Anmerkungen zur Geschichte der imperialistischen Konflikte im Nahen Osten (Teil II)

Konflikt im Nahen Osten: Anmerkungen zur Geschichte der
imperialistischen Konflikte im Nahen Osten (Teil II) 

Am Ende des ersten Teils dieser
Artikelserie (Internationale Revue 34) haben wir gesehen, dass die Entwicklung
des zionistischen Nationalismus und seine Manipulation durch die Briten im
Kampf gegen ihre imperialistischen Rivalen um die Vorherrschaft im Nahen Osten
am Ende des Ersten Weltkrieges einen neuen Faktor der Destabilisierung in
dieser Region darstellten.

In diesem Artikel beabsichtigen
wir zu untersuchen, wie es dazu kam, dass der arabische und der zionistische
Nationalismus eine zunehmend wichtige Rolle im Nahen Osten spielten, beide als
Faustpfand im komplexen Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen
Grossmächten und als Bedrohung der Arbeiterklasse in der Phase nach der
Russischen Revolution.

Der Zionismus als Mittel der
Spaltung in der Arbeiterklasse

Die kapitalistische Klasse hat
stets versucht, die ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede in der
Arbeiterklasse zu benutzen und gar zu verschärfen, "zu teilen und zu
herrschen".

Es trifft durchaus zu, dass in
den meisten Ländern der Kapitalismus in seiner aufsteigenden Phase fähig war,
unterschiedliche ethnische und religiöse Gruppen durch die Proletarisierung
ihrer Mitglieder gesellschaftlich zu integrieren. So wurden die rassischen,
ethnischen und religiösen Spaltungen in der Bevölkerung wesentlich verringert.
Aber der moderne Zionismus ist tief geprägt durch seine Entstehung am Ende
dieser aufsteigenden Phase, als die Epoche der Nationalstaatenbildung zu Ende
ging und es keinen "Lebensraum"1 für die Entstehung neuer Nationen
gab, als das Überleben des Kapitalismus nur noch durch Krieg und Zerstörung
möglich war.

Als 1897 der Erste
Zionistenkongress in Basel die Forderung nach einem jüdischen
Nationalterritorium erhob, lehnte der linke Flügel der Zweiten Internationalen
die Bildung neuer territorialer Einheiten bereits ab.

1903 lehnte die SDRAP
(Sozialdemokratische Russische Arbeiterpartei) die Existenz einer unabhängigen,
separaten jüdischen Organisation in ihren Reihen ab und verlangte, dass sich
diese Organisation – "Der Bund" (Allgemeiner Jüdischer
Arbeiterverband in Litauen, Polen und Russland) – mit der russischen
Territorialpartei verschmilzt. Der Zweite Kongress der RSDAP 1903 setzte die
Frage des Bundes nicht nur als ersten Punkt, noch vor der Debatte über die
Statuten, auf die Tagesordnung, sondern "wies jegliche Möglichkeit
föderaler Beziehungen zwischen der RSDAP und dem Bund als prinzipiell
unzulässig zurück". Der Bund seinerseits lehnte damals die Bildung einer
"jüdischen nationalen Heimstatt" in Palästina ab.

Der linke Flügel der Zweiten
Internationalen vor dem Ersten Weltkrieg wandte sich somit deutlich gegen die
Bildung eines jüdischen Staates in Palästina.

Die Geburt des politischen
Zionismus fiel mit dem Anstieg der jüdischen Einwanderung in den Nahen Osten
und vor allem in Palästina zusammen. Die erste grosse jüdische Siedlerwelle kam
nach den Pogromen und der Repression im zaristischen Russland 1882 in Palästina
an; die zweite Flüchtlingswelle aus Osteuropa nach der Niederlage der
revolutionären Kämpfe von 1905 in Russland. 1850 lebten 12'000 Juden in
Palästina, 1882 35'000 und 1914 90'000.

Grossbritannien plante nun, die
Zionisten als zuverlässige Verbündete gegen seine europäischen Widersacher,
besonders Frankreich, und gegen die arabische Bourgeoisie einzusetzen.
Grossbritannien befand sich in einer Position, die es ihm erlaubte, sowohl den
Zionisten als auch der aufkommenden panarabischen Bourgeoisie Versprechungen zu
machen, wobei es voll auf die Karte des "Teile und herrsche" setzte –
eine Politik, die Grossbritannien bis zum Beginn des II. Weltkrieges
erfolgreich praktizierte. Während des Ersten Weltkrieges wurde sowohl den
Zionisten als auch den ersten panarabischen Nationalisten, als Belohnung für
ihre Unterstützung Grossbritanniens im Krieg, der Erhalt Palästinas
versprochen. Die Balfour-Deklaration von 1917 sicherte dies den Zionisten just
in dem Moment zu, als T.E. Lawrence ("Lawrence von Arabien") vom
britischen Auswärtigen Amt den arabischen Stammesführern dasselbe versprach,
als Dank für die Inszenierung des arabischen Aufstands gegen das kollabierende
Osmanische Reich.

Als Grossbritannien von
Völkerbund 1922 das "Palästina-Mandat" erhielt, waren von 650'000
Einwohnern Palästinas 560'000 Muslime und Christen sowie 85'000 Juden. Die
Zionisten versuchten nun, so schnell wie möglich die Zahl der jüdischen
Ansiedler zu vergrössern, indem sie den Zustrom gemäss ihrer imperialistischen
Ziele regulierten. Ein "Kolonialbüro" wurde eingerichtet, um die
Ansiedlung der Juden in Palästina zu fördern.

Der Zionismus war aber nicht
ausschliesslich ein Instrument der britischen Interessen im Nahen Osten: Er
verfolgte auch sein eigenes kapitalistisches Expansionsprojekt, die Errichtung
eines eigenen jüdischen Staates – ein Projekt, das im dekadenten Kapitalismus
nur auf Kosten der regionalen Widersacher durchgesetzt werden kann und
unvermeidlich mit Krieg und Zerstörung verknüpft ist.

Der moderne Zionismus ist also
ein typischer Ausdruck der Dekadenz dieses Systems. Er ist eine Ideologie, die
nicht ohne militärische Mittel verwirklicht werden kann. Mit anderen Worten:
Ohne Krieg, ohne vollständige Militarisierung, ohne Ausgrenzung und ohne
"Eindämmungspolitik" ist der Zionismus unmöglich.

Indem sie also die Bildung
einer jüdischen Heimstatt unterstützten, haben die englischen
"Beschützer" nichts anderes getan, als grünes Licht für die ethnische
Säuberung, für die gewaltsame Deportation der ansässigen Bevölkerung zu geben.
Diese Politik ist zur ständigen und weit verbreiteten Praxis in allen durch
Krieg zerrissenen Ländern geworden. Sie ist zu einem klassischen Merkmal der
Dekadenz geworden.2

Obwohl die Politik der
ethnischen Säuberung und der Rassentrennung nicht auf das Gebiet des ehemaligen
osmanischen Reiches beschränkt war, wurde diese Region dennoch zu einem Zentrum
dieser mörderischen Praktiken. Der Balkan hat während des ganzen 20.
Jahrhunderts unter der Folge von ethnischen Säuberungen und Massakern gelitten –
alle durch die europäischen Mächte und die USA unterstützt und manipuliert. Die
herrschende Klasse in der Türkei führte einen schrecklichen Völkermord an den
Armeniern durch – das Blutbad, in dem 1'500'000 Armenier durch türkische
Truppen getötet wurden, begann 1915 und ging nach dem Ersten Weltkrieg weiter.
Im Krieg zwischen Griechenland und der Türkei (März 1921 bis Oktober 1922)
wurden 1,3 Millionen Griechen aus der Türkei vertrieben und 450'000 Türken aus
Griechenland.

Das zionistische Vorhaben, eine
eigene territoriale Einheit zu schaffen, basierte notwendigerweise auf
Rassentrennung, Teilung, Zwietracht, Deportation, kurz: auf militärischen
Schrecken und Vernichtung – dies alles lange, bevor der zionistische Staat 1948
proklamiert wurde.

Der Zionismus ist eine
besondere Form des Kolonialismus, die nicht auf der Ausbeutung der lokalen
Arbeitskraft beruht, sondern auf deren Ausgrenzung und Vertreibung. Arabische
Arbeiter sollten nicht Teil der "jüdischen Gemeinschaft" sein,
sondern wurden auf der Grundlage der Parole "Jüdisches Öl, jüdische
Arbeit, jüdische Waren!" rigoros ausgeschlossen.

Die Gesetze, die das britische
Protektorat einführte, legten fest, dass die jüdischen Siedler ihr Land den
arabischen Grundbesitzern abkauften. Die Besitzrechte waren vor allem in den
Händen reicher arabischer Grundbesitzer, für die das Land hauptsächlich ein
Spekulationsobjekt bedeutete. Darüber hinaus akzeptierten sie es, die
palästinensischen Tagelöhner und Pachtbauern zu vertreiben, wenn dies die neuen
Besitzer wünschten. So haben viele Bauern und Landwirtschaftsarbeiter sowohl
ihr Land als auch ihre Arbeit verloren. Die Errichtung jüdischer Siedlungen
bedeutete nicht nur ihre Vertreibung aus dem Land, sondern auch ihr Sturz in
noch grösseres Elend.

Die Zionisten untersagten den
Weiterverkauf des Landes an Nicht-Juden, wenn jüdische Siedler es einmal
gekauft hatten. Es war nicht nur eine Ware, ein Stück jüdischer Privatbesitz,
sondern es war Teil des zionistischen Territoriums geworden, das wie eine
Eroberung militärisch verteidigt werden musste.

In der Wirtschaft wurden die
arabischen Arbeiter aus ihren Jobs gedrängt. Die zionistische Gewerkschaft
Histadrut tat in enger Zusammenarbeit mit anderen zionistischen Organisationen
alles, um die arabischen Arbeiter daran zu hindern, ihre Arbeitskraft den
jüdischen Kapitalisten zu verkaufen. So wurden die palästinensischen Arbeiter
in die Kollision mit den jüdischen Einwanderern gedrängt, die ebenfalls Arbeit
suchten.

Die Errichtung einer jüdischen
Heimstatt, wie es das britische "Protektorat" versprochen hatte,
bedeutete nichts anderes als andauernde militärische Konfrontationen zwischen
den Zionisten und der arabischen Bourgeoisie – mit der Arbeiterklasse und den
Bauern, die auf dieses blutige Terrain gezogen wurden.

Was war die Haltung der
Kommunistischen Internationalen zur imperialistischen Situation im Nahen Osten
und zur Bildung einer "jüdischen Heimstatt"?

Die Politik der
Kommunistischen Internationalen: eine verhängnisvolle Sackgasse

Rosa Luxemburg hatte während
des I. Weltkriegs festgestellt: "In der Epoche dieses entfesselten
Imperialismus kann es keine nationalen Kriege mehr geben. Die nationalen
Interessen sind nur eine Verschleierung mit dem Ziel, die arbeitenden
Volksmassen in den Dienst ihres Todfeindes zu stellen: des Imperialismus".
(Junius-Broschüre, Entwurf vom Spartakusbund, im Januar 1916 angenommen.)

Als die russischen Arbeiter im
Oktober 1917 die Macht ergriffen hatten, versuchten die Bolschewiki, den Druck,
den die Bourgeoisie mit ihren Weissen Armeen auf die Arbeiterklasse ausübten,
zu verringern und die Unterstützung der "schuftenden Massen" der
Nachbarländer mit der Parole der "nationalen Selbstbestimmung" zu
gewinnen – eine Position der SDRAP, die von der Strömung um Rosa Luxemburg
bereits vor dem I. Weltkrieg kritisiert wurde (s. die Artikel in
Internationalen Review 34, 37, 42, engl., franz. und span. Ausgabe). Anstatt
den Druck der Bourgeoisie zu schwächen und die "schuftenden Massen"
hinter sich zu scharen, hatte die bolschewistische Politik eine gegenteilige,
verhängnisvolle Wirkung. Rosa Luxemburg schreibt in ihrer Broschüre Zur
russischen Revolution: "Während Lenin und Genossen offenbar erwarteten,
dass sie als Verfechter der nationalen Freiheit ‚bis zur staatlichen
Absonderung Finnlands, die Ukraine, Polen, Litauen, die Baltenländer, die
Kaukasier usw. zu ebenso vielen treuen Verbündeten der russischen Revolution
machen würden, erlebten wir das umgekehrte Schauspiel: Eine nach der anderen
von diesen ‚Nationen‘ benutzte die frische geschenkte Freiheit dazu, sich als
Todfeindin der russischen Revolution gegen sie mit dem deutschen Imperialismus
zu verbünden und unter seinem Schutze die Fahne der Konterrevolution nach
Russland selbst zu tragen (…). Statt die Proletarier in den Randländern vor
jeglichen Separatismus als rein bürgerlichen Fallstrick zu warnen und die
separatistischen Bestrebungen mit eiserner Hand, deren Gebrauch in diesem Falle
wahrhaft im Sinne und Geist der proletarischen Diktatur lag, im Keime zu
ersticken, haben sie vielmehr die Massen in allen Randländern durch ihre Parole
verwirrt und der Demagogie der bürgerlichen Klassen ausgeliefert. Sie haben
durch diese Förderung des Nationalismus den Zerfall Russlands selbst
herbeigeführt, vorbereitet und so den eigenen Feinden das Messer in die Hand
gedrückt, das sie der russischen Revolution ins Herz stossen sollten."
(Zur russischen Revolution, Dietz Verlag Berlin 1979)

Als die revolutionäre Welle
zurückzuweichen begann, begann der Zweite Kongress der Kommunistischen
Internationale im Juli 1920 eine opportunistische Position zur nationalen Frage
zu entwickeln, in der Hoffnung, die Unterstützung der Arbeiter und Bauern in
den Kolonialländern zu gewinnen. Die Unterstützung angeblich
"revolutionärer" Bewegungen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht
"bedingungslos", sondern folgte gewissen Kriterien. Punkt 11 der
"Thesen über die nationale Frage", die vom Kongress verabschiedet
wurden, unterstreicht: "Es ist notwendig, die Bestrebungen der
Unabhängigkeitsbewegungen, die in Tat und Wahrheit weder kommunistisch noch
revolutionär sind, energisch zu bekämpfen, um die kommunistischen Ansichten
hervorzuheben: Die Kommunistische Internationale darf die revolutionären
Bewegungen in den Kolonien und rückständigen Ländern nur unter der Bedingung
unterstützen, dass die Elemente der reinsten und wahrhaftigsten kommunistischen
Parteien gruppiert sind und sich über ihre vorrangigen Aufgaben im Klaren sind:
Ihre Aufgabe, die bürgerliche und demokratische Bewegung zu bekämpfen. Die
Kommunistische Internationale muss dabei zeitlich begrenzte Beziehungen
eingehen und auch Bündnisse mit den revolutionären Bewegungen in den Kolonien
und rückständigen Ländern eingehen, dies allerdings ohne jemals mit ihnen zu
fusionieren und indem sie immer den unabhängigen Charakter der proletarischen
Bewegung – sogar in ihrer embryonalen Form – bewahren".

Punkt 12 der Thesen fährt fort:
"Es ist notwendig, den arbeitenden Massen aller Länder und vor allem der
rückständigen Länder und Nationen, unermüdlich den von den imperialistischen
Mächten mit Hilfe der herrschenden Klassen in den unterdrückten Ländern
aufgezogenen Schwindel zu enthüllen. Sie tun, als ob sie die Existenz
politische unabhängiger Staaten unterstützen – die in Tat und Wahrheit
ökonomisch und militärisch Vasallen sind. Ein schlagendes Beispiel für diesen
Schwindel (…) ist die Angelegenheit der Zionisten in Palästina (…). Bei der
gegenwärtigen internationalen Sachlage gibt es kein Wohl für die schwachen und
unterdrückten Völker ausserhalb der Union der sowjetischen Republiken".

Als aber die Isolierung der
Russischen Revolution wuchs und die Komintern3 und die bolschewistische Partei
immer opportunistischer wurden, wurden die anfänglichen Kriterien für die
Unterstützung bestimmter "revolutionärer Bewegungen" fallen gelassen.
Auf ihrem 4. Kongress im November 1922 führte die Internationale die
katastrophale Politik der "Einheitsfront" ein, wobei sie darauf
bestand: "Die grundlegende gemeinsame Aufgabe aller
national-revolutionären Bewegungen besteht darin, die nationale Einheit und die
politische Autonomie zu verwirklichen". ("Allgemeine Thesen über die
Frage des Orients", Faksimile, Maspero). Während die Kommunistische Linke,
vor allem die Gruppe um Bordiga, einen erbitterten Kampf gegen die Politik der
"Einheitsfront" führte, erklärte die Kommunistische Internationale:
"Die Weigerung der Kommunisten in den Kolonien, sich am Kampf gegen die
imperialistische Unterdrückung zu beteiligen, und dies unter dem Vorwand der
alleinigen ‚Verteidigung‘ der Klasseninteressen, ist Ausdruck des übelsten
Opportunismus, der die proletarische Revolution im Orient nur in Verruf bringen
kann".(idem).

Doch es war die Internationale,
die dem Opportunismus verfiel. Dieser opportunistische Kurs wurde bereits im
September 1920 in Baku auf dem Kongress der Völker des Orients sichtbar, kurz
nach dem Zweiten Kongress der Kommunistischen Internationalen. Der Kongress von
Baku richtete sich vor allem an die nationalen Minderheiten in den
Nachbarländern der belagerten Sowjetrepublik, wo der britische Imperialismus
damit drohte, seinen Einfluss auszuweiten und damit neue Sprungbretter für
bewaffnete Interventionen gegen Russland zu schaffen.

"Als Folge eines
ungeheuren und barbarischen Blutbades erschien der britische Imperialismus als
alleiniger, allmächtiger Herrscher Europas und Asiens"
("Manifest" des Kongresses der Völker des Orients). Indem sie von der
falschen Voraussetzung ausging, dass "der britische Imperialismus, indem
er alle Widersacher geschwächt und geschlagen hat, allmächtiger Beherrscher
Europas und Asiens geworden ist", unterschätzte die Kommunistische
Internationale die neue Ebene der imperialistischen Rivalitäten, die durch den
Eintritt des Kapitalismus in seine Dekadenz entfesselt wurden.

Hatte nicht der Erste Weltkrieg
gezeigt, dass alle Länder, ob gross oder klein, imperialistisch geworden waren?
Der Kongress von Baku konzentrierte sich stattdessen ausschliesslich auf den
britischen Imperialismus: "Grossbritannien, letzte imperialistische
Vormacht Europas, hat seine schwarzen Schwingen über den islamischen Ländern
des Orients ausgebreitet, es versucht, die Völker des Orients zu unterwerfen,
um sie zu versklaven und daraus Beute zu schlagen. Sklaverei! Schreckliche
Sklaverei, Verfall, Unterdrückung und Ausbeutung, das bringt Grossbritannien
den Völkern des Orients. Verteidigt Euch, Völker des Orients! (…) Bereitet Euch
vor für den Kampf gegen den gemeinsamen Feind, den britischen
Imperialismus!" (idem).

Die Politik der Unterstützung
der "national-revolutionären" Bewegungen und der Appell an eine
"anti-imperialistische Front" bedeutete konkret, dass Russland und
die bolschewistische Partei, die zunehmend vom russischen Staat vereinnahmt
wurde, Bündnisse mit nationalistischen Bewegungen eingingen.

Schon 1920 drängte Kemal
Atatürk4 Russland dazu, eine anti-imperialistische Front mit der Türkei zu
bilden. Kurz nach der Niederwerfung des Kronstädter Arbeiteraufstandes im März
1921 und dem Beginn des Krieges zwischen Griechenland und der Türkei
unterzeichnete Moskau ein Freundschaftsabkommen zwischen Russland und der
Türkei. Nach wiederholten Kriegen unterstützte zum ersten Mal eine russische
Regierung die Existenz der Türkei als Nationalstaat.

Die Arbeiter und Bauern
Palästinas wurden ebenfalls in die Sackgasse des Nationalismus gestossen:
"Wir betrachten die nationalistische arabische Bewegung als eine wichtige
Kraft, die den englischen Kolonialismus bekämpft. Es ist unsere Pflicht, alles
zur Unterstützung dieser Bewegung in ihrem Kampf gegen den Kolonialismus zu
tun".

Die Kommunistische Partei
Palästinas, gegründet 1922, rief zur Unterstützung des Muftis Hafti Amin
Hussein auf. 1922 war Letzterer zum Mufti Jerusalems und Präsidenten des
obersten islamischen Rates geworden: Er war einer derjenigen gewesen, die am
lautesten die Bildung eines unabhängigen palästinensischen Staates forderten.

Ob 1922 in der Türkei, in
Persien oder 1927 in China – diese Politik der Kommunistischen Internationalen
war verheerend für die Arbeiterklasse. Wegen ihrer Unterstützung der lokalen
Bourgeoisien drängte die Komintern die Arbeiter in die blutigen Arme einer sich
selbst als "fortschrittlich" gerierenden Bourgeoisie. Dass Ausmass
der Ablehnung des proletarischen Internationalismus‘ zeigt sich in einem Aufruf
der Kommunistischen Internationalen von 1931, die damals zu einem Werkzeug des
russischen Stalinismus geworden war: "Wir rufen alle Kommunisten auf,
einen Kampf um nationale Unabhängigkeit und nationale Einheit zu führen, nicht
nur innerhalb der engen Grenzen, die der Imperialismus und die Interessen der
herrschenden Familienclans eines jeglichen arabischen Landes willkürlich
geschaffen haben, sondern diesen Kampf für die Einheit des gesamten Orients auf
breiter panarabischer Front zu führen."

Der Kampf innerhalb der
Kommunistischen Internationalen zwischen den opportunistischen Konzessionen
gegenüber den "nationalen Befreiungsbewegungen" und der Verteidigung
des proletarischen Internationalismus wird an der Opposition verschiedener
jüdischer Delegationen zum Kongress von Baku ersichtlich.

Eine "Delegation der
Bergjuden" konnte noch einen wahrhaften Widerspruch in Worten zum Ausdruck
bringen, indem sie erklärte: "Nur der Sieg der Unterdrückten über die
Unterdrücker führt uns zum heiligen Ziel: die Bildung einer kommunistischen
jüdischen Gesellschaft in Palästina". Die Abordnung der kommunistischen
jüdischen Partei (Poale Zion, vorher dem jüdischen Bund angegliedert) rief zur
"Besiedlung und Kolonisierung Palästinas nach kommunistischen
Prinzipien" auf.

Das Zentralbüro der jüdischen
Sektionen der kommunistischen Partei Russlands widersetzte sich entschlossen
den gefährlichen Illusionen über die Errichtung einer jüdischen kommunistischen
Gemeinschaft in Palästina und der Art und Weise, wie die Zionisten das jüdische
Projekt für ihre eigenen imperialistischen Interessen einsetzten. Gegen die
Spaltung der jüdischen und arabischen Arbeiter unterstrich die jüdische Sektion
der russischen kommunistischen Partei: "Unter Zuhilfenahme des
zionistischen Lakaien des Imperialismus zielt die britische Politik darauf ab,
einen Teil des jüdischen Proletariats vom Kommunismus wegzuziehen, indem in ihm
nationalistische Gefühle und Sympathien für den Zionismus geweckt werden (…)
Wir verurteilen auch scharf die Versuche gewisser linkssozialistischer
jüdischer Gruppen, den Kommunismus mit dem Festhalten an der zionistischen
Ideologie zu verbinden. Wir sehen dies im Programm der so genannten Jüdischen
Kommunistischen Partei (Poale Zion). Wir glauben, dass es in den Reihen der
Kämpfer für die Rechte und Interessen der Arbeiterklasse keinen Platz für Gruppen
gibt, die den nationalistischen Hunger der jüdischen Bourgeoisie auf die eine
oder andere Art hinter der Maske des Kommunismus verbergen, indem sie die
zionistische Ideologie unterstützen. Sie benutzen kommunistische Parolen, um
bürgerlichen Einfluss auf die Arbeiterklasse auszuüben. Wir stellen fest, dass
in der gesamten Zeit, in der die jüdische Arbeiterbewegung existierte, die
zionistische Ideologie dem jüdischen Proletariat fremd war (…) Wir erklären,
dass die jüdischen Massen die einzige Möglichkeit für ihre sozioökonomische und
kulturelle Entwicklung nicht in der Erschaffung eines ‚nationalen Zentrums‘ in
Palästina sehen, sondern in der Errichtung der Diktatur des Proletariats und
der Bildung von sozialistischen Sowjetrepubliken in den Ländern, in denen sie
leben." (Kongress von Baku, September 1920, eigene Übersetzung).

Doch während die Spannungen
zwischen den jüdischen Siedlern und den palästinensischen Arbeitern und Bauern
zunahmen, führte der Niedergang der Kommunistischen Internationale, als sie
sich dem russischen Staat unterwarf, zur Spaltung zwischen der zunehmend
stalinistischen Kommunistischen Internationalen und der Kommunistischen Linken
in der palästinensischen und in anderen Fragen. Während die Kommunistische
Internationale die palästinensischen Arbeiter dazu drängte, "ihre
eigene" Bourgeoisie gegen den Imperialismus zu unterstützen, verstand die
Kommunistische Linke die Auswirkungen der englischen Politik des Teile und
Herrsche und die verheerenden Folgen der Komintern-Position, die die
Arbeiterklasse in eine Sackgasse führte: "Der englischen Bourgeoisie ist
es gelungen, die Klassengegensätze zu verstecken. Die Araber sehen nur gelbe
und weisse Rassen und betrachten die Juden als Schützlinge der weissen
Rasse" (Proletarier, Mai 1925, Zeitschrift der Kommunistischen
Arbeiterpartei Deuschlands, KAPD).

"Für den wahren
Revolutionär gibt es natürlich keine ‚Palästinafrage‘, sondern nur den Kampf
aller Ausgebeuteten des Nahen Ostens, arabische und jüdische Arbeiter
inbegriffen, und dieser Kampf ist Teil des allgemeinen Kampfes aller
Ausgebeuteten der ganzen Welt für die kommunistische Revolution" (Bilan,
Nr. 31, 1936, Bulletin der italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken).5

(Fortsetzung folgt)
D.

Fußnoten:

1 Der "Lebensraum" war eine Rechtfertigung Hitlers
für die Expansion der "arischen Rasse" im Osten, der von slawischen
"Untermenschen" besiedelt war.

2 Folgt man der Logik der ethnischen Säuberung, müssten
Deutsche und Kelten Europa verlassen und nach Indien und Zentralasien
zurückkehren, wo sie einst herkamen; die Lateinamerikaner spanischer Herkunft
müssten zur iberischen Halbinsel zurückgeschickt werden. Diese absurde Logik
kennt keine Grenzen: Die Südamerikaner müssten alle Südamerikaner europäischer
oder anderer Herkunft verjagen, die Nordamerikaner alle afrikanischen Sklaven
deportieren, nicht zu reden von sämtlichen europäischen Bevölkerungsgruppen,
die im 19. Jahrhundert einwanderten. Wir müssten uns in der Tat fragen, ob
nicht die ganze menschliche Spezies zur afrikanischen Wiege zurückkehren
sollte, von wo sie einst ihre Emigration begann…?

Seit dem 2. Weltkrieg gab es eine unaufhörliche Folge von
Vertreibungen: Drei Millionen Deutsche wurden aus der ehemaligen tschechischen
Republik vertrieben; der Balkan war ständiger Schauplatz ethnischer
Säuberungen; die Spaltung von Indien und Pakistan 1947 führte zur grössten
Vertreibung aller Zeiten, und zwar in beide Richtungen; in den 1990er-Jahren
lieferte Ruanda mit den Massakern zwischen Hutus und Tutsis ein besonders
blutiges Beispiel: Binnen drei Monate wurden zwischen 300'000 und einer Million
Menschen massakriert.

3 d.h. die Kommunistische Internationale.

4 Kemal Atatürk, geboren 1881 in Saloniki, militärischer Held
im Ersten Weltkrieg nach seinem Erfolg gegen den alliierten Angriff auf
Gallipoli 1915, organisierte 1919 die nationale republikanische türkische
Partei und stürzte den letzten osmanischen Sultan. Später spielte er eine
wichtige Rolle bei der Gründung der ersten türkischen Republik 1923 nach dem
Krieg gegen Griechenland und blieb bis zu seinem Tod 1938 Präsident. Unter
seiner Herrschaft zerschlug der türkische Staat die Macht der religiösen
Schulen und unternahm ein umfassendes "Europäisierungsprogramm",
einschliesslich der Ersetzung der arabischen durch die lateinische Schrift.

5 s. die zwei Arikel aus Bilan 30 und 31, Der Konflikt
Juden/Araber: Die Position der Internationalisten in den 30er-Jahren, in: Revue
Internationale Nr.31.

Geographisch: 

Theoretische Fragen: