideologischen Bedingungen für ihre offene Mobilisierung für den Weltkrieg schaffen kann. Doch es gibt starke Beweggründe für die Auffassung, dass dies auch auf die begrenzteren Konflikte zwischen den in der Entstehung begriffenen Blöcken zutrifft, die den Boden für einen allgemeineren Konflikt bereiten. Dies ist ein wirkliches Statement des ‚negativen‘ Gewichts, das das unbesiegte Proletariat auf die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft ausübt.

Wir haben natürlich erkannt, dass im Rahmen des Zerfalls die Arbeiterklasse ohne eine frontale Niederlage und ohne einen großen Krieg zwischen den Zentralmächten überwältigt werden könnte. Es könnte dem Fortschreiten der Barbarei in den zentralen Ländern, einem Prozess des sozialen, ökonomischen und ökologischen Zusammenbruchs unterliegen, vergleichbar, obwohl noch viel alptraumhafter, mit dem, was in Ländern wie Ruanda und dem Kongo bereits eingetroffen ist. Doch auch wenn er viel heimtückischer ist, solch ein Prozess kann kaum unsichtbar bleiben, und wir sind noch ein Stück weit entfernt von ihm – eine weitere Tatsache, die sich ‚negativ‘ in der jüngsten Kampagne über die ‚Asylanten‘ äußerte, welche sich zu einem großen Teil auf die Erkenntnis stützt, dass Westeuropa und Nordamerika Oasen des Wohlstands und der Stabilität sind im Verhältnis zu jenen Teilen Osteuropas und der ‚Dritten Welt‘, die viel direkter von den Schrecken des Zerfalls erfasst sind.

Es kann daher ohne Zögern festgestellt werden, dass der unbesiegte Charakter des Proletariats in den fortgeschrittenen Ländern eine Barriere gegen die vollständige Entfesselung der Barbarei in den Zentren des Weltkapitals bleibt.

Nicht nur, dass die Entwicklung der Weltwirtschaftskrise die Illusionen darüber zerbröckeln lässt, dass wir vor einer glänzenden neuen Zukunft stehen – eine Zukunft, die auf einer ‚neuen Wirtschaft‘ gegründet sei, wo jeder ein Aktionär ist. Hinzu kommt, dass diese Illusion weiter dahinschwindet, sobald die Bourgeoisie gezwungen wird, ihre Angriffe gegen die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu zentralisieren und zu vertiefen, um sie dem wahren Zustand ihrer Wirtschaft ‚anzupassen‘. Obwohl wir noch weit entfernt sind von einem offenen politischen Kampf gegen den Kapitalismus, sind wir wohl kaum ebenso weit entfernt von einer Reihe erbitterter und selbst weltweiter Verteidigungskämpfe, da die siedende Unzufriedenheit innerhalb des Proletariats die Form einer offenen Kampfbereitschaft annimmt. Und es sind diese Kämpfe, in denen die Saat für eine künftige Politisierung gesät wird. Es erübrigt sich fast zu sagen, dass die Intervention der Revolutionäre ein Schlüsselelement in diesem Prozess sein wird.

Somit können die Revolutionäre trotz ihres klaren Blicks für die fürchterlichen Schwierigkeiten und Gefahren für unsere Klasse fortfahren, mit Fug und Recht festzustellen, dass der historische Kurs sich nicht gegen uns gewendet hat. Die Aussicht auf massive Klassenkonfrontationen besteht weiterhin und wird unsere gegenwärtigen und künftigen Aktivitäten bestimmen.

 

Dezember 2000

 

1 – Mitchell starb 1945 in Folge seiner Inhaftierung im Konzentrationslager Buchenwald während des Krieges.

2  - Diese Tendenz verließ die IKS, um die Gruppe Communiste Internationliste, die eine Form des Anarcho-Bordigismus predigte und selbst in einer Reihe von kleineren Mini-Gruppen zerbrach.

3   - ein ehemaliger Militantrer der IKS;

4  - Internationale Büro für die Revolutionäre Partei, gegründet von Battaglia Comunista  und der CWO: