DIE POLITISCHEN KONSEQUENZEN DER DEKADENZ DES KAPITALISMUS BEGREIFEN

Submitted by InternationaleRevue on Mon, 12/02/2007 - 15:22.

Der gewerkschaftliche Kampf, der Parlamentarismus, die Massenparteien, der Kampf um soziale Reformen, die Unterstützung für die Kämpfe um die Bildung neuer Nationalstaaten... all dies sind nicht mehr die gültigen Kampfformen der Arbeiterklasse. Die Wirklichkeit der Krise, von der der Kapitalismus erschüttert wird, die Erfahrung der gesellschaftlichen Kämpfe, welche von ihr hervorgebracht werden, lassen dies Hunderten von Millionen Proletariern auf der ganzen Welt deutlich werden.

Aber wie konnten die Kampfformen, die im vorigen Jahrhundert für die Arbeiterbewegung so wichtig waren, in das umgewandelt werden, was sie heute sind?

Es reicht nicht aus, gegen etwas zu sein. Um eine solide Intervention im Klassenkampf zu betreiben, um die Verwirrungspolitik der bürgerlichen Ideologie bekämpfen zu können, muß man auch wissen, warum man gegen etwas ist.

Infolge Unwissenheit oder Bequemlichkeit versuchen heute bestimmte Gruppen, die von dem bürgerlichen Wesen der Gewerkschaften, des Parlamentarismus usw. sprechen, auf diese Fragen zu antworten, indem sie auf anarchistische oder utopische Auffassungen zurückgreifen, die dann aber in eine marxistische Sprache verpackt werden, um "seriöser" zu wirken. Eine von diesen Gruppen ist die GCI (Groupe Communiste Internationaliste) (1).

Aus der Sicht der GCI hat der Kapitalismus sich seit seinen Anfängen nicht verändert, die Kampfformen des Proletariats ebenso wenig. Und warum hätte sich dann das von den revolutionären Organisationen formulierte Programm ändern sollen? Dies ist die Theorie der INVARIANZ.

Für diese Vertreter der "ewigen Revolte" waren der gewerkschaftliche und parlamentarische Kampf seit jeher der Kampf um Reformen. Von ihrem Anfang an waren sie, was sie heute sind, d.h. Mittel, um das Proletariat in den Kapitalismus zu integrieren. Die Analyse der Existenz von zwei Phasen in der Geschichte des Kapitalismus, der die Formen verschiedener Kämpfe entsprechen, wäre nur eine Erfindung der 1930er Jahre, um besser das "historische Programm" zu verraten, ein Programm, das ihnen zufolge in einer ewigen Wahrheit zusammengefaßt werden könnte: "die gewalttätige Weltrevolution".

Sie formulieren dies folgendermaßen:

"Diese Theoretisierung der Eröffnung einer neuen kapitalistischen Phase, die ihres Zerfalls, macht es so im nachhinein möglich, eine formale Kohärenz aufrechtzuerhalten zwischen den "Errungenschaften der Arbeiterbewegung des vorigen Jahrhunderts (es handelt sich hier natürlich um die bürgerlichen "Errungenschaften der Sozialdemokratie: Gewerkschaften, Parlamentarismus, Nationalismus, Pazifismus, "der Kampf um Reformen", der Kampf um die Eroberung des Staats, die Verwerfung der revolutionären Aktionen...) und dem Auftauchen "neuer Taktiken", die dieser "neuen Phase" (aufgrund der "geänderten Periode - es handelt sich um die klassische Argumentationsweise für die Rechtfertigung der Revisionen-Verrate am historischen Programm) eigen seien. Dies träfe zu für die Verteidigung des "sozialistischen Vaterlandes" bei den Stalinisten bis hin zu dem Übergangsprogramm" Trotzkis, oder bei der Verwerfung der gewerkschaftlichen Kampfform zugunsten der "extrem-linken" Räte (siehe Pannekoek und die Arbeiterräte). Alle unterstützen somit auf unkritische Weise die Vergangenheit und hauptsächlich den sozialdemokratischen Reformismus, der damit in einem Atemzug gerechtfertigt wird, da er sich "in der aufsteigenden Phase des Kapitalismus" entfaltete...

"Und die Kommunisten sind nochmal die "Iguanodone der Geschichte",(2) aus deren Sicht sich nichts grundsätzlich geändert hat, für die die "alten Methoden" des direkten Kampfes, Klasse gegen Klasse, die gewalttätige und weltweite Revolution, der Internationalismus, die Diktatur des Proletariats... immer noch, sowohl gestern, als auch heute und auch morgen noch gültig bleiben" (Le Communisme, Nr. 23, S. 17-18).

Die GCI präzisiert: "Der Ursprung selber der Dekadenztheorien (Theorien der "Veränderung der Periode" und der "Öffnung einer neuen kapitalistischen Phase", nämlich die ihres Zerfalls"...) wurde "seltsamerweise" in den 1930er Jahren sowohl von den Stalinisten (Varga) als auch von den Trotzkisten (Trotzki selber) wie auch von einigen Sozialdemokraten (Hilferding, Sternberg...) und Akademikern (Grossmann) theoretisiert. Nach der Niederlage der revolutionären Welle von 1917-23 fingen einige Ausgeburten des Sieges der Konterrevolution die Theorie einer "langen Periode der "Stagnation" und des "Zerfalls" an zu entwickeln" (ebenda).

Es ist schon eine Kunst, soviel Absurditäten in so wenigen Zeilen auszudrücken. Lassen wir zunächst mal die Verwechslungen beiseite, die die GCI gerne betreibt, und die überhaupt nichts zur Debatte beitragen, sondern nur die Oberflächlichkeit ihrer eigenen Argumentationsweise aufdecken. Die internationale kommunistische Linke (Pannekoek) und die Stalinisten (Varga) in einen Sack zu stecken, weil sie von der Dekadenz des Kapitalismus sprachen, ist ebenso Unfug wie wenn man Revolution und Konterrevolution gleichstellt, nur weil die beiden Begriffe vom Klassenkampf sprechen.

 

DIE URSPRÜNGE DER THEORIE DER DEKADENZ

Fangen wir zunächst mit dem an, was eine platte Lüge ist, oder im besten Fall der Ausdruck der gröbsten Unkenntnis der Arbeiterbewegung: der GCI zufolge wäre während der 190er Jahre sozusagen im "nachhinein" auf "seltsame" Weise die Analyse der Dekadenz des Kapitalismus entwickelt worden. Wer ein wenig die Geschichte der Arbeiterbewegung kennt, und insbesondere den Kampf gegen den Reformismus, der von der revolutionären Linken innerhalb der Sozialdemokratie und innerhalb der II. Internationale geführt wurde, weiß, daß die Wirklichkeit anders aussah.

In dem Artikel "Die Dekadenz des Kapitalismus verstehen" haben wir ausführlich aufgezeigt, wie die Idee des Vorhandenseins von zwei Phasen, einer aufsteigenden, in der die kapitalistischen Produktionsverhältnisse die wirtschaftliche und globale Entwicklung der Gesellschaft anregen, einer anderen, der "dekadenten", wo diese Verhältnisse zu einer "Fessel" für diese Entwicklung werden, eine "Epoche der Revolutionen" eröffnet, wie diese Auffassung im Mittelpunkt der materialistischen Betrachtungsweise der Geschichte steht, so wie sie von Marx und Engels von 1847 an im Kommunistischen Manifest definiert wurde. Wir haben den Kampf aufgezeigt, den die Gründer des wissenschaftlichen Sozialismus gegen all die utopistischen, anarchistischen Strömungen führten, welche absichtlich solch eine Unterscheidung der historischen Phasen außer Acht ließen und in der kommunistischen Revolution nur ein ewig gültiges Ideal sahen, das zu jedem Zeitpunkt verwirklicht werden könnte. Es ginge nicht um eine Umwälzung, die nur von der Entwicklung der Produktivkräfte und ihrem Widerspruch zu den kapitalistischen Produktionsverhältnissen möglich und historisch notwendig würde.

Aber Marx und Engels mußten vor allem die bekämpfen, die nicht verstanden, daß der Kapitalismus sich noch in seiner aufsteigenden Phase befand. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts mußte die Linke der Sozialdemokratie - insbesondere durch die Stimme Rosa Luxemburgs- die gegenteilige Tendenz bekämpfen, nämlich die der Reformisten, die leugneten, daß sich der Kapitalismus der Phase seiner Dekadenz näherte. So schrieb Rosa Luxemburg 1898 in "Reform oder Revolution":

"Hat die Entwicklung der Industrie ihren Höhepunkt erreicht und beginnt für das Kapital auf dem Weltmarkt der "absteigende Ast", dann wird der gewerkschaftliche Kampf doppelt schwierig: Erstens verschlimmern sich die objektiven Konturen des Marktes für die Arbeitskraft, indem die Nachfrage langsamer, das Angebot aber rascher steigt, als es jetzt der Fall ist; zweitens greift das Kapital selbst, um sich für die Verluste auf dem Weltmarkt zu entschädigen, auf die dem Arbeiter zukommende Portion des Produktes zurück... England bietet uns bereits das Bild des beginnenden zweiten Stadiums in der gewerkschaftlichen Bewegung. Sie reduziert sich aber notgedrungen immer mehr auf die bloße Verteidigung des bereits Errungenen, und auch diese wird immer schwieriger" ("Sozialreform oder Revolution", R. Luxemburg, 1899, Ges. Werke, Bd. 1/1, S. 391).

Diese Zeilen wurden nicht "im Nachhinein" - wie es die GCI behauptet- geschrieben, und auch nicht nachdem der Erste imperialistische Weltkrieg den unwiderlegbaren Beweis gebracht hatte, daß der Kapitalismus endgültig in die Phase seiner Dekadenz eingetreten war. 15 Jahre vor diesem Weltkrieg wurden sie verfaßt. Und Rosa Luxemburg hatte hier angefangen, die politischen Konsequenzen - hier auf der Ebene der Möglichkeiten der gewerkschaftlichen Arbeit - deutlich zu sehen, welche solch ein Übergang des Kapitalismus in seine dekadente Phase für die Arbeiterbewegung mit sich bringen würde.

Die GCI behauptet, daß "nach der Niederlage der revolutionären Welle von 1917-23 einige Elemente, die aus dem Sieg der Konterrevolution hervorgegangen waren, anfingen, einen langen Zeitraum der Stagnation und des Zerfalls vorherzusagen". Weiß die GCI nicht, daß inmitten der Kämpfe dieser revolutionären Welle die III. Internationale gegründet wurde, deren Grundlage die Analyse des Eintritts des Kapitalismus in seine neue Phase war:

"Die neue Epoche ist geboren! Die Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung. Die Epoche der kommunistischen Revolution des Proletariats"

Und innerhalb dieser Kommunistischen Internationale führte die kommunistische Linke wiederum den Kampf gegen die Mehrheitstendenzen, die nicht all die Konsequenzen für die Kampfformen des Proletariats in dieser neuen historischen Periode verstanden hatten.

Die deutsche kommunistische Linke, die KAPD, nahm beispielsweise auf dem III. Kongreß der Komintern 1921 folgendermaßen dazu Stellung: „Das Proletariat dazu aufzufordern, sich im Zeitalter der kapitalistischen Dekadenz an den Wahlen zu beteiligen, heißt innerhalb des Proletariats die Illusion verstärken, dass die Krise durch parlamentarische Mittel überwunden werden könnte".

In den 1930er Jahren waren es nicht nur die "Ergebnisse des Siegs der Konterrevolution", sondern die proletarischen Avantgarden, die sich bemühten, die Lehren aus der vergangenen revolutionären Welle zu ziehen, und die "einen langen Zeitraum der Stagnation und des Zerfalls theoretisierten". So schrieb die Revue BILAN, welche Elemente der kommunistischen Linke Italiens, Belgiens und Frankreich zusammenfaßte, folgendes:

"Die kapitalistische Gesellschaft kann infolge des Wesens der ihrer Produktionsform immanenten Widersprüche ihre historische Aufgabe nicht mehr erfüllen: die Produktivkräfte entwickeln und die Produktivität der menschlichen Arbeit ständig vorantreiben. Der Zusammenprall zwischen den Produktivkräften und ihrer privaten Aneignung, der zuvor nur sporadisch war, ist jetzt zu einem ständigen Zusammenstoß geworden; der Kapitalismus ist in die allgemeine Krise seines Zerfalls eingetreten" (Mitchell, BILAN, Nr. 11, Sept. 1934)(3).

Die GCI kennt nicht oder verfälscht die Geschichte der revolutionären Bewegung. In beiden Fällen beweisen diese beiden Behauptungen über den "Ursprung selber der Dekadenztheorien" die Bodenlosigkeit ihrer Argumentation und wie wenig ernsthaft sie in ihrer Methode vorgehen.

DIE INVARIANZ DES PROGRAMMS ODER "DER MARXISMUS DER DINOSAURIER"

Befassen wir uns mit dem Argument der GCI, wenn man von einer Änderung der Kampfesmittel des Proletariats spräche, hieße dies "das historische Programm zu verraten".

Das Programm einer politischen Bewegung fußt auf der Definition einer Gesamtheit von Mitteln und Zielen, welche diese Bewegung aufstellt. Aus dieser Sicht beinhaltet das kommunistische Programm Elemente, die in der Tat seit dem "Kommunistischen Manifest" ständig vorhanden waren. Das Kommunistische Manifest entsprach den Revolutionen von 1848, in denen das Proletariat zum ersten Mal als eigenständige politische Kraft auf der Bühne der Geschichte auftrat. Das Gleiche trifft für die Definition des allgemeinen Ziels zu: die kommunistische Weltrevolution; oder des grundsätzlichen Mittels zur Erreichung dieses Ziels: der Klassenkampf und die Diktatur des Proletariats.

Aber das kommunistische Programm ist nicht nur dies. Es beinhaltet ebenso unmittelbare Ziele und konkrete Mittel zur Durchsetzung derselben, die Organisationsformen, die Formen des notwendigen Kampfes für die Verwirklichung des Endziels.

Diese konkreten Elemente werden direkt durch die konkrete historische Situation bestimmt, innerhalb derer der Klassenkampf stattfindet. "Ist unser Programm einmal die Formulierung der geschichtlichen Entwicklung der Gesellschaft vom Kapitalismus zum Sozialismus, dann muß es offenbar auch alle Übergangsphasen dieser Entwicklung formulieren, in sich in den Grundzügen enthalten, also auch das entsprechende Verhalten im Sinne der Annäherung zum Sozialismus in jedem Moment anweisen können. Daraus folgt, daß es überhaupt für das Proletariat KEINEN AUGENBLICK geben kann, in dem es gezwungen wäre, sein Programm im Stiche zu lassen, oder wo es von diesem Programm im Stiche gelassen werden könnte" ("Sozialreform oder Revolution", Luxemburg, Bd. 1/1, S. 433).

Aus der Sicht der GCI läßt das kommunistische Programm dies alles außer Acht. Die GCI meint, man "muß die Weltrevolution immer und überall machen". Der Kern dieser Aussage ist, das Programm kann als unabänderlich aufgefaßt werden; aber in diesem Fall wäre es nicht mehr ein Programm sondern eine Absichtserklärung.

Was die praktische Anwendung angeht, falls dieses Programm eine hätte, ließe sie sich darin zusammenfassen, daß die Proletarier zu den Endschlachten hingeschickt werden, unabhängig von den jeweilig historisch vorhandenen Bedingungen und vom jeweiligen Kräfteverhältnis. Mit anderen Worten: das ist der Weg in ein Massaker.

Marx hatte diese Tendenzen schon innerhalb des Bundes der Kommunisten bekämpft: „Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15,20,50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen, nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen, sagt ihr im Gegenteil: Wir müssen gleich zur Herrschaft kommen oder wir können uns schlafen legen". (15.09.1850). Ein Programm, das nicht versucht, die Besonderheiten einer jeden historischen Situation und den damit zusammenhängenden Konsequenzen für das Proletariat herauszuarbeiten, solch ein Programm ist nichts wert.

In Wirklichkeit wird das kommunistische Programm ständig durch die Praxis des Klassenkampfes selbst erweitert, bereichert. So entscheidende Fragen wie die Unmöglichkeit für die Arbeiterklasse, den bürgerlichen Staatsapparat zu ihren Gunsten zu erobern oder die Kampf- und Organisationsformen des Proletariats für die Revolution haben Änderungen im kommunistischen Programm bewirkt, jeweils nachdem die Arbeiterklasse wichtige Erfahrungen wie die Pariser Kommune von 1871 oder die russische Revolution von 1905 durchgemacht hatte.

Zu verweigern, daß das Programm geändert, ständig je nach der Entwicklung der objektiven Bedingungen und der praktischen Erfahrung der Klasse bereichert wird, heißt nicht, daß man dem "Programm treu bleibt", sondern daß man es zerstört, indem man es zu einer Tafel von Gesetzen macht. Die Kommunisten sind keine Dinosaurier und ihr Programm ist kein Fossil.

Das kommunistische Programm zu bereichern, es zu ändern, wie es die konsequentesten Revolutionäre immer gemacht haben, um auf jede historische Situation eine Antwort zu haben, um die Ergebnisse der revolutionären Praxis zu integrieren, heißt nicht das "Programm zu verraten", sondern das ist die einzig konsequente Einstellung, die daraus ein wirkliches Instrument für die Klasse werden läßt (4).

DIE IDEALISTISCHE AUFFASSUNG DES ANARCHISMUS UND DIE MARXISTISCHE METHODE

Für die GCI besteht das schlimmste Verbrechen der Verfechter der "Dekadenzauffassung" in der "Theoretisierung einer formellen Kohärenz mit den "Errungenschaften der Arbeiterbewegung des vorigen Jahrhunderts". Und die GCI präzisiert: "Es handelt sich wohlgemerkt um die bürgerlichen "Errungenschaften" der Sozialdemokratie". Die grundlegende Gefahr der Theorie der Dekadenz besteht darin, "die Geschichte unkritisch zu akzeptieren und damit auch hauptsächlich den sozial-demokratischen Reformismus, der damit in einem Zug gerechtfertigt wird, da er sich in der "aufsteigenden" Phase des Kapitalismus entwickelt habe".

Aus der Sicht der GCI "bestand die geschichtliche Funktion der Sozialdemokratie nicht direkt in der Organisierung des Kampfes für die Zerstörung des Systems (was der unabänderliche -invariante- Standpunkt der Kommunisten ist), sondern in der Organisierung der atomisierten Arbeitermassen für die Konterrevolution, um sie zu erziehen, damit sie bestmöglich am System der Lohnsklaverei mitwirken" (Der Kommunist, Nr. 23, S. 18).

Wir werden in einem zukünftigen Artikel eingehender auf das Klassenwesen der Sozialdemokratie und der II. Internationale um die Jahrhundertwende zurückkommen. Um aber darüber sprechen zu können, muß man zuvor auf die absurde Vereinfachung der GCI zu sprechen kommen, derzufolge sich für den Arbeiterkampf seit seinen Anfängen "nichts geändert habe".

Die GCI wirft der Soziademokratie vor, nicht den Kampf "für die Zerstörung des Systems (was das unabänderliche -invariante- Programm der Kommunisten ist)" organisiert zu haben, sondern den gewerkschaftlichen, parlamentarischen Kampf um Reformen; ein Kampf, der nie etwas anderes gewesen war als ein Mittel, um die Arbeiter zur Mitwirkung am System zu bewegen.

Aber die gewerkschaftliche Arbeit oder den Parlamentarismus nur deshalb zu verwerfen, weil es sich um Kampfformen handelte, die nicht sofort zur "Zerstörung des Systems" führen, ist eine rein idealistische Vorgehensweise, die sich nur auf Ideale stützt und nicht auf die konkrete Wirklichkeit der objektiven Bedingungen des Klassenkampfes. So faßt man die Arbeiterklasse nur als "revolutionäre" Klasse auf und vergißt dabei, daß sie im Gegensatz zu allen anderen Klassen der Vergangenheit auch eine ausgebeutete Klasse ist.

Der Forderungskampf und der revolutionäre Kampf sind zwei Momente eines gleichen Kampfes der Arbeiterklasse gegen das Kapital; der Kampf um die Zerstörung des Kapitalismus ist nichts anderes als die konsequente Durchführung des Forderungskampfs gegen die Angriffe des Kapitals. Diese beiden Aspekte des Kampfes sind jedoch nicht gleich. Und man kann nur zu einer vollkommen inhaltlosen Auffassung des Arbeiterkampfes kommen, wenn man diesen doppelten Charakter außer Acht läßt.

Diejenigen, wie die Reformisten, die nur in der Arbeiterklasse ihren ausgebeuteten Charakter sehen und ihren Kampf nur auf der Ebene der Forderungen betrachten, haben eine statische, unhistorische, bornierte Auffassung. Aber diejenigen, welche nur auf das revolutionäre Wesen der Klasse achten und ihr ausgebeutetes Wesen sowie den Ausgangspunkt von Forderungskämpfen für jeden Arbeiterkampf nicht berücksichtigen, sprechen von einem Phantom.

Als die marxistischen Revolutionäre die Form des gewerkschaftlichen oder parlamentarischen Kampfes in der Vergangenheit verwarfen, geschah dies niemals im Namen dieses inhaltslosen und klassenlosen Radikalismus der Anarchisten. Bakunin schrieb z.B. 1869 in dem "Revolutionären Katechismus", daß die Organisation all ihre Kräfte und Mittel darauf verwenden muß, "um die Leiden und die Misere zu verstärken und auszudehnen, die schließlich das Volk zu einem allgemeinen Aufstand bewegen werden".

Der Anarchismus stützt sich auf den Standpunkt eines Ideals der abstrakten "Revolte". Für die Forderungskämpfe der Arbeiterklasse hat er nur eine ‚transzendentale’ Verachtung übrig, wie Marx es in der "Misere der Philosophie" über Proudhon schrieb. Der Marxismus geht vom Standpunkt der Klasse und ihrer Interessen (sowohl der historischen wie der unmittelbaren), aus. Wenn die revolutionären Marxisten zu der Schlußfolgerung gelangen, daß die Gewerkschaftsarbeit, der Parlamentarismus, der Kampf um Reformen nicht mehr gültig sind, dann geschieht das nicht, weil sie damit den Kampf um Forderungen aufgegeben hätten, sondern weil sie wissen, daß dieser Kampf nicht mehr zu einem Erfolg führen und wirksam sein kann, wenn er sich der alten Formen bedient.

Dies war die allgemeine Herangehensweise Rosa Luxemburgs, als sie davon ausging, daß mit dem Eintritt des Kapitalismus in seine "dekadente Phase" der Gewerkschaftskampf "doppelt schwierig" werden würde, als sie feststellte, daß am Ende des 19. Jahrhunderts für die am meisten fortgeschrittene Gewerkschaftsbewegung der damaligen Zeit, England, der gewerkschaftliche Kampf „sich dabei notgedrungen immer mehr auf die bloße Verteidigung des bereits Errungenen, auch diese wird immer schwieriger, reduziert" (Sozialreform oder Revolution, S. 392).

Dies war ebenso die Vorgehensweise der KAPD, als sie die Teilnahme an den Wahlen verwarf, nicht weil sie dies als ein "dreckiges Geschäft" bezeichneten, sondern weil die Mittel des Parlamentarismus nicht mehr wirksam waren, um den Auswirkungen der Krise des Kapitalismus entgegenzutreten, d.h. der Verarmung der Arbeiterklasse.

Solange die Entwicklung des Kapitalismus mit einer dauerhaften Verbesserung der Existenzbedingungen der Arbeiterklasse einherging, solange der Staat keine totalitäre Macht im Gesellschaftsleben geworden war, konnten und mußten sich die Forderungskämpfe im gewerkschaftlichen und parlamentarischen Rahmen bewegen, mußten sie deren Formen annehmen. Die objektiven Bedingungen, als der Kapitalismus seinen historischen Höhepunkt erreichte, schuf eine Art wirtschaftlichen und politischen Boden, auf dem die unmittelbaren Interessen der Arbeiterklasse mit den Notwendigkeiten und Bedürfnissen der Entwicklung eines Kapitals noch in Übereinstimmung zu bringen waren und gar daraus Nutzen schlagen konnten. Es handelte sich nämlich um ein Kapital, das sich in seiner vollen weltweiten Expansionsphase befand.

Es ist die Illusion zu glauben, daß solch eine Situation endlos andauern würde, die die Grundlage der Entwicklung des "Reformismus" darstellt - diese bürgerliche Ideologie innerhalb der Arbeiterbewegung, derzufolge die kommunistische Revolution unmöglich und derzufolge nur eine schrittweise Reformierung des Kapitalismus zugunsten der Arbeiterklasse durchführbar sei.

Vom marxistischen Standpunkt aus hat sich die Verwerfung des Kampfes um Reformen im Kapitalismus immer letztendlich auf der Unmöglichkeit derselben gestützt. Rosa Luxemburg formulierte dies 1898 mit den folgenden Worten: „Der Arbeiterschutz z.B. liegt ebenso im unmittelbaren Interesse der Kapitalisten als Klasse wie der Gesellschaft im ganzen. Aber diese Harmonie dauert nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt der kapitalistischen Entwicklung. Hat die Entwicklung einen bestimmten Höhepunkt erreicht, dann fangen an die Interessen der Bourgeoisie als Klasse und die der ökonomischen Evolution auch im kapitalistischen Sinne auseinanderzugehen" (Reform oder Revolution, S. 395).

Mit dem Eintritt des Kapitalismus in die Phase seiner Dekadenz änderten sich die objektiven Bedingungen für den Kampf der Arbeiter, denn es wurde unmöglich, wirklich dauerhafte Verbesserungen zu gewinnen. Aber das fand nicht im leeren Raum statt. Die Dekadenz des Kapitalismus, das hieß auch "Staatskapitalismus", Aufblähen des Staatsapparats, und die wälzt vollkommen die Existenzbedingungen der Arbeiterklasse um.

Wir können hier nicht all die Aspekte der Umwälzung aufgreifen, den der Eintritt des Kapitalismus in eine historische Phase für den Klassenkampf insbesondere und für das gesellschaftliche Leben allgemein bedeutete. Wir verweisen hier den Leser auf den Artikel "Der Kampf des Proletariats im dekadenten Kapitalismus" (in Internationale Revue Nr. 8).

Jedoch wollen wir hier unterstreichen, daß für die Marxisten die Formen des Kampfes der Arbeiterklasse von den objektiven Bedingungen abhängen, unter denen dieser stattfindet, und daß sie sich nicht auf abstrakte Prinzipien der ewigen Revolte stützen.

Nur indem man sich auf die objektive Analyse des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen stützt, das in seiner historischen Dynamik begriffen werden muß, kann man die Richtigkeit einer Strategie, einer Kampfform überprüfen. Außerhalb dieser materiellen Basis bewegt sich jede Stellungnahme zu den Mitteln des proletarischen Kampfes nur auf Treibsand. Man gerät in eine Verwirrung, sobald die oberflächlichen Formen der "ewigen Revolte" - die Gewalt, die "Anti-Legalität" - in Erscheinung treten.

Die GCI ist dafür ein deutliches Beispiel. Wenn man nicht versteht, warum bestimmte Kampfformen im aufsteigenden Kapitalismus gültig waren, versteht man nicht, warum sie es nicht mehr im dekadenten Kapitalismus sind. Wenn man seine politischen Maßstäbe nur auf eine instinktive Ablehnung all dessen stützt, was der Sozialdemokratie ähnlich sein könnte, wenn man glaubt, daß die Gegnerschaft zur Demokratie ein ausreichender Maßstab als solcher sein könnte, dann gelangt man dahin, wo die GCI im November 1986 gelandet ist. Sie behauptete, daß eine Organisation wie die stalinistischen nationalistischen Guerillas Perus, der "Leuchtende Pfad", aufgrund ihrer Bewaffnung und ihrer Weigerung, sich an den Wahlen zu beteiligen, "immer mehr als die einzige Struktur erscheint, die den immer mehr zunehmenden direkten Aktionen des Proletariats eine Kohärenz verschafft, d.h. in den Städten und auf dem Land, während all die anderen Gruppen der Linken sich objektiv gegen all die Interessen der Arbeiter im Namen der Verurteilung des Terrorismus im allgemeinen und der Verteidigung der Demokratie insbesondere vereinigen" (von uns unterstrichen, "Le Communisme", Nr. 25, S. 48-49).

Die GCI behauptet, daß "all die Dokumente, die der Leuchtende Pfad veröffentlicht hat, auf stalinistisch-maoistischer Grundlage fußen", und daß dieser meint, der Kampf in Peru finde in dem "gegenwärtigen Zeitraum des Anti-Imperialismus und anti-feudalen Kampfes statt". Aber dies hält die GCI nicht von der Schlußfolgerung ab, daß "wir keine Ansatzpunkte haben, um zu behaupten, den Leuchtenden Pfad (oder die PCP, wie sie sich selbst beschreibt), als eine bürgerliche Organisation im Dienste der Konterrevolution einzuschätzen" (ebenda).

Was der GCI zur Einschätzung eines Klassenwesens einer politischen Organisation oder jeder anderen Wirklichkeit des Klassenkampfes fehlt, sind nicht mangelnde Information, sondern die marxistische Methode, die materialistische Auffassung von der Geschichte - bei der die Konzepte der historischen Phasen eines Systems (aufsteigende und niedergehende) ein unersetzbarer Bestandteil sind. RV

      siehe Artikel in Internationale Revue Nr.10 „Die Dekadenz des Kapitalismus verstehen".

      Iguanodon: fossiles Dinosaurierreptil, das in der Kreidezeit lebte.

      Die GCI erkennt in einer kurzen Notiz in dem erwähnten Artikel an, dass Luxemburg, Lenin und Bukharin in der Tat „Dekadenztheorien" vertreten haben. Aber sie behauptet, dass es ihnen nicht darum ging, „eine Phase von mehr als 70 Jahren zu definieren". Das ist wiederum eine Verfälschung: aus der Sicht der Linken in der 2. Internationale, die auch die 3. Internationale gründete, war das Stadium, in das der Kapitalismus eingetreten war, nicht mehr ein weiteres unter vielen, dem neue, aufsteigende folgen würden. Für sie alle war die neue Epoche eine „letzte Phase", die „höchste Stufe" des Kapitalismus, aus der es keinen anderen Ausweg für die Gesellschaft mehr geben würde als Barbarei oder Sozialismus.

      Gegen all die religiösen Einstellungen gegenüber dem lebendigen Instrument einer lebendigen Klasse berufen wir uns auf die Einstellung von Marx und Engels, die nach der Pariser Kommune erklärten, dass ein Teil des Kommunistischen Manifests überholt sei; auf die von Lenin, der 1917 in den Aprilthesen darauf bestand, dass ein Teil des Programms der Partei neu gefasst werden müsste.

Erbe der kommunistischen Linke

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