Die Jugend und der Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft

Seit einiger Zeit ist ein Bevölkerungsteil wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt, von dem bis dahin (und besonders in den neunziger Jahren) nur als Objekt von Marketingstrategien Notiz genommen wurde - die junge Generation im Allgemeinen und die Arbeiterjugend im Besonderen. Begonnen hatte dies mit der Studentenbewegung in Frankreich 2006, wo sich die StudentInnen (und kommenden LohnarbeiterInnen) erfolgreich gegen die Angriffe der Regierung zur Wehr gesetzt hatten. Sie knüpften nicht nur an die besten Tugenden der Arbeiterbewegung an (Massenversammlungen, Öffnung gegenüber den Rest der Arbeiterklasse wie auch gegenüber den älteren Generationen, etc.), sondern demonstrierten wieder einmal die Vorreiterrolle, die die Jugend im Kampf für eine bessere Gesellschaft oftmals spielt. In der Tat mischte in der Geschichte der Arbeiterbewegung die Jugend wiederholt an vorderster Front mit. Noch nicht der Macht der Gewohnheit, der Routine des Alltags erlegen, ist die Bereitschaft, Überliefertes in Frage zu stellen und neue Wege zu beschreiten, in ihr oft stärker als in anderen Teilen der Arbeiterklasse ausgeprägt.

Die geistige Verelendung eines Teils der Arbeiterjugend

Wie kein anderer Teil der Menschheit ist die junge Generation im Allgemeinen und die Arbeiterjugend im Besonderen ein empfindlicher Seismograph, der jede gesellschaftliche Erschütterung zuverlässig anzeigt. Dies im positiven, aber auch im negativen Sinne. So finden schon seit einigen Jahren Entwicklungen statt, die Anlass zu tiefer Besorgnis geben. Ein wachsender Teil der Arbeiterjugend wird einer immer schlimmeren Verelendung überlassen. Dabei bezieht sich diese Verelendung nicht allein auf das materielle Wohl der heranwachsenden Generation von jungen ArbeiterInnen. Sie erfasst auch zunehmend den geistig-seelischen Zustand eines nicht unerheblichen Teils dieser Generation, der zwischen Körperkult und Todessehnsucht, Kriminalität und Trunksucht, Resignation, Ausländerhass und Fanatismus schwankt.

Greifen wir zwei Beispiele heraus: Seit Jahren verkünden die staatlichen Repressionsorgane, Polizei und Justiz, dass die Kriminalitätsrate in Deutschland allgemeinhin rückläufig sei. Allein die Jugendkriminalität habe auch im vergangenen Jahr zugenommen. Es fällt auf, dass dabei die Gewalt- und Rohheitsdelikte gegenüber Eigentumsdelikten überwiegen. Ob Amokläufe wie jener von Erfurt, sadistische Gruppenexzesse gegen Einzelne, Messerstechereien vor Diskotheken oder brutale, durch Nichtigkeiten ausgelöste Gewaltakte gegen wildfremde Menschen - all diese Untaten, fast immer von jungen Männern zwischen 16 und 25 begangen, zeichnen sich gleichermaßen durch ihre völlige Hemmungslosigkeit wie durch ihre totale Sinnlosigkeit aus.

Das zweite Beispiel für die geistige Verelendung eines wachsenden Teils der Arbeiterjugend ist ihr Alkoholkonsum, der alarmierende Ausmaße angenommen hat. Laut jüngsten Umfragen betrinkt sich nahezu die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland mindestens zweimal im Monat bis zum Vollrausch. Immer öfter muss die Feuerwehr ausrücken, um schwer alkoholisierte Teenager auf den Straßen und Plätzen aufzusammeln. Rausch- und Wetttrinken sind gängige Praxis unter vielen Jugendlichen. Und die Spirituosenhersteller sowie die Gastronomie tragen ihr Teil dazu bei, um den Alkoholkonsum der Jugend zu forcieren. Ob mit der Herstellung so genannter Alcopops, mit denen ein neuer Käufer- und Konsumentenkreis erschlossen wurde, junge Frauen und Mädchen, oder mit Kampagnen wie das "Flatrate-Trinken".

Sowohl der steigenden Gewaltbereitschaft als auch dem grassierenden Alkoholismus ist eines gemeinsam: die Desperadomentalität eines wachsenden Teils der Jugend, ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben anderer oder der eigenen Gesundheit. Sie sind der Aufschrei verängstigter Seelen, die ein Leben ohne Perspektive und Hoffnung vor sich wähnen. Eine lebende Manifestation des Zerfalls der kapitalistischen Gesellschaft.

Der Kampf der Arbeiter und Arbeiterinnen um ihre Kinder

Es ist keine Küchenpsychologie, wenn man einen Zusammenhang zwischen der nun schon seit 40 Jahren sich langsam, aber stetig verschärfenden Krise des Weltkapitalismus einerseits und der Verelendung und Verrohung junger Menschen andererseits vermutet. Ein ständig wachsender Teil der Arbeiterjugend, besonders aus den sog. Unterschichten, den "bildungsfernen" Familien, fühlt sich um sein Leben betrogen. Ihre Schulzeit auf dem Abstellgleis "Hauptschule" verbringend, ohne jede Aussicht auf einen Arbeitsplatz, mit dem sie sich selbst oder gar eine Familie ernähren können, sehen sich diese Jugendlichen aus der Gesellschaft ausgeschlossen und um ihre Menschenwürde gebracht. Angesichts dieses Gemütszustandes reicht oftmals ein kleiner Funken, um eine Explosion der Aggressionen und Gewalt auszulösen. Und auch jene Teile der Arbeiterjugend, die noch in intakten Familien und Verhältnissen leben, sind Opfer einer immer mörderischeren Konkurrenz. Sie sehen sich einem immensen Druck ausgesetzt, der sich im Schulstress, in Versagensängsten, in der Gewissheit äußert, dass ein schlechter Schulabschluss oder die falsche Schule ein Leben als prekär Beschäftigter und Hartz IV-Empfänger bedeuten kann. Was Wunder, dass immer mehr Jugendliche immer häufiger und immer früher die Flucht in den Alkohol und anderen Drogen suchen, um sich diesem Leistungsdruck entziehen.

Neben den materiellen, von der Krise des Kapitalismus bedingten Ursachen spielt auch der massive Werteverfall in der Gesellschaft eine gewichtige Rolle bei der Verelendung der jungen Generation. Einerseits bietet die traditionelle Ideologie der herrschenden Klasse immer größeren Teilen der Arbeiterjugend keine Heimat mehr. Ihre Versatzstücke (Familie, Karriere, Nation, etc.) lösen sich im Strudel der Krise des Kapitalismus auf. Ihnen ist schon längst die Fähigkeit abhanden gekommen, die Arbeiterklasse und insbesondere ihre Jugend für ihre ultimo ratio zu mobilisieren. Andererseits ist es der Arbeiterklasse, die gerade dabei ist, ihre Identität wiederzuentdecken, insgesamt noch nicht gelungen, in diese Lücke zu stoßen, d.h. über den bloßen, ökonomischen Widerstand hinauszugehen und ihre historische Alternative wieder in das Bewusstsein der Menschen zu rücken. Noch werden ihre Werte vom Chor des Nihilismus, Hedonismus und des Gewaltkultes übertönt. Das Ergebnis dieses Patts: Die Gesellschaft zerfällt in ihre einzelnen Bestandteile, ihre sozialen und moralischen Bande lösen sich zusehends auf. Einer der Hauptleidtragenden des gesellschaftlichen Zerfalls ist die Jugend, die noch auf der Suche nach einer persönlichen Identität, nach einem Platz in der Gesellschaft ist.

Doch es gibt Anlass zur Hoffnung. Die Arbeiterklasse hat mit der seit 2003 nicht abreißenden Kette von Streiks überall auf der Welt, von Ägypten bis Bangladesh, von Europa bis zu den USA, ein neues Kapitel in ihrem Kampf aufgeschlagen. Es gibt Indizien dafür, dass - anders als die Kämpfe zwischen 1968 und 1989, die letztlich an ihrer fehlenden Politisierung scheiterten - die neue Welle von Kämpfen tiefer gehen wird. Objektive Indizien wie die Tiefe der Krise heute, die keinen Platz für Illusionen mehr lässt, und subjektive Anzeichen wie die Arbeitersolidarität, die bereits in dem einen oder anderen Kampf aufkeimt, oder wie die Massenstreiks, die da und dort, namentlich in Ägypten und Bangladesh, aufflammen. In der Tat ist die Politisierung und Ausweitung des Klassenkampfes der einzige Weg, um den gordischen Knoten, die gegenseitige Neutralisierung der beiden gesellschaftlichen Hauptklassen, zu zerschlagen und eine neue revolutionäre Epoche einzuleiten.

Letztendlich wird erst der revolutionäre Klassenkampf der Arbeiterjugend eine Heimat schaffen und ihren Enthusiasmus wecken. Doch schon jetzt können wir ein wachsendes Interesse junger Menschen an Alternativen feststellen. Sicherlich nimmt sich die Zahl dieser jungen Leute im Vergleich mit dem Rest ihrer Generation noch lächerlich gering aus, doch gegenüber der Lage in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts handelt es sich hier um eine nicht unbedeutende Entwicklung. Sie könnte der Vorbote einer viel breiteren Bewegung in der Zukunft sein, in der die Arbeiterjugend mit ihrem Elan und ihrer Begeisterungsfähigkeit, mit ihrer Unbekümmertheit und Unerschrockenheit wieder an die Spitze der Klassenbewegung rücken wird. 5/08, Conny