Geschichte der Arbeiterbewegung: Was ist revolutionärer Syndikalismus?

Schon seit 1968, aber besonders seit dem Zusammenbruch des Ostblocks
haben viele, die für die Revolution wirken wollen, den Erfahrungen der
Russischen Revolution und der 3. Internationale den Rücken gekehrt, um in einer
anderen Tradition nach Lehren für den Kampf und die Organisation des
Proletariats zu suchen: im „revolutionäre Syndikalismus" (gelegentlich bekannt
als „Anarcho-Syndikalismus"). [1]

Diese Strömung tauchte Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts auf
und spielte in einigen Ländern bis in die 30er Jahre hinein eine wichtige
Rolle. Ihr Hauptkennzeichen war die Ablehnung (oder zumindest die beträchtliche
Unterschätzung) der Notwendigkeit für das Proletariat, eine politische Partei
zu schaffen, ob für den Kampf innerhalb des Kapitalismus oder für den
revolutionären Sturz des Kapitalismus: Die Gewerkschaft wurde als die einzige
in Frage kommende Organisationsform betrachtet. Tatsächlich entspringt das
Vorgehen jener, die sich der syndikalistischen Tradition zuwenden, größtenteils
der Diskreditierung, die die eigentliche Idee einer politischen Organisation
infolge der Erfahrungen aus dem Stalinismus erlitten hat: erst die brutale
Repression in der UdSSR selbst, schließlich die Repression der
Arbeiteraufstände in Ostdeutschland und in Ungarn in den 50er Jahren, die
Okkupation der Tschechoslowakei 1968, die Sabotage der Arbeiterkämpfe im Mai
1968 durch die französische KP und dann die Repression gegen die polnischen
Arbeiterkämpfe zu Beginn der 70er Jahre, etc. Diese Situation verschlimmerte
sich nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 durch eine widerwärtige Kampagne der
Bourgeoisie, die das Ziel verfolgte, den Stalinismus mit dem Bankrott des
Kommunismus und mit dem Marxismus gleichzusetzen und dabei zum großen Schlag
gegen jegliche Idee einer politischen Umgruppierung auf der Grundlage
marxistischer Prinzipien auszuholen.

Die Lehren der
Geschichte

Eine der
großen Stärken des Proletariats ist seine Fähigkeit, ständig auf seine
vergangenen Niederlagen und Irrtümer zurückzukommen, um sie zu verstehen und
die entsprechenden Lehren daraus zu ziehen, die sie für den gegenwärtigen und
zukünftigen Kampf beinhalten. Wie Marx sagte: „Proletarische Revolutionen
dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich
selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das
scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen
grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten
Versuche (...)" (Der 18. Brumaire des Louis
Bonaparte
, MEW, Bd. 8, S. 118). Die Erfahrung
des revolutionären Syndikalismus in der Arbeiterbewegung ist keine Ausnahme von
dieser Notwendigkeit einer kritischen Überprüfung, um seine Lehren zu begreifen.
Um so zu verfahren, müssen wir die syndikalistischen Ideen und Handlungen in
ihren historischen Kontext stellen, denn nur dies gestattet uns, ihre Ursprünge
innerhalb der Geschichte der Arbeiterbewegung in ihrer Gesamtheit zu
lokalisieren.

Daher
haben wir uns entschlossen, eine Artikelreihe (mit diesem Artikel als
Einleitung) über die Geschichte des revolutionären Syndikalismus und des
Anarchosyndikalismus in Angriff zu nehmen. Wir wollen versuchen, Antworten auf
folgende Fragen zu geben:

Welche
Prinzipien und Methoden zeichnen die syndikalistische Strömung aus?

-   Hat der Syndikalismus irgendwelche gültigen
Lehren für den historischen Kampf der Arbeiterklasse hinterlassen?

-   Welche Schlussfolgerungen können wir aus
seinen Treuebrüchen, besonders 1914 (ein Teil der französischen CGT nahm seit
Kriegsbeginn an der nationalen Regierung des „Burgfriedens" teil) und 1937
(Beteiligung der spanischen CNT an den Regierungen sowohl der katalanischen
Generalidad als auch der Madrider Republik während des Bürgerkriegs), ziehen?

-   Hat der Syndikalismus der Arbeiterklasse von
heute eine Perspektive anzubieten?

Grundlage
unserer Entgegnung auf die konkrete Erfahrung des Syndikalismus durch die
Arbeiterklasse ist die Analyse einiger wichtiger Episoden im Leben des Proletariats:

-   die Geschichte der französischen
Confédération Générale du Travail (CGT), die seit ihrer Bildung vor dem Krieg
von 1914-18 von den Anarchosyndikalisten stark beeinflusst, wenn nicht gar
dominiert wurde;

-   die Geschichte der Industrial Workers of the
World (IWW) in den Vereinigten Staaten bis in die 1920er Jahre;

-   die Geschichte der Shop Steward-Bewegung in
Großbritannien vor und während des I. Weltkrieges;

-   die Geschichte der spanischen Confederación
National del Trabajo (CNT) während der revolutionären Welle nach der Russischen
Revolution und bis zu ihrem Zusammenbruch im Bürgerkrieg 1936/37.

-   Schließlich wollen wir mit einer Untersuchung
der konkreten Realität des Syndikalismus heute und jener Strömungen schließen,
die dieser Tradition anzugehören behaupten.

Ziel
dieser Reihe ist es nicht, eine detaillierte Chronologie der verschiedenen
syndikalistischen Organisationen anzufertigen, sondern zu demonstrieren, dass
sich die Prinzipien des Syndikalismus als Kompass für den Emanzipationskampf
des Proletariats nicht nur als ungeeignet erwiesen haben, sondern unter
bestimmten Umständen sogar dazu beigetragen haben, Letzteres auf das Terrain
der Bourgeoisie zu locken. Diese historische, materialistische Vorgehensweise
wird den profunden Unterschied zwischen Anarchismus und Marxismus aufzeigen,
der sich besonders in ihrer unterschiedlichen Haltung gegenüber dem Verrat
offenbarte, der sowohl innerhalb der sozialistischen Bewegung als auch
innerhalb der anarchistischen Bewegung begangen worden war.

Viele Anarchisten
zögern nie, auf den schlimmen Verrat der
sozialistischen und kommunistischen Bewegung hinzuweisen: die
Beteiligung der sozialdemokratischen Parteien am Krieg von 1914-18 und die
stalinistische Konterrevolution in den 20er und 30er Jahren. Sie behaupten,
dass dies das unvermeidliche Resultat des „autoritären" Erbes von Marx, Lenin
und Stalin sei, kurz: eine „Erbsünde", womit sie vollkommen mit der ganzen
bürgerlichen Propaganda über den „Tod des Kommunismus" übereinstimmen. Ganz
anders verhalten sie sich jedoch, wenn es um die eigenen, anarchistischen
Treuebrüche geht: Weder der anti-deutsche Patriotismus von Kropotkin oder James
Guillaume 1914 noch die treue Unterstützung der Regierung des Burgfriedens
während des Krieges von 1914-18 durch die französische CGT oder die Beteiligung
der spanischen CNT an den bürgerlichen Regierungen der spanischen Republik kann
in ihren Augen die „ewigen" Prinzipien des Anarchismus in Frage stellen.

Im
Gegensatz dazu wurde der Verrat in der marxistischen Bewegung stets von der
Linken bekämpft und erklärt. [2] Der Kampf der Linken beschränkte sich niemals auf ein
bloßes „Erinnern" an die marxistischen Prinzipien. Er war immer auch ein
praktisches und theoretisches Bestreben, zu verstehen und aufzuzeigen, wo die
Ursprünge des Verrats liegen, dass er mit Veränderungen in der historischen,
materiellen Situation des Kapitalismus erklärt werden kann und vor allem dass
die veränderte Lage die Kampfmethoden obsolet gemacht hat, welche sich bis
dahin als geeignete Mittel im Kampf der Arbeiterklasse erwiesen hatten.

Es gibt
nichts Gleichartiges unter den Anarchisten und Anarchosyndikalisten, die ihren
Prinzipien nach wie vor einen ewigen, rein moralischen Wert, bar jeden
historischen Inhalts, beimessen. Im Angesicht eines „Verrats" gäbe es nichts
anderes zu tun, als dieselben ewigen Werte zu beschwören; daher hat die
anarchistische Bewegung, anders als der Marxismus, nie beständige linke
Fraktionen produziert (ausnahme bildeten aber internationalistische
AnarchistInnen wie Emma Goldman, Alexander Berkmann und andere in England
welche angesicht des Kriges die Positionen Kropotkin offen und vehement
kritisierten). Daher versuchten auch die wirklichen Revolutionäre in der
syndikalistischen Bewegung Frankreichs von 1914 (um Rosmer und Monatte) nicht,
eine linke Strömung innerhalb der syndikalistischen Bewegung zu bilden, sondern
wandten sich stattdessen dem Bolschewismus zu.

Der historische
Kontext

Wie wir
oben gesehen haben, steht im Mittelpunkt der Divergenzen zwischen der
revolutionären syndikalistischen Bewegung und dem Marxismus die Frage der
Organisationsform, der die Arbeiterklasse für ihren Kampf gegen den
Kapitalismus bedarf. Tatsächlich konnte diese Frage nicht im Handumdrehen
begriffen werden. Das Proletariat ist die revolutionäre Klasse, deren
historische Aufgabe der Sturz des Kapitalismus ist; das bedeutet nicht, dass
sie völlig ausgereift in die kapitalistische Gesellschaft fiel, wie Athena aus
dem Haupt von Zeus. Im Gegenteil, die Arbeiterklasse musste sich ihr
Bewusstsein durch enorme Anstrengungen und oft bittere Niederlagen erkämpfen.
Von Anfang an hatte sich das Proletariat auf dem langen Weg zu seiner
Emanzipation mit zwei fundamentalen Erfordernissen konfrontiert gesehen:

-   die Notwendigkeit für alle ArbeiterInnen, bei
der Verteidigung ihrer Interessen (zunächst im Kapitalismus, dann für seinen
Sturz) kollektiv zu kämpfen;

-   die Notwendigkeit, ihr Denken auf die
allgemeinen Ziele ihres Kampfes und auf die Frage zu lenken, wie diese erreicht
werden können.

In der
Tat war die gesamte Geschichte der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert vom
ständigen Bemühen gekennzeichnet, die geeignetsten Organisationsformen zu
finden, um diesen beiden fundamentalen Notwendigkeiten gerecht zu werden,
konkret: sowohl eine allgemeine Organisation, die alle ArbeiterInnen im Kampf
um sich sammelte, als auch eine politische Organisation zu entwickeln, deren
wesentliche Aufgaben darin bestand, diesen Kämpfen eine klare Perspektive zu
verleihen.

Die
Periode von den ersten Manifestationen der Arbeiterklasse bis zur Pariser
Kommune zeichnete sich durch eine ganze Reihe von Bemühungen um eine
proletarische Organisation aus; Bemühungen, die im Allgemeinen stark von der
spezifischen Geschichte der Arbeiterbewegung in jedem einzelnen Land
beeinflusst waren. In dieser Zeit bestand eine der Hauptaufgaben der
Arbeiterklasse und ihrer organisatorischen Bemühungen noch in ihrer Behauptung
als eine spezifische Klasse, die zwar getrennt ist von den anderen Klassen der
Gesellschaft (die Bourgeoisie und das Kleinbürgertum), mit denen sie aber noch
immer gelegentlich gemeinsame Ziele teilte (wie den Sturz der feudalen
Ordnung).

In diesem
historischen Kontext, der von der Unreife eines sich in der Entwicklung
befindlichen und unerfahrenen Proletariats gekennzeichnet war, fanden diese
beiden elementaren Bedürfnisse der Arbeiterklasse ihren Ausdruck in
Organisationen, die entweder dazu neigten, sich der Vergangenheit zuzuwenden
(wie die französischen „compagnons", die auf das feudale System der Gilden
zurückblickten), oder sie versäumten es, die Notwendigkeit einer allgemeinen
Klassenorganisation zu verstehen, um die kapitalistische Ordnung zu bekämpfen,
trotz ihrer wirksamen, radikalen Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft.
So waren die ersten politischen Organisationen des Proletariats häufig von
einer „sektiererischen" Vision charakterisiert, die die Revolution nicht als
eine Aufgabe der gesamten Klasse betrachtete, sondern als die Tat einer
Minderheit von Verschwörern, die die Macht in einem Staatsstreich ergreifen würden,
um sie danach in die Hände des Volkes zu legen. Aus dieser Tradition kommen
solch große Gestalten der Arbeiterbewegung wie Gracchus Babeuf und Auguste
Blanqui. In derselben Zeit arbeiteten die utopischen Sozialisten (am
bekanntesten Fourier und Saint-Simon in Frankreich und Robert Owen in
Großbritannien) ihre Pläne für eine zukünftige Gesellschaft aus, die die
kapitalistische Gesellschaft, die sie gnadenlos und oft mit großer Einsicht
anprangerten, ersetzen sollte.

Die
ersten Massenorganisationen der Arbeiterklasse drückten oftmals sowohl die
Tendenz zu einer illusorischen Rückkehr in die Vergangenheit als auch
gelegentlich eine Vorahnung des Klassenschicksals aus, das weit über ihre
damaligen Fähigkeit hinausging: Einerseits drückten zum Beispiel die
klandestinen Gewerkschaftsorganisationen in Großbritannien Ende des 18.
Jahrhunderts (die unter dem Namen „Army of Redressers", unter dem Kommando des
mythenumrankten Generals Ludd, bekannt waren) häufig eine Sehnsucht der
ArbeiterInnen nach einer Rückkehr zu ihrem handwerklichen Status aus.
Andererseits treffen wir zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf die Grand National
Consolidated Union [3], deren Ziel es war, die verschiedentlichen
korporatistischen Bewegungen in einem revolutionären Generalstreik zu vereinen
- eine utopische Vorwegnahme der Sowjets, die erst ein Jahrhundert später
gebildet werden sollten.

Die
Bourgeoisie erkannte sehr früh die Gefahr, welche die Massenorganisation der
ArbeiterInnen für sie darstellte: 1793, inmitten der Französischen Revolution,
verbot das „Loi Chapelier" alle Arten von Arbeiterassoziationen, einschließlich
simpler Freundschaftsvereine zum gegenseitigen wirtschaftlichen Beistand in
Zeiten der Arbeitslosigkeit oder Krankheit.

Mit
seiner Weiterentwicklung behauptete sich das Proletariat immer mehr als
autonome Klasse im Verhältnis zu den anderen Klassen der Gesellschaft. Im
britischen Chartismus erblicken wir sowohl das Embryo der politischen
Klassenpartei als auch die erstmalige Abtrennung des Proletariats vom radikalen
Kleinbürgertum. Die Welle von Kämpfen, die in der Niederlage der Revolutionen
von 1848 (und somit auch des Chartismus) endeten, hat uns die im
Kommunistischen Manifest Eingang gefundenen Prinzipien hinterlassen. Dennoch
sollte die Idee einer wirklich politischen Partei des Proletariats erst später
aufkommen, nachdem die Erste Internationale in den 1860er Jahren die Merkmale
sowohl der politischen Partei als auch der Einheitsorganisationen der Massen
kombiniert hatte.

Die
Pariser Kommune von 1871, gefolgt vom Haager Kongress der Ersten Internationale
1872, markierte einen Wendepunkt in der Entwicklung der Arbeiterorganisationen.
Die Fähigkeit der arbeitenden Massen, über die konspiratorische Praxis der
Blanquisten hinauszugehen, wurde deutlich von ihrer Organisationskapazität
demonstriert, sowohl beim Erfolg der ökonomischen Kämpfe der in der
Internationalen Arbeiterassoziation organisierten Arbeiter als auch bei der
Schaffung der Kommune, der ersten Arbeitermacht in der Geschichte. Seither
blieben lediglich die Anarchisten mit ihrer Ideologie der „exemplarischen
Aktion", insbesondere die Anhänger Bakunins [4], Adepten der Konspiration einer winzigen Minderheit als
Handlungsmittel. Gleichzeitig hatte die Kommune die Absurdität des Gedankens
demonstriert, dass die ArbeiterInnen die politischen Aktivitäten (mit anderen
Worten: unmittelbare Forderungen an den Staat und die revolutionäre Perspektive
der politischen Machtergreifung) einfach ignorieren können.

Das
Abebben des Kampfes und des Klassenbewusstseins nach der niederschmetternden
Niederlage der Kommune bedeutete, dass diese Lehren nicht sofort gezogen werden
konnten. Doch die 30 Jahre, die der Kommune folgten, erlebten eine Reifung im
Verständnis des Proletariats, wie es sich organisieren muss: einerseits in den gewerkschaftlichen
Organisationen zur Vertretung der ökonomischen Interessen jeder Korporation und
jeden Gewerbes [5] und auf der anderen Seite in der Organisation der
politischen Partei sowohl für die Vertretung der unmittelbaren allgemeinen
Interessen der Arbeiterklasse durch die politische Aktion im Parlament (Kämpfe
zur Durchsetzung einer gesetzlichen Einschränkung der Kinder- und Frauenarbeit
oder des Arbeitstages zum Beispiel) als auch für die Vorbereitung und
Propaganda für das „Maximalprogramm", mit anderen Worten: für den Sturz des
Kapitalismus und die sozialistische Umwandlung der Gesellschaft.

Weil der
Kapitalismus sich in seiner Gesamtheit immer noch im Aufstieg befand - was
merklich durch eine nie dagewesene Expansion der Produktivkräfte demonstriert
wurde (die letzten 30 Jahre des 19. Jahrhunderts erlebten eine Expansion und
Ausweitung der kapitalistischen Produktivkräfte weltweit) -, war es der
Arbeiterklasse noch möglich, der Bourgeoisie dauerhafte Reformen abzuringen[6]. Der Druck auf die bürgerlichen Parteien innerhalb des
parlamentarischen Rahmens ermöglichten die Annahme von arbeiterfreundlichen
Gesetzen sowie die Rücknahme der anti-sozialistischen Gesetze, die die
Organisierung der ArbeiterInnen in Gewerkschaften und politischen Parteien
verboten hatten.

Doch
erwies sich der Erfolg der Arbeiterparteien im Kapitalismus auch als äußerst
tückisch. Die reformistische Strömung behauptete, dass diese Situation
endgültig sei - eine Situation, in der der Einfluss der Arbeiterorganisationen,
der sich auf der Grundlage von für die Arbeiterklasse errungenen Reformen
entwickelt hatte, unübersehbar war -, obwohl er tatsächlich bloß temporärer
Natur war. Die Reformisten, für die „die Bewegung alles, das Ziel nichts" war,
fanden ihren Hauptausdruck Ende des 19. Jahrhunderts, abhängig vom Land,
entweder in den politischen Parteien oder in den Gewerkschaften. So wurde in
Deutschland der Versuch der Strömung um Bernstein, eine opportunistische
Politik, die sich vom revolutionären Ziel abwenden sollte, offiziell zur Parteipolitik
zu küren, energisch vom linken Flügel in der sozialdemokratischen Partei um
Rosa Luxemburg und Anton Pannekoek bekämpft. Dagegen gewann die
revisionistische Strömung viel leichter in den großen deutschen
Gewerkschaftsorganisationen einen starken Einfluss. In Frankreich verhielt es
sich genau umgekehrt; die sozialistische Partei war viel stärker als in
Deutschland von der reformistischen und opportunistischen Ideologie gezeichnet.
Dies wurde durch die Einbeziehung des sozialistischen Ministers Alexandre
Millerand [7] in der Regierung Waldeck-Rousseau 1899-1901 demonstriert.
Diese Regierungsbeteiligung wurde von der gesamten Sozialdemokratie auf den
Kongressen der Zweiten Internationale abgelehnt, jedoch nur unter
Schwierigkeiten (und für einige mit großen Bedauern) von den französischen
Sozialisten rückgängig gemacht. Es ist daher kein Zufall, dass beim Bruch mit
den Arbeiterorganisationen, die zum Feind übergelaufen waren (die
sozialistischen Parteien und die Gewerkschaften), die internationalistische
Linke aus der deutschen Partei (die Spartakus-Gruppe um Luxemburg und
Liebknecht) und aus den französischen Gewerkschaften (die u.a. von Rosmer,
Monatte und Merrheim repräsentierte internationlistische Tendenz) hervorkam.

Allgemein
betrachtet, war der Opportunismus am präsentesten in den Parlamentsfraktionen
der sozialistischen Parteien und in dem ganzen Apparat, der in der
Parlamentstätigkeit involviert war. Dieser Apparat übte dabei eine große
Anziehungskraft auf all jene karrieristischen Elemente aus, die der Partei in
der Hoffnung beigetreten waren, vom wachsenden Einfluss der Arbeiterbewegung zu
profitieren, und die natürlich kein Interesse am revolutionären Sturz der
herrschenden Ordnung hatten. Folglich gab es eine Tendenz in der Arbeiterklasse,
die die politische Arbeit mit parlamentarischer Aktivität, parlamentarische
Tätigkeit mit Opportunismus und Karrierismus, den Karrierismus mit der
kleinbürgerlichen Intelligentsia von Anwälten und Journalisten und schließlich
den Opportunismus mit dem eigentlichen Begriff der politischen Partei
identifizierte.

Angesichts
der Entwicklung des Opportunismus bestand die Antwort vieler revolutionärer
ArbeiterInnen darin, die politische Tätigkeit als solche abzulehnen und sich in
die Gewerkschaften zurückzuziehen. Und wie wir sehen werden, war es das Ziel
der revolutionären syndikalistischen Bewegung als originäre Strömung in der
Arbeiterklasse, Gewerkschaften aufzubauen, die die Einheitsorgane der
Arbeiterklasse bilden und in der Lage sein sollten, Letztere für die Vertretung
ihrer ökonomischen Interessen zu sammeln, sie auf den Tag vorzubereiten, an dem
sie mittels des Generalstreiks die Macht ergreift, und die als organisatorische
Struktur für die künftige kommunistische Gesellschaft dienen. Diese
Gewerkschaften sollten Klassengewerkschaften sein, frei vom Karrierismus einer
Intelligentsia, die die Arbeiterbewegung benutzen wollte, um sich selbst auf
parlamentarischen Bänken Platz zu verschaffen, und unabhängig von allen
politischen Parteien - wie die französische CGT 1906 auf dem Kongress von
Amiens betonte.

Kurz, so
wie Lenin sagte: „In Westeuropa war der revolutionäre Syndikalismus in vielen
Ländern das direkte und unvermeidliche Resultat des Opportunismus, des
Reformismus, des parlamentarischen Kretinismus. Bei uns verstärkten die ersten
Schritte der „Dumatätigkeit" ebenfalls in gewaltigem Masse den Opportunismus,
es kam dahin, dass die Menschewiki vor den Kadetten auf dem Bauche krochen. (...)
Der Syndikalismus muss sich, als Reaktion auf das schändliche Treiben
„hervorragender" Sozialdemokraten, zwangsläufig auf russischem Boden
entwickeln." [8].

Die
Hauptcharakteristiken der syndikalistischen Strömungen

Was war
schließlich der revolutionäre Syndikalismus, dessen Entwicklung Lenin
voraussah? Zunächst teilten seine verschiedenen Komponenten eine gemeinsame
Vision dessen, was eine Gewerkschaft sein sollte. Um diese Konzeption
zusammenzufassen, können wir nichts Besseres tun, als die Präambel der zweiten
Konstituierung der International Workers of the World (IWW) zu zitieren, die
1908 in Chicago verabschiedet wurde: „Die historische Mission des Proletariates
ist die Überwindung des Kapitalismus [9]. Die Masse der Produzenten muss nicht nur für den täglichen
Kampf gegen die Kapitalisten organisiert werden, sondern auch um die Produktion
in die eigenen Hände zu nehmen, wenn der Kapitalismus überwunden werden soll.
Indem wir uns in der Industrie organisieren formen wir die Struktur der neuen
Gesellschaft innerhalb der alten" [10].

Die
Gewerkschaft soll also die Einheitsorganisation der Klasse zur Verteidigung
ihrer unmittelbaren Interessen, für die revolutionäre Machtergreifung und für
die Organisation der künftigen kommunistischen Gesellschaft sein. Gemäß dieser
Sichtweise ist die politische Partei bestenfalls irrevelant (Bill Haywood
behauptete, dass die IWW ein „Sozialismus im Blaumann" seien) und
schlimmstenfalls eine Brutstätte für Bürokraten.

Es gibt
zwei Kritiken an dieser syndikalistischen Sichtweise zu üben, auf die wir
später noch detaillierter eingehen werden.

Die erste
betrifft die Idee, dass es möglich sei „die Struktur der neuen Gesellschaft
innerhalb der alten" zu bilden. Diese Idee, wonach es möglich sei, mit dem
Aufbau der neuen Gesellschaft innerhalb der alten zu beginnen, entspringt einer
tiefgehenden Unkenntnis über das Ausmaß der Antagonismen zwischen dem
Kapitalismus, der letzten ausbeutenden Gesellschaft, und der klassenlosen
Gesellschaft, die ihn ersetzen soll. Dieser schwerwiegende Irrtum verleitet zur
Unterschätzung des Ausmaßes der gesellschaftlichen Umwandlung, das notwendig
ist, um den Übergang zwischen diesen beiden Gesellschaftsformationen zu
bewerkstelligen, und er unterschätzt auch den Widerstand der herrschenden
Klasse gegen die Machtübernahme durch die Arbeiterklasse.

Jeglicher
Gedanke, dass es möglich ist, willkürlich eine Abkürzung zu finden und somit
die unvermeidlichen Zwänge zu umgehen, die der Übergang vom Kapitalismus zur
klassenlosen Gesellschaft erfordert, spielt in der Tat in die Hände solch
reaktionärer Auffassungen wie die Selbstverwaltung (in Wahrheit:
Selbstausbeutung) oder der Aufbau des Sozialismus in einem Land, was Stalin
besonders am Herzen lag. Wenn heutige Anarcho-Syndikalisten die Bolschewiki
beschuldigen, keine radikalen Maßnahmen bei der gesellschaftlichen Umwandlung
im Oktober 1917 durchgesetzt zu haben, als die ökonomische Vorherrschaft des
Kapitalismus sich noch über den ganzen Planeten erstreckte, einschließlich
Russland, so enthüllen sie bloß ihre reformistische Sichtweise sowohl der
Revolution als auch der neuen Gesellschaft, die die Revolution etablieren soll.
Dies ist wenig überraschend, da die syndikalistische Vision tatsächlich auf den
Wechsel des Eigentümers von privatem Eigentum beschränkt bleibt: Das
Privateigentum der Kapitalisten wird zum Privateigentum einzelner Arbeitergruppen,
da jede Fabrik, jedes Unternehmen im Verhältnis zu den anderen autonom bleibt.
Diese Vision der künftigen gesellschaftlichen Umwandlung ist so beschränkt,
dass sie sogar vorsieht, dass dieselben ArbeiterInnen weiter in derselben
Industrie und somit unter denselben Umständen arbeiten werden.

Unsere
zweite Kritik am revolutionären Syndikalismus betrifft seine völlige Ignoranz
gegenüber der realen revolutionären Erfahrung der Arbeiterklasse. Für die
Marxisten war die Russische Revolution von 1905 ein enorm wichtiger Moment,
besonders ihre spontane Bildung von Arbeiterräten. Für Lenin waren die Sowjets
„die endlich gefundene Form der Diktatur des Proletariates". Rosa Luxemburg,
Trotzki, Pannekoek, im Grunde der gesamte linke Flügel der Sozialdemokratie,
der später die Kommunistische Internationale bilden sollte, widmeten der
Analyse dieser und auch anderer Ereignisse, wie die großen Streiks in den
Niederlanden 1903, große Aufmerksamkeit. Die politische Erfahrung aus 1905
wurde durch die Propaganda der linken Strömungen der Zweiten Internationale zu
einem vitalen Element im Bewusstsein der Arbeiterklasse, was im Oktober 1917 in
Russland (wo die anarchistische Bewegung übrigens nur eine marginale Rolle
spielte) und in der revolutionären Welle Früchte trug, die das Entstehen von
Sowjets in Finnland, Deutschland und Ungarn erlebte. Die „revolutionären"
Syndikalisten blieben dagegen in ihren abstrakten Schemata gefangen, die auf
der Erfahrung des reformistischen Gewerkschaftskampfes in der Aufstiegsepoche
des Kapitalismus beruhten und die sich als komplett inadäquat für den
revolutionären Kampf im dekadenten Kapitalismus erwiesen. Es trifft zu, dass
die Anarchisten gern behaupten, dass die spanische „Revolution" in Sachen
gesellschaftlichen Wandels viel tiefgehender als die Russische Revolution
gewesen sei. Wie wir sehen werden, ist nichts falscher als dies.

Die
heutigen revolutionären Syndikalisten setzen dieselben Traditionen fort und
ignorieren völlig die realen Erfahrungen aus den Arbeiterkämpfen seit 1968.
Insbesondere gehen sie mit keiner Silbe auf die Tatsache ein, dass einerseits
die organisatorische Form, die von den Kämpfen geschaffen wurde, nicht die
Gewerkschaft, sondern die souveräne allgemeine Versammlung mit ihren gewählten
und jederzeit abwählbaren Delegierten ist [11] und dass andererseits der bürgerliche Staat sich die
Gewerkschaften direkt einverleibt hatte [12].

Wir haben
gesehen, dass die revolutionären Syndikalisten eine gemeinsame Vision der
Gewerkschaft als den Ort teilen, wo die Arbeiterklasse sich organisiert. Werfen
wir nun einen Blick auf die drei Schlüsselelemente, die regelmäßig in
syndikalistischen Organisationen zum Vorschein kommen und die wir detaillierter
in den nächsten Artikeln untersuchen werden.

Direkte Aktion

Man mag
denken, dass heute die Frage der direkten Aktion von der Geschichte beantwortet
worden sei. Als der revolutionäre Syndikalismus zum ersten Mal von sich reden
machte, wurde die direkte Aktion als Gegenteil zur Aktion der „Führer", mit
anderen Worten: der parlamentarischen Führer der sozialistischen Parteien und
der Gewerkschaftsbürokraten vorgestellt. Doch seit dem Eintritt des
Kapitalismus in seine dekadente Epoche haben die „sozialistischen" und
„kommunistischen" Parteien nicht nur endgültig das Proletariat verraten; zudem
bedeuten die reellen Bedingungen des Klassenkampfes, dass jede Aktion auf dem
Terrain des Parlaments oder zur Eroberung politischer „Rechte" unmöglich
geworden ist. In diesem Sinne ist die Debatte zwischen „direkter Aktion" und
„politischer Aktion" völlig irrelevant. Manche mögen daraus folgern, dass die
Geschichte die Frage geregelt habe und dass Marxisten und Anarchisten darin
übereinstimmen könnten, die direkte Aktion der Arbeiterklasse im Kampf zu
vertreten.

Dies ist
jedoch nicht der Fall. Die Frage der „direkten Aktion" steht im Mittelpunkt der
Divergenzen zwischen den marxistischen und anarchistischen Auffassungen über
die Rolle der revolutionären Minderheit. Für die Marxisten ist die Aktion der
revolutionären Minderheit eine Tat der politischen Avantgarde der
Arbeiterklasse und hat absolut nichts mit jener Art von Minderheitsaktion zu
tun, die in der Nachfolge der „exemplarischen Aktion" der Anarchisten steht,
welche die Tat der gesamten Arbeiterklasse durch das stellvertretende Handeln einer
Minderheit ersetzen wollen. Die politischen Orientierungen, die die
marxistische Organisation ihrer Klasse vorstellt, hängen stets vom Niveau des
Klassenkampfes in seiner Gesamtheit ab, von der mal größeren, mal kleineren
Fähigkeit des gesamten Proletariats, als Klasse gegen die Bourgeoisie zu
handeln und die Prinzipien und Analysen der Kommunisten anzunehmen (um „sich
die Waffe der Theorie anzueignen", wie es Marx formulierte). Der
Anarchosyndikalismus dagegen bleibt infiziert von der im Kern moralischen und
minoritären Vision der Anarchisten. Für diese Strömung gibt es keinen
Unterschied zwischen der „direkten Aktion" der Arbeitermassen und der Aktion
einer Minderheit, wie klein auch immer.

Der Generalstreik

Die Idee
des Generalstreiks ist nichts Spezifisches des Anarchosyndikalismus, kommt doch
dieser Begriff zum ersten Mal in den Schriften des utopischen Sozialisten
Robert Owen zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor. Doch abgesehen davon ist er zu
einem Hauptmerkmal der syndikalistischen Theorie geworden und kann anhand
dreier Hauptaspekte dargestellt werden [13]:

-   die Fähigkeit der Arbeiterklasse, den
Generalstreik erfolgreich durchzuführen, hängt vom zahlenmäßigen Wachstum und
von der wachsenden Macht der (natürlich revolutionären)
Gewerkschaftsorganisationen ab;

-   die Revolution ist keine Frage der Politik:
In der anarchosyndikalistischen Sichtweise lähmt der Generalstreik den
bürgerlichen Staat einfach, der schließlich die ArbeiterInnen bei der
Umwandlung der Gesellschaft unbehelligt lässt;

-   die Theorie des Generalstreiks ist eng mit
der Selbstverwaltung verknüpft, die überall in der Fabrik und am Arbeitsplatz
vorgebracht wird.

In
Wahrheit hat keine dieser Ideen die Prüfung der konkreten Erfahrung der
Arbeiterklasse bestanden.

Zunächst
einmal hat sich die Theorie, derzufolge die kontinuierliche Stärkung der
Gewerkschaften der revolutionären Epoche vorausgehen werde, als völlig falsch
erwiesen. Weder in der Russischen noch in der Deutschen Revolution waren die
Gewerkschaften Organe des Kampfes oder der Ausübung proletarischer Macht. Im
Gegenteil, sie stellten sich bestenfalls als konservative Bremse der Revolution
heraus (zum Beispiel die Eisenbahnergewerkschaft in Russland, die sich der
Revolution von 1917 widersetzte). In allen am I. Weltkrieg beteiligten Ländern
kontrollierten die Gewerkschaften die Arbeiterklasse zugunsten des bürgerlichen
Staates, um die Kriegsproduktion zu gewährleisten und jegliche Entwicklung
eines Widerstandes gegen das Gemetzel zu verhindern. Diese Rolle wurde ohne
Zögern auch von der Führung der anarchosyndikalistischen CGT angenommen, sobald
Frankreich in den Krieg getreten war.

Das
Resultat aus der Verweigerung des revolutionären Syndikalismus gegenüber der
„Politik" war die Entwaffnung der ArbeiterInnen bei der Konfrontation mit diesen
Fragen, die sich in den kritischen Momenten des Krieges und der Revolution
unweigerlich stellten. All diese Fragen, die sich zwischen 1914 und 1936
stellten, waren politische Fragen: Worin bestand der Charakter des Krieges, der 1914
ausbrach? War er ein imperialistischer Krieg oder ein Krieg zur Verteidigung
der demokratischen Rechte gegen den deutschen Militarismus? Welche Haltung
sollte gegenüber der „Demokratisierung" der absolutistischen Staaten im Februar
1917 (Russland) und 1918 (Deutschland) eingenommen werden? Welche Haltung
sollte gegenüber dem demokratischen Staat in Spanien 1936 eingenommen werden?
War er ein bürgerlicher Feind oder ein antifaschistischer Verbündeter? In allen
Fällen erwies sich der revolutionäre Syndikalismus als unfähig, Antworten zu
geben; er endete schließlich in einem faktischen Bündnis mit der Bourgeoisie.

Die
Erfahrung aus dem Streik in Russland 1905 stellte die Theorie in Frage, die bis
dahin sowohl von den Anarchisten als auch von den Sozialdemokraten (den
damaligen Marxisten) vertreten wurde. Doch nur der linke Flügel des Marxismus
zeigte sich im Stande, die Lehren aus dieser eminent wichtigen Erfahrung zu
ziehen. „Die russische Revolution (von 1905), dieselbe Revolution, die die
erste geschichtliche Probe auf das Exempel des Massenstreiks bildet, bedeutet
nicht bloß keine Ehrenrettung für den Anarchismus, sondern sie bedeute geradezu
eine geschichtliche Liquidation des
Anarchismus
. (...) So hat die geschichtliche
Dialektik, der Fels, auf dem die ganze Lehre des Marxschen Sozialismus beruht,
es mit sich gebracht, dass heute der Anarchismus, mit dem die Idee des
Massenstreiks unzertrennlich verknüpft war, zu der Praxis des Massenstreiks
selbst in einen Gegensatz geraten ist, während umgekehrt der Massenstreik, der
als der Gegensatz zu der politischen Betätigung des Proletariats bekämpft
wurde, heute als die allmächtige Waffe des politischen Kampfes um politische
Rechte erscheint. Wenn also die russische Revolution eine gründliche Revision
des alten Standpunkts des Marxismus zum Massenstreik erforderlich macht, so ist
es wiederum nur der Marxismus, dessen allgemeine Methoden und Gesichtspunkte
dabei in neuer Gestalt den Sieg davontragen. Moors geliebte kann nur durch Moor
selber sterben." (Rosa Luxemburg, Massenstreik,
Partei und Gewerkschaften
, R. Luxemburg Werke,
Bd. 2, S. 95 und 97, das Zitat ist Shakespeares Stück Othello
entnommen).

Internationalismus
oder Antimilitarismus?

Auf dem
ersten Blick mag es rein akademisch erscheinen, zwischen dem Internationalismus
und dem Antimilitarismus zu unterscheiden. Muss im Grunde nicht jeder, der
gegen die Armee ist, für die Brüderlichkeit zwischen den Völkern sein? Ist
beides, wenn es darauf ankommt, nicht derselbe Kampf? In Wahrheit rühren diese
beiden Prinzipien aus völlig unterschiedlichen Vorgehensweisen her. Der
Internationalismus beruht auf dem Verständnis, dass der Kapitalismus, obwohl er
ein Weltsystem ist, dennoch unfähig bleibt, über den nationalen Rahmen und der
zunehmend frenetischen Konkurrenz zwischen den Nationen hinauszugehen. Insofern
erzeugt er eine Bewegung, die auf den internationalen Sturz der
kapitalistischen Gesellschaft durch eine Arbeiterklasse abzielt, die ebenfalls
international vereint ist. Seit 1848 war der Hauptschlachtruf nicht
antimilitaristisch gewesen, sondern stets internationalistisch: „Arbeiter aller
Länder, vereinigt euch!" (Kommunistisches
Manifest
) Doch für die marxistische Linke der
Sozialdemokratie vor 1914 war es unmöglich, sich den Kampf gegen den
Militarismus als etwas anderes als einen Aspekt eines viel breiteren Kampfes
vorzustellen. „Indessen betrachtet die Sozialdemokratie, entsprechend ihrer
Auffassung vom Wesen des Militarismus, die völlige Beseitigung des Militarismus
allein für unmöglich: Nur mit dem Kapitalismus - der letzten Klassengesellschaftsordnung
- zugleich kann der Militarismus fallen. (...) dass der Zweck der
antimilitaristischen Propaganda der Sozialdemokratie nicht die isolierte
Bekämpfung und ihr Endziel nicht die isolierte Beseitigung des Militarismus
ist" (Karl Liebknecht, Militarismus und
Antimilitarismus
, Gesammelte Reden und Schriften, Bd.
1, S. 432 und 433).

Der
Antimilitarismus dagegen ist nicht notwendigerweise internationalistisch, da er
dazu neigt, nicht den Kapitalismus als solchen zum Feind zu erklären, sondern
nur einen Aspekt des Kapitalismus. Für die Anarchosyndikalisten in der
französischen CGT vor 1914 wurde die antimilitaristische Propaganda vor allem
durch die unmittelbare Erfahrung mit einer Armee motiviert, die gegen
Streikende eingesetzt wurde. Sie betrachtete es als notwendig, sowohl den
jungen Proletariern während ihres Militärdienstes Unterstützung zu
gewährleisten als auch die Truppen davon zu überzeugen, den Einsatz ihrer
Waffen gegen Streikende zu verweigern. An sich gibt es nichts an solchen Absichten
auszusetzen. Doch die Anarchosyndikalisten zeigten sich nicht im Stande, den
Militarismus als ein integrales Phänomen des Kapitalismus zu begreifen, als ein
Phänomen, das in der Periode vor 1914 immer schlimmer werden sollte, als die
imperialistischen Großmächte den I. Weltkrieg vorbereiteten. Typisch für dieses
Unverständnis ist der Gedanke, dass der Militarismus faktisch nichts anderes
sei als eine Ausrede, um die Repressionskräfte gegen die Arbeiterklasse
aufrechtzuerhalten, ein Gedanke, der von den anarchosyndikalistischen Führern
Pouget und Pataud so ausgedrückt wurde: „Die Regierung will die Kriegsführung
erhalten - denn die Furcht vor dem Kriege war für sie das beste Mittel für ihre
Vorherrschaft. Dank der Angst vor dem Krieg, die geschickt geschürt wurde,
konnten sie stehende Heere im ganzen Land aufrechterhalten, die unter dem
Vorwand, die Grenzen zu schützen, in Wahrheit nur das Volk bedrohten und nur
die herrschende Klasse beschützten." (Pouget und Pataud, Comment
nous ferons la révolution
, eigene Übersetzung)

In der
Tat war der Antimilitarismus der CGT dem Pazifismus in dessen Eigenschaft sehr
ähnlich, eine 180°-Kehrtwende zu vollziehen, sobald „das Vaterland
in Gefahr" war. Im August 1914 entdeckten die Antimilitaristen über Nacht, dass
die französische Bourgeoisie „weniger militaristisch" sei als die deutsche
Bourgeoisie und dass es daher notwendig sei, die französische „revolutionäre
Tradition" von 1789 gegen die barbarischen Stulpen der preußischen Militaristen
zu verteidigen, statt den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg
umzuwandeln, wie Lenin sagte.

Es ist
klar, dass die Frage des Militarismus nicht mehr auf dieselbe Weise gestellt
werden konnte nach dem schrecklichen Gemetzel von 1914-18, das an Schrecken
alles übertraf, was die Antimilitaristen sich 1914 vorstellen konnten. Die
antimilitaristische Ideologie wurde somit von der Ideologie des Antifaschismus
verdrängt, wie wir sehen werden, wenn wir auf die Rolle der CNT im spanischen
Bürgerkrieg in den 1930er Jahren zu sprechen kommen. In beiden Fällen wählten
die Syndikalisten ein Lager - die demokratischere Bourgeoisie - gegen das
andere, das der autoritären, diktatorischen Bourgeoisie.

Der Unterschied
zwischen Anarchosyndikalismus und revolutionärem Syndikalismus

Ihren
Zeitgenossen war durchaus nicht klar, dass es überhaupt Unterschiede zwischen
beiden Strömungen gab, die ansonsten in vielerlei Hinsicht miteinander
verknüpft waren. In der Tat konnte man vor 1914 sagen, dass die französische
CGT als Leitstern für andere syndikalistische Strömungen diente, so wie es die
deutsche SPD für andere Parteien der Zweiten Internationale war. Es scheint uns
- mit der nachträglichen historischen Einsicht -dennoch geboten, zwischen den
Positionen der Anarchosyndikalisten und denen der revolutionären Syndikalisten
zu unterscheiden. Diese Unterscheidung fällt größtenteils mit den Unterschieden
zwischen den industriell weniger entwickelten Ländern (Frankreich und Spanien)
und den zwei wichtigsten und entwickeltsten kapitalistischen Ländern des 19. Jahrhunderts
(Großbritannien) und des 20. Jahrhunderts (Vereinigte Staaten von Amerika)
zusammen. Während der Anarchosyndikalismus eng mit dem größeren Einfluss
innerhalb der Arbeiterbewegung weniger entwickelter Länder, mit dem
anarchistischen Merkmal des Kleinbürgertums und der kleinen Handwerkerschichten
im Proletarisierungsprozess verhaftet war, war der revolutionäre Syndikalismus
eher die Antwort auf die Probleme eines Proletariats, das sich hoch
konzentriert in großen Industrien befand.

Wir
möchten kurz drei wichtige Elemente untersuchen, die es uns gestatten, zwischen
diesen beiden Strömungen zu unterscheiden.

Für
oder gegen Zentralisierung.
Der
Anarchosyndikalismus hatte stets eine föderalistische Sichtweise gehabt, in der
die Föderation nicht mehr als eine lose Ansammlung unabhängiger Gewerkschaften
war: Die Konföderation besaß gegenüber den Gewerkschaften keine Autorität.
Besonders in der CGT passte den Anarchosyndikalisten dieser Umstand perfekt, da
sie vor allem die kleinen Gewerkschaften dominierten; das System, das jeder
Gewerkschaft eine Stimme gab, verlieh ihnen ein Gewicht in der CGT, das ihre
numerische Bedeutung weit übertraf.

Der
revolutionäre Syndikalismus der IWW wurde dagegen sowohl implizit wie auch
ausdrücklich auf der Zentralisierung der Arbeiterklasse gegründet. Es ist kein
Zufall, dass einer der Schlachtrufe der IWW lautete: „One big union" („Eine
große Gewerkschaft"). Selbst der Name der Gewerkschaft („Industrial Workers of
the World") machte - auch wenn das ehrgeizige Unterfangen nicht immer der
Realität standhielt - ihre Absicht deutlich, die ArbeiterInnen der gesamten
Welt in einer einzigen Organisation zu sammeln. Die Statuten der IWW, die 1905
in Chicago verabschiedet wurden, setzten die Autorität des Zentralorgans durch:
„Die Unterabteilungen Internationale und Nationale Industrieunionen sollen
völlige industrielle Autonomie in ihren besonderen inneren Angelegenheiten
haben, unter dem Vorbehalt, dass die Allgemeine Exekutivkommission die Macht
hat, diese Industrieunionen in Angelegenheiten zu kontrollieren, die das
Interesse des allgemeinen Wohls betreffen" (siehe „Jim Crutchfield's IWW Page",
oben zitiert für den vollen Text). [14]

Es gab
einen beträchtlichen Unterschied zwischen Anarchosyndikalisten und
revolutionären Syndikalisten in ihrer Haltung
gegenüber der politischen Aktion
.
Obgleich es Mitglieder der sozialistischen Parteien in einigen Gewerkschaften
der CGT gab, waren die Anarchosyndikalisten selbst „anti-politisch" und sahen
in diesen Parteien nichts als parlamentarische Finten oder Manipulationen durch
die „Führer". Die berühmte Charta, die vom Kongress in Amiens 1906
verabschiedet worden war, erklärte die totale Unabhängigkeit gegenüber
jeglichen Parteien oder „Sekten" (ein Hinweis auf anarchistische
Gruppierungen). Diese Verweigerung jeglicher politischer Visionen (die
ausschließlich als parlamentarisches Tagesgeschäft verstanden wurden) ist einer
der Gründe, warum die CGT politisch völlig unvorbereitet vom Krieg 1914
überrascht wurde, der sich nicht für das Schema des Generalstreiks auf einem
rein „ökonomischen" Terrain eignete. Die anarchistische Ablehnung der „Politik"
fand keine Parallele bei der Gründung der IWW, auch wenn die Gründer selbst
behaupteten, eine Einheitsorganisation der Arbeiterklasse aufzubauen, und ihre völlige
Handlungsfreiheit gegenüber politischen Parteien zu erhalten beabsichtigten. Im
Gegenteil, die bekanntesten Gründer und Führer der IWW waren häufig Mitglieder
einer politischen Partei: Big Bill Haywood war nicht nur Sekretär der Western
Federation of Miners, sondern auch ein Mitglied der Sozialistischen Partei von
Amerika, so wie auch A. Simons. Daniel De Leon von der Sozialistischen
Arbeiterpartei spielte auch bei der Bildung der IWW eine führende Rolle. In dem
ziemlich spezifischen Kontext der Vereinigten Staaten wurden die IWW von der
Bourgeoisie und von der reformistischen Gewerkschaft AFL (American Federation
of Labour) als gewerkschaftlicher Ausdruck des politischen Sozialismus
angesehen. Selbst nach der Spaltung von 1908 spielten Mitglieder der SAP auf
jenem Kongress, auf dem die IWW ihre Satzung dahingehend modifizierten, dass
jegliches Bekenntnis zur politischen (das heißt: Wahl-)Aktion verbannt wurde,
eine fundamentale Rolle in den IWW. Insbesondere Haywood wurde 1911 in das
Exekutivkomitee gewählt: Seine Wahl stellte darüber hinaus einen Sieg der
Revolutionäre über die Reformisten innerhalb der Sozialistischen Partei dar.

Es wäre
gleichfalls unmöglich, den Einfluss des revolutionären Syndikalismus unter den
Shop Stewards in Großbritannien zu erklären, ohne die Rolle zu erwähnen, die
John MacLean und die schottische SLP gespielt hatten. Auch ist es kein Zufall,
dass die Bastionen der Shop Steward-Bewegung (der Kohlebergbau und die
Stahlindustrie in Südwales, die Industrie entlang des Clyde River in
Schottland, die Region um Sheffield in England) auch zu Bastionen der
Kommunistischen Partei in den Jahren nach der Russischen Revolution werden
sollten.

Schließlich
ist die Position, die jede dieser
Strömungen gegenüber dem Krieg einnahm
, kein
geringer Unterschied zwischen beiden. In der Zeit von 1900 und 1940, in welcher
der Syndikalismus den größten Einflusses besaß, gab es einen großen Unterschied
zwischen dem Anarchosyndikalismus und dem revolutionären Syndikalismus in der
Haltung gegenüber dem imperialistischen Krieg:

-   Der Anarchosyndikalismus verlor Leib und
Seele, als er den imperialistischen Krieg unterstützte: 1914 verpflichtete die
CGT die französische Arbeiterklasse für den Krieg, während die spanische CNT
1936/37 durch ihre antifaschistische Ideologie und ihre Regierungsbeteiligung
zu einem der Hauptpfeiler der bürgerlichen Republik wurde.

-   Der revolutionäre Syndikalismus blieb
hingegen seinen internationalistischen Positionen treu: Die IWW in den
Vereinigten Staaten und die Shop Stewards in Großbritannien standen im Zentrum
des Arbeiterwiderstandes gegen den Krieg.

Sicherlich
sollte diese Unterscheidung nuanciert werden: Der revolutionäre Syndikalismus
hatte seine Schwächen (besonders eine starke Neigung, die Frage des Krieges
allein aus dem beschränkten Blickwinkel des ökonomischen Kampfes gegen dessen
Auswirkungen zu betrachten). Dennoch bleibt auf der Ebene der Organisationen
die Unterscheidung gültig.

Kurz:
während der revolutionäre Syndikalismus trotz seiner Schwächen einige der entschlossensten
Streiter der Arbeiterklasse im Kampf gegen den Krieg stellte, stellte der
Anarchosyndikalismus Minister für die Regierungen des Burgfriedens in den
bürgerlichen Republiken Frankreichs und Spaniens.

Schlussfolgerung

„Gen.
Woinow verfolgt deshalb vollkommen richtig seine Linie, wenn er die russischen
Sozialdemokraten aufruft, am Beispiel des Opportunismus und am Beispiel des
Syndikalismus zu lernen. Die revolutionäre Arbeit in den Gewerkschaften, die
Verlegung des Schwerpunktes von parlamentarischen Kunststücken auf die
Erziehung des Proletariats, auf die Festigung von reinen Klassenorganisationen,
auf den außerparlamentarischen Kampf, die Fähigkeit, den Generalstreik wie auch
die „Kampfformen des Dezember" [15] in der russischen
Revolution anzuwenden (und die Vorbereitung der Massen auf ihre erfolgreiche
Anwendung) - alles das tritt gebieterisch in den Vordergrund als Aufgabe der
bolschewistischen Richtung. Die Erfahrungen der russischen Revolution
erleichtern uns diese Aufgabe gewaltig, geben uns eine Vielzahl wertvollster
praktischer Hinweise und liefern eine Menge historischen Materials, das uns
ermöglicht, die neuen Methoden des Kampfes, den Massenstreik und die
unmittelbare Gewaltanwendung, ganz konkret einzuschätzen. "Neu" sind diese
Methoden des Kampfes am wenigsten für die russischen Bolschewiki, für das
russische Proletariat. „Neu" sind sie für die Opportunisten, die mit aller
Macht bemüht sind, aus dem Gedächtnis der Arbeiter die Erinnerungen im Westen
an die Kommune, in Russland an den Dezember 1905 zu tilgen. Diese Erinnerungen
zu festigen, diese großen Erfahrungen wissenschaftlich zu studieren, ihre
Lehren und das Bewusstsein der Unvermeidlichkeit der Wiederholung dieser
Erfahrungen in neuem Maßstab in den Massen zu verbreiten - diese Aufgabe der
revolutionären Sozialdemokraten in Russland eröffnet uns unermesslich
inhaltsreichere Perspektiven als der einseitige „Antiopportunismus" und
„Antiparlamentarismus" der der Syndikalisten." (Lenin, Vorwort zur Broschüre
von Woinow).

Für Lenin
war der revolutionäre Syndikalismus eine proletarische Antwort auf den
Opportunismus und den parlamentarischen Kretinismus der Sozialdemokratie, aber
er war eine partielle und schematische Antwort, die nicht in der Lage war, den
Gezeitenwechsel im frühen 20. Jahrhundert in seiner ganzen Komplexität zu
begreifen. Trotz der historischen Unterschiede, die in den verschiedenen
syndikalistischen Strömungen zutage traten, hatten alle diesen Defekt
gemeinsam. Wie wir in den kommenden Artikeln sehen werden, erwies sich diese
Schwäche als fatal: Im günstigsten Fall war die syndikalistische Strömung
unfähig, voll und ganz zur Ausbreitung der revolutionären Welle von 1917-23
beizutragen; im schlimmsten Fall endete er in offener Unterstützung für den
imperialistischen Kapitalismus, den er einst zu bekämpfen vorgegeben hatte.

 

Jens, 4. Juli
2004

 


[1] Wir werden später auf die Unterscheidung zwischen
dem revolutionären Syndikalismus und dem Anarchosyndikalismus zurückkehren. Um
es kurz zu machen, können wir sagen, dass der Anarchosyndikalismus ein Zweig
des revolutionären Syndikalismus ist. Sämtliche Anarchosyndikalisten betrachten
sich selbst als revolutionäre Syndikalisten, während umgekehrt dies nicht der
Fall ist. Wo wir den Begriff „Syndikalismus" benutzen, beziehen wir uns
unterschiedslos auf beide Strömungen.

 

[2] Der
Verrat durch die sozialistischen Parteien 1914 wurde bereits seit Anfang des
20. Jahrhunderts vom linken Flügel in den sozialistischen Parteien (Luxemburg,
Pannekoek, Gorter, Lenin, Trotzki) bekämpft. Der Verrat durch die
Kommunistischen Parteien (die die Konterrevolution in den 20er und 30er Jahren
anführten) wurde von den Linkskommunisten (die KAPD in Deutschland, die GIK in
den Niederlanden, die Linke der italienischen KP um Bordiga, schließlich die
Fraktionen der Internationalen Linken in Bilan und Internationalisme) bekämpft.

 

[3] Die
Grand National Consolidated Union wurde 1833 unter aktiver Beteiligung Robert
Owens gebildet; laut der Presse dieser Tage organisierte sie 800.000 britische
ArbeiterInnen (siehe J.T. Murphy, Preparing for power).

 

[4] Die
Anarchisten widersetzten sich gern dem „libertären" und „demokratischen"
Bakunin. In Wahrheit empfand der Aristokrat Bakunin tiefe Verachtung für das
„Volk", das von der unsichtbaren Hand geheimer Verschwörer gelenkt werden
sollte: „Die wahre Revolution braucht keine Individuen die sich an die Spitze
der Massen stellen und sie kommandieren, sondern Männer, die, unsichtbar in
ihrer Mitte verborgen, die unsichtbare Verbindung einer Masse mit der anderen
ausmachen und so der Bewegung unsichtbar eine und dieselbe Richtung, einen und
denselben Geist und Charakter geben. Die vorbereitende geheime Organisation hat
nur diesen Sinn, und einzig und allein hierzu ist sie notwendig"  (Bakunin, Die Prinzipien
der Revolution
). Siehe International Revue
Nr. 20, deutsche Ausgabe, „Der Kampf des Marxismus gegen das politische
Abenteurertum". Für weitere Details über Bakunins organisatorische Ideen siehe
die exzellente Biographie von E.H. Carr.

 

[5] In
dieser Periode organisierten sich die Gewerkschaften in Gewerben; darüber
hinaus beschränkte sich die gewerkschaftliche Mitgliedschaft auf ausgebildete
Arbeiter.

 

[6] Als
ein Beispiel für den Unterschied zwischen der Epoche des Aufstieg und der
Epoche der Dekadenz des Kapitalismus können wir die Entwicklung des
Arbeitstages anführen. Von 16-17 Stunden am Tag zu Beginn des 19. Jahrhunderts
fiel die Arbeitszeit auf zehn oder gar acht Stunden zu Beginn des 20.
Jahrhunderts. Seither blieb sie (abgesehen vom Schwindel der 35-Stunden-Woche
in Frankreich, die heute wieder in Frage gestellt wird) hartnäckig um acht
Arbeitsstunden herum verharren, und dies trotz eines phantastischen Anstiegs in
der Produktivität. In Ländern wie Großbritannien wird der Arbeitstag momentan
wieder verlängert; der typische „Neun-bis-fünf-Job" der 60er Jahre wurde durch
einen Arbeitstag ersetzt, der erst um 18 Uhr oder später endet.

 

[7] Millerand
war ein Anwalt, der in der französischen Arbeiterbewegung wegen seiner
Qualitäten bei der Verteidigung von Gewerkschaftern vor Gericht hoch geschätzt
wurde. Als Protégé von Jaurès kam er 1889 als unabhängiger Sozialist ins
Parlament. Doch seine Beteiligung am Kabinett Waldeck-Rousseau entfremdete ihn
von den Sozialisten, von denen er sich ab 1905 sukzessive löste. 1909 wurde er
Minister für Öffentliche Arbeiten, diente schließlich als Kriegsminister
zwischen 1912 und 1915.

 

[8] Lenins
Vorwort zu einem Pamphlet von Woinow (A. W. Lunatscharski) über die Haltung der
Partei gegenüber den Gewerkschaften (1907) (Lenin Werke, Bd. 13, S. 162) In
Wahrheit entwickelte sich der Syndikalismus nur wenig in Russland, und dies aus
einem bestimmten Grund: Die russischen Arbeiter wandten sich einer wirklich
revolutionären marxistischen Partei zu, den Bolschewiki. Siehe: http://www.marxists.org/archive/lenin/works/1907/nov/00.htm.

 

[9]
Es sollte angemerkt werden, dass diese Sichtweise einer historischen Mission
der Arbeiterklasse weitaus enger mit dem Marxismus als mit dem Anarchismus
verbunden ist.

 

[10]  „Jim Crutchfields
IWW-Seite" enthält nützliches Material für die Geschichte der IWW. Siehe: http://jdcrutch.home.mindspring.com/i/constitution/1908const.html.

 

[11]
Siehe unsere Artikel über die Klassenkämpfe in Polen 1980/81 in der deutschen Internationalen
Revue
, Nr. 6 und 8.

 

[12] Für
jene, die die Wahrheit dieser Vereinigung anzweifeln, lohnt sich ein Blick auf
den Umfang der Finanzierung der Gewerkschaften in den „demokratischen" Ländern
durch den Staat. Zum Beispiel gibt es laut der französischen Zeitung La
Tribune
vom 23.02.2004 allein 2.500 Zivilangestellte, die vom
Bildungsministerium bezahlt werden und sich voll und ganz der
Gewerkschaftsarbeit widmen. Derselbe Artikel gibt Details über die
vielfältigen, an die Gewerkschaften ausbezahlten Beihilfen preis,
einschließlich der etwa 35 Millionen, die jährlich im Namen der „Kooperation
Gewerkschaften-Management" gezahlt werden.

 

[13] Die
anarchosyndikalistische Vision eines Generalstreiks wird in Romanform im Buch Comment
nous ferons la révolution
beschrieben, verfasst von zwei
CGT-Führern, Pouget und Pataud, ein Buch, das erstmals 1909 veröffentlicht
wurde (Editions Syllepse).

 

[14] Man
sollte bemerken, dass der Grad der Zentralisierung in den IWW-Statuten weit
über jene Zentralisierung hinausging, die zurzeit der Zweiten Internationale
herrschte.

 

[15]  Mit anderen Worten: die Sowjets.

 

Politische Strömungen und Verweise: 

Erbe der kommunistischen Linke: