Russische Revolution – erste bewusste und massive Revolution der Geschichte

Der Kampf der Arbeiterklasse und kommunistische Revolution: das sind Begriffe, die viele heute als veraltet, von der Geschichte überholt darstellen. Der Zusammenbruch der staatskapitalistischen Regime in der ehemaligen UdSSR und in Osteuropa unter dem Wirbelsturm der weltweiten Wirtschaftskrise bot all den Gegnern der russischen Revolution von 1917 eine Gelegenheit, all die alten, jahrzehntelang verbreiteten Lügen über dieses geschichtliche Ereignis erneut aufzuwärmen. An zentraler Stelle dieser Lügen: die Machtergreifung durch die Arbeiterklasse in Rußland sei ein reiner Staatsstreich, die Manipulierung der rückständigen Massen des zaristischen Rußland durch die Bolschewistische Partei gewesen. Wir sind schon in mehreren Texten auf das Wesen der Revolution und auf die kapitalistische Konterrevolution in Rußland eingegangen (1). In dieser Artikelreihe wollen wir einige grundlegende Erfahrungen des Proletariats und der revolutionären Organisationen wieder aufgreifen. Wir wollen hier zunächst hervorheben, daß die Russische Revolution von 1917 vor allem das kollektive Werk der Arbeiterklasse auf dem Hintergrund einer internationalen Welle von Aufständen der Arbeiterklasse gegen den Krieg und das kapitalistische System war. Und diese Erfahrung stellt trotz all ihrer Grenzen einen reichen Erfahrungsschatz dar, der die Fähigkeit der Arbeiterklasse, ihr Schicksal in ihre eigenen Hände zu nehmen, beweist. In weiteren Artikeln werden wir die Rolle der Bolschewiki in den Ereignissen untersuchen, schließlich die Ursachen der Niederlage und des Triumphes der kapitalistischen Konterrevolution in Rußland selber aufgreifen.

„Die Russische Revolution von 1917 war vor allem eine überwältigende Tat der ausgebeuteten Massen, um die bürgerliche Ordnung zu überwinden, die sie zu bloßen Rädern in einer wirtschaftlichen Maschine und zu purem Kanonenfutter im Krieg zwischen den imperialistischen Mächten hatte werden lassen. Eine Tat, wo Millionen von Arbeiter all die anderen ausgebeuteten Teile der Bevölkerung hinter sich brachten, indem sie es ihnen ermöglichten, als eine einzige Kraft gemeinsam zu handeln. Durch diese Tat konnten sie ihr eigenes Schicksal in die Hände nehmen, mit dem Aufbau einer neuen Gesellschaft beginnen, einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, ohne Kriege, ohne Klassen, ohne Nationen, ohne Armut: eine kommunistische Gesellschaft“ (Internationale Revue, Nr. 51, ‚Vor 70 Jahren: die Russische Revolution’).

DIE RUSSICHE REVOLUTION: SPEERSPITZE DER INTERNATIONALEN BEWEGUNG DES PROLETARIATS GEGEN DEN WELTKRIEG

Im Jahr 1914 stürzten Regierungen, Könige, Politiker und das Militär als Verteidiger eines gesellschaftlichen Systems, das in die Niedergangsphase eingetreten war, die Menschheit in die Katastrophe des 1. Weltkriegs. Das Abschlachten von 20 Mio. von Menschen, eine bis dahin in diesem Ausmaß nie erreichte Zerstörung, Destabilisierung, Armut und Hunger, Tod, harte Kriegsdisziplin und unbeschreibliche Leiden an der militärischen Front; ganz Europa versank in einem See von Chaos, Barbarei, Zerstörung der Industrie, von Gebäuden, Wohnungen...

Das internationale Proletariat begann gegen diese kriegerische Barbarei zu reagieren, nachdem es  sich vom Gift des Patriotismus und von demokratischen Lügen der verschiedenen Regierungen, die durch den Verrat der Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien und der Gewerkschaften unterstützt wurden, nicht mehr mitreißen ließ. Vom Ende des Jahres 1915 an explodierten in Rußland, Deutschland, Österreich und anderswo Streiks, Hungerrevolten, Demonstrationen gegen den Krieg. An der Front kam es zu Meutereien, kollektiven Desertionen, Verbrüderungen zwischen den Soldaten der beiden Kriegsparteien, vor allem in der russischen und deutschen Armee. Die Internationalisten standen an der Spitze dieser Bewegung - die Bolschewisten, die Spartakisten, die ganze Linke der 2. Internationale. Seit dem Ausbruch des Krieges im August 1914 entblößten sie diesen ohne Zögern als einen imperialistischen Räuberkrieg, als einen Ausdruck der Sackgasse des Weltkapitalismus, als das Signal für das Proletariat, seine geschichtliche Aufgabe zu erfüllen: die internationale sozialistische Revolution zu vollziehen.

Die Vorhut dieser internationalen Bewegung, die den Krieg beenden und die Möglichkeit der Weltrevolution öffnen würde, stellten die russischen Arbeiter dar, die sich seit dem Ende des Jahres 1915 an ökonomischen Streiks beteiligten, auf die seitens der Herrschenden mit einer harten Repression  reagiert wurde. Nichtsdestotrotz wuchs die Bewegung: der 9. Jan. 1916, der Jahrestag der ersten Revolution von 1905, wurde von den Arbeitern mit Streiks begangen. Das ganze Jahr hindurch brachen neue Streiks aus, begleitet von Versammlungen, Diskussionen, dem Aufstellen von Forderungen und Zusammenstößen mit der Polizei.

Gegen Ende 1916 steigen die Preise sprunghaft. Zu Inflation und Transportzerrüttung gesellt sich direkter Warenmangel. Der Verbrauch der Bevölkerung vermindert sich zu dieser Zeit um mehr als die Hälfte. Die Kurve der Arbeiterbewegung steigt schroff nach oben. Mit dem Oktober tritt die Bewegung in Petrograd in das entscheidende Stadium ein und vereinigt alle Arten der Unzufriedenheit: Petrograd nimmt den Anlauf zur Februarrevolution. Eine Versammlungswelle rollte durch die Betriebe. Die Themen sind: Ernährung, Teuerung, Krieg, Regierung. Es werden bolschewistische Flugblätter verteilt. Politische Streiks beginnen. Nach dem Verlassen der Betriebe finden improvisierte Demonstrationen statt. Es werden Fälle von Verbrüderung einzelner Betriebe mit Soldaten beobachtet. Ein stürmischer Proteststreik entbrennt gegen das Gericht über die revolutionären Matrosen der baltischen Flotte... Die Proletarier fühlen, daß es keinen Rückzug mehr gibt. In jedem Betrieb entsteht ein aktiver Kern, am häufigsten um die Bolschewiki. Streiks und Meetings finden während der ersten Februarwochen ununterbrochen statt. Am 8. Februar wurden Polizisten im Putilowwerk mit einem Hagel von Eisenstücken und Schlackenöl empfangen... Am 19. sammelte sich vor den Lebensmittelgeschäften viel Volk, besonders Frauen, an, alle forderten Brot. Tags darauf wurden in einigen Stadtteilen Bäckerläden geplündert. Das war bereits das Wetterleuchten des Aufstands, der wenige Tage später ausbrach" (S. 47, ‚Proletariat und Bauernschaft’)

 EINE MASSENBEWEGUNG

Das waren die aufeinanderfolgenden Etappen eines gesellschaftlichen Prozesses, den heute viele Arbeiter als eine Utopie betrachten: die Umwandlung einer atomisierten, apathischen, gespaltenen Masse zu einer vereinten Klasse, die als ein Körper handelte und so fähig war, einen revolutionären Kampf in Gang zu bringen, wie das in den 5 Tagen vom 22.-27. Februar 1917 deutlich wurde. Die Arbeiter erschienen morgens in den Betrieben, gehen jedoch nicht an die Arbeit, sondern veranstalten Versammlungen und bilden Züge, die in das Stadtzentrum marschieren. Neue Stadtbezirke und neue Gruppen der Bevölkerung werden in die Bevölkerung einbezogen. Die Parole 'Brot' wird verdrängt und überdeckt von den Parolen 'Nieder mit dem Selbstherrschertum', 'Nieder mit dem Krieg'. Ununterbrochene Demonstrationen auf dem Newski-Prospekt. Die Masse will nicht mehr weichen, sie widersetzt sich mit optimistischer Wut, bleibt auf den Straßen auch nach den tödlichen Salven... 'Schieße nicht auf deine Brüder und Schwestern!", rufen die Arbeiter und Arbeiterinnen, und nicht nur das: 'Geh mit uns!". So spielt sich auf den Straßen und Plätzen, an den Brücken, an den Toren der Kasernen ein ununterbrochener, bald dramatischer, bald unsichtbarer, aber immer verzweifelterer Kampf ab um die Seele des Soldaten... Die Arbeiter ergeben sich nicht, weichen nicht zurück, unter dem Hagel des Bleies wollen sie das Ihrige erringen. Arbeiterinnen, Frauen, Mütter, Schwestern, Geliebte sind mit ihnen. Das ist ja nun die Stunde, von der man so oft flüsternd in verborgenen Winkeln sprach: "Ja, wenn doch alle gemeinsam..." (Trotzki, ebenda, 5 Tage, S. 133,134,142).

Die herrschenden Klassen konnten es nicht glauben: Sie dachten, daß es sich um eine Revolte gehandelt habe, die verschwinden würde, sobald den Beteiligten eine Lehre erteilt worden sei. Als die terroristischen Aktionen der kleinen Elitekorps, die von den Militärs geschickt wurden, in einem totalen Fiasko endeten, wurde deutlich, wie tief die Bewegung verwurzelt war. "Die Revolution schien schutzlos gegenüber diesen Militärs zu sein, weil sie noch sehr chaotisch verlief... Aber dies war eine falsche Auffassung. Es war nur ein scheinbares Chaos. Darunter entfaltete sich eine unwiderstehliche Kristallisierung der Massen um neue Schwerpunkte" (Trotzki, 'Die Russische Revolution').

Als die ersten Glieder der Kette gebrochen waren, wollten die Arbeiter nicht zurückweichen, und um auf einem festen Boden vorwärts zu schreiten, griffen sie die Erfahrung von 1905 wieder auf, indem sie Arbeiterröte gründeten, die Einheitsorgane der ganzen kämpfenden Klasse. Wie auch immer, die  Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, alte Arbeiterparteien, die durch ihre Teilnahme am Krieg in das Lager der Bourgeoisie übergewechselt waren, versuchten gleich, die Sowjets sofort unter ihre Kontrolle zu bringen. Diese Parteien dienten jetzt dazu, die Provisorische Regierung mit 'großen Persönlichkeiten' zu bilden wie Miljukow, Rodiazno, Kerenski...

Die erste Absicht der Regierung war, die Arbeiter zu überzeugen, daß sie zur 'Normalität, zum Alltag zurückkehren', von ihren 'Träumen ablassen' und sich in eine unterwürfige, passive und atomisierte Masse verwandeln sollten, die die Bourgeoisie benötigte, um ihre Geschäfte und den Krieg weiterzuführen. Die Arbeiter aber wollten dies nicht hinnehmen. Sie wollten leben und eine neue Politik entwickeln, die sie alle selbst praktizierten, indem sie den Kampf um ihre unmittelbaren Interessen mit dem Kampf um die generellen Interessen der ganzen Menschheit verbanden. So forderten die Arbeiter gegen das Beharren der Bourgeoisie und der sozialdemokratischen Verräter, die meinten, man "muß jetzt arbeiten statt zu fordern, weil jetzt politische Freiheit herrscht", den Achtstundentag, um Freiheit zu haben für Versammlungen, Diskussionen, Zum Lesen, um Teil dieser Bewegung sein zu können.

Indes wälzte nach dem Sturz der Selbstherrschaft eine Woge stürmischer Streiks heran. Es gab kein Werk und keine Fabrik, wo nicht sofort und mit einem Mal, ohne auf Zustimmung von oben zu warten, die anstehenden ökonomischen Forderungen - Erhöhung des Lohnes, Kürzung des Arbeitstags usw. - vorgetragen worden wären. Die 'ökonomischen Konflikte nahmen quantitativ mit jedem Tag zu und wurden im Rahmen des sich entfaltenden Kampfes immer umfassender' (A. Pankratova, Fabrikröte in Rußland, S. 170).

Am 18. April veröffentlichte Miljukow, ein Minister der Kadetten in der Provisorischen Regierung, eine Schrift, wo er nochmals versicherte, daß Rußland den Alliierten gegenüber verpflichtet sei, den Krieg weiterzuführen. Die Arbeiter und Soldaten reagierten sofort: Es gab spontane Demonstrationen, Massenversammlungen wurden in den Arbeitervierteln, den Kasernen und Fabriken abgehalten. „Die in der Stadt entstandene Erregung ging jedoch nicht in ihre Ufer zurück. Es versammelten sich die Massen. Meetings wurden abgehalten, an den Straßenkreuzungen gab es Diskussionen, in den Trams teilte man sich in Anhänger und Gegner Miljukows... Die Erregung war nicht auf Petrograd beschränkt, in Moskau ließen die Arbeiter ihre Maschinen stehen und die Arbeiter verließen die Kasernen, mit ihren tumultartigen Protesten zogen sie auf die Straße“ (Trotzki, S. 290). Am 20. April erzwang eine riesige Demonstration Miljukows Rücktritt, und die Bourgeoisie mußte von ihren Kriegsplänen abrücken.

Der Mai war von erregten organisatorischen Aktivitäten geprägt. Es gab weniger Streiks und Demonstrationen, aber das drückte keinen Rückfluß der Bewegung aus. Im Gegenteil: es brachte einen Fortschritt und eine Entwicklung zum Vorschein, weil die Arbeiterklasse sich auf ihre Massenorganisationen konzentrierte, einen Aspekt des Kampfes, der bis dahin nur wenig entwickelt war. Die Sowjets entstanden in den entferntesten Winkeln Rußlands. Gleichzeitig entfaltete sich eine Vielfalt von Massenorganen: Fabrikkomitees, Bauernsowjets, Nachbarschaftssowjets, Soldatenkomitees. Dadurch gruppierten sich die Massen zusammen, diskutierten, dachten zusammen nach und entschieden gemeinsam. Im Kontakt mit diesen Organisationen wachten die meisten auch noch so rückständigen Arbeiter auf. “Die Dienstboten, die man gewohnt war, wie Tiere zu behandeln und mit einem Bettelpfennig zu entlohnen, begannen aufsässig zu werden. Ein Paar Schuhe kostete über 100 Rubel, und da die Löhne in der Regel nicht mehr als 35 Rubel im Monat betrugen, weigerten sich die Dienstboten, um Lebensmittel anzustehen und dabei ihr Schuhzeug zu verderben...  Die Droschkenkutscher hatten einen Verband, sie waren auch im Petrograder Sowjet vertreten“ (J. Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten, S. 49).

Die Arbeiter und Soldaten wurden der niemals endenden Versprechen der Provisorischen Regierung und ihren menschewistischen und sozialrevolutionären Unterstützern überdrüssig, denn es waren Versprechen, die sich durch wachsende Arbeitslosigkeit und Hunger selbst als leer erwiesen. Sie sahen, daß alles, was ihnen in Fragen des Krieges und der Bauern angeboten wurden, hohle Phrasen waren. Sie hatten genug von bürgerlicher Politik und begannen die letzten Konsequenzen ihrer eigenen Politik zu ziehen. Die Forderung nach `Alle Macht den Sowjets‘ wurde zu einem Verlangen, das von den breiten Arbeitermassen getragen wurde (2).

Der Juni war ein Monat von intensiver politischer Agitation, mit als Höhepunkt eine Reihe von bewaffneten Demonstrationen der Arbeiter und Soldaten von Petrograd am 4. und 5. Juli. „In den Vordergrund sind die Betriebe gerückt. Der Bewegung haben sich auch jene Fabriken angeschlossen, die gestern abseits gestanden. Wo die Leitung schwankt oder sich widersetzt, zwingt die Arbeiterjugend das wachdiensthabende Mitglied des Fabrikkomitees, zum Zeichen der Arbeitseinstellung die Fabriksirene heulen zu lassen... Es streikten sämtliche Betriebe, Meetings fanden statt. Man wählte Demonstrationsführer und Delegierte zur Überreichung der Forderungen an das Exekutivkomitee....Aus Kronstadt, aus Nowyj Peterhof, aus Krassnoje Selo, aus dem Fort Krassnaja Gorka, aus der gesamten näheren Peripherie, zu Wasser und zu Lande bewegen sich Matrosen und Soldaten mit Musikorchester, Gewehren, und was das Schlimmste ist, mit bolschewistischen Plakaten“ (Trotzki, Julitage: Kulminationspunkt und Zertrümmerung, S. 432).

Der Juli endete mit einem bitteren Fiasko für die Arbeiter. Die Situation war noch nicht reif für die Machtergreifung, da sich die Soldaten nicht voll mit den Arbeitern identifizierten; die Bauern waren voller Illusionen über die Sozialrevolutionäre und die Bewegung in den Provinzen war rückwärtsgewandt zum Kapital.

In den folgenden beiden Monaten - August und September - wurden die Arbeiter von der Verbitterung über die Niederlage und die gewaltsame Repression der Bourgeoisie angespornt. Die Arbeiter begannen diese Hindernisse praktisch zu lösen. Nicht durch einen ausgearbeiteten Plan, sondern durch ein ‚Meer von Initiativen‘, von Kämpfen und Diskussionen in den Sowjets, die sich im Bewußtwerden der Klasse verwirklichten. Auf diese Weise verschmolzen die Aktionen der Arbeiter und Soldaten:

„Ein Phänomen der ‚Osmose‘ entstand, insbesondere in Petrograd. Als die Agitation die Arbeiterviertel in Vyborg und die in der Hauptstadt stationierten Regimenter sich vereinigen ließ, kam es zu einer wahren Gärung. Die Arbeiter und Soldaten gingen regelmäßig auf die Straße, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Straße gehörte ihnen. Keine Kraft, keine Macht hätte sie zu jener Zeit davon abbringen können, ihre Forderungen vorzutragen oder ihre revolutionäre Lieder zu singen“ (G. Soria, Los 300 dias de la Revolucion Rusa, 4. Kapitel, Una era de crisis)

Nach der Niederlage des Juli dachte die Bourgeoisie, daß sie den Alptraum nun endlich beenden könnte. So zettelte sie einen Militärputsch an, wobei sie die Aufgaben zwischen Kerenskis demokratischem Block und dem offen reaktionären Kornilowblock aufteilten. Kornilov war der Oberbefehlshaber der Armee. Die Arbeit sollten die kossakischen und kaukasischen Regimenter übernehmen, die noch gegenüber der bürgerlichen Ordnung als loyal erschienen. Sie wurden nach Petrograd in Bewegung gesetzt.

Der Versuch war ein völliger Fehlschlag. Die starke Hand der Arbeiter und Soldaten, straff organisiert vom Komitee für die Verteidigung der Revolution - das unter der Kontrolle des Petrograder Sowjets in das revolutionäre Militärkomitee umgewandelt werden sollte - das Organ des Oktoberaufstands, - zwang Kornilow zur Aufgabe. Oder anders, wie es in der Mehrheit der Fälle geschah: Sie desertierten und vereinigten sich mit den Arbeitern und Soldaten. „Die Verschwörung wurde von jenen Kreisen geleitet, die nicht gewohnt und außerstande waren, ohne die unteren Schichten etwas zu tun, ohne Arbeitskraft, ohne Kanonenfutter, ohne Offiziersburschen, Dienstboten, Schreiber, Chauffeure, Gepäckträger, Köchinnen, Waschfrauen, Weichensteller, Telegraphisten, Pferdeknechte, Kutscher. Indes, alle diese kleinen menschlichen Schrauben, diese unmerklichen, zahllosen, unentbehrlichen, standen auf der Seite der Sowjets und gegen Kornilow. Die Revolution war allgegenwärtig. Sie drang überall hin, die Verschwörung überziehend. Sie hatte überall ihr Auge, ihr Ohr, ihren Arm.

Das Ideal der militärischen Erziehung bestand darin, daß der Soldat hinter dem Rücken des Vorgesetzten so handele wie vor dessen Augen. Indes erfaßten die russischen Soldaten und Matrosen im Jahre 1917, während sie die offiziellen Befehle auch unter den Augen der Kommandatur unausgeführt ließen, gierig im Fluge die Befehle der Revolution und erfüllten sie noch häufiger aus eigener Initiative, ehe sie sie erreichten...

Es ging für sie nicht um die Verteidigung der Regierung, sondern um die Beschirmung der Revolution. Um so entschlossener und opfermutiger war ihr Kampf. Der Widerstand gegen die Meuterei erwuchs aus Schienen, Steinen, aus der Luft. Die Eisenbahner der Station Luga, wohin Krymow gekommen war, weigerten sich beharrlich, die Militärzüge abfahren zu lassen, mit dem Hinweis, es gäbe keine Lokomotiven. Die Kosakenstaffeln waren im Augenblick von bewaffneten Soldaten der 20.000 Mann starken Lugaer Garnison umringt: Ein kriegerischer Zusammenstoß fand nicht statt, doch etwas viel Gefährlicheres: ein Kontakt, eine Verbindung, ein gegenseitiges Durchdrungensein“ (Trotzki, Die Bourgeoisie mißt ihre Kräfte mit der Demokratie, S.591 und 598).

EINE BEWUSSTE BEWEGUNG

Die Bourgeoisie betrachtet Arbeiterrevolutionen als kollektiven Wahnsinn, als spontanes Chaos, das auch spontan wieder endet. Die bürgerlicher Ideologie kann nicht zugeben, daß die Ausgebeuteten auf eigene Initiative hin handeln können. Kollektives Handeln, Solidarität, bewußte Aktionen der Mehrheit der Arbeiter, solche Begriffe betrachtet das bürgerliche Denken als unnatürlich, als Utopie (für die Bourgeoisie ist einzig der Krieg aller gegen alle und die Manipulation der großen Masse der Menschheit durch eine kleine Elite ‚natürlich‘). „Blickt man auf die vergangenen Jahrhunderte, erscheint einem die Tatsache der Machtübernahme durch die Bourgeoisie hinlänglich gesetzmäßig: in allen früheren Revolutionen kämpften auf den Barrikaden Arbeiter, Handwerksgehilfen, zum Teil auch Studenten, Soldaten gingen zu ihnen über, die Macht aber nahm dann die solide Bourgeoisie an sich, die, unter Wahrung aller Vorsicht, den Barrikadenkampf von den Fenstern aus verfolgt hatte. Die Februarrevolution von 1917 jedoch unterscheidet sich von allen früheren Revolutionen durch einen unvergleichlich höheren Charakter und hohes politisches Niveau der revolutionären Klasse...demzufolge im Augenblick des Sieges ein neues revolutionäres Machtorgan erstand: der Sowjet, der sich auf die bewaffnete Gewalt der Massen stützte“ (Trotzki, Das Paradoxon der Februarrevolution, S. 145).

Diese völlig neue Dimension der Oktoberrevolution stimmt mit dem Wesen des Proletariats überein, das eine ausgebeutete und revolutionäre Klasse zugleich ist, die sich nur durch gemeinsames und bewußtes Handeln befreien kann.

Die russische Revolution war nicht das rein passive Produkt von schrecklichen objektiven Bedingungen. Sie war ebenso das Produkt einer kollektiven Entwicklung des Bewußtseins. Das Ziehen von Lehren, die Überlegungen, Slogans und das in Erinnerung Rufen der Erfahrungen waren Teil einer Kontinuität der proletarischen Erfahrung, und die sich stützte auf die Pariser Kommune von 1871, die Revolution von 1905, die Kämpfe des Bundes der Kommunisten, der 1. und 2. Internationale, der Zimmerwalder Linken, der Bolschewiki. Natürlich handelte es sich bei der russischen Revolution um eine Antwort auf den Krieg, den Hunger und den barbarischen Todeskampf des Zarismus; jedoch war es eine bewußte Antwort, geleitet von der historischen und globalen Kontinuität der proletarischen Bewegung.

Das äußerte sich konkret in den enormen Erfahrungen, die die russischen Arbeiter in den großen Kämpfen von 1888, 1902, in der Revolution von 1902 und in den Kämpfen von 1912-14 gewonnen hatten. Gleichzeitig führte dieser Prozeß zur Geburt der Bolschewistischen Partei auf dem linken Flügel der 2. Internationale ö... es war nicht die Masse an sich, sondern es war die Masse der Petrograder und der russischen Arbeiter im allgemeinen notwendig, die die Revolution von 1905 erlebt hatte und den Moskauer Dezemberaufstand von 1905,... es war notwendig, daß es in dieser Masse Arbeiter gegeben hat, die über die Erfahrung von 1905 nachgedacht, die konstitutionellen Illusionen der Liberalen und der Menschewiki kritisiert, die Perspektive der Revolution sich angeeignet, Dutzende Male das Problem der Armee überlegt“ (Trotzki, Wer leitete den Februaraufstand?, S. 136)

Mehr als 70 Jahre vor der Revolution von 1917 schrieben Marx und Engels, daß „also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Hals zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden“ (Deutsche Ideologie, MEW 3, Feuerbach, S. 70).

Die russische Revolution festigte diese Position: die Bewegung selbst brachte die Bedingungen für die Selbsterziehung der Massen mit sich: „Eine Revolution lehrt und zwar schnell. Darin besteht ihre Kraft. Jede Woche brachte den Massen etwas Neues. Jeder zweite Monat schuf eine Epoche. Ende Februar - der Aufstand. Ende April - Auftreten bewaffneter Arbeiter und Soldaten in Petrograd! Anfang Juli - ein neues Auftreten in viel breiterem Maßstab und unter entschiedeneren Parolen. Ende August - der Kornilowsche Staatsstreichversuch, von den Massen zurückgeschlagen. Ende Oktober - Machteroberung durch die Bolschewiki. Unter diesen durch die Gesetzmäßigkeit ihrer Rhythmen verblüffenden Ereignisse vollzogen sich tiefe, molekulare Prozesse, die die verschiedenartigen Teile der Arbeiterklasse in ein politisches Ganzes verschmolzen“ (Trotzki, Verschiebungen in den Massen, S. 353)

„Ganz Rußland lernte lesen. Und es las - Politik, Ökonomie, Geschichte. Das Volk wollte WISSEN... . Der Drang nach Wissen, solange unterdrückt, brach sich in der Revolution mit Ungestüm Bahn. Allein aus dem Smolny-Institut gingen in den ersten 6 Monaten täglich Tonnen, Wagenladungen Literatur ins Land. Rußland saugte den Lesestoff auf, unersättlich, wie heißer Sand das Wasser... Und dann das gesprochene Wort, neben dem Carlyles „Flut der französischen Rede“ wie ein armseliges Rinnsal anmutet: Vorlesungen, Debatten, Reden; in Theatern, Zirkussen, Schulen, Klubs, in den Sitzungen der Sowjets, der Gewerkschaften, in den Kasernen.. Versammlungen in den Schützengräben an der Front, auf den Dorfplätzen, in den Fabriken... Was für ein Anblick, die Arbeiter der Putilow-Werke, 40.000 Mann stark, herausströmen zu sehen, um die Sozialdemokraten zu hören, die Sozialrevolutionäre, die Anarchisten - wer immer etwas zu sagen hatte, so lange er reden wollte....In den Versammlungen wurde jeder Versuch, die Redezeit einzuschränken, abgelehnt. Jedermann hatte vollkommene Freiheit, auszusprechen, was er auf dem Herzen hatte...ö (J. Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten,  S. 51).

Die ‚demokratische‘ Bourgeoisie spricht viel von der ‚Meinungsfreiheit‘, aber die Erfahrung zeigt uns, daß sie damit nur die Manipulationen, Theater und Hirnwäsche meint: die wirkliche Meinungsfreiheit kann das Proletariat nur durch seine eigenen revolutionären Taten erobern.

„In jeder Fabrik, in jeder Werkstatt, in jeder Kompanie, in jeder Teestube, im Lazarett, in der Etappe und sogar in dem entvölkerten Dorfe ging eine molekulare Arbeit des revolutionären Gedankens vor sich. Überall gab es Deuter der Ereignisse, hauptsächlich Arbeiter, die man ausfragte, was es Neues gäbe, und von denen man das nötige Wort erwartete... Ihr Klasseninstinkt war durch politisches Kriterium geschärft, und führten sie auch nicht immer ihre Ideen zu Ende, so arbeitete ihr Gedanke doch unablässig und beharrlich stets in der gleichen Richtung. Elemente der Kritik, der Initiative, der Selbstaufopferung durchdrangen die Masse und bildeten die innere, dem oberflächlichen Blick unerreichbare, aber nichtsdestoweniger entscheidende Mechanik der revolutionären Bewegung als eines bewußten Prozesses“ (Trotzki, Wer führte den Februaraufstand an? S. 136).

Diese Überlegung, dieser Bewußtseinsprozeß schreibt  Rosa Luxemburg, legte all die materielle und moralische Ungerechtigkeit offen, die die Arbeitern angetan wird, die unmenschliche Ausbeutung, die miserablen Löhne, das System der feinspitzigen Bestrafungen und die Beleidigungen ihrer menschlichen Würde durch die Kapitalisten und die Bosse. Dieses Netzwerk ruinöser und schändlicher Bedingungen, unter denen sie die Arbeiter gefangenhalten, diese Hölle, die das tägliche Schicksal der Arbeiterklasse unter der Zwangsherrschaft des Kapitalismus ist“ (Rosa Luxemburg, „In revolutionärer Stunde“).

Aus demselben Grund stellte die russische Revolution eine ständige untrennbare Einheit zwischen politischem und wirtschaftlichem Kampf dar: „Nach jeder schäumenden Welle der politischen Aktion bleibt ein befruchtender Niederschlag zurück, aus dem sofort tausendfältige Halme des ökonomischen Kampfes emporschießen. Und umgekehrt. Der unaufhörliche ökonomische Kriegszustand der Arbeit mit dem Kapital hält die Kampfenergie in allen politischen Pausen wach, er bildet sozusagen das ständige frische Reservoir der proletarischen Klassenkraft, aus dem der politische Kampf immer von neuem seine Macht hervorholt, und zugleich führt das unermüdliche ökonomische Bohren des Proletariats alle Augenblicke bald hier, bald dort zu einzelnen scharfen Konflikten, aus denen unversehens politische Konflikte auf großem Maßstab explodieren“ (Rosa Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, Bd 2, S. 128).

Diese Entwicklung des Bewußtseins führte die Arbeiter im Juni und Juli zur Überzeugung, daß sie ihre Energien nicht in tausend ökonomischen Teilkämpfen verschwenden, sondern stattdessen die Energie auf den revolutionären politischen Kampf konzentrieren sollten. Dies hieß nicht, die Kämpfe um unmittelbare Forderungen zurückzuweisen, sondern im Gegenteil hieß dies, ihre politischen Konsequenzen aufzugreifen und umzusetzen.

„Soldaten und Arbeiter glaubten, von der Entscheidung der Frage, wer weiter das Land regieren werde, die Bourgeoisie oder die eigenen Sowjets, hingen alle anderen Fragen ab: sowohl die des Arbeitslohns wie die des Brotpreises wie auch jene, ob man an der Front, unbekannt wofür, umzukommen habe“ (Trotzki, Julitage: Vorbereitung und Beginn, S. 416).

Die Entwicklung des Bewußtseins in der Arbeiterklasse erreichte im Oktoberaufstand ihren Höhepunkt. Seine Atmosphäre beschrieb Trotzki so bewundernswert: „die Massen hatten das Bedürfnis, zusammenzuhalten, ein jeder wollte sich an den anderen überprüfen, und alle beobachteten immer aufmerksamer und gespannter, wie sich der gleiche Gedanke mit all seinen verschiedenen Schattierungen und Strichen in ihrem Bewußtsein wälzte. Endlose Mengen standen an Zirkussen und anderen großen Gebäuden herum, wo die populärsten Bolschewiki mit letzten Schlußfolgerungen und letzten Appellen auftraten... Doch unermeßlich wirksamer war in dieser letzten Periode vor der Umwälzung jene molekulare Agitation, die namenlose Arbeiter, Matrosen, Soldaten führten, Gesinnungsgenossen einzeln werbend, letzte Zweifel vernichtend, letzte Schwankungen überwindend. Die Monate fieberhaften politischen Lebens hatten zahlreiche untere Kader geschaffen, Hunderte und Tausende urwüchsiger Menschen erzogen, die gewohnt waren, die Politik von unten zu beobachten, nicht von oben....Die Masse duldete nun nicht mehr in ihrer Mitte Schwankende, Zweifelnde, Neutrale. Sie war bestrebt, alle zu erfassen, mitzureißen, zu überzeugen, zu gewinnen. Betriebe entsandten gemeinsam mit den Regimentern Delegierte an die Front. Die Schützengräben verbanden sich mit den Arbeitern und Bauern des benachbarten Hinterlandes. In den der Front nahegelegenen Städten fanden zahllose Meetings, Beratungen, Konferenzen statt, wo Soldaten und Matrosen ihre Handlungen in Übereinstimmung brachten mit denen der Arbeiter und Bauern“ (Trotzki, Austritt aus dem Vorparlament und Kampf um den Sowjetkongreß, S. 754 ff.)

„Während die offizielle Gesellschaft, dieser ganze vielstöckige Überbau der herrschenden Kassen, Schichten, Gruppen, Parteien und Cliquen, tagein, tagaus in Trägheit und Automatismus lebte, sich die Zeit mit Resten abgenutzter Ideen vertrieb, taub gegen die unabwendbaren Forderungen der Entwicklung, sich von Gespenstervisionen blenden ließ und nichts voraussah, - vollzog sich in den Arbeitermassen ein selbständiger und tiefer Prozeß des Anwachsens nicht nur des Hasses gegen die Herrschenden, sondern auch der kritischen Erkenntnis von deren Ohnmacht, deren Anhäufung von Erfahrung und schöpferischer Einsicht, die mit dem revolutionären Aufstand und seinem Siege abschloß“ (Trotzki, Wer führte den Februaraufstand? S. 137).

DAS PROLETARIAT: DIE EINZIGE REVOLUTIONÄRE KLASSE

Während die bürgerliche Politik immer von einer kleinen Minderheit, die der herrschenden Klasse angehört, betrieben wird, strebt die Politik des Proletariats nicht auf die Durchsetzung der Interessen von Einzelnen, sondern sie setzt sich für das Wohl der Gesellschaft, der Menschheit insgesamt ein,....die ausgebeutete und unterdrückte Klasse (das Proletariat) kann sich nicht mehr von der sie ausbeutenden und unterdrückenden Klasse (der Bourgeoisie) befreien, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für immer von Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkämpfen zu befreien“ (Engels, 1883, Vorwort zum Kommunistischen Manifest, MEW 4, S. 577). Der revolutionäre Kampf des Proletariats stellt die einzige Hoffnung auf die Befreiung der ausgebeuteten Massen dar. Wie die russische Revolution zeigte, waren die Arbeiter fähig, die Soldaten, von denen mindestens 3/4 unter unerträglichen Bedingungen lebten, für sich zu gewinnen. Die Soldaten waren in großer Mehrheit Bauern in Uniform; aber auch die Bauernbevölkerung selbst konnten die Arbeiter auf ihre Seite ziehen. So bekräftigte das Proletariat, daß die sozialistische Revolution nicht nur eine Antwort auf seine eigenen Interessen war, sondern der einzige Weg, den Krieg und allgemein die kapitalistischen Ausbeutungs- und Unterdrückungsmethoden zu beenden.

Der Wunsch der Arbeiter nach einer Perspektive für die anderen unterdrückten Klassen wurde von den Menschewiki und den Sozialrevolutionären geschickt manipuliert. Im Namen der Allianz mit den Bauern und Soldaten versuchten sie, das Proletariat zu einem Verzicht auf den selbständigen Klassenkampf und die sozialistische Revolution zu bewegen. Auf den ersten Blick erscheint dieser Gedanke „logisch“: wenn wir andere Klassen besiegen wollen, ist es notwendig, unsere Forderungen zurückzustecken, um den geringsten gemeinsamen Nenner zu finden, um den wir uns vereinigen können. „Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen“ (Kommunistische Manifest, MEW 4, S. 472).

Bei einer Allianz zwischen den Klassen kann das Proletariat nur alles verlieren. In einer solchen Situation kann das Proletariat die anderen unterdrückten Klassen nicht für sich gewinnen, sondern wird sie in die Arme des Kapitals treiben, und seine eigene Einheit und das eigene Bewußtsein schwächen. Es wird seine eigenen Forderungen nicht weitertreiben, sondern sie verwässern und negieren. Es wird auf dem Weg zum Sozialismus nicht vorankommen, sondern im Sumpf des dekadenten Kapitalismus steckenbleiben. Tatsächlich hilft dies weder den Kleinbürgern noch den Bauern, sondern trögt dazu bei, diese auf dem Altar des Kapitals zu opfern, weil populäre Forderungen eine Maske der Bourgeoisie sind, um ihre eigenen Interessen hineinzuschmuggeln. Im ‚Volk’ werden nicht die Interessen der Arbeiterklasse vertreten, sondern die ausbeuterischen, nationalen, imperialistischen Interessen der ganzen Bourgeoisie.

„Das Bündnis zwischen Menschewiki und Sozialrevolutionären bedeutete unter diesen Umständen  nicht die Zusammenarbeit von Proletariat und Bauernschaft, sondern eine Koalition von Parteien, die zugunsten eines Blocks mit den besitzenden Klassen mit Proletariat und Bauernschaft gebrochen hatten“ (Trotzki, Das Exekutivkomitee, S. 195).

Wenn das Proletariat andere nicht ausbeutende Schichten für sich gewinnen will, muß es seine eigenen Forderungen standhaft behaupten, ebenso wie die eigene Existenz und die Klassenautonomie. Es muß die anderen nicht ausbeutenden Schichten gewinnen. Dabei muß man berücksichtigen: „sind sie revolutionär, so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen“ (Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 472).

Das russische Proletariat war fähig, sich an die Spitze der ausgebeuteten Klassen zu stellen, indem es den Kampf auf eine Beendigung des imperialistischen Krieges konzentrierte, indem es eine Perspektive für die Lösung der Agrarprobleme anbot, indem es die Sowjets als Organ aller ausgebeuteten Klassen schuf, und hauptsächlich indem es die Alternative einer neuen Gesellschaft dem Bankrott und dem Chaos der kapitalistischen Gesellschaft entgegenstellte. Es wußte, wie es eine Perspektive schaffen konnte, um die sie sich vereinigen und wofür sie kämpfen konnten.

Das selbständige Auftreten des Proletariats schob keinen Keil zwischen ihm und den anderen unterdrückten Schichten: im Gegenteil; diesen erlaubte es, sich vom bürgerlichen Staat zu trennen. Gegenüber dem Einfluß der russischen Bourgeoisie auf die Soldaten und Bauern mit der Kampagne gegen den ‚Egoismus’ der Forderung der Arbeiter nach dem 8-Stundentag reagierten die Arbeiter. „Die Arbeiter begriffen die Gefahr und wandten sie geschickt ab. Es genügte ihnen, zu diesem Zwecke die Wahrheit zu erzählen, die Zahlen der Kriegsgewinne zu nennen, den Soldaten die Betriebe und Werkstätten mit ihrem Maschinenlärm, hölligen Flammen der Öfen zu zeigen - ihre ewige Front, an der sie ungezählte Opfer brachten. Auf Initiative der Arbeiter begannen regelmäßige Besuche der Betriebe durch Garnisonsteile, besonders jener Betriebe, die für die Landesverteidigung arbeiteten. Der Soldat sah und hörte, der Arbeiter zeigte und erklärte. Die Besuche endeten mit feierlichen Verbrüderungen“ (Trotzki, Das Exekutivkomitee, S. 211).

„Die Armee war unheilbar krank. Sie war noch dazu in der Lage, ein Wort bei der Revolution mitzureden, aber den Krieg fortführen, das konnte sie nicht mehr“ (Trotzki, Die Armee und der Krieg).

Die ‚unheilbare Krankheit’ der Armee war das Produkt des selbständigen Kampfes der Arbeiterklasse. Angesichts der Agrarprobleme, welche der dekadente Kapitalismus nicht nur nicht lösen konnte, sondern auch ständig verschlimmerte, reagierte das Proletariat entschlossen. Jeden Tag strömten aus den Industriestädten Gruppen von Agitatoren, Delegationen von Fabrikkomitees und der Sowjets, um mit den Bauern zu diskutieren und sie zum Kampf anzutreiben, um die Landarbeiter und die armen Bauern zu organisieren. Die Sowjets und die Fabrikkomitees verfaßten zahlreiche Solidaritätsresolutionen  mit den Bauern und schlugen konkrete Maßnahmen für die Lösung der Agrarfrage vor. Die Petrograder Konferenz der Fabrik- und Betriebskomitees befaßte sich auch mit der Agrarfrage... und verfaßte einen Aufruf an die Bauern. Das Proletariat merkte, daß es nicht nur eine besondere Klasse war, sondern der Führer des Volkes“ (Trotzki, Rückzug aus dem Vorparlament und Kampf um den Sowjetkongreß)

DIE SOWJETS

Die bürgerliche Politik betrachtet die Mehrheit als eine Masse, die manipuliert werden muß, um der Macht, die die Bourgeoisie dem Staat gab, einen demokratischen Anstrich zu geben. Die Politik der Arbeiter ist dagegen das freie und bewußte Werk der großen Mehrheit der Arbeiter mit dem Ziel der Verfolgung ihrer Interessen.

„Die Sowjets, Deputiertenröte oder Delegationen der Arbeiterversammlungen entstanden spontan zum ersten Mal 1905 in dem großen Massenstreik in Rußland. Sie gingen direkt aus Tausenden von Arbeiterversammlungen hervor, aus den Fabriken und Arbeitervierteln; sie entstanden überall und spiegelten dieses größte Aufblühen des Lebens der Arbeiterklasse wider, das es bis dahin gegeben hatte. Als ob sie den Kampf der Pariser Kommunarden von 1871 wieder aufgriffen und ihn fortführten, setzten die Arbeiter in der Praxis die Organisationsform um, die die Kommunarden ursprünglich beabsichtigt hatten: souveräne Versammlungen, die durch gewählte und abwählbare Delegierte zentralisiert wurden“ (Révolution Internationale, Zeitung der IKS in Frankreich, Nr. 190).

Seit dem Sturz des Zarismus im Februar durch das Proletariat wurden in Petrograd, Moskau, Charkow, Helsingfors und in allen industrialisierten Gegenden Sowjets von Arbeiterdelegierten gegründet; Sowjetdelegationen schlossen sich ihnen an, später auch solche von Bauern. Um die Sowjets bildeten das Proletariat und die ausgebeuteten Massen ein Netzwerk von Kampforganisationen, die auf Versammlungen, freien Diskussionen und Entscheidungen von allen Ausgebeuteten basierten: Nachbarschaftssowjets, Soldatenkomitees, Bauernkomitees.

“Das Netzwerk von Arbeiter- und Soldröten, das ganz Rußland überzog, stellte das Rückgrad der Revolution dar. Dank ihrer Unterstützung breitete sich die Revolution wie ein Flächenbrand aus; immer wieder stießen die Reaktionen der Herrschenden auf ihren Widerstand“. (O. Anweiler, Die Rötebewegung in Rußland 1905-1921, 3. Kapitel, 3. Teil).

Bürgerliche ‚Demokratie’ reduziert die Teilnahme der Massen auf eine alle vier oder fünf Jahre stattfindende Wahl für eine Person, die das Nötige für die herrschende Klasse tun wird; im Gegenteil dazu stützen sich die Sowjets auf eine ständige und direkte Teilnahme der Arbeitermassen, die in großen Versammlungen alle Fragen der Gesellschaft diskutierten und entschieden. Die Delegierten wurden gewählt und waren jederzeit abwählbar. Sie wirkten im Kongreß mit festgelegten Mandaten.

Bürgerliche ‚Demokratie’ stellt die Wahlbeteiligung als eine ‚freie Entscheidung des Einzelnen’ an der Wahlurne dar. Damit wird die Atomisierung, der Individualismus, die im Kapitalismus gängige Praxis des jeder für sich, jeder gegen jeden unterstützt und abgedeckt. Gleichzeitig wird die Spaltung der Gesellschaft in Klassen übertüncht, was wiederum der ausbeutenden und in der Minderheit befindlichen Klasse zugute kommt. Die Sowjets dagegen stützen sich auf kollektive Diskussionen und Entschlüsse, in denen jeder die Geschlossenheit und die Stärke des Ganzen spüren kann, das all seine Fähigkeiten entwickelt und gleichzeitig das Kollektiv stärkt. Ausgehend von der eigenständigen Organisierung der Arbeiterklasse kämpfen die Sowjets von dieser Plattform aus für die Abschaffung der Klassen überhaupt.

Die Arbeiter, Soldaten und Bauern betrachteten die Sowjets als ihre Organisationen:

„Nicht nur die Arbeiter und Soldaten der großen Garnisone des Hinterlandes, sondern auch all das bunte Kleinvolk der Städte: Handwerker, Straßenverkäufer, kleine Beamte, Droschkenkutscher, Portiers, Hausangestellte aller Art mieden die provisorische Regierung mit deren Kanzleien und suchten eine nähere, zugänglichere Macht. In immer größrer Zahl kamen Bauernabgesandte ins Taurische Palais. Die Massen ergossen sich in den Sowjets wie in ein Triumphtor der Revolution. Alles, was außerhalb der Sowjets blieb, fiel von der Revolution gleichsam ab und schien einer anderen Welt zugehörig. So war es auch: außerhalb der Sowjets blieb die Welt der Besitzenden, in der sich jetzt alle Farben zu einem graurosa Schutzkolorit vermengten“ (Trotzki, Die neue Macht, S. 172).

Nichts konnte in Rußland ohne die Sowjets geschehen. Die Delegationen der Baltischen und Schwarzmeerflotte erklärten am 16. März, daß sie nur den Befehlen der Provisorischen Regierung gehorchen würden, die im Einklang mit den Entscheidungen der Sowjets stünden. Das 1720. Regiment drückte das noch schärfer aus: „Die Armee und die Bevölkerung sollten sich den Entscheidungen des Sowjets unterwerfen. Befehle der Regierung, die den Entscheidungen des Sowjets entgegenstehen, sollen nicht ausgeführt werden“.  Der Großkapitalist und Minister der Provisorischen Regierung, Gutschkow, erklärte die Regierung verfügt leider über keine reale Macht, in den Händen des Sowjets sind Truppen, Eisenbahn, Post und Telegraph. Man kann geradezu sagen, die Provisorische Regierung existiert nur, solange der Sowjet es zulässt“ (ebenda, S. 175).

Als die Klasse, die nach der bewußten und revolutionären Umwandlung der Welt strebt, benötigt die Arbeiterklasse ein Organ, das erlaubt, alle Tendenzen, alle Gedanken, alle Fähigkeiten zum Ausdruck zu bringen. Ein dynamisches Organ, das in jedem Augenblick die Entwicklung und den Fortschritt der Massen kristallisiert; ein Organ, das nicht in Bürokratismus und Konservatismus entarten kann, das ihr erlaubt, alle Versuche der Mehrheit die Macht zu entreißen, zurückzuweisen und zu bekämpfen. Ein Arbeitsorgan, wo Angelegenheiten schnell und behende entschieden werden, gleichzeitig in einer kollektiven und bewußten Art und Weise ein Organ, das allen erlaubt, sich an seiner Arbeit zu beteiligen.

„Sie wollten von keiner Theorie der Machtteilung etwas wissen und mischten sich in die Verwaltung der Armee ein, in Wirtschaftskonflikte, Ernährungs- und Transportfragen und sogar Gerichtsangelegenheiten. Unter dem Druck der Arbeiter dekretierten die Sowjets den 8-Stundentag, setzten übereifrige reaktionäre Administratoren ab, entließen die unerträglichsten Kommissare der Provisorischen Regierung, nahmen Verhaftungen und Hausdurchsuchungen vor, untersagten das Erscheinen feindlicher Zeitungen“ (Trotzki, Erste Koalition, S. 303)

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Wir haben gesehen, wie die Arbeiterklasse fähig war, sich selbst zu vereinigen, all ihre schöpferische Energie auszudrücken, in einer organisierten und kollektiven Weise zu handeln und schließlich in der Gesellschaft aufzutreten als eine revolutionäre Klasse, deren Aufgabe es ist, eine neue Gesellschaft ohne Klassen und ohne Staat aufzubauen. Aber um dies zu erreichen, mußte die Arbeiterklasse die Macht der feindlichen Klasse zerstören: den bürgerlichen Staat, verkörpert durch die Provisorische Regierung. Sie mußte dem ihre eigene Macht entgegenstellen: die Macht der Sowjets.

Wir wollen dann in einem weiteren Artikel zeigen, wie die Arbeiterklasse sich gegen die Sabotagetaktik wehrte, die innerhalb der Sowjets von den alten sozialistischen Parteien begangen wurde -  Parteien, die ins Lager der Bourgeoisie überwechselten - die Menschewisten und die Sozialrevolutionäre; wie sie die Sowjets von Kopf bis Fuß erneuerte, um sie für die Machtübernahme vorzubereiten. Wir wollen die Rolle der Bolschewistischen Partei dabei aufzeigen, sowie den Weg zum Höhepunkt der Machtübernahme, den Aufstand im Oktober, darstellen.

Adalen, (aus International Review, Nr. 71, Okt. 1992).

 

(1) Siehe Internationale Revue - Auswahl am Schluß dieser Ausgabe,

- Broschüre: Warum die Russische Revolution scheiterte - die Kommunistische Linke in Rußland

- Internationale Revue Nr. 12, Thesen zu Osteuropa,

(2) Zwei Monate zuvor, als Lenin  diesen Slogan in seinen berühmten Thesen im April formulierte, wurde er verworfen, auch von vielen innerhalb der Bolschewistischen Partei, weil er eine utopische Abstraktion sei.

(3) Innerhalb des Rahmens dieses Artikels haben wir keinen Platz, um darauf einzugehen, ob der Weg der Bolschewiki und der Sowjets gegenüber der Agrarfrage - die Landaufteilung - richtig war. Die Erfahrung - wie Rosa Luxemburg sagte - bewies das Gegenteil. Aber das sollte uns nicht vom Hauptpunkt ablenken: daß das Proletariat und die Bolschewiki eine Lösung anstrebten, die sich auf die Macht der Arbeiterklasse und den Kampf um die sozialistische Revolution stützte.