Die I. Internationale und der Kampf gegen das Sektierertum

Neben dem Kampf der Bolschewiki gegen die Menschewiki zu Beginn dieses Jahrhunderts war die Auseinandersetzung zwischen dem Marxismus und dem Anarchismus in der I. Internationale wahrscheinlich das berühmteste Beispiel der Verteidigung der proletarischen Organisationsprinzipien in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Für die Revolutionäre von heute, die von der lebendigen Organisationsgeschichte ihrer eigenen Klasse infolge der mehr als 50 jährigen stalinistischen Konterrevolution abgeschnitten sind, ist es wesentlich, sich die Lehren dieser Erfahrung wieder anzueignen. Der erste Artikel wird sich auf die Vorgeschichte dieser Auseinandersetzung konzentrieren und aufzeigen, wie Bakunin das Konzept entwickelte, die Führung der Arbeiterbewegung mittels einer geheimen Organisation zu übernehmen und unter seine eigene persönliche Kontrolle zu bringen. Wir werden aufzeigen, wie diese Auffassung notwendigerweise dazu führte, daß Bakunin von der herrschenden Klasse mit dem Ziel der Zerstörung der Internationale manipuliert werden konnte. Dabei werden wir die grundlegend arbeiterfeindlichen Wurzeln dieser Auffassung gerade was die Organisationsfrage bloßlegen.

Die geschichtliche Bedeutung des Kampfes des Marxismus gegen den Organisationsanarchismus

Die I. Internationale ist in den Geschichtsbücher eingegangen vor allem wegen des Kampfes zwischen Marx und Bakunin, welcher auf dem Haager Kongreß 1872 mit dem Ausschluß Bakunins und seiner rechten Hand Guillaume seinen vorläufigen Abschluß fand. Was aber die bürgerlichen Historiker als einen Kampf zwischen Persönlichkeiten, und die Anarchisten als einen Kampf zwischen "autoritären" und "freiheitlichen" Auffassungen des Sozialismus darstellen, war in Wirklichkeit ein Kampf der gesamten Internationale gegen diejenigen, welche ihre Statuten mit Füßen traten. Bakunin und Guillaume wurden in Den Haag ausgeschlossen, weil sie innerhalb der Internationale eine geheime "Bruderschaft" aufgebaut hatten, eine Organisation innerhalb der Organisation, mit ihren eigenen Strukturen und Statuten. Diese Organisation, die sogenannte "Allianz der sozialistischen Demokratie" existierte und handelte im verborgenen und zwar mit dem Ziel, die Kontrolle der Internationale aus den Händen ihrer Mitglieder zu reißen, um deren Kontrolle Bakunin zu übertragen.

 

Ein Todeskampf zwischen verschiedenen Organisationsauffassungen

Der Kampf, der in der Internationale ausgetragen wurde, war also nicht einer zwischen "Autorität und Freiheit", sondern zwischen zwei völlig entgegengesetzten, ja sich feindlich gegenüberstehenden Organisationsprinzipien.

1) Auf der einen Seite die Auffassung, die am entschlossensten von Marx und Engels, aber insgesamt vom Generalrat und von der großen Mehrheit der Mitglieder vertreten wurde, daß eine proletarische Organisation nicht von der Willkür einzelner, von der Gnade "führender Genossen" abhängen darf, sondern nach festgelegten, von allen unterstützten und für alle verbindlichen Regeln, genannt Statuten, funktionieren muß. Diese Statuten müssen den einheitlichen, zentralisierten, kollektiven Charakter einer solchen Organisation garantieren, für eine offene, disziplinierte, alle Mitglieder einbeziehende Form der politischen Debatte und der politischen Entscheidungsprozesse sorgen. Wer mit Entscheidungen der Organisation, oder mit Punkten der Statuten, nicht mehr einverstanden ist, hat nicht nur die Möglichkeit, sondern die Pflicht, seine Kritik offen vor der gesamten Organisation innerhalb des dafür vorgesehenen Rahmens vorzutragen. Diese Organisationsauffassungen, welche die Internationale Arbeiterassoziation(IAA) entwickelte, entsprachen dem kollektiven, einheitlichen, revolutionären Charakter des Proletariats.

2) Auf der anderen Seite vertrat Bakunin die elitäre, kleinbürgerliche Auffassung des "genialen Führers", dessen außerordentliche politische Klarheit und Entschlossenheit der eigentliche Garant der revolutionären "Leidenschaft" und Ausrichtung ist. Dieser Führer sieht sich dann "moralisch berechtigt", hinter dem Rücken der Organisation seine Anhänger zu sammeln und zu organisieren, damit er an die "Schaltstellen" der Organisation gelangen und seine "historische Mission" erfüllen kann. Da die Mitgliedschaft insgesamt zu dumm sei, um den Bedarf an solch revolutionärem Messias zu erkennen, muß man sie dazu bringen, das zu tun, was gut für sie ist, auch ohne sie in Kenntnis davon zu setzen, ja auch gegen ihren Willen. Die Statuten, die souveränen Entscheidungen von Kongressen oder gewählten Gremien, sind vielleicht gut für die Anderen, aber sie stehen der Elite im Wege.

Dies war die Auffassung Bakunins. Bevor er der IAA betrat, erklärte er seinen Anhängern, weshalb die Internationale keine revolutionäre Organisation sei. Die Proudhonisten seien reformistisch geworden, die Blanquisten alt, die Deutschen wie der von ihnen angeblich beherrschte Generalrat "autoritätsgläubig". Auffallend ist die Art und Weise, wie Bakunin die Internationale als die Summe ihrer Teile betrachtet. Vor allem mangelte es laut Bakunin an "revolutionärem Willen". Dafür wollte die Allianz sorgen, indem sie Programm und Statuten der Internationale mit Füßen trat und ihre Mitglieder hinters Licht führte.

Für Bakunin zählten die Organisationen, welche das Proletariat hervorbrachte, welche in jahrelanger, mühevoller Arbeit aufgebaut wurden, nichts. Die konspirativen Sekten, die er selber schuf und beherrschte, waren ihm dagegen alles. Nicht die Klassenorganisation interessierte ihn, sondern sein persönlicher Status und sein Ansehen, seine anarchistische "Freiheit" - was man heute "Selbstverwirklichung" nennt. Für Bakunin und seinesgleichen war die Arbeiterbewegung nichts als ein Vehikel, um die eigenen individuellen, individualistischen Pläne zu realisieren.

 

Ohne revolutionäre Organisation keine revolutionäre Arbeiterbewegung

Marx und Engels hingegen wußten, was der Organisationsaufbau für das Proletariat bedeutet. Während die Geschichtsbücher die Geschichte so darstellen, daß der Konflikt zwischen Marx und Bakunin ein allgemeinpolitischer war, zeigt die wirkliche Geschichte der Internationale vor allem einen Kampf um die Organisation. Für die bürgerlichen Historiker eine eher langweilig erscheinende Angelegenheit. Für uns hingegen etwas sehr lehrreiches, aufregend Wichtiges. Was Marx uns zeigt, ist, daß es ohne proletarische Organisation keine revolutionäre Klassenbewegung oder Theorie geben kann.

Und tatsächlich: der Gedanke, daß organisatorische Festigkeit, Entwicklung und Wachstum die Voraussetzungen sind für die programmatische Entfaltung der Arbeiterbewegung, liegt der gesamten politischen Tätigkeit von Marx und Engels zugrunde (1). Die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus wußten nur zu gut, daß das proletarische Klassenbewußtsein nicht das Ergebnis von Individuen sein kann, sondern eines kollektiven, organisierten Rahmens bedarf. Deshalb ist der Aufbau der revolutionären Organisation eine der wichtigsten, wenn auch eine der schwierigsten Aufgaben des revolutionären Proletariats.

 

Der Kampf um die Statuten

Nirgends haben Marx und Engels entschiedener und fruchtbarer für dieses Verständnis gekämpft als in den Reihen der 1. Internationale. 1864 gegründet, entstand die Internationale zu einer Zeit, als die organisierte Arbeiterbewegung noch weitgehend beherrscht wurde durch kleinbürgerliche bzw. reformistische Ideologien und Sekten. Die Internationale Arbeiterassoziation (IAA) war zunächst einmal eine Umgruppierung dieser Elemente. Vorherrschend waren die opportunistischen englischen Gewerkschaftsvertreter, der kleinbürgerlich-reformistische Proudhonismus der romanischen Länder, der konspiratorische Blanquismus und in Deutschland die Sekte unter Lassalle. Obwohl die verschiedensten Programme und Weltanschauungen aufeinander stießen, standen die Revolutionäre damals unter dem enormen Druck der Arbeiterklasse, die nach internationaler Einheit drängte, sich zusammenschließen wollte. Bei den ersten Treffen der IAA in London wußte kaum jemand, wie dieser Zusammenschluß vonstatten gehen sollte. In dieser Situation setzen sich die wirklich proletarischen Elemente, mit Marx an der Spitze, dafür ein, die programmatische Klärung zwischen den verschiedenen Gruppierungen erst einmal zu vertagen. Die jahrelange politische Erfahrung der Revolutionäre und die internationale Kampfwelle der gesamten Klasse sollten eingesetzt werden, um zunächst eine einheitliche Organisation zu schmieden. Der internationalen Einheit dieser Organisation, verkörpert durch die Zentralorgane, insbesondere den Generalrat, und durch die Statuten, welche von allen Mitgliedern akzeptiert werden mußten, würden die Internationale in die Lage versetzen, nach und nach die programmatischen Divergenzen auszuräumen und zu einer einheitlichen Auffassung zu gelangen. Der Umgruppierung im großen Maßstab konnte gelingen, solange der internationale Klassenkampf im Aufschwung begriffen war.

Der entscheidende Beitrag des Marxismus bei der Gründung der 1. Internationale lag somit eindeutig auf der Ebene der Organisationsfrage. Die verschiedenen bei dem Gründungstreffen anwesenden Sekten waren nicht in der Lage, den Wille zum internationalen Zusammenschluß, welchen vor allem die englischen und französischen Arbeiter gefordert hatten, zu konkretisieren. Die bürgerliche Atto di fratellanza, die Anhänger Mazzinis, wollten die konspiratorischen Statuten einer Geheimsekte durchsetzen. Die "Inauguraladresse" sowie die Statuten, welche Marx dann im Auftrag der Organisationskomitee vorlegte, verteidigten den proletarischen und einheitlichen Charakter der Organisation, und legten die unerläßliche Grundlage für die weitere Klärungsarbeit. Wenn die Internationale in der Folge sehr weit gehen konnte bei der Überwindung utopischer, kleinbürgerlicher, sektiererischer und konspiratorischer Vorstellungen, dann in erster Linie, weil ihre verschiedenen Strömungen sich mehr oder weniger diszipliniert an die gemeinsamen Regeln hielten.

Unter diesen Strömungen war das Besondere bei den Bakunisten, daß sie sich nicht an die Statuten halten wollten. Deshalb war es die bakunistische Allianz, welche es beinahe schaffte, die erste internationale Partei des Proletariats zu vernichten. Der Kampf gegen die Allianz ist in die Geschichte eingegangen als die große Auseinandersetzung zwischen Marxismus und Anarchismus. Und das war es auch. Aber im Mittelpunkt des Kampfes standen nicht allgemein-programmatische Fragen wie etwa das Verhältnis zum Staat, sondern Organisationsprinzipien.

Die Proudhonisten z.B. teilten viele der anarchistischen Auffassungen Bakunins. Sie traten aber für die Klärung ihrer Auffassungen nach den Regeln der Organisation ein. Auch sie glaubten daran, daß Organisationsstatuten von allen Mitgliedern ohne Ausnahme eingehalten werden müßten. Deshalb waren insbesondere die belgischen "Kollektivisten" in der Lage, sich in wichtigen Fragen dem Marxismus anzunähern. Ihr bekanntester Sprecher, De Paepe, war ein prinzipieller Gegner der von Bakunin für nötig gehaltenen geheimen Organisation.

 

Bakunins geheime Bruderschaft

Und gerade dieser Frage stand im Mittelpunkt des Kampfes der Internationale gegen Bakunin. Es ist eine auch von anarchistischen Historikern anerkannte Tatsache, daß Bakunin, der 1869 der IAA beitrat, eine geheime Bruderschaft zur Verfügung stand, mit der er die Kontrolle über die Internationale an sich reißen wollte.

"Wir haben es hier mit einer Gesellschaft zu tun, welche unter der Maske des extremen Anarchismus ihre Angriffe nicht gegen die bestehenden Regierungen richtet, sondern gegen die Revolutionäre, welche sich nicht ihrer Orthodoxie und ihrer Leitung unterwerfen. Von der Minderheit eines Bourgeois-Kongresses gegründet, schleicht sie sich in die Reihen der internationalen Organisationen der Arbeiterklasse ein, versucht zuerst, sich ihrer Leitung zu bemächtigen, und arbeitet auf ihre Desorganisation hin, sobald sie diesen Plan scheitern sieht. In schamlosester Weise sucht sie ihr sektiererisches Programm und ihre beschränkten Ideen dem umfassenden Programm, den großen Anstrebungen unserer Assoziation unterzuschieben; sie organisiert in den öffentlichen Sektionen der Internationalen ihre geheime Sektiönchen, welche, derselben Parolen gehorchend, durch vorher abgekartetes gemeinsames Vorgehen in vielen Fällen zur Herrschaft über jene gelangen; sie greift öffentlich in ihren Blättern alle Elemente an, welche sich weigern, sich ihrer Herrschaft zu fügen; sie provoziert den offenen Krieg - das sind ihre eignen Worte - in unseren Reihen."

Das sind die Worte des Berichtes "Ein Komplott gegen die Internationale Arbeiterassoziation", welchen Marx und Engels im Auftrag des Haager Kongresses von 1872 verfaßten (MEW Bd.18, S.333).

Bakunins Kampf gegen die Internationale war sowohl das Produkt der spezifisch historischen Situation der damaligen Zeit, als auch von allgemeinen, auch heute noch existierenden Faktoren. Was seinen Aktivitäten zugrunde lag, war die Infiltration des kleinbürgerlichen Individualismus und Fraktionalismus, welcher unfähig ist, sich dem Willen und der Disziplin der Organisation unterzuordnen. Hinzu kam die konspiratorische Haltung des deklassierten Boheme, der ohne Manöver und Komplotte zugunsten der eigenen persönlichen Ziele nicht auskommen kann. Die Arbeiterbewegung ist schon immer mit solchen Verhaltensweisen konfrontiert worden, da die Organisation sich nicht ganz von dem Einfluß der anderen Klassen der Gesellschaft abschirmen kann. Andererseits nahmen Bakunins Komplotte die konkrete historische Form der Geheimorganisation an, welche auch zur eigenen Vergangenheit der damaligen Arbeiterbewegung gehörte. Wir werden die konkrete Geschichte Bakunins untersuchen müssen, um auch das Allgemeingültige, für uns heute Wichtige begreifen zu können.

 

Der Bakuninismus gegen den Bruch des Proletariats mit dem kleinbürgerlichen Sektierertum.

Die Gründung der Internationale, die das Ende der Konterrevolution nach 1849 bedeutete, rief die heftigste (und Marxens Aussage zufolge gar übertriebene) Reaktion der Angst und des Hasses unter der herrschenden Klasse hervor: unter den Überresten der feudalen Aristokratie und vor allem unter der Bourgeoisie als dem direkten und historischen Gegner des Proletariats. Mit Hilfe von Spionen und agents provocateurs sollte die Internationale infiltriert werden. Koordinierte, oft hysterische Verleumdungskampagnen wurden in der Presse gegen sie inszeniert. Bei ihren Aktivitäten wurde sie wo immer möglich bedrängt und von der Polizei unterdrückt. Mitglieder wurden vor Gericht gezerrt und ins Gefängnis gesteckt. Erst nach der Niederlage der Pariser Kommune 1871 machte sich in den Reihen der Internationale Verwirrung breit.

Was die Bourgeoisie am meisten beunruhigte, war abgesehen von der internationalen Vereinigung ihres Klassenfeindes, die Tatsache, daß der Marxismus sich ausbreitete und daß die Arbeiterbewegung die sektiererischen Formen der geheimen Organisierung aufgab und eine Massenbewegung wurde. Die Bourgeoisie fühlte sich viel sicherer, solange die revolutionäre Arbeiterbewegung die Form von geschlossenen, sektiererischen, geheimen Gruppierungen trug, in deren Mittelpunkt eine einzige Führerfigur stand, und die irgendein utopisches Schema verfocht oder einen Verschwörungsplan verfolgte, im großen und ganzen aber vollständig von der Arbeiterklasse insgesamt isoliert war. Diese Sekten konnten viel einfacher beobachtet, infiltriert, mißbraucht und manipuliert werden als eine Massenorganisation, deren Hauptstärke und Sicherheit in ihrer Verankerung in der Arbeiterklasse als ganzes lag. Für die Bourgeoisie stellte vor allem die Perspektive einer revolutionären sozialistischen Aktivität gegenüber der Arbeiterklasse insgesamt eine Gefahr für ihre Klassenherrschaft dar, denn die utopischen und verschwörerischen Sekten der Vergangenheit konnten nie diese Gefahr für sie bedeuten. Die Verbindung zwischen Sozialismus und Klassenkampf, zwischen Kommunistischen Manifest und großen Streikbewegungen, zwischen politischen und ökonomischen Aspekten des Klassenkampfes des Proletariats - darüber verlor die Bourgeoisie von 1864 an manch schlaflose Nacht. Und dies liefert die Erklärung für die unglaubliche Brutalität, mit der die Bourgeoisie die Arbeiter der Pariser Kommune abschlachtete und das Ausmaß der internationalen Solidarität aller Teile der ausbeutenden Klassen mit diesem Massaker.

So stand als eines der Hauptthemen der bürgerlichen Propaganda gegen die Internationale die Beschuldigung im Vordergrund, daß hinter der Internationale tatsächlich eine mächtige geheime Organisation stecke, die verschwörerisch auf den Sturz der bestehenden Ordnung hinarbeite. Hinter dieser Propaganda, die auch ein zusätzlicher Vorwand für Unterdrückungsmaßnahmen waren, verbarg sich vor allem der Versuch der Bourgeoisie, die Arbeiter davon zu überzeugen, daß die Bourgeoisie noch am meisten die geheimen Verschwörer fürchtete und nicht so sehr die Massenbewegung. Die Ausbeuter unternahmen alles, um die verschiedenen, noch aktiven Sekten und Verschwörergruppen dazu zu ermuntern, weiter auf Kosten des Marxismus und der Massenbewegung tätig zu bleiben. In Deutschland ermunterte Bismarck die Sekte um Lassalle bei deren Widerstand gegen die Streiks der Arbeiter und gegen die marxistischen Traditionen des Bund der Kommunisten. In Frankreich versuchte die Presse, aber auch die agents provocateurs, das ständig vorhandene Mißtrauen der Verschwörergruppe um Blanqui gegen die Massenaktivitäten der Internationale anzustacheln. In den romanischen und slawisch-sprachigen Ländern wurde eine hysterische Pressekampagne gegen die angebliche „deutsche Vorherrschaft" in der Internationale durch die „autoritären, staatshörigen Marxisten" angezettelt. Aber vor allem die Anhänger Bakunins fühlten sich durch diese Propaganda ermuntert. Vor 1864 hatte Bakunin zumindest zum Teil gegen seinen Willen die Überlegenheit des Marxismus über seine eigenen kleinbürgerlichen putschistischen Auffassungen des revolutionären Sozialismus zugegeben. Seit dem Entstehen der Internationale und damit auch seit dem politischen Angriff der Bourgeoisie dagegen fühlte sich Bakunin in seinem Mißtrauen gegenüber dem Marxismus und der proletarischen Bewegung bestätigt und bekräftigt. In Italien, wohin er den Schwerpunkt seiner Aktivitäten verlegte, priesen die verschiedenen Geheimgesellschaften, die Carbonari, Mazzini, Camorra usw., die angefangen hatten die Internationale und ihren Einfluß auf der Halbinsel zu bekämpfen, Bakunin als den „wahren" Revolutionär. Es gab öffentliche Erklärungen, daß Bakunin die Führung der europäischen Revolution übernehmen sollte. Bakunins Panslawismus wurde als ein natürlicher Verbündeter Italiens in dessen Kampf gegen die österreichischen Besatzungskräfte begrüßt. Demgegenüber wurde betont, daß Marx die Vereinigung Deutschlands als wichtiger für die Entwicklung der Revolution in Europa betrachtete als die Vereinigung Italiens. Sowohl die italienische wie auch die aufgeklärteren Teile der schweizerischen Behörden fingen wohlwollend an, die Anwesenheit Bakunins zu dulden, der zuvor das Opfer der brutalsten europaweiten staatlichen Unterdrückung gewesen war.

 

Die Organisationsdebatten zur Frage der Konspiration

Michael Bakunin, Sohn verarmter russischer Adlige, brach mit seinem Milieu und seiner Klasse vor allem aufgrund seines großen Drangs nach persönlicher Freiheit, welche damals weder beim Militär, in der Staatsbürokratie noch auf einem ländlichen Adelsgut erreichbar war. Bereits dieses Motiv zeigt auf, wie fern seine politische Laufbahn von dem disziplinierten, kollektiven Klassencharakter der Arbeiterklasse entfernt lag. Damals gab es in Rußland auch so gut wie kein Proletariat.

Als Bakunin Anfang der 40er Jahre als politischer Flüchtling in Westeuropa eintraf, mit einer Geschichte der politischen Konspiration bereits hinter sich, waren die Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung über organisatorische Fragen bereits voll im Gange. Vor allem in Frankreich.

Damals war die revolutionäre Arbeiterbewegung hauptsächlich in der Form von Geheimgesellschaften organisiert. Diese Form entstand nicht nur weil die Arbeiterorganisationen verboten waren, sondern weil das Proletariat, noch zahlenmäßig unterentwickelt war und kaum vom kleinbürgerlichen Handwerk getrennt, noch nicht seinen eigenen Weg gefunden hatte. Wie Marx über die Lage in Frankreich schrieb:

"Es ist bekannt, wie bis 1830 die liberalen Bourgeois an der Spitze der Verschwörungen gegen die Restauration standen. Nach der Julirevolution trat die republikanische Bourgeoisie an ihre Stelle; das Proletariat, schon unter der Restauration zum Konspirieren erzogen, trat in dem Maße in den Vordergrund, worin die republikanischen Bourgeoisie durch die vergeblichen Straßenkämpfe von den

Diese Konspirationen umfaßten natürlich nie die große Masse des Pariser Proletariats."

Die proletarischen Elemente beschränkten sich aber nicht auf diese entscheidende Absonderung von der Bourgeoisie. Sie begannen praktisch, die Vorherrschaft der Konspiration und der Konspirateure in Frage zu stellen.

"In demselben Maß, wie das Pariser Proletariat selbst als Partei in den Vordergrund trat, verloren diese Konspirateurs an leitendem Einfluß, wurden sie zersprengt, fanden sie eine gefährliche Konkurrenz in proletarischen geheimen Gesellschaften, die nicht die unmittelbare Insurrektion, sondern die Organisation und Entwicklung des Proletariats zum Zweck hatten. Schon die Insurrektion von 1839 hatte einen entschieden proletarischen und kommunistischen Charakter. Nach ihr aber traten die Spaltungen ein, über die die alten Konspirateure so viel klagen; Spaltungen, die aus dem Bedürfnis der Arbeiter hervorgingen, sich über ihre Klasseninteressen zu verständigen, und die sich teils in den alten Verschwörungen selbst, teils in neuen propagandistischen Verbindungen äußerten. Die kommunistische Agitation, die Cabet bald nach 1839 mit Macht begann, die Streitfragen, die sich innerhalb der kommunistischen Partei erhoben, wuchsen den Konspirateuren bald über den Kopf. Chénu wie De la Hodde geben zu, daß die Kommunisten zur Zeit der Februarrevolution bei weitem die stärkste Fraktion des revolutionären Proletariats gewesen seien. Die Konspirateure, um ihren Einfluß auf die Arbeiter und damit ihr Gegengewicht gegen die habits noirs (Befrackten) nicht zu verlieren, mußten dieser Bewegung folgen und sozialistische oder kommunistische Ideen adoptieren." (Marx, Rezensionen, ebenda, MEW Bd., S.275)

Der vorläufige Abschluß dieses Prozesses bildete der Bund der Kommunisten, welcher nicht nur das Kommunistische Manifest annahm, sondern auch die ersten proletarischen Statuten einer von aller Konspiration befreiten Klassenpartei.

"Der Bund der Kommunisten war daher keine konspiratorische Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft, die die Organisation der proletarischen Partei im Geheimen bewerkstelligte, weil das deutsche Proletariat igni et aqua von Schrift, Rede und Assoziation öffentlich interdiziert ist. Wenn eine solche Gesellschaft konspiriert, so geschieht es nur in dem Sinne, wie Dampf und Elektrizität gegen den Status quo konspirieren."

Diese Frage war es auch, welche zur Abspaltung der Fraktion Willich-Schapper führte.

"Von dem Bund der Kommunisten sonderte sich daher eine Fraktion ab oder wurde eine Fraktion abgesondert, wie man will, die, wenn auch nicht wirkliche Konspiration, doch den Schein der Konspiration und daher direkt Allianz mit den demokratischen Tageshelden verlangte - die Fraktion Willich-Schapper

Was diese Leute am Bunde unzufrieden machte, war dasselbe, was auch Bakunin damals von der Arbeiterbewegung fernhielt.

"Es versteht sich, daß eine solche geheime Gesellschaft, welche die Bildung nicht der Regierungs-, sondern der Oppositionspartei der Zukunft bezweckt, wenig Reiz bieten konnte für Individuen, die einerseits ihre persönliche Unbedeutendheit unter dem Theatermantel von Konspirationen aufspreizen, andererseits ihren bornierten Ehrgeiz am Tage der nächsten Revolution befriedigen, vor allem aber augenblicklich wichtig scheinen, an der Beute der Demagogie teilnehmen und von den demokratischen Marktschreiern bewillkommt sein wollen

 

Nach der Niederlage der europäischen Revolution von 1848-49 zeigte der Bund ein letztes Mal, wie weit er sich vom Sektenwesen entfernt hatte. Er versuchte, aus einer Umgruppierung mit den Chartisten in England und den Blanquisten in Frankreich eine neue internationale Organisation zu gründen: die Société Universelle des Communistes Révolutionaires. Solch eine Organisation sollte Statuten haben, die von allen Mitgliedern international respektiert würden, die Spaltung zwischen einer geheimen Führung und der Basis, die man als eine manipulierbare Masse auffaßte, sollte abgeschafft werden. Dieses Projekt wie der Bund selbst scheiterten aber an dem internationalem Rückzug des Proletariats nach der Niederlage der Revolution von 1848. Deshalb konnte der Kampf gegen das Sektenwesen erst mehr als ein Jahrzehnt später, mit den Aufkommen einer neuen proletarischen Kampfwelle und mit der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation vorangetrieben werden.

 

." (ebenda).
." (Ebenda).
(Marx, Enthüllungen über den Kommunisten-Prozess in Köln, MEW Bd.8, S.461).
Konspirationen zurückgeschreckt wurden. Die Société des saisons, mit der Barbès und Blanqui die Emeute von 1839 machten, war schon ausschließlich proletarisch, und ebenso waren es die nach der Niederlage gebildeten nouvelles saisons (...) (Rezensionen aus der ‘Neue Rheinische Zeitung Politisch-ökonomische Revue’, MEW Bd.7 S.273).

Erste Prinzipien einer proletarischen Organisation

Zu dem Zeitpunkt, als Bakunin aus Sibirien nach Westeuropa Anfang der 60er Jahre zurückkehrte, waren die ersten Hauptlehren des Kampfes des Proletariats um die Organisation schon gezogen worden und standen jedem zur Verfügung, der sie sich aneignen wollte. Diese Lehren waren im Laufe von Jahren harter Erfahrungen erarbeitet worden, während derer die Arbeiter ständig als Kanonenfutter von der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum in deren eigenem Kampf gegen den Feudalismus benutzt worden waren. Während dieses Kampfes hatten sich die proletarischen revolutionären Elemente von der Bourgeoisie nicht nur politisch, sondern auch organisatorisch getrennt und Organisationsprinzipien gemäß ihrem Klassenwesen entwickelt. Die neuen Statuten definierten die Organisation als einen vereinten, kollektiven und bewußten Organismus. Die Trennung zwischen der Basis, die aus Arbeitern zusammengesetzt war, die sich über das wirkliche politische Leben der Organisation nicht im Klaren waren, und einer Führung, die aus professionellen Verschwörern zusammengesetzt war, galt als überwunden. Die neuen Prinzipien einer strengen Zentralisierung, die Organisierung der illegalen Arbeit eingeschlossen, schloß die Möglichkeit einer geheimen Organisation innerhalb der Organisation oder an ihrer Spitze aus. Während das Kleinbürgertum und vor allem die radikalisierten deklassierten Elemente die Notwendigkeit einer geheimen Funktionsweise eines Teils der Organisation im Verhältnis zum ganzen als ein Mittel des Schutzes vor dem Klassenfeind gerechtfertigt hatten, bewies die neue Erfahrung des Proletariats, daß genau diese verschwörerische Elite zur Infiltration des Klassenfeindes führte, insbesondere der Infiltration der politischen Polizei in die Reihen der Arbeiterklasse. Vor allem der Bund der Kommunisten zeigte auf, daß organisatorische Transparenz und Festigkeit der beste Schutz gegen Zerstörung durch den Staat sind.

Über die Verschwörer von Paris vor der Revolution von 1848 entwarf Marx ein Bild, welches ebenso gut auf Bakunin passen konnte. Hier kommt auch die Kritik an dem kleinbürgerlichen Sektenwesen klar zum Ausdruck, welches nicht nur der Polizei, sondern dem Einfluß der deklassierten Boheme Tür und Tor öffnet.

"Ihre schwankende, im einzelnen mehr vom Zufall als von ihrer Tätigkeit abhängige Existenz, ihr regelloses Leben, dessen einzig fixe Stationen die Kneipen der marchands de vin sind - die Rendezvoushäuser der Verschwornen - ihre unvermeidlichen Bekanntschaften mit allerlei zweideutigen Leuten rangieren sie in jenem Lebenskreis, den man in Paris le boheme nennt. Diese demokratischen Bohemiens proletarischen Ursprungs - es gibt auch eine demokratische Boheme bürgerlichen Ursprungs, die demokratischen Bummler und piliers d'estaminet (Kneipenstammgäste) - sind also entweder Arbeiter, die ihre Arbeit aufgegeben haben und dadurch dissolut geworden sind, oder Subjekte, die aus dem Lumpenproletariat hervorgehn und alle dissoluten Gewohnheiten dieser Klasse in ihre neue Existenz übertragen. Man begreift, wie unter diesen Umständen fast in jeden Konspirationsprozeß ein paar repris de justice (Vorbestrafte) sich verwickelt finden.." (ebenda, S.273). Es versteht sich von selbst daß solche Leute "aufs tiefste die mehr theoretische Aufklärung der Arbeiter über ihre Klasseninteressen" verachten. (s. 272).

Das ganze Leben dieser Verschwörer von Profession trägt den ausgeprägtesten Charakter der Boheme. Unteroffiziere der Verschwörung, ziehen sie von marchand de vin zu marchand de vin, fühlen den Arbeitern den Puls, suchen ihre Leute heraus, kajolieren sie in die Verschwörung hinein und lassen entweder die Gesellschaftskasse oder den neuen Freund die Kosten der dabei unvermeidlichen Konsumption von Litres trage (...)

(...) jeden Augenblick kann er auf die Barrikade gerufen werden und dort fallen, auf jedem Schritt und Tritt legt ihm die Polizei Schlingen, die ihn ins Gefängnis oder gar auf die Galeeren bringen können. Solche Gefahren machen eben den Reiz des Handwerks aus; je größer die Unsicherheit, desto mehr beeilt sich der Verschwörer, den Genuß des Moments festzuhalten. Zugleich macht ihn die Gewohnheit der Gefahr im höchsten Grade gleichgültig gegen Leben und Freiheit

"Der Hauptcharakterzug im Leben der Konspirateurs ist ihr Kampf mit der Polizei, zu der sie gerade dasselbe Verhältnis haben wie die Diebe und die Prostituierte. Die Polizei toleriert die Verschwörungen, und zwar nicht bloß als ein notwendiges Übel. Sie toleriert sie als leicht zu überwachende Zentre (...) Die Verschwörer behalten unaufhörlich Fühlung mit der Polizei, sie kommen jeden Augenblick in Kollision mit ihr; sie jagen auf die Mouchards (Spitzeln) wie die Mouchards auf sie jagen. Die Spionage ist eine ihrer Hauptbeschäftigungen. Kein Wunder daher, daß der kleine Sprung von handwerksmäßigen Verschwörer zum bezahlten Polizeispion, erleichtert durch das Elend und das Gefängnis, durch Drohungen und Versprechungen, sich so häufig macht." (

Dies waren die Grundlagen der Statuten der IAA - und als die Bourgeoisie sich dessen bewußt wurde, wurde klar, daß dies ihr Angst einjagen sollte und daß sie sich offen zu Bakunin bekannte.

 

Ebenda. S.274)

Die Politik der Verschwörung

 

Bakunin in Italien

Um zu begreifen, wie Bakunin von der herrschenden Klasse gegen die Internationale manipuliert werden konnte, müssen wir kurz auf seinen persönlichen Werdegang wie auf die Lage in Italien nach 1864 eingehen. Anarchistische Historiker loben das ‘große revolutionäre Wirken’ Bakunins in Italien, wo er eine Reihe von geheimen Sekten gründete und bei verschiedenen Verschwörungen mitmachte, um Einfluß zu gewinnen. Diese anarchistischen Historiker meinen im Allgemeinen, daß Italien Bakunin auf das Podest des ‘Papstes des revolutionären Europas’ stellte. Aber da sie es sorgfältig vermeiden, irgendwelche Einzelheiten der Wirklichkeit dieses Milieus aufzudecken, bleibt uns diese Aufgabe nicht erspart.

Bakunin hatte innerhalb des sozialistischen Lager einen Ruf für sich erworben durch seine Teilnahme an der Revolution von 1848-49, als er militärischer Anführer in Dresden war. Eingekerkert, nach Rußland ausgeliefert und endlich nach Sibirien verbannt, erreichte Bakunin Europa erst wieder 1861, nachdem er aus dem Lager in Sibirien entflohen war. In London angekommen, begab er sich zu Herzen, dem bekannten russischen liberalen Revolutionsführer. Dort begann er sofort, unabhängig von Herzen, die politischen Emigration um seine eigene Person zu scharen. Es war ein Kreis von Slawen, welchen Bakunin mit einem anarchistisch verbrämten Panslawismus an sich band. Sowohl von der englischen als von der kommunistischen Arbeiterbewegung, vor allem von dem deutschen Arbeiterbildungsverein in London blieb er hingegen fern. Aber aus Ermangelung eines günstigen Konspirationsterrain brach er 1864 (die Gründung der Internationale in London hing schon in der Luft) nach Italien auf, auf der Suche nach Verbündeten für seine reaktionäre "panslawische Revolution" und seine Geheimbündeleien.

"In Italien fand er eine Menge politischer Geheimbünde; er fand hier eine deklassierte Intelligenz, die allemal bereit war, sich in allerlei Verschwörungen einzulassen, eine bäuerliche Masse, die stets am Abgrunde des Hungertodes schwebte, und endlich ein wenig bewegliches Lumpenproletariat, zumal in den Lazzaroni von Neapel, wohin er bald von Florenz übergesiedelt war, um dort mehrere Jahre zu leben. Diese Klassen erschienen ihm als die eigentlichen Triebkraft der Revolution." (Franz Mehring, Karl Marx: Geschichte seines Lebens, S. 411, 412).

Bakunin flüchtete von den Arbeitern Westeuropas zu den Deklassierten Italiens.

 

Die Geheimgesellschaften als Mittel der Revolte

In der Zeit der Reaktion nach der Niederlage Napoleons, als die Heilige Allianz unter der Führung Metternichs das Prinzip der bewaffneten Intervention der Großmächte gegen jeglichen Umsturzversuch in Europa verfolgte, sahen sich die von der Macht ausgeschlossenen Klassen der Gesellschaft gezwungen, sich in Geheimgesellschaften zu organisieren. Dies galt nicht nur für die Arbeiterschaft, das Kleinbürgertum und die Bauernschaft, sondern auch für Teile der liberalen Bourgeoisie und selbst für unzufriedene Aristokraten. Fast alle diese Konspirationen ab 1820, ob die Dekabristen in Rußland oder die Carbonari in Italien, organisierten sich nach dem Muster der im 17. Jahrhundert zuerst in England entstandenen Freimaurer, deren Ziele eine "internationale Bruderschaft" und der Widerstand gegen die katholische Kirche europäische Aufklärer wie Diderot und Voltaire, Lessing, Goethe und Puschkin anzog. Aber wie vieles im ‘Jahrhundert der Aufklärung’ besaß die Freimaurerei, wie z.B. auch die ‘aufgeklärten Despoten’ Katharina, Friedrich der Große oder Maria Theresia, einen zutiefst reaktionären Kern in Form ihrer mystischen Ideologie, ihres elitären Aufbaus nach verschiedenen Graden der "Einweihung" sowie ihre Lichtscheuheit, ihren Hang zur Konspiration und Manipulation. In Italien, damals das Mekka der nicht proletarischen, noch hemmungslos manövrierenden und konspirierenden Geheimbünde, wucherten schon seit den 20er und 30er Jahren die Guelfen, Federati, die Adelfen, die Carbonari. Der berühmteste von ihnen, die Carbonari, war eine vom katholischen Mystizismus geprägte, terroristische Geheimorganisation, welche Struktur und "Symbolik" der Freimaurerei übernahm.

Als Bakunin 1864 nach Italien kam, standen die Carbonari aber bereits im Schatten der Konspiration Mazzinis. Der Mazzinismus stellte einen Fortschritt gegenüber den Carbonari dar, weil er für eine einheitliche, zentralisierte italienische Republik kämpfte. Mazzini wühlte nicht nur im Untergrund, sondern agitierte auch gegenüber der Bevölkerung. Nach 1848 wurden sogar Arbeitersektionen gegründet. Mazzini stellte auch organisatorisch einen Fortschritt dar, indem er das System der Carbonari aufhob, demzufolge die Basismitglieder blind, unwissend die Befehle der geheimen Führung ausführen müssen, wobei jede Weigerung mit dem Tod bestraft wurde. Aber sobald die Internationale als eine proletarische Kraft entstand, die unabhängig von seiner Kontrolle war, begann er gegen sie zu kämpfen, da sie eine Bedrohung für seine eigene nationalistische Bewegung darstellte.

Als Bakunin in Neapel eintraf, nahm er sofort den Kampf gegen Mazzini auf - aber von Standpunkt der Carbonari, dessen Methoden er verteidigte.

Bakunin stürzte sich in dieses undurchsichtige Milieu, um eine eigene Gruppe zu schaffen und um die Führung der konspiratorischen Bewegung an sich zu reißen. Er gründete die Allianz der sozialen Demokratie, und als leitenden Kern den Geheimbund Fraternité Internationale, einen "Orden disziplinierter Revolutionäre".

 

Ein von der Reaktion manipuliertes Milieu

Noch viel mehr als in Rußland fand der deklassierte revolutionäre Aristokrat Bakunin in Italien, speziell in Neapel, ein geeignetes Terrain. Hier reifte sein Organisationskonzept zur vollen Blüte. Es war der undurchsichtige Sumpf, aus dem ein Fülle antiproletarischer Organisationen hervorging. Diese Gruppierungen von ruinierten, oft verkommenen Aristokraten, deklassierten Jugendlichen oder manchmal gar reinen Kriminellen erschien in seinen Augen revolutionärer als das Proletariat. Dazu gehörte die Camorra, welche Bakunins romantischer Vision des revolutionären Banditentums entsprach. Die Vorherrschaft des aus einer Häftlingsorganisation sich entwickelnden Geheimbunds der Camorra über Neapel wurde nach der Amnestie von 1860 quasi offiziell. Zur selben Zeit infiltrierte in Sizilien der bewaffnete Arm der enteigneten Landaristokratie Mazzinis lokale Ge-heimorganisationen, und nannte sich fortan "Mafia" nach den Buchstaben ihrer Kampfparole "Mazzini autorizza furti, incendi, avvelenamenti" (Mazzini erlaubt uns zu stehlen, zu brandschatzen und zu vergiften). Bakunin vermochte weder diese Leute zu entblößen noch sich von ihnen zu distanzieren.

Auch die direkte staatliche Manipulation fehlte nicht in diesen Milieu. Wir können sicher davon ausgehen, daß diese Manipulation auch eine Rolle spielte bei der Art und Weise, wie das Milieu in Italien Bakunin als eine wahre revolutionäre Alternative gegenüber der ‘deutschen Diktatur von Marx’ pries. Diese Propaganda deckte sich in der Tat mit der Propaganda, die von den Polizeiorganen Lous-Napoléons in Frankreich verbreitet wurde.

Wie Engels uns mitteilt, wurden die Carbonari wie viele ähnliche Gruppen vom russischen und von anderen Geheimdiensten manipuliert und infiltriert (siehe Engels, Die auswärtige Politik des russischen Zarentums, MEW Bd.22). Diese staatliche Infiltration verstärkte sich vor allem nach der Niederlage der europaweiten Revolution von 1848. Der französische Diktator, der Abenteurer Louis Napoleon - der nach der Niederlage der Revolution zur Speerspitze der nachfolgenden Konterrevolution wurde - verbündete sich mit der Regierung Palmerston in London, vor allem aber mit Rußland, um das europäische Proletariat niederzuhalten. Ab 1864 war die Geheimpolizei Louis Napoleon vor allem im Einsatz, um die Internationale Arbeiterassoziation zu zerstören. Zu ihren Agenten gehörte "Herr Vogt", ein Mitarbeiter Lassalles, der Karl Marx in der Öffentlichkeit als den Anführer einer Erpresserbande diffamierte.

Aber der Schwerpunkt Louis Napoleons Geheimdiplomatie lag in Italien, wo Frankreich die nationale Bewegung zu seinen eigenen Zwecke benutzte. 1859 wiesen auch Marx und Engels darauf hin, daß das französische Staatsoberhaupt selbst ein ehemaliges Mitglied der Carbonari war. (Die Geldpolitik in Europa; Die Position Louis-Napoleons; in MEW Bd.13).

Bakunin, der bis zum Halse in diesem Sumpf steckte, glaubte natürlich, daß er diese Kloake für seine eigenen revolutionären Zwecke manipulieren könnte. Bis heute wissen wir nicht im Einzelnen, mit welchen ‘Elementen’ er ‘konspirierte’. Aber es gibt einige Hinweise. So verfaßte er 1865 seine "Freimaurermanuskripte". "Eine Schrift, welche Bakunins Ideen der italienischen Freimaurerei nahebringen wollte", wie der anarchistische Historiker Max Nettlau mitteilt.

"Das Freimaurermanuskript nimmt auf den berüchtigten Syllabus, die päpstliche Verdammung des menschlichen Denkens vom Dezember 1864 Bezug, und Bakunin mochte an die dadurch gesteigerte Empörung gegen das Papsttum anknüpfen, um auch die Freimaurerei oder ihren entwicklungsfähigen Teil weiter vorwärts zu treiben; er beginnt damit: um wieder ein lebender und nützlicher Körper zu werden, muß die Freimaurerei ernstlich den Dienst der Menschheit wieder aufnehmen." (Nettlau, Geschichte des Anarchismus. Bd.2. S.48,49.)

Nettlau versucht sogar mit Zitatvergleichen stolz nachzuweisen, daß Bakunin die damaligen Gedanken der Freimaurerei beeinflußt hat. Es fragt sich nur, wer wen beeinflußt hat? Fest steht, daß Bakunin um diese Zeit die reaktionäre, mystische, geheimbündlerische Ideologie der Freimaurer aufnahm. Ein Weltbild, welches Engels bereits Ende der 40 Jahre hinsichtlich Karl Heinzen treffend geschildert hatte:

"Er sieht die kommunistischen Schriftsteller für Propheten, Priester oder Pfaffen an, die eine geheime Weisheit für sich besitzen, sie aber den Ungebildeten vorenthalten, um sie am Gängelbande zu leiten. (..).als hätten die literarischen Repräsentanten des Kommunismus ein Interesse daran, die Arbeiter im unklaren zu halten, als benutzten sie sie bloß, wie die Illuminaten auch im vorigen Jahrhundert das Volk benutzen wollten."

Hier liegt auch der Schlüssel zum bakuninschen Mysterium, weshalb auch in der künftigen anarchistischen Gesellschaft ohne Staat und Autorität trotzdem laut Bakunin die Geheimgesellschaft noch benötigt wird.

Marx und Engels, ohne damals an Bakunin gedacht zu haben, haben es gegenüber dem früheren englischen Pseudosozialisten und Philosophen Carlyle so ausgedrückt:

"Der historisch erzeugte Klassenunterschied wird so zu einem natürlichen Unterschied

 

, den man selbst als einen Teil des ewigen Naturgesetzes anerkennen und verehren muß, indem man sich vor den Edlen und Weisen der Natur beugt: Kultus des Genius. Die ganze Anschauung des historischen Entwicklungsprozesses verflacht sich zur platten Trivialität der Illuminaten- und Freimaurerweisheit des vorigen Jahrhunderts. (...) Damit kommt natürlich die alte Frage, wer denn eigentlich herrschen soll, die mit hochwichtiger Seichtigkeit des breitesten diskutiert und endlich dahin beantwortet wird, daß die Edlen, Weisen und Wissenden herrschen sollen." (Rezensionen aus der Neuen Rheinischen Zeitung, MEW Bd.7, S.261.)
(Engels, Die Kommunisten und Karl Heinzen, MEW Bd.4., S.321.

Bakunin ‘entdeckt’ die Internationale

Von Anfang an hat die europäische Bourgeoisie den italienischen Sumpf der Geheimgesellschaften gegen die Internationale einzusetzen versucht. Schon bei der Gründung 1864 in London wollten die Anhänger Mazzinis ihre sektiererischen Statuten durchsetzen und damit die Kontrolle über die Arbeiterassoziation an sich reißen. Der Vertreter Mazzinis bei dieser Aktion, Major Wolff, wurde später als Polizeispitzel entlarvt. Nachdem dieser Versuch scheiterte, rief die Bourgeoisie die Friedens- und Freiheitsliga ins Leben, und lockte damit Bakunin ins Spinnennetz der Untergrabungsfront gegen die Internationale.

 

Bakunin hatte "die Revolution" in Italien erwartet. Während er im Sumpf des ruinierten Adels, der deklassierten Jugend und des städtischen Lumpenproletariats manövrierte, war die Internationale Arbeiterassoziation ohne sein Zutun zur führenden revolutionären Macht der Welt aufgestiegen. Bakunin erkannte, daß er bei seinem Versuch, Europas revolutionärer Papst zu werden, auf das falsche Pferd gesetzt hatte. Zu dieser Zeit wurde 1867 die bürgerliche Friedens- und Freiheitsliga, ganz offensichtlich gegen die Internationale gegründet. Bakunin schloß sich mit seiner "Bruderschaft" dieser Liga mit dem Ziel an, "die Liga mit der Fraternité in sich als revolutionär inspirierende Kraft der Internationale anzuschließen" (Nettlau, ebenda, S.100).

Mit diesem Schritt wurde Bakunin folgerichtig, aber ohne es zu merken zur Speerspitze der Versuche der herrschenden Klassen, die Internationale zu vernichten.

 

Die Friedens- und Freiheitsliga

Die Liga, ursprünglich ein Idee des italienischen nationalistischen Guerillaführers Garibaldi und des französischen Schriftstellers Victor Hugo, wurde insbesondere von der Schweizer Bourgeoisie gegründet und von Teilen der italienischen Geheimgesellschaften unterstützt. Ihre pazifistische Abrüstungspropaganda und ihre Forderung nach den "Vereinigten Staaten Europas" zielten in Wirklichkeit darauf ab, die 1. Internationale zu spalten und zu schwächen. Zu einer Zeit, als Europa gespalten war zwischen einem sich kapitalistisch entwickelnden Westteil und einem feudalen, unter der Knute Rußlands stehenden Ostteil, war die Forderung nach Abrüstung in den Ländern Westeuropas ein beliebtes Thema der russischen Geheimdiplomatie. Die Internationale wie die gesamte Arbeiterbewegung hatten sich von Anfang an die Forderung nach Wiederherstellung eines demokratischen Polen als ein Bollwerk gegen Rußland, damals der Hort der europäischen Reaktion, zu Eigen gemacht. Die Liga prangerte nun diese Politik als "militaristisch" an, während Bakunins Panslawismus als eine wahrlich revolutionäre, gegen alle Militaristen gleichermaßen gerichtete Politik hingestellt wurde. Somit stärkte die Bourgeoisie den Bakuninisten gegen die Internationale den Rücken.

"Die Allianz der sozialistischen Demokratie ist durchaus von Bourgeois-Herkunft. Sie ist nicht von der Internationalen ausgegangen; sie ist ein Sprößling der Friedens- und Freiheitsliga, einer totgeborenen Gesellschaft von Bourgeois-Republikanern. Die Internationale war schon fest begründet, als Michael Bakunin sich in den Kopf setzte, eine Rolle als Emanzipator des Proletariats zu spielen. Sie konnte ihm nur das allen Mitgliedern gemeinsame Feld der Tätigkeit bieten. Und in ihr etwas zu gelten, hätte er sich zuerst durch beständige und aufopfernde Arbeit die Sporen verdienen müssen; er glaubte bessere Aussichten und einen leichteren Weg auf Seiten der Bourgeois der Liga zu finden."

Der von Bakunin unterbreitete Vorschlag eines Bündnisses der Liga mit der IAA wurde vom Brüsseler Kongreß der Internationale verworfen. Bereits hier zeichnete sich auch ab, daß die erdrückende Mehrheit der IAA es auch ablehnte, die Unterstützung Polens gegen die russische Reaktion aufzugeben. Damit blieb Bakunin nichts anders übrig, als in die Internationale zu gehen, um sie von innen her aufzuwühlen. Diese Orientierung wurde von der Führung der Liga unterstützt, innerhalb der er schon die Grundlagen dazu gelegt hatte.

"Die von Bakunin geträumte Allianz zwischen Bourgeois und Arbeitern sollte sich nicht auf eine öffentliche Allianz beschränken. Die geheimen Statuten der Allianz (...) enthalten Anzeichen, daß Bakunin im Schoße der Liga selbst den Grund zu einer geheimen Gesellschaft gelegt, der die Herrschaft über jene zufallen sollte. Nicht nur sind die Namen der leitenden Gruppen identisch mit denen der Liga, (...) sondern es wird auch in den geheimen Statuten erklärt, daß die Gründungsmitglieder der Allianz zum größten Teil ehemalige Mitglieder des Kongresses zu Bern seien." (Ein Komplott ..., ebenda, S.337.)

Wer die Politik der Liga kennt, muß davon ausgehen, daß man von Anfang an darauf aus war, Bakunin gegen die Internationale zu benutzen. Auch die Tatsache, daß mehrere Aktivisten in der Umgebung Bakunins wie der Liga später als Polizeiagenten entlarvt wurde, spricht dafür. Denn nichts konnte die Internationale mehr gefährden als ihre Zersetzung von innen durch Elemente, die selber keine Agenten des Staates waren, und ein gewisses Ansehen in der Arbeiterbewegung genossen, die aber ihre persönlichen Ziele verfolgten auf Kosten der Bewegung.

Auch wenn Bakunin der Konterrevolution auf diese Weise nicht dienen wollte, trug er und seinesgleichen die volle Verantwortung dafür, indem sie sich in die Nähe der reaktionärsten und undurchsichtigsten Teile der Herrschenden begaben.

Zwar war sich die Arbeiterinternationale schon über die Gefahren einer solchen Unterwanderung bewußt. So hat z.B. die Londoner Delegiertenkonferenz folgende Resolution angenommen:

"In den Ländern, wo die regelmäßige Organisation der Internationalen infolge von Regierungseinmischung augenblicklich unausführbar ist, kann die Assoziation, resp. ihre lokalen Sektionen, sich unter irgendwelchen

"In Frankreich und Italien, wo eine derartige politische Lage besteht, daß das Versammlungsrecht eine strafbare Handlung ist, werden die Menschen sehr stark dazu neigen, sich in geheime Gesellschaften hineinziehen zu lassen, deren Resultat immer negativ ist. Im übrigen steht dieser Organisationstyp im Widerspruch zu der Entwicklung der proletarischen Bewegung, weil diese Gesellschaften, statt die Arbeiter zu erziehen, sie autoritären und mystischen Gesetzen unterwerfen, die ihre Selbständigkeit behindern und ihr Bewußtsein in eine falsche Richtung lenken."

Dennoch: trotz dieser Wachsamkeit gelang es Bakunins Allianz, in die Internationale einzudringen. Im zweiten Artikel werden wir den Kampf innerhalb ihrer Reihen schildern und den unterschiedlichen Konzepte der Organisation und der militanten Arbeit, die zwischen der proletarischen Partei und der kleinbürgerlichen Sekte bestehen, auf den Grund gehen.

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andern Benennungen rekonstituieren. Alle eigentlich sogenannten geheimen Gesellschaften sind und bleiben jedoch förmlich ausgeschlossen." (MEW, Bd.17, S.422)
Marx, der diese Resolution einbrachte, sagte zur Begründung.
(Ein Komplott gegen die IAA - Bericht über das Treiben Bakunins, MEW Bd.18, S.335).Der Ausgangspunkt für die Bildung einer revolutionären Organisation ist die Übereinstimmung mit einem politischen Programm. Nichts liegt dem Marxismus ferner und der Arbeiterbewegung allgemein als eine Umgruppierung ohne programmatische Prinzipien. Im Gegensatz zur bordigistischen Auffassung wird das proletarische Programm jedoch nicht ein für allemal aufgestellt. Im Gegenteil: es wird weiter entwickelt, bereichert und seine Fehler werden korrigiert durch die lebendige Erfahrung der Klasse. Als die IAA gegründet wurde, dies geschah in der Anfangsphase der Arbeiterbewegung, beschränkten sich die wesentlichen Elemente ihres Programms - die die Zugehörigkeit einer Organisation zum proletarischen Lager festlegten - auf einige allgemeine Prinzipien, die in der Einleitung zu den Statuten der Internationale aufgeführt sind. Bakunin und seine Anhänger stellten diese Prinzipien nicht infrage. Ihr Angriff gegen die IAA richtete sich im Wesentlichen gegen die Statuten der IAA selber, d.h. gegen die von der IAA festgelegte Funktionsweise. Das bedeutet aber nicht, daß Programm und Statuten voneinander getrennt werden können. Die Statuten bringen die wesentlichen Prinzipien der Arbeiterklasse zum Ausdruck und konkretisieren sie; sie sind daher integraler Bestandteil dieses Programms der Arbeiterklasse.

Der zweite Artikel wird dann näher auf den Kampf eingehen, der innerhalb der Internationale selber stattfand, wobei wir den fundamentalen Gegensatz hinsichtlich der Auffassung zur Funktionsweise und der militanten Arbeit aufdecken, der zwischen dem marxistisch proletarischen und dem anarchistisch Standpunkt der Kleinbürger und Deklassierten besteht.