Leserbrief aus Süddeutschland: Die Bedeutung theoretischer Arbeit

Die Bedeutung theoretischer Arbeit

Ohne einen aktiven Austausch von Standpunkten,
ohne Debatte ist eine Klärung kommunistischer Positionen unmöglich.  Deshalb versuchen wir möglichst regelmäßig in
unserer Zeitung Zuschriften von Leser/Innen zu veröffentlichen und darauf so
ernsthaft wie möglich zu antworten. Wir unsererseits sind nicht nur erfreut,
sondern auch dankbar für jede Zuschrift, die wir erhalten, weil sie uns zu
einer selbstkritischen 
Auseinandersetzung mit unserer Arbeit und unseren Positionen zwingt.
Deshalb, wenn euch an unserer Zeitung etwas besonders angesprochen aber auch
missfallen hat, schreibt uns, auch wenn es nur ein paar Zeilen sind.

Leserbrief aus Süddeutschland

Zunächst einmal muß ich mich bei euch
entschuldigen, dass ich Nichts von mir habe hören lassen. Vor etwa einem Jahr
habe ich so ziemlich jede linke Organisation zwecks Informationen
angeschrieben und infolgedessen bei einigen auch Materialien bestellt. Ebenso
bei der IKS - hier ein "Weltrevolution"-Abo und diverse
Publikationen.

Wenn ich versuche im Folgenden auf euch
einzugehen, dann bitte ich zu bedenken, dass mir als Quellenmaterial nur die
letzten vier Ausgaben der "Weltrevolution" und "Plattform und
Manifest der IKS" zu Verfügung standen. Für die restlichen Publikationen
habe ich noch keine Zeit zum Lesen gefunden.

Ich stimme mit euch überein, dass die
Arbeiterklasse das revolutionäre Subjekt ist. Marx und Engels haben dies im
Kommunistischen Manifest nachgewiesen. Gleichzeitig halte ich den Begriff, den
ihr vom Proletariat habt, für ziemlich abstrakt. Da wird die Arbeiterklasse
"geschwächt und an Händen und Füßen gefesselt in den II. Weltkrieg geführt"
und  "dazu gezwungen , eine vom
Krieg zerstörte, in Trümmern liegende Welt wiederaufzubauen". Sind wir
nicht alle ein bißchen Opfer ? möchte man fragen.

Kein Arbeiter steht außerhalb der Welt. Jeder
handelt eigenverantwortlich zugunsten oder eben zuungunsten der "eigenen
Sache". Das die naheliegende Revolution nur so selten angegangen wird, und
wenn, dann meist ziemlich schnell in der Scheiße landet, hat viele Ursachen.
Die Bourgeoisie hält eine Aktie daran, das Proletariat die andere. Über die Bedenken
des Proletariats bezüglich der revolutionären Frage sollte aber schon Klarheit
bestehen (auch wenn es sich nur um die Tatsache handelt, dass Arbeiterkinder
während der revolutionären Krise schneller verhungern als Generalsfamilien).
Das kann dann schon ein verdammt gutes Argument dafür sein, die Füße still zu
halten und die Faust in der Tasche zu ballen. Wenn es da an Lösungswegen
mangelt, liegt die Schuld hierbei aber weder bei der Bourgeoisie noch beim
Proletariat, sondern vielmehr bei der revolutionären Partei.

Auch der Begriff "Dekadenz des
Kapitalismus" wirkt auf mich eher verwirrend als erleuchtend. Während ihr
damit zum einen auf die "Überproduktionskrise" eingeht, werden etwas
später auch die Toten der "systematischen, fabrikmäßigen Massenmorde"
hierunter subsumiert.

Die Überproduktionskrise wirkt auf mich
weniger dekadent, als vielmehr notwendig logisch aus der Krise der
Akkumulation. Diese wiederum hat ihren Ursprung in einer unvernünftigen
Ideologie namens Kapitalismus. Ebenso "vernünftig" erscheint auch die
Vernichtung von Lebensmitteln, während nebenan Millionen Hunger leiden. Auch
dies ist notwendiger Bestandteil des kapitalistischen Systems. Dekadent bleibt
dabei vielleicht die Tatsache, dass man Kinder im Rahmen der Entwicklungshilfe
im vierten Lebensjahr für zehn Jahre gegen Viruserkrankungen immunisiert,
während man genau weiß, dass diese das achte Lebensjahr mangels Nahrung sowieso
nicht erreichen. Dies ist auch innerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik
nicht nachzuvollziehen.

Die "Massenmorde", auf die ihr
dagegen hinweist - und hier vor allem die Shoah -, sind meines Erachtens auch
keiner "Dekadenz des Kapitalismus" geschuldet, sondern vielmehr in
der Unendlichkeit der menschlichen Dummheit zu suchen. Es gibt nicht eine einzige
These die glaubhaft den Zusammenhang zwischen den Erkenntnissen aus Marxens
"Kapital" mit der "Notwendigkeit" von Ausschwitz herstellt.

Während ich euren Thesen zum
Staatskapitalismus, den "sozialistischen" Ländern, den
Gewerkschaften, den bürgerlichen Quatschbuden und zur "nationalen
Befreiung" teile, möchte ich euch in den "partiellen Kämpfen"
widersprechen. Zu diesen Auseinandersetzungen zähle ich mal grundsätzlich alle
"Ein-Punkt-Bewegungen", also nicht nur Umwelt, Gender, Rassismus,
sondern auch Antifaschismus. Diese Bewegungen grundsätzlich als "Mittel
der Bourgeoisie, um die Ziele der Arbeiter zu vernebeln" zu brandmarken,
halte ich grundsätzlich für falsch. Oftmals sind solche Zusammenhänge erst der
Beginn eines politischen Bewußtseins. Sicherlich habt ihr recht, wenn ihr
meint, dass man sich nicht in einzelnen Kämpfen aufreiben darf. Aber Leuten,
die eine fortschrittliche Linie verfolgen, dann die Solidarität mit der
Begründung zu entziehen - insbesondere wenn der bürgerliche Staat denen
gegenüber repressiv auftritt -, dass sowieso nur die Sache der Konterrevolution
vertreten wird, kann ich nur als zynisch und der Konterrevolution als
dienlicher bezeichnen. (Darin ist vielleicht auch ein Grund zu sehen; warum die
warum die "Fraktionen der kommunistischen Linken" so sang- und
klanglos in den 30ern ausgestorben sind. Das Proletariat brauchte damals keine
Schwätzer und Schreiber.

Dies bringt mich zum letzten Kritikpunkt:
"Unsere Aktivität"

Hier wird von der "Umgruppierung der
Revolutionäre im Hinblick auf die Schaffung einer wirklichen kommunistischen
Weltpartei" geschrieben. Dass sich dies in theoretischen Veranstaltungen
zu erschöpfen scheint, finde ich ziemlich schade. Ein reiner Diskussionsclub
ist ein bißchen wenig für eine revolutionäre Perspektive. Statt dessen wird
sich in altlinker Manier mit Verrätern und Abweichlern gekloppt. Bitte
zukünftig gelassener und besser werden als KPD/ML und Genossen.

Abschließend möchte ich noch zu eurer letzten
Ausgabe der "Weltrevolution" Nr. 130 ein paar Zeilen verlieren.

Der Artikel "60. Jahrestag der Befreiung
der KZs, der Bombardierung Dresdens, Hiroshimas, der Kapitulation
Deutschlands" besticht vor allem durch eins, es geht um Bombardierung und
Vertreibung und arbeitende Deutsche - ähem deutsche Arbeiter. Natürlich alle
Opfer der barbarischen englischen, amerikanischen und russischen Bourgeoisie.
Gleichzeitig wird kurz vor Kriegsende ein zweites 1918 halluziniert. Ursache
und Wirkung wird mal wieder schön ausgeblendet. Weder wird der Überfall der
deutschen Wehrmacht auf die Tschechoslowakei, Polen, Dänemark, Norwegen,
Holland, Belgien, Luxemburg; Frankreich, England, Jugoslawien, Griechenland und
der Sowjetunion thematisiert, noch wird auf die Befreiung der Zwangsarbeiter,
der koreanischen, chinesischen und der kommunistischen KZler eingegangen.
Kriegsverbrechen auf deutscher und japanischer Seite ? - Fehlanzeige !

Ich persönlich bin der Meinung, dass alle
humanistischen Leistungen auch zur Geschichte des Proletariats gehören. Und zur
größten humanistischen Leistung des 20. Jahrhunderts -gehört nun mal die
Befreiung vom NS-Regime,vom japanischen und italienischen Faschismus. Ich wäre
heute nicht am Leben, hätten die Nazis damals gesiegt.

Hand aufs Herz Leute: Den gleichen Sermon kann
man in Publikationen wie den "Funkenflug" der Heimattreuen Deutschen
Jugend, dem "Fahnenträger" oder der "Volk in Bewegung"
lesen. Wenn der Schwachsinn auf angloamerikanischen Haufen gewachsen ist, dann
bitte auch nur dort publizieren. Danke !Trotzdem werde ich natürlich mein Abo
verlängern. Den Betrag füge ich diesem Schreiben in bar bei.

Mit freundlichen Grüßen 

Antwort der IKS  

Lieber Genosse,

auch wenn du deine Korrespondenz vom
06.07.2005 mit der Äußerung beendest, dass dein Brief ”hoffentlich nicht zu
streng klingt” – wir haben uns darüber sehr gefreut. Erstens weil für uns die
politische Debatte das Lebensblut der Arbeiterklasse darstellt, unverzichtbare
Vorbedingung der Klärung ist. Diese Auseinandersetzung soll ruhig kontrovers
und polemisch geführt werden, solange die Argumente aufrichtig sind und der
Klärung dienen. Schließlich ist unser Thema, der Klassenkampf des Proletariats,
eine äußerst wichtige und auch emotional ergreifende Angelegenheit! Zweitens
weil es eine Reihe von Punkten gibt, wo du Übereinstimmung mit uns
signalisierst. So stellst du von vorne weg klar: ”Ich stimme mit euch überein,
dass die Arbeiterklasse das revolutionäre Subjekt ist.” Darüber hinaus
schreibst du, dass du unsere ”Thesen zum Staatskapitalismus, den
‘sozialistischen’ Ländern, den Gewerkschaften, den bürgerlichen Quatschbuden
und zur ‘nationalen Befreiung’” teilst. Auch wenn du dich sonst eher kritisch
über die Kommunistische Linke in deinem Brief äußerst, erscheint es uns
wichtig, darauf hinzuweisen, dass du einigen der wichtigsten Thesen zustimmst,
welche diese internationalistische Strömung von den Positionen der Stalinisten,
Trotzkisten und auch vielen Anarchisten radikal unterscheidet. Selbst gegenüber
dem Bereich, den du als ”Ein-Punkt-Bewegungen” bezeichnest (wozu du ”nicht nur
Umwelt, Gender, Rassismus, sondern auch Antifaschismus” zählst), wo du unsere
Ansicht nicht teilst, stimmst du uns zumindest in einem wichtigen Punkt zu:
”Sicherlich habt ihr recht, wenn ihr meint, dass man sich nicht in einzelnen
Kämpfen aufreiben darf. 

Der alte Maulwurf am Werk

Wenn wir diese Übereinstimmungen betonen, dann
nicht um die zwischen uns bestehenden, schwerwiegenden Meinungsunterschiede
herunterzuspielen. Was uns bedeutsam erscheint ist, dass wir in letzter Zeit
immer mehr Briefe erhalten – nicht nur aus Deutschland, sondern aus der ganzen
Welt – worin die Leser unserer Presse teilweise, manchmal aber auch umfassend
und begeistert unseren Positionen zustimmen. Unsere politische Tradition, die
der Kommunistischen Linken, entstand ursprünglich als Reaktion auf die
Degeneration der russischen Revolution und der Kommunistischen Internationale.
Sie musste ihre programmatischen Positionen ausarbeiten inmitten der vom
Stalinismus, Nazismus und von der totalitären Demokratie geprägten
Konterrevolution. Und selbst nach der Beendigung dieser langen Phase der
Konterrevolution durch die weltweite Wiederbelebung des Klassenkampfes nach
1968 mussten wir Jahrzehnte lang in gewisser Weise gegen den Strom der
kapitalistischen Linken anschwimmen, welche die ”politische Hoheit” über die
große Mehrheit der politisierten Teile der neuen, ungeschlagenen Generation der
Arbeiterklasse gewann. Es ist noch gar nicht so lange her, da wirkten
proletarische Positionen - etwa die Ablehnung der sog. nationalen Befreiung und
der Gewerkschaften - noch schockierend auf die große Mehrheit der
Politisierten. Heute hingegen stimmen immer mehr dieser politisierten,
proletarische Positionen Suchenden den Thesen des ”Linkskommunismus” zu. Wir
sehen darin einen ganz wichtigen Ausdruck eines Prozesses, welchen wir mit Marx
als unterirdische Bewusstseinsentwicklung bezeichnen möchten.

Für uns ist diese Arbeit des ”alten Maulwurfs”
– welche das Potenzial birgt, nach der Niederlage des revolutionären Ansturms
in Deutschland, Österreich-Ungarn und schließlich Russland am Ende des Ersten
Weltkrieges, einen zweiten Anlauf zur proletarischen Weltrevolution
vorzubereiten – in erster Linie ein Ergebnis der aktuellen Weltlage: Zuspitzung
der kapitalistischen Krise, langsamer Illusionsverlust der Arbeiterklasse. Aber
es ist auch ein Ergebnis der programmatischen Arbeit der kommunistischen Linken
in den 20er und 30er Jahren. Denn ohne diese theoretische Vorarbeit würden die
oft jungen, nach Klarheit suchenden politischen Vorkämpfer der Arbeiterklasse
keine Orientierungspunkte vorfinden.

Nun aber zu deinen Divergenzen. Dass du uns in
der Frage der ”Ein-Punkt-Bewegungen” nicht zustimmst, haben wir bereits
erwähnt. Vielleicht können wir diesen Punkt für einen späteren Briefwechsel
aufheben. Grundlegender erscheint uns die Frage der Dekadenz des
Kapitalismus.(...) Schließlich ist die Dekadenztheorie keine Erfindung der IKS
oder der Kommunistischen Linken. In seiner berühmten Vorrede zur ”Kritik der
politischen Ökonomie” erklärte bereits Marx die Vorstellung, dass jede
bisherige Produktionsweise eine aufsteigende und eine niedergehende
Entwicklungsphase durchlief, zum Eckpfeiler seiner
dialektisch-materialistischen Geschichtsauffassung. 

Die Einschätzung des Antifaschismus und des 2.
Weltkriegs

Eine andere in deinem Brief aufgeworfene, sehr
grundlegende Frage ist die Einschätzung des Antifaschismus und des 2. Weltkriegs.
Hier äußerst du keinen Zweifel, sondern erhebst entschieden Widerspruch gegen
unsere internationalistische Auffassung. Das, was weithin die ”Befreiung vom
NS-Regime” durch den angloamerikanisch-sowjetischen  Block genannt wird, betrachtest du als eine ”humanistische
Leistung” welche zur ”Geschichte des Proletariats” gehört. Du behauptest sogar,
”den gleichen Sermon” nicht nur bei uns, sondern auch bei den Rechtsradikalen
lesen zu können. Stimmt das?

Die Neonazis sind Nationalisten. Auch die
Stalinisten sind Nationalisten. Alle bürgerlichen Demokraten sind
Nationalisten. Spätestens dann, wenn wichtige imperialistische Kriege
ausbrechen, kann man beobachten, wie sie alle sich beeilen, für eine der
kriegsführenden Seiten Partei zu ergreifen. Was alle diese – durch und durch
bürgerlichen – Kräfte gemeinsam haben, ist ihr Glaube, dass die Nation, dass
der Nationalstaat noch eine fortschrittliche Rolle in der Menschheitsgeschichte
spielen kann. Diese Auffassung stirbt nicht aus, sobald der Kapitalismus, durch
die Schaffung eines einheitlichen Weltmarktes und eines Weltproletariats, die
materiellen Voraussetzungen für den Sozialismus geschaffen hat. Im Gegenteil.
Je brutaler der Widerspruch der Entwicklung der materiellen Produktivkräfte mit
den vorhandenen Produktionsverhältnissen wird - und damit der Gegensatz
zwischen den Bedürfnissen der weltweiten Produktion und dem Fortbestand einer
durch Nationalstaaten organisierten privaten Aneignung - desto wahnwitziger die
Art und Weise, wie die herrschende Klasse die Nation hochhält. Zwei der
aberwitzigsten Ausdrücke dieser den Bedürfnissen der geschichtlichen
Entwicklung total widersprechenden, nationalen Wahnsysteme griffen in den 20er
und 30er Jahren um sich: Der Nationalsozialismus und der Stalinismus. Während
der Nationalsozialismus im Rassismus eine neue ideologische Grundlage für die
bürgerliche Nation suchte, verstieg sich der Stalinismus sogar zu der
Behauptung, dass der Nationalstaat den geeigneten Rahmen für die Entwicklung
des Sozialismus liefern könnte.

Das Grundprinzip des Proletariats hingegen
ist, dass die Arbeiter kein Vaterland haben. Das heißt aber nicht, dass die
marxistische Auffassung über die Rolle des Nationalstaates unwandelbar ist.
Denn die Rolle der Nation in der Geschichte vollzieht selbst einen Wandel. Die
Nation spielte eine fortschrittliche Rolle gegen die feudale Zersplitterung.
Sie trug entscheidend dazu bei, große, durch die Produktion und den modernen
Verkehr miteinander verbundene Abteilungen des Proletariats zu erschaffen.
Deshalb gab die Arbeiterbewegung in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus
bestimmten, fortschrittlichen nationalen Bewegungen ihre kritische
Unterstützung, ohne aber sich die Ideologie des Nationalismus zu Eigen zu
machen. Jedoch hat der Erste Weltkrieg aufgezeigt, dass diese Phase im Leben
des Kapitalismus zu Ende war. Aus einem Faktor des gesellschaftlichen
Fortschritts ist die Nation zu einem Faktor der Zerstörung der bis dahin
entwickelten, materiellen Voraussetzungen des Sozialismus geworden.

In deinem Brief listest du die Verbrechen
Deutschlands, Italiens und Japans im Zweiten Weltkrieg auf, sozusagen als
Beweis für die Fortschrittlichkeit des Antifaschismus. Du wirfst uns sogar vor,
diese Verbrechen zu verschweigen. Jedoch vom Standpunkt des Marxismus können die
Verbrechen der einen Seite eines imperialistischen Krieges niemals ausreichen,
um die Fortschrittlichkeit der anderen Kriegsseite zu beweisen. Dies wurde
bereits beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs deutlich. Führende Sozialdemokraten
aller kriegsführenden Länder haben ihre Kriegsteilnahme mit der Barbarei der
Gegenseite zu rechtfertigen versucht. Jedes Mal beriefen sie sich auf die
Haltung von Marx und Engels gegenüber dem barbarischen Russland. Was sie dabei
verschwiegen: Marx und Engels haben niemals behauptet, dass die von den
modernen, demokratischen, bürgerlichen Nationen angewendeten Mittel –
beispielsweise in den Kolonien – weniger barbarisch waren als die
zaristisch-russischen. Die Barbarei, von der sie in Bezug auf Russland
sprachen, war die feudale Barbarei, welche alle fortschrittlichen, bürgerlichen
Bewegungen auf dem europäischen Festland bekämpfte.

Die Barbarei der Nazis beweist keineswegs die
Fortschrittlichkeit des angloamerikanisch-sowjetischen Blocks im Zweiten
Weltkrieg – genau so wenig wie sie die im Namen des Antifaschismus verübten
Verbrechen aus der Welt schaffen kann. Wir meinen, dass gerade diese Frage die
entscheidende Wichtigkeit des Konzepts von der Dekadenz des Kapitalismus
unterstreicht. Die Ablehnung des Nationalismus ist ein Prinzip des
Proletariats. Dass die Arbeiterbewegung dennoch bestimmte nationale Bewegungen
gutheißen konnte, war eine Ausnahme, welche nur die Regel bestätigt – eine
Ausnahme auf Grund der Tatsache, dass die materiellen Vorbedingungen der
proletarischen Revolution noch nicht vorhanden waren. Dass diese Ausnahmephase,
in der die Arbeiterklasse unter Umständen ihren 
natürlichen Hauptfeind, die Bourgeoisie, gegen den Feudalismus
unterstützen konnte, mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende ging, trifft aus unserer
Sicht nicht nur für die Rolle des Nationalstaates und der ”nationalen
Befreiung” zu, sondern auch was die Demokratie anbetrifft, ist eine
Ausnahmephase zu Ende gegangen. Hat die Arbeiterklasse, der Totengräber der
bürgerlichen Gesellschaft, in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus oft der
revolutionären und ”liberalen” Bourgeoisie gegen das Mittelalter geholfen, so
bestimmt nicht, weil diese demokratische Bourgeoisie weniger barbarische Mittel
zum Einsatz bringen würde oder weniger rassistisch wäre (das Gegenteil ist viel
eher der Fall, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts bestätigt hat), sondern
weil die demokratische und parlamentarische Republik für eine freiere
Entwicklung des Kapitalismus und damit für die Voraussetzungen des Sozialismus
günstige Bedingungen schuf. Deshalb sind wir auch nicht damit einverstanden,
wenn du den Antifaschismus zu den ”Ein-Punkt-Bewegungen” zählst. Wir lehnen die
Ein-Punkt-Bewegungen ab, nicht weil ihre Zielsetzungen als solche falsch wären
(die Beseitigung des Rassismus, des Sexismus, der Umweltzerstörung gehören
selbstverständlich zu den Zielen des kämpfenden Proletariats), sondern weil
diese Ziele nicht innerhalb des Kapitalismus, sondern nur durch seine
revolutionäre Beseitigung erreicht werden können. Wir lehnen hingegen die
Zielsetzung des Antifaschismus rundweg ab, die darin besteht, eine bestimmte
Form der Kapitalherrschaft gegen eine andere zu verteidigen, da erstere
angeblich menschlicher wäre oder zumindest ”das kleinere Übel” für die
Arbeiterklasse darstelle. Die Geschichte zeigt, dass die Demokratie die
stärkste Waffe der Bourgeoisie gegen die Arbeiterklasse darstellt, und dass die
Herrschenden diese Waffe erst bei Seite legen kann , wenn die Arbeiterklasse
bereits geschlagen ist.

Wir sind aber der Ansicht, dass deine, aus
unserer Sicht falsche Einschätzung des Zweiten Weltkrieges und des
Antifaschismus nicht nur mit der Dekadenzfrage, sondern auch mit deiner
Einschätzung der Rolle der Kommunistischen Linken in den 1930er Jahren
zusammenhängt. Du deutest an, dass die Linkskommunisten, da sie ”Leuten die
eine fortschrittliche Linie verfolgen dann die Solidarität mit der Begründung
[entziehen …], dass sowieso nur die Sache der Konterrevolution vertreten wird”
eine Haltung einnehmen, welche du als ”zynisch” und ”der Konterrevolution
dienlich” bezeichnest. Denn du fügst direkt hinzu: ”Darin ist vielleicht auch
ein Grund zu sehen, warum die ‘Fraktionen der kommunistischen Linken’ so sang-
und klanglos in den 30ern ausgestorben sind. Das Proletariat brauchte damals keine
Schwätzer und Schreiber.” 

Das Wirken der Fraktionen der Kommunistischen
Linken

Das erste, was wir dazu anmerken wollen, ist,
dass weder die Fraktionen der Kommunistischen Linken in den 30er Jahren, noch
die IKS als die international wichtigste linkskommunistische Organisation der
Gegenwart, Leuten ”die eine fortschrittliche Linie” verfolgt haben, die
Solidarität entzogen haben. Die italienische Fraktion, auf dessen
Verhaltenskodex und Organisationsverständnis die IKS sich beruft, nahm immer
eine solidarische Haltung allen proletarischen Strömungen gegenüber ein, nicht
nur gegenüber der deutsch-holländischen Linken (allen politischen Divergenzen
zum Trotz), sondern auch beispielsweise gegenüber den Trotzkisten, welche sogar
eine Zusammenarbeit mit der Konterrevolution, mit Stalinismus und
Sozialdemokratie befürwortet haben. Nicht zuletzt auf Grund dieser
solidarischen Haltung gelang es den Linkskommunisten, die besten Genossen im
Lager der Trotzkisten für ihre internationalistische Haltung gegenüber dem 2.
Weltkrieg zu gewinnen, während der Trotzkismus die Arbeiterklasse verraten hat.
Was allerdings wahr ist: Die Linkskommunisten zählten bürgerliche Demokraten,
Stalinisten, Sozialdemokraten (und auch nicht die CNT Anarchisten, welche 1937
in der Regierung saßen, welche auf kämpfende Arbeiter in Barcelona scharf
schießen ließ) nicht zu denjenigen, welche eine ”fortschrittliche Linie”
verfolgten. Wir auch nicht. Was meinst du dazu?

Zweitens stimmt es nicht, dass die
Kommunistische Linke in den 30er Jahren ”sang- und klanglos” ausgestorben ist.
Die Vertreter dieser Strömung in Italien und Frankreich, in Belgien oder in den
Niederlanden, haben ihr Leben riskiert, und oft auch hingegeben, um den
politischen Kampf gegen den imperialistischen Krieg während des zweiten
Weltgemetzels weiterzuführen. Dabei taten sie im Prinzip nichts anderes, als
Lenin oder Rosa Luxemburg gegenüber dem Ersten Weltkrieg: in Wort und Tat den
proletarischen Internationalismus gegen alle kriegsführenden Seiten
hochzuhalten. Sie setzten sich dafür ein, dass der Klassenkampf gegen den Krieg
fortgeführt wird, dass die Proletarier in Uniform ihre Waffen, nicht gegen ihre
Klassenbrüder und Schwester, sondern gegen ihre eigenen Offiziere richten, dass
der imperialistische Krieg in einen Bürgerkrieg verwandelt wird. Du wirfst
unserer Strömung vor, ”kurz vor Kriegsende ein zweites 1918 halluziniert” zu
haben. Muss man im Nachhinein diese internationalistische Politik als falsch
oder unnütz betrachten, da es nicht zum gewünschten Erfolg führte, da der
Zweite, im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg nicht durch die Revolution beendet
werden konnte? Die Internationalisten im Ersten Weltkrieg haben mehrere Jahre
lang in großer Isolation gegen den Strom des Chauvinismus ankämpfen müssen,
bevor die Masse der Arbeiter von der Richtigkeit dieser Politik überzeugt
werden konnte. Die Internationalisten des Zweiten Weltkriegs mussten
Jahrzehnte  bis 1968 darauf warten, bis
zumindest ein Teil der Politisierten einer neuen, ungeschlagenen Generation der
Arbeiterklasse von der Richtigkeit und der Unerlässlichkeit dieser
internationalistischen Haltung überzeugt wurde. Heute, ca. weitere 30 Jahre
später, beginnt sich der politisierteste Teil der jetzigen neuen Generation von
diesem Internationalismus zu überzeugen – wobei dieser Prozess, wenn auch
weniger spektakulär, so doch viel breiter und tiefer in der Klasse insgesamt
verwurzelt zu sein verspricht als nach 1968. Ist das etwa kein Beweis für die
Wirksamkeit proletarischer Politik? Wir meinen ja, es sei denn, man misst den
Erfolg ausschließlich an den unmittelbaren Auswirkungen.

Aber du behauptest, dass die
Internationalisten von damals ”Schwätzer und Schreiber” waren, die das
Proletariat nicht brauchte. Diese Behauptung wird durch die geschichtlichen
Tatsachen selbst am besten widerlegt. Zwei Beispiele. Erstens: Während im
gesamten Verlauf des Zweiten Weltkriegs der westlich-”sowjetische” Block es
systematisch unterließ, auch nur das Geringste zu unternehmen, um die Juden vor
der Vernichtung zu bewahren, trat das niederländische Proletariat gegen die
Deportationen in den Massenstreik, wobei die Internationalisten eine aktive,
vorantreibende Rolle gespielt haben. Zweitens: Eines der berühmtesten
politischen Manifeste des Zweiten Weltkrieges – Das Manifest von Buchenwald – wurde
im KZ Buchenwald kurz vor der dortigen Erhebung 
am Kriegsende von einem Genossen der österreichische RKD verfasst,
welche sich auf Grund des politischen Einflusses der Französischen
Kommunistischen Linken (die direkte Vorläuferin der IKS) von dem die
internationalistischen Klassenprinzipien verratenden Trotzkismus gelöst hatten. 

Der spezifische Beitrag der Revolutionäre –
die theoretische Arbeit

Wir finden, dass man die Hochhaltung des
proletarischen Internationalismus nicht als ”Geschwätz” gering schätzen sollte.
Bereits Friedrich Engels stellte fest, dass der proletarische Klassenkampf drei
Hauptbestandteile hat. Neben dem ökonomischen und dem politischen Kampf nannte
Engels den theoretischen Kampf als dritte Säule der Befreiung der Arbeit. Es unterliegt
keinem Zweifel, dass die Revolutionäre sich entschlossen an den ökonomischen
und politischen Kämpfen ihrer Klasse zu beteiligen haben. Ja, sie haben sich
nach Möglichkeit an die Spitze dieser Kämpfe zu stellen. Jedoch ist der
theoretische Kampf nicht nur ebenso wichtig wie die beiden anderen Dimensionen
– es ist die  Ebene des theoretischen
Kampfes, worin der spezifische Beitrag der Revolutionäre besteht und
ausschlaggebend ist.

Die Arbeit der Revolutionäre besteht nicht nur
darin, die vorwärtsstürmenden Massen voranzutreiben. Da – um mit Marx zu
sprechen – die herrschende Ideologie in der Regel die Ideologie der
herrschenden Klasse ist, besteht sogar die Hauptaufgabe der Revolutionäre über
weite Strecken darin, gegen den Strom zu schwimmen. So nannten Lenin und
Sinoview ihre während des 1. Weltkriegs in der Schweiz herausgegebene
Zeitschrift ”Gegen den Strom”. Wir sprachen vorhin davon, wie die
Internationalisten im Zweiten Weltkrieg ihr Leben riskierten, um den Prinzipien
ihrer Klasse treu zu bleiben. Nun, nicht nur die Revolutionäre, sondern
Millionen von Soldaten haben damals, während des ersten wie des zweiten
imperialistischen Gemetzels ihr Leben aufs Spiel gesetzt bzw. setzen müssen.
Worin bestand der besondere Mut der Internationalisten? Er bestand darin,
Risiken auf sich zu nehmen für eine Sache, welche von der offiziellen
Gesellschaft – und manchmal sogar, zumindest vorübergehend, von einer Mehrheit
der Bevölkerung – gehasst, verfolgt und verleumdet wird. Marx spricht von
Augenblicken in der Geschichte, wo große umstürzlerische revolutionäre Ideen
von der Masse Besitz ergreifen. Besteht die vornehmste Aufgabe der Kommunisten
nicht darin, sich und die Klasse auf diesen Umsturz vorzubereiten, indem sie
diese Ideen hochhalten und in der Klasse verbreiten? Eine große Revolution kann
nicht gemacht werden auf Grund von reaktionären oder halbherzigen Prinzipien.
Nur Ideen, welche zutiefst dem Wesen und den Klasseninteressen des Proletariats
entsprechen, können die lohnabhängige Bevölkerung mit Macht ergreifen. Hierin
liegt aus unserer Sicht die große Gefahr des Aktivismus. Damit meinen wir eine
Herangehensweise, welche v.a. auf den unmittelbaren Erfolg bzw. die
unmittelbare Einflussnahme abzielt auf Kosten der langfristigen Ziele. Bereits
Bernstein, der bekannteste Sprecher des Opportunismus und ”Revisionismus”
innerhalb der deutschen Sozialdemokratie am Ende des 19. Jahrhunderts erklärte:
”Die Bewegung ist alles. Das Ziel ist nichts.” Für den revolutionären Marxismus
hingegen müssen Ziel und Mittel übereinstimmen. Deswegen erscheint es uns so
gefährlich, Genossen, welche inmitten der tiefsten Konterrevolution in der
Geschichte des Proletariats Klassenprinzipien verteidigt haben, als ”Schwätzer”
zu bezeichnen.

Wir wissen, dass wir nicht alle Punkte deines
Briefes hiermit angesprochen und beantwortet haben (beispielsweise unseren
Umgang mit der so genannten ”internen Fraktion der IKS). Andere wichtige
Aspekte, etwa die Dekadenztheorie, haben wir hier nur kurz angeschnitten. Wir
halten aber nichts davon, alles in einen Brief zu stopfen. Wir hoffen vielmehr
auf die Entwicklung einer lebhaften Korrespondenz mit dir.

Mit kommunistischen Grüßen die IKS.            August 2005

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