Orientierungstext: Das Vertrauen und die Solidarität im Kampf des Proletariats (1. Teil)

Wir veröffentlichen hier grobe Auszüge aus dem erste Teil eines Orientierungstextes, der während des Sommers 2001 in der IKS diskutiert und an der ausserordentlichen Konferenz im März 2002 angenommen wurde. Dieser Text bezieht sich auf Organisationsstreitigkeiten, die die IKS in der letzten Zeit hatte. Über diese Schwierigkeiten berichteten wir im Artikel „Der Kampf für die Verteidigung der organisatorischen Prinzipien“ in der Internationalen Revue Nr. 30 und in unserer Territorialpresse. Wir haben hier nicht den nötigen Platz, um auf den Inhalt dieser Artikel zurückzukommmen und fordern deshalb die Leser auf, sie für ein besseres Verständnis der hier behandelten Fragen zu konsultieren. Der nachstehende Text ist aber mit Fussnoten1 versehen, die die Lektüre erleichtern sollen.

Non ridere, non lugere, neque detestari sed intelligere.“ (Lache nicht, weine nicht und fluche nicht – verstehe).Spinoza: Ethik

Die gegenwärtige Debatte in der IKS über die Fragen der Solidarität und des Vertrauens begann 1999/2000 im Zuge einer Antwort auf eine Reihe von Schwächen in diesen zentralen Fragen innerhalb unserer Organisation. Hinter dem konkreten Versagen, Solidarität gegenüber in Schwierigkeiten geratenen Genossen zu manifestieren, wurde eine tiefer liegende Schwierigkeit identifiziert, ein permanentes Verhalten der alltäglichen Solidarität zwischen unseren Militanten zu entwickeln. Hinter den wiederholten Manifestationen des Immediatismus in der Analyse und Intervention bezüglich des Klassenkampfes (insbesondere die Weigerung, das volle Ausmaß des Rückschlags nach 1989 anzuerkennen) und einer deutlichen Neigung, uns mit „unmittelbaren Beweisen“ zu trösten, die angeblich den historischen Kurs bestätigen, entdeckten wir einen fundamentalen Mangel an Vertrauen in das Proletariat und in den Rahmen unserer Analyse. Hinter dem Schaden, der in unserem Organisationsgewebe angerichtet wurde und der sich besonders in RI zu konkretisieren begann, erkannten wir einen Mangel an Vertrauen zwischen verschiedenen Teilen und sMitgliedern der Organisation und in unsere eigene Funktionsweise.

In der Tat war es die Tatsache, dass wir von verschiedenen Manifestationen des Vertrauensmangels in unsere grundlegenden Positionen, in unsere Organisationsprinzipien und zwischen Genossen und Organen konfrontiert wurden, die uns dazu zwang, über die einzelnen Fälle hinauszugehen und diese Fragen in einem allgemeineren, fundamentaleren und somit theoretischeren Zusammenhang zu stellen.

Noch spezifischer, das Wiederauftreten des Clanwesens2 im Herzen der Organisation erfordert eine Vertiefung unseres Verständnisses dieser Fragen. Wie die Aktivitätsresolution des 14. Kongresses der IKS sagt:

„Der Kampf der 90er Jahre war notgedrungen ein Kampf gegen den Zirkelgeist und die Clans. Doch wie wir damals bereits gesagt hatten, waren die Clans die falsche Antwort auf ein reales Problem: jenes der Schwäche des proletarischen Vertrauens und der Solidarität innerhalb unserer Organisation. Daher löste die Abschaffung des existierenden Clans nicht automatisch das Problem der Schaffung eines Parteigeistes und einer wahren Brüderlichkeit in unseren Reihen, das nur das Ergebnis tiefgehender, bewusster Bemühungen sein kann. Obwohl wir damals darauf bestanden, dass der Kampf gegen den Zirkelgeist permanent ist, hielt sich die Idee aufrecht, dass, wie zurzeit der Ersten und Zweiten Internationalen, das Problem hauptsächlich mit einer Phase der Unreife verknüpft ist, die überwunden und hinter uns gelassen werde. In Wahrheit ist das Problem des Zirkelgeistes und Clanwesens heute permanenter und hinterhältiger als zu Zeiten des Kampfes von Marx gegen den Bakunismus oder von Lenin gegen den Menschewismus. Tatsächlich gibt es eine Parallele zwischen den gegenwärtigen Schwierigkeiten der Klasse als Ganzes, ihre Klassenidentität wiederzuerlangen und die elementaren Klassenreflexe der Solidarität mit anderen Arbeitern und jener der revolutionären Organisation wiederzuentdecken, um im alltäglichen Funktionieren einen Parteigeist aufrechtzuerhalten. In diesem Sinn hat die Organisation, indem sie die Fragen des Vertrauens und der Solidarität als zentrale Fragen der Periode stellte, begonnen, an dem Kampf von 1993 wieder anzuknüpfen und ihm eine ‚positive‘ Dimension beizufügen, um sich noch stärker gegen das Eindringen kleinbürgerlicher Abwege der Organisation zu wappnen.“

In diesem Sinn betrifft die aktuelle Debatte direkt die Verteidigung, ja, sogar das Überleben der Organisation. Genau aus diesem Grund ist es wichtig, um so mehr alle theoretischen und historischen Zusammenhänge dieser Fragen zu entwickeln. So gibt es in Bezug auf die organisatorischen Probleme, mit denen wir es heute zu tun haben, zwei wesentliche Ansatzpunkte. Die Enthüllung der organisatorischen Schwächen und des Unverständnisses, die das Wiederaufleben des Clanwesens ermöglichten, und die konkrete Analyse der Ausbreitung dieser Dynamik ist die Aufgabe des Berichts, den die Untersuchungskommission3 präsentieren wird. Die Aufgabe diese Orientierungstextes besteht dagegen im Wesentlichen darin, einen theoretischen Rahmen zu erstellen, der ein tieferes historisches Verständnis und eine Lösung dieser Probleme ermöglicht.

In der Tat ist es wichtig zu verstehen, dass die Auseinandersetzung um den Parteigeist notgedrungen eine historische Dimension hat. Gerade die Dürftigkeit der Debatte über Vertrauen und Solidarität bis dato war ein Hauptfaktor bei der Ermöglichung des Clanwesens gewesen. Allein der Umstand, dass solch ein Orientierungstext nicht zu Beginn, sondern ein Jahr nach der Eröffnung dieser Debatte verfasst worden ist, bezeugt die Schwierigkeiten, die die Organisation hatte, um diese Fragen in den Griff zu bekommen. Doch der beste Beweis dieser Schwächen ist die Tatsache, dass die Debatte über Vertrauen und Solidarität von einer unerhörten Auszehrung der vertrauensvollen und solidarischen Bindungen zwischen den Genossen begleitet wurde!

In der Tat sehen wir uns mit fundamentalen Fragen des Marxismus konfrontiert, die die eigentliche Grundlage unseres Verständnisses der Natur der proletarischen Revolution bilden und die ein integraler Bestandteil der Plattform und Statuten der IKS sind. In diesem Sinn erinnert uns die Dürftigkeit der Debatte daran, dass die Gefahr der theoretischen Verkümmerung und Sklerose einer revolutionären Organisation stets präsent ist.

Die zentrale These dieses Orientierungstextes ist die, dass die Schwierigkeit, Vertrauen und Solidarität tiefer in die IKS zu verwurzeln, ein fundamentales Problem in der gesamten Geschichte der IKS gewesen ist. Diese Schwäche ist ihrerseits das Resultat wesentlicher Merkmale der historischen Periode seit 1968. Es ist eine Schwäche nicht nur der IKS, sondern der gesamten Generation des betroffenen Proletariats. Wie die Resolution des 14. Kongresses sagte:

„Es ist eine Debatte, die das tiefste Nachdenken der gesamten IKS erfordert, da sie das Potenzial hat, unser Verständnis nicht nur für den Aufbau einer Organisation mit einem wahrhaft proletarischen Leben, sondern auch für die historische Periode, in der wir leben, zu vertiefen.“

In diesem Sinn geht die auf dem Spiel stehende Frage über die Organisationsfrage als solche hinaus. Insbesondere die Frage des Vertrauens tangiert alle Aspekte im Leben des Proletariats und in der Arbeit der Revolutionäre – so wie der Verlust an Vertrauen in die Klasse sich selbst gleichermaßen in der Abschaffung der programmatischen und theoretischen Errungenschaften manifestiert.

1. Die Auswirkungen der Konterrevolution auf das Selbstvertrauen und die Tradition der Solidarität der heutigen Generationendes Proletariats

a) In der Geschichte der marxistischen Bewegung finden wir keinen einzigen fundamentalen Text, der über das Vertrauen wie über die Solidarität verfasst worden ist. Auf der anderen Seite stehen diese Fragen im Zentrum der grundlegendsten Beiträge des Marxismus, von der Deutschen Ideologie und dem Kommunistischen Manifest bis hin zu Sozialreform oder Revolution und Staat und Revolution. Das Fehlen einer spezifischen Diskussion über diese Fragen in der Arbeiterbewegung der Vergangenheit ist kein Anzeichen für ihre relative Unwichtigkeit. Ganz das Gegenteil. Diese Fragen waren so fundamental und selbstverständlich, dass sie nie für sich selbst gestellt wurden, sondern stets in Antwort auf andere Probleme.

Wenn wir heute dazu gezwungen sind, diesen Fragen eine besondere Debatte und eine theoretische Untersuchung zu widmen, so deshalb, weil sie ihre „Selbstverständlichkeit“ verloren haben.

Dies ist das Resultat der Konterrevolution, die in den 1920er-Jahren begann, und des Bruchs in der organischen Kontinuität, die sie verursachte. Aus diesem Grund ist es hinsichtlich der Schaffung von Vertrauen und lebendiger Solidarität innerhalb der Arbeiterbewegung notwendig, zwei Phasen in der Geschichte des Proletariats zu unterscheiden. Während der ersten Phase, die vom Beginn seiner Selbstbehauptung als autonome Klasse bis zur revolutionären Welle 1917–23 reichte, war die Arbeiterklasse trotz einer Reihe von oftmals blutigen Niederlagen in der Lage, mehr oder weniger kontinuierlich ihr Selbstvertrauen und ihre politische und gesellschaftliche Einheit zu formen. Die wichtigsten Manifestationen dieser Fähigkeit waren, in Ergänzung zum Arbeiterkampf selbst, die Entwicklung einer sozialistischen Vision, einer theoretischen Kapazität, einer politischen revolutionären Organisation. All dies, das Werk von Jahrzehnten und Generationen, wurde von der Konterrevolution unterbrochen und gar in sein Gegenteil verkehrt. Nur winzige revolutionäre Minderheiten waren imstande, ihr Vertrauen in das Proletariat in den folgenden Jahrzehnten aufrechtzuerhalten. 1968, mit dem Ende der Konterrevolution, begann sich diese Tendenz erneut umzukehren. Jedoch blieben die neuen Ausdrücke des Selbstvertrauens und der Klassensolidarität durch diese neue und ungeschlagene proletarische Generation in den immediatistischen Kämpfen verwurzelt. Sie beruhten nicht im gleichen Maße wie vor der Konterrevolution auf eine sozialistische Vision, auf die politische Erschaffung einer Klassentheorie und auf das Weiterreichen angesammelter Erfahrung und Kenntnisse von einer Generation an die nächste. Mit anderen Worten, das historische Selbstvertrauen des Proletariats und seine Traditionen der aktiven Einheit und kollektiven Auseinandersetzung gehören zu den Aspekten seiner Auseinandersetzung, die am meisten durch den Bruch in der organischen Kontinuität gelitten haben. Zudem gehören sie zu den schwierigsten Aspekten, die es wiederherzustellen gilt, da sie mehr als viele andere von einer lebenden politischen und sozialen Kontinuität abhängen. Dies erhöht umgekehrt die besondere Verwundbarkeit der neuen Generationen der Klasse und ihrer revolutionären Minderheiten.

In erster Linie war es die stalinistische Konterrevolution, die dazu beitrug, das Vertrauen des Proletariats in seine eigene historische Mission, in die marxistische Theorie und in seine revolutionären Minderheiten zu unterminieren. Infolgedessen neigt das Proletariat nach 1968 mehr als vergangene unbesiegte Generationen der Klasse dazu, unter dem Gewicht des Immediatismus, des Fehlens einer langfristigen Vision zu leiden. Indem sie ihm große Teile seiner Vergangenheit raubte, hielt und hält die Konterrevolution und die heutige Bourgeoisie dem Proletariat eine klare Vision seiner Zukunft vor, ohne die die Klasse kein tiefer gehendes Vertrauen in ihre eigene Kraft entwickeln kann.

Was das Proletariat von jeder anderen Klasse in der Geschichte unterscheidet, ist die Tatsache, dass es vom ersten Tag seiner Entstehung als eine unabhängige, gesellschaftliche Kraft sein eigenes Projekt einer zukünftigen Gesellschaft vorstellte, das auf dem gemeinsamen Eigentum der Produktionsmittel basiert. Als erste Klasse in der Geschichte, deren Ausbeutung auf der radikalen Trennung des Produzenten von den Produktionsmitteln und auf der Ersetzung der individuellen durch die gesellschaftliche Arbeitskraft beruht, wird sein Befreiungskampf durch die Tatsache gekennzeichnet, dass der Kampf gegen die Folgen der Ausbeutung (der allen ausgebeuteten Klassen gemeinsam ist) stets mit der Entwicklung einer Vision der Überwindung der Ausbeutung verknüpft gewesen war. Die erste kollektiv produzierende Klasse in der Geschichte, das Proletariat, ist dazu aufgerufen, die Gesellschaft auf einer bewussten Grundlage neu zu schaffen. Da es als eigentumslose Klasse nicht in der Lage ist, irgendeine Macht in der herrschenden Gesellschaft zu erringen, liegt die historische Bedeutung seines Klassenkampfes gegen die Ausbeutung darin, sich selbst und somit der Gesellschaft im Ganzen das Geheimnis seiner eigenen Existenz als Totengräber der kapitalistischen Anarchie zu offenbaren.

Aus diesem Grund ist die Arbeiterklasse die erste Klasse, deren Vertrauen in die eigene historische Rolle untrennbar verbunden ist mit ihrer eigenen Lösung der Krise der kapitalistischen Gesellschaft.

Diese einmalige Stellung als die einzige Klasse in der Geschichte, die gleichzeitig ausgebeutet und revolutionär ist, hat zwei wichtige Konsequenzen:

– ihr Vertrauen in sich selbst ist vor allem ein Vertrauen in die Zukunft und beruht daher in besonderem Maße auf eine theoretische Vorgehensweise;

– sie entwickelt in ihren Tageskämpfen ein Prinzip, das ihrer historischen Aufgabe, die es zu erfüllen gilt, entspricht – das Prinzip der Klassensolidarität, Ausdruck ihrer Einheit.

In diesem Sinn besteht die Dialektik der proletarischen Revolution im Wesentlichen in der Dialektik des Verhältnisses zwischen dem Ziel und der Bewegung, zwischen dem Kampf gegen die Ausbeutung und dem Kampf für den Kommunismus. Die natürliche Unreife der ersten Gehversuche der Klasse auf der historischen Ebene zeichnet sich durch eine Parallele zwischen der Entwicklung des Arbeiterkampfes und der Theorie des Kommunismus aus. Die Verknüpfung zwischen diesen beiden Polen war anfangs von den Beteiligten selbst noch nicht wirklich verstanden worden. Dies wurde in dem oft blinden und instinktiven Charakter der Arbeiterkämpfe einerseits und im Utopismus des sozialistischen Projektes andererseits widergespiegelt.

Erst die historische Reifung des Proletariats brachte diese beiden Elemente zusammen, konkretisiert durch die Revolution 1848–49 und vor allem durch die Geburt des Marxismus, des wissenschaftlichen Verständnisses der historischen Bewegung und des Ziels der Klasse.

Zwei Jahrzehnte später enthüllte die Pariser Kommune, das Produkt dieser Reifung, den Inhalt des Vertrauens des Proletariats in seine Rolle, seines Strebens nach Übernahme der Führung in der Gesellschaft, um sie in Übereinstimmung mit seiner eigenen politischen Vision umzuwandeln.

Worin liegt der Ursprung dieses erstaunlichen Selbstvertrauens einer mit Füßen getretenen und enteigneten Klasse, die all das Elend der Menschheit in ihren Reihen konzentriert – ein Selbstvertrauen, das bereits 1870 offenbar wurde? Wie der Kampf aller ausgebeuteten Klassen hat der Kampf des Proletariats einen spontanen Aspekt. Das Proletariat ist dazu verurteilt, darauf zu reagieren, was die dominierende Gesellschaft ihm aufzwingt. Doch im Gegensatz zum Kampf aller anderen ausgebeuteten Klassen besitzt der Kampf des Proletariats vor allem einen bewussten Charakter. Die Fortschritte seines Kampfes sind in erster Linie das Produkt seines eigenen politischen Reifungsprozesses. Das Proletariat von Paris war eine politisch gebildete Klasse, die durch verschiedene Schulen des Sozialismus, vom Blanquismus bis hin zum Proudhonismus, gegangen war. Es war diese politische Gestaltung in den darauffolgenden Jahrzehnten, die zu einem großen Umfang die Fähigkeit der Klasse erklärt, die herrschende Ordnung auf diese Weise herauszufordern (ebenso wie sie die Unzulänglichkeiten dieser Bewegung erklärt). Gleichzeitig war 1870 auch das Resultat der Entwicklung einer bewussten Tradition der internationalen Solidarität, welche alle wichtige Arbeiterkämpfe in den 1860er Jahren in Westeuropa auszeichnete.

Anders ausgedrückt, war die Kommune das Produkt einer unterirdischen Reifung, die besonders durch ein größeres Vertrauen in die historische Mission der Klasse und durch eine ausgebildetere Praxis der Klassensolidarität charakterisiert ist.

Mit dem Beginn der Dekadenz wird die zentrale Rolle von Vertrauen und Solidarität hervorgehoben, da die proletarische Revolution auf der historischen Agenda erscheint. Einerseits ist durch die Unmöglichkeit einer organisierten Vorbereitung der Kämpfe via Massenparteien und Gewerkschaften der spontane Charakter des Arbeiterkampfes ausgeprägter.4 Andererseits wird die politische Vorbereitung dieser Kämpfe durch eine Verstärkung der Klassensolidarität und des Vertrauens noch wichtiger. Die fortgeschrittensten Sektoren des russischen Proletariats, die 1905 die ersten waren, die die Waffe des Massenstreiks und der Arbeiterräte entdeckten, gingen durch die Schule des Marxismus, durch eine Reihe von Phasen: die Phase des Kampfes gegen den Terrorismus, der Bildung von politischen Zirkeln, der ersten Streiks und politischen Demonstrationen, des Kampfes um die Bildung der Klassenpartei und der ersten Erfahrungen mit der Massenagitation. Rosa Luxemburg, die die erste war, die die Rolle der Spontaneität in der Epoche der Massenstreiks begriff, beharrte darauf, dass ohne diese Schule des Sozialismus die Ereignisse von 1905 niemals möglich gewesen wären.

Doch es war die revolutionäre Welle von 1917–23 und vor allem die Oktoberrevolution, die am deutlichsten die Natur der Fragen von Vertrauen und Solidarität offenbarten. Die Quintessenz der historischen Krise war in der Frage des Aufstandes enthalten. Zum ersten Mal in der gesamten Geschichte der Menschheit befand sich eine Klasse in der Lage, die Richtung der Weltereignisse mit Bedacht und bewusst zu ändern. Die Bolschewiki griffen auf Engels‘ Konzeption der „Kunst des Aufstandes“ zurück. Lenin erklärte, dass die Revolution eine Wissenschaft ist. Trotzki sprach vom „Algebra der Revolution“. Durch das Studium der Entwicklung der gesellschaftlichen Realität, durch den Aufbau einer Klassenpartei, die in der Lage ist, die historische Prüfung zu bestehen, durch die geduldige und aufmerksame Vorbereitung auf den Moment, wo die objektiven und subjektiven Bedingungen für die Revolution vereint sind, und durch die revolutionäre Kühnheit, die notwendig ist, um die Gelegenheit zu nutzen, beginnt das Proletariat und seine Vorhut durch den Triumph seines Bewusstseins und seiner Organisation, die Entfremdung zu überwinden, die die Gesellschaft dazu verdammt, das hilflose Opfer blinder Kräfte zu sein. Gleichzeitig ist die bewusste Entscheidung, die Macht zu ergreifen und somit im Interesse der Weltrevolution alle Härten solch einer Handlung auf sich zu nehmen, der höchste Ausdruck der Klassensolidarität. Dies ist eine neue Qualität im Aufstieg der Menschheit, der Beginn des Sprungs vom Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit. Und dies ist das Wesen des Selbstvertrauens des Proletariats und der Solidarität in seinen Reihen.

b) Eine der ältesten Maximen in der Militärstrategie ist die Notwendigkeit, das Selbstvertrauen und die Einheit der gegnerischen Armee zu unterminieren. Ähnlich hat die Bourgeoisie stets die Notwendigkeit begriffen, diese Qualitäten innerhalb des Proletariats zu bekämpfen. Insbesondere während des Aufstiegs der Arbeiterbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand das Bedürfnis, die Idee der Arbeitersolidarität zu bekämpfen, in steigendem Maße im Mittelpunkt der Weltsicht der kapitalistischen Klasse, wie das Aufkommen der sozialdarwinistischen Ideologie, die Philosophie Nietzsches, der „elitäre Sozialismus“ des Fabianismus, etc. bezeugen. Jedoch war die Bourgeoisie bis zum Eintritt ihres Systems in die Dekadenz nicht imstande, das Mittel zu finden, um diese Prinzipien innerhalb der Arbeiterklasse in ihr Gegenteil zu verkehren. Besonders die grausame Repression, die sie gegen das Proletariat von 1848 bis 1870 sowie gegen die Arbeiterbewegung in Deutschland zurzeit des Sozialistenverbotes ausübte, scheiterte – auch wenn sie zu zeitweisen Rückschlägen im Prozess zum Sozialismus führten – daran, das historische Vertrauen der Arbeiterklasse wie auch ihre Traditionen der Solidarität ernsthaft zu beschädigen.

Die Ereignisse des I. Weltkrieges offenbarten, dass diese proletarischen Prinzipien nur „von innen“, nur durch den Verrat durch Teile der Arbeiterklasse selbst, vor allem durch Teile der politischen Organisation der Klasse zerstört werden konnten. Die Liquidierung dieser Prinzipien innerhalb der Sozialdemokratie begann bereits Anfang des 20. Jahrhunderts mit der „Revisionismus“-Debatte. Der destruktive, schädliche Charakter dieser Debatte war nicht nur durch das Eindringen bürgerlicher Positionen und die zunehmende Überbordwerfens des Marxismus offenbar geworden, sondern auch und vor allem durch die Heuchelei, die sich im Organisationsleben breitmachte. Auch wenn die Position der Linken formell übernommen wurde, bestand in Wahrheit das Hauptresultat dieser Debatte darin, die Linken vollkommen zu isolieren – vor allem in der deutschen Partei. Die inoffiziellen Verleumdungskampagnen gegen Rosa Luxemburg, die auf den Korridoren der Parteikongresse als etwas Fremdes, ja, sogar als blutrünstiges Element porträtiert worden war, bereiteten bereits den Boden für ihren Mord im Januar 1919.

In der Tat war das wesentliche Prinzip der Konterrevolution, die in den 1920er Jahren begann, die Zerstörung der bloßen Idee von Vertrauen und Solidarität. Die verabscheuungswürdige Idee des „Sündenbocks“, die Barbarei des Mittelalters, trat erneut im Herzen des industriellen Kapitalismus auf, in der Hexenjagd der Sozialdemokratie gegen die Spartakisten und des Faschismus gegen die Juden, die üble Minderheit, die allein verhindere, dass eine friedliche Harmonie im Nachkriegseuropa einkehrt. Doch es ist vor allem der Stalinismus, der die Speerspitze der bürgerlichen Offensive bildete, indem er die Prinzipien des Vertrauens und der Solidarität mit jenen des Misstrauens und der Denunzierung innerhalb der jungen kommunistischen Parteien ersetzte und das Ziel des Kommunismus und die Mittel zu seiner Erlangung diskreditierte.

Die Zerstörung dieser Prinzipien wurde jedoch nicht über Nacht erreicht. Noch während des II. Weltkrieges bewiesen Zehntausende von Arbeiterfamilien genug Solidarität und riskierten ihr Leben, indem sie staatlich Verfolgte versteckten. Und der Streik des holländischen Proletariats gegen die Deportation der Juden erinnert uns stets daran, dass die Solidarität der Arbeiterklasse die einzig wahre Solidarität mit der Gesamtheit der Menschheit ist. Doch dies war die letzte Streikbewegung im 20. Jahrhundert, auf die die Linkskommunisten Einfluss besessen hatten.5

Wie wir wissen, wurde diese Konterrevolution durch eine neue und ungeschlagene Generation von Arbeitern im Jahre 1968 beendet, die erneut das Selbstvertrauen hatte, die Ausweitung ihres Kampfes und ihrer Klassensolidarität in die eigenen Hände zu nehmen und einmal mehr die Frage der Revolution zu stellen sowie neue revolutionäre Minderheiten zu gebären. Jedoch nahm diese neue Generation, traumatisiert vom Verrat aller großen Arbeiterorganisationen der Vergangenheit, eine skeptische Haltung gegenüber der Politik, gegenüber ihrer eigenen Vergangenheit, ihrer Klassentheorie und ihrer historischen Mission ein. Dies schützte sie nicht gegenüber der Sabotage durch die Linke des Kapitals und hinderte sie daran, die Wurzeln ihres Selbstvertrauens zu erneuern und bewusst ihre große Tradition der Solidarität wiederzubeleben. Was die revolutionären Minderheiten angeht, so sind auch diese davon betroffen. Tatsächlich entstand zum ersten Mal eine Situation, in der revolutionäre Positionen auf ein wachsendes Echo stießen, während die Organisationen, die sie vertraten, selbst von den kämpferischsten Arbeitern nicht anerkannt wurden.

Trotz der Unbekümmertheit und „Anmaßung“ dieser neuen Generation nach 1968, der es anfangs gelang, die herrschende Klasse zu überraschen, steckt hinter ihrer Skepsis gegenüber der Politik ein weitreichender Mangel an Selbstvertrauen. Niemals zuvor haben wir solch einen Gegensatz gesehen zwischen einerseits der Fähigkeit, sich in massiven, größtenteils selbstorganisierten Kämpfen zu engagieren, und andererseits dem Fehlen dieser elementaren Selbstsicherheit, die das Proletariat zwischen 1840 und 1917/18 ausgezeichnet hatte. Und dieser Mangel an Selbstsicherheit hat auch tiefe Spuren in den linkskommunistischen Organisationen hinterlassen. Nicht nur in denen der IKS oder der CWO, sondern auch und nicht weniger in einer Gruppe wie die bordigistische PCInt, die die Konterrevolution überlebt hatte, aber infolge ihrer Ungeduld, von der Klasse als Ganzes anerkannt zu werden, zu Beginn der 80er Jahre auseinanderbrach. Wie wir wissen, haben sowohl der Bordigismus als auch der Rätekommunismus während der Konterrevolution diesen Verlust an Selbstvertrauen theoretisiert, als sie Revolutionäre und Klasse voneinander trennten, indem sie den einen Teil der Klasse aufforderten, misstrauisch gegenüber dem anderen Teil zu sein.6 Darüber hinaus waren sowohl die bordigistische Idee der „Invarianz“ als auch die entgegengesetzte rätekommunistische Idee der „neuen Arbeiterbewegung“ falsche theoretische Antworten auf die Konterrevolution in dieser Frage. Doch auch die IKS, die solche Theoretisierungen ablehnte, war nicht frei von den Beschädigungen des proletarischen Selbstbewusstseins und der Verringerung seiner Basis. (...)

Wir sehen also, wie in dieser historischen Periode alles – der Mangel an Vertrauen der Klasse in sich selbst, der Arbeiter in die Revolutionäre und umgekehrt der Revolutionäre in sich selbst, in ihre historische Rolle, in die marxistische Theorie und in die Organisationsprinzipien, die ein Erbe der Vergangenheit sind, und der gesamten Klasse in die langfristige, historische Natur ihrer Mission – miteinander verknüpft ist.

In Wirklichkeit ist diese von der Konterrevolution übernommene politische Schwäche einer der Hauptfaktoren beim Eintritt des Kapitalismus in die Phase des Zerfalls. Abgeschnitten von seiner historischen Erfahrung, seiner theoretischen Waffen und der Vision seiner historischen Rolle, mangelt es dem Proletariat an das notwendige Selbstvertrauen, um bei der Entwicklung einer revolutionären Perspektive weiter zu schreiten. Mit dem Zerfall wird dieser Mangel an Vertrauen, an Perspektiven zum Schicksal der gesamten Gesellschaft, indem die Menschheit in die Gegenwart eingesperrt wird.7 Es ist daher kein Zufall, dass die historische Periode des Zerfalls vom Zusammenbruch des größten Überbleibsels der Konterrevolution, dem der stalinistischen Regimes, eingeläutet wurde. Aufgrund dieser erneuten Diskreditierung seines Klassenziels und seiner wichtigsten politischen Waffen ist das Proletariat mit einer historisch einmaligen Situation konfrontiert: Eine historisch ungeschlagene Generation von Arbeitern verliert in nicht unbedeutendem Maße ihre Klassenidentität. Um aus dieser Krise herauszukommen, wird sie die Klassensolidarität wieder erlernen, eine historische Perspektive wieder entwickeln, in der Hitze des Klassenkampfes die Möglichkeit und Notwendigkeit für die verschiedenen Teile der Klasse, sich gegenseitig zu vertrauen, wieder entdecken müssen. Das Proletariat ist nicht besiegt worden. Es hat die Lehren aus seinen Kämpfen vergessen, nicht verloren. Was es vor allem verloren hat, ist sein Selbstvertrauen.

Daher gehören die Fragen des Vertrauens und der Solidarität zu den wichtigsten Schlüsseln für den Ausweg aus der historischen Sackgasse. Sie sind zentral für die Zukunft der gesamten Menschheit, für die Verstärkung des Klassenkampfes in den kommenden Jahren, für den Aufbau der marxistischen Organisation, für die konkrete Wiederbelebung einer kommunistischen Perspektive innerhalb dieser Kämpfe.

2. Die Folgen der Schwächen im Vertrauen und in der Solidarität für die IKS

a) Wie der Orientierungstext von 19938 aufzeigt, hatten all die Krisen, Tendenzen und Abspaltungen in der Geschichte der IKS ihre Wurzeln in der Organisationsfrage. Selbst wo wichtige politische Divergenzen bestanden, gab es weder eine Übereinstimmung in diesen Fragen unter den Mitgliedern dieser „Tendenzen“, noch rechtfertigten diese Divergenzen im Allgemeinen eine Abspaltung und sicherlich auch nicht die Art von unverantwortlichen und unreifen Spaltungen, die zur allgemeinen Regel innerhalb unserer Organisation wurden.

Wie der 93er OT hervorhebt, haben all die Krisen also ihren Ursprung im Zirkelgeist und insbesondere im Clanwesen. Wir können daraus schließen, dass während der gesamten Geschichte unserer Strömung das Clanwesen stets die Hauptmanifestation des Mangels an Vertrauen in die Klasse und die Hauptursache für die Infragestellung der Einheit der Organisation gewesen war. Ferner waren die Clans, wie ihre weitere Entwicklung außerhalb IKS bewies, die Hauptträger des Keims der programmatischen und theoretischen Degeneration in unseren Reihen.9

Diese Tatsache, die acht Jahre zuvor ans Tageslicht gebracht wurde, ist dennoch so erstaunlich, dass sie eine historische Reflexion verdient. Der 14. Kongress der IKS begann mit diesem Nachdenken, indem er feststellte, dass in der vergangenen Arbeiterbewegung das vorherrschende Gewicht des Zirkelgeistes und Clanwesens hauptsächlich auf den Beginn der Arbeiterbewegung beschränkt blieb, während die IKS während ihrer gesamten Existenz von diesem Problem geplagt wurde. Die Wahrheit ist, dass die IKS die einzige Organisation in der Geschichte des Proletariats ist, innerhalb der sich die Penetration fremder Ideologien so regelmäßig und überwältigend über den Weg organisatorischer Probleme manifestiert haben.

Dieses unerhörte Problem muss innerhalb des historischen Kontexts der vergangenen drei Jahrzehnte verstanden werden. Die IKS ist der Erbe der höchsten Synthese des Nachlasses der Arbeiterbewegung und der Linkskommunisten insbesondere. (...)

Doch die Geschichte zeigt, dass die IKS das programmatische Erbe viel leichter verinnerlicht als das organisatorische. Das war hauptsächlich die Folge des Bruchs in der organischen Kontinuität, der durch die Konterrevolution verursacht worden war. Erstens, weil es leichter fällt, sich über das Studium politische Position zu Eigen zu machen, als die organisatorischen Fragen zu erfassen, die eher eine lebendige Tradition darstellen, deren Weiterreichen weitaus stärker von der Verbindung zwischen den Generationen abhängt. Zweitens, weil, wie wir bereits gesagt haben, der Schlag gegen das Selbstvertrauen der Klasse, der von der Konterrevolution ausgeübt worden war, hauptsächlich ihr Vertrauen in ihre politische Mission und somit in ihre politischen Organisationen erschüttert hat. Während also die Gültigkeit unser programmatischer Positionen oft von der Realität spektakulär bekräftigt wurde (und seit 1989 wurde diese Gültigkeit selbst von einem wachsenden Teil des politischen Sumpfes bestätigt), erzielte unser organisatorische Aufbau nicht denselben Erfolg. Ab 1989, dem Ende der Nachkriegsperiode, gelang der IKS im numerischen Wachstum, in dem Einfluss unserer Interventionen auf den Klassenkampf, in der Verbreitung unserer Presse oder im Maß der Anerkennung unserer Organisation durch die Klasse in ihrer Gesamtheit kein entscheidender Schritt nach vorn. Es war in der Tat eine paradoxe historische Situation. Auf der einen Seite begünstigten das Ende der Konterrevolution und die Eröffnung eines neuen historischen Kurses die Entwicklung unserer Positionen: Die neue, ungeschlagene Generation war mehr oder weniger offen misstrauisch gegenüber der Linken des Kapitals, den bürgerlichen Wahlen, der Aufopferung für die Nation. Doch auf der anderen Seite war unsere kommunistische Militanz vielleicht weniger respektiert als zurzeit von Bilan. Diese historische Situation führte zu tiefen Zweifeln über die historische Mission der Organisation. Diese Zweifel kamen auf der allgemeinen politischen Ebene manchmal in der Entwicklung von offen rätekommunistischen, modernistischen oder anarchistischen Konzeptionen an die Oberfläche – mehr oder weniger offene Kapitulationen vor dem herrschenden Ambiente. Doch vor allem drückten sie sich auf etwas schamhaftere Weise auf der organisatorischen Ebene aus.

Wir müssen dem hinzufügen, dass sich im Verlaufe des Kampfes der IKS für den Parteigeist ein wichtiger Unterschied zu vergangenen Organisationen auftat, obwohl es auch Ähnlichkeiten mit ihnen gibt – das Erbe unserer Funktionsprinzipien von unseren Vorgängern und ihre Verankerung durch eine Reihe von organisatorischen Kämpfen. Die IKS ist die erste Organisation, die den Parteigeist nicht unter den Bedingungen der Illegalität schmiedet, sondern in einer Atmosphäre, die von demokratischen Illusionen durchtränkt ist. Die Bourgeoisie hat in dieser Frage aus der Geschichte gelernt: Nicht Repression, sondern die Kultivierung einer Atmosphäre des Misstrauens ist die beste Waffe der Liquidierung von Organisationen. Was für die Klasse insgesamt zutrifft, gilt auch für Revolutionäre: Es ist der Verrat von Prinzipien von Innen, der proletarisches Vertrauen zerstört.

Infolgedessen war die IKS nie in der Lage, die Art von lebendiger Solidarität zu entwickeln, die in der Vergangenheit stets in der Klandestinität geschmiedet worden war und die eine der Hauptkomponenten des Parteigeistes ist. Hinzu kommt, dass der Demokratismus der ideale Boden für die Kultivierung des Clanwesens ist, da er die lebende Antithese zum proletarischen Prinzip bildet, wonach Jeder all seine Fähigkeiten für die Allgemeinheit gibt, und den Individualismus, die Unverbindlichkeit und das Vergessen von Prinzipien begünstigt. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass die Parteien der Zweiten Internationalen zu einem großen Teil durch den Demokratismus zerstört worden waren und dass selbst der Triumph des Stalinismus demokratisch legitimiert worden war, wie die Italienische Linke hervorgehoben hat. (...)

b) Es ist offensichtlich, dass das Gewicht all dieser negativen Faktoren von der Eröffnung der Periode des Zerfalls multipliziert wurde. Wir wollen hier nicht wiederholen, was die IKS bereits über dieses Thema gesagt hat. Wichtig ist hier, dass infolge der Tatsache, dass der Zerfall dazu neigt, die sozialen, kulturellen, politischen, ideologischen Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft zu zerfressen, insbesondere durch die Unterminierung des Vertrauens und der Solidarität, es eine spontane Tendenz in der heutigen Gesellschaft gibt, sich in Clans, Cliquen und Banden zu sammeln. Diese Gruppierungen besitzen, sofern sie nicht auf kommerziellen oder anderen materiellen Interessen beruhen, oft einen völlig irrationalen Charakter und basieren auf persönlichen Loyalitäten innerhalb der Gruppe sowie auf einen häufig sinnlosen Hass gegen reale oder eingebildete Feinde. In Wahrheit ist dieses Phänomen teilweise ein Rückfall in atavistische, im heutigen Rahmen vollkommen pervertierte Formen des Vertrauens und der Solidarität, die den Vertrauensverlust in die herrschenden gesellschaftlichen Strukturen und den Versuch widerspiegeln, sich selbst angesichts der wachsenden Anarchie Mut einzuflößen. Überflüssig zu sagen, dass diese Gruppierungen, weit davon entfernt, eine Antwort auf die Barbarei des Zerfalls darzustellen, selbst ein Ausdruck des Letztgenannten sind. Es spricht für sich, dass heute auch die beiden Hauptklassen davon betroffen sind. In der Tat sind im Moment lediglich die stärksten Sektoren der Bourgeoisie mehr oder weniger in der Lage, sich dieser Entwicklung offenbar zu widersetzen. Was das Proletariat anbetrifft, ist das Ausmaß, in dem es im täglichen Leben davon tangiert ist, vor allem ein Ausdruck der Beschädigung seiner Klassenidentität und der daraus resultierenden Notwendigkeit, sich seine eigene Klassensolidarität wiederanzueignen.

Wie der 14. Kongress sagte: Wegen des Zerfalls liegt der Kampf gegen das Clanwesen nicht hinter uns, sondern vor uns.

c) Das Clanwesen ist also der prinzipielle Ausdruck des Verlusts an Vertrauen in die Arbeiterklasse in der Geschichte der IKS. Doch die Form, die es annimmt, ist offenes Misstrauen nicht gegenüber der Organisation, sondern gegenüber einem Teil von ihr. In Wirklichkeit bedeutet seine Existenz die Infragestellung der Einheit der Organisation und ihrer Funktionsprinzipien. Daher entwickelt das Clanwesen, auch wenn an seinem Anfang ein echtes Anliegen und ein mehr oder minder intaktes Vertrauen gestanden haben mag, notwendigerweise ein Misstrauen gegenüber all diejenigen, die sich nicht auf seiner Seite befinden, was zu einer offenen Paranoia führt. Im Allgemeinen sind sich diejenigen, die dieser Dynamik zum Opfer fallen, dieser Realität vollkommen unbewusst. Dies bedeutet nicht, dass ein Clan nicht ein gewisses Bewusstsein darüber besitzt, was er tut. Doch es ist ein falsches Bewusstsein, das dazu dient, sich selbst und Andere zu täuschen.

Der Orientierungstext von 1993 erklärt bereits die Ursache diese Verwundbarkeit, von der in der Vergangenheit solche Militanten wie Martow, Plechanow oder Trotzki betroffen waren: das besondere Gewicht des Subjektivismus in Organisationsfragen. (...)

In der Arbeiterbewegung lag der Ursprung des Clanwesens stets in der Schwierigkeit verschiedener Persönlichkeiten zusammenzuarbeiten. Mit anderen Worten, es stellte eine Niederlage beim ersten Schritt zum Aufbau einer jeden Gemeinschaft dar. Daher treten Clan-typische Verhaltensweisen in Momenten des Zustroms neuer Mitglieder oder der Formalisierung und Weiterentwicklung organisatorischer Strukturen auf. In der Ersten Internationalen war es die Unfähigkeit des Neuankömmlings Bakunin, „seinen Platz zu finden“, was sich in den bereits herrschenden Ressentiments gegen Marx äußerte. Im Gegensatz dazu ging es 1903 um den Status der „alten Garde“, die das auslöste, was in der Geschichte als Menschewismus einging. Dies hinderte ein Gründungsmitglied wie Lenin natürlich nicht daran, den Parteigeist zu verfechten, oder einen der Neuankömmlinge, der die meisten Ressentiments provozierte

– Trotzki – sich auf die Seite derer zu begeben, die sich vor ihm fürchteten.10 (...)

Gerade weil er den Individualismus überwindet, ist der Parteigeist in der Lage, die Persönlichkeit und die Individualität jedes seiner Mitglieder zu respektieren. Die Kunst des Aufbaus einer Organisation besteht nicht zuletzt darin, Rücksicht auf all diese verschiedenen Persönlichkeiten zu nehmen, d.h. sie maximal zu harmonisieren und ihnen zu ermöglichen, ihr Bestes für das Kollektiv zu geben. Das Clanwesen dagegen kristallisiert sich gerade um das Misstrauen gegen die Persönlichkeit und um deren unterschiedliches Gewicht. Daher ist es so schwierig, eine Clandynamik gleich zu Beginn zu identifizieren. Selbst wenn viele Genosse das Problem spüren, ist die Realität des Clanwesens so schmutzig und lächerlich, dass es Mut erfordert zu erklären, dass „der König ohne Kleider da steht“. Wie peinlich!

Wie Plechanow einst bemerkte, spielen im Verhältnis zwischen Bewusstsein und Emotionen Letztere die konservative Rolle. Doch dies bedeutet nicht, dass der Marxismus die Geringschätzung ihrer Rolle durch den bürgerlichen Nationalismus teilt. Es gibt Emotionen, die der Sache des Proletariats dienen, und es gibt andere, die ihr schaden. Es ist sicher, dass seine Mission nicht ohne eine gigantische Entwicklung der revolutionären Leidenschaften erfolgreich sein wird, ohne einen unerschütterlichen Siegeswillen, ohne ein Fußfassen der Solidarität, der Selbstlosigkeit und des Heroismus, ohne die die Feuerprobe des Kampfes um die Macht und im Bürgerkrieg niemals bestanden werden kann. Und ohne eine bewusste Pflege der gesellschaftlichen und individuellen Eigenschaften der Menschheit kann keine neue Gesellschaft geschaffen werden. Diese Qualitäten sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen im Kampf geschmiedet werden, wie Marx sagte.

3. Die Rolle des Vertrauens und der Solidarität im Aufstieg der Menschheit

(...) Im Gegensatz zur Haltung der revolutionären Bourgeoisie, bei der der Ausgangspunkt ihrer Radikalisierung die Ablehnung der Vergangenheit war, hat das Proletariat stets bewusst seine revolutionäre Weltanschauung auf die Grundlage all der Errungenschaften der Menschheit gestellt, die ihm vorausgingen. Grundsätzlich ist das Proletariat deswegen in der Lage, solch eine historische Sichtweise zu entwickeln, weil seine Revolution keine besonderen Interessen vertritt, die jenen der Menschheit in ihrer Gesamtheit entgegenstehen. Daher bestand das Vorgehen des Marxismus gegenüber allen theoretischen Fragen, die sich ihm bei seiner Mission stellten, stets darin, die besten Errungenschaften zum Ausgangspunkt zu machen, die ihm hinterlassen worden waren. Für uns ist nicht nur das Bewusstsein des Proletariats, sondern auch jenes der Menschheit insgesamt etwas, was im Laufe der Geschichte angehäuft und weitergereicht wurde. Dies war die Vorgehensweise von Marx und Engels gegenüber der klassischen deutschen Philosophie, der englischen Nationalökonomie oder gegenüber dem utopischen französischen Sozialismus.

Ähnlich müssen wir hier begreifen, dass das proletarische Vertrauen und seine Solidarität spezifische Konkretisierungen der allgemeinen Entwicklung dieser Qualitäten in der menschlichen Geschichte sind. In beiden Fragen ist es die Aufgabe der Arbeiterklasse, über das, was bereits erreicht worden ist, hinauszugehen. Doch um dies zu tun, muss sich die Klasse selbst auf die Grundlage des bereits Erreichten stellen.

Die hier gestellten Fragen sind von fundamentaler historischer Bedeutung. Ohne ein Minimum an elementarer Solidarität wird die menschliche Gesellschaft zu einem Ding der Unmöglichkeit. Und ohne zumindest rudimentärem gegenseitigen Vertrauen ist kein gesellschaftlicher Fortschritt möglich. In der Geschichte führte der Zusammenbruch dieser Prinzipien stets zu ungezügelter Barbarei.

a) Solidarität ist eine praktische Tätigkeit der gegenseitigen Unterstützung zwischen Menschen, die sich beispielsweise in einem Kampf befinden. Sie ist der konkrete Ausdruck der sozialen Natur der Menschheit. Im Gegensatz zu solchen Regungen wie die christliche Nächstenliebe und der Selbstopferung, die die Existenz eines Interessenkonfliktes voraussetzen, ist die materielle Basis der Solidarität die Gemeinsamkeit der Interessen. Daher ist die Solidarität kein utopisches Ideal, sondern eine materielle Kraft, so alt wie die Menschheit selbst. Doch dieses Prinzip, das das effektivste, weil kollektive Mittel zur Verteidigung der eigenen, „niederen“ materiellen Interessen repräsentiert, kann den Anstoß zu den selbstlosesten Handlungen geben, einschließlich der Opferung des eigenen Lebens. Diese Tatsache, die der bürgerliche Utilitarismus nie in der Lage war zu erklären, resultiert aus der einfachen Wahrheit, dass, wo immer gemeinsame Interessen existieren, die einzelnen Teile dem Allgemeingut untergeordnet sind. Solidarität ist also die Überwindung nicht des „Egoismus“, sondern des Individualismus und des Partikularismus im Interesse der Gesamtheit. Daher ist die Solidarität stets eine aktive Kraft, die gekennzeichnet ist durch Initiative, nicht aber durch die Haltung, auf die Solidarität der Anderen zu warten. Wo das bürgerliche Prinzip des Aufrechnens von Vor- und Nachteilen herrscht, ist keine Solidarität möglich.

Obwohl in der Geschichte der Menschheit die Solidarität zwischen den Gesellschaftsmitgliedern ursprünglich vor allen anderen instinktiven Reflexen kam, muss der Bewusstseinsgrad, der für ihre Praktizierung notwendig ist, um so mehr steigen, je komplexer und konfliktreicher die menschliche Gesellschaft wird. In diesem Sinn ist die Klassensolidarität des Proletariats bis heute die höchste Form menschlicher Solidarität.

Dennoch hängt das Aufkommen der Solidarität nicht nur vom allgemeinen Bewusstsein ab, sondern auch von der Pflege sozialer Emotionen. Um sich zu entwickeln, erfordert die Solidarität einen sie begünstigenden kulturellen und organisatorischen Rahmen. Ist ein solcher Rahmen innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe gegeben, ist es möglich, Verhaltensweisen, Traditionen und das „ungeschriebene Recht“ der Solidarität weiterzuentwickeln, die von einer Generation zur nächsten weitergereicht werden können. In diesem Sinn hat die Solidarität nicht nur einen unmittelbaren, sondern auch einen historischen Einfluss.

Doch bleiben solche Traditionen unbeachtet, bekommt die Solidarität einen freiwilligen Charakter. Daher ist die Idee des Staates als die Verkörperung von Solidarität, die insbesondere von der Sozialdemokratie und dem Stalinismus gepflegt wird, eine der größten Lügen in der Geschichte. Solidarität kann niemals gegen den eigenen Willen aufgezwungen werden. Sie ist nur möglich, wenn sowohl jene, die Solidarität ausüben, als auch jene, die Solidarität empfangen, die Überzeugung teilen, dass sie notwendig ist. Solidarität ist der Mörtel, der eine gesellschaftliche Gruppe zusammenhält, der eine Gruppe von Individuen in eine einzige vereinigte Kraft umwandelt.

b) Wie die Solidarität ist auch das Vertrauen ein Ausdruck des sozialen Charakters der Menschheit. Als solcher setzt auch das Vertrauen eine Gemeinsamkeit von Interessen voraus. Es kann nur herrschen im Verhältnis zu anderen menschlichen Wesen, um gemeinsame Ziele und Handlungen zu teilen. Daraus ergeben sich zwei Hauptaspekte: gegenseitiges Vertrauen der Beteiligten, Vertrauen in das gemeinsame Ziel. Die prinzipiellen Grundlagen des sozialen Vertrauens sind also stets ein Maximum an Klarheit und Einheit.

Jedoch ist der wesentliche Unterschied zwischen menschlicher Arbeit und tierischer Aktivität, zwischen der Arbeit des Architekten und der Bildung eines Bienenstocks, wie Marx es formulierte, der Vorsatz dieser Arbeit auf der Grundlage eines Plans.11 Daher ist Vertrauen stets mit der Zukunft verknüpft, mit etwas, was in der Gegenwart nur in Form einer Idee oder einer Utopie existiert. Gleichzeitig ist gegenseitiges Vertrauen daher immer konkret, basierend auf der Fähigkeit einer Gemeinschaft, die erforderlichen Aufgaben zu erfüllen.

So ist das Vertrauen im Gegensatz zur Solidarität, die eine Handlung ist und nur in der Gegenwart existiert, eine Verhaltensweise, die vor allem auf die Zukunft gerichtet ist. Dies verleiht ihm den merkwürdig geheimnisvollen Charakter, der schwierig zu definieren oder zu identifizieren ist, der schwierig weiterzuentwickeln und aufrechtzuerhalten ist. Es gibt kaum einen anderen Bereich im menschlichen Leben, wo es so viel Täuschung und Selbsttäuschung gibt. In der Tat basiert das Vertrauen auf der Erfahrung, auf das „Learning by doing“, um realistische Ziele zu setzen und die geeigneten Mittel dafür zu entwickeln. Doch aufgrund seiner Funktion, etwas Neues, was bisher noch nicht existiert hat, in die Welt zu setzen, verliert es nie seinen „theoretischen“ Aspekt. Keine der großen Errungenschaften der Menschheit wäre ohne diese Fähigkeit möglich gewesen, unbeirrt an einer realistischen, aber – angesichts des Fehlens jeglichen unmittelbaren Erfolges – schwierigen Aufgabe festzuhalten. Es ist die Erweiterung des Bewusstseinsgrades, die ein wachsendes Vertrauen ermöglicht, während das Schwanken der blinden und unbewussten Kräfte in Natur, Gesellschaft und im Individuum zur Zerstörung dieses Vertrauens neigen. Es ist nicht so sehr die Existenz von Gefahren, die das menschliche Vertrauen untergraben, sondern vielmehr die Unfähigkeit, sie zu begreifen. Doch da das Leben ständig neue Gefahren produziert, ist das Vertrauen eine besonders zerbrechliche Qualität, die Jahre der Entwicklung benötigt, aber über Nacht zerstört werden kann.

Wie die Solidarität kann Vertrauen weder dekretiert noch erzwungen werden, sondern erfordert eine adäquate Struktur und Atmosphäre für seine Entwicklung. Was Solidarität und Vertrauen zu solch schwierigen Fragen macht, ist die Tatsache, dass sie Angelegenheiten nicht nur des Kopfes, sondern auch des Herzens sind. Es ist notwendig, „Vertrauen zu empfinden“. Das Fehlen von Vertrauen beinhaltet umgekehrt die Herrschaft von Furcht, Ungewissheit, Zweifeln und Lähmung der bewussten kollektiven Kräfte.

c ) Während sich heute die bürgerliche Ideologie – in ihrer Überzeugung, dass allein die Eliminierung der Schwachen im Konkurrenzkampf ums Überleben die Vervollkommnung der Gesellschaft sichert – mit dem angeblichen „Tod des Kommunismus“ tröstet, sind diese bewussten und kollektiven Kräfte die Grundlage für den Aufstieg der Menschheit. Schon die Vorgänger der Menschheit gehörten mit Sicherheit zu jenen hoch entwickelten tierischen Spezies, deren soziale Instinkte ihnen einen entscheidenden Vorteil im Überlebenskampf verliehen. Diese Spezies trugen bereits die rudimentären Merkmale der kollektiven Stärke in sich: Die Schwachen wurden beschützt, und die Stärken der individuellen Mitglieder wurden zu Stärken der Gesamtheit. Diese Aspekte waren elementar bei der Entstehung der Menschheit, deren Sprößlinge länger hilflos blieben als andere Spezies. Auch mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und der Produktivkräfte hörte das Individuum niemals auf, von der Gesellschaft abhängig zu sein. Die sozialen Instinkte (Darwin nannte sie „altruistisch“), die bereits in der Tierwelt existieren, nahmen in zunehmendem Maße einen bewussten Charakter an. Selbstlosigkeit, Mut, Loyalität, Hingebung zur Gemeinschaft, Disziplin und Ehrlichkeit wurden in den frühen kulturellen Ausdrücken der Gesellschaft gerühmt – die ersten Ausdrücke einer wahrhaft menschlichen Solidarität.

Aber der Mensch ist vor allem die einzige Spezies, die Gebrauch macht von selbst hergestellten Werkzeugen. Es ist die Aneignungsweise von Subsistenzmitteln, die das Handeln der Menschheit in die Zukunft lenkt.

„Beim Tier erfolgt die Handlung unmittelbar nach dem Eindruck: Es sucht seine Beute oder sein Futter, und in einem packt es zu, begreift, isst oder tut das, was für sein Verständnis notwendig ist, und dies verinnerlicht es als Instinkt (...) Beim Menschen jedoch entsteht zwischen dem Eindruck und der Handlung eine lange Kette von Gedanken und Erwägungen. Woher kommt dieser Unterschied? Es ist schwerlich zu übersehen, dass er eng mit dem Gebrauch von Werkzeugen verbunden ist. Auf dieselbe Weise, wie zwischen dem Eindruck und der Handlung der Gedanke steht, so gelangt das Werkzeug zwischen dem Menschen und dem, was er zu erlangen trachtet. Ferner muss zwischen seinem Eindruck und seinem Gebrauch ein Gedanke stehen, da das Werkzeug zwischen dem Menschen und dem äußeren Objekt steht.“ Er nimmt ein Werkzeug in die Hand, „folglich macht sein Geist denselben Umweg und folgt nicht dem ersten Eindruck.“

Zu lernen, nicht dem ersten Eindruck zu folgen, ist eine gute Beschreibung des Sprungs aus der Tierwelt in die Menschheit, aus dem Reich der Instinkte in das Reich des Bewusstseins, vom immediatistischen Gefängnis der Gegenwart zu zukunftsgerichteten Handlungen. Jede wichtige Entwicklung in der frühen menschlichen Gesellschaft wurde von einer Verstärkung dieses Aspekts begleitet. So wurden mit dem Auftreten von sesshaften landwirtschaftlichen Gesellschaften die Alten nicht mehr getötet, sondern als jene geschätzt, die in der Lage waren, Erfahrungen weiterzureichen.

Im so genannten primitiven Kommunismus war dieses embryonale Vertrauen in die Macht des Bewussteins zur Bändigung der Naturgewalten äußerst zerbrechlich gewesen, während die Kraft der Solidarität innerhalb einer jeden Gruppe weitaus mächtiger gewesen war. Doch bis zum Erscheinen von Klassen, Privateigentum und des Staates verstärkten sich diese beiden Kräfte, so ungleich sie gewesen waren, gegenseitig.

Die Klassengesellschaft riss diese Einheit auseinander, indem sie den Kampf zur Bändigung der Natur verstärkte und dabei die soziale Solidarität durch den Kampf der Klassen innerhalb ein und derselben Gesellschaft ersetzte. Es wäre falsch anzunehmen, dass dieses allgemeine gesellschaftliche Prinzip durch die Klassensolidarität ersetzt wurde. In der Geschichte der Klassengesellschaften ist das Proletariat die einzige Klasse, die zu einer wahren Solidarität fähig ist. Während die herrschenden Klassen stets Ausbeuter gewesen waren, für die Solidarität nie mehr als eine momentane Gelegenheit ist, beinhaltete der reaktionäre Charakter der ausgebeuteten Klassen, dass ihre Solidarität notgedrungen einen heimlichen, utopischen Charakter besaß, wie dies für das „Gemeineigentum an Gütern“ des Frühchristentums oder der Sekten im Mittelalter galt. Der wesentliche Ausdruck der sozialen Solidarität innerhalb einer Klassengesellschaft vor dem Aufstieg des Kapitalismus bestand in den Überbleibseln der Naturalwirtschaft, einschließlich der Rechte und Pflichten, welche die gegensätzlichen Klassen immer noch aneinanderbanden. All dies wurde schließlich von der Warenwirtschaft und ihrer Verallgemeinerung im Kapitalismus zerstört.

„Wenn in der gegenwärtigen Gesellschaft die sozialen Instinkte noch einige Gültigkeit besitzen, so nur dank der Tatsache, dass die allgemeine Warenproduktion noch ein sehr junges Phänomen ist, kaum 100 Jahre alt, und dass in dem Maße, wie der Urkommunismus verschwindet und (...) dieser aufhört, eine Quelle sozialer Instinkte zu sein, eine neue und viel stärkere Quelle entsteht, der Klassenkampf der aufsteigenden, ausgebeuteten Volksklassen.“

Mit der Entwicklung der Produktivkräfte wuchs das Vertrauen der Gesellschaft in ihre Fähigkeit, die Naturgewalten zu beherrschen, in beschleunigtem Maße. Der Kapitalismus leistete den bei weitem wichtigsten Beitrag in diese Richtung und kulminierte im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert des Fortschritts und Optimismus. Doch gleichzeitig unterminierte er, indem er die Menschen im Konkurrenzkampf gegeneinander stellte und den Klassenkampf in einem unerhörten Maße verschärfte, in nie dagewesener Weise einen anderen Pfeiler des sozialen Selbstvertrauens – das der gesellschaftlichen Einheit. Darüber hinaus ordnete er den Menschen in dem Maße, wie er ihn von den blinden Naturgewalten befreite, neuen, blinden Kräften innerhalb der Gesellschaft selbst unter, die von der Warenproduktion ausgelöst wurden, deren Gesetze außerhalb der Kontrolle oder gar des Verständnisses – „hinter dem Rücken“ – der Gesellschaft stehen. Dies führte seinerseits zum 20. Jahrhundert, dem tragischsten in der Geschichte, das große Teile der Menschheit in unaussprechliche Verzweiflung stürzte.

In ihrem Kampf für den Kommunismus gründet sich die Klasse selbst nicht nur auf einer Entwicklung der Produktivkräfte, die vom Kapitalismus erreicht wurde, sondern stellt einen Teil ihres Vertrauens in die Zukunft auch auf den Boden wissenschaftlicher Errungenschaften und der theoretischen Einblicke, die von der Menschheit bereits geschaffen worden waren. Gleichermaßen schließt das Erbe der Klasse im Ringen um eine wirksame Solidarität die gesamten Erfahrungen der Menschheit bis heute ein, um soziale Bande, einheitliche Ziele, Freundschaftsbeziehungen, Verhaltensweisen wie Respekt und Achtung vor unseren brüderlichen Mitstreitern, etc. zu schmieden.

In der Internationalen Revue Nr. 32 (November 2003) werden wir den zweiten und abschließenden Teil dieses Textes veröffentlichen. Darin werden die folgenden Fragen behandelt:

- die Dialektik des Selbstvertrauens des Proletariats: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

- das Vertrauen, die Solidarität und der Parteigeist sind nie definitive Errungenschaften

- kein Parteigeist ohne individuelle Verantwortung.

Fußnoten:

1 Die Fussnoten, die dem ursprünglichen Text neu hinzugefügt wurden, befinden sich unten auf der Seite. Diejenigen, die sich bereits im Text befanden, stehen nun am Schluss des Artikels.

2 Die IKS hat die Fragen der Umwandlung des Zirkelgeistes in das Clanwesen, der Clans, die in unserer Organisation aufgetreten sind und den Kampf gegen diese Schwächen, den wir ab 1993 geführt haben, in verschiedenen Arikeln analysiert und beschrieben, vgl. dazu insbesondere „Die Frage der Funktionsweise in der Organisation der IKS“ und „Der Kampf für die Verteidigung der organisatorischen Prinzipien“ in der Internationalen Revue Nr. 30.

3 Es handelt sich dabei um die Untersuchungskommission, die durch den 14. Kongress der IKS ernannt wurde, vgl. dazu „Der Kampf für die Verteidigung der organisatorischen Prinzipien“ in der Internationalen Revue Nr. 30.

4 Vgl. dazu den Artikel „Der Kampf des Proletariats im aufsteigenden und im dekadenten Kapitalismus“ in der IKS-Broschüre Die Gewerkschaften gegen die Arbeiterklasse. Wir weisen in diesem Artikel nach, aus welchen Gründen sich die Kämpfe des 20. Jahrhunderts (und später) im Gegensatz zu denjenigen des 19. Jahrhunderts nicht auf vorbestehende Massenorganisationen der Klasse abstützen können.

5 Im Februar 1941 riefen die antisemitischen Maßnahmen der deutschen Besatzungsmacht eine Massenmobilisierung der holländischen Arbeiter hervor. Der Streik brach am 25. Februar in Amsterdam aus und breitete sich am Tag darauf auf zahlreiche andere Städte aus, namentlich auf Den Haag, Rotterdam, Groningen, Utrecht, Hilversum, Haarlem und griff selbst auf Belgien über, bevor er brutal durch die Repressionskräfte unterdrückt wurde, insbesondere durch die SS. Vgl. dazu unser Buch „The Dutch and German Communist Left“, S. 316 ff. (auf Englisch und Französisch).

6 Die rätistische Auffassung über die Parteifrage, die durch die Holländische Kommunistische Linke entwickelt wurde, und die bordigistische Auffassung, eine Abwandlung der Italienischen Linken, scheinen sich auf den ersten Blick radikal zu widersprechen: Während diese davon ausgeht, dass die kommunistische Partei die Aufgabe hat, die Macht zu ergreifen und die Diktatur im Namen des Proletariats auszuüben, selbst wenn die Gesamtheit der Klasse dagegen ist, so betrachtet jene umgekehrt jede Partei, einschließlich die kommunistische Partei, als eine Gefahr für die Klasse, da sie notwendigerweise dazu bestimmt sei, ihre Macht gegen die Interessen der Revolution zu missbrauchen. Effektiv aber stimmen beide Auffassungen darin überein, dass sie eine Trennung, ja einen Gegensatz herstellen zwischen der Partei und der Klasse und dass sie dieser gegenüber grundsätzlich einen Mangel an Vertrauen entgegenbringen. Für die Bordigisten ist die Klasse in ihrer Gesamtheit nicht in der Lage, die Diktatur auszuüben, und deshalb ist es für sie notwendigerweise die Partei, die diese Aufgabe übernehmen muss. Entgegen allem Anschein hat der Rätismus nicht mehr Vertrauen in das Proletariat, denn er geht davon aus, dass dieses dazu verurteilt ist, seine Macht abzugeben, sobald eine Partei existiert.

7 Zu unserer Analyse des Zerfalls vgl. insbesondere "Der Zerfall: letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus" in Internationale Revue Nr. 13.

8 Dieser Text wurde in der Internationalen Revue Nr. 30 unter dem Titel "Die Frage der Funktionsweise der Organisation in der IKS" veröffentlicht.

9 „Dies geschieht deshalb, weil In einer Clandynamik (...) das gemeinsame Vorgehen nicht auf wirklicher politischer Übereinstimmung (fußt), sondern vielmehr auf Freundschaft, Loyalität, gemeinsamen persönlichen Interessen oder geteilten Frustrationen. (...) Wenn eine solche Dynamik entsteht, entscheiden die Mitglieder oder Sympathisanten des Clans nicht infolge einer bewussten und rationalen Wahl über ihre Haltung und die Entscheidungen, die sie treffen, sondern als Resultat der Claninteressen, die dazu neigen, sich gegen jene der Organisation zu richten.“ („Die Frage der Funktionsweise der Organisation in der IKS“ in der Internationalen Revue Nr. 30, S. 41) Sobald die Militanten eine solche Haltung annehmen, drehen sie der ernsthaften theoretischen Arbeit, dem Marxismus, den Rücken zu und werden zu Trägern einer Tendenz zur theoretischen und programmatischen Degenerierung. Um nur ein Beispiel zu zitieren sei an die clanhafte Gruppierung erinnert, die 1984 in der IKS auftauchte und dann die "Externe Fraktion der IKS" wurde; diese stellte schließlich unsere Plattform, die sie angeblich verteidigen wollte, total in Frage und warf die Analyse der Dekadenz des Kapitalismus über Bord, die das Vermächtnis der Kommunistischen Internationale und der Kommunistischen Linken war.

10 Als Trotzki im Herbst 1902 in Westeuropa ankam, nachdem er der Verbannung in Sibirien entflohen war, ging im bereits der Ruf eines sehr talentierten Journalisten voraus (eines seiner Pseudonyme, die er erhielt, war "Pero", die Feder). Er wurde bald einmal ein enger Mitarbeiter der Iskra, die von Lenin und Plechanow herausgegeben wurde. Im März 1903 schrieb Lenin Plechanow, um ihm vorzuschlagen, Trotzki in die Redaktion der Iskra zu kooptieren, doch Plechanow lehnte ab: In Tat und Wahrheit ging es darum, dass Plechnow fürchtete, das Talent des jungen (23-jährigen) Militanten werfe einen Schatten auf sein eigenes Prestige. Dies war eines der ersten Anzeichen eines Abgleitens Plechanows, der vorher der Hauptverantwortliche für die Verbreitung des Marxismus in Russland gewesen war und schließlich seine Karriere als Sozialchauvinist im Dienst der Bourgeoisie beendete.

11 „Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor es sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht dass er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muss. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt“ (Das Kapital, Erster Band, Buch 1, 5. Kapitel).

A Rosa Luxemburg: Die Revolution in Russland.

B Hans-Christian Anderson: Des Königs Kleide.Es muss hinzugefügt werden, dass Andersons Geschichten manchmal realistischer sind als die Märchen, die das Clanwesen uns auftischt.

C Anton Pannekoek: Marxismus und Darwinismus.

D Karl Kautsky: Ethische und materialistische Geschichtsauffassung.