Oktober 1917: Beginn der proletarischen Revolution (Teil 1)

Die Bourgeoisie hat den 60. Jahrestag der proletarischen Oktoberrevolution 1917 auf ihre eigene Weise gefeiert:

- in Moskau mit den Paraden der ther­monuklearen Waffen und der neuesten Pan­zer, die an der Mumie Lenins und einem riesigen Porträt Breschnews vorbeifuhren;

- in den westlichen Ländern mit einer großangelegten Kampagne im Fernsehen und in den Zeitungen, die die „großen wirt­schaftlichen Erfolge“ der UdSSR sowie den „beispielhaften Mut ihres Volkes“ im Kampf gegen den Hitlerfaschis­mus lobte - verbunden natürlich mit den übli­chen Vorbehalten gegenüber dem Gulag usw.

- überall mit der Verzerrung der wah­ren Bedeutung der Oktoberrevolution und der Vorspiegelung des monströsen russi­schen Staates als deren wahrer Nachfol­ger. Was der Kapitalismus in Wirklichkeit gefeiert hat, ist nicht die Okto­berrevolution, sondern ihren Tod. Die großen Zeremonien und Feiern verfolgten das Ziel, das Gespenst eines neuen Okto­bers zu bannen.

Für das Proletariat jedoch und somit für die Revolutionäre erfordert die Erinne­rung an die Oktoberrevolution keine Ze­remonien. Sie brauchen sie nicht zu be­graben, denn sie ist immer noch leben­dig, zwar nicht als nostalgisches Bild der heldenhaften Vergangenheit, son­dern auf Grund der Erfahrung, die sie uns überliefert hat, sowie der Hoffnung, die sie für die zukünftigen Kämpfe der Arbeiterklasse darstellt.

Die „Huldigung“, die die Revolutionäre der Oktoberrevolution und ihren Protagonisten erweisen können, besteht nicht aus Gra­breden, sondern aus den Bemühungen, ihre Lehren zu begreifen, um die zukünf­tigen Kämpfe fruchtbar zu machen. Die Internationale Revue hat wie alle anderen Publikationen der IKS bereits ver­sucht, diese Arbeit zu beginnen,[1] sie muss aber systematisch fortgeführt werden. Sie kann nur dann einen Sinn haben, wenn man den wirklichen Charakter der Oktoberre­volution begreift und wenn man sie als eine Erfahrung des Proletariats - die wichtigste bis jetzt - ver­steht und anerkennt und nicht als eine Erfahrung der Bourgeoisie auffasst, was die Meinung einiger Strömungen wie die der Rätekom­munisten ist. Andernfalls hätte Oktober 1917 keinen größeren Wert für die Klasse als 1789 oder Februar 1848 und wäre si­cherlich weniger wertvoll als die Pari­ser Kommune von 1871. Aus diesem Grunde ist die Vorbedingung für eine wirkliche Aneignung der Lehren der Oktoberrevolu­tion die Anerkennung und die Verteidi­gung ihres wahren proletarischen Charak­ters und der Partei, die ihre Vorhut war. Dies ist das Ziel dieses Artikels.

Die Infragestellung des proletarischen Charakters der Revolution  

Als die Revolution in Russland ausbrach, begrüßten sie die Revolutionäre einhellig als den ersten Schritt zur proletarischen Weltrevolution. Schon 1914 hatte Lenin diese Perspektive aufgezeigt. „In allen fortgeschrittenen Ländern stellt der Krieg die sozialistische Revolution auf die Tagesordnung.“ Und während des Krieges präzisierte er diese Perspekti­ven mehr und mehr.

"Nicht unsere Ungeduld, unsere Wünsche, sondern die vom imperialistischen Krieg gegebenen Bedingungen haben die gesam­te Menschheit in eine Sackgasse geführt und vor das Dilemma gestellt: entweder lässt man weiterhin Millionen Menschen sterben und die ganze euro­päische Zivilisation ausrotten, oder die Macht wird in allen zivilisierten Ländern dem revolutionären Proletariat übergeben und die sozialistische Revo­lution wird vollendet. Dem russischen Proletariat wurde die große Ehre erwiesen, den Reigen der Revolutionen, die durch die objektiven Notwendigkeiten des imperialistischen Krieges hervorgerufen wurden, zu eröff­nen. Aber die Idee, das russische Pro­letariat sei von den Arbeitern anderer Länder als revolutionäres Proletariat auserwählt worden, ist uns vollkommen fremd (...) Nicht die besonderen Qualitä­ten, sondern die besonderen histori­schen Bedingungen haben es vielleicht für sehr kurze Zeit zur Vorhut des ge­samten revolutionären Proletariats ge­macht."

Genau die gleiche Perspektive wurde von den anderen Revolutionären dieser Zeit - Trotzki, Pannekoek, Gorter, Liebknecht, Rosa Luxemburg - geteilt. Keiner von ihnen vertrat die Auffassung, dass in Russland eine bürgerliche Revolution stattgefunden hat. Im Gegenteil, es war gerade ihr Kampf gegen diese Auffassung, der sie von den Menschewisten und den Zentristen á la Kautsky trennte. Überdies zeigte die Ge­schichte bald, dass solch eine Analyse jene, die sie vertraten, zwangsläufig in die Arme der Bourgeoisie und gegen die Arbeiterklasse führte. Tatsächlich wurde sie zur Position der bürgerlichen Linksextremisten bei ihrer Anprangerung des „Abenteurertums“ der Bolschewisten.

In der ganzen damaligen Arbeiterbewegung ging die Solidarität mit dem Kampf des russischen Proletariats nicht nur mit der Anerkennung des proletarischen Charakters der Oktoberre­volution, sondern auch mit dem Verständ­nis für die Notwendigkeit einher, den Inhalt der russischen Erfahrung über die ganze Welt zu verbreiten.

Erst nach den schrecklichen Nie­derlagen, welche das Proletariat in den 20er Jahren erlitt, und mit dem Auftreten einer Gesellschaft in Russland, die all ihre Hoffnungen zerschlug, begann eine gewisse Anzahl von Revolutionären - wie Otto Rühle - die Position aufzuge­ben, die 1917 einheitlich vertreten wurde. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als der Nationalsozialismus in Deutschland die Bevölkerung für einen neuen imperialisti­schen Krieg mobilisierte, als der Antifa­schismus die gleiche Arbeit in den Demo­kratien verrichtete und der „Sozialismus in einem Land“ - in Wirklichkeit einer der barbarischsten Formen des Kapitalismus - in Russland gestärkt war. Innerhalb bestimm­ter revolutionärer Strömungen, die dem Untergang der Kommunistischen Interna­tionale entkommen waren, begann man eine Theorie auszuarbeiten, die die Oktoberrevolution als bürgerliche Revolution von „besonderem Typus“ betrachtete.

1934 wurden die „Thesen über den Bolsche­wismus“ in den Organen der rätekommunis­tischen Bewegung (Rätekorrespondenz Nr.3 und Internationale Rätekorrespondenz) veröffentlicht. In diesem Text heißt es:

„8. Wirtschaftlich war der russischen Revo­lution die Aufgabe gestellt, erstens den versteckten Agrar-Feudalismus und die fortbestehende leibeigenschaftliche Bauernausbeutung zu beseitigen, die Landwirtschaft zu industrialisieren und unter die Bedingungen moderner Wa­renproduktion zu stellen, zweitens die unbegrenzte Schaffung einer Klasse tat­sächlich ‚freier Arbeiter‘ zu ermögli­chen und die industrielle Entwicklung von allen feudalen Fesseln zu befreien. Die wirtschaftlichen Aufgaben der russi­schen Revolution waren somit in ihren Grundzügen die Aufgaben der bürgerli­chen Revolution.

9. Politisch war der russischen Revolu­tion die Aufgabe gestellt, den abso­luten Staat zu zertrümmern, die Be­vorrechtigung des Feudaladels als des ersten Standes zu beseitigen, eine po­litische Verfassung und einen staat­lichen Verwaltungsapparat zu schaffen, die die Lösung der wirtschaftlichen Aufgaben der Revolution politisch si­cherten. Die politischen Aufgaben der russischen Revolution waren also durch­aus entsprechend ihren wirtschaftli­chen Voraussetzungen die Aufgaben der bürgerlichen Revolution."

Hier finden wir fast Wort für Wort die Position der Menschewiki wieder, die zu den schlimmsten Feinden des Proletariats zählten. Der einzige bemerkenswerte Un­terschied war, dass die Menschewiki aus ihrer Analyse folgerten, es sei notwen­dig, die Macht den klassischen Parteien und Institutionen der Bourgeoisie (Kadetten, Provisorische Regierung, Nationalversammlung) zu über­geben, wohingegen die „Rätekommunisten“ argumentierten, die Durchführung der bürgerlichen Revolution sei die Aufgabe der „Bolschewiki“. Wie ist es zu erklären, dass einige Revolutionäre, die den Oktober 1917 als eine proletarische Revolution begrüßt hatten, schließlich zu der Analyse der Menschewiki gelangten?

In seinem 1938 veröffentlichten Buch „Lenin als Philosoph“ klärt Anton Pannekoek die­se Frage auf. Zu Lenins „Materialis­mus und Empiriokritizismus“ schreibt er:

„Es kommt manchmal vor, dass eine theo­retische Schrift nicht das unmittel­bare Milieu und die Absichten des Autors, sondern breitere und indirekte Einflüsse sowie allgemeine Ziele ersehen lässt. In dem Buch Lenins jedoch ist nichts dergleichen zu erkennen. Es ist mit all seinen Kräften eindeu­tig und ausschließlich auf das Bild der russischen Revolution gerichtet. Dieses Werk stimmt soweit mit dem bür­gerlichen Materialismus überein, dass man hätte voraussehen können, dass die russische Revolution auf die eine oder andere Weise zu einer Art auf einem Arbeiterkampf basierenden Kapi­talismus werden musste, hätte man es zu dieser Zeit in Westeuropa gekannt und richtig interpretiert." (eigene Übersetzung aus dem Französischen)

Kurzum, der „Schlüssel“ zum Wesen der Russischen Revolution, der weder im imperialistischen Krieg 1914 noch 1917 inmitten der großen Klassenkonfrontationen in Russland oder anderswo auf der Welt aufzufinden war, der sich auch nicht in den Protagonisten der Revolution und eben so wenig in deren Methoden oder Erklärungen und Aufrufen an das Proletariat aller Länder befand - die­ser „Schlüssel“ steckte in Wirklich­keit in einer philosophischen Arbeit, die 1908 veröffentlicht worden war, und die 1927 „zu spät“ in andere Sprachen übersetzt wurde. Denn: „Wenn die westli­chen Marxisten das Buch und die Ideen Lenins vor 1918 gekannt hätten, wären sie zweifellos zu einer lebendigeren Kritik seiner Taktik für die Weltrevolu­tion fähig gewesen.“ (idem) Tatsächlich lag der wirkliche Grund für diese späte Entdeckung nicht an dem Informationsmangel seitens der „westlichen Marxisten“ über bestimmte philosophische Auffassun­gen Lenins, sondern in der enormen Ver­wirrung, die die Konterrevolution unter den Revolutionären selbst gestiftet hat­te, unter jenen wenigen Militanten, die versucht hatten, die Prinzipien des Kommunismus inmitten dieses Sturmes aufrechtzuerhalten. Eine Verwirrung und Enttäuschung, die sie, wie wir später sehen werden, dazu führte, die marxisti­sche Methode aufzugeben, die es den Revolutionären einschließlich der Bolschewiki 1917 erlaubt hatte, das wahre Wesen der Revolution zu begreifen, die in Russland ausgebrochen war.

Marxismus und Fatalismus

Bei näherer Betrachtung der rätekommunis­tischen Thesen stellt man fest, dass es sich um eine neue Formulierung einer Idee handelt, die auch im bürgerlichen Lager in den 30er Jahren großen Erfolg hatte: die Idee, dass das Regime in Russland die notwendige Folge der Oktoberrevolution sei.

Die Stalinisten waren of­fensichtlich die größten Verteidiger die­ser Idee. Aus ihrer Sicht war Stalin der­jenige, der Lenins Arbeiten „genial fort­setzte“, der Mann, der die größte Ent­deckung unseres Zeitraums, die Theorie der Möglichkeit des Sieges des „Sozialis­mus in einem Land“[2] gemacht und umgesetzt hatte. Doch selbst außerhalb des stalinistischen Milieus herrschte nahezu ein­mütige Übereinstimmung, dass Stalin tat­sächlich Lenins Nachfolger war, ja, dass der schreckenerregende Staatsapparat, der in Russland entstanden war, das rechtmäßige Erbe der Oktoberrevolution war. Die Anarchisten verkündeten lautstark, dass das barbarische Polizeiregime in Russland die unvermeidliche Folge der auto­ritären Auffassungen des Marxismus sei (allerdings zogen sie nicht in Betracht, dass der Eintritt der Anarchisten in eine antifaschistische bürgerliche Regierung die „unvermeidliche“ Folge ihrer antiautoritären Auffassung war). Demokraten aller Art verkündeten, dass die „Diktatur des Proletariats“ und die Ablehnung der parlamentarischen Institutionen die Wurzel allen Übels sei, das das „russische Volk“ befallen habe. Im allgemeinen warn­ten sie das Proletariat auf diese Weise: „Das ist das Ergebnis jeglicher Revolution, jeglichen Versuchs, den Kapitalismus zu zerstören: ein Regime, das noch schlimmer ist!"

Zweifelsohne verfolgte die rätekommunis­tische Auffassung nicht das Ziel, die Arbeiterklasse bei ihrem Versuch zu ent­mutigen, die Revolution durchzuführen, oder von ihrer theoretischen Waffe, dem Marxismus, abzubringen. Im Gegenteil: die Rätekommunisten unterzogen ihre früheren Positionen im Na­men des Marxismus und der kommunistischen Revolution einer Überprüfung.

Indem sie die Frage jedoch auf die Grund­frage reduzierten, dass, wenn die russische Revolution im Staatskapitalismus endete, dies daran lag, dass sie nichts anderes hätte hervorbringen können, übernahmen sie eine der grundlegenden Ideen der Bourgeoisie: Was in Russland geschah, musste zwangsläufig geschehen. Ent­weder war diese Bestätigung eine Tauto­logie - die augenblickliche Lage ist das Ergebnis verschiedener Faktoren, die sie bestimmt haben - oder es handelte sich um einen theoretischen Fehler, der den Marxismus auf einen vulgären Fata­lismus reduziert.

Für den Fatalismus steht alles, was pas­siert, schon im großen Schicksalsbuch festgeschrieben. Und selbst wenn der Fatalis­mus die Form des „gesunden Menschen­verstandes“ annimmt, gepaart mit dem philosophischen Wortgeklingel, das aus den Universitätsakademikern heraussprudelt, dient er stets dazu, die (mehr oder weniger erzwungene) Akzeptanz der herrschenden Ordnung zu predigen. Der Marxismus dagegen hat solch eine Unterwerfung unter die „Realität“ stets bekämpft. Selbstverständlich hat der Marxismus entgegen voluntaristischen und idealistischen Auffassungen bekräf­tigt, dass die Menschen ihre Geschichte "nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittel­bar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ machen. Aber Marx wies eindeutig darauf hin, dass „die Menschen ihre eigene Geschichte machen“ (Der 18. Brumaire des Louis Napoleon. Karl Marx, MEW 8, S. 115).

Was die Möglichkeit einer Revolution angeht, schrieb Marx: „Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte ent­wickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhält­nisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen der­selben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind." (Marx, Vorwort zur "Kritik der Politischen Ökonomie").

Deshalb hat der Marxismus immer Stellung gegen den Anarchismus bezogen, für den alles zu jeder Zeit möglich ist, voraus­gesetzt die Menschen wollen es. In sei­ner Analyse der Niederschlagung der Pa­riser Kommune war beispielsweise Marx dazu in der Lage, auf die Unreife der materiellen Bedingungen, die der Kapita­lismus l871 entwickelt hatte, hinzuweisen. Jedoch wäre es falsch zu denken, dass alle Gesellschaftsereignisse direkt durch diese materiellen Bedingungen erklärt werden konnten. Insbesondere ist das Be­wusstsein, das die Menschen oder, genauer, die gesellschaftlichen Klassen, von diesen materiel­len Bedingungen haben, keine einfache Widerspiegelung dieser Bedingungen, sondern wird zu einem aktiven Faktor in der Umwandlung der materiellen Bedingungen:

"Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturge­setz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist (...) kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch weg dekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." (Marx, ebenda ).

Historische Ereignisse sind nicht nur das Produkt der ökonomischen Bedingungen der Gesellschaft, sondern auch der Gesamtheit der Faktoren des „Überbaus“, eines komplexen Zusammenwirkens dieser verschiedenen bestimmenden Elemente, wovon der Zufall, d.h. willkürliche und unvorhersehbare Ereignisse, eines ist. Deshalb kann man die Geschichte nicht als die Verwirklichung irgendeines „Schicksals“ betrachten, das ein für allemal festgesetzt ist, als den Verlauf eines Drehbuchs, das im Voraus geschrieben ist - für die einen vom „göttlichen Willen“, für die anderen von der Struktur und der Bewegung der Atome.

So wie nirgendwo geschrieben steht, dass die Werke Marxens dazu „vorgesehen“ waren, eine der barbarischsten Formen der kapitalistischen Ausbeutung zu rechtfertigen, so gab es kein „Schicksal“ für die russische Revolution, deren Existenz an dem, was aus der Revolution schließlich wurde, gemessen werden kann.

Natürlich weisen die Rätekommunisten den Vorwurf zu­rück, dass sie Fatalisten seien. Aus ihrer Sicht ist ihre Position marxistisch, da ihre Analyse auf der Entwicklung der Produktivkräfte basiert. Aber die Tatsa­che, dass sie nur das Problem und dann nur unter dem Gesichtspunkt Russlands betrachten (wo sogar für die Bourgeoisie die Oktoberrevolution ein Ereignis von weltweiter Bedeutung war), verrät eine besch­ränkte, eindimensionale Auffassung vom Marxismus, fast eine Karikatur desselben. Und mit dieser Karikatur geben sie vor, erklären zu können, warum der Staatskapita­lismus in Russland entstanden war: Wenn die Oktoberrevolution zum Kapitalismus führte, dann deshalb, weil sie selbst bürgerlich war. Mit anderen Worten: ihr war „vorherbestimmt“, zu dem Ergebnis zu gelangen, dass sie erzielt hat... Und so sehen wir den guten, alten Fatalismus durch das Fenster wieder hereinkommen, nachdem er offiziell aus der Tür herausgejagt worden ist.

Tatsächlich leidet die rätekommunistische Betrachtungsweise nicht nur an einer guten Dosis Fatalismus. In ihrer äußersten Konsequenz führt sie zu einer völligen Aufgabe des Marxis­mus und jeglicher revolutionären Perspektive.

Die Folgen der rätekommunistischen Analyse

Obgleich nicht unbedingt für die Beweis­führung nötig, ist es dennoch notwendig, in Erinnerung zu rufen, dass Russland 1917 die fünftgrößte Industriemacht auf der Welt war. In dem Maße wie die Entwicklung des Kapitalismus in Russland zu einem Großteil die Stufe der Entwicklung des Handwerks und der Manufaktur übersprungen hatte, nahm der russische Kapitalismus die modernste und konzentrierteste Gestalt an (mit mehr als 40.000 Arbeitern war Putilow die größte Fabrik auf der Welt). Aus rätekommunistischer Sicht kann das bürgerliche Wesen der russischen Revolution an­hand lokaler Bedingungen erklärt werden. Dies traf teilweise auf die in der Tat bürgerlichen Revolutionen von 1640 in England und 1789 in Frankreich zu. Die ungleiche Entwicklung des Kapitalismus ermöglichte es der Bourgeoisie, zu ver­schiedenen Zeiträumen und in verschiedenen Ländern an die Macht zu gelangen. Dies war auch möglich, weil die Nation der be­sondere geopolitische Rahmen des Kapitalis­mus war, ein Rahmen, über den der Kapita­lismus trotz aller Anstrengungen nie hinausgehen kann. Aber während es dem Kapita­lismus möglich war, sich auf Inseln innerhalb der autarken feudalistischen Gesell­schaft zu entwickeln, kann der Sozialismus nur auf Weltebene existieren, wo er alle Produktivkräfte und die von dem Kapitalis­mus geschaffenen Zirkulationsnetze verwen­det. Schon l847 antworteten Marx und Engels kategorisch auf die Frage: „Wird die Revolution in einem einzigen Lande allein stattfinden können?“ „Nein, die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung mit einander ge­bracht, dass jedes einzelne Volk davon ab­hängig ist, was bei einem anderen geschieht (...) Die kommunistische Revolution wird da­her keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern (...)gleichzeitig vor sich gehende Revolution seinm (…) Sie ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben.“ (Engels, Grundsätze des Kommunismus, l847, MEW 4, S.37)

Das, was von den Revolutionären schon 1847 begriffen wurde, musste nach der Zeit der größten Expansion des Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Grundlage jeglicher proletarischer Perspektive zur Zeit des Ersten Weltkrieges werden.

Der Krieg bewies, dass der Kapitalismus seine fortschrittliche Aufgabe, die Entwicklung der Produktiv­kräfte im Weltmaßstab, durchgeführt hat­te, dass er in der Epoche seines histori­schen Niedergangs eingetreten war und dass eine bürgerliche Revo­lution zwangsläufig nicht mehr stattfinden konnte. Die einzige Revolution auf der Tagesord­nung der Geschichte war die proletari­sche Revolution auf der ganzen Welt, Russland eingeschlossen. Diese Analyse wurde nicht nur von Lenin vorgebracht, dessen Geist mit „vulgärmaterialisti­scher Philosophie“ durchdrungen war, dem nachgesagt wird, er wolle die weltkommu­nistische Bewegung in einen Apparat zur Verteidigung des russischen Staatskapi­talismus umwandeln. Sie wurde auch von einer Reihe von Revolutionären vertreten, die manche Leute dem „bürgerlichen“ Lenin gegenüberzustellen versucht haben und deren proletarischen Positionen oder Erkenntnisse über die Ereignisse in Russland von den Rätekommunisten nie in Frage gestellt worden sind, wie z.B. Rosa Luxemburg. Sie schrieb zu jener Zeit: „Dieser Verlauf ist aber für jeden denkenden Beobachter auch ein schlagender Beweis gegen die doktrinäre Theorie, die Kautsky mit der Partei der Regierungssozialisten teilt, wo­nach Russland als wirtschaftlich zu­rückgebliebenes, vorwiegend agrarisches Land für die soziale Revolution und für eine Diktatur des Proletariats noch nicht reif wäre. Diese Theorie, die in Russland nur eine bürgerliche Revolution für angängig hält - aus welcher Auffassung sich dann auch die Taktik der Koalition der Sozialisten in Russland mit dem bürgerlichen Liberalismus ergibt - ist zugleich diejenige des opportunistischen Flügels in der russischen Arbeiterbewegung, der so genannten Menschewiki unter der bewährten Führung Axelrods und Dans. Beide, die russischen wie die deutschen Opportunisten, treffen in dieser grundsätzlichen Auffassung der russischen Revolution, aus der sich die Stellungnahme zu den Detailfragen der Taktik von selbst ergibt, vollkommen mit den deutschen Regierungssozialisten zusammen: Nach der Meinung aller drei hätte die russische Revolution bei jenem Stadium halt machen sollen, das sich die Kriegführung des deutschen Imperialismus nach der Mythologie der deutschen Sozialdemokratie zur edlen Aufgabe stellte: beim Sturz des Zarismus. Wenn sie darüber hinausgegangen ist, wenn sie sich die Diktatur des Proletariats zur Aufgabe gestellt hat, so ist das nach jener Doktrin ein einfacher Fehler des radikalen Flügels der russischen Arbeiterbewegung, der Bolschewiki gewesen, und alle Unbilden, die der Revolution in ihrem weiteren Verlauf zugestoßen sind, alle Wirren, denen sie zum Opfer gefallen, stellen sich eben als ein einfaches Ergebnis dieses verhängnisvollen Fehlers dar. Theoretisch läuft diese Doktrin, die vom Stampfschen ‚Vor­wärts‘ wie von Kautsky gleichermaßen als Frucht ‚marxistischen Denkens‘ empfohlen wird, auf die originelle ‚marxistische‘ Entdeckung hinaus, dass die sozialistische Umwälzung eine na­tionale, sozusagen häusliche Angele­genheit jedes modernen Staates für sich sei. In dem blauen Dunst des abstrakten Schemas weiß ein Kautsky natürlich sehr eingehend die weltwirtschaft­lichen Verknüpfungen des Kapi­talismus auszumalen, die aus allen modernen Ländern einen zusammenhän­genden Organismus machen. Russlands Revolution - eine Frucht der internationalen Entwicklung und Agrar­frage - unmöglich in den Schranken der bürgerlichen Gesellschaft zu lö­sen.

Praktisch hat diese Doktrin die Ten­denz, die Verantwortlichkeit des in­ternationalen, in erster Linie des deutschen Proletariats für die Ge­schicke der russischen Revolution abzuwälzen, die internationalen Zu­sammenhänge dieser Revolution zu leugnen. Nicht Russlands Unreife, sondern die Unreife des deutschen Proletariats zur Erfüllung der his­torischen Aufgaben hat der Verlauf des Krieges und der russischen Re­volution erwiesen. Dies mit aller Deutlichkeit hervorzukehren ist die erste Aufgabe einer kriti­schen Betrachtung der russischen Revolution. Die Revolution Russlands war in ihren Schicksalen völlig von den internationalen Ereignissen abhängig.“ (Rosa Luxemburg, Zur Russi­schen Revolution, Gesammelte Werke, Bd.4, S.332 bis 334).

So formulierte eine der größten marxis­tischen Theoretikerinnen damals das Problem, gegen die Trugschlüsse Kautskys, der Menschewiki und... der Rätekommunisten. Rosa Luxemburg machte nicht nur den My­thos der „Unreife Russlands“ zunichte, sondern sie lieferte auch den Schlüssel zu dem, was die Rätekommunisten nie zu verstehen imstande waren: die Ursachen der Degeneration der Russischen Revolu­tion, die im wesentlichen im Scheitern „der Weltrevolution lagen, von der das Schick­sal der Revolution in Russland völlig abhing“.

In der Tat, indem sie die Ursachen der Entwicklung der Revolution und die des kapitalistischen Regimes, in dem sie endete, allein in Russland suchten, wan­dten sich die Rätekommunisten von den objektiven Grundlagen des Internationa­lismus ab.

Und selbst wenn ihr eigener Internatio­nalismus nicht in Frage gestellt werden kann, kann er sich letztendlich nur auf eine Art moralischen Imperativ stützen. Wenn man ihre Untersuchung zu ihrer lo­gischen Schlussfolgerung weiterführt, ge­langt man zu der Idee, dass, die Revolution, hätte sie in einem fortgeschrittenen Land stattgefunden (Deutschland z.B.), nicht das gleiche Los erfahren hätte wie die Russische Revolution, selbst wenn sie isoliert geblieben wäre. Mit anderen Worten, in diesen Ländern hätte sie die Wiedereinrichtung des Kapitalismus vermeiden können, was bedeutet, dass ein Sieg über­ den Kapitalismus, der Sieg des So­zialismus in einem Land möglich ist. So wie der Rätekommunismus von dem Stalinismus die Idee der Kontinuität zwischen Le­nin und Stalin ausleiht, zwischen dem Charakter der Oktoberrevolution und dem Wesen des Regimes, das sich in Russland unter Stalin etablierte, so neigen die Rätekom­munisten dazu, Elemente einer der wichtigsten Mythen des Stalinismus zu übernehmen, den „natio­nalen Sozialismus“. So übernimmt die „marxistische“ Analyse der Rätekommunisten nicht nur die Thesen Kautskys und der Menschewiki, sondern kann auch nicht umhin, mit den stalinistischen Theorien zu flirten.

Aber dies ist nicht der einzige Weg, auf dem die rätekommunistische Analyse zu einer Ablehnung des Marxismus führt. Einer der Gründe, warum sie die russische Revolution als eine bürgerliche Revolution betrachten, ist die Natur der ökonomischen Maßnahmen, die von Anfang an von der neuen Macht ergriffen wurden. Die Rätekommunis­ten behaupten zu Recht, dass die Verstaat­lichungen und die Landaufteilung rein bür­gerliche Maßnahmen sind. Aber dann über­heben sie sich und erklären: „Man kann sehen, dass es sich um eine bürgerliche Revolution handelt, da sie Maßnahmen dieser Art durchführte.“ Und gegenüber solchen Maßnahmen schlagen sie eine wahr­haft „sozialistische“ Politik vor: „Die Übernahme der Betriebe und die Organisa­tion der Wirtschaft durch die Arbeiter­klasse und ihre Klassenorganisationen, die Arbeiterräte.“ (Thesen über den Bol­schewismus, Nr.49). Dies seien die Maßnahmen, die die russische Revolution ergriffen hätte, wenn sie wirklich „pro­letarisch“ gewesen wäre. Aber für die Rätekommunisten „konnte der bürgerliche Charakter der bolschewistischen Revolu­tion ...) nicht deutlicher aufgezeigt wer­den als in diesem Ruf nach der Produk­tionskontrolle.“ (idem, Nr.47)

Hier stellen die Rätekommunisten ihre Analyse nicht auf die Grundlage Kauts­kys oder Stalins, sondern Proudhons und der Anarchisten. Einmal mehr strei­chen sie eine der Grundlagen des Marxis­mus. Für den Marxismus ist eine der grundlegenden Unterschiede zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Revolution die Tatsache, dass die erste am Ende eines ganzen Prozesses von wirt­schaftlichen Umwälzungen zwischen dem Feudalismus und dem Kapitalismus statt­fand. Dieser Prozess fand seine Krönung im politischen Bereich. Die proletari­sche Revolution dagegen ist zwangsläufig der Ausgangspunkt für die wirtschaftliche Umwälzung vom Kapitalismus zum Kommunismus. Dieser Unterschied ist mit der Tatsache verbunden, dass im Gegen­satz zu den vorherigen Umwälzungen der Übergang zum Kommunismus kein Wechsel in der Art des Eigentums, sondern die Abschaffung allen Eigentums überhaupt ist; er ist nicht die Institutionalisierung von neuen Ausbeutungsverhältnissen, sondern die Abschaffung aller Ausbeutung. Deswegen ist im Gegensatz zu allen vorherigen Revolutionen das Ziel der proletarischen Revolution nicht die Einrich­tung einer neuen Form von Klassenherrschaft, sondern die Abschaffung aller Klassen; die proletarische Revolution ist nicht das Werk einer ausbeutenden Klasse, sondern zum ersten Mal in der Geschichte das Werk einer ausgebeuteten Klasse. Die kapitalistischen Produktions­verhältnisse entwickelten sich innerhalb der feudalen Gesellschaft, während der Adel noch den Staatsapparat kontrollier­te. Die feudale Macht mag ein Hindernis für die Entwicklung des Kapitalismus ge­wesen sein, aber der Kapitalismus war imstande, sich daran anzupassen, solange das Kapital nicht bis zu dem Punkt entwickelt war, an dem die feudale Ordnung gestürzt werden musste. Die bürgerliche Revolution folgte in einer fast „mechanischen" Konsequenz auf die Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaft, und ihre Aufgabe bestand in der Zerstörung der letzten Hindernisse für die Expansion des Kapitals. Im Gegensatz dazu können sich die gesellschaftlichen Beziehungen im Kommunismus in keiner Weise auf kleinen In­seln innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft entwickeln, wo die bürgerli­che Klasse immer noch die Kontrolle über den Staat ausübt. Erst nach der Zerstö­rung des bürgerlichen Staates und nach der politischen Machtübernahme durch die Arbeiterklasse auf Weltebene können die Produktionsverhältnisse umgewälzt werden.

Im Gegensatz zu den vorherigen Übergangs­perioden wird der Übergang vom Kapitalis­mus zum Kommunismus nicht das Ergeb­nis eines objektiven, vom Willen des Men­schen unabhängigen Prozesses sein; er wird von der bewussten Aktion einer Klasse abhängen, die ihre politische Macht zur schrittweisen Auslöschung der verschiede­nen Aspekte der kapitalistischen Gesell­schaft benutzen wird: des Privateigentums, des Marktes, der Lohnarbeit, des Wertge­setzes usw. Aber solch eine Wirtschafts­politik kann erst ihre Wirkung entfalten, nachdem das Proletariat die Bourgeoisie militärisch besiegt hat. Solange dies nicht endgültig erreicht ist, werden die Anforderungen des Weltbürgerkrieges über dem Bedürfnis nach einer Umwandlung der Produktionsverhältnisse auch dort vorherrschen, wo das Proletariat schon die Macht ergriffen hat. Und dies trifft zu, wie auch immer die wirtschaftliche Entwicklung solch eines Gebietes vorangeschritten sein mag. In Russland sind die von der neuen Macht ergriffenen Maßnahmen - unge­achtet der begangenen Fehler, die tatsächlich begangen wurden und die uns wertvolle Lehren erteilen können - nicht das Kriterium für das Verständnis des Klassencharakters der Oktoberrevolution, ebenso wenig wie es die ökonomischen Maß­nahmen waren, die der Pariser Kommune ihren proletarischen Charakter verliehen haben. Und soweit wir wissen, haben weder die Rätekommunisten noch die Anarchosyndikalisten jemals den proletarischen Cha­rakter der Kommune bezweifelt. Niemandem fiel es ein, die Verkürzung des Ar­beitstages, die Aufhebung der Nachtarbeit für die Bäckergesellen, die Mietstundungen oder das Leihhaus vom Mont-de-Piete als „sozialistische“ Maßnahmen zu verstehen. Die Größe der Kommune war, dass zum ersten Mal in seiner Geschichte das Proletariat einen nationa­len Krieg gegen eine ausländische Macht in einen Bürgerkrieg gegen die eigene Bourgeoisie umgewandelt hat: dass die Zerstörung des kapitalistischen Staates verkündet und verwirklicht und durch die Diktatur des Proletariats ersetzt wur­de, d.h. gewählte und abrufbare Delegier­te in allen Bereichen, Löhne für Beamte, die dem durchschnittlichen Arbeiterlohn entsprachen, Ersetzung des stehenden Heeres durch die ständige Bewaffnung der Ar­beiter und die internationalistische Proklamation der Weltkommune. Es waren diese wesentlichen politischen Maßnah­men, die aus der Pariser Kommune den ersten internationalen Versuch des Pro­letariats gemacht haben, die Revolution durchzuführen. Und aus diesem Grunde ist die Erfahrung der Kommune eine unschätzbare Fundgrube für den revolu­tionären Kampf von Generationen von Ar­beitern aller Länder. Der Oktober 1917 nahm die Hauptthemen der Kommune wieder auf und verallgemeinerte sie, und es war si­cherlich kein Zufall, dass Lenin Staat und Revolution am Vorabend der Oktober­revolution schrieb, in dem er eine detail­lierte Untersuchung der Kommune vornahm. Daher kann man die Klassennatur der Oktoberrevolution nicht durch die Analyse eines jeden Details dessen, was die Re­volution im wirtschaftlichen Bereich gemacht oder nicht gemacht hat, erfassen.

Dies kann nur verstanden werden, indem man die politischen Charakteristiken der Revolution - die Zerstörung des bürgerlichen Staates, die Machtüber­nahme durch die Arbeiterklasse, die in Arbeiterräten organisiert war, die allgemeine Bewaffnung des Proletariats – und die Triebkraft untersucht, die die neue Macht der internationalen Bewegung des Proletariats verlieh: die rücksichtlose Brandmarkung des imperialistischen Krieges, der Auf­ruf zur Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie, der Aufruf für die Zerstö­rung aller bürgerlichen Staaten und für die Machtübernahme durch die Arbeiterräte in allen Ländern.

Dass er das Primat der politischen Probleme in der ersten Phase der proletarischen Revolution nie begriffen hat, hat den Anarchosyndikalismus dazu geführt, die proletarische Revolution zu verraten, indem er diese in die Sackgasse der Selbstverwaltung und der „Kollektive“ geführt hatte, während derer er selbst Minister in der bürgerlichen Regierung der spanischen Republik stellte. Sein ganzer Standpunkt - und auch der Rätekommunisten, soweit sie mit dem Anarchosyndikalismus übereinstimmen - wendet sich von jeder sozialistischen Revolution ab, weil er diese nicht nur innerhalb eines Landes lokalisiert, sondern gar auf eine Region oder auf isolierte Fabriken begrenzt und die sozialistische Produktion, die per Definition nur auf internationaler Ebene existieren kann, auf eine einheimische Angelegenheit reduziert.

Trotz vieler wertvoller Kritiken, die von der Arbeiteropposition 1921 formuliert wurden, insbesondere ihre Anprangerung der staatlichen Bürokratisierung und der erdrückenden Ordnung innerhalb der Partei, war die Plattform der Gruppe insofern grundlegend irrig, als sie das Problem der Entwicklung der Revolution auf eine Frage der Ökonomie, auf ein direktes Management der Produktion durch die Arbeiter reduzierte. Somit schenkten sie vorbehaltlos der Idee Glauben, dass es möglich sei, den Sozialismus in einem Lande aufzubauen, dass der Sozialismus in Russland, auf sich allein gestellt, Fort­schritte hätte machen können, selbst wenn die internationale Revolution eine Reihe von Niederlagen erlitten hätte.[3]

Welche Fehler Lenin auch immer gemacht haben mag, er griff zu Recht die kleinbür­gerlichen und die anarchosyndikalistischen Aspekte der Arbeiteropposition an. Es ist kein Zufall, dass die theoreti­sche Führerin der Arbeiteropposition, Kollontai, sich später auf Stalins Seite gegen die Linksopposition schlug, um die Theo­rie des Sozialismus in einem Land zu ver­teidigen. So schlossen sich die Anhänger des „So­zialismus in einer Fabrik“ den Anhängern des „Sozialismus in einem Land“ und den Theoretikern der „unreifen objektiven Bedingungen“ in Russland an. Und Kautsky, Stalin und die „Genossen Minister“ der CNT waren keine gute Gesellschaft für die Rätekommunisten.

Tatsächlich ist der einzige Weg für den Rätekommunismus, seine Analyse der Oktoberrevolution mit dem Internationalismus zu vereinbaren - und bestimmte Strömungen haben dies schon getan -, die Behauptung, dass die objektiven Bedingungen für die proletarische Revolution 1917 nicht nur in Russland, sondern auch auf Weltebene unreif waren. Aber das hieße, die Ana­lyse der Menschewiki oder Kautskys zu übernehmen, nur um drei Punkte der rechten Sozialdemokraten aufzunehmen, die ihn benutzten, um die proletarische Revolution in Deutschland niederzumetzeln. Es kommt nicht darauf an, zu behaupten, dass alle, die zu solchen Schlussfolgerun­gen kommen, in die Fußstapfen Noskes treten werden. Es ist durchaus möglich, sich an einem proleta­rischen Kampf zu beteiligen, selbst wenn man ihn für verfrüht und verzweifelt hält - so wie es Marx im Falle der Pariser Kommune tat. Aber solche Analysen proletarischer Elemente führen zu Schlussfolgerungen, die bis ins kleinste ebenso katastrophal sind wie jene der „traditionellen“ Rätekommunisten.

Wir wollen diese Analyse hier nicht wi­derlegen, da es uns über den Rahmen die­ses Artikels hinausführen würde.[4] Wir werden uns auf einige Bemerkungen dazu beschränken.

An erster Stelle führt solch eine Auffas­sung zur Zurückweisung der Idee, dass sich der Kapitalismus seit dem I. Welt­krieg in seiner dekadenten Phase befindet, und diese Idee war die Schlüsselfrage beim Bruch der Revolutionäre mit der II. Internationalen. Die „rätekommunisti­sche“ Auffassung unterminiert die ganzen theoretischen Grundlagen der Kommunistischen Internationalen, aus der an er­ster Stelle die Rätekommunisten selbst hervorgegangen sind. Sie führt somit zu einer Ablehnung aller Errungenschaften der Arbeiterbewegung während des I. Welt­krieges und der revolutionären Welle von 1917-23. Andernfalls ist es notwendig, die kommunistischen Positionen auf voll­kommen andere Grundlagen zu stellen, ins­besondere die Positionen, welche die kommunistische Linke gegen die Kommunis­tische Internationale vertrat:

- Ablehnung des Parlamentarismus, selbst seiner „revolutionären“ Verwendung,

- Ablehnung der Gewerkschaften,

- Ablehnung der Massenpartei,

- Verweigerung der Unterstützung von na­tionalen Befreiungskämpfen oder „fortschrittlichen“ Fraktionen der Bourgeoisie.

Wenn man die Idee der Dekadenz des Kapitalismus verwirft, kommt man zwangsläufig zur Schlussfolgerung, dass die ganze Politik der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert und die meisten Analysen von Marx und Engels falsch waren. Von solch einem Standpunkt aus betrachtet, begingen der Bund der Kommunisten, die Erste und Zweite Internationale große Fehler, als sie den Aufbau von Gewerkschaften, den Kampf für das allgemeine Wahlrecht und bestimmte nationale Befreiungskämpfe unterstützten. Und schließlich muss man zugeben, dass, von der allgemeinen theoretischen Basis abgesehen, Proudhon und Bakunin gegenüber Marx und En­gels Recht hatten. Und da es von einem marxistischen Standpunkt aus schwierig ist, eine theoretische Betrachtungsweise von ihren politischen Folgen zu trennen, wäre es nur allzu logisch, den letzten Schritt zu tun und den Marxismus zugunsten des Anarchismus zu verwerfen. Wenn die Rätekommunisten, die die Oktoberrevolution als bürgerlich bezeichnen, da die objek­tiven Bedingungen auf Weltebene 1917 nicht reif gewesen seien, nur den Mut hätten, diesen letzten Schritt zu tun, und sich offen als Anarchisten erklären! Dann hätten sie nur noch ein letztes Problem zu lösen: Wie ist ihre Analyse mit einem theoretischen Standpunkt zu vereinbaren, der die Notwendigkeit einer objektiven Basis für den Sozialismus ablehnt und für den die Revolution zu jedem Zeit­punkt möglich ist?

Die Verwerfung der Idee, dass der Kapi­talismus 1914 in seine dekadente Phase eingetreten ist, hat noch andere Folgen:

- Entweder muss die Periode der kapita­listischen Dekadenz noch kommen, ob­gleich man sich angesichts der Katas­trophen, die die Gesellschaft in den letzten 60 Jahren erschüttert haben, nur schwer vorstellen kann, wie die wirkliche Dekadenz des Kapitalismus aussieht und wie die Gesellschaft diese über­leben kann.

- Oder der Kapitalismus wird im Gegen­satz zu den vorherigen Gesellschaften nie eine Phase der Dekadenz durchlaufen. Dann muss man die Schlussfolgerungen da­raus ziehen; entweder gibt man jede Perspektive des Sozialismus für immer und ewig auf, oder man stellt seine Perspek­tive für den Sozialismus auf etwas anderes als auf die objektiven Notwendigkeiten einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung. Das bedeu­tet, den Marxismus aufzugeben, aus dem Sozialismus einen „moralischen Impera­tiv“ zu machen - und somit schließt man sich dem Anarchismus an. Im Laufe ihrer Geschichte wurde die Arbei­terklasse mit drei Hauptgegnern konfron­tiert: dem Anarchismus im vorigen Jahrhun­dert, der reformistischen Sozialdemokra­tie zu Beginn dieses Jahrhunderts und dem Stalinismus zwischen den zwei Weltkriegen. Diese Strömungen haben sich in einem alles übertreffenden Moment der Konterrevolution gegen die Arbeiterklasse zusammengerottet: im spanischen Bürgerkrieg 1936-38. Man muss anerkennen, dass dem Rätekommunismus, auch wenn er eine der „gesündesten“ Reaktionen gegen die Degeneration der Kommunistischen Internationale war und es ihm gelungen war, in den schlimmsten Augenblicken der Konterrevolution Klassenpositionen aufrecht­zuerhalten, die rare Großtat gelun­gen war, viele der fundamentalen Analysen dieser drei Strömungen zu übernehmen, selbst wenn sein Standpunkt nicht zur Auf­gabe jeder revolutionären Perspektive ge­führt hat, wie dies für einige seiner besten Elemente der Fall war.

Dies sind einige der Folgen bei einer Ablehnung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution von 1917.

F.M.

[1] „Die Epigonen des Rätekommunismus“, Intern. Revue (engl./franz. Nr. 2;); „Die Degeneration der Russischen Revolution“, Intern. Revue (Deutsch) Nr. 2; „Die Lehren der Kronstädter Ereignisse“, Intern. Revue Nr. 3; „Plattform der IKS“, Intern. Revue Nr. 5 (engl./franz); „Die Kommunistische Linke in Russland“, Intern. Revue Nr. 9/10; „Texte zur Übergangsperiode“, Intern. Revue Nr. 11 (engl./franz.); „Beiträge zur Rolle des Staates in der Übergangsperiode“, Intern. Revue Nr. 6 (engl./franz.).

[2] Vorwort zu „Ausgewählte Werke Lenins“ vom Institut für Marxismus-Leninismus ZK der KPDSU).

[3] „Degeneration der Russischen Revolution“, Internationale Revue Nr. 2; „Die Kommunistische Linke in Russland“, Intern. Revue Nr. 9/10.

[4] Siehe „Die Dekadenz des Kapitalismus“ und andere Texte der IKS.