Die New Economy: Eine erneute Rechtfertigung des Kapitalismus

In den 1970er Jahren gab es eine Kampagne, gemäss der die
Wirtschaftskrise ein Auswuchs der Erdölknappheit gewesen sei. Anschließend
wurde uns zu Beginn der 80er Jahre von den Reaganomics versprochen, dass die
Krise nun durchgestanden sei. Dennoch muss man klar und deutlich erkennen: Seit
30 Jahren, d.h. seit Beginn des erneuten Ausbruchs der historischen Krise,
konnten wir niemals einer derart tiefgreifenden ideologischen Kampagne
beiwohnen, die darauf abzielt, uns einzubläuen, dass die Krise nun überwunden
sei und wir in ein neues Zeitalter der Prosperität eingetreten seien. Gemäss
dieser in den letzten Jahren entfesselten Propaganda wären wir jetzt also in
der dritten industriellen Revolution. Ein Hauptvertreter dieser Argumentation
hat sich folgendermaßen geäußert: ”Es handelt sich hier um ein historisches
Ereignis von mindestens ebenso großer Tragweite wie die industrielle Revolution
des 18. Jahrhunderts ... Das Zeitalter der Industrialisierung basierte auf der
Einführung und dem Gebrauch von neuen Energiequellen; das Zeitalter der
Informatik gründet auf der Technologie zur Herstellung von Wissen, dem Umgang
mit Informationen und der Sprachsymbole.”

[1]


Die Medien trichtern uns ständig ein, dass die Arbeitslosigkeit nun verschwinden
wird. Sie beziehen sich dabei auf die Wachstumszahlen des BIP in den USA
während der letzten Jahre. Sie schließen daraus, dass der ökonomische Zyklus,
der seit Beginn der siebziger Jahre von schwachem Wachstum und periodischen,
ständig tieferen Rezessionen gekennzeichnet war, nun überwunden sei. Wir seien
jetzt also in eine ununterbrochene Wachstumsperiode geraten, die man nur mit
Superlativen beschreiben könne. Und was ist der Grund dafür? Wir leben im
Zeitalter der New Economy, die von einer großartigen neuen technologischen
Innovation getragen werde: dem Internet.

Was ist nun also der Inhalt dieser Revolution, die die
Bourgeoisie dermaßen entzückt? Es geht hier hauptsächlich darum, dass es das
Internet oder viel allgemeiner der Aufbau von neuen Telekommunikationsnetzen
erlaube, Informationen viel schneller auszutauschen und effizienter zu
verwalten und zwar völlig unabhängig von der Distanz. Dies wiederum erlaube
zuallererst Käufer und Verkäufer auf globaler Ebene zusammenzuführen. Kauf und
Verkauf seien deshalb unabhängig von Verkaufsstellen und
Verkaufsdienstleistungen durch die Unternehmen, was wiederum eine Verringerung
der Kosten nach sich ziehe. Jeder Produzent habe jetzt durch das Internet
sofortigen Zugriff auf den Weltmarkt, was eine enorme Ausdehnung des Marktes
bedeute. Der Verkauf von Waren im Internet erfordere wichtige technologische
Kenntnisse, was wiederum die Gründung von neuen Unternehmen begünstige. Die
bekannten Start-ups versprächen denn auch eine blendende Zukunft für Profit und
Wachstum. Dies ziehe wiederum eine höhere Produktivität in den industriellen
Unternehmen nach sich, da eine solch hohe Verkehrsdichte an Informationen eine
bessere Koordination und somit tiefere Kosten für Kleinbetriebe,
Dienstleistungen und Ateliers bedeuten würden. So könne man auch die Lager
reduzieren, da Produktion und Verkauf nun ja unmittelbar miteinander verknüpft
werden könnten. Auch die Werbekosten sänken, da eine einzige Werbewebseite ja
alle Online-Kunden erreiche. Die Medien weisen auch auf einen anderen wichtigen
Punkt mit weitreichenden politischen Folgen hin: Die Internetinnovationen
beruhten einzig und allein auf Wissen und nicht auf teuren Maschinen. Man stehe
also vor einer Demokratisierung von Innovationen, alle könnten Start-ups in die
Wege leiten und somit könnten alle vom Reichtum profitieren.

Trotz der triumphierenden medialen Schreie kann man bereits
eine ganze Reihe von davon abweichenden Nachrichten lesen, die doch den Zweifel
an der Realität eines neuen großartigen Zeitalters wecken: Einerseits sind alle
mit der Feststellung einverstanden, dass sich das Elend auf der Welt ständig
vergrößert, dass auch die Ungleichheit in den entwickelten Ländern im Zunehmen
begriffen sind und dass die berühmten Start-ups, statt sich in Richtung der
prunkvollen Zukunft zu bewegen, die ihnen von den Propagandisten der New
Economy gezeigt worden ist, immer zahlreicher einfach zusammenbrechen. Man kann
sich also fragen, ob nicht eine Anzahl dieser bis zum Hals verschuldeten Unternehmer
nicht einfach das Heer der neuen Armen vergrößern werden. Andererseits treiben
einer ganzen Reihe von Ökonomen die Kursbewegungen an der Börse im allgemeinen
und diejenigen der Aktien im Bereich der neuen Technologien den kalten Schweiß
auf die Stirn. Sie sehen, dass hier das Risiko einer Finanzkrise sehr hoch ist.
Würde sie ausbrechen, könnte sie durch die Weltwirtschaft nur schwer
aufgefangen werden. 

Der Mythos des Produktivitätswachstums

Um die Bedeutung der New Economy wirklich seriös zu
beurteilen, muss man zuallererst einmal von der Behauptung vieler Experten
ausgehen, dass das Wachstum der Arbeitsproduktivität in der amerikanischen
Wirtschaft nach einer Abnahme seit Ende der sechziger Jahre, in denen es bei
2,9% stand, seit einigen Jahren ständig gestiegen sei. In den neunziger Jahren
habe es 3,9% betragen

[2]

.
Dieser Umschwung belege den Eintritt der Wirtschaft in ein neues Zeitalter.

Diese Zahlen sind alles andere als über alle Zweifel
erhaben: R. Gordon von der Northwestern Universität in den USA schätzt, dass
die stündliche Arbeitsproduktivität von 1,1% im Jahr 1995 auf 2,2% zwischen
1995 und 1999 angestiegen sei (Financial Times 4.8.1999). Weiter sind
sie für viele Statistiker ganz einfach nicht beweiskräftig und zwar aus
folgenden Gründen:

- Die Rentabilität aller produktiven Investitionen hat nur
wenig zugenommen, was bedeutet, dass die Zunahme der Arbeitsproduktivität nur
durch eine Erhöhung des Tempos und somit der Ausbeutung der Arbeiterklasse
zustande gekommen sein kann.

- Die Produktivität weist ständig die Tendenz zum Anstieg
auf, wenn man sich auf dem Höhepunkt eines Aufschwungs befindet, was in den USA
1998-1999 der Fall war. Die Produktionskapazitäten sind in einer solchen Zeit
besser ausgelastet.

- Schließlich ist vor allem im Bereich der
Computerproduktion die Produktivität angestiegen. Die Financial Times
hat dieser Umstand zu folgender Aussage veranlasst: ”Der Computer steht am
Ursprung des Wunders der Produktivität in der Computerproduktion.”
(Ebd.)

Der Kapitalismus realisiert also angetrieben von der
Konkurrenz - wie er das immer getan hat - technische Fortschritte. Die Zahlen
zeigen keinesfalls, dass wir uns in einer außergewöhnlichen Phase befinden
würden, die einen wirklichen Bruch mit den vergangenen Jahrzehnten darstellen
würde.

Die historischen Vergleiche zwischen der industriellen
Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts und den heutigen Ereignissen sind
vollkommen irreführend. Die Einführung der Dampfmaschine und die großen
Innovationen des 19. Jahrhunderts haben dazu geführt, dass der Arbeiter eine
viel größere Menge von Gebrauchswerten in der gleichen Arbeitszeit herstellen
konnte. So konnte die Bourgeoisie  einen
größeren Mehrwert herauspressen. Gewiss erzielte man im 20. Jahrhundert und
insbesondere in den letzten 30 Jahren mit der Automatisierung der Produktion
ein Wachstum der Arbeitsproduktivität. Dieser Umstand lieferte der Bourgeoisie
und ihren Experten das Argument, dass der Arbeiter im weißen Kittel kein
Arbeiter mehr (die Roboter arbeiten ja ganz alleine!) und die Arbeiterklasse
logischerweise im Verschwinden begriffen sei.

Beim Internet geht es überhaupt nicht um diese Fragen. Mit
diesem Vorgehen produziert der Arbeiter in einer gegebenen Zeitspanne ständig
dieselbe Menge. Vom Standpunkt der Produktion aus ändert das Internet rein gar
nichts. Mit der Kampagne über die New Economy will uns die Bourgeoisie glauben
machen, dass der Kapitalismus eine Welt aus Waren sei, ohne dass diese erst
produziert werden müssten. Somit will sie auch den Umstand verwischen, dass die
Arbeiterklasse das wirkliche Herz dieser Gesellschaft ist, d.h. diese
Gesellschaft existieren lässt.

Die Verminderung der Handelskosten kann die Krise nicht verhindern

Aber selbst wenn das Internet oder auch eine andere
Innovation eine Senkung der Verkaufskosten eines Produktes nach sich zieht, wie
das auch die Eisenbahnen im 19. Jahrhundert mit der Verminderung der
Transportkosten um den Divisor 20 und somit auch der Verkaufspreise erreicht
haben, wird dies kein neues Wirtschaftswachstum auslösen können. Die
Eisenbahnen erlaubten ein starkes Wirtschaftswachstum, weil sie Güter für einen
expandierenden Markt transportierten. Damals eroberte der Kapitalismus gerade
den gesamten Planeten, und er konnte sich so neue Absatzmärkte öffnen. Heute
existiert aber kein solcher Markt mehr

[3]

,
der Verkauf durch das Internet kann also nur das Verschwinden oder die
Verminderung einer ganzen Reihe wirtschaftlicher Aktivitäten nach sich ziehen.
In der Folge verschwinden also Stellen, die nicht durch neue im Internetbereich
ersetzt werden. Gerade diese Technologie erlaubt es zu sparen, sei es nun im
Verkauf an Kunden oder im Verkauf zwischen Unternehmen. Das gleiche Lied kann
man von der mit dem Internet angeblich möglichen Restrukturierung von
Unternehmen singen. Selbst John Chambers von Cisco, einem der wichtigsten
Unternehmen im Bereich der neuen Technologien, sagt: ”Wir haben durch den
Gebrauch des Internets für den Informationsaustausch zwischen den Angestellten,
den Lieferanten und den Kunden bereits Tausende von Stellen gestrichen ...
Dasselbe gilt für die Kostenabrechnungen. Heute sind nur noch zwei Personen für
die Spesenabrechnungen unserer 26000 Angestellten zuständig ... So konnten wir
bereits 3000 Stellen im Servicebereich streichen”
(Le Monde,
28.3.2000). Und damit auch wirklich alles klar ist, fügt er noch hinzu: ”In
zehn Jahren wird jedes Unternehmen, das nicht vollständig auf das Internet
umgestiegen ist
(d.h. nicht all diese Stellen gestrichen hat),
schließen.”
Die Einkommen, die diese Unternehmen ausschütten, nehmen also
ab, was die globale zahlungsfähige Nachfrage offensichtlich nicht erhöhen, der
Weltwirtschaft also keinen Anstoß geben kann. Wenn die nötigen
außerkapitalistischen Gebiete fehlen - und dies ist in der dekadenten Periode
der Fall -, kann keine Innovation die Krise lösen, selbst wenn sie neue Stellen
schaffen würde. J. Chambers fügt hinzu, dass er ”die 3000 Personen im
Bereich der Forschung und Entwicklung angestellt”
habe, aber dies ist nur
möglich, weil die Installationswelle im Internetbereich Cisco gegenwärtig hohe
Verkaufsabschlüsse bringt. Sobald diese Welle im Abflauen begriffen ist, wird
sich diese Firma keine dermaßen große Forschungs- und Entwicklungsabteilung
mehr leisten können.

Der Internetblase geht die Luft aus

Es gibt also nichts wirklich Neues über die
Wirtschaftsentwicklung zu berichten. Und auch die Bourgeoisie, die verzweifelt
die Zeichen eines neuen Aufschwungs in einem hypothetischen Kondratieff-Zyklus
sucht, d.h. einem alle 50 Jahre alternierenden Zyklus von Krise und Aufschwung

[4]

,
wird nichts Neues finden. Den Beweis dafür hat ein Börsenkrach bei den
Technologieaktien in diesem Frühling erbracht. Zwischen dem 10. März und dem
14. April ist der Index für diese Werte in den USA, der NASDAQ, um 34%
eingebrochen. Internetunternehmen wie Boo.com - finanziert von so mächtigen
Banken wie J.P. Morgan und dem französischen Geschäftsmann B. Arnault - sind
bankrott gegangen. Das sind Konkurse, die weitere nach sich ziehen werden, in
Finanzkreisen zirkulieren Listen mit Internetunternehmen, die ernsthafte
Schwierigkeiten haben.

[5]


Man muss hier insbesondere auch Amazon nennen, der ein großes Internetportal
eröffnete und der in Seattle ebenso bekannt ist wie Boeing. Seine finanziellen
Schwierigkeiten ziehen neue Erschütterungen an der Wall Street nach sich. Das
Forschungsinstitut Gartner Group behauptete, dass 95% bis 98% aller Unternehmen
in diesem Sektor bedroht seien (Le Monde, 13.6.2000) und dass dies die
Bestätigung der Tatsache sei, dass deren kürzlicher unglaublicher Aufschwung
auf nichts anderes als eine spekulative Blase, die nur Luft enthalte, zurückzuführen
sei.

Und wenn keine New Economy existiert, dann ist das Internet
auch nicht das Mittel, um die ganze Wirtschaft in Schwung zu bringen. Einer der
Gründe für den absehbaren Zusammenbruch von Amazon.com liegt darin, dass die
konkurrenzierten Verteilunternehmen nun reagieren. Die Nummer 1 dieses Sektors,
Wal Mart, verkauft nun nämlich auch über das Internet. Angesichts der
Konkurrenz durch diese neuen Unternehmen, die die ”alten” großen Unternehmen zu
verschlingen gedroht hatten, reagierten diese mit den gleichen Mitteln. Ein
Kader eines französischen Verteilunternehmens erklärt dies so: ”Bei Promedès
sagten wir uns, wenn wir nicht aktiv bleiben, so wird auf jeden Fall ein
anderer unsere Aktivitäten übernehmen”
(Le Monde, 25.4.2000). Dieser
Kadermitarbeiter gibt implizit zu, dass die Unternehmen, die ebenfalls den
Verkauf über das Internet einführen, keine neuen Arbeitsplätze schaffen (wir
haben dies bereits im Falle Ciscos gesehen), sondern sogar Entlassungen
vornehmen. In der gleichen Ausgabe von Le Monde steht auch, dass die
Internetaktivitäten zumindest teilweise für die Streichung von 3000 Stellen bei
der britischen Bank Lloyd’s TSB, von 1500 bei dem Versicherer Prudential
verantwortlich seien und dass die amerikanische Computer-Verkaufskette Egghead
Software 77 von 156 Filialen geschlossen habe.

Dies sind die realen Auswirkungen der sogenannten New
Economy auf die kapitalistische Wirtschaft. Die Maßnahmen der Unternehmen in
bezug auf das Internet sind nichts anderes als ein Moment des tödlichen Konkurrenzkampfes,
den sich die Kapitalisten angesichts des bereits seit längerer Zeit gesättigten
Marktes liefern. Dieser Wirtschaftskrieg kann auch anhand der Welle von
Fusionen und Akquisitionen wahrgenommen werden, die bereits vor einem Dezennium
angerollt ist und sich nun noch verstärkt. Diese Unternehmen müssen jetzt
danach trachten, sich des Produktivapparats und des Markts der Konkurrenten zu
bemächtigen, um sich auf dem Weltmarkt zu etablieren. ”1999 hat sich dieser
Markt um 123% ausgedehnt und ein Volumen von 1870 Mrd. frz. Francs erreicht
(...) Ein Wettlauf auf Weltebene ist im Gang.”
(Le Monde, 11.4.2000)
Im Rahmen der Dekadenz des Kapitalismus ist es zumindest ein Mittel jedes
Sektors der Bourgeoisie, um der Konkurrenz die Stirn zu bieten: Verschlechterung
der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse. Man weiß, dass solche
Riesenfusionen in den meisten Fällen mit Entlassungen zu Ende gehen.

Die Börsenhausse bei den New-Economy-Unternehmen hat
übrigens auch alle anderen Börsenwerte in die Höhe gezogen. Dies darf aber
keinesfalls als Zeichen einer neuen Phase hohen Wirtschaftswachstums verstanden
werden, sondern ist lediglich das Ergebnis des seit Jahrzehnten unternommenen
Versuchs der bürgerlichen Staaten, der Krise, in die die Wirtschaft immer
tiefer hineinschlittert, Einhalt zu gebieten. Als Beispiel sei hier die
Verschuldung angeführt: Gemäss dem Generaldirektor von Altavista Frankreich
würde es ausreichen, ”200000 Francs unter einigen Freunden zusammenzulegen,
um von Risikoinvestoren weitere vier Millionen zu erhalten, von denen dann die
Hälfte in Werbung fließt, bevor weitere 20 Millionen an der Börse beschafft
werden könnten”
(L’Expansion, 27.4.-11.5.2000). Von Standpunkt der
Kapitalakkumulation ist dies natürlich eine reine Absurdität. Da es keine
Möglichkeit gibt, wirklich produktiv zu investieren, fließt das Geld halt in
unproduktive Aktivitäten wie beispielsweise in die Werbung und endet
schließlich in der Spekulation, sei es nun im Bereich der Börse, des Geldes
oder des Erdöls.

[6]

Nur auf
diese Weise kann man erklären, weshalb die Aktienkurse der neuen Technologien,
bevor sie schließlich einbrachen, innerhalb eines Jahres um 100% angestiegen
waren, während die entsprechenden Unternehmen nur Verluste geschrieben hatten.

Es handelt sich hier um keine neue Erscheinung, denn die
Bourgeoisie entwickelt seit der Krise von 1929, die nicht zu einem spontanen
Wiederaufschwung geführt hat, wie dies noch nach den Krisen des 19.
Jahrhunderts der Fall gewesen war, die unproduktiven Bereiche, um der Krise die
Stirn zu bieten. Eine gewisse Anzahl der bürgerlichen Zeitungen können diesen
Umstand nicht verhehlen: ”Die Internetwirtschaft kann vielleicht die
Produktivität langfristig beeinflussen, aber die Schuldenwirtschaft ist der
Ursprung dieser Entwicklung ... Die aufsteigende Phase ist mit dem Kredit  viel eher unterstützt worden als durch die
neuen Technologien, die nichts als ein Alibi für die Spekulation sind.”
(L’Expansion,
13.27.4.2000) Und tatsächlich kann diese Spekulation zu nichts anderem führen,
das haben die letzten 20 Jahre gezeigt, als zu Erschütterungen in der
Finanzsphäre, wie wir dies gerade jetzt erleben.

Die New Economy versteckt die Angriffe gegen die Arbeiterklasse

Die Realität der New Economy zeigt, dass die ganze Medienpropaganda  über die Verwandlung der Gesellschaft durch
das Internet, die uns alle als im Netz arbeitend und von den Innovationen
profitierend und im selben Atemzug auch als Aktionäre darstellen, nichts als
ein Bluff ist. Die Gründeraktionäre der Start-ups, die nun zusammenbrechen,
können sich durchaus in der größten Not wieder finden. Und alle, die durch die
Werbung mit der Möglichkeit von erheblichen Gewinnen mit nur 20% des Aktienwertes
als Einsatz zum Kauf von Internetaktien verleitet worden sind, sind nun nach
dem Krach gezwungen, während einer längeren Zeit einen Teil ihres Einkommens
für die Rückzahlung der Schulden bei der Bank zu benutzen.

Wenn man die Lohnabhängigen mit Aktienoptionen entlohnt,
wenn man sie zum Kauf von Fonds verleitet, verwandelt man sie noch lange nicht
in Aktionäre, sondern beschneidet sie nur auf zweifache Weise. Einerseits
stellt der Teil des Einkommens, den der Arbeiter dem Unternehmen überlässt,
nichts anderes als eine Erhöhung des Mehrwertes und eine unmittelbare Verminderung
des Einkommens dar. Anderseits bedeutet dies, trotz aller verlockender
Angebote, die den Lohnabhängigen zu einem Aktionär der Firma machen sollen,
nichts anderes als dass das Kapital den Lohn des Arbeiters von den zukünftigen
Ergebnissen des Unternehmens abhängig macht: Wenn die Kurse fallen, fällt auch
des Einkommen des Arbeiters. Der Volkskapitalismus, der heute unter der Parole
der ”Republik der Aktionäre” so stark in Mode ist, ist doch nur ein Mythos,
denn die Bourgeoisie, ob sie sich nun im Staatsapparat oder in der Direktion
von Unternehmen befindet, ist Inhaberin der als Kapital wirkenden Produktionsmittel.
Sie kann das Kapital nur durch die Ausbeutung der Arbeiterklasse gewinnbringend
anwenden. Der Arbeiter kann weder den ganzen noch Teile des Gewinns erhalten,
denn gerade um einen Gewinn zu erhalten, muss der Arbeiter nach dem Wert seiner
Arbeitskraft bezahlt werden.

[7]


Die Bourgeoisie hat die Pensionsfonds und den Arbeiteraktionär nur  hervorgebracht, weil die Krise des
Kapitalismus derart schwer ist, dass sie mit allen Mitteln danach trachtet, den
Wert der Arbeitskraft zu senken, indem sie ihn von den Aktienkursen abhängig
macht. Der Zusammenbruch der Technologiewerte zeigt das Risiko, dem die
Arbeiter ausgesetzt sind, deren Lohn von der Aktienentwicklung abhängt.

Alles in allem kommt die Anstrengung der Bourgeoisie zur
Förderung des Arbeiteraktionärs einer zusätzlichen Attacke auf die Lebens- und
Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse gleich, und nicht der Teilhabe der
Arbeiter an einem Teil des Profits. Genau so wie die Bourgeoisie durch die
Verschlechterung der Arbeitsbedingungen die Mittel hat, Arbeiter von einem auf
den nächsten Tag zu entlassen, wenn es das Interesse des Kapitals erheischt,
hat sie mit dem Arbeiteraktionär die Mittel in der Hand, das Einkommen oder die
Rente des Arbeiters zu senken, wenn sich die Situation des Unternehmens oder
des Kapitals verschlechtert.

Dieser wirtschaftliche Angriff steckt hinter der
ohrenbetäubenden Kampagne über die New Economy. Der Anschluss des Unternehmens
ans Netz bedeutet, dass die Informationen sofort verfügbar sind. Somit entfällt
jegliche Pause zwischen zwei Arbeiten. Sobald die eine Arbeit erledigt ist,
muss man zur nächsten übergehen, für die man ja auch bereits über das Netz den
Auftrag bekommen hat. Jede Arbeit kann jederzeit angepasst werden usw.
Teuflisch wird es, wenn die Aufträge immer schneller hereinkommen. Nur so kann
man verstehen, dass ”mindestens ein Drittel der mit dem Netz verbundenen Arbeiter
mindestens 6,5 Stunden in der Woche zu Hause arbeiten, um Ruhe zu haben”
(Le
Monde
, 13.4.2000). Das auf den ersten Blick sehr großzügige Geschenk eines
Computers, den gewisse Unternehmen (Ford mit 300000 Arbeitern, Vivendi mit
250000, Intel mit 70000) ihren Arbeitern zukommen lassen,  zeigt sehr gut, wie man die Arbeiter zur
ständigen Arbeit zwingen möchte. Der wiederholten Leugnung dieses Umstandes
mangelt es nicht an Dreistigkeit, wenn Ford mit diesem Geschenk darauf abzielt,
dass ihre Arbeiter ”den Kunden schneller antworten können” und sie ”die
Gewohnheit eines schnelleren Informationsaustausches”
annehmen. Ständig
mehr Experten der Arbeitsorganisation sagen, dass man in der
Informationsgesellschaft überhaupt nicht mehr wisse, ”wo die Arbeit beginnt,
und wo sie endet”, und dass der Begriff Arbeitszeit zunehmend an Konturen
verliere, was wiederum durch Arbeiter bestätigt wird, die nach Belieben zu
Hause kontaktiert werden können und ”nie zu arbeiten aufhören” (Libération,
26.5.2000). Tatsächlich wäre das Ideal der Bourgeoisie, wenn alle Arbeiter sich
wie die Gründer eines Start-ups im Silicon Valley verhalten würden, die ”13
bis 14 Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche arbeiten, in Räumen von 2 mal 2
Metern wohnen ..., ohne Pause, ohne Frühstück, ohne kollegiale Treffen in der
Cafeteria”
(L’Expansion, 16.-30.3.2000). Diese Arbeitsbedingungen
sind die Regel in allen Start-ups weltweit.

Der Angriff gegen das Bewusstsein der Arbeiterklasse

Die große Medienkampagne verfolgt noch ein weiteres Ziel.
Hinter der New Economy, in der jeder mit dem Netz arbeitet, sich in einen
Innovator und Aktionär verwandelt, steckt ein gewaltiger Bluff, allerdings
einer von großer Tragweite.

Er unterstellt, dass die Gesellschaft, zumindest diejenige
der Industrieländer, eine reale Verbesserung erfahren werde und dass deshalb
die Unternehmen, die Verwaltung, in denen die Existenzbedingungen der Arbeiter
angegriffen würden, nur eine Randerscheinung, eine Ausnahme, darstellten. Wenn
diese Arbeiter Widerstand leisteten, so wäre dies ein rückwärtsgewandter,
anachronistischer Kampf, der in der Isolation enden würde. Die Propaganda über
die New Economy ist ein Mittel, die Arbeiter zu demoralisieren, damit sich ihre
Unzufriedenheit nicht in Kampfkraft umwandelt.

Weiter unterstellt er nichts Geringeres, als dass die
Gesellschaft sich derart tiefgreifend am verändern sei, dass der Kapitalismus
überwunden werde und somit auch alle Projekte zum Umsturz des Kapitalismus
überholt seien. Man sagt uns, dass derjenige, der in der New Economy arbeite,
reich werden würde, was logischerweise bedeuten würde, dass die materiellen
Bedingungen des Arbeiterdaseins überwunden würden. Wer sich allerdings nicht dieser
Trilogie von Netz-Innovator-Aktionär anpasse, werde Opfer einer größeren
Einkommensungleichheit. Die Gesellschaft sei also nicht mehr in Bourgeoisie und
Arbeiterklasse aufgeteilt, sondern in Involvierte und Ausgeschlossene der New
Economy. Und um den Nagel noch ganz reinzuschlagen, behauptet man, dass die
Teilhabe an der New Economy von der Intelligenz und vom Willen abhänge: ”Entweder
bist du reich oder ein Trottel”
, behauptet die Zeitschrift Business 2.0.

All dies wird durch die Propaganda vervollständigt, wonach
sich die Unternehmen, der Ort, an dem Wert geschaffen und die Arbeitskraft
ausgebeutet wird und sich die Klassen zeigen, sich umwandeln würden. Alle, die
an der New Economy partizipierten und Zugriff zum Reichtum hätten, könnten
nicht mehr als Arbeiter bezeichnet werden. Die Arbeit im Betrieb, da wo der
Reichtum hergestellt werde, sei nicht mehr geteilt zwischen Kapitalist, d.h.
Inhaber des Kapitals, und Arbeiter, d.h. Besitzer der Arbeitskraft: ”Die New
Economy bedeutet mehr Mannschaft: Die Angestellten bilden ein wirkliches Team,
sie haben durch die Aktien teil am Reichtum der Unternehmen”
, sagt der
Präsident der BVRP Software (Le Monde Diplomatique, Mai 2000).

Diejenigen allerdings, die sich nicht in die New Economy
einfügen, schlecht bezahlte und präkarisierte Arbeiter und Arbeitslose, bilden
noch immer die große Mehrheit der Gesellschaft. Die Klasse, die den
gesellschaftlichen Reichtum herstellt, wird nicht durch den Studenten aus
Silicon Valley oder anderswo repräsentiert, der sich durch das Trugbild vom
Reichtum in Griffweite blenden lässt. Die den gesellschaftlichen Reichtum
produzierende Arbeiterklasse ist diejenige, die von der Bourgeoisie ständig
mehr ausgebeutet wird; und wenn die Ausbeutung nicht mehr funktioniert, wird
der Arbeiter aufs Pflaster geworfen und aus dem produktiven Prozess
ausgeschieden. Angesichts dieser Angriffe hat die Arbeiterklasse keine andere
Wahl als zu kämpfen. Das Bewusstsein, das die Arbeiter über die Notwendigkeit
dieses Kampfes und seinen Perspektiven haben, sind für ihn lebenswichtig.

Die ideologischen Kampagnen zur New Economy haben die
gleichen Themen zum Inhalt und verfolgen dieselben Ziele wie diejenigen, die
nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 entfesselt worden sind.

Einerseits zielt man darauf ab, der Arbeiterklasse ihre
Identität zu rauben, indem man die Gesellschaft als eine Gemeinschaft von
Bürgern präsentiert, in der die sozialen Klassen, die Trennung von Ausbeuter
und Ausgebeuteten sowie ihre Konflikte verschwunden seien. Gestern war es der Zusammenbruch
der Regime, die sich als ”sozialistisch” und arbeiterfreundlich darstellten,
die für diese Behauptungen herhalten mussten; heute ist es der Mythos, dass die
Herren und die Arbeiter dieselben Interessen hätten, da sie ja jetzt alle
Aktionäre desselben Betriebes seien.

Anderseits will man der Arbeiterklasse jegliche Perspektive
außerhalb des Kapitalismus rauben. Gestern musste dafür der ”Zusammenbruch des
Sozialismus” herhalten. Heute ist es die Idee, dass der Kapitalismus, selbst
wenn er seine Fehler habe, nicht in der Lage sei, das Elend zu beseitigen, noch
die Kriege, noch die Katastrophen aller Art, er doch eben das ”am wenigsten
schlechte aller Systeme” sei, da er trotz allem in der Lage sei zu
funktionieren, den Fortschritt zu garantieren, die Krisen zu überwinden.

Aber selbst die Tatsache, dass die Bourgeoisie solche
ideologischen Kampagnen für notwendig erachtet, die Tatsache, dass sie sich auf
neue wirtschaftliche Angriffe 
vorbereitet, bedeutet, dass sie kaum an die verzauberte Welt der New
Economy glaubt. Die Verfälschungen der politischen Ökonomie durch den
amerikanischen Notenbankpräsidenten A. Greenspan, um eine weiche Landung der
amerikanischen Wirtschaft herbeizuführen nach Jahren der Verschuldung, der
wachsenden Handelsdefizite, der jetzt wieder signifikant ansteigenden Inflation
in den USA, bedeuten nicht, dass wir jetzt die Perspektive eines
unvorstellbaren Wirtschaftswachstums hätten. Weiche Landung oder noch
schlimmere Rezession sind nichts anderes als die Bestätigung der marxistischen
Analyse: Der Kapitalismus ist nach der Wiederaufbauphase nach dem zweiten
Weltkrieg in die offene Wirtschaftskrise zurückgekippt, die er nicht überwinden
kann. Diese Krise wirft einen immer größeren Teil der Menschheit in die
absolute Verarmung und ist der Grund für die ständig härteren Lebensbedingungen
für die Gesamtheit der Arbeiterklasse. Die Zukunft des Kapitalismus bietet uns
nichts anderes als eine ständige und schreckliche Zunahme all dieser Übel.
Einzig die Arbeiterklasse hat die Fähigkeit, eine Gesellschaft zu errichten, in
der der Überfluss herrschen wird, weil sie allein in der Lage ist, die
Grundlage für eine Gesellschaft zu bilden, die zur Befriedigung der
menschlichen Bedürfnisse und nicht des Profits einer Minderheit produziert.
Diese Gesellschaft nennt sich Kommunismus. 

JS, Juni 2000


[1]

Interview
mit Manuel Castells (Professor an der Universität von Berkeley), in: Problèmes
économiques
Nr. 2642, 1.12.1999

[2]

Business Review, Juli/August 1999. Diese Zeitschrift publiziert die
Zahlen der Handelsabteilung der amerikanischen Regierung.

[3]

Siehe den
Artikel von Mitchell: ”Krisen und Zyklen in der niedergehenden
kapitalistischen Wirtschaft”
in International Review Nr. 102 und 103
(engl./frz./span. Ausgabe) und die Broschüre der IKS ”Die Dekadenz des
Kapitalismus”
.

[4]

In den
1920er Jahren hat N. Kondratieff diese Theorie entwickelt, nach der die
Weltwirtschaft einen Zyklus von Krise und Aufschwung von ca. 50 Jahren
durchläuft. Diese Theorie hat für die Bourgeoisie den großen Vorteil, dass auf
eine Krise der Aufschwung ebenso sicher folgt wie die Sonne auf den Regen.

[5]

”Peapod.com, CDNow,
salon.com, Yahoo!...”
in: Le Monde, 13.6.2000

[6]


Wir schrieben bereits in der am 14. Kongress von unserer Sektion in Frankreich
verabschiedeten Resolution (siehe Weltrevolution Nr. 102): ”Die
Besessenheit, welche Investoren ergriffen hat, in die ‚Neue Ökonomie‘ zu
investieren, ist nichts anderes als ein Ausdruck der Sackgasse der
kapitalistischen Wirtschaft. Marx hatte schon zu seiner Zeit aufgezeigt, dass
die Börsenspekulation nicht ein Zeichen für die Gesundheit der Wirtschaft,
sondern für den sich anbahnenden Bankrott ist.”
(Punkt 4)

 

[7]

Für eine
detailliertere marxistische Analyse des kapitalistischen Ausbeutungsprozesses
siehe den bereits zitierten Artikel von Mitchell.

Erbe der kommunistischen Linke: