Antwort an das IBRP

Das Wesen des imperialistischen Krieges

 

Das IBRP hat in seiner ‘International Communist Review’
Nr. 13 auf unsere Polemik ‘Die Auffassung des IBRP zur Dekadenz des
Kapitalismus’, die in der Internationalen Revue der IKS Nr. 79  engl.Ausgabe erschienen war, geantwortet. In
dieser Antwort stellt das IBRP deutlich seine Positionen dar. Somit liefert ihr
Artikel einen Beitrag zur notwendigen Debatte, die zwischen den Organisationen
der kommunistischen Linken geführt werden muß, welche eine entscheidende
Verantwortung in dem Kampf für die Gründung der kommunistischen Partei des
Proletariats tragen.

Die Debatte
zwischen dem IBRP und der IKS findet innerhalb des Rahmens der kommunistischen
Linken statt:

- es handelt
sich um keine akademische oder abstrakte Debatte, sondern um eine militante
Polemik, um klare Positionen zu entwickeln, bei denen es keine Zweideutigkeiten
oder Konzessionen gegenüber der bürgerlichen Ideologie gibt, insbesondere
hinsichtlich Fragen wie das Wesen der imperialistischen Kriege und der
materiellen Grundlagen der Notwendigkeit der kommunistischen Revolution,

- es handelt
sich um eine Debatte zwischen Anhängern der Analyse der Dekadenz des
Kapitalismus. Seit dem Anfang des Jahrhunderts ist das System in eine
ausweglose Krise hineingeraten, die eine wachsende Bedrohung der Auslöschung
der Menschheit  und der Zerstörung des
Planeten mit sich bringt.

Innerhalb
dieses Rahmens besteht der Artikel des IBRP auf der Auffassung des imperialistischen
Krieges als ein Mittel der Entwertung des Kapitals und der Erneuerung des
Akkumulationszyklus. Diese Position wird mit einer Erklärung der historischen
Krise des Kapitalismus gerechtfertigt, die sich stützt auf das Gesetz des tendenziellen
Falls der Profitrate. Diese beiden Fragen sind Gegenstand unserer Antwort auf
den Artikel des IBRP ( (

[1]

).

Was uns mit dem IBRP verbindet

In einer
Polemik zwischen Revolutionären und insbesondere wegen des militanten
Charakters müssen wir von dem ausgehen, was uns verbindet, um innerhalb dieses
globalen Rahmens zu behandeln, was uns trennt. Dies ist die Methode, die die
IKS immer in Anlehnung an Marx, Lenin, Bilan usw. angewendet hat, und die wir
auch in unserer Polemik mit der IKP (Programma (

[2]

)
benutzten, als wir die gleiche Frage behandelten, die wir jetzt in unserer
Antwort an das IBRP aufgreifen. Es ist uns wichtig, dies zu unterstreichen,
weil erstens die Polemiken unter den Revolutionären nicht immer den Kampf um
die Klärung und die Umgruppierung mit der Perspektive der Bildung der Partei
des Weltproletariats als einen roten Faden haben. Zweitens weil das, was
zwischen der IKS und dem IBRP an Gemeinsamkeiten vorhanden ist, wichtiger ist
als das uns Trennende, ohne dabei die Bedeutung und die Konsequenzen der
Divergenzen hinsichtlich des Begreifens des imperialistischen Wesens des
Krieges zu leugnen oder abzuschwächen:

1) Aus der
Sicht des IBRP gibt es bei imperialistischen Kriegen keine objektiven Grenzen,
sondern es handelt sich um totale Kriege, deren Konsequenzen bei weitem die
Folgen der Kriege in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus

[i]


übersteigen.

2) Die
imperialistischen Kriege bündeln die wirtschaftlichen und politischen Faktoren
in einem unauflösbaren Ganzen zusammen.

3) Das IBRP
verwirft die Idee, daß der Militarismus und die Rüstungsproduktion als ein
Mittel der ‘Akkumulation des Kapitals 
(3) fungieren könnte.

4) Als ein
Ausdruck der Dekadenz des Kapitalismus beinhalten die imperialistischen Kriege
die wachsende Bedrohung der Zerstörung der Menschheit.

5) Im
heutigen Kapitalismus gibt es starke Tendenzen hin zu Chaos und Zerfall, obgleich,
wie wir später sehen werden, das IBRP diesen Tendenzen nicht die gleiche
Bedeutung beimißt wie die IKS.

Diese
Elemente der Übereinstimmung spiegeln die gemeinsame Fähigkeit wider, die
imperialistischen Kriege als den Gipfel der historischen Krise des Kapitalismus
zu entblößen und zu bekämpfen und die Arbeiterklasse dazu aufzurufen, nicht zwischen
zwei imperialistischen Wölfen zu wählen. Des weiteren die Fähigkeit, die
Weltrevolution als die einzige Lösung für die Überwindung der blutigen
Sackgasse aufzuzeigen, in die der Kapitalismus die Menschheit geführt hat,
womit wir das pazifistische Opium bekämpfen und die kapitalistischen Lügen
verwerfen, denen zufolge ‘wir jetzt dabei sind, die Krise zu überwinden’.

Diese
Elemente, die der Ausdruck der gemeinsamen Tradition der Kommunistischen Linken
sind, machen es notwendig und möglich, daß gegenüber Ereignissen von großer
Tragweite wie der Krieg am Golf oder im ehemaligen Jugoslawien sich die Gruppen
der Kommunistischen Linken gemeinsam äußern, die gegenüber der Arbeiterklasse
die vereinigte Stimme der Revolutionäre zum Ausdruck bringen. Zu diesem Zweck
schlugen wir innerhalb des Rahmens der Internationalen Konferenzen von 1977-80
eine gemeinsame Erklärung gegen den Afghanistankrieg vor, und wir beklagten,
daß weder Battaglia Comunista noch die CWO (die kurze Zeit später das
gegenwärtige Internationale Büro der Revolutionären Partei - IBRP
gründeten)  dieser Initiative nicht
zugestimmt hatten. Diese Initiativen sind keineswegs ein Vorschlag für einen
vorübergehenden und opportunistischen Zusammenschluß, sondern Instrumente des
Kampfes für die Abgrenzung und Klärung der Positionen innerhalb der
Kommunistischen Linke, da sie einen konkreten und militanten Rahmen (das
Engagement für die Arbeiterklasse gegenüber wichtigen Situationen der historischen
Entwicklung darstellen) innerhalb dessen die Divergenzen ernsthaft diskutiert
werden können. Dies war die Methode Marxens und Lenins: obwohl es in Zimmerwald
viel größere Divergenzen gab als die gegenwärtig existierenden zwischen der IKS
und dem IBRP war Lenin bereit, dem Manifest von Zimmerwald zuzustimmen.
Gleichzeitig gab es zum Zeitpunkt der Gründung der Kommunistischen
Internationale unter den Gründerparteien schwergewichtige Divergenzen nicht nur
hinsichtlich der Analyse des imperialistischen Krieges sondern auch
hinsichtlich Fragen wie die Ausnutzung des Parlamentes und der Gewerkschaften.
Jedoch hinderte sie dies nicht daran, sich zusammenzuschließen und für die Revolution
in den weltweiten revolutionären Kämpfen einzutreten. Dieser gemeinsame Kampf
war kein

[ii]

Rahmen,
um die Divergenzen zum Schweigen zu bringen, sondern im Gegenteil die militante
Plattform, auf der nicht akademisch oder je nach sektiererischen Gelüsten
diskutiert,  sondern diese ernsthaft
aufgegriffen werden konnten.

Die Funktion des imperialistischen Krieges

Die
Divergenzen zwischen dem IBRP und der IKS betreffen nicht die allgemeinen
Ursachen des imperialistischen Krieges. Wir vertreten beide das gemeinsame Erbe
der kommunistischen Linke und betrachten den imperialistischen Krieg als einen
Ausdruck der historischen Krise des Kapitalismus. Die Divergenz taucht jedoch
dann auf, wenn es darum geht, die Rolle des imperialistischen Krieges innerhalb
des dekadenten Kapitalismus zu analysieren. Das IBRP meint, daß der
imperialistische Krieg eine ökonomische Funktion erfüllt: er würde eine massive
Entwertung des Kapitals erlauben, und somit die Möglichkeit eröffnen, daß der
Kapitalismus in einen neuen Zyklus der Akkumulation eintritt. Dieses
Einschätzung erscheint ganz logisch: denn gab es nicht vor dem Weltkrieg eine
Weltwirtschaftskrise wie beispielsweise die von 1929? Da sie eine
Überproduktionskrise von Menschen und Waren ist, ist da der imperialistische
Krieg keine ‘Lösung’ mittels der Zerstörung im großen Maßstab von Arbeitern und
Maschinen? Beginnt nicht von neuem der Wiederaufbau und wird damit nicht die
Krise überwunden? Jedoch ist diese Einschätzung, die auf den ersten Blick so
einleuchtend und kohärent erscheint, zutiefst oberflächlich. Sie greift einen
Teil des Problems auf (in der Tat hat der dekadente Kapitalismus durch einen
höllischen Zyklus von Krise-Krieg-Wiederaufbau - neuer Krise überlebt. Aber
diese Einschätzung geht nicht auf den Kern des Problems ein. Der Krieg ist viel
mehr als ein einfaches Mittel der Wiederherstellung des Zyklus der
kapitalistischen Akkumulation. Und andererseits wird dieser Zyklus zutiefst
deformiert, entartet und ist sehr weit davon entfernt, der klassische Zyklus der
aufsteigenden Phase zu sein.

Diese
oberflächliche Betrachtungsweise des imperialistischen Krieges hat
schwerwiegende Auswirkungen für die militante Arbeit, die das IBRP nicht
erkennt. Wenn der Krieg  in der Tat den
Mechanismus der kapitalistischen Akkumulation wiederherstellt, sagt man damit
tatsächlich, daß der Kapitalismus immer wieder durch den schmerzhaften und
brutalen Prozeß des Kriegs immer wieder aus der Krise herauskommen könnte.
Diese Auffassung wird ja im Grunde auch von der herrschenden Klasse vertreten:
der Krieg sei eine schreckliche Angelegenheit, die keiner Regierung gefalle,
aber er sei immerhin ein unvermeidbares Mittel, welches einen neuen Zeitraum
von Frieden und Wohlstand eröffnet. Das IBRP entblößt solche Lügen, ist sich
aber nicht bewußt, daß diese Entblößung durch seine Theorie des Krieges als
‘Mittel der Entwertung des Kapitals’ geschwächt wird. Um die gefährlichen Konsequenzen
dieser Position zu begreifen, müßte das IBRP diese Erklärung der IKP (Programma)
untersuchen:

Die Krise hat ihren Ursprung in der
Unmöglichkeit der Fortsetzung der Akkumulation. Dies äußert sich, wenn das Wachstum
der Produktionsmasse es nicht mehr schafft, den Fall der Profitrate auszugleichen.
Die Masse der gesamten Mehrarbeit reicht nicht mehr, dem vorgeschossenen
Kapital Profit zu garantieren, und um die Bedingungen für die Rentabilität der
Investitionen zu schaffen. Durch die Zerstörung des konstanten Kapitals (tote
Arbeit) in großem Maßstab spielt der Krieg eine wirtschaftlich wesentliche
Rolle. Dank der schrecklichen Zerstörungen des Produktionsapparates ermöglicht
der Krieg eine gewaltige zukünftige Ausdehnung zur Ersetzung der zerstörten
Anlagen, also eine parallele Ausdehnung des Profits, des gesamten Mehrwerts,
d.h. der Mehrarbeit... Die Bedingungen für den Wiederaufschwung sind somit
hergestellt. Der Wirtschaftskreislauf fängt von neuem an... Das weltweite
kapitalistische System tritt veraltet in den Krieg ein, aber verjüngt sich in
dem Blutbad, durch das es eine neue Jugend erhält, insgesamt geht es daraus mit
der Vitalität eines kräftigen Neugeborenen hervor’ (Programme Communiste, Nr.
90, S. 24- aus Internationale Revue Nr. 15, S. 13).

Zu
behaupten, daß der Kapitalismus wieder seine Jugend zurückgewinnen kann, wenn
es einen Weltkrieg gegeben hat, beinhaltet sehr klare revisionistische Folgen.
Der Weltkrieg würde dadurch die Notwendigkeit der proletarischen Revolution
nicht auf die Tagesordnung stellen, sondern den Wiederaufbau des Kapitalismus,
der wieder zu seiner Anfangsphase zurückkehrt. Damit wird die Analyse der 3.
Internationale verworfen, die eindeutig 
in den ‘Richtlinien der Komintern’ von der ‘Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung’ sprach. ‘Die Epoche der kommunistischen Revolution des Proletariats’. Dies bedeutet
einfach und klar mit einer grundlegenden Position des Marxismus zu brechen. Der
Kapitalismus ist kein ewig bestehendes System, sondern eine Produktionsform,
deren historischen Grenzen diesem System einen Zeitraum der Dekadenz
aufzwingen, in dem  die kommunistische
Revolution auf der Tagesordnung steht. Wir zitierten und kritisierten in
unserer Polemik zum Thema ‘Die Auffassung vom Krieg und der Dekadenz der IKP’
in der Internationalen Revue Nr. 15 & 78. Von dem IBRP wird dies außer Acht
gelassen. Ja, in seiner Antwort scheint das IBRP Programma zu verteidigen, wenn
das Büro behauptet:

‘Die Debatte der IKS mit den Bordigisten konzentriert
sich auf den scheinbaren Standpunkt der Bordigisten, daß es keinen mechanischen
kausalen Zusammenhang zwischen Krieg und dem Akkumulationszyklus gibt. Wir
sagen ‘scheinbar’, denn die IKS zitiert wie üblich keine Textstelle um zu
beweisen, daß die Bordigisten die Geschichte so schematisch auffassen. Wir
neigen sogar noch viel weniger dazu, die Behauptung hinsichtlich von Programma
Comunista zu akzeptieren, wenn wir sehen, wie sie unsere Auffassung
interpretieren’ (ihre Antwort in ‘Die materiellen Grundlagen des
imperialistischen Kriegs’,
International Communist Review, Nr.
13, S. 29).

Das Zitat,
das wir in der Internationalen Revue Nr. 15 brachten, spricht für sich selbst
und belegt, daß es bei der Position der IKP (Programma) etwas mehr als nur
‘schematisches’ gibt. Wenn das Büro die Frage vermeidet und über unsere
‘schlechten Interpretationen’ jammert, dann geschieht das, weil  - auch wenn das Büro es nicht wagt, die
verrückten Aussagen der IKP zu wiederholen - seine Zweideutigkeiten zu den
gleichen Schlußfolgerungen führen: ‘Wir
behaupten, daß die ökonomische Funktion des Weltkrieges, d.h. dessen
Folgen für den Kapitalismus darin besteht, Kapital als ein notwendiger Auftakt
für einen neuen Zyklus der Akkumulation zu entwerten’
. (International
Communist Review Nr. 13).

Diese
Auffassung von der ‘ökonomischen Funktion des imperialistischen Krieges’ stammt
von Bukarin. In seinem Buch ‘Imperialismus und Weltwirtschaft’, das er 1915
schrieb, und einen Beitrag zu Fragen wie Staatskapitalismus und der nationalen
Befreiung lieferte, hatte sich jedoch ein wichtiger Fehler eingeschlichen, da
er die imperialistischen Kriege als ein Instrument der kapitalistischen
Entwicklung betrachtete. ‘Kann der Krieg
somit den allgemeinen Gang der Entwicklung des Weltkapitals nicht aufhalten,
drückt er im Gegenteil die maximale Ausdehnung des Zentralisationsprozesses
aus... In seinen wirtschaftlichen Auswirkungen erinnert der Krieg in vielem an
die industriellen Krisen, wobei er sich natürlich von diesen durch die größere
Intensität der Erschütterungen und Verwüstungen unterscheidet’ (S. 166,
Kapitel: Der Krieg und die wirtschaftliche Entwicklung).

Der
imperialistische Krieg ist kein Mittel der Entwertung des Kapitals, sondern ein
Ausdruck des historischen Prozesses der Zerstörung, der Sterilisierung der
Produktionsmittel und des Lebens, die ein Merkmal des dekadenten Kapitalismus
sind.

Zerstörung
und Sterilisierung des Kapitals sind aber nicht gleichbedeutend mit Entwertung
des Kapitals. In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus gab es periodische,
zyklische Krisen, die zu Perioden der Entwertung des Kapitals führten. Diese
Bewegung wurde von Marx aufgezeigt:

‘Gleichzeitig mit dem Fall der Profitrate wächst die
Masse der Kapitale, und geht Hand in Hand mit ihr eine Entwertung des
vorhandnen Kapitals, welche diesen Fall aufhält und der Akkumulation von Kapitalwert
einen beschleunigenden Antrieb gibt... Die periodische Entwertung des
vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen Produktionsweise immanentes
Mittel ist, den Fall der Profitrate aufzuhalten und die Akkumulation von
Kapitalwert durch Bildung von Neukapital zu beschleunigen, stört die gegebnen
Verhältnisse, worin sich der Zirkulations- und Reproduktionsprozeß des Kapitals
vollzieht, und ist daher begleitet von plötzlichen Stockungen und Krisen des
Produktionsprozesses’ (Das Kapital, 3. Band, III. Abschnitt, Gesetz des
tendenziellen Falls der Profitrate, 15.Kapitel, Entfaltung der inneren
Widersprüche, II. Konflikt zwischen Ausdehnung der Produktion und Verwertung S.
259).

Aufgrund
seines ihm eigenen Wesens bringt der Kapitalismus ständig sowohl in der
aufsteigenden Phase wie in der Dekadenz eine Überproduktion hervor, und auf
diesem Hintergrund sind diese blutigen Zeiträume
für das Kapital notwendig, um mit größerer Kraft seine normale Produktions- und
Zirkulationsbewegung der Waren wieder in Gang zu bringen.

In der
aufsteigenden Phase führte jede Stufe der Entwertung des Kapitals zu einer
Expansion auf höherer Stufenleiter der kapitalistischen
Produktionsverhältnisse. Dies war möglich, weil der Kapitalismus in neue
vorkapitalistische Gebiete vorstoßen konnte, die er in seine Produktionsverhältnisse
eingliedern konnte, indem er sie den Verhältnissen der Lohnarbeit und der
Warenwirtschaft unterwarf. Aus diesem Grund waren ‘die Krisen des 19. Jahrhunderts, welche Marx analysierte, damals noch
Wachstumskrisen. Es handelte sich um Krisen, aus denen das Kapital gestärkt
hervorging.... Nach jeder Krise gab es immer noch neue Märkte für die
kapitalistischen Länder zu erobern
(8).

In der
dekadenten Phase des Kapitalismus setzen sich die Entwertungskrisen des
Kapitals fort und werden mehr oder weniger zu chronischen Krisen (9). Jedoch zu
diesem, dem Kapitalismus immanenten und seinem innersten Wesen entsprechenden
Merkmal tritt noch eine andere Eigenschaft in der Phase der Dekadenz hinzu, die
sich sozusagen aufzwingt, sie sozusagen überlagert und ein Ergebnis der
schwerwiegenden Zuspitzung der Widersprüche der kapitalistischen Dekadenz ist:
die Tendenz zur Zerstörung und Sterilisierung des Kapitals.

Diese
Tendenz wird hervorgebracht durch die historische Sackgasse, in die der dekadente
Kapitalismus geraten ist, und diese Phase kennzeichnet: ‘Was ist der imperialistische Weltkrieg? Es handelt sich um den Kampf
mit Gewalt, den die verschiedenen kapitalistischen Gruppen führen müssen, nicht
um neue Märkte zu erobern, und neue Rohstoffquellen zu erschließen, sondern um
schon vorhandene unter sich aufzuteilen. Bei dieser Aufteilung gewinnen die
einen auf Kosten der anderen. Der Krieg hat seine Wurzeln in der allgemeinen
und ständigen Wirtschaftskrise, die grassiert und aufzeigt, daß das
kapitalistische System auf das Ende seiner historischen
Entwicklungsmöglichkeiten gestoßen ist’
(Der Renegat Vercesi, Mai 1944, in
‘Internationales Bulletin der Italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken
Nr. 5). ‘Der dekadente Kapitalismus ist
in der Phase, in der die Produktion nur unter der Voraussetzung weitergeführt
werden kann, wenn sie die materielle Form von Produkten und Produktionsmitteln
annimmt,  die kein Wachstum und  eine Erweiterung der Produktion mit sich
bringen, sondern ihre Eindämmung und Zerstörung
(ebenda).

In der
Dekadenz hat sich das Wesen des Kapitalismus überhaupt nicht geändert. Der
Kapitalismus bleibt weiterhin ein System der Ausbeutung, und er leidet auch
noch in einem viel größeren Maße unter der Tendenz zur Entwertung des Kapitals
- die gar zu einer ständigen Tendenz wird. Das Wesen der Dekadenz ist jedoch
die historische Sackgasse des Systems, die diese starke Tendenz hin zu
Zerstörung und Chaos hervorgebracht hat. ‘ Wenn
es keine revolutionäre Klasse gibt,  die
die historischen Möglichkeiten in sich trägt, um den Aufbau eines
Wirtschaftssystems zu bewerkstelligen, das den historischen Notwendigkeiten
entspricht, gerät die Gesellschaft und die Zivilisation in eine Sackgasse, wo
der Zusammenbruch und die ständige Auflösung, das Auseinanderbrechen
unvermeidbar sind. Marx zeigte das Beispiel einer ähnlichen historischen
Sackgasse:  die  römischen und griechischen Zivilisationen der
Antike. Engels wandte diese These auf die bürgerliche Gesellschaft an und kam
zu der Schlußfolgerung, wenn das Proletariat unfähig wäre, dieses Problem zu
lösen,  würden die Widersprüche, die in
der Gesellschaft vorhanden sind, zu keinem anderen Ergebnis führen als zur Barbarei’(ebenda).

Die Position der Kommunistischen Internationale zum
imperialistischen Krieg

Das IBRP
will sich über die IKS lächerlich machen, wenn wir diesen Wesenszug des
dekadenten Kapitalismus hervorheben: ‘Aus
der Sicht der IKS reduziert sich alles auf Chaos und Zerfall, und damit
brauchen wir uns nicht länger den Kopf darüber zerbrechen, eine detaillierte
Untersuchung der Lage anzufertigen. Dies ist der Schlüssel ihrer Position’

(10). Wir werden auf diese Frage zurückkommen. An dieser Stelle möchten wir
jedoch betonen, daß diese Beschuldigung der Vereinfachung, die der Meinung des
IBRP nichts anderes als eine Verwerfung des Marxismus als eine
Untersuchungsmethode der Wirklichkeit beinhaltet, ebenfalls an den 1. Kongress
der Komintern, an Lenin, Rosa Luxemburg gerichtet werden muss.

Das Ziel
dieses Artikels ist nicht, die Grenzen und Schwächen der Position der Komintern
aufzuzeigen, wenn wir uns nicht vorher auf die klaren Aussagen dieser Position
stützen. In den Grundsatztexten der Komintern gibt es klare Hinweise darauf,
daß die Idee vom Krieg als eine Lösung der Wirtschaftskrise verworfen wird, wie
auch die Auffassung, daß es einen Kapitalismus gäbe, der nach dem Krieg ‘wieder
normal’ funktionierte, genau wie in den Akkumulationszyklen während der
aufsteigenden Phase.

‘Die ‘Friedenspolitik’ der Entente enthüllt hier
endgültig vor dem internationalen Proletariat das Wesen des
Ententeimperialismus und des Imperialismus im allgemeinen. Gleichzeitig beweist
sie, daß die imperialistischen Regierungen unfähig sind, einen ‘gerechten und
dauernden’ Frieden zu schließen, und daß das Finanzkapital nicht imstande ist,
die zerstörte Volkswirtschaft wiederherzustellen. Die weitere Herrschaft des
Finanzkapitals würde entweder zur völligen Vernichtung der zivilisierten
Gesellschaft oder zu einer Steigerung der Ausbeutung, der Versklavung, der
politischen Reaktion, der Rüstungspolitik und schließlich zu neuen
vernichtenden Kriegen führen’ (Die Kommunistische Internationale, 1919, Nr. 1,
S. 51)
Thesen über die internationale Lage und die
Politik der Entente, angenommen auf dem 1. Kongreß der Komintern am 6.3. 1919).

Die
Komintern hob deutlich hervor, daß das Kapital die zerstörte Wirtschaft nicht
wiederherstellen kann, d.h. daß es nach dem Kriege keinen ‘normalen, gesunden’
Akkumulationszyklus herbeiführen kann, und daß das Kapital sich keine neue
Jugend verschaffen kann, wie die IKP meint. Aber mehr noch: eine Rückkehr zu
solch einer Wiederherstellung würde zutiefst geprägt und deformiert sein durch
die Entwicklung der Rüstungsindustrie, einer reaktionären Politik und der
Verschärfung der Ausbeutung. In dem Manifest des 1. Kongresses erklärt  die Komintern: ‘Die Verteilung der Rohstoffe, die Ausnutzung des Petroleums von Baku
oder Rumänien, der Donezkohle, des ukrainischen Getreides, das Schicksal der
deutschen Lokomotiven, Eisenbahnwagen, Automobile, die Versorgung des hungernden
Europas mit Blut und Fleisch - all diese Grundfragen des wirtschaftlichen
Lebens der Welt werden nicht durch den freien Wettbewerb, nicht durch Kombination
nationaler und internationaler Trusts und Konsortien geregelt, sondern durch
direkte Anwendung von militärischer Gewalt im Interesse ihrer weiteren
Erhaltung. Hat die völlige Unterordnung der Staatsmacht unter die Gewalt des
Finanzkapitals die Menschheit zur imperialistischen Schlachtbank geführt, so
hat das Finanzkapital durch diese Massenabschlachtung nicht nur den Staat,
sondern auch sich selbst vollends militarisiert und ist nicht mehr fähig, seine
wesentlichen ökonomischen Funktionen anders als mittels Blut und Eisen zu
erfüllen’
(Manifest an das Proletariat der ganzen Welt, angenommen auf dem
1. Kongreß der Komintern am 6.3.1919).

Die
Perspektive, die die Komintern aufzeigt, ist die einer ‘Militarisierung der
Wirtschaft’, und alle marxistischen Analysen fassen dies als einen Beweis für
die Zuspitzung der kapitalistischen Widersprüche auf und nicht als deren
Linderung und Abschwächung, egal wie stark sie zeitlich begrenzt sein mag. Das
IBRP verwirft den Militarismus als ein Akkumulationsinstrument. Die Komintern
betont ebenfalls, daß die Weltwirtschaft nicht mehr zu der Zeit des Liberalismus
und auch nicht mehr zu den Trusts zurückkehren könnte. Schließlich wird
hervorgehoben, daß der Kapitalismus nicht ‘mehr
fähig ist, seine wesentlichen ökonomischen Funktionen anders als mittels Blut
und Eisen zu erfüllen.
Dies kann nur folgendermaßen verstanden werden. Nach
dem Krieg kann der Mechanismus der Akkumulation nicht mehr normal
funktionieren. Um dies zu tun, benötigt, er vielmehr Blut und Eisen. Die
Komintern zeigte dann auch, daß die Perspektive in der Zeit nach dem Krieg
vielmehr die einer Zuspitzung der Kriege war. ‘Die Opportunisten, die vor dem Weltkriege die Arbeiter zur Mäßigkeit
im Namen des allmählichen Übergangs zum Sozialismus aufforderten, die während
des Krieges Klassendemut im Namen des Burgfriedens und der Vaterlandsverteidigung
verlangten, fordern wiederum vom Proletariat Selbstverleugnung zur Überwindung
der entsetzlichen Folgen des Krieges. Fände diese Predigt bei den
Arbeitermassen Gehör, so würde die kapitalistische Entwicklung auf den Knochen
mehrerer Generationen in neuer, noch konzentrierterer und ungeheuerlicherer
Form ihre Wiederaufrichtung feiern mit der Aussicht eines neuen,
unausbleiblichen Weltkrieges’ (Manifest, ebenda,).

Es war eine
historische Tragödie, daß die Komintern nicht dazu in der Lage war, diesen klaren
Rahmen der Analyse weiter auszubauen, und daß sie in ihrer Niedergangsphase
dieser Analyse widersprüchliche Aussagen insofern entgegensetzte, als sie die
Auffassung entwickelte, daß der Kapitalismus wieder zu seiner Normalität
zurückkehrte, und daß die Analyse des Niedergangs und der Barbarei des Systems
nur mehr rhetorische Erklärungen waren. Die Aufgabe der Kommunistischen Linken
besteht jedoch darin, die allgemeine Aussage, die die Komintern machte, zu
vertiefen und voranzutreiben. Aus den oben erwähnten Zitaten geht hervor, daß
die Schlußfolgerung nicht eine Orientierung war, wo der Kapitalismus in einen
konstanten Zyklus von Akkumulation - Krise - Krieg - Entwertung - neue
Akkumulation eingetreten ist, sondern in eine zutiefst geänderte Weltwirtschaft,
die nicht dazu in der Lage ist, zu den Bedingungen der normalen Akkumulation
zurückzukehren, sondern neuen Erschütterungen und Zerstörungen unterworfen ist.

Die Irrationalität des imperialistischen Krieges

Daß die
Analyse der Kommunistischen Internationale (und damit die Position von Rosa
Luxemburg und Lenin) unterschätzt wird, wird klar, wenn das IBRP unseren
Begriff der Irrationalität des Krieges verwirft. ‘Aber der Artikel der IKS lenkt vom Thema ab durch den nächsten
Kommentar, denn dies würde bedeuten, daß wir damit übereinstimmten, daß es
‘eine ökonomische Rationalität hinter dem Phänomen Weltkrieg’ gibt. Dies hieße,
daß wir die Zerstörung von Werten als ein Ziel des Kapitalismus auffaßten, d.h.
dies wäre die direkte Kriegsursache. Aber Ursachen sind nicht das gleich wie
die Konsequenzen. Die herrschende Klasse der imperialistischen Staaten zieht
aber nicht bewußt in den Krieg, um Kapital zu entwerten’
(15).

In der
aufsteigenden Phase des Kapitalismus wurden die zyklischen Krisen nicht bewußt durch
die herrschende Klasse hervorgerufen. Jedoch besaßen die zyklischen Krisen eine
‘ökonomische Rationalität’: sie erlaubten eine Entwertung des Kapitals, und
infolgedessen einen Neuanfang der kapitalistischen Akkumulation auf einer neuen
Ebene. Das IBRP meint, daß die Weltkriege der kapitalistischen Dekadenz eine
Rolle der Entwertung des Kapitals und der Erneuerung der Akkumulation spielen.
Das heißt, es schreibt den Kriegen eine ökonomische Rationalität der gleichen
Art zu wie die zyklischen Krisen in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus.

Hier liegt
genau der zentrale Fehler, und wie wir schon gegenüber der CWO vor 16 Jahren
sagten, als wir in einem Artikel ‘Ökonomische Theorie und Kampf für den
Sozialismus’ schrieben: ‘Wir können
sehen, daß der Fehler Bukarins von der CWO in ihrer Analyse  wiederholt wird. Der CWO zufolge führt jede
Krise  (durch den Krieg) zu einer
Entwertung des konstanten Kapitals, wodurch die Profitrate gesteigert wird und
der Zyklus von Wiederaufbau - Boom - Krise und Krieg erneut wiederholt werden
kann’ (zitiert aus der Zeitung der CWO - Revolutionary Perspectives, Nr. 6, S.
18, Die Akkumulation der Widersprüche). Daher faßt die CWO die Krisen im dekadenten
Kapitalismus in wirtschaftlichen Begriffen als die zyklischen Krisen des
aufsteigenden Kapitalismus auf einer höheren Ebene auf’ (International Review,
Nr. 16, S. 15)
. 

Das IBRP
sieht den Unterschied zwischen aufsteigender und Niedergangsphase
ausschließlich in dem Umfang und dem Ausmaß der periodischen Unterbrechungen
des Akkumulationszyklus.

Die Kriegsursachen sind auf die Bemühungen
der Bourgeoisie zurückzuführen, diese Kapitalwerte gegen die Rivalen zu
verteidigen. Im aufsteigenden Kapitalismus spielten sich diese Rivalitäten
hauptsächlich auf ökonomischer Ebene ab und zwischen rivalisierenden
Betrieben. Diejenigen, die einen höheren
Grad an Kapitalkonzentration durchsetzen konnten (die Tendenz des Kapitals zu
Zentralisierung und Monopolbildung) waren dadurch in die Lage versetzt,... ihre
Gegner in die Enge zu treiben. Diese Rivalitäten führten auch zu einer
Überakkumulation von Kapital, die die Krisen im 10-Jahresrhythmus im 19.
Jahrhunderten mit sich brachten. Die schwächeren Betriebe brachen zusammen,
oder sie wurden von den stärkeren Rivalen übernommen. Das Kapital wurde in
jeder Krise entwertet und eine neue Runde Akkumulation konnte beginnen, aber
jedes Mal stiegen Konzentration und Zentralisierung des Kapitals... In der
Epoche des Monopolkapitalismus jedoch hat die Konzentration die Ebene des
Nationalstaates erreicht. Das Ökonomische und Politische sind jetzt eng
miteinander in der imperialistischen oder dekadenten Stufe des Kapitalismus
verwoben... In dieser Epoche ist für die Verteidigung der Kapitalwerte die
Intervention des Staates selber erforderlich; damit werden die Rivalitäten
zwischen den imperialistischen Mächten verschärft’ (S. 29-30). Infolgedessen ‘haben
imperialistische Kriege nicht solch beschränkten Ziele (wie in der
aufsteigenden Phase). Sobald die Bourgeoisie diese Kriege anfängt, gibt es nur
einen Kampf um Zerstörung, Auslöschung, bis eine Nation oder ein Block von
Nationen militärisch und wirtschaftlich zerstört ist. Die Folgen des Krieges
sind dann, daß Kapital nicht nur physisch zerstört wurde, sondern daß es auch
eine massive Entwertung von bestehendem Kapital gegeben hat’ (ebenda).

Geht man
dieser Analyse auf den Grund, findet man einen starken Ökonomismus, der den
Krieg nur als ein unmittelbares und mechanisches Ergebnis der wirtschaftlichen
Entwicklung auffaßt. In unserem Artikel in der Internationalen Revue Nr. 15
& 79 haben wir aufgezeigt, daß der Krieg eine globale ökonomische Wurzel
hat (die historische Krise des Kapitalismus), daß man daraus nicht ableiten
kann, daß jeder Krieg aus einem direkten ökonomischen Grund geführt werde. Das
IBRP wollte hinter dem Golfkrieg eine ökonomische Erklärung suchen und
argumentierte auf vulgäre ökonomistische Art und Weise, daß es sich um einen
Krieg um die Erdölfelder handelte. Der Balkankrieg wird auch durch den Appetit
seitens der Großmächte nach irgendwelchen Märkten erklärt (19). Es stimmt allerdings,
daß unter dem Druck unserer Kritik und den empirischen Beweisen das IBRP diese
Analyse korrigiert hat, aber es hat noch nicht geschafft, diesen vulgären Ökonomismus
infragezustellen, demzufolge der Krieg eine unmittelbare und ökonomische
ökonomische Wurzel habe (20).

Das IBRP
verwechselt wirtschaftliche Konkurrenz 
und imperialistische Rivalität, die nicht notwendigerweise gleich sind.
Die imperialistische Rivalität hat als Hintergrund eine wirtschaftliche
Situation mit einer allgemeinen Sättigung des Weltmarktes, aber das heißt
nicht, daß man  als direkten Ursprung die
reine Handelskonkurrenz nennen kann. Ihr Ursprung ist wirtschaftlich,
strategisch und militärisch und darin bündeln sich politische und geschichtliche
Faktoren.

In der
aufsteigenden Phase hatten die Kriege (der nationalen oder kolonialen Befreiung)
zwar ein globales ökonomisches Ziel (die Bildung von neuen Nationen oder die
Ausdehnung des Kapitalismus mittels der Bildung von Kolonien), dennoch entstanden
sie nicht direkt aus ökonomischer Konkurrenz. Der französisch-preußische Krieg
beispielsweise hatte dynastische und strategische Wurzeln, aber er hatte keine
unüberwindbare Wirtschaftskrise zum Hintergrund und auch keine besondere
ökonomische Rivalität zwischen den beiden Kontrahenten. Das IBRP versteht
diesen Punkt bis zu einem gewissen Punkt, wenn es schreibt:

‘Während es in den post-napoleanischen Kriegen im 19.
Jahrhundert großes Elend und Gewalt gab (wie die IKS richtigerweise erkennt),
lag der wirkliche Unterschied darin, daß für spezifische Ziele gekämpft wurde,
die ermöglichten, schnelle und durch Verhandlungen erzielte Lösungen
durchzusetzen. Die Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts hatte noch die programmatische
Aufgabe der Zerstörung der Überreste der alten Produktionsweise und der
Schaffung wirklicher Nationen (21
). Darüber hinaus
sieht das IBRP wohl den Unterschied zur dekadenten Phase: ‘Die Kosten der größeren kapitalistischen Entwicklung der
Produktivkräfte waren nicht länger unvermeidbar. Ja, diese Kosten haben solche
Ausmaße erreicht, daß sie drohen, das zivilisierte Leben sowohl kurzfristig
(Umweltzerstörung, Hungersnöte, Völkermord) als auch langfristig (Weltkriege)
zu zerstören’ (S. 31).

Die
Feststellungen des IBRP sind richtig, und wir teilen sie voll und ganz, aber
wir möchten eine einfache Frage stellen: was bedeutet es, daß die Kriege der
Dekadenz ‘totale Ziele’ haben, und daß der Aufwand für die Aufrechterhaltung
des Kapitalismus schon soweit entwickelt ist, daß dies bis zur Zerstörung der
Menschheit geht? Gab es solche Situationen der Erschütterungen und der
Zerstörung, die das IBRP als qualitativ unterschiedlich von denen der
aufsteigenden Phase betrachtet, in einer wirtschaftlichen Situation der
normalen und ‘gesunden’
Reproduktion der Akkumulation des Kapitals in der aufsteigenden Phase?

Die tödliche
Krankheit des dekadenten Kapitalismus sieht das IBRP nur in den Zeiten der
Weltkriege, aber nicht in den scheinbar ‘normalen’ Zeiten, d.h. in den Zeiten,
wo es dem IBRP zufolge eine Entwicklung des Zyklus der Akkumulation des
Kapitals gibt. Dies führt das IBRP zu einem gefährlichen Zwiespalt: einerseits
meinen sie, gebe es Zeiten der Entwicklung des normalen Zykluses der
Kapitalakkumulation, wo es wirkliches wirtschaftliches Wachstum gibt, das
‘technologische Revolutionen’ hervorbringt und ein Anwachsen der
Arbeiterklasse. In diesen Zeiten des vollen Funktionierens des
Akkumluationszykluses scheint der Kapitalismus zu seinen Ursprüngen
zurückzukehren, sein Wachstum scheint wieder Zahlen  wie in seiner Jugendzeit zu erzielen (das
IBRP wagt dies nicht zu sagen, aber die IKP (Programa) behauptet dies offen).
Auf der anderen Seite gibt es die Zeit der Weltkriege, wo die Barbarei des
dekadenten Kapitalismus in all ihrer Brutalität und Gewalt deutlich ans
Tageslicht tritt.

Dieser
Zwiespalt erinnert stark an die Position von Kautsky und seiner These vom
‘Superimperialismus’. Einerseits erkannte Kautsky, daß der Kapitalismus nach
dem 1. Weltkrieg in eine Phase eingetreten war, in der es große Katastrophen
und Erschütterungen geben könnte, aber er behauptete gleichzeitig, daß es eine
‘objektive’ Tendenz zur höchsten Konzentration des Kapitalismus hin zu einem
imperialistischen Trust gäbe, wodurch der Kapitalismus friedlich werden könnte.

In dem
Vorwort zu dem eingangs zitierten Buch von Bukarin (Weltwirtschaft und
Imperialismus) legte Lenin diesen zentristischen Widerspruch Kautskys bloß:

Kautsky hatte das Versprechen gegeben,
Marxist zu sein in der herannahenden akuten Katastrophenepoche, die er in seinem
1909 beschriebenen Werk über diese Epoche mit aller Bestimmtheit hatte
prophezeien und positiv ins Auge fassen müssen. Heute, da bereits absolut
feststeht, daß diese Epoche angebrochen ist, gibt Kautsky abermals nur das
Versprechen, in einer zukünftigen, - wer weiß, ob überhaupt realisierbaren -
Epoche des Ultraimperialismus Marxist zu sein! Kurz und gut - Versprechungen,
soviel ihr wollt: in einer anderen Epoche Marxist zu sein, aber nur nicht
heute, nur nicht unter den gegenwärtigen Bedingungen, nur nicht zu dieser
Stunde’
(Lenin, Dez. 1915, S. 10)

Wir wollen
damit nicht behaupten, daß das gleiche mit dem IBRP passiert. Sie halten stark
fest an der Analyse der Dekadenz, wenn sie von den Kriegszeiten sprechen,
während sie in den Zeiten der Akkumulation mit einer Analyse aufwarten, die
Konzessionen an die bürgerlichen Lügen vom ‘Wachstum’ und ‘Wohlstand’ dieses Systems
macht.

Die Unterschätzung der Tragweite des Prozesses des
Zerfalls des Kapitalismus

Diese
Tendenz, die marxistische Analyse der Dekadenz nur hinsichtlich der Zeit der
Weltkriege zu verteidigen, erklärt die Schwierigkeit des IBRP, die gegenwärtige
historische Phase des Kapitalismus zu begreifen:

‘ Seit ihrer Gründung vor 20 Jahren hat die IKS ein
konsistentes Verhalten: sie hat alle Versuche abgelehnt zu untersuchen, wie die
Kapitalisten bislang mit der Krise umgegangen sind. Die IKS scheint zu meinen,
daß jeder Versuch, die besonderen historischen Aspekte der jetzigen Krise zu
analysieren, gleich bedeutet zu sagen, daß der Kapitalismus die Krise
überwunden hat. Dies ist aber nicht der Fall. Die Marxisten müssen jetzt
begreifen, warum die gegenwärtige Krise die Dauer der großen Depression von
1873-1896 übertrifft. Während diese große Krise zu einer Zeit auftrat, als der
Kapitalismus in seine Monopolphase eintrat, und während diese Krise noch durch
eine ökonomische Entwertung überwindbar war, bedroht die heutige Krise die
Menschheit mit einer viel größeren Katastrophe’

(Antwort des IBRP S. 34).

Das IBRP
scheint sicher zu sein, behaupten zu können, die IKS habe auf eine Untersuchung
der gegenwärtigen Krise verzichtet. Das IBRP kann sich davon überzeugen, wenn
es die Artikel liest, die wir regelmäßig in jeder Nummer unserer Internationalen
Revue veröffentlichen, wobei wir die Krise in all ihren Aspekten untersuchen.
Aus unserer Sicht ist die 1967 wieder offen aufgebrochene Krise eine chronische
und ständige Krise des Kapitalismus in seiner Niedergangsphase. Sie stellt eine
große, immer weniger kontrollierbare 
Fessel für den kapitalistischen Akkumulationsprozeß dar.  Die ‘spezifischen Aspekte’ der gegenwärtigen
Krise sind zurückzuführen auf die verschiedenen Versuche des Kapitals, mittels
der verstärkten Staatsintervention, die Flucht in die Verschuldung und die
monetären und kommerziellen Manipulationen zu versuchen, eine unkontrollierbare
Explosion ihrer zutiefst verwurzelten Krise zu verhindern. Gleichzeitig wird
das Scheitern dieser Lösungen und der entgegengesetzten Wirkungen deutlich, wie
sie alle die unheilbare Krankheit des Kapitalismus nur noch verschlimmern.

Das IBRP
stellt als ‘große Aufgabe’ der Marxisten die Erklärung der langen Dauer der
Krise dar. Es überrascht uns nicht, daß das IBRP sich über die lange Dauer
dieser Krise wundert, weil die Genossen des IBRP  das grundlegende Problem nicht verstehen. Es
gibt zur Zeit nämlich nicht das Ende eines Akkumulationszyklus, sondern eine
historische Situation der Sackgasse, eine blockierte Lage, wo die
Akkumulationsmechanismen zutiefst umgewälzt werden. Es handelt sich um eine
Situation, in der der Kapitalismus seine wesentlichen ökonomischen Funktionen -
wie die Komintern sagte - nur noch durch Eisen und Blut aufrechterhalten kann.

Das
Kernproblem des IBRP bringt sie wieder einmal dazu, sich ironisch über unsere
Position zur gegenwärtigen historischen Situation des Chaos und des Zerfalls
des Kapitalismus zu äußern. ‘Während wir
damit einverstanden sein können, daß es Tendenzen zum Zerfall und zum Chaos
gibt (seitdem der Akkumulatinoszyklus seit 
20 Jahren zu Ende gegangen ist, ist es schwierig sich vorzustellen, wie
es anders sein könnte), kann dies jedoch kein Anlaß sein, dies als Slogan zu
verwenden, um eine konkrete Analyse der gegenwärtigen Ereignisse zu umgehen’

(24).

Wie man
sieht, befaßt sich das IBRP lieber mit unserer angeblichen ‘Vereinfachung’,
eine Art ‘intellektueller Faulheit’, die sich in radikale Parolen flüchtet über
den Ernst der Lage und das Chaos im Kapitalismus, damit man keine konkrete
Untersuchung der Wirklichkeit vornimmt.

Die Sorge
des IBRP ist richtig. Marxisten müssen sich und werden sich damit befassen
müssen (dies ist eine unserer Aufgaben im Kampf der Arbeiterklasse), die
Ereignisse in ihren Einzelheiten zu untersuchen anstatt rhetorische
Verallgemeinerungen zu produzieren im Stile eines Longuets, der dies mit seinem
‘orthodoxen Marxismus’ in Frankreich betrieb, oder allgemeinen anarchistischen
Aussagen zu verfallen, die vielen passen, aber in entscheidenden Augenblicken
zu opportunistischen Abweichungen, wenn nicht gar zu offenem Verrat führen.

 

Aber um eine
konkrete Untersuchung der Ereignisse anzufertigen, ist es notwendig, einen
klaren globalen Rahmen zu haben - und da stößt das IBRP auf Schwierigkeiten. Da
es den Ernst der Lage und die Tragweite der Erschütterungen, der Widersprüche
des Kapitalismus in den ‘normalen’ Zeiten der Phase des Zyklus der Akkumulation
nicht versteht, begreift es auch nicht den Prozeß des Zerfalls und des Chaos im
Weltkapitalismus, und warum sich dieser Prozeß seit 1989 seit dem Zusammenbruch
des Ostblocks beschleunigt hat.

Das IBRP
sollte sich an den jämmerlichen Unfug erinnern, den sie sagten, als die
stalinistischen Regime zusammenbrachen. Sie spekulierten damals über die neu entstandenen
‘phantastischen Märkte’, die diese Ruinen dem Westen bieten würden und glaubten,
daß dadurch eine Abschwächung der kapitalistischen Krise möglich sein werde.
Seitdem hat das IBRP in Anbetracht der empirischen Beweise und aufgrund unserer
Kritik seine Position hierzu geändert. Dies ist sehr gut und zeigt sein
Verantwortungsbewußtsein und Ernsthaftigkeit gegenüber der Arbeiterklasse. Aber
das IBRP muß dennoch zum Kern des Problems vorstoßen: warum solche Fehltritte?
Warum mußte das IBRP erst seine Einschätzung nach Erkenntnis der Ereignisse
selber ändern? Welche Avantgarde ist das, die erst durch den Lauf der
Ereignisse dazu gebracht wird, ihre Position zu ändern, anstatt diese
Ereignisse vorherzusehen? Das IBRP sollte aufmerksam die Texte lesen, in denen
wir die allgemeine Entwicklung des Kapitalismus und seines Zerfalls aufzeigen
(25). Dann könnte das IBRP sehen, daß wir keine ’Vereinfachungen’ betreiben,
sondern daß es eine Langsamkeit und Inkohärenz bei der Analyse des IBRP gibt.

Diese
Probleme werden erneut ersichtlich bei der folgenden Spekulation des IBRP: ‘Wenn ein weiterer Beweis des Idealismus der
IKS erforderlich wäre, ihre letzte Beschuldigung gegen das Büro ist, daß wir
keine ‘einheitliche und globale Auffassung vom Krieg’ haben, wodurch eine
‘Blindheit und Unverantwortung’ (sic) entsteht und wir ‘nicht begreifen, daß der
nächste Krieg nichts anders als die vollständige Zerstörung des Planeten’
bedeuten würde. Die IKS mag recht haben, obgleich wir gerne die
wissenschaftliche Grundlage gesehen hätten, auf die sie sich bei dieser Aussage
stützt. Wir unsererseits
haben immer
gesagt, daß der nächste Krieg ‘die Fortsetzung der Existenz der Menschheit’
infragestellt. Aber es gibt keine Sicherheit darüber, daß alles ausgelöscht
werden wird. Der nächste imperialistische Krieg mag tatsächlich zur endgültigen
Zerstörung der Menschheit führen. Es gibt Massenvernichtungswaffen, die in
bisherigen Kriegen noch nicht zum Einsatz kamen (z.B. biologische und chemische
Waffen), und es gibt keine Garantie, daß ein nukleares Holocaust das nächste
Mal den ganzen Planeten treffen würde. Tatsächlich sehen die gegenwärtigen
Kriegsvorbereitungen der imperialistischen Mächte den Abbau von Massenvernichtungsmitteln
vor, während sog. konventionelle Waffen weiter entwickelt werden. Selbst die
Bourgeoisie begreift, daß ein zerstörter Planet für niemanden etwas wert ist
(selbst wenn die Kräfte, die zum Krieg führen und das Wesen des Krieges letzten
Endes außer ihrer Kontrolle sind)’ (S. 35-36).

Das IBRP
sollte ein wenig aus der Geschichte lernen. Im 1. Weltkrieg benutzten alle
Räuber diese zerstörerischen Kräfte, wobei sie gleichzeitig immer mörderischere
Waffensysteme entwickelten. Nachdem
Deutschland im 2. Weltkrieg schon besiegt war, beschloß man die Flächenbombardierungen
von Dresden und anderen Städten, wobei Brandbomben und Streubomben zum Einsatz kamen,
und die USA warfen die Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki, nachdem Japan
schon besiegt war. Seitdem übertrafen die Bombardierungen von Hanoi 1971 an
einem Abend all die Bombenangriffe, die 1945 auf Deutschland geflogen worden
waren. Die Flächenbombardierungen von Bagdad im Jahre 1991 übertrafen dann
wiederum den traurigen Rekord von Hanoi. Im gleichen Golfkrieg wurden dann neue
chemische und atomare konventionelle Waffen an US-amerikanischen Soldaten von
den USA ausprobiert. Es ist mittlerweile bekannt geworden, daß die USA in den
50er Jahren an der eigenen Bevölkerung Experimente mit bakteriologischen Waffen
vornahmen. In Anbetracht dieser Massen an Beweisen zeigt das IBRP, das diese
Informationen in jeder bürgerlichen Publikation finden kann, eine Unehrlichkeit
und Ignoranz, wenn es über den Grad der Kontrolle der Bourgeoisie über ihre
Waffensysteme spekuliert, über deren ‘Interesse’, ein vollständiges Holocaust
zu vermeiden. Selbtmörderisch träumt das IBRP davon, daß ‘weniger
zerstörerische Waffen eingesetzt würden’, obgleich die letzten 80 Jahre zeigen,
daß genau das Gegenteil der Fall ist.

Bei dieser
sinnlosen Spekulation begreift das IBRP nicht nur nicht die Theorie, sondern
verschließt die Augen vor der niederschmetternden und unleugbaren Beweiskraft
der Tatsachen. Es muß das schwerwiegende und revisionistische Wesen dieser
stupiden Illusionen der machtlosen Kleinbürger begreifen, die sich wie an einem
Strohhalm an der Idee festhalten, daß ‘gar
die Bourgeoisie begreift, daß ein zerstörter Planet niemandem nützt’
.

Das IBRP muß
seinen Zentrismus überwinden, seine Schwankungen zwischen einer kohärenten
Position zum Krieg und zur Dekadenz des Kapitalismus und seinen spekulativen
Theoretisierungen, die wir kritisiert haben, vom Krieg als ein Mittel der
Entwertung des Kapitals und der Erneuerung des Akkumulationszykluses. Diese
Fehler bewirken, daß das IBRP selbst nicht seine eigene Analyse ernst nimmt und
sie als ein kohärentes Instrument einsetzt. So schreibt das IBRP: ’die Kräfte, die zum Krieg führen und das
Wesen des Krieges stehen letztendlich außerhalb der Kontrolle der Bourgeoisie’
.

Für das IBRP
ist dieser Satz ein rein rhetorischer Einschub. Aber wenn das Büro wirklich der
Methode und der Arbeit der Kommunistischen Linke treu sein und die geschichtliche
Wirklichkeit begreifen will, müßte dieser Satz als Kompaß bei der Analyse
wirken, Achse ihres Denkens sein, um konkret die Tatsachen und die historischen
Tendenzen des heutigen Kapitalismus zu begreifen.

Adalen   27.05.95


[1]

In seiner Antwort geht das IBRP auch auf andere Fragen ein wie eine
besondere Auffassung zum Staatskapitalismus, die wir hier nicht behandeln.

[2]

Siehe
Internationale Revue Nr. 15 ‘Die Verwerfung der Auffassung der Dekadenz führt
zur Schwächung der Arbeiterklasse gegenüber dem Krieg.


[i]

[i]

In
seiner Antwort geht das IBRP auch auf andere Fragen ein wie eine besondere
Auffassung zum Staatskapitalismus, die wir hier nicht behandeln.

[i]

Siehe
Internationale Revue Nr. 15 ‘Die Verwerfung der Auffassung der Dekadenz führt
zur Schwächung der Arbeiterklasse gegenüber dem Krieg.

[ii]

Politische Strömungen und Verweise: