Tödliche Flutwelle in Südasien

Die wahre soziale Katastrophe ist der Kapitalismus!

Das Jahr 2004 ging mit einer gewaltigen
menschlichen Tragödie in Südasien zu Ende. Das außergewöhnlich starke
Seebeben hat im Indischen Ozean eine Flutwelle mit Zerstörungen in mehr
als einem Dutzend Anrainerstaaten ausgelöst. Innerhalb von wenigen
Stunden riss die Flutwelle mehr als 160.000 Menschen in den Tod,
Zehntausende sind noch verschwunden, Hunderttausende verletzt, fünf
Millionen Menschen obdachlos. Diese schreckliche Bilanz ist bislang nur
eine vorläufige, denn viele Gebiete, insbesondere in Indonesien,
Thailand und Sri Lanka sind nicht zugänglich, da das gesamte
Straßennetz zerstört wurde.

In den Küstengebieten wurden ganze Dörfer
ausgelöscht, unzählige Fischerboote sind beschädigt und das Salzwasser
hat die Felder für die Landwirtschaft zerstört, womit mehr als 5 Mio.
Menschen ohne Dach, ohne Essen, ohne Trinkwasser dahinvegetieren, was
wiederum nur noch neue Opfer fordern kann. So befürchten die
Hilfsorganisationen tödliche Epidemien, mit Zehntausenden von Toten.
Erneut sind die Ärmsten der Bevölkerung, darunter Lohnabhängige, die
insbesondere in der Tourismusbranche arbeiten, die Hauptleidtragenden
dieser Tragödie.

Der Kapitalismus ist der einzig Verantwortliche für diese menschliche Katastrophe

Wie
bei jeder Katastrophe dieser Art beruft man sich auf die Hilflosigkeit
der Menschen gegenüber der „Mutter Natur“, das Unglück, die Fatalität,
oder auch die Rückständigkeit der betroffenen Länder, die keine Technik
erwerben könnten, um solchen Naturkatastrophen vorzubeugen. Dummes Zeug
und Lügen!

Warum und wie konnte ein Naturereignis wie
Tsunamis, das dazu noch so gut bekannt ist, innerhalb von wenigen
Stunden zu einer gesellschaftlichen Katastrophe mit solch einem Ausmaß
werden?

Natürlich kann man dem Kapitalismus nicht
vorwerfen, für das Seebeben verantwortlich zu sein, das diese
gigantische Flutwelle ausgelöst hat. Dagegen kann man ihm die totale
Nachlässigkeit und die Unverantwortlichkeit der Regierungen dieser
Region der Welt und ihrer westlichen Gegenstücke vorhalten, die zu
dieser gewaltigen menschlichen Katastrophe geführt haben.

Tatsache ist: Alle wussten, dass dieser Teil
der Erde besonders erdbebengefährdet ist. „Die örtlichen Experten
wussten jedenfalls, dass ein Drama im Anzug war. Im Dezember hatten
indonesische Seismologen am Rande einer Physikertagung in Jakarta das
Thema mit einem französischen Experten erörtert. Sie waren sich voll
der Gefahr von Tsunamis bewusst, denn in diesem Teil der Erde kommt es
ständig zu Beben“ (Libération, 31.12.04).

Nicht nur waren die Experten im Bilde,
sondern auch der ehemalige Direktor des Internationalen
Tsunami-Informationszentrums in Hawai, George Pararas-Carayannis,
teilte mit, dass ein größeres Beben zwei Tage vor der Katastrophe vom
26. Dezember stattgefunden habe. „Der Indische Ozean verfügt über eine
Basisinfrastruktur, um Maßnahmen gegen Beben zu treffen und
Kommunikationsmittel zur Verfügung zu stellen. Und niemand hätte
überrascht sein sollen, denn am 24. Dezember war ein Beben mit der
Größenordnung von 8,1 auf der Richterskala gemessen worden. Allein
dadurch hätten schon die Behörden gewarnt sein sollen. Aber es fehlt
vor allem der politische Willen der betroffenen Länder und eine
internationale Abstimmung entsprechend den Maßnahmen, wie sie im
Pazifik getroffen wurden“ (Libération, 28.12.04).

Niemand hätte überrascht sein dürfen und
trotzdem ist das Schlimmste eingetreten. Aber die Nachlässigkeit der
herrschenden Klasse hört da noch nicht auf!

Als der US-amerikanische Wetterdienst in
Hawaii 15 Minuten nach dem Seebeben 26 Länder informierte, dass die
Gefahr von Tsunamis nach dem Beben besteht, hat der japanische
Wetterdienst diese Information an seine Nachbarn nicht weitergegeben,
weil der Wetterbericht für Japan keinen Anlass zur Besorgnis gab.

In Indien ist der Generalstab der indischen
Luftwaffe entsprechend informiert worden, aber die Luftwaffe muss einen
streng hierarchischen und bürokratischen Meldeweg einhalten. Das Fax
mit der Warnung ist bei der Weiterleitung verlorengegangen, denn der
Wetterdienst besaß nicht die neue Faxnummer des
Wissenschaftsministeriums, da diese seit der neuen Regierung im Mai
2004 geändert worden war! „Das gleiche Szenario in Thailand, wo der
Wetterdienst keine nationale Warnung ausrufen wollte aus Angst, eine
überflüssige allgemeine Panik zu verursachen. Dabei war ihm bekannt,
dass um 8.10 h ein großes Seebeben eingetreten war, d.h. lange bevor
die Tsunamis sich über die Küste bei Phuket ergossen“ (Libération,
31.12.04).

Das Prinzip der einfachen Vorsicht (ohne vom
Prinzip der vorbeugenden Maßnahmen zu sprechen) hätte verlangt, dass
man die Bevölkerung warnt. Auch ohne entsprechende technische
Ausrüstung, über die die USA und Japan verfügen, standen ausreichend
Informationen über die zu erwartende Katastrophe zur Verfügung, um zu
handeln und Menschenleben zu retten.

Dies ist keine Nachlässigkeit, sondern eine
kriminelle Politik, die die tiefgreifende Verachtung der herrschenden
Klasse für die Bevölkerung und die Arbeiterklasse offenbart, die die
Hauptopfer der bürgerlichen Politik der Regierungen vor Ort sind.

Tatsächlich gibt man sogar von offizieller
Seite zu, dass keine Warnung ausgesprochen wurde, weil man Angst
hatte.... die Tourismusbranche zu treffen! Mit anderen Worten: Um ihre
schmutzigen ökonomischen und finanziellen Interessen zu schützen,
wurden Zehntausende Menschenleben geopfert.

Dieses unverantwortliche Handeln der
Regierungen verdeutlicht erneut die Lebensform dieser Räuberklasse, die
das Leben und die Produktion in dieser Gesellschaft verwalten. Wenn es
darum geht, die Ausbeutung und den kapitalistischen Profit
aufrechtzuerhalten, sind die bürgerlichen Staaten bereit, so viele
Menschenleben zu opfern.

Immer bestimmen die kapitalistischen
Interessen die Politik der herrschenden Klasse, und im Kapitalismus ist
die Vorbeugung keine rentable Angelegenheit, wie heute von den Medien
eingestanden wird: „Die Länder in der Region haben sich bislang taub
gestellt, wenn es darum ging, ein Warnsystem einzuführen, weil die
Kosten zu hoch wären. Experten zufolge kostet ein Warnsystem mehrere
Millionen Dollar, aber damit könnten mehrere Zehntausend Menschenleben
gerettet werden“ (Les Echos, 30.12.04).

Wenn man in den Fernsehberichten Bilder von
den Zehntausenden Toten, dezimierten Familien, Waisenkindern sieht,
kann man nur zutiefst empört sein zu hören, dass die Regierungsstellen,
die für diesen Massentod der Menschen verantwortlich sind, nun mit
einem unglaublichen Zynismus ankündigen, man werde in Asien ein
Erdbeben- und Tsunami-Warnsystem einführen, wie es schon in den USA und
in Japan existiert.

Das menschliche Drama, das sich in Südasien
abspielt, ist ein neuer Ausdruck dieser unglaublichen Barbarei eines
Systems, das die Menschheit ins Verderben stürzt. Denn dieses
niedergehende System ist der wahre Verantwortliche für die sich immer
wiederholenden Katastrophen. Letztes Winter starben Zehntausende
Menschen in einem Erdbeben im Iran, kurz davor kamen Unzählige in der
Türkei, in Armenien ums Leben. Es wird zugelassen, dass sich Menschen
in erdbebengefährdeten Gebieten ansiedeln, zudem noch in baufälligen
Häusern, während heute die Technologie existiert, um zu verhindern,
dass solche Naturereignisse diese Art gesellschaftliche Katastrophen
hervorrufen.

Und wenn der Tsunami im Indischen Ozean auch
so viele Opfer unter den Touristen hervorgerufen hat, muss man
hervorheben, dass der Kapitalismus Ferienanlagen in der wildesten,
planlosesten Manier errichtet hat, wobei Mangroven zerstört wurden, die
als natürlicher Schutz dienen, die wellenbrechend wirken und auch die
von den Flutwellen angespülten Gegenstände auffangen können.

Diesen gleichen Wahnsinn findet man in den
Industriestaaten, wo man Wohnungen in gefährdeten Gebieten gebaut hat,
die potenziell von Überschwemmungen heimgesucht werden können.

Mehr als je zuvor kann der Kapitalismus,
weil er von der gnadenlosen Jagd nach Profiten und der Rentabilität der
Betriebe und nicht für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse lebt,
nur noch neue Katastrophen hervorbringen. Während in der aufsteigenden
Phase des Kapitalismus die Entfaltung eines gewaltigen technologischen
und industriellen Potenzials möglich gewesen war, und dieser zu einer
gewissen Beherrschung der Kräfte der Natur neigte, ist das in seinem
Niedergang befindliche System nicht mehr in der Lage, die Menschheit
voranzubringen. Anstelle dessen scheint die Natur sich „das zu
zurückzunehmen“, was ihr genommen wurde, obgleich die Entwicklung der
Technik es ermöglichen könnte, dass die Menschheit mit ihr in Harmonie
lebt.

Der Kapitalismus ist heute ein im Zerfall
befindliches System. Er ist zu einer Fessel und einer Bedrohung für das
Überleben der Gattung Mensch geworden. Den auf Teilaspekte
beschränkten, vor allem aber lügnerischen und zynischen Erklärungen der
herrschenden Klasse müssen die Revolutionäre die Analyse des Marxismus
entgegenstellen.

„In dem Maße, wie sich der Kapitalismus
entfaltet und dann auf der Stelle verfault, prostituiert er immer mehr
diese Technik, die für seine Bedürfnisse der Ausbeutung, der Herrschaft
und der imperialistischen Plünderung eine befreiende Rolle spielen
könnte. Das geht soweit, dass der Kapitalismus der Technik seine eigene
Fäulnis einpflanzt und diese gegen die Gattung Menschen richtet (...)
Während der ‚friedlichen‘ Phasen, die er uns manchmal zwischen zwei
imperialistischen Massakern oder zwei Unterdrückungsmaßnahmen
zugesteht, ist das von der ständigen Jagd nach einer höheren Profitrate
angetriebene Kapital in allen Lebensbereichen des Alltags dazu
gezwungen, die Menschen mit Hilfe der prostituierten Technik auf
engstem Raum zusammenzupferchen, sie zu vergiften, zu ersticken, zu
verstümmeln und zu massakrieren (...) Der Kapitalismus ist nicht
unschuldig an den sogenannten „Naturkatastrophen“. Ohne die Kräfte der
Natur außer Acht zu lassen, auf die der Mensch keinen Einfluss nehmen
kann, zeigt der Marxismus auf, dass viele Katastrophen indirekt durch
gesellschaftliche Ursachen hervorgerufen oder verschlimmert wurden
(...) Nicht nur kann die bürgerliche Zivilisation diese Katastrophen
direkt durch ihre Jagd nach Profiten und durch den vorherrschenden
Einfluss der Geschäftswelt auf den Verwaltungsapparat hervorrufen (...)
, sondern sie erweist sich als unfähig, einen wirksamen Schutz zu
organisieren, da die Vorbeugung keine rentable Aktivität ist“ (Amadeo
Bordiga, „Die Gattung Mensch und die Erdrinde“).

Die Heuchelei und der Zynismus der Weltbourgeoisie

Trotz
des großen Ausmaßes der Katastrophe brauchte die internationale
Bourgeoisie mehrere Tage, um in Gang zu kommen und ihre Hilfskräfte in
die Katastrophengebiete zu schicken. Und dabei sind die Hilfsgüter noch
lange nicht vor Ort angelangt: So wurde ein Feldlazarett, das von
Frankreich nach Indonesien geschickt wurde, zwei Wochen lang
aufgehalten, weil man auf die Hubschrauber wartete, die das Material
und das medizinische Betreuungspersonal transportieren sollen.

Wenn es darum geht, ihre imperialistischen
Interessen in den angeblich „humanitären“ Kriegen zu verteidigen, haben
diese Staaten immer ihre schnelle Einsatzbereitschaft gezeigt, um ihre
Truppen, Material und Waffen ins Land zu schicken, mit denen die
Bevölkerung mit immer komplizierteren Waffensystemen bombardiert und
Tod und Verderben in alle Erdteile gebracht wurde. Und diese
kapitalistischen Gangster haben nie gezögert, astronomische Summen in
die Rüstungsproduktion zu stecken, um ganze Länder zu vernichten.

Was die Finanzhilfe angeht, die in der
ersten Phase von den Regierungen der Welt versprochen wurde,
insbesondere von den höchst entwickelten Staaten, war diese so
lächerlich gering, dass der für UN-Hilfsaktionen zuständige Leiter, Jan
Egeland, die „internationale Gemeinschaft“ gar als knauserig und geizig
bezeichnet hat.

Gegenüber dem Ausmaß dieses Desasters haben
sich die verschiedenen kapitalistischen Staaten wieder als wahre
Aasgeier erwiesen, die im Konkurrenzkampf miteinander stehen, wer
gegenüber seinem Rivalen am meisten „gespendet“ hat.

So haben die USA 350 Millionen $ anstatt der
anfänglich angekündigten 35 Millionen $ angeboten (während sie jede
Woche eine Milliarde $ im Irak und eine Milliarde $ im Monat für den
Afghanistankrieg ausgeben), Japan 500 Millionen, die EU 436 Millionen.
Frankreich glaubte gar eine Zeit lang, mit seinen 50 Millionen $ die
Spitze der Geberländer übernommen zu haben (während seine
Militärinterventionen mindestens eine Milliarde Euro pro Jahr kosten),
gefolgt von Australien, England und Deutschland usw.

Jedes Mal, wie bei einer Versteigerung, bot ein Staat nach dem anderen mehr Finanzhilfe an als die Rivalen.

Diese
verbale Überbietung ist um so ekelhafter, da es sich ohnehin nur um ein
Scheinhilfen handelt, weil den Spendenzusagen oft keine Taten folgen.
So hatte diese „internationale Gemeinschaft“ im Dezember 2003 den
Erdbebenopfern im Iran 115 Millionen $ zugesagt; bislang hat Teheran
aber ganze 17 Mio. $ erhalten. Das Gleiche konnte man in Liberia
beobachten: eine Milliarde Dollar wurden versprochen, weniger als 70
Mio. $ sind bislang eingetroffen.

An Beispielen fehlt es nicht; ohne all die
in Vergessenheit geratenen Konflikte zu erwähnen, und für die es nicht
mal Zusagen gibt wie Dafour oder den Kongo, wo sich menschliche Dramen
abspielen, die vom gleichen Ausmaß sind wie die Tsunami in Asien.

Und was den Vorschlag angeht, einen
Schuldenerlass für die von der Katastrophe betroffenen Länder zu
beschließen, so ist dies nichts als Sand in die Augen, denn es handelt
sich nur um einen Zahlungsaufschub für die fälligen Zinsen, nicht aber
um das Streichen der Schulden insgesamt. Übrigens müssen die fünf am
meisten verschuldeten Länder, die von der Flutwelle betroffen wurden,
nächstes Jahr 32 Milliarden $ zahlen, d.h. zehnmal mehr als die Summe,
die sie angeblich unter dem Titel „menschliche Hilfe“ bekommen werden
(eine ohnehin viel zu hoch angesetzte Summe im Verhältnis zu dem, was
sie tatsächlich bekommen werden). Natürlich wird diesen Ländern nicht
das Privileg eingeräumt, von der US-Armee besetzt zu werden, wie im
Falle Iraks; denn dann hätten sie von der gesamten Streichung ihrer
Schulden profitieren können.

Nicht nur erzählt uns die Bourgeoisie
schändliche Lügen über ihre angebliche „Spendenfreude“, sondern sie
verheimlicht die wahren Ziele ihrer „humanitären Spendenüberbietung“.

Die „humanitäre“ Hilfe dieser Regierungen
ist in Wirklichkeit nur ein Vorwand zur Verschleierung ihrer
imperialistischen Appetite.

Hinter den ideologischen Schleierwolken der
humanitären Propaganda fällt auf, dass jeder Staat sich wie in einem
Konkurrenzkampf beeilt, seine Repräsentanten in die Katastrophengebiete
zu schicken, obwohl es in Wirklichkeit darum gehen würde, eine
internationale Abstimmung der Hilfe zu sicherzustellen. Tatsächlich
verteidigt nämlich jede nationale Bourgeoisie ihre eigenen Interessen
als kapitalistische und imperialistische Macht in der Region, welche
von großem strategischen und militärischen Wert ist.

Die
tiefgreifenden Interessensgegensätze, die zwischen den verschiedenen
imperialistischen Staaten beim Afghanistan- oder Irakkrieg aufgetreten
waren, werden hier wieder sichtbar. So machte sich der Außenminister
Frankreichs mit einem Flugzeug voll von Medikamenten auf den Weg, und
Chirac schlug mit Deutschlands Unterstützung die Schaffung einer
„schnellen humanitären Eingreiftruppe“ vor, die unter der Kontrolle der
europäischen Staaten und im Dienste der UNO stehen sollte.

Die Reaktion der USA folgte prompt: Nicht
nur schickten die USA Kriegsschiffe und Kriegsflugzeuge mit in den
Indischen Ozean, sondern sie kündigten die Schaffung einer
„internationalen humanitären Koalition“ an (unter Beteiligung
Australiens, Japans und Indiens), um die „Hilfe zu koordinieren“.

Wie im Irakkrieg zielt die US-amerikanische
Politik darauf ab, den anderen Mächten zu verdeutlichen, dass die USA
der Boss sind, und dass sie auch gegenüber dieser Lage willens sind,
ihre Führungsrolle zu verteidigen. Der US-Außenminister, Colin Powell,
und der Bruder des US-Präsidenten Bush wurden vor Ort geschickt, um die
„Werte des handelnden Amerikas“ zu preisen. Colin Powell, der oberste
US-Befehlshaber im ersten Golfkrieg, und der den Befehl gab, dass die
irakischen Frontsoldaten lebendig begraben werden sollten, scheute sich
nicht Krokodilstränen zu vergießen, als er nach einem Flug über das
Katastrophengebiet in Banda Aceh erklärte: „Ich kenne den Krieg, ich
habe Wirbelstürme und Tornados und andere Krisengebiete gesehen. Aber
so etwas habe ich noch nie gesehen“ (Libération, 6.1.05).

All diese Reibereien zwischen den
Großmächten, wo jeder Nationalstaat versucht, dem anderen eins
auszuwischen, zeigen die wirklichen Motive der „humanitären“
Hilfsaktionen dieser kapitalistischen Geier. Wie ein US-Vertreter
sagte: „Das ist eine wahre Tragödie, aber auch eine Gelegenheit, eine
Chance zu ergreifen. Eine schnelle und großzügige Hilfe der USA könnte
dazu beitragen, die Beziehungen der USA zu den asiatischen Staaten zu
verbessern“.

In Anbetracht der strategischen Bedeutung
Indonesiens im Indischen Ozean liegt es auf der Hand, dass die USA
versuchen, diese Katastrophe auszuschlachten, um militärisch Fuß zu
fassen (was das indonesische Militär Washington verwehrt hatte, als
diese dem USA vorwarfen, sich in die inner-indonesischen
Angelegenheiten einzumischen, nachdem die USA 1999 ihre Militärhilfe an
Jakarta aufgrund der Gräueltaten des indonesischen Militärs in Osttimor
ausgesetzt hatten). Darüber hinaus hat ihre „humanitäre Hilfe“ in Sri
Lanka die Gestalt einer „Landung“ mit Amphibienfahrzeugen angenommen,
die natürlich eine „friedliche“ Mission verfolgen (und nicht bewaffnet
sind, wie ein Offizier versicherte), und die nicht das Ziel verfolgen,
„zu zerstören“, sondern „der Bevölkerung zu Hilfe zu eilen“.

Die europäischen Staaten wiederum wollen
auch militärisch und diplomatisch in der Region präsent sein. Was China
angeht, will es seine Rolle als Gendarm in Asien wahren; es prallt
dabei mit Japan zusammen. Und wenn Indien jegliche ausländische Hilfe
verweigert hat, womit es einen Teil der betroffenen Bevölkerung wie
Ratten krepieren lässt, stecken dahinter seine Bestrebungen, seine
Interessen als Regionalmacht zu verteidigen.

Dies steckt hinter all dem Chaos der
„humanitären Hilfe“ der Weltbourgeoisie: Die Verteidigung ihrer
schmutzigen imperialistischen Interessen. Die Schmach und die
grenzenlose Heuchelei der Herrschenden der Welt sind ekelerregend.

Erneut hat sich der Kapitalismus mit seinen
Profitgesetzen und seiner herrschenden Klasse als eine Katastrophe für
die Menschheit erwiesen, die einzig in der Lage ist, gerade mal die
Toten zu zählen und immer nur noch mehr Zerstörung bringt. Zum gleichen
Zeitpunkt, wo sie zulassen, dass die gigantischen Flutwellen große
Teile der Bevölkerung auslöschen, verschärfen sie das Chaos in
Afghanistan, verüben sie noch mehr terroristische Attentate und üben
sie noch mehr Repression mit immer mehr Blutvergießen im Irak und
Palästina aus, lassen sie es zu, dass noch mehr Menschen in Dafour an
Hunger sterben, werden noch mehr Menschen im Kongo massakriert.

Diese blutige Spirale belegt, dass der
Kapitalismus der Menschheit nur noch mehr Zerstörung anzubieten hat,
mit immer blutigeren Katastrophen, mit immer barbarischen Kriegen, noch
mehr Misere, Hunger und Epidemien. Dieses auf der Stelle verfaulende
System zerstört Stück für Stück unseren Planeten immer mehr.

Welche Solidarität mit der von der Katastrophe betroffenen Bevölkerung?

Gegenüber
dieser menschlichen und sozialen Tragödie müssen die Revolutionäre und
das gesamte Weltproletariat laut und deutlich ihre Klassensolidarität
gegenüber den Opfern bezeugen.

Wir können nur den Elan der weltweiten
menschlichen Solidarität, die sofort zum Ausdruck kam, begrüßen. Ohne
auf Hilfe zu warten, haben die Betroffenen sich gegenseitig geholfen;
sowohl die asiatische Bevölkerung den Touristen als auch die Touristen
der einheimischen Bevölkerung. Spontan haben Millionen Menschen,
insbesondere die Arbeiter in allen Ländern angeboten, Lebensmittel,
Kleidung und Geld zu spenden.

Aber diese natürliche Solidarität, die die
Grundlage der gesellschaftlichen Existenz und des Überlebens der
Gattung Mensch darstellt, wurde sofort von der herrschenden Klasse und
den NGO (Nicht-Regierungsorganisationen) instrumentalisiert.

Die Informationsflut und die schockierenden
Bilder aus dem Katastrophengebiet dienen dazu, das Nachdenken über die
Ursachen dieser sozialen Katastrophe zu verhindern.

Da wir ‚hilflos‘ gegenüber solchen
Ereignissen sind, wäre das einzige, was wir den Herrschenden gemäß
ihren Medien und Spezialisten der „humanitären Hilfe“ machen können,
Geld für die NGO zu spenden; dazu wird uns gleich versichert, dass die
Spenden auch bei den Menschen vor Ort ankämen.

Diese „NGO“ (Nicht-Regierungsorganisationen)
haben erneut bewiesen, dass sie im Dienst der Regierungen stehen. Das
Chaos bei den Hilfeleistungen vor Ort unterstreicht dies erneut: Jedes
nationale Fernsehen betreibt Werbung für diese oder jene NGO, die je
nach Ursprungsland, damit beauftragt ist, die jeweiligen Interessen der
einen oder anderen Regierung auf Kosten und gegen die anderen NGO’s zu
vertreten. So wird die Solidarität in den Händen der Herrschenden zum
Chauvinismus.

Die Empörung der Arbeiterklasse über dieses
Drama, ihre spontane Solidarität mit den Opfern wurde von der
herrschenden Klasse manipuliert und von ihr durch eine „humanitäre“
Hilfskampagne instrumentalisiert. So konnte die herrschende Klasse mit
Hilfe der NGOs den wirklichen Spendenelan der Bevölkerung auf eine rein
karitative Ebene lenken. Mit den Aufforderungen zur finanziellen
Unterstützung für die hilfsbedürftige Bevölkerung haben die
bürgerlichen Staaten einen wahren Erpressungsversuch gestartet, indem
der Weltbevölkerung, insbesondere der Arbeiterklasse, das Gefühl
eingeimpft wird, man könne sein „Gewissen befriedigen“, indem man für
die „humanitären“ Aktionen der Regierungen Geld spendet.

Diese, von den Medien täglich angefachte
Kampagne, ist ein ideologisches Trommelfeuer, das dazu dient, das
Bewusstsein der Menschen zu trüben und die Arbeiter daran zu hindern,
über die wirklichen Ursachen der Katastrophe nachzudenken.

Indem die Arbeiter daran gehindert werden
sollen, zu begreifen, was tatsächlich hinter dem Kapitalismus steckt,
der als einziger für diese Katastrophe verantwortlich ist, versucht man
die Klassensolidarität der Arbeiterklasse zu entstellen und sie in
Sackgassen zu lenken.

Die Solidarität der Arbeiterklasse aber kann
im Gegensatz zu dem, was uns die Herrschenden und die NGO’s glauben
machen wollen, nicht auf eine einfach karitative Handlung beschränkt
werden. Einerseits, weil die Geldspenden nur einen Tropfen auf den
heißen Stein sein können in Anbetracht des Ausmaßes des Desasters.

Andererseits können die gesammelten
Spendengelder die Misere und die Hoffnungslosigkeit all dieser
Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben, und deren Körper nie
gefunden werden oder die ohne Bestattung in den Massengräbern beerdigt
wurden, nicht erleichtern.

Das Geld kann das Irreparable nicht wiedergutmachen

Geld
war noch nie ein Mittel gegen moralisches Leiden! Schließlich können
diese Gesten finanzieller Solidarität das Problem nicht an der Wurzel
packen. All diese Spenden können nicht verhindern, dass sich solche
Katastrophen in anderen Teilen der Welt wiederholen. Deshalb kann die
Klassensolidarität der Arbeiterklasse nie die der Kirchen und der NGO’s
sein.

Die Arbeitersolidarität verfolgt nicht das
Ziel, das „Gewissen zu beruhigen“ oder Seelen zu retten, indem dem
Schuldgefühl, das uns die herrschende Klasse einflößen will,
nachgegeben wird.

Diese Klassensolidarität kann sich nur
entfalten auf der Grundlage der Entblößung des einzig Schuldigen für
diese Katastrophe: die herrschende Klasse, die das kapitalistische
System führt.

Die Arbeiter auf der ganzen Welt müssen
begreifen, indem sie ihren Kampf gegen die Herrschenden führen, indem
sie deren mörderisches System überwinden, würdigen sie wirklich die
Toten, all diese auf dem Altar des Profit und der Rentabilität
geopferten Menschenleben.

Sie müssen ihren Kampf und ihre eigene
Klassensolidarität gegen alle Staaten und Regierungen entfalten, die
sie nicht nur ausbeuten und ihre Lebensbedingungen angreifen, sondern
die auch noch die Unverschämtheit haben, „Geld zu spenden“, um die
durch den Kapitalismus verursachten Schäden zu bezahlen.

Nur durch den alltäglichen Kampf gegen
dieses System, bis hin zu dessen Überwindung, kann die Arbeiterklasse
ihre wahre Solidarität gegenüber den Arbeitern und der Bevölkerung der
von der Flutwelle zerstörten Gebieten zeigen.

Auch wenn diese Solidarität natürlich keine
unmittelbare Wirkung zeigen kann, ist sie alles andere als das
Strohfeuer, das von den Herrschenden und den NGO’s gezündet wurde.

In wenigen Monaten wird für die herrschende
Klasse und ihre karitativen Organisationen diese Katastrophe begraben
sein. Die Arbeiterklasse dagegen darf diese nicht vergessen, genauso
wenig wie sie die Masssaker im Golfkrieg und all die anderen Kriege und
sogenannten „Naturkatastrophen“ vergessen darf. Die Arbeiter auf der
ganzen Welt dürfen solche Ereignisse nicht einfach vergessen. Sie
müssen in ihr Gedächtnis eingeprägt bleiben und ihnen als Kompass
dienen, um ihre Entschlossenheit zu stärken, gegen die Barbarei des
Kapitalismus ihre Kämpfe und ihre Einheit als Klasse zu entfalten.

Die Arbeiterklasse ist in der gegenwärtigen
Gesellschaft die einzige Kraft, die dazu in der Lage ist, all den
Opfern der bürgerlichen Gesellschaft eine wirkliche Gabe anzubieten,
indem der Kapitalismus überwunden und eine neue Gesellschaft aufgebaut
wird, die nicht auf dem Profit aufgebaut ist, sondern auf der
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Und sie ist die einzige Klasse,
die aufgrund ihrer revolutionären Perspektive in der Lage ist, der
Menschheit eine Zukunft anzubieten.

Deshalb muss die Arbeitersolidarität weit
über die gefühlsmäßige Solidarität hinausgehen. Sie darf sich nicht auf
diese Gefühle der Ohnmacht oder ein Schuldgefühl stützen, sondern vor
allem auf ihr Bewusstsein.

Nur die Entfaltung ihrer eigenen
Klassensolidarität, die sich auf das Bewusstsein des Bankrotts des
Kapitalismus stützt, wird dazu in der Lage sein, die Grundlagen einer
Gesellschaft zu schaffen, in der die Verbrechen, die uns die
Bourgeoisie als ‚Naturkatastrophen‘ darstellt, niemals vergessen
werden, und wo diese schreckliche Barbarei endgültig überwunden und
abgeschafft werden kann.

„Der in seinem Todeskampf dahinsiechende
Kapitalismus will uns an all diesen Horror gewöhnen, und dass wir die
Barbarei, für die er verantwortlich ist, als ‚normal‘ betrachten. Die
Arbeiter müssen reagieren, indem sie sich empören über diesen Zynismus
und ihre Solidarität mit den Opfern dieser endlosen Konflikte und
Massaker, die von allen kapitalistischen Banden verübt werden, zeigen
(wobei die Opfer der ‚Naturkatastrophen‘ noch hinzukommen). Die
Ablehnung und der Ekel gegenüber dem, was der verfaulende Kapitalismus
der Gesellschaft aufzwingt, die Solidarität unter den Mitgliedern einer
Klasse, die nur gemeinsame Interessen haben, sind wesentliche Faktoren
bei der Bewusstwerdung darüber, dass eine andere Perspektive möglich
ist und eine vereinte Arbeiterklasse die Mittel hat, diese
durchzusetzen“ (Internationale Revue, engl., französisch, spanische
Ausgabe, Nr. 119).

Die Arbeiter auf der ganzen Welt können ihre
Solidarität gegenüber den Opfern der Katastrophe nur zeigen, indem sie
durch ihren Kampf gegen die Ausbeutung, die Misere und die
kapitalistische Barbarei mit ihrem eigenen Beispiel beweisen, „Nieder
mit allen Regierungen, Nieder mit dem Kapitalismus, Arbeiter aller
Länder, vereinigt Euch.“ DM, 8.1.05

Geographisch: 

Theoretische Fragen: