Dokument von 1947: Eine internationale Konferenz revolutionärer Gruppen

Am 25. und 26. Mai hat eine internationale Konferenz für
den Kontakt unter den revolutionären Gruppen stattgefunden. Die Konferenz wurde
nicht nur aus Sicherheitsgründen nicht groß im Voraus angekündigt, wie wir das
von stalinistischer und sozialistischer Seite gewohnt sind. Die Teilnehmer der
Konferenz sind sich vollumfänglich der schrecklichen konterrevolutionären
Periode, die zurzeit das Proletariat heimsucht, sowie der eigenen Isolation
bewusst –unvermeidlich in einer Zeit der sozialen Reaktion. Sie geben sich auch
nicht den spektakulären Bluffs hin, die so ganz nach dem Geschmack – nach dem
schlechten Geschmack – all der trotzkistischen Gruppen sind.

Diese Konferenz versuchte nicht, sich unmittelbare,
konkrete Ziele zu setzen, die in der gegenwärtigen Zeit nicht realistisch sind.
Auch versuchte sie nicht, irgendwelche willkürlichen Strukturen im Gewande
einer Internationale zu schaffen oder flammende Aufrufe an die Arbeiterklasse zu
verfassen. Das einzige Ziel war die Wiederaufnahme des Kontaktes unter den
verstreuten revolutionären Gruppen und die Konfrontation ihrer Ansichten über
die heutige Situation und die Perspektive des Kampfes der Arbeiterklasse.

Durch die Initiative zu dieser Konferenz hat der
Communistenbond Spartacus aus Holland (besser bekannt unter dem Namen
RätekommunistenA) die unselige Isolation
durchbrochen, in der die Mehrheit der revolutionären Gruppen lebt, und die
Klärung einiger gewisser Fragen ermöglicht.

Die Teilnehmer

Folgende Gruppen waren auf der
Konferenz vertreten und haben an der Debatte teilgenommen:

Holland: der Communistenbond Spartacus;

Belgien: die Gruppen aus Brüssel und Gent, die sich auf den
Communistenbond Spartacus beziehen;

Frankreich: die Gauche Communiste de France und die Gruppe
Prolétaire;

Schweiz: die Gruppe Klassenkampf.

[i]

Darüber hinaus nahmen Genossen
etlicher revolutionärer Gruppierung entweder persönlich oder durch schriftliche
Interventionen an den Debatten der Konferenz teil.

Es gilt auch einen langen Brief zu
erwähnen, den die Sozialistische Partei Großbritanniens an die Konferenz
adressierte, in dem sie ausführlich ihre spezifischen politischen Positionen
formulierte.

Auch die FFGC

[ii]

sandte einen kurzen Brief, in welchem sie der Konferenz
„erfolgreiche Arbeit“ wünschte, aber schrieb, dass sie wegen Zeitmangel und
dringender Aufgaben nicht an der Konferenz teilnehmen könne.
B

Die Arbeit der
Konferenz

Folgende Tagesordnung wurde als
Diskussionsrahmen für die Konferenz angenommen:

1. die gegenwärtige Periode;

2. die neuen Kampfformen der Arbeiterklasse (von den alten zu den neuen
Kampfformen);

3. Aufgaben und Organisation der revolutionären Avantgarde;

4. Staat – Diktatur des Proletariates – Arbeiterdemokratie;

5. konkrete Fragen und Schlussfolgerungen (Übereinkunft über die
internationale Solidarität, Kontakte, internationaler Informationsaustausch
usw.).

Diese erste Konferenz war nicht gut
genug vorbereitet. Es stand ihr zuwenig Zeit zur Verfügung, und die
Tagesordnung erwies sich als viel zu ambitiös, um vollständig absolviert zu
werden. Lediglich auf die ersten drei Punkte der Tagesordnung konnte genügend
eingegangen werden. Jeder dieser Punkte löste interessante Diskussionen aus.

Natürlich wäre es übertrieben
gewesen, zu erwarten, dass dieser Meinungsaustausch Einmütigkeit erzielt. Die
Teilnehmer dieser Konferenz hegten keinesfalls solche Ansprüche. Dennoch kann
man feststellen, dass die leidenschaftlichen Debatten eine größere
Übereinstimmung als erwartet zeitigten.

Beim ersten Punkt der Tagesordnung,
der allgemeinen Analyse der gegenwärtigen Epoche des Kapitalismus, hat die
Mehrheit der Beiträge die Theorien von James Burnham über die unmittelbare
Möglichkeit einer Revolution und die Notwendigkeit, sie anzuführen, abgelehnt.
Ebenfalls wurde die Idee zurückgewiesen, nach der die kapitalistische
Gesellschaft aufgrund einer möglichen Weiterentwicklung der Produktion
fortdauern könne. Die gegenwärtige Periode wurde als die Periode des dekadenten
Kapitalismus und der permanenten Krise bezeichnet, die ihren kulturellen und
politischen Ausdruck im Staatskapitalismus findet.

Die Frage, ob die Gewerkschaften und
die Beteiligung am Parlamentarismus in der heutigen Zeit für die Arbeiterklasse
als Organisationsform und Aktionsfeld noch von Nutzen ist, hat eine lebendige
und interessante Diskussion ausgelöst. Es ist bedauernswert, dass die
Tendenzen, welche diese Formen des Klassenkampfes noch immer befürworten und
deren überholten und antiproletarischen Charakter übersehen, nicht an der Konferenz
teilnahmen, um ihre Position darzulegen. Dies gilt vor allem für den PCInt in
Italien. Die Belgische Fraktion und die Autonome Föderation von Turin waren
anwesend, doch ihre Überzeugung gegenüber diesen Positionen, die sie noch
kürzlich verteidigt hatten, war dermaßen ins Schwanken geraten, dass sie es
vorzogen, sich auf der Konferenz nicht dazu zu äußern.

Die Debatte drehte sich daher nicht
um eine mögliche Verteidigung der Gewerkschaften und des Parlamentarismus als
Formen des proletarischen Kampfes, sondern diskutierte ausschließlich die
historischen Gründe, die Erklärung, warum es unmöglich ist, solche Formen des
Kampfes in der gegenwärtigen Zeit weiterhin zu benutzen. In der Frage der
Gewerkschaften wurde die Diskussion erweitert; sie drehte sich nicht
ausschließlich um die Frage der Organisationsform als solche, die lediglich ein
zweitrangiger Aspekt ist. Die Diskussion untersuchte vielmehr die Ziele, die
den Kampf zu korporatistischen und ökonomischen Teilforderungen führen, welche
im heutigen dekadenten Kapitalismus nicht mehr verwirklicht werden können; noch
weniger können sie als Grundlage für eine Mobilisierung der Klasse dienen.

Die Frage der Fabrikkomitees oder
Fabrikräte als neue Einheitsorganisation der Arbeiterklasse enthüllt nur ihre volle
Bedeutung, wenn sie eng und untrennbar mit den Zielen verknüpft wird, vor denen
das Proletariat heute steht. Das Ziel sind nicht ökonomische Reformen im Rahmen
des kapitalistischen Regimes, sondern ist eine soziale Umwälzung des
kapitalistischen Systems.

Der dritte Punkt der Tagesordnung –
Aufgaben und Organisation der revolutionären Avantgarde – griff die Fragen auf,
ob eine politische Klassenpartei notwendig ist oder nicht, welche Rolle dieser
Partei im Emanzipationskampf der Arbeiterklasse spielt und wie das Verhältnis
zwischen der Partei und der Klasse aussieht. Leider konnten diese Fragen nicht
so ausführlich besprochen werden, wie wir es uns wünschten.

Die kurze Diskussion darüber erlaubte
es den verschiedenen Tendenzen lediglich, ihre Positionen über diese Fragen
grob darzulegen. Alle fühlten, dass damit eine entscheidende Frage
angeschnitten wurde für eine eventuelle Annäherung unter den verschiedenen
revolutionären Gruppen sowie auch für die Zukunft und den Erfolg des
Proletariats in seinem Kampf für die Überwindung des Kapitalismus und den
Aufbau des Sozialismus. Diese grundlegenden Fragen konnten nur gestreift werden
und erfordern weitere Diskussionen zur Vertiefung und Präzisierung. Doch es ist
wichtig festzustellen, dass, auch wenn es auf dieser Konferenz
Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Rolle einer Organisation von bewussten
kommunistischen Militanten gab, die Rätekommunisten und auch die anderen
Teilnehmer die Notwendigkeit einer solchen Organisation – ob sie nun Partei genannt wird oder nicht
– nicht ablehnten, damit der Sozialismus am Ende triumphiert. Diese
Übereinstimmung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Wir hatten auf der Konferenz nicht
genügend Zeit, um auf die anderen Punkte der Tagesordnung einzugehen. Gegen
Ende fand eine sehr wichtige Diskussion über den Charakter und die Funktion der
anarchistischen Bewegung statt. In der Diskussion über die Gruppen, die zu den
nächsten Konferenzen eingeladen werden sollten, wurde die – trotz ihrer revolutionären
Phraseologie – sozial-patriotische
Rolle der anarchistischen Bewegung im Krieg von 1939-45 zur Sprache gebracht.
Es wurde festgestellt, dass ihre Beteiligung am Partisanenkampf für die
„nationale Befreiung und Demokratie“ in Frankreich, Italien und noch heute in
Spanien ein logisches Resultat ihrer Beteiligung an der bürgerlichen
„republikanischen und antifaschistischen“ Regierung Spaniens und am
imperialistischen Krieg von 1936-38 in Spanien ist.

Unserer Auffassung, dass die
anarchistische Bewegung wie die Trotzkisten oder alle anderen Tendenzen, die
sich am imperialistischen Krieg beteiligten und noch beteiligen – sei es im
Namen der Verteidigung eines Landes (Verteidigung Russlands) oder sei es im
Namen der Verteidigung einer bürgerlichen Herrschaftsform gegen eine andere
(Verteidigung der Republik und der Demokratie gegen den Faschismus) -, keinen
Platz auf einer Konferenz revolutionärer Gruppen hat, wurde von den meisten
Teilnehmern zugestimmt. Lediglich der Vertreter der Gruppe Prolétaire sprach
sich für die Einladung gewisser nicht-orthodoxer Tendenzen aus dem
anarchistischen und trotzkistischen Lager aus.

Schlussfolgerung

Wie schon gesagt, wurde die Konferenz
beendet, ohne die Tagesordnung vollständig diskutiert zu haben, ohne praktische
Beschlüsse und ohne die Annahme irgendwelcher Resolutionen. Es konnte auch
nicht anders sein. Dies nicht so sehr, um die, wie einige Genossen es
ausdrückten, religiöse Zeremonie am Ende einer jeden Konferenz zu vermeiden,
die in einer Schlussabstimmung über Resolutionen besteht, die nicht viel
bedeuten. Unserer Auffassung nach lag dies eher daran, dass die Diskussionen
nicht genügend entwickelt waren, um die Abstimmung über eine Resolution zu
ermöglichen.

Die Skeptiker und jene, die es nicht
gut mit uns meinen, mögen denken: „Also war diese Konferenz nichts anderes als
ein Treffen, auf dem dieselben alten Diskussionen wieder aufgegriffen wurden,
und daher kaum der Rede wert“. Nichts könnte falscher sein. Wir denken dagegen,
dass die Konferenz in der Tat von Interesse war und dass ihre Bedeutung sich
künftig im Verhältnis zwischen den verschiedenen revolutionären Gruppen zeigen
wird. Denken wir daran, dass diese Gruppen, die letzten 20 Jahre in der
Isolation verbracht hatten und auf sich selbst gestellt gewesen waren. Dies hat
bei allen eine Art Bunkermentalität oder Sektierertum hervorgerufen. Die vielen
Jahre der Isolation haben das Denken, die Auffassungen und die Ausdrucksweise
dieser Gruppen derart geprägt, dass sie für die anderen Gruppen oft
unverständlich sind. Es besteht unbestritten die Notwendigkeit, sich mit den
Ideen und Argumenten der anderen Gruppen auseinanderzusetzen und die eigenen
Ansichten der Kritik der Anderen auszusetzen. All das ist Bedingung für das
Weiterleben von revolutionären Ideen und gegen den Dogmatismus und macht diese
Konferenz so bedeutend.

Der erste Schritt, der wenn auch kein
spektakulärer, so doch ein schwieriger war, ist gemacht. Alle Teilnehmer der
Konferenz, einschließlich der Belgischen Fraktion, welche erst nach langem
Zögern und mit Skepsis teilnahm, haben ihre Zufriedenheit ausgesprochen und
waren über die brüderliche Atmosphäre und die Ernsthaftigkeit der Diskussion
erfreut. Alle haben gesagt, dass sie eine weitere Konferenz einberufen wollen,
die breiter und besser vorbereitet sein soll, und dass sie die begonnene Arbeit
der Klärung und Gegenüberstellung von Ideen weiterzuführen beabsichtigen.

Das positive Ergebnis weckt die
Hoffnung, den eingeschlagenen Weg fortzuführen, und wird den revolutionären
Militanten und Gruppen helfen, die gegenwärtige Situation der Zersplitterung zu
überwinden und die Arbeit für die Emanzipation unserer Klasse wirkungsvoller zu
gestalten. Dies ist die Klasse, welche vor der Aufgabe steht, die gesamte
Menschheit vor der schrecklichen und blutigen Zerstörung durch den dekadenten
Kapitalismus zu bewahren.

Marco


A In der Zeitschrift Le Libertaire vom 29. Mai findet man
einen Artikel über diese Konferenz, der ein Phantasiegebilde ist. Der Autor,
der mit AP unterschreibt und sich als Spezialist für die Geschichte der
kommunistischen Arbeiterbewegung bezeichnet, nimmt die „Freiheit“ im Umgang mit
der Geschichte etwas zu wörtlich. Er beschreibt die Konferenz – an der er gar
nicht teilnahm und von der er auch gar nichts weiß – als eine Konferenz von
Rätekommunisten. In Wirklichkeit nahmen Letztere, obwohl sie zur Konferenz
aufgerufen hatten, mit demselben Status daran teil wie alle anderen. AP nimmt
die „Freiheit“ aber nicht nur bezüglich der Vergangenheit, sondern auch
bezüglich der Zukunft auf die leichte Schulter. In der Manier jener
Journalisten, die die Exekution Görings schon im Voraus in Details beschrieben
hatten, ohne auf die Idee zu kommen, dass dieser die Unverschämtheit besitzen
könnte, im letzten Moment Selbstmord zu begehen, hat der Historiker AP in Le
Libertaire die Beteiligung anarchistischer Gruppen an der Konferenz
angekündigt, obwohl dem gar nicht so war. Es stimmt, dass Le Libertaire
tatsächlich eingeladen war, doch sie schlugen diese Einladung unserer Ansicht
nach zu Recht aus. Die Beteiligung von Anarchisten an der republikanischen
Regierung und am imperialistischen Krieg in Spanien 1936-38, die Weiterführung
ihrer Kollaborationspolitik mit allen spanischen politischen Formationen in der
Emigration unter der Fahne des Antifaschismus und des Kampfes gegen Franco, die
ideologische und aktive Beteiligung von Anarchisten in der „Résistance“ gegen
die „fremde“ Besatzungsmacht haben aus ihnen eine Strömung gemacht, die dem
revolutionären Kampf der Arbeiterklasse absolut fremd ist. Die anarchistische
Bewegung hatte aus diesem Grund keinen Platz in dieser Konferenz, und es war
ein Fehler, sie überhaupt einzuladen.

[i]

Eine
„Korrektur“, die in INTERNATIONAL-ISME Nr. 24, veröffentlicht wurde, geht auf
die Teilnahme der „Autonomen Sektion von Turin“ des PCInt (Partito Comunista
Internazionalista, nicht die stalinistische PCI!) ein. Die Sektion verfasste
diese Korrektur, um den im Rapport entstandenen Eindruck bezüglich einiger
ihrer Positionen richtigzustellen: Die Sektion „erklärte sich autonom eben
wegen ihrer Meinungsverschiedenheiten über die Frage des Parlamentarismus und
die Schlüsselfrage der Einheit der revolutionären Kräfte“

[ii]

Die FFGC,
die sogenannte „Französische Fraktion der Kommunistischen Linken“, hatte mit
der GCF auf einer unklaren politischen Basis gebrochen, welche mehr mit
persönlichen Unstimmigkeiten und Ressentiments zu tun hatte als mit wirklichen
Differenzen. Siehe dazu unsere Broschüre La Gauche Communiste de France.

B Die „dringenden Arbeiten“ der FFGC drücken gut aus, wie
ernst sie den Kontakt mit anderen revolutionären Gruppen nimmt. Worunter leidet
die FFGC tatsächlich? An einem „Zeitmangel“ oder an einem Mangel an Interesse
und Verständnis für die Wichtigkeit des Kontaktes und der Diskussionen unter
revolutionären Gruppen? Oder macht ihnen etwa die Konfrontation ihrer
Positionen mit denen anderer Gruppen wegen ihres Mangels an politischer
Orientierung Angst (mal für, mal gegen die Beteiligung an den Wahlen; mal für,
mal gegen die Arbeit in den Gewerkschaften, mal für, mal gegen die Beteiligung
an antifaschistischen Komitees usw.)?

Politische Strömungen und Verweise: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: