Die Organisationsauffassung der Deutsch-Holländischen Linken

Submitted by InternationaleRevue on Sam, 25/02/2006 - 15:59.

 

Die Organisationsauffassung der Deutsch-Holländischen Linken

 

 

Die Diskussionsgruppen und Individuen, die heute auf der Grundlage revolutionärer Positionen auftauchen, müssen ihre theoretische Klärung mit einer Wiederan­eignung der Positionen der Kommunistischen Linke verbin­den, der Positionen der Deutschen und Holländischen Linke eingeschlossen. Insbesondere die letztgenannten haben als erste theoretisch und politisch eine ganze Reihe von grundlegenden Klassenpositionen verteidigt: Verwerfung der gewerkschaftlichen Arbeit und des Par­lamentarismus, der substitutionistischen Auffasung der Partei, sie haben die Einheitsfrontpolitik verworfen und alle sogenannten sozialistischen Länder als kapi­talistische Staaten bezeichnet.

 

Jedoch reicht diese Wiederaneignung unter einem ausschließlich theoretischen Betrachtungswinkel der Klas­senpositionen nicht aus. Ohne eine klare Auffassung  von der revolutionären Organisation sind diese Gruppen und Individuen zum Absterben verurteilt. Es reicht nicht aus, sich als Revolutionär in Worten und auf individuel­le Weise zu bezeichnen, denn man muß auch die Klassen­positionen organisiert und kollektiv verteidigen. Die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Organisation, die eine unabdingbare Funktion in der Klasse spielt und als kollektiver, zentralisierter Körper handeln muß, ist die Vorbedingung einer jeden militanten Arbeit. Jedes Zögern oder Unverständnis der Notwendigkeit der Organi­sation führt unvermeidlich zu einem Zerfall. Das trifft insbesondere für die heutigen rätekommunistischen Grup­pen zu..

 

Die Lehren aus der Geschichte der Deutschen und Hollän­dischen Linke zu ziehen, bedeutet die vitale Notwen­digkeit einer Organisation aufzuzeigen, damit die Theorie keine reine Spekulation, sondern eine Waffe wird, die die proletarischen Massen in der zukünftigen Revolution erfaßt.

 

Der geschichtliche Beitrag der Deutschen Linke - und hauptsächlich der KAPD - besteht nicht darin, die Not­wendigkeit der Partei in der Revolution erkannt zu ha­ben. Für die KAPD, die sich 1920 als Partei gründet, war das selbstverständlich. Ihr grundlegender Beitrag besteht darin verstanden zu haben, daß die Funktion als Partei in der dekadenten Periode nicht mehr die gleiche ist. Die Partei war nun nicht mehr Massenpartei, die die Klasse hervorbringt: die Arbeiterräte und die Streik­komitees. Die Partei ist eine für die Revolution kämp­fende Partei und nicht mehr für die schrittweisen Refor­men, weil das Proletariat in den Gewerkschaften nichts zu suchen und in den Parlamenten nichts mehr zu sagen hat  - außer zu deren Zerstörung beizutragen. Schließ­lich weil die Partei ein Teil der Klasse und nicht ihr Repräsentant oder ihr Chef ist, kann sie nicht die Aufgaben der Klasse im Kampf oder bei der Übernahme der Macht übernehmen. Die Diktatur der Klasse ist die der Arbeiterräte und nicht die der Partei. Im Gegensatz zu der bordigistischen Auffassung schafft nicht die Partei die Klasse, sondern die Klasse die Partei (1). Das bedeutet  nicht - wie es die populistische oder mensche­wistische Auffassung vertritt - , daß die Partei  im Dienst der Klasse stünde. Sie ist kein Diener, der sich passiv an alle Zögerungen oder Fehler der Klasse anpaßt. Im Gegensatz, sie muß "also durch ihr gesamtes Verhal­ten das Klassenbewußtsein des Proletariats entwickeln, selbst um den Preis eines vorübergehenden äußerlichen und scheinbaren Gegensatzes zu den breiten Massen" (Pkt. 10).

 

 

Die KAPD in Deutschland und die KAPN Gorters in Holland hatten nichts gemeinsam mit der Auffassung Rühles, auf den sich heute die Rätekommunisten berufen. Rühle und seine Tendenz  in Dresden wurden am Ende des Jahres 1920 aus der KAPD ausgeschlossen. Die KAPD hatte ebensowenig gemeinsam mit den anarchistischen Tendenzen, die behaup­ten, jede Partei sei ihrem Wesen nach konterrevolutio­när, daß die Revolution nicht eine Parteisache, sondern eine Frage der Erziehung sei. Die Auffassungen des Päda­gogen Rühle hatten nichts mit den Positionen der KAPD zu tun. Für die KAPD entspricht die Partei nicht dem Willen eines Einzelnen, sie „muß ein programmatisch durchge­arbeitetes, in einheitlichem Wollen zusammengeschweiß­tes, von unten her einheitlich organisiertes und diszi­pliniertes Ganzes sein".

 

Die Partei spielt in der Tat eine entscheidende Rolle in der proletarischen Revolution. Weil sie in ihrem Programm und  in ihren Aktionen den bewußten Willen der Klasse kristallisiert und zusammenbündelt, ist sie eine unabdingbare Waffe der Klasse. Weil die Revolu­tion grundlegend politisch ist, und sie einen gnaden­losen Kampf gegen die bürgerlichen Tendenzen und Par­teien erfordert, die gegen das Proletariat antreten, ist die Partei ein politisches Kampf- und Klärungs­instrument. Diese Auffassung  hat nichts zu tun mit den substitutionistischen Ideen der Partei. Die Partei wird von der Klasse hervorgebracht  und  ist deshalb ein akti­ver Faktor bei der Entwicklung des allgemeinen Klassen­bewußtseins der Klasse. Mit der Niederlage der Revolution  in Deutschland, dem Niedergang der Revolution in Rußland traten bestimmte Schwächen der KAPD wieder an die Oberfläche.

 

 

DER VOLUNTARISMJS UND DIE DOPPELORGANISATION

 

Die KAPD, die zum Zeitpunkt gegründet wurde, als die Re­volution in Deutschland nach der Niederlage von 1919 wieder zurückwich, fing an die Idee zu verteidigen, daß man ein Nachlassen des revolutionären Geistes in Deutsch­land durch eine Taktik der Putsche ersetzen könnte. Während der März-Aktion in Mitteldeutschland im Jahre 1921 rief sie die Arbeiter der Leuna-Werke (in der Nähe von Halle) zum Aufstand gegen deren Willen auf. Damit verdeutlichte sie ein tiefgreifendes Unverständnis der Funktion der Partei, das zu ihrem Auseinanderbrechen beitrug. Die KAPD hielt noch an der Auffassung von der Partei fest, derzufolge diese ein militärischer Stabschef des Proletariats sei, während die Partei aber in Wirklichkeit vor allem eine politische Avantgarde der gesamten Arbeiterklasse ist.

 

In Anbetracht des Auseinanderbrechens der Arbeiterräte und weil sie Gefangener ihres Voluntarismus war, versteif­te sich die KAPD darauf, die Idee zu verteidigen, daß das Proletariat eine permanente Doppelorganisation ha­ben müsse. Somit trugen sie zu den Verwechslungen zwi­schen Einheitsorganisationen der Klasse, die in und für den Kampf entstehen (Vollversammlungen, Streikkomi­tees, Arbeiterräte) und der Organisation der revolutio­nären Minderheiten bei, die in diesen Einheitsorganisa­tionen intervenieren, um deren Handlungen und Diskussio­nen voranzutreiben. Weil sie die UNIONEN verteidigten und an deren Aufrechterhaltung festhielten - die UNIONEN waren Fabrikorganisationen, die in der deutschen Revolution entstanden waren und sich an die Partei anlehn­ten - wobei sie gleichzeitig neben der Partei existie­ren, vermochten sie deren Aufgehen nicht mehr zu definie­ren. Entweder sollten sie zu einem Propagandabund werden (3), ein einfacher politischer Anhängsel, Fabrikor­ganisationen mit starken ökonomistischen Tendenzen oder eine Partei leninistischen Typs werden, die Transmissions­rienen (Verbindungsglieder) auf ökonomischer Ebene in der Klasse haben sollte. D.h. in beiden Fällen nicht mehr zu wissen, wer was ist und wer was macht (4).

 

Daß die falschen Auffassungen der KAPD weitgehend zu ihrem Verschwinden beigetragen haben, steht außer Zweifel. Heute müssen die Revolutionäre daraus die Lehre ziehen, daß man durch aktivistische und immediatistische Bestrebungen die zahlenmäßig schwache Existenz durch die Schaffung von künstlichen, an die Partei gebundenen "Arbeitergruppen" nicht überwinden kann. Das ist bei­spielsweise die Auffassung der Communist Workers Organi­sation und Battaglia Comunista. Der geschichtliche Un­terschied ist jedoch gewaltig: genauso wie die KAPD mit Organen (Unionen) zu tun hatte, die künstliche Versuche darstellten, die Arbeiterräte am Leben zu halten, die gerade verschwunden waren, beruht die gegenwärtige Auf­fassung der revolutionären Organisationen, die einen opportunistischen Hang haben, auf Bluff.

 

 

Die Entstehung der Partei

 

Hinter den Fehlern der KAPD auf organisatorischer Ebene bestand die Schwierigkeit zu verstehen, daß nach dem Scheitern der Märzaktion von 1921 die revolutionäre Wel­le zu einem Stillstand gekommen war, und daß man daher die Lehren aus diesen Aktionen in solch einer Lage zie­hen mußte. Als Organisation, die einen direkten Ein­fluß auf die Aktionen und die Diskussionen der Arbeitermassen hat, kann die revolutionäre Partei nur in einem Zeitraum ansteigender Klassenkämpfe gegründet werden. Insbesondere ermöglichte die Niederlage und der Rück­fluß der Revolution es nicht, die revolutionäre Organi­sation am Leben zu halten, die ihre Funktion als Par­tei voll erfüllt. Wenn solch ein Rückfluß des Kampfes länger dauert, wenn der Weg offen steht, daß die Bour­geoisie die Lage wieder unter Kontrolle bekommt, tritt die Partei entweder in einen Zerfallsprozeß unter dem Druck der wachsenden Konterrevolution ein (dann ent­stehen in ihren Reihen Fraktionen, die die politische und theoretische Arbeit der Partei fortsetzen, so wie das bei der Italienischen Fraktion der Fall war), oder der Einfluß der Partei und die Anzahl ihrer Militanten nehmen stark ab. Dann wird sie automatisch zu einer kleineren Organisation, die sich nur als Hauptaufgabe stellen kann, den theoretischen und politischen Rahmen für die nächste revolutionäre Welle vorzubereiten. Die KAPD verstand nicht, daß die revolutionäre Welle eingedämmt, gar zum Stillstand gebracht worden war. Daher ihre Schwierigkeit, die Bilanz aus den vorhergehenden Zeitraum zu ziehen und sich auf die neue Periode einzustellen.

 

Diese Schwierigkeiten haben zwei verschiedene falsche und inkohärente Antworten innerhalb der Deutschen und Holländischen Linke hervorgebracht:

 

-          auf voluntaristische Weise die Schaffung einer neuen Internationale zu verkünden (z.B. die Kommunistische Arbeiterinternationale Gorters aus dem Jahre 1921);(5),

 

-          sich nicht in eine Fraktion umgewandelt zu haben, stattdessen haben sie sich zu einer Partei erklärt und zig Spaltungen vorgenommen. Der Begriff "Partei" wurde eine einfache Etikette für jede sich abspaltende Organisation, die auf einige wenige Hundert Mitglie­der zusammenschrumpfte, wenn nicht weniger (6).

 

 

Dieses mangelnde Verständnis sollte dramatische Folgen haben. In der Deutschen Linke sollten 3 Strömungen gleichzeitig bestehen, während die Berliner KAPD immer schwächer wurde:

 

- die einen unterstützten Rühles Auffassungen, denen zu­folge jede politische Organisation als solche schlecht ist; sie verfielen sanft in den Individualismus und ver­schwanden von der politischen Szene;

 

- andere, insbesondere in der Berliner KAPD, die gegen die anarchistischen Tendenzen in den Unionen ankämpften, neigten dazu, die Arbeiterräte zu verwerfen, um nur noch die Partei zu akzeptieren. Sie entwickelten eine bordigistische Auffassung (7);

 

- die letzten schließlich gingen davon aus, daß die Or­ganisation als Partei unmöglich sei. Die Kommunistische Arbeiter-Union (8), die aus dem Zusammenschluß der Ab­spaltung von der KAPD und den Unionen (Allgemeine Ar­beiter-Union und Allgemeine Arbeiter-Union-Einheit) ent­stand, betrachtete sich nicht wirklich als Organisation, sondern als eine lose Verbindung zerstreuter, dezentra­lisierter Tendenzen. Der organische Zentralismus der KAPD wurde aufgegeben.

 

Diese letzte Strömung, die von der 1927 gegründeten holländischen GIK (9) unterstützt wurde, sollte in der Holländischen Linke triumphieren.

 

 

Die  Deutsch-Holländische Linke  der GIK, Pannekoek und der Spartacusbond

 

Das Trauma des Niedergangs der Russischen Revolution und der bolschewistischen Partei hinterließ schwerwiegende Streitigkeiten. Die Holländische Linke, die das theore­tische Erbe der Deutschen Linke übernahm, hat daraus nicht die positiven Aspekte bei der Partei- und Organi­sationsfrage der Revolutionäre übernommen.

 

Sie verwarf die substitutionistischen Auffassungen von der Partei als Stabschef der Klasse, gleichzeitig gab es aber für sie nur noch die allgemeine Organisation der Klasse: die Arbeiterräte. Die revolutionäre Orga­nisation wurde nur als Propagandabund der Arbeiterräte aufgefaßt.

 

Das Konzept der Partei wurde entweder verworfen oder seines Inhaltes entleert. So ging Pannekoek einmal davon aus, daß "eine Partei jetzt eine Organisation be­deutet, die die Arbeiterklasse führen und beherrschen will". Andererseits meinte er, "die Parteien - oder Diskussionsgruppen oder Propagandavereinigungen, egal welchen Namen man ihnen gibt - ein ganz anderes We­sen haben als die Organisation politischer Parteien, die wir aus der Vergangenheit kennen".

 

Von einer richtigen Idee ausgehend - nämlich daß die Organisation und die Partei im dekadenten Kapitalismus ihre Funktion ändern - , gelangten sie zu falschen Schluß­folgerungen. Sie verstanden jetzt nicht mehr, was die Organisation einer Partei im aufsteigenden Kapitalismus von einer Partei in einer revolutionären Periode unterscheidet, d.h. in einem Zeitraum der vollen Reifung des Klassenbewußtseins, sondern sie gaben auch die marxisti­sche Auffassung von der politischen Organisation als aktiver Faktor des Klassenkampfes auf.

 

Die untrennbaren Funktionen der Partei, Theorie und Pra­xis, wurden getrennt. Die GIK faßte sich nicht als po­litischer Körper mit einem Programm auf, sondern als eine Summe individueller Bewußtsein und als die Summe getrennter Aktivitäten. So befürwortete die GIK die Bil­dung von föderativen "Arbeitergruppen", weil sie Angst hatten, daß eine durch ihr Programm vereinigte Organi­sation entstehen könnte und organisatorische Regeln aufstellen würde.

 

 

"Es ist besser, daß revolutionäre Arbeiter in Tausen­den von kleinen Gruppierungen an der Bewußtwerdung der Klasse arbeiten, als daß ihre Tätigkeit in einer großen Organisation dem Herrschaftsstreben ihrer Führung unterworfen wird" (S. 167, H. Canne-Mejer, Das Werden einer neuen Arbeiterbewegung).

 

Gefährlicher war die Definition der Organisation als eine "Meinungsgruppe", was den Weg zum theoretischen Ekklektizismus eröffnete. Pannekoek zufolge zielte die theoretische Arbeit auf die persönliche Selbsterzie­hung. Aus jedem Kopf würden persönliche Gedankengänge, persönliche Meinungen entstehen, und in jedem dieser. eigenen Gedanken würde ein mehr oder weniger großer Teil der Wahrheit vorhanden sein. Die marxistische Auffassung von einer kollektiven Organisationsarbeit wurde durch eine idealistische Betrachtungsweise ersetzt. Der Ausgangspunkt war das individuelle Bewußtsein, genau wie bei der Philosophie Descartes. Er ging sogar soweit zu sagen, daß das Ziel der politi­schen Klärung in der Klasse nicht vorhanden sei.

 

Wenn die Organisation nur eine Arbeitsgruppe wäre, wo jeder sich eine Meinung bilden könnte, könnte sie genauso gut nur eine Diskussionsgruppe oder eine "Stu­diengruppe" sein, die sich als Ziel setzt, die gesell­schaftlichen Ereignisse zu analysieren.

 

Die Notwendigkeit von "Diskussionsgruppen", deren Funk­tion die politische und theoretische Klärung war, hat sicher bestanden. Aber sie entsprach dem Anfangsstadium der Entwicklung der revolutionären Bewegung im letzten Jahrhundert. Diese Phase, als überall Sekten und kleine, getrennte Gruppen entstanden, war nur vorübergehend.

 

Das Sektierertum und der Föderalisnus, die in solchen aus der Klasse hervorgegangenen Gruppen bestanden, waren Kinderkrankheiten. Diese Krankheiten verschwanden mit dem Auftauchen zentralisierter politischer Organisatio­nen. Wie Mattick 1935 schrieb, war diese Auffassung der GiK und Pannekoeks ein Rückschritt.

 

"Eine föderalistische Organisation kann sich nicht durchsetzen, weil sie der monopolkapitalistischen Si­tuation, in der sich das Proletariat befindet, über­haupt nicht entspricht. Sie wäre noch ein Schritt zurück hinter die alte Bewegung, statt ein Schritt über sie hinaus" (Mattick, Räte-Korrespondenz, Nr. 10-11, Sept. 1935, S. 67).

 

In Wirklichkeit funktionierte die GIK wie eine Födera­tion "unabhängiger Einheiten", die unfähig waren, eine aktive politische Rolle zu spielen. Es lohnt sich, einen Artikel von Canne-Mejer aus dem Jahre 1938 (Radencommunismus Nr. 3) zu zitieren:

 

"Die Gruppe der internationalen Kommunisten hatte keine Statuten, keine obligatorischen Mitgliedsbeiträge, und an ihren "internen" Treffen konnten ande­re Genossen anderer Gruppen teilnehmen. Deshalb konnte man nie die genaue Zahl ihrer Mitglieder wis­sen. Es gab niemals eine Abstimmung, sie war nicht nötig, weil man keine Parteipolitik betreiben woll­te. Man diskutierte Probleme und wenn es wichtige Meinungsunterschiede gab, wurden die verschiedenen Standpunkte veröffentlicht- mehr nicht. Ein Mehr­heitsbeschluß blieb ohne Bedeutung. Die Arbeiterklasse selbst sollte entscheiden".

 

Irgendwie hat sich die GIK vor Angst, die Klasse zu ver­gewaltigen, selbst kastriert. Aus Angst, das Gewissen eines jeden durch Organisationsregeln zu vergewaltigen oder die Klasse zu vergewaltigen, indem ihr eine "Stel­lungnahme" aufgezwungen wird, machte der GIK ihre Existenz als militanter Teil der Klasse unmöglich. In der Tat gibt es ohne regelmäßig vorhandene finanzielle Mittel keine Möglichkeit, eine Revue und Flugblätter während des Krieges herauszubringen. Ohne Statuten gibt es keine Regeln, die der Organisation jederzeit das Funk­tionieren sichern. Ohne Zentralisierung mit gewählten Exekutivorganen gibt es ebensowenig Möglichkeiten am Leben zu bleiben und Aktivitäten über eine längere Zeit aufrechtzuerhalten, insbesondere in Zeiträumen der Illegalität, wo die Schutzmaßnahmen gegenüber der Repression die größte, strengste Zentralisierung erfordern. Und in den Zeiträumen des ansteigenden Klassenkampfes - so wie heute - ist es dann auch unmöglich, auf zentralisierte Weise und weltweit im Proletariat zu intervenieren.

 

Diese Irrwege des Rätekommnismus, die damals von der GIK und heute von den informellen Gruppen, die sich auf den Rätekommunismus berufen, eingeschlagen wurden, stützen sich auf die Auffassung, daß die Organisation kein aktiver, sondern ein negativer Faktor in der Klas­se sei. "Indem die Arbeiterklasse entscheidet", meint man, die revolutionäre Organisation "stehe im Dienste" der Klasse, d.h. die Organisation stellt hauptsächlich eine Abzugsmaschine zur Verfügung und wird überhaupt nicht als politische Gruppe aufgefaßt, die nämlich manchmal selbst in der Revolution dazu gezwungen sein mag, gegen die allgemeine Strömung anzuschwimmen. Die Organisation ist keine Widerspiegelung dessen, was die "Arbeiter denken" (12), sie ist ein kollektiver Körper, der eine historische Betrachtungsweise des Weltprole­tariats hat, denn das Weltproletariat ist nicht das, was es zu diesem oder jenem Zeitpunkt denken mag, son­dern zu tun gezwungen ist: nämlich zur Verwirklichung der kommunistischen Ziele.

 

Es ist daher kaum verwunderlich, daß die GIK 1940 ver­schwand. Die gesamte theoretische Arbeit wurde vom Spartacusbond überliefert, der aus einer Spaltung der Partei Sneevliets im Jahre 1942 entstand (13). Trotz einer klaren Auffassung von der Funktion - der Bond erkannte die unabdingbare Rolle einer Partei in der Revolution als aktiver Faktor bei der Bewußtseinsent­wicklung an - und der Funktionsweise - der Bond hatte Statuten und Zentralorgane - wurde er schließlich doch von den alten Ideen der GIK zur Organisation beherrscht.

 

Heute liegt der Spartacusbond im Sterben und Daad en Gedachte - die 1965 aus dem Bond austrat - berichtet wie ein Wetterbericht über die Arbeiterkämpfe. Heute ringt die Holländische Linke als revolutionäre Strömung mit den Tode. Deshalb kann ihr theoretisches Erbe nicht durch sie selbst an die in der Klasse entstehenden re­volutionären Elemente überliefert werden. Das Begreifen und das Überwinden dieses Erbe muß das Werk revolutio­närer Organisationen sein und nicht die Arbeit von In­dividuen oder Diskussionsgruppen.

 

Die rätekommunistischen Ideen zur Organisation sind jedoch nicht verschwunden: eine kritische Bilanz der Or­ganisationsauffassung der Deutschen und Holländischen Linke zu ziehen, bedeutet nicht das Scheitern der revo­lutionären Organisationen aufzuzeigen, sondern ihre unabdingbare Rolle, um die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und sich auf die zukünftigen Kämpfe vorzube­reiten.

 

Ohne revolutionäre Theorie gibt es keine revolutionäre Bewegung - selbst ohne revolutionäre Organisation gibt es keine revolutionäre Theorie, Dies nicht zu ver­stehen, bedeutet für jede informelle Organisation und für die Individuen ins Nichts geführt zu werden. Das ist der Weg, der einen den Glauben und die Einsicht über die Möglichkeit der Revolution aus den Augen ver­lieren läßt.

 

(aus International Review, Nr.37, 4/1984, Ch.)

 

 

FUSSNOTEN

 

(1) "... daß man überhaupt nicht von einer Klasse spre­chen kann, solange nicht eine Minderheit dieser Klasse danach strebt, sich als politische Partei zu organi­sieren" (aus "Partei und Klasse", Bordiga).

 

(2)  "Thesen über die Rolle der Partei in der proletari­schen Revolution", KAPD, 1920

 

(3)Wie es Franz Pfemfert, der Freund Rühles, und Direk­tor der Revue "Die Aktion", sowie KAPD-Mitglied behauptete (4) Michaelis, ehemaliger Führer der KAPD und Mitglied der KAU im Jahre 1931 erklärte: "In der Praxis wurde die Union selbst eine zweite Partei.. die KAP faßte später die gleichen Elemente wie die Unionen zusammen".

 

(5) Kommunistische Arbeiter-Internationale, KAI;

 

(6) 1925 gab es in Deutschland 3 KAPDs: eine Berliner Tendenz und zwei Essener Tendenzen. Dieser Fehler, der zum damaligen Zeitpunkt zu einer Tragödie für das proletarischer Lager in Europa wurde, wiederholte sich in der Form einer Farce im Jahre 1943 in Italien, als inmitten der Konterrevolution die Internationalistische Kommunistische Partei um Damen und Maffi gegründet wurde. Heute weiß man, daß es vier ‚Parteien‘ in Italien gibt, die sich alle auf die Italienische Linke berufen. Dieser Größenwahnsinn der kleinen Gruppen, die sich alle für ‚die Partei‘ halten, träge heute dazu bei, die Notwendigkeit der Partei ins Lächerliche zu ziehen und den schwierigen Prozess der Umgruppierung zu behindern, die eine subjektive Vorbedingung für das zukünftige Entstehen einer wirklichen Weltpartei des Proletariats ist.

 

(7) Der gleiche Michaelis gab 1931 zu: „Das ging sogar soweit, daß für viele Militanten die Arbeiterräte nur als möglich betrachtet wurden, in dem Maße wie sie die Linie der KAPD akzeptierten.“

 

(8) KAU= Kommunistische Arbeiter Union

 

(9) GIK= Gruppe Internationaler Kommunisten

 

(10) Partei und Arbeiterklasse, 1936

 

(11) Die Arbeiterräte, 1946

 

(12) In der gleichen zitierten Nummer von Radenkommunismus steht: „Wenn es einen wilden Streik gab, baten die Streikenden die Gruppen darum, Flugblätter abzuziehen. Diese machten das auch, selbst wenn sie nicht vollständig mit dem Inhalt einverstanden waren.“

 

(13) Siehe dazu die Artikel in der International Review Nr. 38 & 39 (engl./franz. Ausgabe): „Der Kommunistenbond Spartacus und die rätekommunistische Strömung 1942-48“.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 erschienen in Internationale Revue Nr.9,

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neue Kommentare abschicken

Der Inhalt dieses Feldes ist privat und wird nicht öffentlich gezeigt werden.
  • Erlaubte HTML-Tags: <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

CAPTCHA
Diese Frage ist für die Prüfung, ob Sie ein menschlicher Besucher sind.
Image CAPTCHA
Die Zeichen (unter Beachtung von Groß-/Kleinschreibung) aus dem Bild.