Die Dekadenz des Kapitalismus verstehen (Teil 3)

Die Kontinuität der politischen Organisationen des Proletariats:
Der Klassencharakter der Sozialdemokratie


Die Dekadenz des Kapitalismus begreifen heißt auch, die Besonderheiten der Formen des proletarischen Kampfes in unserem Zeitraum und damit die Unterschiede zu anderen historischen Epochen zu erkennen. Durch das Verständnis dieser Unterschiede wird die Kontinuität deutlich, die sich durch die politischen Organisationen des Proletariats zieht.
Jene, die wie die Groupe Communiste Internationaliste (GCI) die Dekadenz des Kapitalismus ignorieren, ordnen "logischerweise" die Zweite Internationale (1889-1914) und die ihr angehörenden Parteien dem Lager der Bourgeoisie zu. Sie ignorieren somit diese reelle Kontinuität eines grundlegenden Elementes des Klassenbewußtseins.
Wenn wir diese Kontinuität vertreten, kommt es uns nicht darauf an, die Parteien heute zu glorifizieren, die die Zweite Internationale gebildet hatten. Noch weniger erachten wir ihre Praxis als für unsere Epoche gültig. Vor allem geht es uns nicht darum, sich auf das Erbe der reformistischen Fraktion zu berufen, die in den Sozialchauvinismus abglitt und mit dem Ausbruch des Krieges endgültig ins Lager der Bourgeoisie überwechselte. Worauf es uns ankommt, ist zu begreifen, daß die Zweite Internationale und die sie konstituierenden Parteien authentische Ausdrücke des Proletariats in einem Moment der Geschichte der Arbeiterbewegung waren.
Eines ihrer Verdienste, und nicht das geringste, bestand darin, den Klärungsprozeß abzuschließen, der in den letzten Jahren der Ersten Internationalen mit der Eliminierung der Anarchisten begonnen hatte, diesem ideologischen Ausdruck des Zerfallsprozesses der Kleinbourgeoisie und ihrer Proletarisierung, die von einigen Schichten der Handwerker sehr widerwillig akzeptiert worden war.
Die Zweite Internationale stellte sich von Anfang an auf die Grundlagen des Marxismus, den sie in ihr Programm aufnahm.
Es gibt zwei Arten, die Zweite Internationale und die sozialdemokratischen Parteien zu beurteilen: einmal mit der marxistischen, d.h. kritischen Methode, die sie in ihren historischen Zusammenhang einordnet. Die andere Methode ist die des Anarchismus, die ohne kohärente Methode und auf ahistorische Weise sich schlicht damit zufrieden gibt, ihre Existenz in der Arbeiterbewegung zu leugnen oder auszuradieren. Und dies aus gutem Grund!
Die erste Methode wurde stets von der kommunistischen Linke und auch von der IKS benutzt. Die zweite ist die der Unverantwortlichen, die mit einer "revolutionären" Phraseologie, die ebenso leer wie inkohärent ist, mehr schlecht als recht ihren eigenen Charakter und ihre halb-anarchistische Vorgehensweise verstecken wollen. Die GCI verfolgt die zweite Methode.


Ein apokalyptischer Nihilismus

"Vor mir das Chaos". Für jene, die glauben, es gebe keine Zukunft , "no future", erscheint die vergangene Geschichte als unnütz, absurd, widersprüchlich. So viele Bemühungen, soviel Zivilisation, soviel Wissen, nur um zur Perspektive einer hungernden, kranken, durch einen Atomkrieg bedrohten Menschheit zu gelangen. "Nach mir die Sintflut" ... "vor mir das Chaos".
Diese Art "Punk"-Ideologie, die heutzutage vom Kapitalismus in dieser Epoche der fortgeschrittenen Dekadenz hervorgebracht wird, dringt in unterschiedlichem Ausmaß in die gesamte Gesellschaft ein. Selbst die revolutionären Elemente, die eigentlich - per Definition - von der Existenz, wenn nicht gar  von dem unmittelbaren Bevorstehen einer revolutionären Zukunft der Gesellschaft überzeugt sind, erliegen manchmal, wenn sie nur ein geringes politisches Rüstzeug haben, dem Druck dieses "apokalyptischen Nihilismus", wo nichts aus der Vergangenheit mehr einen Sinn hat. Die Idee einer geschichtlichen "Entwicklung" an sich erscheint ihnen als albern. Und die Geschichte der Arbeiterbewegung, die Bemühungen von anderthalb Jahrhunderten von Generationen von organisierten Revolutionären, um den Kampf ihrer Klasse zu beschleunigen, anzuregen, zu befruchten - all das wird geringgeschätzt, ja, selbst als Mittel zur Konservierung, zur "Selbstregulierung" der existierenden Gesellschaftsordnung betrachtet. Diese Mode, die gelegentlich aufkommt, wird hauptsächlich von Elementen anarchistischer Provenienz oder solchen Elementen getragen, die sich in seine Richtung bewegen.
Seit einigen Jahren spielt die Groupe Communiste Internationaliste (GCI) [1] mehr und mehr diese Rolle. Die GCI ist eine Abspaltung von der IKS (1978), aber die Elemente, die die GCI gründeten, waren, bevor sie sich der IKS anschlossen, selbst aus dem Anarchismus gekommen. Nach einem vorübergehend Flirt mit dem Bordigismus unmittelbar nach dem Bruch mit der IKS hat sich die GCI in Richtung der Kindheitsträumereien einiger ihrer Hauptanstifter, den Anarchismus, zurückentwickelt, mit einigen verzweifelten ahistorischen Hirngespinsten über die ewige Revolte. Aber es handelt sich nicht um einen erklärten, offenen Anarchismus, der in der Lage wäre, zum Beispiel unmißverständlich zu sagen, daß Bakunin und Proudhon inhaltlich gegenüber den Marxisten der damaligen Zeit Recht hatten. Es handelt sich um einen verschämten Anarchismus, der seinen Namen nicht nennen will und seine Thesen mit Hilfe von Zitaten von Marx und Bordiga zu verteidigen sucht. Die GCI hat den "anarcho-bordigistischen Punk" erfunden.
Wie ein Heranwachsender, dem es noch schwer fällt, sich seiner Identität zu bestätigen und mit seinen Eltern zu brechen, geht die GCI davon aus, daß es vor ihr und ihrer Theorie nichts oder fast nichts auf der Welt gab. Lenin? "Seine Theorie vom Imperialismus", behauptet die GCI, "ist nur ein Versuch, den Nationalismus, den Krieg, den Reformismus (...) das Verschwinden des Proletariats als Subjekt der Geschichte in einer anderen Form (der anti-imperialistischen!) zu rechtfertigen" (1). Rosa Luxemburg? Die deutschen Spartakisten? ... "linke Sozialdemokraten". Und die Sozialdemokratie selbst im 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, an deren Gründung sich Marx und Engels beteiligt hatten, aus der nicht nur die Bolschewisten und Spartakisten hervorgegangen waren, sondern auch jene, die später die Kommunistische Linke der Dritten Internationalen (italienische, deutsche, holländische usw.) bildeten? Für die GCI war die Sozialdemokratie (sowie die Zweite Internationale, die sie gründete) "eine durch und durch bürgerliche Organisation". Alle jene, die in der Zweiten Internationalen und später in der Dritten gegen die Reformisten die Unvermeidbarkeit der Dekadenz des Kapitalismus vertraten? "Ob anti-imperialistisch oder luxemburgistisch, die Theorie der Dekadenz ist nichts anderes als eine bürgerliche Wissenschaft, die darauf abzielt, die Schwäche des Proletariats in seinem Kampf ideologisch für eine Welt ohne Werte zu rechtfertigen".
Vor der GCI, so scheint es, wenn man all die angeführten Zitate berücksichtigt, waren die einzigen Revolutionäre Marx und vielleicht Bordiga... obgleich man sich fragen muß, was - der Auffassung der GCI zufolge- denn so revolutionär an den Gründern von "durch und durch bürgerlichen Organisationen" war, wie im Falle von Marx und einem Element wie Bordiga, der erst 1921 mit der italienischen Sozialdemokratie brach!
In der Tat ist für die GCI das Anliegen Nonsens, Kenntnis darüber zu erlangen, welche Organisationen in der Vergangenheit proletarisch waren und worin ihre sukzessiven Beiträge zur kommunistischen Bewegung bestanden. Aus der Sicht der GCI ist die Inanspruchnahme einer politischen, historischen Kontinuität der Organisationen des Proletariats, wie es die kommunistischen Organisationen stets gemacht haben und wie wir es auch tun, ein Einlenken gegenüber einem "Familien"-Geist. Dies ist nur eine Facette ihrer chaotischen Vorstellung über die Geschichte, nur eine der Rosinen aus dem theoretischen Brei, der der GCI als Rahmen für ihre Intervention dienen soll. In den beiden vorhergehenden Artikeln (2), die sich der Analyse der Dekadenz des Kapitalismus und der Kritik der GCI daran widmeten, haben wir einerseits die anarchistische Belanglosigkeit, die sich mit ihrer Ablehnung der Analyse der Dekadenz des Kapitalismus und selbst der Idee einer historischen Evolution hinter dem marxistischen Gerede der GCI versteckt, und andererseits die  politischen Irrwege aufgezeigt, die eindeutig bürgerlichen Positionen - Unterstützung der stalinistischen Guerilla des Leuchtenden Pfads in Peru beispielsweise - , zu der diese Methode oder vielmehr das völlige Fehlen einer Methode führt. Es geht also in diesem Artikel darum, die andere Seite dieser unhistorischen Auffassung zu bekämpfen: die Ablehnung der Notwendigkeit einer jeden revolutionären Organisation, den Rahmen der geschichtlichen Kontinuität mit den kommunistischen Organisationen der Vergangenheit zu begreifen und sich in ihm einzuordnen.


Die Bedeutung der historischen Kontinuität in der kommunistischen Bewegung

In all unseren Veröffentlichungen schreiben wir: "Die IKS beruft sich auf die nacheinander vom Bund der Kommunisten, von der I., II. und II. Internationale sowie den linken Fraktionen, welche aus der letzteren hervorgegangen sind, erbrachten Errungenschaften, insbesondere die der deutschen, holländischen und italienischen Linken." Dies ruft in der GCI Übelkeit hervor.
"Die Kommunisten", schreibt die GCI, "kennen kein Problem der 'Vaterschaft'; die Bindung an eine revolutionäre 'Familie' ist eine Art, die Unpersönlichkeit des Programms zu leugnen. Der Faden der Geschichte, an dem die kommunistische Strömung entlangfließt, ist weniger eine Frage von 'Personen'  denn eine formelle Organisationsfrage; es ist eine praktische Frage, eine Praxis, die mal von diesem Individuum, mal von jener Organisation getragen wird. Lassen wir die senilen Dekadentisten auf der Suche nach ihren Papas über ihren Stammbaum gackern. Befassen wir uns mit der Revolution".
Besessen von den Problemen der "Revolte gegen den Vater", spricht die GCI nur vom "Faden der Geschichte", um daraus eine überirdische Abstraktion zu machen, bar jeder Realität und über "Personen" und "formelle Organisationen" schwebend. Sich die Erfahrung der Geschichte des Proletariats und damit die von ihren politischen Organisationen gezogenen Lehren anzueignen nennt die GCI eine "Suche nach dem Papa". "Befassen wir uns eher mit der Revolution" - setzen sie dem entgegen, aber diese Sätze sind hohle Formulierungen und inkonsequent, wenn man die Bemühungen und die Kontinuität in den Anstrengungen der Organisationen außer Acht läßt, die sich tatsächlich seit mehr als anderthalb Jahrhunderten "mit der Revolution befaßt" haben.
Man untersucht die Gegenwart nicht vom Standpunkt der Vergangenheit aus; man untersucht die Vergangenheit vom Standpunkt der gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnisse der Revolution aus. Doch ohne dieses Verständnis der Geschichte ist man unweigerlich machtlos gegenüber der Zukunft.
Der Kampf für die kommunistische Revolution hat nicht mit der GCI begonnen. Dieser Kampf hat eine lange Vorgeschichte. Und auch wenn sie vor allem von Niederlagen des Proletariats geprägt ist, hat sie jene, die heute wirklich zum revolutionären Kampf beitragen wollen, mit Lektionen, Errungenschaften versorgt, die kostbare und unverzichtbare Instrumente des Kampfes sind. Und es sind gerade die politischen Organisationen des Proletariats, die sich die ganze Geschichte hindurch bemüht haben, diese Lehren zu ziehen und zu formulieren. Dazu aufzurufen, "sich mit der Revolution zu befassen", ohne sich mit den proletarischen politischen Organisationen der Vergangenheit und der Kontinuität ihres Wirkens zu befassen - das ist die Scharlanterie einer mit heißer Nadel gestrickten Revolte. Das Proletariat ist eine historische Klasse, d.h. der Träger einer Zukunft auf historischer Ebene. Es ist eine Klasse, die im Gegensatz zu anderen unterdrückten Klassen, die im Verlauf der Entwicklung des Kapitalismus zerfallen, sich verstärkt, sich weiterentwickelt,  ihre Kräfte bündelt, wobei sie gleichzeitig über Generationen hinweg mittels Tausender von täglichen Widerstandskämpfen und einigen großen revolutionären Anläufen ein Bewußtsein davon entwickelt, was sie ist, was sie kann und was sie will. Die Aktivitäten der revolutionären Organisationen, ihre Debatten, ihre Umgruppierungen wie auch ihre Spaltungen sind ein integraler Bestandteil dieses historischen, seit Babeuf und bis zu seinem endgültigen Triumph ununterbrochenen Kampfes.
Nicht die Kontinuität begreifen, die diese Organisationen durch die ganze Geschichte verbindet, hieße, im Proletariat nur eine Klasse ohne Geschichte, ohne Bewußtsein zu sehen, die allerfalls zur Revolte fähig ist. Dies ist die Sicht der Bourgeoisie auf die Arbeiterklasse. Aber nicht die der Kommunisten! Die GCI sieht ein psychologisches Problem der "Vaterschaft" und "Familienanhänglichkeit"", obgleich es sich in Wirklichkeit um ein Mindestmaß an Bewußtsein handelt, das von einer Organisation verlangt werden kann, die vorgibt, die Rolle einer Avantgarde des Proletariats zu spielen.


Auf welche Kontinuität berufen wir uns?

Die GCI behauptet, sich auf eine Kontinuität der früheren kommunistischen Organisationen zu berufen hieße, die "Unpersönlichkeit des Programms" zu leugnen. Es liegt auf der Hand, daß das kommunistische Programm weder das Werk noch das Eigentum irgendeiner Person, irgendeines Genies ist. Der Marxismus trägt den Namen von Marx, weil damit die Tatsache anerkannt wird, daß er es gewesen war, der die Grundlagen einer wirklich kohärenten proletarischen Konzeption der Welt geschaffen hat. Doch diese Konzeption hörte nicht auf, sich durch den Klassenkampf und durch seine Organisationen seit seinen ersten Formulierungen weiterzuentwickeln. Marx selbst berief sich auf das Werk der Gleichen von Babeuf, die utopischen Sozialisten, die englischen Chartisten usw. und faßte seine Ideen als ein Produkt aus der Entwicklung des reellen Kampfes des Proletariats auf.
Aber so "unpersönlich" es auch sein mag, das kommunistische Programm ist dennoch das Werk menschlicher Wesen, die aus Fleisch und Blut bestehen, von Militanten, die sich in politischen Organisationen sammeln, und es gibt dennoch eine Kontinuität im Wirken dieser Organisationen. In Wahrheit geht es nicht darum zu wissen, ob es eine Kontinuität gibt oder nicht, sondern darum, um welche Kontinuität es sich handelt.
Die GCI gibt zu verstehen, daß die Inanspruchnahme einer Kontinuität der politischen Organisationen des Proletariats auf ein Einverständnis  mit allem, was irgendwer irgendwann in der Arbeiterbewegung geäußerte hatte, hinausläuft, und demonstriert so, daß sie nicht einmal begriffen hat, was sie zu kritisieren vorgibt.
Eine der Hauptbeschuldigungen der GCI gegen jene, die die Idee der kapitalistischen Dekadenz vertreten, lautet, daß letztere "auf diese Weise unkritisch die vergangene Geschichte und insbesondere den sozialdemokratischen Reformismus billigen, was im Handumdrehen damit gerechtfertigt wird, daß letzterer in der 'aufsteigenden Phase des Kapitalismus' stattgefunden habe".
In der bornierten Logik der GCI kann die Akzeptierung einer historischen Kontinuität nur "unkritische Billigung" bedeuten. In Wahrheit hat, was die Organisationen der Vergangenheit anbetrifft, die Geschichte es selbst übernommen, eine schonungslose Kritik zu üben.
Die Kontinuität zwischen den alten und neuen Organisationen wird nicht von irgendeiner Tenden bewahrt. Es war immer die Linke gewesen, die die Kontinuität zwischen den drei politischen, internationalen Hauptorganisationen des Proletariats gewährleistet hat.
Sie haben in Gestalt der marxistischen Strömung die Kontinuität zwischen der Ersten und Zweiten Internationalen gegen proudhonistische, bakunistische, blanquistische und andere korporatistische Strömungen gesichert. Es war ebenfalls die Linke, die, indem sie den Kampf gegen die reformistische Strömung und dann gegen die "Sozialpatrioten" aufnahm, während des Krieges mit der Gründung der Kommunistischen Internationalen die Kontinuität zwischen der Zweiten und Dritten Internationalen sicherstellte. Und es war wieder die Linke, die "Linkskommunisten", die sich die revolutionären Errungenschaften, welche von der sozialdemokratischen und stalinistischen Konterrevolution mit Füßen getreten worden waren, wieder aneignete und weiterentwickelte. Dies erklärt sich aus der schwierigen Existenz politischer Organisationen des Proletariats. Allein die Existenz einer authentischen politischen Organisation des Proletariats stellt einen ständigen Kampf gegen den Druck der herrschenden Klasse dar, einen Druck, der sich materiell - Mangel an finanziellen Quellen, polizeiliche Repression - aber auch und vor allem ideologisch auswirkt. Die vorherrschende Ideologie neigt immer dazu, die Ideologie der ökonomisch herrschenden Klasse zu sein. Die Kommunisten sind Menschen, und ihre Organisationen sind nicht auf wunderbare Weise umempfänglich gegen das Eindringen einer Ideologie, die das gesamte Gesellschaftsleben durchtränkt. Politische Organisationen enden oft, indem sie Verrat begehen und ins gegnerische Lager überlaufen. Allein die Fraktionen der Organisation, die die Stärke besaßen, sich nicht dem Druck der herrschenden Klasse zu fügen - die Linke -, waren imstande, sich den proletarischen Inhalt zu eigen zu machen, den diese Organisationen einst besaßen.
In diesem Sinne bedeutet die Reklamierung einer Kontinuität, die die politischen Organisationen des Proletariats überspannt, die Inanspruchnahme des Vermächtnisses der unterschiedlichen Linksfraktionen, die allein in der Lage waren, diese Kontinuität zu wahren. Sich zu den "sukzessiven Beiträgen des Kommunistischen Bundes, der Ersten, Zweiten und Dritten Internationalen zu bekennen heißt nicht, die Willichs und Schappers im Kommunistischen Bund, die Anarchisten in der Ersten Internationalen, die Reformisten in der Zweiten oder die degenerierten Bolschewiki in der Dritten Internationalen "auf unkritische Weise zu billigen". Im Gegenteil, es heißt, sich zur politischen Auseinandersetzung zu bekennen, die von den allgemeinhin minoritären Linken gegen diese Tendenzen geführt wurde.
Diese Auseinandersetzung wurde jedoch nicht irgendwo geführt. Sie fand statt innerhalb jener Organisationen, die die fortschrittlichsten Elemente der Arbeiterklasse um sich scharten; in proletarischen Organisationen, die trotz all ihrer Schwächen immer eine lebendige Herausforderung der etablierten Ordnung waren. Sie waren nicht die Verkörperung einer unveränderlichen, ewigen Wahrheit, die ein für allemal festgelegt ist - wie die Theorie der Invarianz von KOMMUNISTISCHES PROGRAMM vorgibt, die die GCI von den Bordigisten übernommen hat. Sie waren die konkrete "Avantgarde" des Proletariats als eine revolutionäre Klasse in einem gegebenen Moment der Geschichte und auf einer entsprechenden Entwicklungsstufe ihres Klassenbewußteins gewesen.
Durch Debatten zwischen den Tendenzen von Willich und Marx im Kommunistischen Bund, durch die Konfrontation zwischen Anarchisten und Marxisten in der Ersten Internationalen, zwischen den Reformisten und der internationalistischen Linken in der Zweiten, zwischen den degenerierten Bolschewiki und den Linkskommunisten in der Dritten Internationalen nahmen die ständigen Bemühungen der Arbeiterklasse, politische Waffen für ihren Kampf zu schmieden, erst konkrete Gestalt an. Einen Anspruch auf die politische Kontinuität mit den politischen Organisationen des Proletariats zu erheben bedeutet, sich in eine Reihe mit Tendenzen, die diese Kontinuität übernommen hatten, aber auch mit den Bemühungen an sich zu stellen, die diese Organisationen darstellten.


Der Klassencharakter der Sozialdemokratie an der Wende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert

Die Hauptbeschuldigung der GCI lautet, die Idee einer Kontinuität mit politischen Organisationen des Proletariats führe dazu, die sozialdemokratischen Parteien und die II. Internationalen als proletarisch anzuerkennen. Für die GCI ist die Sozialdemokratie "im Kern bürgerlich".
Wie wir in den vorausgegangenen Artikeln gesehen haben, greift die GCI dabei die Vorstellung auf, derzufolge die kommunistische Revolution seit den Anfängen den Kapitalismus permanent auf der Tagesordnung gestanden habe: es gebe keine unterschiedlichen Perioden des Kapitalismus. Das proletarische Programm kann demnach auf die eine ewige Forderung reduziert werden: die sofortige Weltrevolution! Gewerkschaften, Parlamentarismus, der Kampf für Reformen seien nie proletarisch gewesen. Folglich konnten die sozialdemokratischen Parteien und die Zweite Internationale, die diese Kampfformen zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Aktivitäten gemacht hatten, nichts anderes sein als Instrumente der Bourgeoisie. Die Zweite Internationale zu Engels' Lebzeiten ist also dasselbe wie das Einvernehmen zwischen Mitterand und Felipe Gonzales. Da wir uns in zwei früheren Artikeln lang genug mit ihnen beschäftigt haben, werden wir nicht auf solche Fragen zurückkommen wie die Existenz zweier fundamentaler historischer Epochen im Leben des Kapitalismus oder die zentrale Stellung der Analyse der kapitalistischen Dekadenz im marxistischen Kontext (s. INTERNATIONALE REVUE, Nr. 10, 11). Auch werden wir nicht noch einmal die Frage der Unterschiede aufgreifen, die sich aus dem Epochenwechsel für die Praxis und die Kampfformen der Arbeiterbewegung ergeben.
Ausgehend von der historischen Kontinuität revolutionärer Organisationen wollen wir hier hervorheben, was, unbenommen ihrer den Kampfformen dieser Periode entsprechenden Schwächen und ihrer Degeneration, proletarisch an der Sozialdemokratie war und was sie beigetragen hatte, das revolutionäre Marxisten danach für sich in Anspruch nehmen sollten.
Wie sehen die Kriterien für die Bestimmung des Klassencharakters einer Organisation aus? Es lassen sich drei Hauptkritrerien nennen:
- ihr Programm, d.h. die Definition ihrer Ziele und ihrer Handlungsinstrumente insgesamt;
- die Praxis der Organisation im Klassenkampf;
- schließlich ihre Herkunft und ihre historische Dynamik.
Jedoch bekommen diese Kriterien erst einen Sinn, wenn man die fragliche Organisation zuallererst in die historischen Bedingungen ihrer Existenz einordnet. Und dies nicht nur, weil es unerläßlich ist, die objektiven historischen Bedingungen zu berücksichtigen, um zu bestimmen, wie die Formen und die Sofort-Forderungen des proletarischen Kampfes aussehen und aussehen könnten. Es ist auch unerläßlich, um präsent zu haben, welchen Grad an Bewußtsein die proletarische Klasse in einem gegebenen Moment erreicht hat, um den Bewußtseinsgrad einer bestimmten Organisation zu beurteilen.
Bewußtsein entwickelt sich historisch. Es reicht nicht aus, begriffen zu haben, daß das Proletariat zumindest ab der Mitte des 19. Jahrhunderts als eine politisch autonome Klasse existiert hat. Es ist ebenso notwendig zu begreifen, daß es seitdem nicht als Mumie, als ausgestopfter Dinosaurier überdauert hat. Sein Klassenbewußtsein, sein historisches Programm hat sich entfaltet, wurde mit jeder Erfahrung reicher und hat sich mit der Reifung der historischen Bedingungen weiterentwickelt. Um den Grad an Bewußtsein zu beurteilen, der sich im Programm einer proletarischen Organisation des 19. Jahrhunderts ausdrückt, wäre es absurd, den Maßstab eines Verständnisses anzulegen, das erst nach Jahrzehnten weiterer Erfahrungen möglich war.
Rufen wir uns schließlich kurz einige Elemente der historischen Bedingungen in Erinnerung, unter denen sich die sozialdemokratischen Parteien im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und bis zum Ausbruch des Weltkrieges gebildet und existiert hatten, dem Augenblick, in dem die Zweite Internationale starb und eine Partei nach der anderen unter der Last des Verrats ihrer opportunistischen Führung auseinanderbrach.


Die Bedingungen des proletarischen Kampfes in der Epoche der Sozialdemokratie

In der starren und statischen Konzeption der GCI, in der der Kapitalismus seit seinen Anfängen "unveränderlich" geblieben ist, erscheint die Epoche Ende des 19. Jahrhunderts identisch mit der aktuellen Epoche. Auch ihre Beurteilung der Sozialdemokratie aus dieser Epoche beschränkt sich auf die Identifizierung derselben mit den heutigen sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien. In Wahrheit ist diese Art von kindischer Projektion, die davon ausgeht, daß mehr, als man selbst weiß, nicht existiert, nichts anderes als eine plumpe Negation der historischen Analyse. Die heutigen Generationen kennen eine Welt, die seit mehr als einem dreiviertel Jahrhundert die schlimmsten Manifestationen der Barbarei in der Geschichte der Menschheit erlebt hat: die Weltkriege. Wenn es keinen Krieg gab, brach eine Wirtschaftskrise über die Gesellschaft herein, mit Ausnahme zweier Perioden der "Prosperität", die sich auf den "Wiederaufbau" nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gründeten. Hinzugefügt werden sollte auch das Aufkommen von lokalen Kriegen in Permanenz in den weniger entwickelten Regionen nach Ende des Zweiten Weltkrieges und die Ausrichtung der gesamten Weltwirtschaft auf im wesentlichen militärische und zerstörerische Ziele.
Der Apparat, der für die Erhaltung dieser dekadenten Ordnung verantwortlich zeichnet, hat seinen Griff auf die Gesellschaft pausenlos verstärkt; die Tendenz zum Staatskapitalismus in all seinen Formen äußert sich in allen Ländern immer mächtiger und allgegenwärtiger in allen Gesellschaftsbereichen und vor allen Dingen in den Klassenbeziehungen. In jedem Land ist der Staatsapparat mit einem ganzen Sortiment von Instrumenten ausgestattet, um die Arbeiterklasse zu kontrollieren, zu kanalisieren und zu atomisieren. Die Gewerkschaften und die Massenparteien sind Teil des Räderwerks in der staatlichen Maschinerie geworden. Das Proletariat kann nur sporadisch seine Existenz als Klasse unter Beweis stellen. Abgesehen von Momenten des sozialen Aufruhrs ist es als kollektiver Körper atomisiert, als ob es aus der zivilisierten Welt ausgestoßen ist.
Ganz anders der Kapitalismus im späten 19. Jahrhundert. Auf ökonomischer Ebene durchschritt die Bourgeoisie die längste und kraftvollste Prosperitätsperiode in ihrer Geschichte. Nach den zyklischen Wachstumskrisen, die das System ungefähr alle zehn Jahre zwischen 1825 und 1873 befielen, erlebte der Kapitalismus bis 1900 fast 30 Jahre eines ununterbrochenen Wohlstandes. Auf militärischer Ebene war die Periode geradezu ausnahmslos: es gab keine größeren Kriege. In dieser Zeit der verhältnismäßig friedlichen Prosperität, schwer vorstellbar für Menschen unserer Epoche, fand der proletarische Kampf in einem politischen Zusammenhang statt, der, obwohl er natürlich im Rahmen der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung blieb, nichtsdestotrotz sehr unterschiedliche Merkmale gegenüber dem 20. Jahrhundert aufwies.
Die Beziehungen zwischen Proletariern und Kapitalisten waren direkt und darüber hinaus zersprengt, weil die meisten Fabriken noch von beschränkter Größe waren. Der Staat griff in diesen Beziehungen nur bei offenen Konflikten ein, die "die öffentliche Ordnung zu gefährden" drohten. In der überwältigenden Mehrheit von Fällen waren Verhandlungen über Löhne und Arbeitsbedingungen eine Angelegenheit, die vom lokalen Kräfteverhältnis zwischen den Bossen (oft Familienunternehmen) und den Arbeitern abhing, die zumeist direkt aus dem Handwerk und der Landwirtschaft kamen. Der Staat hielt sich fern von diesen Verhandlungen.
Der Kapitalismus eroberte den Weltmarkt und verbreitete seine Formen der gesellschaftlichen Organisation in alle Winkel dieser Erde. Die Bourgeoisie brachte die Entwicklung der Produktivkräfte zur Explosion. Mit jedem Tag wurde sie reicher und profitierte sogar von der Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter. Arbeitskämpfe waren oft vom Erfolg gekrönt. Lange, unnachgiebige, selbst isolierte Streiks zwangen die Bosse, die - abgesehen von der Tatsache, daß sie in der Lage waren zu zahlen - den Arbeitern oft zersplittert gegenüberstanden. Die Arbeiter lernten, sich dauerhaft zu vereinen und zu organisieren (wie die Bosse übrigens auch). Ihre Kämpfe rangen der Bourgeoisie das Recht auf die Existenz von Arbeiterorganisationen - Gewerkschaften, politische Parteien, Kooperativen - ab. Das Proletariat bestätigte sich als eine soziale Kraft in der Gesellschaft, selbst außerhalb von Momenten des offenen Kampfes. Die Arbeiterklasse führte ein Leben für sich in der Gesellschaft: es gab die Gewerkschaften (die "Schulen des Kommunismus" waren), aber es gab auch Arbeitervereine, in denen man über Politik reden konnte, "Arbeiteruniversitäten", wo man den Marxismus, aber auch das Lesen und Schreiben erlernen konnte (Rosa Luxemburg und Pannekoek waren Lehrer in der deutschen Sozialdemokratie); es gab Arbeiterlieder und Arbeiterfeste, wo man sang, tanzte und sich über den Kommunismus unterhielt.
Das Proletariat erzwang das allgemeine Wahlrecht und setzte seine Vertretung durch eigene politische Organisationen im bürgerlichen Parlament durch - das Parlament war noch nicht vollständig vom Mystifikationszirkus durchtränkt; die reelle Macht befand sich noch nicht gänzlich in den Händen der Regierungssexekutive. Es gab echte Konfrontationen zwischen den verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klassen, und dem Proletariat gelang es manchmal, diese Divergenzen  zwischen bürgerlichen Parteien für die Durchsetzung seiner eigenen Interessen zu nutzen. Die Lebensbedingungen der europäischen Arbeiterklasse erfuhren reelle Verbesserungen: Verkürzung der Arbeitszeit von zwölf bis vierzehn Stunden auf zehn; Verbot von Kinderarbeit und der schweren körperlichen Arbeit für Frauen; eine allgegenwärtige Steigerung des Lebensstandards; Hebung der allgemeinen Kultur. Inflation war unbekannt. Die Konsumgüterpreise fielen mit der Einführung neuer Produktionstechniken. Die Arbeitslosigkeit war auf das Minimum einer Reservearmee an Arbeitskräften reduziert, das ein expandierender Kapitalismus heranziehen konnte, um seine konstant wachsenden Bedürfnisse zu befriedigen. Ein junger beschäftigungsloser Arbeiter von heute mag Schwierigkeiten haben, sich dies vorzustellen, aber dies sollte für jede Organisation klar sein, die für sich in Anspruch nimmt, marxistisch zu sein.


Sozialdemokratie ist nicht gleich Reformismus

Die sozialdemokratischen Arbeiterparteien und "ihre" Gewerkschaften waren Produkt und Instrument der Kämpfe dieser Epoche. Im Gegensatz zu dem, was die GCI andeutet, waren die Gewerkschaft und der politische Kampf im Parlament in den 1870er Jahren keine "Erfindung" der Sozialdemokratie. Von den ersten Artikulationen des Proletariats als Klasse an, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hat sich der Kampf für das Bestehen von Gewerkschaften oder für das allgemeine Wahlrecht (insbesondere die Chartisten in England) in der Arbeiterklasse entwickelt. Die Sozialdemokratie entwickelte und organisierte lediglich eine Bewegung, die schon vor ihr existiert und sich unabhängig von ihr entwickelt hatte. Für das Proletariat war die Frage damals wie heute dieselbe: wie bekämpft man die Ausbeutung, in der man sich befindet? Und zu dieser Zeit waren der gewerkschaftlich und politisch-parlamentarische Kampf durchaus effektive Mittel des Widerstandes. Sie im Namen der "Revolution" abzulehnen hieße, eine ganz reelle Bewegung und den einzigen Weg zur Revolution, der zu dieser Zeit möglich war, zu ignorieren und abzulehnen. Die Arbeiterklasse mußte ihn benutzen, um ihre Ausbeutung zu begrenzen, aber auch um sich bewußt über sich selbst und ihre Existenz als autonome und vereinte Kraft zu werden.
"Die große sozialistische Bedeutung des gewerkschaftlichen und politischen Kampfes besteht darin, daß sie die Erkenntnis, das Bewußtsein der Arbeiterklasse sozialisieren."  (Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution, Ges. Werke, Bd.1/1, S. 402)
Das war das "Minimalprogramm". Aber es war begleitet von einem "Maximalprogramm", das von der Klasse ausgeführt werden sollte, wenn sie einst fähig geworden ist, ihren Kampf gegen Ausbeutung bis zum Äußersten zu führen: die Revolution. Rosa Luxemburg drückte die Verknüpfung zwischen diesen beiden Programmen so aus:
"In der parteiüblichen Auffassung führt man das Proletariat durch den gewerkschaftlichen und politischen Kampf zu der Überzeugung von der Unmöglichkeit, seine Lage gründlich durch diesen Kampf aufzubessern, und von der Unvermeidlichkeit einer endgültigen Besitzergreifung der politischen Machtmittel." (ebenda, S. 401)
Dies war das Programm der Sozialdemokratie.
Im Gegensatz definierte sich der Reformismus durch seine Verneinung der Idee von der Notwendigkeit der Revolution. Er hielt allein den Kampf für Reformen innerhalb des Systems für sinnvoll. Und die Sozialdemokratie gründete sich im Widerspruch sowohl zu den Anarchisten - die glaubten, die Revolution sei zu jeder Zeit möglich - als auch zu den Pragmatikern und ihrem Reformismus, die annahmen, der Kapitalismus sei ewig. Hier ein Beispiel, wie die französische Arbeiterpartei ihr Wahlprogramm 1880 vorstellte:
"In Erwägung,
... daß die kollektive Aneignung nur von einer revolutionären Aktion der Klasse der Produzenten - dem Proletariat -, in einer selbständigen politischen Partei organisiert, ausgehen kann;
- daß eine solche Organisation mit allen Mitteln, über die das Proletariat verfügt, angestrebt werden muß, einschließlich des allgemeinen Wahlrechts, das so aus einem Instrument des Betrugs, das es bisher gewesen ist, in ein Instrument der Emanzipation umgewandelt wird,
haben die französischen sozialistischen Arbeiter, die sich auf wirtschaftlichem Gebiet die Rückkehr aller Produktionsmittel in Kollektiveigentum zum Ziel ihrer Anstrengungen gesetzt haben, als Mittel der Organisation und des Kampfes beschlossen, mit folgendem Minimalprogramm in die Wahlen zu gehen…"
(Einleitung zum Programm der französischen Arbeiterpartei, Mai 1880, erschienen in L'Egalité, Nr. 24, 30.6.1880, in: MEW, Bd. 19, S. 238)
Dieses Programm wurde von Karl Marx geschrieben.
Wie groß auch immer das Gewicht des Opportunismus gegenüber dem Reformismus innerhalb der sozialdemokratiscnen Parteien war, ihr Programm lehnte ihn ausdrücklich ab. Das Maximalprogramm der sozialdemokratischen Parteien war die Revolution; der gewerkschaftliche und parlamentarische Kampf war im wesentlichen das praktische Mittel, angepaßt an die Möglichkeiten und Forderungen der Epoche, um die Verwirklichung dieses Ziels vorzubereiten.


Die Errungenschaften der Zweiten Internationalen

Die Aneignung des Marxismus
Natürlich erkennt die GCI keinen Beitrag  all dieser "im Kern bürgerlichen" Organisationen für die Arbeiterbewegung an. "Zwischen der Sozialdemokratie und dem Kommunismus", so sagen sie, "gibt es dieselbe Klassengrenze wie zwischen Bourgeoisie und Proletariat."
Die Ablehnung der Sozialdemokratie und der Zweiten Internationalen des 19.Jahrhunderts ist nichts Neues. Die Anarchisten haben immer so verfahren. Was daran relativ neu ist, ist, dies zu tun und dabei Marx und Engels für sich zu reklamieren, aus Sorge um die elterliche Gewalt vielleicht...
Das Problem ist, daß die Aneignung marxistischer Konzeptionen und die ausdrückliche Ablehnung des Anarchismus zweifellos die Haupterrungenschaft der Zweiten Internationalen im Verhältnis zur Ersten Internationalen bildet. In der 1864 gegründeten Ersten Internationalen versammelten sich besonders in den Anfängen alle Arten von politischen Tendenzen: Mazzinisten, Proudhonisten, Bakunisten, Blanquisten, britische Gewerkschafter usw. Die Marxisten waren lediglich eine winzige Minderheit (das Gewicht der Persönlichkeit von Marx innerhalb des Generalrates sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen). Es gab nur einen Marxisten, Frankel, in der Pariser Kommune, und der war Ungar.
Im Gegensatz dazu fußte die Zweite Internationale mit Engels von Anfang an auf der Grundlage marxistischer Konzeptionen. Dies wurde ausdrücklich auf dem Erfurter Kongreß 1891 anerkannt.
In Deutschland wurde schon früh, 1869, in Eisenach die sozialdemokratische Partei von Wilhelm Liebknecht und August Bebel gegründet, nachdem sie sich von Lassalles Organisation (der Allgemeinen Arbeiter Assoziation der deutschen Arbeiter) gespalten hat. Nach der Wiedervereinigung beider Parteien 1875 befanden sich die Marxisten in der Mehrheit, aber das verabschiedete Programm war derart voll von Konzessionen an die Lassalleanischen Konzepte, daß Marx in einem Begleitbrief zu seiner berühmten "Kritik am Gothaer Programm" schrieb:
"Nach abgehaltnem Koalitionskongreß werden Engels und ich nämlich eine kurze Erklärung veröffentlichen, des Inhalts, daß wir besagtem Prinzipienprogramm durchaus fernstehn und nichts damit zu tun haben." Er fügte hinzu: "Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme." (Brief an W. Bracke, 5. 5. 1875, MEW 19, S. 13).
Fünfzehn Jahre später wurde sein Vertrauen in die reelle Bewegung durch die Aneignung marxistischer Konzeptionen durch die Zweite Internationale von ihrer Gründung an gerechtfertigt.
Dies war ein wesentlicher Beitrag zur Stärkung der Arbeiterbewegung.
Die GCI erinnert uns daran, daß Marx und Engels den Begriff "Sozialdemokratie" ablehnten, der in Wirklichkeit die Lassalleanischen Schwächen der deutschen Partei widerspiegle: "Man wird bemerken, daß in allen diesen Aufsätzen und namentlich in diesem letzteren ich mich durchweg nicht einen Sozialdemokraten nenne, sondern einen Kommunisten (...) Für Marx und mich war es daher rein unmöglich, zur Bezeichnung unseres speziellen Standpunkts einen Ausdruck von solcher Dehnbarkeit zu wählen." (Engels, Vorwort zur Broschüre "Internationales aus dem 'Volksstaat'", 3.1.1894, MEW Bd. 22, S. 417)
Die GCI "vergißt" jedoch zu erwähnen, daß die Marxisten daraus nicht den Schluß zogen, mit der Partei zu brechen, sondern daß sie sich damit abfanden und eine inhaltliche Auseinandersetzung führten. So präzisierte Engels: "Heute ist das anders, und so mag das Wort passieren, so unpassend es bleibt für eine Partei, deren ökonomisches Programm nicht bloß allgemein sozialistisch, sondern direkt kommunistisch, und deren politisches letztes Endziel die Überwindung des ganzen Staates, also auch der Demokratie ist." (ebenda, S. 402).
Die Aneignung der grundsätzlichen Konzepte des Marxismus durch die Internationale war kein Geschenk des Himmels, sondern eine Errungenschaft, die dank der fortschrittlichsten Elemente erzielt wurde.

Die Unterscheidung zwischen proletarischen Einheitsorganisationen und politischen Organisationen des Proletariats
Ein anderer wichtiger Beitrag der Zweiten Internationalen im Vergleich zur Ersten war die Unterscheidung zwischen zwei gesonderten Organisationsformen. Auf der einen Seite die Einheitsorganisationen, die die Proletarier auf der Grundlage ihrer Klassenzugehörigkeit um sich sammeln (Gewerkschaften und später die Sowjets bzw. Arbeiterräte); auf der anderen Seite die politischen Organisationen, die die Militanten auf der Basis einer präzisen, politischen Plattform um sich sammeln.
Besonders in ihren Anfängen sammelte die Erste Internationale sowohl Individuen als auch Kooperativen, Solidargemeinschaften, Gewerkschaften und politische Vereine um sich. Was bedeutete, daß sie als Organ nie wirklich ihren Aufgaben gerecht wurde, weder der Aufgabe klarer politischer Orientierung noch der Aufgabe der Vereinigung der Proletarier.
Es war daher ganz natürlich, daß die Anarchisten, die sowohl den Marxismus als auch die Notwendigkeit einer politischen Organisation ablehnen, die Zweite Internationale von Anbeginn bekämpften. Im übrigen: viele anarchistische Strömungen berufen sich auch heute noch auf die IAA (Internationale Arbeiter Assoziation).
Auch hier kommt nichts Neues von der GCI, sie bleibt unverändert... anarchistisch.

Warum und wie die Revolutionäre innerhalb der Zweiten Internationalen kämpften
Bedeutet dies, daß die Sozialdemokratie und die Zweite Internationale perfekte Verkörperungen einer Organisation der proletarischen Avantgarde waren? Natürlich nicht.
Der Gothaer Kongreß wurde vier Jahre nach der Niederschlagungung der Kommune abgehalten; die Zweite Internationale wurde nach fast 20 Jahren ununterbrochene kapitalistischer Prosperität gegründet, angestoßen von Streiks, die nicht von einer sich verschlimmernden Ausbeutung infolge einer Wirtschaftskrise ausgelöst wurden, sondern von eben jener Prosperität, die das Proletariat in eine Lage relativer Stärke versetzte. Der Abstand zwischen den zyklischen Krisen des Kapitalismus und der Fortschritt bei den Lebensbedingungen der Arbeiterklasse durch den gewerkschaftlichen und parlamentarischen Kampf erzeugten zwangsläufig Illusionen unter den Arbeitern und selbst in ihrer Avantgarde.
In der marxistischen Auffassung kann der Ausbruch der Revolution nur durch eine gewaltsame Wirtschaftskrise ausgelöst werden. Je länger die Periode der Prosperität anhielt, desto mehr schien die Wahrscheinlichkeit solch einer Krise zurückzuweichen. Auch der Erfolg des Kampfes für Reformen verlieh der reformistischen Idee Auftrieb, daß die Revolution unnütz und unmöglich sei. Die Tatsache, daß die Resultate des Kampfes im Kern von den herrschenden Kräfteverhältnissenwesentlich auf der Ebene des Nationalstaates abhingen und nicht vom internationalen Kräfteverhältnis - wie dies für den revolutionären Kampf der Fall ist -, beschränkte in steigendem Maße die Kampforganisation auf einen nationalen Rahmen, während internationalistische Konzeptionen und Aufgaben oft in den Hintergrund gedrängt oder auf unbestimmte Zeit vertagt wurden.
1898, sieben Jahre nach dem Erfurt Parteitag, stellte Bernstein in der Internationalen offen die marxistische Theorie von der Krise und der Unvermeidbarkeit des ökonomischen Zusammenbruchs des Kapitalismus (den auch die GCI leugnet) in Frage: nur der Kampf für Reformen sei lebensfähig. "Das Ziel ist nichts, die Bewegung ist alles".
Die parlamentarischen Fraktionen der Parteien haben sich häufig allzu leicht in den Netzen des bürgerlich-demokratischen Spiels verheddert, während die Gewerkschaftsführer dazu neigten, zu "verständnisvoll" gegenüber den Erfordernissen der kapitalistischen Nationalökonomie zu sein. Das Ausmaß der Auseinandersetzung, die Marx und Engels in der entstehenden Sozialdemokratie  gegen die Tendenzen geführt hatten, die versöhnlerisch gegenüber dem Reformismus waren, der Kampf Luxemburgs, Pannekoeks, Gorters, Lenins, Trotzkis in der degenerierenden Sozialdemokratie sind Beweis genug für das Gewicht, das diese Form der bürgerlichen Ideologie innerhalb der proletarischen Organisationen besaß... Doch das Gewicht des Reformismus in der Zweiten Internationalen macht letztere genausowenig zu einem bürgerlichen Organ, wie der proudhonistische Reformismus die IAA zu einem Instrument des Kapitals machte.
Die politischen Organisationen des Proletariats haben nie einen monolithischen Block identischer Konzeptionen gebildet. Überdies befanden sich die fortgeschrittensten Elemente häufig in der Minderheit - worauf wir an früherer Stelle hingewiesen hatten. Doch die Minderheiten, die von Marx und Engels bis hin zu den Linkskommunisten in den 1930er Jahren reichen, wußten, daß das Leben politischer Organisationen des Proletariats nicht nur vom Kampf gegen den Feind auf der Straße und an den Arbeitsstätten abhängt, sondern auch vom permanenten Kampf gegen den - stets präsenten - bürgerlichen Einfluß in diesen Organisationen.
Für die GCI war diese Art der Auseinandersetzung Unsinn, eine Hilfestellung für die Konterrevolution.
"Die Präsenz marxistischer Revolutionäre (Pannekoek, Gorter, Lenin...) in der II. Internationalen bedeutete nicht, daß letztere die Interessen des Proletariats vertraten (ob die 'unmittelbaren' oder die 'historischen'), sondern halfen - mangels einer Spaltung - mit, die ganzen konterrevolutionären Aktivitäten der Sozialdemokratie gutzuheißen."
Nur beiläufig sei bemerkt, daß hier Pannekoek, Gorter und Lenin - diese Linke einer Organisation, die durch eine 'Klassengrenze' vom Kommunismus getrennt ist - von der GCI in den Rang "marxistischer Revolutionäre" gehoben werden. Vielen Dank dafür. Aber indem sie das tut, gibt die GCI uns zu verstehen, daß Organisationen, deren "Klassencharakter im Kern bürgerlich" ist, einen linken Flügel besitzen können, der sich aus authentischen "revolutionären Marxisten" zusammensetzt... und das jahrzehntelang! Es handelt sich hier vermutlich um dieselbe "Dialektik", die die GCI zur Annahme führt, daß der linke Flügel des lateinamerikanischen Stalinismus (die Maoisten vom "Leuchtenden Pfad" in Peru) in diesen Ländern eine "einzigartige Struktur besitzt, die imstande ist, der stetig wachsenden Zahl an direkten Aktionen des Proletariats einen Zusammenhalt zu verschaffen".
Ob es unseren Punk-Dialektikern gefällt oder nicht, der maoistische Stalinismus Perus besitzt ebensowenig eine "Struktur, die imstande ist, einen Zusammenhalt zu verschaffen", wie die "marxistischen Revolutionäre" in der Zweiten Internationalen den "konterrevolutionäre Praktiken Rückendeckung verschafften".
Das Proletariat bereitet sich heute aufeine entscheidende Schlacht mit dem kapitalistischen System vor, dem es nicht gelingt, die offene Krise zu überwinden, von der es seit mittlerweile fast fünfundzwanzig Jahren, seit dem Ende der Wiederaufbauperiode Ende der 1960er Jahre, befallen ist.
Marx und Engels, Rosa und Lenin, Pannekoek und Gorter waren nicht wirre Schwachköpfe, die dachten, sie könnten als Militante für die Revolution kämpfen und bürgerliche Organisationen mit Leben erfüllen. Sie waren Revolutionäre, die im Gegensatz zu den Anarchisten - und zur GCI - um die konkreten Bedingungen des Arbeiterkampfes entsprechend der historischen Periode des Systems wußten.
Man mag kritisieren, daß Lenin spät sich das Ausmaß der opportunistischen Krankheit in der Zweiten Internationalen vergegenwärtigt hat; man mag Rosa Luxemburgs Unfähigkeit kritisieren, die organisatorische Arbeit der Fraktion in der Sozialdemokratie um die Jahrhundertwende wirklich zu leiten, aber man kann nicht den Klassencharakter des Kampfes, den sie führten, leugnen.
Wir sollten vielmehr die Klarheit von Rosa Luxemburg Ende des 19. Jahrhunderts, als sie schonungslos die in der Zweiten Internationalen entstehende revisionistische Strömung kritisierte, und die Fähigkeit der Bolschewiki begrüßen, sich als unabhängige Fraktion mit ihren eigenen Interventionsmitteln in der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu organisieren. Deshalb waren sie die Avantgarde des Proletariats in der revolutionären Kämpfe am Ende des Ersten Weltkriegs.
Glaubt die GCI tatsächlich, daß es Zufall ist, wenn jene, die sie gelegentlich "marxistische Revolutionäre" nennt, aus der Sozialdemokratie stammen und nicht aus dem Anarchismus oder aus anderen Strömungen? Es ist unmöglich, diese elementare Frage zu beantworten, ohne die Wichtigkeit der Kontinuität der politischen Organisationen des Proletariats zu verstehen. Und sie kann nicht begriffen werden, ohne die Analyse der kapitalistischen Dekadenz zu verstehen.
Die ganze Geschichte der Zweiten Internationalen kann nur dann als sinnloses Chaos erscheinen, wenn wir nicht im Kopf haben, daß sie in der Übergangsperiode zwischen der historischen Epoche des Aufstiegs des Kapitalismus und jener seiner Dekadenz existiert hatte.


Schlussfolgerung

Heute bereitet sich das Proletariat darauf vor, eine entscheidende Schlacht gegen einen Kapitalismus zu führen, der nicht länger imstande ist, der offenen Krise zu entkommen, die seit über zwanzig Jahren, seit dem Ende der Wiederaufbauperiode in den späten 1960er Jahren, andauert.
Es tritt relativ frei von den Mystifikationen in den Kampf, mit denen die stalinistische Konterrevolution es 40 Jahre lang beeinflußt hatte; in jenen Ländern mit einer alten Tradition der bürgerlichen Demokratie hat es viele seiner Illusionen über den gewerkschaftlichen und den parlamentarischen Kampf verloren, während es in den weniger entwickelten Ländern seine Illusionen über den anti-imperialistischen Nationalismus verloren hat.
Jedoch ist es den Proletariern, auch wenn sie sich von diesen Illusionen freigemacht haben, noch nicht gelungen, sich all die Lehren der Kämpfe der Vergangenheit wieder anzueignen.
Die Aufgabe der Kommunisten ist es nicht, die Arbeiterklasse zu organisieren - wie dies die Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert tat. Der Beitrag der Kommunisten zum Arbeiterkampf liegt wesentlich auf der Ebene der bewußten Praxis, der Praxis des Kampfes. Auf dieser Ebene tragen sie nicht soviel durch die Antworten bei, sondern durch die Art und Weise, wie sie die Probleme in Betracht ziehen und stellen. Es ist eine Weltanschauung und eine praktische Haltung, die stets die globalen und historischen Dimensionen jeder Frage, auf die der Kampf stößt, in den Vordergrund stellt.
Jene wie die GCI, die die historische Dimension des Arbeiterkampfes ignorieren, indem sie die unterschiedlichen Phasen der kapitalistischen Realität leugnen, indem sie die reelle Kontinuität der politischen Organisationen des Proletariats abstreiten, entwaffnen das Proletariat in einem Augenblick, wo es der Wiederaneignung seiner eigenen Weltanschauung besonders bedarf.
Es reicht nicht aus, "für Gewalt", "gegen die bürgerliche Demokratie" zu sein, um jederzeit Perspektiven im Klassenkampf zu entdecken und zu skizzieren. Weit gefehlt. Illusionen diesbezüglich zu pflegen ist gefährlich und kriminell.

RV

    1) Alle Zitate der GCI sind, soweit nicht anders angegeben, aus den Artikeln "Théories de la décadence, décadence de la théorie" entnommen, veröffentlicht in: LE COMMUNISTE, Nr. 23 und 25 (Nov. 1985 und 1986) und von uns übersetzt.
    2) Siehe INTERNATIONALE REVUE, Nr. 10 und 11
    3) In Wahrheit ist dies die alte Leier der Modernisten und "verschämten" Anarchisten, besonders seit 1968.
Quell-URL: http://de.internationalism.org/ir/12/1990_poldekadenz03