14. Kongress der IKS

Bericht
über die Wirtschaftskrise (Auszüge)

Vor
über 80 Jahren ist der Kapitalismus in seine dekadente Phase getreten. Er überlebt
einzig noch dadurch, dass er die Menschheit in eine Spirale der offenen Krise
wirft. Diese Spirale setzt sich aus dem generalisierten Krieg, dem
Wiederaufbau, und der erneuten Krise zusammen.1
Die wirtschaftliche Stagnation und die Erschütterungen des Systems im ersten
Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts mündeten schnell in die schreckliche
Schlächterei des Ersten Weltkriegs, die grosse Depression von 1929 mündete nach
10 Jahren in das noch wildere Gemetzel des Zweiten Weltkriegs. Die am Ende der
60er Jahre beginnende Krise jedoch mündete nicht in die organische Lösung eines
neuen generalisierten Kriegs, weil das Proletariat nicht geschlagen war.

Angesichts
dieser neuartigen Situation der ausweglosen Krise führt der Kapitalismus ein
ständiges Krisenmanagement. Für dessen Umsetzung nahm er Rückgriff auf sein
erstrangiges Organ zur Verteidigung seines Systems: den Staat. Auch wenn die
Tendenz zum Staatskapitalismus sich bereits vor mehreren Jahrzehnten
herausgebildet hatte, so haben wir in den letzten 30 Jahren der
Perfektionierung und einer bisher unbekannten Verfeinerung der
Interventionsmechanismen und der Kontrolle der Wirtschaft und Gesellschaft
beiwohnen können. Zur Begleitung der Krise mit dem Ziel, ihren Rhythmus im
Vergleich zu 1929 zu verlangsamen und weniger spektakulär zu gestalten, haben
die Staaten sich in eine astronomische Verschuldung gestürzt, wie sie die
Geschichte bisher noch nie gesehen hat. Die wichtigsten Mächte haben mit einer
Zusammenarbeit zur Unterstützung und Organisierung des Welthandels begonnen, um
die schlimmsten Auswirkungen der Krise auf die schwächsten Länder abzuwälzen.2 Dieser Überlebensmechanismus erlaubte
es den zentralen Ländern, die auch eine Schlüsselstellung bezüglich des
Klassenkampfes einerseits, bezüglich der Aufrechterhaltung der globalen
Stabilität des Kapitalismus anderseits einnehmen, einen verlangsamten und
stufenweisen Fall in die Krise zu bewerkstelligen. So entstand der Eindruck der
Beherrschung und der Normalität oder sogar des "Fortschritts" oder
der "Erneuerung".

Diese
Begleitmaßnahmen führten jedoch keineswegs zu einer Stabilisierung der
Situation. Der Kapitalismus ist seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ein
globales System, das allen bedeutenden Gebieten dieses Planeten seine
Produktionsbeziehungen aufgezwungen hat. Unter diesen Bedingungen kann das
Überleben eines nationalen Kapitals oder von Zusammenschlüssen derselben nur auf
Kosten der Rivalen gehen. Im Laufe der letzten 30 Jahre konnten wir einer
fortschreitenden Degeneration des Kapitalismus beiwohnen. Seine Reproduktion
vollzog sich auf einer sich ständig verengenden Grundlage, das Weltkapital
verarmt.3

Dieser
fortschreitende Zusammenbruch des Gesamtkapitals hat sich durch periodische
Erschütterungen manifestiert, die in keiner Art und Weise etwas mit den
zyklischen Krisen des 19. Jahrhunderts gemeinsam haben. Diese Erschütterungen
zeigten sich in den mehr oder weniger starken Rezessionen von 1974/75,
1980-1982 und 1991-1993. Jedoch drückte sich die Rezession nicht in erster
Linie durch den offiziellen Fall des Produktionsindex aus, und zwar gerade weil
der Staatskapitalismus alles in seiner Möglichkeit Liegende unternimmt, um
dieses zu klassische und offensichtliche Zeichen des Systemzusammenbruchs zu
unterbinden. Die Rezession hat sich also tendenziell in anderen, nicht weniger
schwerwiegenden und gefährlichen Formen dargestellt. Hier sind zu nennen: die
monetären Erschütterungen des britischen Pfund Sterling 1967 und des Dollar
1971, die brüske inflationäre Explosion in den 70er Jahren, die Schuldenkrise
und die Erschütterungen des Finanzsektors ab der zweiten Hälfte der 80er Jahre:
Börsenkrach 1987, Mini-Börsenkrach 1989, die Erschütterung des europäischen
Währungssystems 1992/93, der Tequila-Effekt (Abwertung des mexikanischen Peso
und Fall der lateinamerikanischen Börsen) 1994 und die sog. Asienkrise 1997/98.

Der
13. Kongress der IKS hatte die schwerwiegenden Schäden dieser letzten Episode
der Krise analysiert. Damals hatten wir die äußerst pessimistischen Warnungen
der bürgerlichen Experten einbezogen, die offen von Rezession und sogar
Depression gesprochen hatten.

Diese
Rezession ist dann allerdings nicht eingetroffen und der Kapitalismus konnte
abermals das Jubellied über die eiserne Gesundheit seiner Produktionsweise
anstimmen. Die Dreistigkeit ging bis zur Behauptung, eine neue Gesellschaft sei
mit der „New Economy“ entstanden. Der Anstieg der Inflation im Sommer 2000,
dessen Tragweite und Auswirkungen nicht unterschätzt werden dürfen, hat die
generelle Euphorie dann allerdings ein wenig verstummen lassen. In etwas mehr
als zwei Jahren konnten wir dem brutalen Einbruch von 1997/98, dem euphorischen
Aufschwung zwischen der zweiten Jahreshälfte 1999 und dem Sommer 2000 und dem
erneuten Rückgang des Index beiwohnen.

Das
neue Jahrtausend wird der Krise keine Lösung mehr anbieten können ausser der
Stabilisierung der Situation, wenn nicht gar im Gegenteil eine neue Phase des
Zusammenbruchs, der uns all die Leiden des 20. Jahrhunderts als Zuckerschleck
erscheinen lässt.

10 Jahre ununterbrochenes Wachstum in den USA

Die
Bewunderer des Kapitalismus geifern schon nur bei der Erwähnung  dieser "10 Jahre Wachstum ohne
Inflation".4 In ihrem Delirium sind
sie sogar soweit gegangen, das Ende aller zyklischen Krisen und ein
ununterbrochenes Wachstum vorauszusagen.

Diese
Herren geben sich erst gar nicht Mühe, die Wachstumsraten anderer Epochen des
Kapitalismus zu vergleichen, und noch weniger, seine Natur und Zusammensetzung
zu verstehen. Sie sind vollständig mit dem "Wachstum" zufrieden. Aber
angesichts dieser unmittelbaren und oberflächlichen Betrachtungsweise, die ja
typisch ist für die Ideologen einer dem Untergang geweihten Gesellschaftsordnung,
wenden wir eine globale und historische Betrachtungsweise an und sind somit in
der Lage, die Falschheit all dieser Argumente, die sich auf die "10 Jahre
ununterbrochenen Wachstums in den USA" stützen, zu entlarven.

Wenn
wir die Wachstumsraten der USA seit 1950 unter die Lupe nehmen, stellen wir
fest, dass das Wachstums der vergangenen 10 Jahre das geringste der letzten 50
Jahre ist:

Mittlere
BIP-Wachstumsraten der USA5

1950-1964            3,68%

1965-1972            4,23%

1973-1990            3,40%

1991-1999            1,98%

Diese
Zahlen sehen auch in anderen hochindustrialisierten Ländern nicht anders aus:

Mittlere
BIP-Wachstumsraten  in den wichtigen
Industrieländern6

1960-73         1973-89             1989-99

Japan                        9,2%               3,6%                    1,8%

Deutschland
            4,2%               2,0%                    2,2%

Frankreich                5,3%               2,4%  
                 1,8%

Italien                         5,2%               2,8%                   1,5%

Großbritannien         3,1%               2,0%  
                1,7%

Kanada            
        5,3%               3,4%                   1,9%

Diese
beiden Tabellen zeigen den graduellen, aber anhaltenden Niedergang der
Weltwirtschaft, der den Triumphalismus der Führer des Kapitalismus in nichts
auflöst und ihre Täuschungsmanöver entblößt: sie wollen uns mit Zahlen
täuschen, die vollständig aus ihrem historischen Kontext herausgelöst worden
sind.

Das
"amerikanische Wachstum" hat tatsächlich eine Geschichte, die uns
aber vorenthalten wird: Man spricht nicht darüber, wie die Wiederankurbelung
der Wirtschaft 1991/92 zustande kam. Es mussten nämlich 33 Mal die Zinsen
gesenkt werden, so dass die Zinsraten für das an Banken geliehene Geld unter
der Inflationsrate lag! Der Staat hat also eigentlich "Gratisgeld"
zur Verfügung gestellt. Man spricht noch weniger über das ab 1995 abflauende
Wachstum, das mehrere Finanzkrisen mit der "asiatischen Grippe"
1997/98 als Tiefpunkt nach sich zog und in die Stagnation 1996-1998 mündete.

Was
steckt jedoch hinter der letzten Wachstumsphase von 1996-1998? Ihre Grundlage
ist noch verletzlicher und zerstörerischer, denn ihr Motor verwandelt sich in
eine historisch gesehen beispiellose spekulative Blase. Die Investition an der
Börse wird die "einzig rentable Investition".

Die
amerikanischen Familien und Unternehmen wurden in einem perversen Mechanismus
zur Verschuldung ermutigt, um an der Börse zu spekulieren und die gekauften
Titel als Sicherheiten für den frenetischen Kauf von Waren und Dienstleistungen
zu gebrauchen, was dann den Motor des Wachstums darstellte. Die Grundlagen der
eigentlichen Investitionen sind so ernsthaft zerstört worden: Unternehmen und
Individuen haben ihre Verschuldung von 1997 bis 1999 um 300% gesteigert. Die
Sparquote ist seit 1996 negativ (nach 53 Jahren von ununterbrochen positiven
Sparquoten), während sie 1991 noch +8,3% betrug, sank sie 1999 auf -2,5%.

Der
Konsum auf Pump erhält zwar die Wachstumsflamme in Gang, aber die Auswirkungen
auf der produktiven Ebene der USA sind tödllich.7
Paul Samuelson, ein bekannter Ökonom, 
räumt ein, dass "die Auslastung der industriellen
Produktionskapazitäten Nordamerikas seit ihrem Gipfel in der Mitte der 80er
Jahre nur noch gefallen ist"
. Die Industrie verliert immer mehr an
Bedeutung, seit April 1998 sind 418‘000 Stellen gestrichen worden. Die
amerikanische Zahlungsbilanz erlitt mit der Vergrösserung des Defizits von
-2,5% des BIP 1998 auf aktuell -4% eine spektakuläre Verschlechterung.

Diese
Art des Wachstums steht in krassem Gegensatz zu demjenigen, das der
Kapitalismus, historisch betrachtet, erlebt hat. Zwischen 1865 und 1914
erzielten die USA mit der ständigen Erhöhung der Handels- und Finanzüberschüsse
ein spektakuläres Wachstum. Die amerikanische Expansion nach dem Zweiten
Weltkrieg beruhte auf der Überlegenheit im Export von Gütern und Kapital. 1948
beispielsweise deckten die amerikanischen Exporte 180% der Importe. Seit 1971
erzielten die USA erstmals eine negative Handelsbilanz, die seither ständig
gewachsen ist.

Während
sich das Wachstum der zentralen kapitalistischen Länder im 19. Jahrhundert auf
die Exportzunahme an Gütern und Kapital abstützte, was zu einer ständigen
Eingliederung von neuen Gebieten in die kapitalistischen
Produktionsverhältnisse führte, wohnen wir heute einer aberwitzigen und
gefährlichen Entwicklung bei: Heute fliessen, unterstützt durch den
überbewerteten Dollar, die Reichtümer in die USA, um die wichtigste
Nationalökonomie der Welt zu unterstützen. Seit 1985 ist der Investitionsfluss
in die 10 wichtigsten Nationalökonomien der Welt größer als umgekehrt. Das
bedeutet konkret, dass der Kapitalismus unfähig ist, die globale Produktion
auszudehnen und nun all seine Mittel auf die Erhaltung der Metropolen
konzentriert. Der Rest der Welt wird zu einer riesigen Brachlandschaft
degradiert, und somit werden die Grundlagen der kapitalistischen Reproduktion
zerstört.

Die nicht eingetretene Rezession nach der Asienkrise

Man
möchte uns glauben machen, dass die schwerwiegende Erschütterung von 1997/98
nichts als eine zyklische Krise gleich jenen des 19. Jahrhunderts gewesen sei.
Zu jener Zeit ist aber jede Krise mit einer neuen Produktionsausdehnung zu Ende
gegangen, so dass immer ein höheres Produktionsniveau als in der
vorhergegangenen Periode erreicht wurde. Neue Märkte öffneten sich durch die
Eingliederung neuer Territorien in die kapitalistischen
Produktionsverhältnisse. So entstanden einerseits neue Proletariermassen, die
Mehrwert hervorbrachten, anderseits neue zahlungskräftige Käufer für die
hergestellten Waren.

Eine
solche Lösung ist für den heutigen Kapitalismus nicht mehr angesagt: Die Märkte
sind bereits seit längerer Zeit gesättigt. Der Ausweg kann also nicht in neuen
Märkten und in neuen Lohnarbeit verrichtenden Proletariermassen liegen, sondern
gerade im Gegenteil: Heute greift man zur Verschuldung und versucht so, den
realen Fall der Produktion und die neuen Entlassungswellen (die uns dann als
Restrukturierungen, Privatisierungen und Fusionen untergejubelt werden) zu
kaschieren. Auf diese Weise werden die Quellen des Mehrwerts ausgetrocknet: „Das
Fehlen kaufkräftiger Märkte, auf denen die Realisierung des produzierten
Mehrwerts möglich ist, führte zur Bildung fiktiver Märkte (...) Mit einem
komplett gesättigten Weltmarkt konfrontiert kann ein Wachstum der
Produktionszahlen nur durch ein Wachstum der Schulden stattfinden. Eine noch
beträchtlichere Zuspitzung als zuvor.“
(Internationale Revue  Nr. 59, engl./frz./span. Ausgabe)   

Das
Resultat ist eine ständig gewaltsamere Erschütterung und ein tieferer Fall
während die Aufschwünge lediglich den Fall leicht abfedern: Der ganze Prozess
spielt sich in einer Dynamik des progressiven Zerfalls ab.

Im
19. Jahrhundert befand sich der Kapitalismus in einer dynamischen
Expansionsphase, in der jede Krise eine neue Prosperitätsphase vorbereitete.
Heute beobachten wir den genau umgekehrten Prozess: Jede Aufschwungsphase ist
nichts anderes als die Vorbereitung neuer und schwerwiegenderer
Erschütterungen.

Japan
(die zweite Weltwirtschaftsmacht) ist ein schlagender Beweis. Dieses Land
bewegt sich nicht mehr vom Fleck und erreichte 1999 eine rachitische
Wachstumsrate von 0,3%. Die Perspektiven für das Jahr 2000 sind sehr
pessimistisch. Und dies trotz einer spektakulären Entwicklung der
Staatsausgaben: Das Staatsdefizit erreichte 1999 9,2% des BIP.

Die “New Economy”

Die
Argumente über das „enorme Wachstum“ in Amerika und die „spielende Überwindung
der Asienkrise“ entbehren jeglicher seriösen Analyse. Doch ein drittes Argument
scheint mehr Bestand zu haben: „die Revolution der New Economy“, welche die
Fundamente der Gesellschaft komplett umwälzen und durch das Internet die
traditionelle Aufteilung der Gesellschaft in Klassen (Arbeiter und Unternehmer)
auflösen werde, sie zu einer Masse von „Partnern“ mache. Mit anderen Worten,
der Motor der Wirtschaft sei nicht mehr die Anhäufung von Profit, sondern der
Konsum und die Information. Schlussendlich werde die Krise zu einem alten Hut
aus vergangenen Zeiten, da sich die Weltwirtschaft harmonisch durch die
Transaktionen via Internet reguliere. Das einzige Problem seien die
„Unangepassten“ die noch in der „alten Ökonomie“ verharren würden.

Es
ist hier nicht der Ort, um erneut all diese stupiden Behauptungen aufzulisten.
Der erste Artikel in der Internationalen Revue Nr. 26 entlarvte schon
auf überzeugende Art und Weise diesen neuen Mythos mit dem uns der Kapitalismus
einlullen will.8

Zuerst
sollten wir uns an die Geschichte erinnern: Wie oft schon in den letzten
siebzig Jahren hat uns der Kapitalismus ein ökonomisches „Modell“ als
endgültige Lösung verkaufen wollen? In den 30er Jahren präsentierten sich die
sowjetische Industrialisierung, der amerikanische New Deal und der belgische
DeMan-Plan als Lösung gegen die Krise von 1929 - sie führten aber in
Wirklichkeit zum Zweiten Weltkrieg! Es waren der „Wohlfahrtsstaat“ der 50er,
der „Aufschwung“ der 60er Jahre, die verschiedenen „Wege zum Sozialismus“ und
die „Rückkehr zu Keynes“ in den 70er Jahren, die „Reagonomics“ und das
„japanische Modell“ der 80er Jahre, die „asiatischen Tiger“ und die
„Globalisierung“ der 90er Jahre - heute ist es die „New Economy“. Der Sturm der
Krise hat sie alle nacheinander hinweggefegt. Schon ein Jahr nach ihrer Geburt
ist die „New Economy“ veraltet und unbrauchbar.

Zweitens
wurde die Lüge portiert, dass die „New Economy“, basierend auf dem Internet,
sehr viele Arbeitsplätze schaffen würde. Dies ist ein kompletter Irrtum. Der
oben zitierte Artikel von Battaglia comunista (Fussnote 5) zeigt auf,
dass von den 20 Millionen geschaffenen Arbeitsplätzen in den USA lediglich eine
Million mit dem Internet zusammenhängen. Der Rest besteht aus „High-Tech-Jobs“
wie Hundeausführen, Parkplatzbewachung, Pizza- und Hamburgerkurieren,
Babysittern usw.

In
Wirklichkeit eliminiert die Einführung des Internet in Handel, Information,
Finanz und öffentlicher Verwaltung Arbeitsplätze statt neue zu schaffen. Eine
Studie über Bankinstitute der „New Economy“ zeigt, dass:

-         

ein Netz von Büros, die
Computer ohne permanente Verbindung einsetzen9,
100 Angestellte;

-         

ein Netz von Büros mit
permanent verbundenen Computern nur noch 40 Angestellte;

-         

ein Telebanking-Netz 25
Angestellte;

-         

ein
Internet-Banking-Netz schließlich gerade noch 3 Angestellte beschäftigt.

Eine andere Studie der EU kommt zum Schluss, dass
das Ausfüllen von Formularen via Internet einen Drittel der Arbeitsplätze in
der öffentlichen Verwaltung überflüssig machen kann.

Ist
es möglich, dass das Internet die Basis für eine Ausweitung der
kapitalistischen Produktion bildet?

Der
Zyklus des Kapitals kennt zwei untrennbare Stufen: die Mehrwertproduktion und
ihre Realisierung. In der dekadenten Phase des Kapitalismus, mit einem
gesättigten Markt, wird die Realisierung des Mehrwerts zum Hauptproblem. In
diesem Rahmen nehmen die Kosten für Absatz, Verteilung und Finanzierung, welche
zur Realisierung des Mehrwerts gehören, enorme Proportionen an. Die Unternehmen
und Staaten entwickeln einen gigantischen Apparat für Absatz, Werbung,
Finanzierung usw., um aus dem noch existierenden Markt die letzten Tropfen
auszupressen (Tricks zur künstlichen Vergrößerung des Konsums) und den
Konkurrenten Marktsegmente abspenstig zu machen.

Zu
diesen notwendigen Kosten für die Realisierung des Mehrwerts kommen jedoch
weitere hinzu, die eine noch größere Dimension annehmen: die Aufrüstung, der
Aufbau einer gigantischen staatlichen Bürokratie usw. Die Einführung des
Internet versucht, das enorme Gewicht dieser Kosten so weit als möglich zu
senken, doch für die Wirtschaft als Ganze, vom Gesichtpunkt des Gesamtkapitals
aus betrachtet, kann sich der Markt nicht erweitern. Er erfährt nur eine
erneute Reduktion, die Menge der zahlungskräftigen Käufer nimmt ab.

Weit
entfernt davon, Gesundheit und Fortschritt des Kapitalismus darzustellen, ist
die ganze Geschichte mit dem Internet Ausdruck der tödlichen Spirale, in der er
sich befindet: Der Rückgang eines kaufkräftigen Marktes steigert die
unproduktiven Kosten und bedeutet Schulden, was wiederum den kaufkräftigen
Markt reduziert, worauf erneut die Schraube der Schulden und unproduktiven
Kosten angezogen wird - und so weiter!

Das erneute Auftauchen der Inflation

Die
Inflation ist eine typische Erscheinung des dekadenten Kapitalismus und fand
ihren wohl spektakulärsten Ausdruck im Deutschland der 20er Jahre mit einer
Entwertung der Mark von über 2000%. Nach dem gewaltigen Ausbruch der Inflation
in den 70er Jahren hat der Kapitalismus 20 Jahre lang die Inflationsraten in
den industrialisierten Ländern beträchtlich gesenkt. Doch wie wir bereits im
Bericht für den 13. Kongress der IKS schrieben, wurde die Inflation in
Wirklichkeit nur versteckt durch eine kräftige Reduktion der Kosten und ein
sehr aufmerksames Vorgehen der Zentralbanken bezüglich der zirkulierenden
Geldmenge. Dennoch, die Gründe für die Inflation – die gigantische Verschuldung
und die unproduktiven Kosten, die notwendig sind, um das System über Wasser zu
halten - sind keineswegs verschwunden, sondern nehmen immer mehr an Gewicht zu.
Der neue inflationäre Druck, welcher sich seit Beginn des Jahres 2000
entwickelt, kommt also keineswegs überraschend. Die Zuspitzung der Krise, die
sich seit 1995 in einer Erschütterung der Börsen ausdrückt, kann eine weitere
schwerwiegende Episode durch einen Ausbruch der Inflation auslösen.

In
ihrem Bericht vom Juni 2000 läutete die OECD die Alarmglocken wegen des
zunehmenden inflationären Risikos, welches von der amerikanischen Wirtschaft
ausgeht: „Die gerade stattgefundene Steigerung der Inlandsnachfrage ist
untolerierbar, und ein inflationärer Druck wurde in letzter Zeit viel
spürbarer, während das gegenwärtige Handelsdefizit scharf, nämlich auf 4% des
Bruttoinlandproduktes, anstieg. Die Herausforderung für die Regierenden ist
eine geordnete Reduktion der steigenden Nachfrage.“
Nachdem die Inflation
in den USA 1998 einen Tiefststand erreicht hat (1,6%), wird sie laut der
US-Notenbank im Jahr 2000 auf 4,5% ansteigen. Diese Tendenz wurde auch in
Europa festgestellt, wo der Durchschnitt für die Euro-Zone von 1,3% 1998 auf
eine Voraussage von 2,4% für das Jahr 2000 anstieg, mit Spitzen wie in Holland
(erwartete 3,5%), Spanien (im September 3,6%) und Irland (wo 4,5% erreicht
wurden).

Die
astronomische Verschuldung, die Spekulationsblase, der sich vertiefende Graben
zwischen Produktion und Konsumption und das zunehmende Gewicht der
unproduktiven Kosten drängen an die Oberfläche und stellen die angebliche
Gesundheit der Wirtschaft in Frage.

Die katastrophalen Auswirkungen des Krisenmanagements

Nach
knapp 2 Jahren Ruhe gerät die Weltwirtschaft erneut in einen Sturm.

Der
Lärm der Kampagnen über die „Gesundheit“ des Kapitalismus und die „New Economy“
ist umgekehrt proportional zur tatsächlichen Wirkung der Politik des
Krisenmanagements. Die triumphalistischen Höhenflüge verdecken den immer
beschränkter werdenden Handlungsspielraum der Staaten. Der wirtschaftliche,
menschliche und gesellschaftliche Preis, den das Proletariat und die gesamte
zukünftige Menschheit zu bezahlen haben, wird immer höher. Der Kapitalismus
droht die ganze Welt durch Kriege (heute sind sie noch lokal begrenzt) und die
Politik des „Krisenmanagements“ in eine Trümmerlandschaft zu verwandeln. Es
drohen vor allem 3 Gefahren:

-         

der Zusammenbruch der
Wirtschaft in immer mehr Ländern;

-         

ein zunehmender Prozess
der Schwächung

-         

und Zersetzung der
Ökonomie der zentralen Länder;

-         

Angriffe auf die
Lebensbedingungen der Arbeiterklasse.

Die
„Organisierung“ des weltweiten Handels und der Finanzen durch die am meisten
industrialisierten Länder hat die schlimmsten Auswirkungen der Krise auf die
peripheren Länder abgewälzt und diese in eine gigantische Brachlandschaft
verwandelt. Unsere Genossen in Mexiko haben in Revolución Mundial
hervorgehoben, dass „bis Ende der 60er Jahre die Länder der Peripherie
vornehmlich Exporteure von Rohmaterialien waren. Doch die Tendenz ist, dass die
peripheren Länder Importeure werden, selbst von Rohstoffen. Mexiko zum
Beispiel, das Land des Mais, ist heute Importeur dieses Getreides. Es sind heute
die zentralen Länder, welche zu Exporteuren von Rohstoffen geworden sind.“

Der Kapitalismus konzentriert sich heute dermaßen darauf, die zentralen Länder
über Wasser zu halten, dass diese nun auf dem Rohstoffmarkt konkurrenzfähig
sind, während es historisch eine internationale Arbeitsteilung gab, die von
diesen Ländern selbst eingeführt wurde und die die Rohstoffproduktion den
peripheren Ländern überließ.

Ein
kürzlich verfasster Bericht der Weltbank über Afrika präsentiert ein
schreckliches Bild: Afrika liefert nicht mehr als 1% des weltweiten
Bruttosozialproduktes und sein Anteil am Welthandel beträgt weniger als 2%. „Während
der letzten 30 Jahre hat Afrika die Hälfte seines Anteils am Weltmarkt
verloren, die traditionellen Rohstoffmärkte eingeschlossen. Nur um den Anteil
zu halten den es 1970 hatte, müsste es zusätzlich 70 Billionen Dollar pro Jahr
mehr einnehmen.“
In Kilometern gemessen hat Afrika weniger Strassen als
Polen und nur 16% davon sind asphaltiert. Weniger als 20% der Bevölkerung hat
Zugriff auf elektrischen Strom, und weniger als 50% verfügen über trinkbares
Wasser. Es gibt nur 10 Millionen Telefone für eine Bevölkerung von 300
Millionen Menschen. Mehr als 20% der Erwachsenen sind mit AIDS infiziert und
die Arbeitslosigkeit in den großen Städten wird auf rund 25% geschätzt. Jede
fünfte Person in Afrika lebt in einem Kriegsgebiet. Diese Zahlen schliessen
Südafrika und die nordafrikanischen Länder mit ein, ansonsten würden die Zahlen
noch schlimmer aussehen.

Diese
Entfaltung der Barbarei kann nur durch die unkontrollierte Vertiefung der
kapitalistischen Krise erklärt werden. So wie die Entwicklung des Kapitalismus
im England des 19. Jahrhunderts die Zukunft der Welt aufzeigte, kündigt heute
die Misere in Afrika die Zukunft an, die der Kapitalismus der Menschheit
bereitet, wenn er nicht überwunden werden kann.10 Die Auswirkungen des „Krisenmanagements“
greifen mehr und mehr auch die Infrastruktur und Grundlage des
Produktionsapartes der großen kapitalistischen Staaten an, deren
Grundstrukturen immer zerbrechlicher werden.

Bürgerliche
Experten geben offen zu, dass der westliche Kapitalismus eine
„Risikogesellschaft“ geworden sei. Mit dieser Beschönigung verschleiern sie den
beschleunigten Zerfall, dem die Transportsysteme (Luftfahrt, Eisenbahn und
Straßen) unterliegen. Dies zeigt sich klar in der Zunahme von Unfällen bei
Untergrundbahnen und der Eisenbahn, wie letzthin bei einer Seilbahn in
Österreich, wo 150 Menschen starben.

Dasselbe
spielt sich bei der öffentlichen Infrastruktur ab. Kanalisationssysteme, Dämme
und Schutzvorrichtungen gegen Überschwemmungen sind immer mehr veraltet; eine
Konsequenz der systematischen und zunehmenden Budgetstreichungen für deren
Unterhalt. Das Ergebnis waren Überschwemmungen und andere Katastrophen in
Ländern wie England, Deutschland und Holland, wo sich doch solche Ereignisse
bisher vor allem auf südliche und unterentwickelte Ländern beschränkten.

Was
das Gesundheitssystem angeht, so ist die Kindersterblichkeitsrate in New Yorker
Quartieren wie Harlem und Brooklyn höher als in Shanghai oder Moskau. Die
Lebenserwartung in diesen Gebieten beträgt 66 Jahre. In Großbritannien stellt
die nationale Ärztegesellschaft in einem Bericht, der am 25. November 1996
veröffentlicht wurde, fest, dass „die Krankheiten aus der Zeit Dickens von
neuem England befallen. Dies sind die typischen Armutskrankheiten wie Rachitis
und Tuberkulose.“  
  

Der Angriff auf die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse

Die
Verschlechterung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse ist das wichtigste
Indiz für das Voranschreiten der Krise. Wie Marx es im Kapital
ausdrückte: „Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut
und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen
Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute
Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“
(3. Band, MEW 25
S. 501) Der Angriff auf die Lebensbedingungen war in den 70er Jahren noch relativ
sanft, er hat sich aber in den letzten 20 Jahren zugespitzt.11

Um
die Verschuldung aufrecht zu erhalten, Ballast abzuwerfen und jedes unrentable
Geschäft abzustoßen und mit diesen Mitteln den erbarmungslosen Konkurrenzkampf
auszufechten, hat jedes nationale Kapital die schlimmsten Auswirkungen der
Krise auf die Arbeiterklasse abgewälzt: Seit den 80er Jahren ist das Leben der
“privilegierten” Arbeiter der zentralen Ländern - ganz zu schweigen von der
furchtbaren Lage ihrer Klassenbrüder und -schwestern in den Ländern der Dritten
Welt - mit dem glühenden Eisen der Massenentlassungen gebrandmarkt worden, mit
der Umwandlung der festen Anstellung in prekäre Arbeit, der Ausbreitung von
schlechtest entlöhnten Stellen verbunden mit Unterbeschäftigung, der
Verlängerung des Arbeitstages mithilfe von zahlreichen Schlichen wie der
“35-Stunden-Woche”, der Kürzung der Renten und der Sozialhilfe, dem
schwindelerregenden Anstieg der Arbeitsunfälle ...

Die
Arbeitslosigkeit ist der wichtigste und zuverlässigste Maßstab der historischen
Krise des Kapitalismus. Die herrschende Klasse der industrialisierten Länder
ist sich der Ernsthaftigkeit des Problems bewusst und hat eine Verschleierungspolitik
gegenüber der Arbeitslosigkeit entwickelt, mit der sie diese vor den Augen der
Arbeiter und der ganzen Bevölkerung zu verstecken versucht. Diese Politik, die
zahlreiche Arbeiter auf ein tragisches Karussell verbannt (eine prekäre Stelle,
einige Monate Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, ein Umschulungskurs, wieder
einige Monate Arbeitslosigkeit etc.) und zu der sich die skandalöse
Manipulation der Statistiken gesellt, erlaubt es der Bourgeoisie, in alle
Windrichtungen zu verkünden, dass die “dauerhaften” Erfolge die
Arbeitslosigkeit ausgerottet hätten.

Eine
Studie über den Prozentsatz der Arbeitslosen unter den 25- bis 55-jährigen
offenbart viel genauere Zahlen als die allgemeinen Statistiken über die
Arbeitslosigkeit, die die Prozentzahlen verwässern, indem sie die Jungen, die
häufig ihre Studien fortsetzen (18-25-jährige), und die frühpensionierten
Arbeiter (56-65-jährige) darunter mischen:

Durchschnittliche
Arbeitslosenrate bei den 25- bis 55-jährigen (1988-95)

Frankreich                             11.2%

Großbritannien                      13.1%

USA                                       14.1%

Deutschland                          15.0%

In
Großbritannien entwickelte sich die Zahl der Familien, bei denen alle
Mitglieder arbeitslos waren, wie folgt12:

1975                             6.5%

1985                           15.1%

1995                           19.1%

Die
unmittelbare Konjunktur der letzten Monate war gekennzeichnet von einer
Entlassungswelle ohnegleichen in allen produktiven Sektoren, von der Industrie
über die sehr alten Handelsunternehmen wie Marks & Spencer bis zu den
Dot.com-Unternehmen.

Die
UNO erarbeitet einen Index mit der Bezeichnung IMA (Index der menschlichen
Armut). 1998 betrug der Prozentsatz der Bevölkerung, der unter diesem
IMA-Minimum lebt, in:

den
USA                   16,5%

Großbritannien
        15,1%

Frankreich
               11,9%

Italien
                        11,6%

Deutschland
            10,4%

Die
Löhne sind in den letzten 10 Jahren kontinuierlich gesunken. Betrachten wir die
USA allein, so ist „das durchschnittliche Wocheneinkommen – die
Inflationsrate mit einberechnet – von 80% der amerikanischen Arbeiter zwischen
1973 und 1995 um 18% von 315 Dollar auf 285 Dollar pro Woche gefallen“13
.
Diese Zahlen wurden in den letzten fünf Jahren nochmals bestätigt: Zwischen
Juli 1999 und Juni 2000 fielen die Lohnkosten in den USA um 0,8%. Der
durchschnittliche Stundenlohn betrug 1973 11,5 Dollar, 1999 10 Dollar14.
Die Ausbeutung nahm in den USA unerbittlich zu: Um dasselbe Einkommen zu
erhalten (die Inflationsrate einberechnet), mussten die Arbeiter 1999 mehr
Stunden arbeiten als 1980.

Die Grenzen des Kapitalismus

Die
Überlebensstrategie des Kapitalismus hat bis heute in den zentralen Ländern
eine Stabilität aufrecht erhalten können, allerdings zum Preis, dass die
Situation an sich nur noch verschlimmert wurde: „Im Gegensatz zu 1929 ist
die Bourgeoisie in den letzten 30 Jahren gegenüber der Krise nicht überrascht
oder tatenlos gewesen, sondern hat ständig auf sie reagiert, um ihren Verlauf
zu kontrollieren. Dies erklärt die lange Dauer und die erbarmungslose
Vertiefung der Krise, die sich trotz aller Bemühungen der herrschenden Klasse
weiter zuspitzt. (...) 1929 gab es noch keine ständige staatliche Überwachung
der Wirtschaft, der Finanzmärkte und der internationalen Handelsabkommen, keine
Garantieerklärungen, keine internationale Feuerwehr, um diejenigen zu retten,
die in Schwierigkeiten steckten. Zwischen 1997-99 dagegen sind ganze
Wirtschaften mit beträchtlicher ökonomischer und politischer Bedeutung in der
kapitalistischen Welt den Bach runter gegangen trotz der Existenz all dieser
staatskapitalistischen Instrumente.“
 (Resolution zur internationalen Lage, 13. Kongress der IKS)

Angesichts
dieser Situation ist es eine falsche, auf Hoffnungslosigkeit und kurzfristigem
Denken beruhende Methode, wie besessen auf die große Rezession zu warten, in
der die herrschende Klasse derart die Kontrolle verlieren würde, dass die Krise
durch ihre Brutalität und die ausgelöste sichtbare Katastrophe die
kapitalistische Produktionsweise in Frage stellen würde.

Wir
schließen die Möglichkeit einer Rezession nicht aus. 1999-2000 brauchte der Kapitalismus,
um noch atmen zu können, noch riskantere Dosen desselben Gifts, das zur
Explosion von 1997-98 führte, was in nächster Zukunft noch größere
Erschütterungen erwarten lässt. Doch die Tiefe der Krise lässt sich nicht am
Fall der Produktionszahlen messen, sondern vielmehr - aus einem globalen und
historischen Sichtwinkel - an der Zuspitzung der Widersprüche, dem sich
verringernden Spielraum für Manöver und vor allem an der Verschlechterung der
Lebensbedingungen der Arbeiterklasse.

Unsere
Broschüre Die Dekadenz des Kapitalismus beschreibt zur Kritik der
Auffassungen Trotzkis, demzufolge in der dekadenten Phase des Kapitalismus „die
Produktivkräfte der Menschheit zu wachsen aufgehört haben“
, folgendes: „Jede
gesellschaftliche Änderung ist das Ergebnis einer langen und wirklichen
Zuspitzung des Zusammenstoßes zwischen den Produktionsverhältnissen und den
Produktivkräften. Falls wir die Hypothese eines endgültigen und ständigen
Stillstandes dieser Entwicklung verteidigen, könnte nur eine „absolute“ Verschärfung
der Beschränkungen, den die Produktionsverhältnisse darstellen, die Tendenz zur
eindeutigen Zuspitzung dieses Widerspruchs erklären. Man kann jedoch
feststellen, dass die Bewegung, die sich im allgemeinen während den
verschiedenen Dekadenzzeiträumen der Geschichte (den Kapitalismus
eingeschlossen) entwickelt, eher zu einer Ausdehnung der Grenzen bis zu deren
„Äußersten“ neigt, als zu einem Schrumpfen derselben.“
(Die Dekadenz des
Kapitalismus
, Seite 18)

Ein
wichtiger Teil der marxistischen Analyse zur Dekadenz von Produktionsformen ist
das Verständnis über die Art und Weise, wie der Kapitalismus sein
„Krisenmanagement“ betreibt, um in den zentralen Ländern die Auswirkungen
möglichst begrenzt zu halten. War nicht das römische Reich gezwungen, sich aus Byzanz
zurückzuziehen und weite Gebiete der Invasion der Barbaren zu überlassen?
Reagierten nicht auch die feudalen Könige mit derselben despotischen Manier
Angesichts des Erfolgs der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise?

„Die
Befreiung der Sklaven unter dem späten römischen Reich, die Befreiung der
Leibeigenen am Ende des Mittelalters, die beschränkten Freiheiten, die die im
Verfall begriffene Monarchie den neuen Städten der Bourgeoisie zugestehen
musste, die Verstärkung der Zentralmacht der Krone, die Ausschaltung der
„Schwertadligen“ zugunsten eines „Kleideradels“, der zentralisiert, geschwächt
und dem König direkt unterworfen war, ebenso die kapitalistischen Erscheinungen
wie Planungsversuche, die Bemühungen der Lockerung der nationalen, wirtschaftlichen
Grenzen, die Tendenz der Ersetzung der schmarotzerhaften Bourgeoisie durch
„wirkungsvolle Manager“, die Angestellte der Kapitals sind, die Politik des
„New-Deal“-Types und die ständigen Manipulationen bestimmter Mechanismen des
Wertgesetztes, all dies beweist die Tendenz zur Ausweitung des juristischen
Rahmens durch die Offenlegung der Produktionsverhältnisse. Die dialektische
Bewegung kann nicht aufgehalten werden, nachdem die Gesellschaft ihren
Höhepunkt erreicht hat. Diese Bewegung unterläuft einen qualitativen Wandel,
aber sie endet nicht. Die Verschärfung der der Gesellschaft innewohnenden
Widersprüche setzt sich notwendigerweise fort, und daher muss diese Entwicklung
der gefesselten Kräfte weitergehen, selbst wenn sie sich auch noch so langsam
vollzieht.“
(ebenda)

Die
Entwicklung der letzten 30 Jahre stimmt vollkommen mit dieser Analyse überein.
Nach mehr als 50 Jahren Überleben inmitten großer Erschütterungen hat sich der
Kapitalismus auf eine Politik des Krisenmanagements zu konzentrieren, um einen
brutalen Kollaps in den zentralen Ländern zu verhindern. Ein solcher Kollaps
würde für den Kapitalismus wegen der sich über diese 50 Jahre angehäuften
Widersprüche und vor allem angesichts eines ungeschlagenen Proletariates eine
Katastrophe bedeuten.

In
seinem Kampf gegen den ökonomischen Determinismus. der im Milieu der
Linksopposition herrschte, verurteilte Bilan die plumpe Deformierung des
Marxismus, welche behauptete: “Der produktive Mechanismus ist nicht nur die
Quelle zur Bildung von Klassen, sondern bestimmt automatisch die Aktion und die
Politik der Klassen und der Menschen, die sie repräsentieren; das Problem wird
so vollkommen simplifiziert; die Menschen und selbst die Klassen würden so
lediglich zu Marionetten der Produktivkräfte.“
(Bilan Nr. 5, „Die
Prinzipien, Waffen der Revolution“
) Doch, „wenn es zwar absolut richtig
ist, dass die ökonomischen Mechanismen die Bildung von Klassen bestimmen, so
ist es total falsch zu glauben, dass die ökonomischen Mechanismen diese direkt
dazu stoßen, den Weg einzuschlagen, der zu ihrer Abschaffung führt“

(ebenda). Aus diesem Grunde „ist die Aktion der Klassen nicht möglich ohne
ein Verständnis ihrer historischen Rolle und der Mittel. die zu ihrem Sieg
führen. Die Klassen sind abhängig von den ökonomischen Mechanismen, um geboren
zu werden und zu sterben, doch um zu siegen, müssen sie fähig sein, sich eine
politische und organische Gestalt zu geben, ohne die sie, selbst wenn es durch
die Entwicklung der Produktivkräfte bestimmt ist, Gefahr laufen, für lange Zeit
Gefangene der alten Klasse zu bleiben, welche ihrerseits selbst den Kurs der
ökonomischen Entwicklung gefangen hält.“
(ebenda)

Es
ist kaum möglich, die gegenwärtigen Probleme, die durch den heutigen Kurs der
historischen Krise des Kapitalismus gestellt werden, treffender zu beschreiben.
Es ist nicht unsere Aufgabe, auf die apokalyptische Depression zu warten,
sondern eine methodische Analyse der konstanten Zuspitzung der Krise zu
entwickeln und damit das Scheitern aller kapitalistischer Maßnahmen, die der
Kapitalismus als „Mittel zur Überwindung der Krise und als Weg zu besseren
Zeiten“ präsentiert, aufzuzeigen. All dies mit der Sorge um das Wesentliche:
die Entwicklung des Klassenkampfes und vor allem des Bewusstseins des
Proletariates, des Totengräbers der kapitalistischen Gesellschaft und
Handwerkers der Aktion der Menschheit zur Bildung einer neuen Gesellschaft.

Aus
diesem Grunde hat die Resolution des letzten Kongresses klargestellt, dass es
in der Entwicklung des Kapitalismus keinen „wirtschaftlichen Punkt gibt, wo
es „keine Rückkehr“ mehr geben kann, ab dem das System unwiderruflich dazu
verdammt wäre zu verschwinden. Genauso wenig gibt es irgendeine theoretisch
festgelegte Grenze des Schuldenbergs (die Hauptdroge des todkranken Kapitalismus),
die das System sich selbst setzen kann, ohne seine eigene Existenz zu
verunmöglichen. In der Realität hat der Kapitalismus seine ökonomischen Grenzen
mit dem Eintritt in die Phase seiner Dekadenz erreicht. Seitdem konnte der
Kapitalismus nur noch durch zunehmende Manipulationen an den Gesetzen des
Kapitalismus überleben: eine Aufgabe, die nur der Staat erfüllen kann.

In
Wirklichkeit sind die Grenzen des Kapitalismus politisch und nicht ökonomisch.
Der Ausgang der historischen Krise des Kapitalismus hängt von der Entwicklung
des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen ab:

entweder
kann das Proletariat seinen Kampf entfalten, bis es seine weltweite
revolutionäre Diktatur durchsetzen kann,

oder
der Kapitalismus stürzt die Menschheit durch seine ihm innewohnende Tendenz zum
Krieg in Barbarei und endgültige Zerstörung.“



1
Siehe dazu: Internationale
Revue
Nr. 25: „Wohin der Kapitalismus die Welt treibt“ und International
Review
Nr. 101 (engl./franz./span. Ausgabe): „Das barbarischste
Jahrhundert der Geschichte“
.

2
Im Rahmen
dieser Zusammenarbeit gegen die kleinen Gangster haben sich die Großen jedoch
eine wütende Schlacht zur Steigerung des jeweils eigenen Anteils an der
Weltwirtschaft geliefert.

3 „Die
kapitalistische Gesellschaft in der imperialistischen Epoche ist wie ein
Gebäude bei dem das Material für den Bau der oberen Stockwerke den unteren und
dem Fundament entnommen wurde. Je wilder die oberen Stöcke in die Höhe
schießen, desto schwächer werden die Fundamente, die das Gebäude stützen. Je
größer der Schein der Macht an der Spitze, desto zerbrechlicher ist das Gebäude
in Wirklichkeit.“
(Internationalisme Nr. 2, „Bericht über
die internationale Situation“
, Juli 1945)  
     

4 Diese runde Ziffer ist
eh falsch. In Realität handelt es sich um 33 Wachstumsmonate (8 Jahre und ein
Quartal). All die Kommentare über das „Aussergewöhnliche“ dieses
Wachstumszyklus unterschlagen bewusst, dass es in den 60er Jahren einen
längeren Zyklus (35 Trimester) gab.

5 Die Zahlen stammen
aus einem Artikel von Battaglia comunista über die „New Economy“: Prometeo
Nr. 1, 2000.

6 UNO-Bericht der
Wirtschaftskommission für Europa.

7 Das Gewicht der
Rüstungsausgaben in den USA drückt ebenfalls auf das kranke Wachstum. Diese
Ausgaben erreichten 1985 in der Epoche des sog. Kriegs der Sterne unter Reagan
den Höhepunkt mit 352‘000 Millionen Dollar und sind seit 1990 auf den Tiefstand
von 1997 mit 255‘000 Millionen Dollar gefallen. Seither ist ein neuer Anstieg
zu verzeichnen, 2000 erreichten die Ausgaben wieder 274‘000 Millionen Dollar
(Zahlen aus Révolution Internationale Nr. 305).

8 Die
Juniausgabe 2000 von Prometeo enthielt auch einen Artikel gegen den
Mythos der „Neuen Ökonomie“ und enthält wertvolle Argumente.

9Als Vergleichsgrundlage
dient ein solches Netz von Büros mit 100 Arbeitsplätzen und Computern ohne
permanente Verbindung.

10 Die
herrschende Klasse bietet demgegenüber andere Visionen an, diejenigen der
Bewegung von Prag und Seattle: Die Schuld wird einer bestimmten Form der
kapitalistischen Politik in die Schuhe geschoben (dem Liberalismus und der
Globalisierung), fordert einen „faireren Handel“, „Schuldenerlasse“ und
„radikale Proteste“. Sie fördert somit die Idee, dass der Kapitalismus gesund
sei, eine fortschrittliche Entwicklung stattfinden könnte und „Reformen“
möglich seien, wenn nur die „Irrtümer“ des IWF und der WTO und anderer
„Bösewichte“ korrigiert würden.

11 Vgl. unsere Serie ”30 Jahre offene Krise des
Kapitalismus”
in Internationale Revue Nr. 24-26

12 Quelle: London School of Economics, eine im Januar
1997 veröffentlichte Studie.

13 Diese Zahlen sind einem Buch von J. Gray mit dem Titel
Falso amanecer entnommen, welches eine Kritik an der Globalisierung sein
will.

14 Zahlen aus dem zitierten Artikel von Battaglia
comunista in Prometeo.

Politische Strömungen und Verweise: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: