Der Kommunismus ist nicht nur eine schöne Idee, sondern eine Notwendigkeit: Die Debabtte um die "proletarische Kultur"

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Die Debatte über die „proletarische Kultur“

Die vorangegangenen Artikel dieser Reihe untersuchten, wie die kommunistische Bewegung in den 20er, 30er und 40er Jahren, den dunkelsten Jahren der Konterrevolution, darum gekämpft haben zu begreifen, was aus der ersten proletarischen Diktatur, die sich in den Grenzen eines Landes etabliert hatte, geworden war – die Sowjetmacht in Russland. Künftige Abhandlungen werden einen Blick auf die Lehren werfen, die die Revolutionäre aus dem Hinscheiden dieser Diktatur gezogen und auf ein künftiges proletarisches Regime angewendet haben. Doch bevor wir diese Richtung weiter verfolgen, müssen wir zu jenen Tagen zurückkehren, als die Russische Revolution noch am Leben war, um einen Schlüsselaspekt der kommunistischen Umwandlung zu studieren, der während dieser entscheidenden Periode aufgekommen war, wenn auch nicht gelöst wurde. Wir meinen hier die Frage der „Kultur“.

Wir tun dies nicht ohne ein gewisses Zögern, weil dieses Thema so weitläufig ist und der Begriff Kultur so oft missbraucht wird. Dies trifft vor allem auf dieses Zeitalter der Zersplitterung zu, das wir als den Zerfall des Kapitalismus bezeichnen. In früheren Phasen des Kapitalismus wurde die „Kultur“, das ist wahr,  allgemein mit der „Hochkultur“ identifiziert, mit den künstlerischen Produkten der herrschenden Klasse; eine Sichtweise, die all ihre „marginalisierten“ Ausdrücke ignoriert oder über sie hinweggeht (so sei zum Beispiel auf die klassische bürgerliche Verachtung gegenüber den kulturellen Ausdrücken von eroberten primitiven Gesellschaften hingewiesen). Heute wird uns dagegen erzählt, dass wir in einer „multikulturellen“ Welt leben, wo sämtliche kulturellen Ausdrücke gleichermaßen gültig sind und wo praktisch jeder Teilaspekt des gesellschaftlichen Lebens selbst zur „Kultur“ wird (die „Kultur der Gewalt“, die „Kultur der Raffgier“, die „Kultur der Abhängigkeiten“ usw. usw.) Solche Vereinfachungen machen es unmöglich, zu einem allgemeinen, einheitlichen Begriff der Kultur als Produkt sämtlicher Epochen der menschlichen Geschichte bzw. der menschlichen Geschichte als Ganzes zu gelangen. Ein besonders schädlicher Missbrauch dieser Haltung zur Kultur wird im aktuellen imperialistischen Konflikt in Afghanistan ersichtlich: Wir werden aufgefordert, dies als einen Konflikt zwischen Kulturen, zwischen Zivilisationen – noch genauer: zwischen der „westlichen Zivilisation“ und der „muslimischen Gesellschaft“ – anzusehen. Dies ist zweifellos eine Frage, die sich dazu eignet, den wahren Kern zu verschleiern: dass es nur eine Zivilisation auf dem Planeten gibt, die dekadente Zivilisation des Weltkapitals.

Im Gegensatz dazu definierte Trotzki im Vertrauen auf die monistische Herangehensweise des Marxismus die Kultur folgendermaßen: „Erinnern wir uns daran, dass„Kultur“ ursprünglich ein gepflügtes, bestelltes Feld im Unterschied zum Urwald und noch ungenutzten Boden bedeutete. Kultur stand im Gegensatz zur Natur, das heisst, man unterschied zwischen dem, was der Mensch durch seine Anstrengungen erwarb, und dem, was die Natur ihm schenkte. Diese Antithese ist auch heute noch von grunglegender Bedeutung.

Kultur ist alles, was vom Menschen im Laufe seiner gesamten Geschichte geschaffen, gebaut, gelernt und erobert wurde; ihr stehen die Gaben der Natur, einschliesslich der Naturgeschichte des Menschen selbst als einer Tierart, gegenüber. Die Wissenschaft, die den Menschen als ein Erzeugnis der tierischen Entwicklung erforscht, wird (biologisch) Anthropologie genannt. Doch von dem Augenblick an, in dem der Mensch sich vom Tierreich trennte – und das geschah, als er zum ersten Mal primitive Werkzueuge aus Stein und Holz ergriff und seine Glieder mit ihnen bewehrte -, begann die Schöpfung und Anhäufung von Kultur, das heisst aller Arten von Kenntnissen und Fertigkeiten im Kampf mit der Natur und zum Zweck ihrer Unterwerfung.“ (Trotzki, Kultur und Sozialismus, 1926). Dies ist in der Tat eine sehr weitgefasste Definition – eine Verteidigung der materialistischen Ansicht, dass die Entstehung des Menschen und damit die Entwicklung von der Natur zur Kultur ein Produkt sind, das so grundlegend und universal ist wie die Arbeit.

Es bleibt jedoch das Problem, dass nach dieser Definition Politik und Wirtschaft in ihrem weitesten Sinn selbst Ausdrücke der menschlichen Kultur sind und wir Gefahr laufen, den Blick dafür, worüber wir reden, zu verlieren. Jedoch hebt Trotzki in einem anderen Essay, „Der Mensch lebt nicht nur von der Politik“, hervor, dass, um das reale Verhältnis zwischen Politik und Kultur zu verstehen, es notwendig sei, neben der weitestmöglichen Definition eine „enger gefasste“ Definition der politischen Sphäre zu schaffen, „die einen bestimten Teil der sozialen Aktivitäten charakterisiert, direckt verbunden mit dem Kampf um die Macht, und entgegengesetzt der ökonomischen und kulturellen Arbeit.“Wir können ohne weiteres dasselbe über den Begriff der Kultur sagen, den swir in diesem Zusammenhang zum großen Teil auf Bereiche wie die Kunst, die Erziehung und die „Alltagsprobleme“ (der Titel einer Sammlung von Abhandlungen, die die beiden o.g. Artikel enthält) anwenden werden. Von dieser Warte aus betrachtet, erscheinen die kulturellen Aspekte der Revolution zweitrangig oder zumindest abhängig von den politischen und ökonomischen Sphären. Und dies ist in der Tat der Fall: Wie Trotzki in dem Text, den wir in dieser Ausgabe wiederveröffentlichen, zeigt, ist es närrisch, eine wirkliche kulturelle Renaissance zu erwarten, solange die Bourgeoisie noch nicht besiegt worden ist und die materiellen Grundlagen einer sozialistischen Gesellschaft noch nicht gebildet worden sind. Genauso stellt Letztere, auch wenn wir das Problem der Kultur weiterhin auf das Reich der „Kunst“ einengen, die tiefsten Fragen über die Natur der Gesellschaft, die die Revolution zu bilden beabsichtigt. Es ist zum Beispiel kein Zufall, dass Trotzkis ausgefeiltester Beitrag zur marxistischen Theorie der Kunst, „Literatur und Revolution“, mit einer ausführlichen Vision über die Natur des Menschen in einer fortgeschrittenen kommunistischen Gesellschaft schließt. Denn wenn Kunst der Ausdruck der menschlichen Kreativität par excellence ist, dann verschafft sie uns einen unersetzlichen Schlüssel zum Verständnis darüber, wie die menschliche Gattung sein wird, wenn sie einmal die Ketten der Klassenausbeutung endgültig gebrochen hat.

Um uns selbst in diesem riesigen Bereich zu orientieren, beabsichtigen wir, uns eng an Trotzkis Schriften über diese Angelegenheit zu halten, die zwar nicht so bekannt sind, aber mit Sicherheit den klarsten Rahmen zu schaffen, um die Vorgehensweise bei diesem Problem herzuleiten.[i] Und ehe wir mit eigenen Worten formulieren, was Trotzki selbst bereits gesagt hatte, wollen wir lange Auszüge aus zwei Kapiteln von Literatur und Revolution wiederveröffentlichen. Das zweite dieser Kapitel konzentriert sich auf sein anregendes Porträt einer zukünftigen Gesellschaft. In dieser Internationalen Revue veröffentlichen wir einen Auszug aus dem ersten dieser Kapitel mit dem Titel „Was ist proletarische Kultur und ist sie möglich“, das eine besonders wichtige Komponente in Trotzkis Beitrag zur Debatte über die Kultur innerhalb der bolschewistischen Partei und der revolutionären Bewegung in Russland ist. Um diesen Beitrag richtig einzuschätzen, ist es notwendig, seinen historischen Hintergrund zu beschreiben.

Die Debatte über die „proletarischKultur“ im revolutionären Rusland

Die Tatsache, dass die Kulturdebatte keinesfalls zweitrangig war, wird durch die Tatsache veranschaulicht, dass sie Lenin dazu veranlasste, die folgende Resolution zu entwerfen, die auf dem Proletkult-Kongress 1920 von der kommunistischen Fraktion vorgestellt wurde:

1. In der Sowjetrepublik der Arbeiter und Bauern muss das gesamte Bildungswesen, sowohl auf dem Gebiet der politischen Bildung im allgemeinen als auch auf dem Gebiet der Kunst im besonderen, vom Geist des Klassenkampfes durchdrungen sein, den das Proletariat zur Verwirklichung der Ziele seiner Diktatur führt, d. h. für den Sturz der Bourgeoisie, für die Aufhebung der Klassen, für die Abschaffung jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den menschen.

2. Deshalb muss das Proletariat sowohl durch seine Vorhut, die Kommunistische Partei, als auch durch die ganze Masse der verschiedenen proletarischen Organisationen überhaupt als aktivste und ausschlaggebende Kraft an der gesamten Volksbildung mitwirken.

3. Die ganze Erfahrung der neueren Geschichte und insbesondere der über ein halbes Jahrhundert währende revolutionäre Kampf des Proletariats aller Länder seit dem Erscheinen des „Kommunistischen Manifests“ haben unwiderleglich bewiesen, dass nur die Weltanschauung des Marxismus die Interessen, die Auffassungen und die Kultur des revolutionären Proletariats richtig zum Ausdruck bringt

4. Der Marxismus hat seine weltgeschichtliche Bedeutung als Ideologie des revolutionären Proletariats dadurch erlangt, dass er die wertvollsten Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters keineswegs ablehnt, sondern sich umgekehrt alles, was in der mehr als zweitausendjährigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur wertvoll war, angeeignet und es verarbeitet. Nur die weitere Arbeit auf dieser Grundlage und in dieser Richtung, inspiriert durch die praktische Erfahrung der Diktatur des Proletariats, dieses seines letzten Kampfes gegen jegliche Ausbeutung, kann als Aufbau einer wirklichen Kultur anerkannt werden.

5. Der gesamtrussische Kongress des Proletkult, der diesen prinzipiellen Standpunkt unwandelbar vetritt, weist alle Versuche, eine eigene, besondere Kultur auszuklügeln, sich in eigenen, abgesonderten Organisationen abzukapseln, die Arbeitsgebiete des Volkskommisariats für Bildungswesen und des Proletkults voneinander abzugrenzen oder eine „Autonomie„ des Proletkults innerhalb der Institutionen des Volkskommissariats für Bildungswesen herzustellen usw., als theoretisch falsch und praktisch schädlich aufs entschiedenste zurück. Der Kongress macht es im Gegenteil allen Organisationen des Proletkults zur unabdingbaren Pflicht, sich alsHilfsorgane des Volkskommissariats für Bildungswesen zu betrachten und ihre Aufgaben, die einen Teil der Aufgaben der Diktatur des Proletariats bilden, unter der allgemeinen Leitung der Sowjetmacht (Insbesondere des Volkskommissariats für Bildungswesen) und der Kommunistischen Partei Russlands zu lösen.“ (Lenin, Resolutionsentwurf, Bd. 31, S. 307)   

Die Bewegung der proletarischen Kultur, kurz: Proletkult, war 1917 mit der Absicht gebildet worden, eine politische Orientierung für die kulturelle Dimension der Revolution zu schaffen. Sie wird häufig mit Alexander Bogdanow in Verbindung gebracht, der ein Mitglied der bolschewistischen Fraktion in in ihren ersten Jahren gewesen war, aber mit Lenin über eine Reihe von Themen aneinander geraten war, und zwar nicht nur über die Bildung der Ultimatistischen[ii] Gruppe nach 1905, sondern auch, was viel bekannter ist, über Bogdanows Verarbeitung der Ideen Machs und Avenarius im Reich der Philosophie und, etwas allgemeiner, über seine Bemühungen, den Marxismus mit vielfältigen theoretischen Systemen wie sein Begriff der „Strukturlehre“ zu vervollständigen. Wir können hier nicht auf jedes Detail im Denken Bogdanows eingehen; nach dem bisschen, was wir darüber wissen (nur bestimmte Arbeiten sind aus dem Russischen übersetzt worden), war er trotz seiner Mängel in der Lage, einige wichtige Einsichten zu entwickeln – insbesondere über die Frage des Staatskapitalismus in der Epoche des kapitalistischen Niedergangs. Genau aus diesem Grund verlangen seine Ideen eine viel ausführlichere Kritik, und zwar von einem deutlich proletarischen Standpunkt aus.[iii] Proletkult war jedoch keineswegs auf Bogdanow begrenzt; Bucharin und Lunascharski, um nur die beiden führenden Bolschewiki zu nennen, waren ebenfalls mit der Organisation verbunden und teilten nicht immer Lenins Standpunkt über sie. Bucharin z.B., dem es oblag, die Resolution auf dem Proletkult- Kongress zu präsentieren, beanstandete bestimmte Elemente in Lenins Resolutionsentwurf, die daraufhin in einer etwas modifizierten Form präsentiert wurde.

Proletkult blühte während der heroischen Phase der Revolution auf, als die Entfesselung der revolutionären Energien einer riesigen Welle von Ausdrücken und des Experimentierens an der Künstlerfront Auftrieb gab, wobei viele von ihnen sich ausdrücklich mit der Revolution identifizierten. Darüber hinaus beschränkte sich das Phänomen nicht auf Russland, wie die Entwicklung von Bewegungen wie den Dadaismus und den Expressionismus in Deutschland oder etwas später den Surrealismus in Frankreich und anderswo bezeugte. In den Jahren zwischen 1917 und 1920 schnellte die Mitgliederzahl des Proletkults auf ungefähr eine halbe Million hoch, mit über 30 Zeitschriften und ungefähr 300 Gruppen. Für Proletkult war der Kampf an der kulturellen Front genauso wichtig wie der Kampf an der politischen und ökonomischen Front. Er sah sich selbst als führende Kraft im Kulturkampf, während die Partei den politischen Kampf und die Gewerkschaften den wirtschaftlichen Kampf anführten. Er schuf zahlreiche Studios, damit Arbeiter zusammenkommen und sich an Experimenten in Malerei, Musik, im Drama, in der Poesie und in anderen Kunstbereichen beteiligen konnten und gleichzeitig zu neuen Formen des Gemeinschaftslebens, der Erziehung und so weiter ermutigt wurden. Es sollte betont werden, dass die Explosion des gesellschaftlichen und kulturellen Experimentierens in Russland während dieser Periode sich viel weiter erstreckte als der Proletkult selbst und unter anderem Namen auftrat. Doch die Bedeutung der Diskussionen im Proletkult damals und heute liegt darin, dass er versuchte, diese Phänomene innerhalb einer marxistischen Interpretation festzulegen. Die sich dahinter verbergende Leitidee war, wie der Name andeutet, dass das Proletariat, wenn es sich vom Joch der bürgerlichen Ideologie befreien sollte, seine eigene Kultur entwickeln musste, die auf einem radikalen Bruch mit der hierachischen Kultur der alten herrschenden Klasse basierte. Proletarische Kultur würde egalitär und kollektiv sein, während bürgerliche Kultur elitär und individualistisch ist; so wurden z.B. Experimente mit Orchestern ohne Dirigenten und mit kollektiv geschaffenen Gedichten und Gemälden unternommen. Zusammen mit der futuristischen Bewegung, mit der Proletkult eine enge, aber manchmal auch kritische Beziehung unterhielt, gab es eine starke Neigung, alles zu erhöhen, das modern, urban und Maschinen gestützt war, im Gegensatz zu den ländlichen Vorlieben für das Mittelalter, die bis dahin die russische Kultur dominiert hatten.

Die Kulturdebatte wurde zu einer brennenden Frage in der Partei, nachdem der Bürgerkrieg siegreich beendet worden war. Es war dieser Punkt, an dem Lenin begann, die Bedeutung des Kulturkampfes zu betonen: „...und zugleich müssen wir zugeben, dass sich unsere Auffassung vom Sozialismus grundlegend geändert hat. Diese grundlegende Änderung besteht darin, dass wir früher das Schwergewicht auf den politischen Kampf, die Revolution, die Eroberung der Macht usw. legten und auch legen mussten. Heute dagegen ändert sich das Schwergewicht soweit, dass es auf die friedliche organisatorische ‚Kultur‘arbeit verlegt wird. Ich würde sagen, dass sich das Schwergewicht für uns auf blosse Kulturarbeit verschiebt, gäbe es nicht die internationalen Beziehungen, hätten wir nicht die Pflicht, für unsere Position in internationalem Masstab zu kämpfen. Wenn man aber davon absieht und sich auf die inneren ökonomischen Verhältnisse beschränkt, so reduziert sich bei uns jetzt das Schwergewicht der Arbeit tatsächlich auf blosse Kulturarbeit.“ (LW, Bd. 33, Seite 460)

Doch für Lenin hatte dieser Kulturkampf eine andere Bedeutung als für Proletkult, da er mit dem Wechsel von der Periode des Bürgerkriegs zur Wiederaufbauperiode der NEP verbunden war. Für Lenin bestand das Problem, dem sich die Sowjetmacht gegenübersah, nicht in der Schaffung einer neuen proletarischen Kultur: Diese erschien ihm in Anbetracht der internationalen Isolation des russischen Staates und der fürchterlichen kulturellen Rückständigkeit der russischen Gesellschaft (Unwissenheit, Vorherrschaft von Religionen und „asiatischer“ Gebräuche, etc.) völlig utopisch. Für Lenin mussten die russischen Massen erst das Laufen lernen, bevor sie rennen konnten, was bedeutete, dass sie noch nicht den Schritt zur Verinnerlichung der wichtigsten Errungenschaften der bürgerlichen Kultur gemacht, geschweige denn eine proletarische geschaffen hatten. Diese Vorgehensweise entsprach der Forderung, dass das Sowjetregime zu lernen habe, wie man Handel treibt: Mit anderen Worten, es sollte von den Kapitalisten lernen, um in einer kapitalistischen Umgebung zu überleben. Gleichzeitig war Lenin in wachsendem Maße darüber besorgt, dass das Wachstum der Bürokratie ein direktes Resultat der kulturellen Rückständigkeit Russlands war: Der Kampf für kulturellen Fortschritt war also auch ein Bestandteil des Kampfes gegen die wachsende Bürokratie. Aus diesem Grund konnte nur ein gebildetes und kulturelles Proletariat das staatliche Management in die eigenen Hände nehmen. Gleichzeitig wurde die neue Bürokratenschicht größtenteils als ein Auswuchs des bäuerlichen Konservatismus in Russland und des Mangels an moderner Kultur betrachtet.

Die auf dem Proletkult-Kongress vorgebrachte Resolution schien, obgleich sie vor der Annahme der NEP (Neue ökonomische Politik) verfasst worden war, diesen Sorgen Rechnung zu tragen. Ihr stärkster Punkt war, dass sie darauf beharrte, dass der Marxismus die kulturellen Errungenschaften der Vergangenheit keinesfalls ablehnte, sondern tatsächlich all das Gute aus ihnen verinnerlichte. Dies war eine klare Zurückweisung des „Ikonologismus“ von Proletkult, seiner Tendenz, alle vorherigen kulturellen Entwicklungen zu leugnen. Auch wenn Bogdanow selbst sich dieser Frage differenzierter annäherte, so gibt es doch keinen Zweifel, dass die immediatistische und ouvrieristische Haltung in Proletkult weit verbreitet war. Auf seiner ersten Konferenz wurde z.B. die Ansicht ausgedrückt, dass „alle Kultur der Vergangenheit als bürgerlich bezeichnet werden kann, dass dabei – ausser den Naturwissenschaften und technischen Kenntnissen (...) nichts lohnendes zu retten sei, und dass das Proletariat seine Arbeit mit der Zerstörung der alten Kultur beginnen und unmittelbar nach der Revolution mit dem Aufbau einer neuen fortfahren soll“ (aus: „Revolutionary Dreams: Utopian Vision and Experimental Life in the Russian Revolution“ von Richard Stites 1989 – eine sehr sorgfältige Untersuchung der zahlreichen kulturellen Experimente in den frühen Jahren der Revolution). In Tambow planten 1919 „die lokalen Anhänger des Proletkult alle Bücher in den Bibliotheken zu verbrennen und glaubten, dass mit dem beginnenden neuen Jahr die Regale nur noch mit proletarischen Werken aufgefüllt würden.“ (ebenda).

Entgegen dieser vergangenheitsbezogenen Sichtweise beharrte Trotzki in „Literatur und Revolution“ darauf, „...dass wir Marxisten immer mit der Tradition gelebt haben und dass wir gerade deshalb Revolutionäre geworden sind“. Die Überhöhung des Proletariats, wie es zu einem beliebigen Zeitpunkt ist, war nie die Haltung der Marxisten gewesen, die das Proletariat in seiner historischen Dimension betrachten, welche die entfernteste Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, wenn das Proletariat sich in der menschlichen Gemeinschaft auflösen wird, umschließt. Mittels sprachlicher Ironie wurde aus Proletkult oft „ein Kult des Proletariats“, der nur äußerlich radikal ist und leicht eingeholt werden kann vom Opportunismus, welcher auf einer beschränkten und unmittelbaren Vision der Klasse aufblüht. Derselbe Ouvrierismus fand seinen Ausdruck in der Neigung Proletkults zu behaupten, dass die proletarische Kultur nur das Produkt der Industriearbeiter sein könne. Doch wie Trotzki in Literatur und Revolution feststellte, waren die besten Künstler nicht notwendigerweise Arbeiter; die gesellschaftliche Dialektik, welche die radikalsten Kunstwerke herstellt, ist weitaus komplexer als die reduktionistische Ansicht, dass sie von den individuellen Mitgliedern der revolutionären Klasse kommen müsse. Dasselbe, wollen wir hinzufügen, trifft auf das Verhältnis zwischen der sozialen und politischen Revolution des Proletariats einerseits und neuen künstlerischen Durchbrüchen zu: Es gibt eine grundlegende Verbindung zwischen beiden, aber sie ist weder mechanisch noch national. Zum Beispiel: Während Proletkult versuchte, eine neue, „proletarische“ Musik in Russland zu kreieren, fand mit dem Durchbruch des Jazz eine der durchschlagendsten Entwicklungen in zeitgenössischer Musik im kapitalistischen Amerika statt.

Lenins Resolution drückte auch seinen unversöhnlichen Gegensatz zur Neigung von Proletkult aus, sich selbst auf autonome Weise, fast wie eine eigene Partei, mit Kongressen, einem Zentralkomitee und so weiter, zu organisieren. Und in der Tat schien diese Organisationsweise auf einer realen Verwechslung zwischen politischer und kultureller Sphäre zu beruhen, eine Tendenz, die beiden zu verschmelzen, und, im Falle Bogdanows, gar eine Versuchung, die kulturelle Sphäre als die wichtigere anzusehen.

Wir sollten dabei allerdings immer kritisch im Auge behalten, dass es sich hier um jene Periode handelte, in der Lenin sich feindlich gegen jede Form des Dissidententums in der Partei wandte. Wie wir in früheren Artikeln dieser Reihe bemerkt hatten, wurden 1921 die „Fraktionen“ verbannt, und linke Gruppen und Strömungen innerhalb der Partei gerieten ins volle Feuer, das 1923 in der physischen Repression gegen linkskommunistische Gruppen kulminierte. Und einer der Gründe für Lenins unüberbrückbaren Gegensatz zu Proletkult bestand darin, dass Letztere dazu neigte, zu einer Anlaufstelle für gewisse Dissidenten in und rund um der Partei zu werden. Die Betonung des Egalitarismus und der spontanen Kreativität der Industriearbeiter durch Proletkult kreuzte sich mit den Ansichten der Arbeiteropposition, und 1921 ließ eine Gruppe, die sich die Kollektivisten nannte, einen Text auf dem Proletkult-Kongress herumgehen, in dem neben der Sympathie für die Arbeiteropposition wie auch für Proletkult auch die Ansichten Bogdanows über die Philosophie und seine Analyse des Staatskapitalismus vertreten wurde, die eigentlich die NEP kritisierte. Ein Jahe später stellte die Gruppe Arbeiterwahrheit ähnliche Ansichten vor; Bogdanow wurde wegen Verwicklung in letztgenannter Gruppe kurzzeitig inhaftiert, obwohl er abstritt, sie in irgendeiner Weise unterstützt zu haben. (Nach dieser Episode zog sich Bogdanow aus der aktiven Politik zurück und konzentrierte sich auf die wissenschaftliche Arbeit.) So ist Lenins Beharren darauf, dass Proletkult sich selbst mehr oder minder in der staatlichen „Kulturinstitution“, dem Volkskommissariat für Erziehung, aufzulösen habe, in diesem Zusammenhang zu betrachten.

Unserer Ansicht nach ist die direkte Unterordnung der künstlerischen Bewegungen unter den Übergangsstaat nicht die richtige Antwort auf die Verwechslung zwischen der künstlerischen und der politischen Sphäre; tatsächlich neigt sie dazu, beides zu vermischen. Laut Senowia Sochor in Revolution und Kultur war Trotzki gegen Lenins Bemühungen, Proletkult im Staat verschwinden zu lassen, auch wenn er mit vielen Kritiken Lenins an Proletkult übereinstimmte; in „Literatur und Revolution“ stellt er eine deutlichere Grundlage zur Bestimmung der kommunistischen Politik gegenüber der Kunst vor: „Die marxistische Methode bietet die Möglichkeit, die Entwicklungsbedingungen für die neue Kunst zu beurteilen, all ihre Quellen zu beobachten und die fortschrittlichsten unter ihnen durch kritische Durchleuchtung der Wege zu unterstützen – mehr aber nicht. Die Kunst muss ihre Wege auf eigenen Füssen zurücklegen. Die Methoden des Marxismus sind nicht die Methoden der Kunst. Die Partei lenkt das Proletariat, nicht den historischen Prozess. Es gibt Gebiete, auf denen sie kontrolliert und fördert. Und es gibt Gebiete auf denen sie nur fördert. Es gibt schliesslich Gebiete, auf denen sie sich nur orientiert. Auf dem Gebiet der Kunst ist die Partei nicht berufen zu kommandieren. Sie kann kann und soll schützen, fördern und lediglich indirekt lenken. Sie kann und soll den verschiedenen Künstlergruppen, die sich aufrichtig um eine Annäherung an die Revolution bemühen, den bedingten Kredit ihres Vertrauens gewähren, um ihre künstlerische Gestaltung zu fördern. Und schon auf keinen Fall kann und wird die Partei sich auf den Standpunkt einer literarischen Clique stellen, die andere literarische Cliquen bekämpft, teilweise einfach nur, weil sie Konkurrenten sind.“ (Kapitel 7 „Die Parteipolitik in der Kunst“) 1938 äußerte sich Trotzki in Erwiderung auf die nazistischen und stalinistischen Absichten, die Kunst auf ein bloßes Anhängsel der Staatspropaganda zu reduzieren, noch deutlicher: „Wenn zur besseren Entwicklung der materiellen Produktion die Revolution ein sozialistisches Regime mit einer zentralisierten Kontrolle aufbauen muss, so muss zur Entwicklung der intelektuellen Kreativität ein Regime der individuellen Freiheit im anarchistischen Sinne etabliert werden. Keine Autorität, kein Diktat, nicht die geringsten Order von oben.“ (ebenda)

Trotzki ging auch bei dem allgemeinen Problem der proletarischen Kultur tiefer als Lenin: Während Lenins Resolution Raum für diese Auffassung ließ, lehnte sie Trotzki rundweg ab; und er tat dies auf der Basis gründlicher Überlegungen über die Natur des Proletariats als die erste revolutionäre Klasse in der Geschichte als eigentumslose und ausgebeutete Klasse. Dieses Verständnis, ein Schlüssel, um praktisch jeden Aspekt des proletarischen Klassenkampfes zu begreifen, wird in jenem Auszug aus „Literatur und Revolution“ äußerst deutlich aufgeführt, den wir im Anschluss an diesem Artikel veröffentlichen. Es gibt auch eine sehr kurze Zusammenfassung dieser Thesen über proletarische Kultur in der kurzen Einleitung zu diesem Buch: „Es ist grundfalsch, der bürgerlichen Kultur und der bürgerlichen Kunst die proletarische Kultur und die proletarische Kunst gegenüberzustellen. Diese letztgenannte wird es überhaupt nicht geben, da das proletarische Regime provisorisch, vorübergehend ist. Der historische Sinn und die moralische Grösse der proletarischen Revolution bestehen darin, dass sie den Grundstein für eine klassenlose, ersmals wahrhafte menschliche Kultur legt.“

„Literatur und Revolution“ wurde in der Periode von 1923–24 verfasst – mit anderen Worten, in genau jener Periode, in welcher der Kampf der Linken gegen die emporkommende stalinistische Bürokratie ernst zu werden begann. Trotzki schrieb dieses Buch in seinem Sommerurlaub. In gewisser Weise vermittelt es ein Bild von den Spannungen und Anstrengungen in der täglichen „politischen“ Auseinandersetzung innerhalb der Partei. Doch in einer anderen Beziehung war es auch Teil des Kampfes gegen den Stalinismus. Nachdem der ursprüngliche Proletkult im Anschluss an der Parteikontroverse 1920–21 einem rapiden Niedergang anheimfiel, erlebten Teile von ihm Mitte der 20er Jahre eine Wiedergeburt als falscher Radikalismus, der eines der Gesichter des Stalinismus ist. So verschaffte 1925 einer seiner Ableger, die Gruppe Proletarische Schriftsteller eine „kulturelle“ Ausrede für die Kampagne der Bürokratie gegen den Trotzkismus: „Trotski leugnet die Möglichkeit einer proletarischen Klassenkultur und Kunst mit dem Argument, dass wir auf eine klassenlose Gesellschaft zuschreiten. Doch mit demselben Argument verwerfen die Menschewiki die Notwendigkeit der Klassendiktatur, eines Klassenstaates und so fort. Die Standpunkte Trotzkis und Voronskis sind Trotzkismus angewandt auf Fragen der Ideologie und der Kunst“. Hier dient die Phraseologie der „Linken“ über eine Kunst ausserhalb von Klassen zur Kaschierung von opportunistischen Beschneidungen der kulturellen Aufgaben des Proletariates“. An anderer Stelle behauptete sie, dass „...der bemerkenswerte Erfolg der proletarischen Literatur nur durch den politischen und wirtschaftlichen Fortschritt detr arbeitenden Massen in der Sowjetunion möglich war.“ (“First Phase of the Cultural Revolution in Soviet Russia“, Wiliam G. Rosenberg, 1990). Doch dieses „politische und kulturelle Wachstum“ wurde nun unter dem Banner des „Sozialismus in einem Land“ ausgeführt. Stalins monströse  ideologische Revision, die die Diktatur des Proletariats mit dem Sozialismus verschmolz, um beide zu untergraben, erlaubte so gewissen Strängen von Proletkult zu behaupten, dass auf den Fundamenten einer sozialistischen Wirtschaft die proletarische Kultur tatsächlich errichtet worden sei.

Auch Bucharin lehnte Trotzkis Kritik der proletarischen Kultur ab, und zwar aus dem Grund, weil er nicht verstand, dass die Übergangsperiode zur kommunistischen Gesellschaft ein äußerst lang hingezogener Prozess sein kann. Infolge des Phänomens der ungleichen Entwicklung würde die Periode der proletarischen Diktatur lang genug dauern, so dass eine gesonderte proletarische Kultur entstehen kann. Dies war auch die theoretische Grundlage für die Abschaffung der Perspektive der Weltrevolution zugunsten des Aufbaus des „Sozialismus“ im isolierten Russland[iv].

Das blutige und grausame Register der stalinistischen Staaten auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene ist Beweis genug, dass das, was in diesen Ländern aufgebaut wurde, nicht das Geringste mit Sozialismus zu tun hat. Doch die völlige kulturelle Leere dieser Regimes, ihre Unterdrückung aller wirklichen künstlerischen Kreativität zugunsten der ekelerregendsten Art des totalitären Kitsches liefert eine weitere Bestätigung, dass sie niemals ein Ausdruck des Fortschritts zu einer wahrhaft menschlichen Kultur war, sondern ein besonders brutales Produkt dieses senilen und morbiden kapitalistischen Systems. Die Art und Weise, wie der stalinistische Apparat in Russland ab den 30er Jahren das ganze „avantgardistische“ Experimentieren in Kunst und Erziehung ablegte, ist zusammen mit der so genannten „Kulturrevolution“ in den 60er Jahren in China der wohl schlagendste Beweis dafür. Die traurige Geschichte der stalinistisch-maoistischen Leviathane bieten keine sonst wie gearteten Lehren über die kulturellen Themen, mit denen die Arbeiterklasse in der zukünftigen Revolution konfrontiert ist.                                                                                                  CDW

[i] Eines der Resultate der Konterrevolution ist, dass die linkskommunistische Tradition, die den Marxismus während dieser Periode bewahrte und weiterentwickelte, wenig Zeit und Gelegenheit hatte, den allgemeinen Bereich von Kunst und Kultur zu untersuchen; und jene Beiträge, die geleistet worden waren (z.B. Rühle, Bordiga und andere), harren ihre Ausgrabung und Synthese.

[ii] Die „Ultimatisten“ waren zusammen mit den „Otsovisten“ eine Tendenz innerhalb des Bolschewismus, die nicht mit den parlamentarischen Taktiken der Partei nach dem Aufstand von 1905 einverstanden waren. Der Streit mit Lenin über Bogdanows philosophische Motive erhitzte sich, als er mit den mehr direkten politischen Divergenzen kombiniert wurde, und endete mit dem Ausschluss Bogdanows aus der bolschewistischen Gruppe 1909. Bogdanows Gruppe verblieb innerhalb der breiteren russischen solzialdemokratischen Partei und veröffentliche die Zeitschrift Vpered (Vorwärts) für die nächsten paar Jahre. Auch hier muss eine kritische Geschichte dieser frühen „linken“ Trends im Bolschewismus erst noch geschrieben werden.

[iii] siehe dazu: Revolution and Culture, The Bogdanov-Lenin Controversy von Senovia Sochor, Cornell University, 1988; um sich ein Bild über die Hauptunterschiede zwischen Lenin und Bogdanow zu machen. Der Ausgangspunkt des Autors ist jedoch eher akademisch als revolutionär. In der Frage des Staatskapitalismus verhielt sich Bogdanow kritisch gegenüber Lenins Neigung, ihn als eine Art Vorzimmer zum Sozialismus zu betrachten, und schien ihn als einen Ausdruck des kapitalistischen Abstiegs anzuerkennen (Kap. 4 in o.g. Schrift).

[iv] s. Isaac Deutscher, Der unbewaffnete Prophet.   Deutschers Kapitel über Trotzkis Schriften über die Kultur ist genauso brillant wie der Rest der Biographie, und wir haben ausgiebig davon für diesen Artikel Gebrauch gemacht. Es enthüllt jedoch auch das tragische Schicksal des Trotzkismus. Deutscher stimmt zu 99% der Ansicht Trotzkis über „proletarische Kultur“ zu, macht jedoch eine höchst bedeutende Konzession gegenüber Bucharins Idee, dass ein isoliertes „Übergangsregime“ jahrzehntelang oder länger existieren könne. Laut Deutscher und dem Nachkriegs-Trotzkismus waren die stalinistischen Regimes, die außerhalb der UdSSR etabliert wurden, genauso wie die UdSSR selbst allesamt „Arbeiterstaaten“, gefangen in einer etwas zwielichtigen Welt zwischen einer proletarischen Revolution zur nächsten – und „Trotzki unterschätzte zweifellos die Dauer der Diktatur des Proletariates und den damit unvermeidlich verbundenen bürokratischen Charakter.“ In Wahrheit war dies nichts anderes als eine kritische Verteidigung des stalinistischen Staatskapitalismus.