Die Aufstände in den Vororten haben nichts mit dem Arbeiterkampf gemeinsam

Die IKS hält da, wo sie kann, Diskussionsveranstaltungen ab, die für all jene offen sind, die aufrichtig die Welt verändern wollen. Wir wollen, dass unsere Diskussionsveranstaltungen ein Ort brüderlicher Debatte sind, wo jeder Teilnehmer seine Fragen, Argumente und Analysen einbringen kann.
So hat die IKS in Frankreich letzten Oktober und November in Tours, Marseille, Nantes, Toulouse, Paris und Lyon Veranstaltungen zum Thema "Nur die proletarische Revolution kann der Menschheit eine Perspektive anbieten" durchgeführt. Selbstverständlich sind wir auf die aktuelle Lage der Aufstände, die ein zentrales und immer wiederkehrendes Anliegen aller Beteiligten war, auf  jeder dieser Diskussionsveranstaltungen zu sprechen gekommen: Wie soll man die verzweifelte  Gewalt der jungen Vorstadtbewohner beurteilen?
Die Diskussion in Toulouse spiegelte sehr gut die Fragen innerhalb der Arbeiterklasse zu diesen Aufständen wider. So kam zur Gefühlslage als Ausdruck der Solidarität gegenüber  ihrer eigenen Kindern  die Wut hinzu, mit ansehen zu müssen, wie der Nachbar angegriffen, sein Auto angezündet oder die Schule im Stadtviertel zerstört wurde.
Auf der Diskussionsveranstaltung am 19. November in Toulouse haben wir wie immer die Debatte mit einer kurzen Einleitung durch die Organisation eröffnet. In dieser Einleitung zeigten wir auf, weshalb die Arbeiterklasse die einzige Kraft in der Gesellschaft ist, die die Welt umwälzen und den  Kapitalismus weltweit überwinden kann.  Wir waren dabei auf die Frage der Aufstände eingegangen und hatten dabei mit Nachdruck unterstrichen, welche Verzweiflung hinter diesen Gewaltausbrüchen steckte.
Autos, Schulen, Busse, Sporthallen anzuzünden, all das ist reine Selbstzerstörung. Aus solchen Taten entstehen keine Perspektiven, keine Hoffnungen. In Unkenntnis darüber, wie sie kämpfen können, haben diese verzweifelten Jugendlichen ihre Eltern, ihre Nachbarn angegriffen. Diese Arbeiterkinder haben ungewollt ihre Wut gegen ihre eigene Klasse gerichtet. 

Die Aufständischen sind Arbeiterkinder

<<>>Die Teilnehmer reagierten sofort und heftig. Zahlreiche Teilnehmer kritisierten unsere Stellungnahme, die wir im Internet veröffentlicht hatten (diese wurde auch auf unserer deutschen Webseite und in der letzten Ausgabe von Weltrevolution veröffentlicht), und auf die sich unsere Einleitung stützte.>
Schon im ersten Redebeitrag äußerte ein Teilnehmer, dass er mit uns nicht einverstanden sei: "Der Text der IKS wirft für mich Probleme auf. Die Aufstände werden als eine Revolte für sich dargestellt. Der Text zeigt nicht genügend die Zusammenstöße zwischen den Klassen auf. Die Stellungnahme der IKS ist nicht ausreichend kämpferisch. Es fehlt an Solidarität  gegenüber den Jugendlichen. Man hätte die Absurdität des Kapitalismus aufzeigen müssen und nicht von den Jugendlichen der benachteiligten Viertel sprechen müssen [...] Die Stellungnahme sagt nichts zur Frage der Klassenidentität. Wie die IKP/Le Prolétaire in ihrem Flugblatt schreibt, gehören diese Jugendlichen - ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht - der Arbeiterklasse an. Wo steht die Arbeiterklasse gegenüber dieser Revolte der Jugendlichen? Gegenüber dieser  sozialen Ausgrenzung muss man den Kampf der Jugendlichen mit dem Proletariat verbinden." Anknüpfend an diesen Redebeitrag, meinte ein Jugendlicher, der in Kontakt mit unserer Organisation steht und in einem Diskussionszirkel in der "ville rose" (rosa Stadt), als die Toulouse bekannt ist, mitwirkt, "Ich wohne in einem Vorort; aus meiner Sicht haben diese Jugendlichen sicherlich kein Klassenbewusstsein, sie haben nicht mal eine Ahnung davon, was eine Klasse ist. Dennoch sind diese Gewalthandlungen sind gegen den Kapitalismus gerichtet. Sie sind eine Revolte gegen das System (...)." Und ein dritter Teilnehmer brachte die gleiche Idee in dieser ersten Runde von Wortmeldungen zum Ausdruck: "Im Stadtviertel Mirail sind mindestens 50% der Jugendlichen arbeitslos. Sie finden keine Arbeit oder zumindest nur kleine Jobs. (...) Man hätte nicht so sehr die Schwächen dieser Auseinandersetzungen hervorheben, sondern die Perspektive des Proletariats hervorheben müssen(...)."
Diese Reaktionen überraschen uns nicht. Im Gegenteil. Das von den Kindern unserer Klasse erlittene Unrecht und die zynische Ausschlachtung durch die Bourgeoisie liefern zum Teil eine Erklärung für diese deutliche Tendenz unter den Teilnehmern, zunächst einmal  Solidarität gegenüber den "Ausgegrenzten" zu üben. Die spektakulären Gewaltausbrüche in den Städten haben die unerträglichen Lebensbedingungen eines Großteils der Arbeiterjugend ans Licht  gebracht. Im Gegensatz zur Kritik an unserer Stellungnahme, derzufolge es an "Solidarität gegenüber den Lebensbedingungen dieser Jugendliche" fehlte, hatten wir in dieser Stellungnahme klar unterstrichen: "
"Wenn die Jugendlichen aus den Vorstädten mit völlig absurden Methoden rebellieren, so liegt dies daran, dass sie sich in einer tiefen Verzweiflung befinden. Sie fühlen es jeden Tag in ihren Bäuchen, wegen der Arbeitslosigkeit, wegen der Diskriminierung und Geringschätzung, mit der sie behandelt werden." 

Diese Aufstände sind dem Kampf der Arbeiterklasse fremd

Kann man aber so weit gehen, wie es diese Teilnehmer taten, und behaupten, dass diese "Gewalthandlungen sich gegen den Kapitalismus richten" und "es sich um eine Revolte gegen das System" handelt? Was musste man den Arbeitern sagen? Hätte  man die totale Absurdität des Zerstörens um des Zerstörens willen verschweigen sollen? Die Augen davor verschließen sollen, wer die ersten Opfer dieser Gewalttaten sind?
Natürlich nicht. Die Arbeiter haben am eigenen Leib die Folgen  dieser Aufstände zu spüren bekommen. Wie es ein Teilnehmer deutlich formulierte: "(...) Einige Teilnehmer haben hier das Zerstören von Autos in ihren Redebeiträgen heruntergespielt. Ich aber möchte betonen, dass ich hoffe, mein Auto wird nicht angesteckt, weil ich wie all die anderen Arbeiter mein Auto brauche, um zur Arbeit zu fahren." Die Unterstützung für die Aufständischen, aber auch die Unterschätzung des nihilistischen Aspektes dieser Ereignisse blieben also durchaus nicht ohne Widerspruch. Die Diskussionsteilnehmer antworteten sich gegenseitig, und die Debatte nahm einen sehr dynamischen Verlauf. "Ich bin nicht damit einverstanden, was einige Teilnehmer zu den Aufständen gesagt haben. Es handelt sich sicher um eine Revolte gegen den bürgerlichen Staat, aber sie bietet keine Zukunft. Man kann sich nicht gegenüber denjenigen, die die Autos der Nachbarn, der Arbeiter verbrennen, solidarisch zeigen. Man kann sie verstehen, da sie ausgegrenzt sind; die kapitalistische Gesellschaft hat ihnen nichts mehr zu bieten. Es gibt eine allgemeine Unzufriedenheit. Aber deshalb darf man noch lange nicht mit dieser Gewalt einverstanden sein. Sie kämpfen schon seit Jahren mit Arbeitslosigkeit und der Armut. Dieser Teil der Klasse ist sehr heftig angegriffen worden. Das stimmt. Aber diese Gewalthandlungen sind kein Grund, sich auf ihre Seite zu stellen. All das hat nichts mit dem Arbeiterkampf gemeinsam."
Diese Gewaltausbrüche richten sich in der Tat gegen die Interessen der Arbeiterklasse. Sie verbreiten Angst, führen zum Rückzug und zu Spaltungen in ihren Reihen. Die Bourgeoisie hatte das sehr wohl verstanden. Sie hat gekonnt eine Angstpropaganda verbreitet, um die Verstärkung ihres Unterdrückungsapparates zu rechtfertigen. Diese Aufstände haben das Bewusstsein der Arbeiter nicht vorangetrieben. Sie haben im Gegenteil einen fruchtbaren Boden für die bürgerliche Ideologie geschaffen. Die herrschende Klasse hat diesen verzweifelten Teil der Jugendlichen instrumentalisiert, um ihre Sicherheitsmaßnahmen zu verstärken und die polizeiliche Überwachung dieser Viertel zu intensivieren. Vor allem konnte sie so vorübergehend den Bankrott ihres Systems vertuschen, indem sie den "Abschaum" und die Einwanderer als die Ursache allen Übels bezeichnete. Wenn die Arbeiterklasse sich mit den Opfern des Kapitalismus solidarisch zeigt und somit auf der Seite der verzweifelten Jugendlichen steht, heißt dies keineswegs, dass wir diese Art von Revolte begrüßen, denn sie stehen in völligem Gegensatz zu den Bedürfnissen des Proletariats. Diese Krawalle sind nicht im mindesten Bestandteil des Arbeiterkampfes. 

Nur die Arbeiterklasse kann der Menschheit eine Perspektive bieten

Entgegen der Auffassung der IKP/Prolétaire  dürfen wir nicht zu solchen Gewaltausbrüchen ermuntern. Die  Äußerungen dieser "Partei" waren zweideutig und falsch. So veröffentlichte die IKP/Prolétaire ein Flugblatt mit dem reißerischen Titel: "Die Revolte der Vorstädte kündigt die Wiederaufnahme des revolutionären proletarischen Kampfes an": Und die Unterstützung solcher Revolten wird am Ende des Textes noch deutlicher: "Es lebe die Revolte der jungen Arbeiter der Vorstädte gegen ihr Elend, gegen den Rassismus und die Unterdrückung". Wie kann man behaupten, dass solche, auch gegen Arbeiter gerichtete Gewaltausbrüche "die Wiederaufnahme des Klassenkampfes" ankündigen? Hier lässt sich die IKP ganz einfach durch den spektakulären Charakter der Revolte irreführen und verliert aus den Augen, was der Klassenkampf wirklich ist und was den Inhalt und die Form des Arbeiterkampfes ausmacht.  In ihren Kämpfen strebt die Arbeiterklasse stets zur Vereinigung und zum Zusammenschluss. Die Arbeiterklasse kämpft um ihre Einheit und ihre Solidarität. Die Revolten stellen jedoch das Gegenteil dar. Sie bieten keine andere Perspektive als Zerstörung und Selbstzerstörung.
Der IKP zufolge setzen diese Jugendlichen eine neue Dynamik in der Arbeiterklasse, die zur Zeit eine amorphe Masse sei, in Gang. Genau das Gegenteil ist der Fall. Das Proletariat hat längst begonnen, den Weg des Klassenkampfes wieder einzuschlagen. Seit den Streiks im Frühjahr 2003 in Frankreich hat die Arbeiterklasse in etlichen Kämpfen ihre Kampfbereitschaft und ihre Tendenz zur Solidarität unter Beweis gestellt. Diese Krawalle jedoch sind  keine Kraft, die diese Tendenz beschleunigen, sondern  stellen eine Fessel für die Weiterentwicklung des Klassenkampfes dar. 
Ja, diese jugendlichen Aufständischen sind Opfer des kapitalistischen Systems. Ja, sie sind ein Teil der Arbeiterklasse, der besonders unter dem System leidet. Aber wie können wir unsere Solidarität gegenüber den Arbeiterkindern zum Ausdruck bringen? Bestimmt nicht, indem wir Illusionen verbreiten und vorbehaltlos  ihrem Aufschrei der Verzweiflung beipflichten. Die Arbeiterklasse darf den Jugendlichen auf ihrem selbstzerstörerischen Weg nicht folgen; sie muss sie im Gegenteil auf ihre Seite ziehen, sie hinter sich scharen. Sie hat die Verantwortung und die Mittel dazu, um den Jugendlichen eine Perspektive zu bieten. Wie wir in unserer Stellungnahme schrieben :
"Weil die Arbeiterklasse bis heute nicht die Stärke hatte, diese Perspektive durch die Entwicklung und Ausweitung ihrer Kämpfe zu bekräftigen, sind viele ihrer Kinder der Verzweiflung anheimgefallen, drücken ihr Aufbegehren auf absurde Weise aus oder suchen Zuflucht in den Wundern der Religion, die ihnen das Paradies nach dem Tod verspricht. Die einzig wahre Lösung der "Krise der enterbten Wohngegenden" ist die Weiterentwicklung des proletarischen Kampfes bis zur Revolution. Allein dieser Kampf kann der ganzen Revolte der jungen Generation eine Bedeutung und eine Perspektive verleihen." 

Eine brüderliche Debatte

Einer Tradition folgend schließen wir unsere Diskussionsveranstaltungen mit einer Schlussrunde ab, in der jeder Teilnehmer sich zum Verlauf und Inhalt der Diskussion äußern kann. Hier kann man kundtun, ob man weiterhin mit bestimmten Punkten nicht einverstanden ist, oder Fragen aufwerfen, die in der Diskussion  nicht beantwortet waren oder  in einer späteren Diskussion aufgegriffen werden sollten.
Allgemein äußerten sich die Teilnehmer zufrieden über diese Diskussion; es war ein wirkliches Interesse an diesem Thema zu spüren.
Auch die Teilnehmer, die ihre Differenzen geäußert hatten, begrüßten  die Debatte. Zwei dieser Teilnehmer bedauerten jedoch, dass die IKS in den Stadtteilen und im Rest der Arbeiterklasse nicht mit einem Flugblatt interveniert sei. Diese letzte Bemerkung zeigte, dass gewisse Differenzen auch über das Ende der Diskussion hinaus weiter bestehen blieben.
Wir verfolgen mit  unseren Diskussionsveranstaltungen nicht unbedingt das Ziel, unsere Positionen erschöpfend zu behandeln, könnte dies doch zu einem Ende der Debatten führen. Im Gegenteil, die reiche und dynamische Debatte in Toulouse hat mehr Fragen aufgeworfen als Antworten geliefert. So haben wir den grundlegenden Unterschied zwischen der zerstörerischen Gewalt dieser Aufstände und der schöpferischen Gewalt der Arbeiterklasse, die für die Überwindung des kapitalistischen Systems unabdingbar ist, nur am Rande gestreift. Das Thema ist also bei weitem nicht erschöpfend behandelt worden.
Wir wollen hier mit einem Auszug aus einem Brief abschließen, den uns ein junger Kontakt geschickt hat, der zum ersten Mal zu einer Diskussionsveranstaltung der IKS gekommen war und den brüderlichen Geist der Debatte begrüßte. "Ich schätze ganz besonders die Art und Weise der Durchführung der Debatte (ich hatte vorher kaum Gelegenheit dazu gehabt, so etwas in meinem Berufs- oder Privatleben zu erleben), denn so wurde ermöglicht, dass man zuhörte und herauszufinden versuchte, was jeder meinte. Man war bestrebt, auf die Anliegen der Teilnehmer einzugehen, wobei man gleichzeitig nicht die im Raum stehenden Fragen und die Notwendigkeit vergaß, diese zu klären und darauf zu antworten. Diese Ereignisse (die Gewaltausbrüche in den Städten) erscheinen wegen ihrer fehlenden Ziele und ihrer Mittel absurd; sie sind kein Teil einer Logik des Klassenkampfes, aber die Ereignisse haben viele Fragen unter den Teilnehmern aufgeworfen, mit denen man sich befassen musste. Die IKS hat da richtig gehandelt. Diese Ereignisse sind kein Teil einer revolutionären Logik (und selbst auf der Ebene einer Revolte sind diese Ereignisse in Anbetracht der Zielobjekte der Gewaltausbrüche kaum nachzuvollziehen), aber es war nötig sie zu analysieren, um sie einzuordnen und die Beteiligten an den Ereignissen einzuschätzen, um dann die Frage der proletarischen Organisation mit einer revolutionären Perspektive zu stellen, die gegenwärtigen ‚Indizien' des Klassenkampfes zu sehen,  die notwendige Vorbedingungen für die Revolution sind."

Pawel, 15.12.05