Dekadenz des Kapitalismus (Teil IV)

In den vorherigen Artikeln dieser Serie haben wir uns detailliert mit Marx‘ Resümee der historisch-materialistischen Methode im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie befasst. Wir sind nun am letzten Abschnitt dieses Resümees angelangt:

„Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht in dem Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“

Die Universalität der Methode Marx‘

Wir werden später auf die spezifischen Antagonismen zurückkommen, die Marx als der kapitalistischen Gesellschaft innewohnend betrachtete und die die Grundlage für sein Urteil verschafften, dass der Kapitalismus wie all die früheren Formen der Klassenausbeutung nur als eine Übergangsgesellschaft betrachtet werden kann. Bevor wir jedoch fortfahren, möchten wir auf einen Vorwurf antworten, der gegen die Marxisten erhoben worden war, die versucht hatten, den Aufstieg und Fall der kapitalistischen Gesellschaft in den Zusammenhang mit der Abfolge früherer Produktionsweisen zu platzieren – mit anderen Worten, die marxistische Methode zu nutzen, um den Kapitalismus als einen Moment im Gesamtdrama der menschlichen Geschichte zu untersuchen. In Diskussionen mit Elementen einer neuen Generation, die zu revolutionären Positionen strebt (zum Beispiel im Internet-Diskussionsforum libcom.org), ist solch ein Vorgehen kritisiert worden, weil es nicht mehr anbiete als eine „metaphysische Geschichte“, die letztlich zu messianischen Schlussfolgerungen führe; an anderer Stelle im gleichen Forum[1] wird unser Bemühen, Schlüsse hinsichtlich des Aufstiegs und Niedergangs des Kapitalismus aus einer weitaus historischeren Perspektive zu ziehen, als ein Beispiel für ein Unterfangen betrachtet, das Marx selbst abgelehnt habe: „Die Suche nach einer  allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie, deren größter Vorzug darin besteht, übergeschichtlich zu sein“

Dieses Zitat von Marx ist oftmals aus dem Zusammenhang gerissen worden, um die Ansicht zu untermauern, dass Marx niemals versucht habe, eine allgemeine Geschichtstheorie zu erarbeiten, sondern lediglich darauf aus gewesen sei, die Gesetze des Kapitalismus zu ergründen. In welchem Zusammenhang stand denn nun dieses Zitat?

Es stammt aus einem Brief von Marx an den Herausgeber der russischen Zeitschrift Otetschestwennyje Sapiski (November 1877), in dem er auf eine „russische Kritik“ antwortete, die exakt Marx‘ Geschichtstheorie als ein dogmatisches und mechanisches Schema porträtierte, in dem jede Nation dazu bestimmt sei, exakt dieselben Entwicklungsmuster zu durchlaufen, die Marx bezüglich des Aufstiegs des Kapitalismus in Europa analysiert hatte. Seine Kritik Aber das ist meinem Kritiker zu wenig. Er muß durchaus meine historische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa in eine geschichtsphilosophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges verwandeln, der allen Völkern schicksalsmäßig vorgeschrieben ist, was immer die geschichtlichen Umstände sein mögen, in denen sie sich befinden...“. Und in der Tat war diese Tendenz unter den ersten russischen Marxisten stark ausgeprägt; sie neigten oftmals dazu, den Marxismus als eine simple Entschuldigung für die kapitalistische Entwicklung zu präsentieren, und gingen davon aus, dass Russland unbedingt seine eigene bürgerliche Revolution durchmachen müsse, ehe es in der Lage sei, zur Stufe der sozialistischen Revolution überzugehen. Diese Tendenz trat später erneut in Erscheinung, diesmal in Form des Menschewismus.

In fraglichem Brief kommt Marx faktisch aber zu einem völlig anderen Schluss:

Um die ökonomische Entwicklung Rußlands in voller Sachkenntnis beurteilen zu können, habe ich Russisch gelernt und dann lange Jahre hindurch die darauf bezüglichen offiziellen und sonstigen Druckschriften studiert. Das Resultat, wobei ich angekommen bin, ist dies: Fährt Rußland fort, den Weg zu verfolgen, den es seit 1861 eingeschlagen hat, so wird es die schönste Chance verlieren, die die Geschichte jemals einem Volk dargeboten hat, um dafür alle verhängnisvollen Wechselfälle des kapitalistischen Systems durchzumachen.

Unter dem Strich meinte Marx ganz sicher nicht, dass seine Methode zur Analysierung der Geschichte im Allgemeinen samt und sonders auf jedes Land angewendet werden kann und dass seine Geschichtstheorie kein rigides System des „universellen Fortschritts“ ist, kein linearer, mechanischer Prozess, der immer in dieselbe fortschrittliche Richtung weist (selbst wenn das, was Marxismus genannt wurde, zunächst in den Händen der Menschewiki, später in jenen des Stalinismus zu genau dem wurde). Er hatte Anlass anzunehmen, dass Russland durch die Verschmelzung einer proletarischen Revolution in den fortgeschrittenen westlichen Ländern mit den traditionellen Formen der Gemeinwirtschaft auf der Basis der russischen Landwirtschaft von den Schrecken der kapitalistischen Umwandlung ausgenommen bleiben könnte. Die Tatsache, dass die Dinge am Ende anders ausgingen, nimmt dem Open-End-Szenario von Marx nicht seine Relevanz. Darüber hinaus: seine Methode ist konkret und schließt die Berücksichtigung der aktuellen historischen Umstände, unter denen eine entsprechende Gesellschaftsform auftritt, mit ein. Im gleichen Brief gibt Marx ein Beispiel dafür, wie er arbeitet: An mehreren Stellen im „Kapital“ spiele ich auf das Schicksal an, das die Plebejer des alten Roms ereilte. Das waren ursprünglich freie Bauern, die, jeder auf eigne Rechnung, ihr eignes Stück Land bebauten. Im Verlauf der römischen Geschichte wurden sie expropriiert. Die gleiche Entwicklung, die sie von ihren Produktions- und Subsistenzmitteln trennte, schloß nicht nur die Bildung des Großgrundbesitzes, sondern auch die großer Geldkapitalien ein. So gab es eines schönen Tages auf der einen Seite freie Menschen, die von allem, außer ihrer Arbeitskraft, entblößt waren, und auf der andern, zur Ausbeutung dieser Arbeit, die Besitzer all der erworbenen Reichtümer. Was geschah? Die römischen Proletarier wurden nicht Lohnarbeiter, sondern ein faulenzender Mob, noch verächtlicher als die sog. „poor whites“ der Südstaaten der Vereinigten Staaten, und an ihrer Seite entwickelte sich keine kapitalistische, sondern eine auf Sklavenarbeit beruhende Produktionsweise. Ereignisse von einer schlagenden Analogie, die sich aber in einem unterschiedlichen historischen Milieu abspielten, führten also zu ganz verschiedenen Ergebnissen. Wenn man jede dieser Entwicklungen für sich studiert und sie dann miteinander vergleicht, wird man leicht den Schlüssel zu dieser Erscheinung finden, aber man wird niemals dahin gelangen mit dem Universalschlüssel einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie, deren größter Vorzug darin besteht, übergeschichtlich zu sein.“

Doch was dieses Beispiel nicht zeigt, ist, dass Marx‘ Theorie jeden Versuch ausschloss, eine allgemeine Dynamik der vorkapitalistischen Gesellschaftsformationen zu skizzieren, und dass daher jede allgemeine Diskussion über Aufstieg und Fall von Gesellschaftssystemen ein unsinniges und aussichtsloses Unterfangen sei. Der unerhörte Aufwand an Energie, den Marx in seinen letzten Jahren in das Studium der russischen „Kommune“ und der allgemeinen Frage des Urkommunismus steckte, und der Umfang des Platzes, der der Analyse der vorkapitalistischen Gesellschaftsformen in den Grundrissen und anderswo gewidmet wurde, spricht deutlich gegen diesen Vorschlag. Letztgenanntes Beispiel zeigt, dass Marx auf ein separates Studium von Gesellschaftsformen beharrte, statt die verschiedenen Formen miteinander zu vergleichen, um auf diese Weise „einen Fingerzeig zu finden“ auf das fragliche Phänomen; es zeigt nicht, dass Marx sich weigerte, vom Besonderen zum Allgemeinen zu gehen, als es darum ging, zu einem Verständnis der Bewegungskräfte der Geschichte zu gelangen.

Vor allem wird der Vorwurf, dass Versuche, den Kapitalismus im Zusammenhang mit der sukzessiven Abfolge von Produktionsweisen zu lokalisieren, ein „über-historisches“ Projekt seien, von der Herangehensweise im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie widerlegt. Dort umreißt Marx seine allgemeine Vorgehensweise und verkündet unmissverständlich das Gebiet seiner Untersuchung. Im vorherigen Artikel untersuchten wir die Passage, die sich mit früheren Gesellschaftsformen (Urkommunismus, asiatischer Despotismus, Sklaverei, Feudalismus, etc.) befasste. Wir zeigten, wie über die Gründe für ihren Aufstieg und Niedergang – genauer: der Etablierung von gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen, die mal als Ansporn, mal als Hindernis in der Entwicklung der Produktivkräfte handeln – in der Tat bestimmte allgemeine Schlussfolgerungen gezogen werden konnten. In der Textpassage, die wir nun betrachten, benutzt Marx eine bloße Phrase – aber eine, die es in sich hat -, um die Tatsache zu unterstreichen, dass sein Untersuchungsgebiet die gesamte menschliche Geschichte umfasst: „Mit dieser Gesellschaftsformation schließt die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“ Was genau meint Marx mit diesem Begriff?

Ende der Geschichte oder Ende der Vorgeschichte?

Als 1989 der Ostblock zusammenbrach, stürzte sich die herrschende Klasse im Westen in eine massive Propagandakampagne, die auf dem Slogan „Der Kommunismus ist tot“ beruhte und frohlockend den Schluss zog, dass Marx, der „Prophet“ des Kommunismus, endgültig diskreditiert sei. Das „philosophische“ Glanzstück in dieser Kampagne lieferte Francis Fukuyama, der nicht zögerte, das „Ende der Geschichte“ anzukündigen – der definitive Triumph des liberal-demokratischen Kapitalismus, der – zugegeben auf fehlerhafte, aber grundsätzlich menschliche Weise – dem Krieg und der Armut ein Ende bereiten und die Menschheit von der Bürde der weltweiten Krisen befreien werde. „Was wir möglicherweise erleben, ist nicht bloß das Ende des Kalten Krieges oder eine besondere Phase der Nachkriegsgeschichte, sondern das Ende der Geschichte als solcher …Das heißt der Endpunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit und die Universalisierung der westlichen liberalen Demokratie als letzte menschliche Regierungsform.“[2]

Die beiden Jahrzehnte, die diesen Ereignissen folgten, mit ihrer allgegenwärtigen militärischen Barbarei und ihren Völkermorden, mit der wachsenden Kluft zwischen arm und reich auf weltweiter Ebene, mit der wachsenden Gewissheit, dass wir einer Umweltkatastrophe planetarischen Ausmaßes entgegensteuern, unterminierten schnell Fukuyamas selbstgefällige These, die er zusammen mit seiner unkritischen Unterstützung für die herrschende neo-konservative Fraktion im US-Staat etwas modifizierte. Und heute, mit dem Ausbruch einer tiefen Wirtschaftskrise in dem Zentrum des triumphierenden liberal-demokratischen Kapitalismus, gibt man sich mit solchen Behauptungen nur noch der Lächerlichkeit preis – inzwischen können auch Marx und seine Visionen eines Kapitalismus, der durch die Krise abgewrackt wird, nicht länger als Überbleibsel einer längst vergangenen Ära der Dinosaurier abgetan werden.

Marx bemerkte schon sehr früh, dass die Bourgeoisie der Ansicht war, dass ihr System das Ende der Geschichte sei, der Gipfel und das Endziel des menschlichen Strebens und der logischste Ausdruck der menschlichen Natur. Selbst ein revolutionärer Denker wie Hegel, dessen dialektische Methode auf der Erkenntnis über die Vergänglichkeit aller historischen Entwicklungsstufen und Ausdrücke beruhte, fiel in diese Falle, betrachtete er doch das herrschende preußische Regime als den endgültigen Ruhesitz des Absoluten Geistes.

Wie wir in den vorhergehenden Artikeln gesehen haben, lehnte Marx die Auffassung ab, dass der Kapitalismus, der auf Privateigentum und Ausbeutung der menschlichen Arbeit basiert, der vollkommene Ausdruck der menschlichen Natur ist. Er wies darauf hin, dass die erste Gesellschaftsform des Menschen eine Form des Kommunismus gewesen war, und identifizierte den Kapitalismus als lediglich eine unter vielen Klassengesellschaften, die der Auflösung des Urkommunismus folgten – genauso dazu verdammt, in Folge seiner inneren Widersprüche zu verschwinden.

Der Kapitalismus – die letzte Episode in der Reihe

Doch der Kapitalismus ist in der Tat die letzte Episode in dieser Reihe, ...die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus...“.

Und warum? Weil „...,aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus.

Der Begriff „Produktivkräfte“ wird mittlerweile mit einigem Misstrauen beäugt, da Marx ihn benutzt hatte. Verständlich, hat doch (wie wir im vorherigen Kapitel erklärten) die Perversion des Marxismus durch die stalinistische Konterrevolution dem Begriff der Entwicklung der Produktivkräfte eine böse Bedeutung verliehen, die Bilder der stachanowistischen Ausbeutung und des Aufbaus einer monströsen schwerindustriellen Kriegswirtschaft heraufbeschwören. Und in den letzten paar Jahrzehnten hat die rapide Zuspitzung der ökologischen Krise den fürchterlichen Preis offenbart, den die Menschheit für die Fortsetzung der hektischen „Weiterentwicklung“ des Kapitalismus bezahlt.

Laut Marx können die Produktivkräfte nicht als eine irgendwie autonome Macht verstanden werden, die die menschliche Geschichte bestimmt – dies trifft nur insoweit zu, dass sie als das Produkt entfremdeter Arbeit aus den Händen der Spezies geraten sind, die sie zunächst entwickelt hatte. Doch aus dem gleichen Grund stehen diese Kräfte an sich, durch besondere Formen der gesellschaftlichen Organisation in Bewegung gesetzt, der Menschheit nicht feindselig gegenüber, wie in den anti-technologischen Albträumen der Primitivisten und anderer Anarchisten. Im Gegenteil, auf einer bestimmten Stufe ihrer kostspieligen und widersprüchlichen Entwicklung sind sie der Schlüssel zur Befreiung der menschlichen Spezies aus einer Jahrtausende alten Mühsal und Ausbeutung, indem sie dafür sorgen, dass die Menschheit ihre gesellschaftlichen Verhältnisse so weit umorganisiert, dass die immense Macht, die sich im Kapitalismus entwickelt hat, für die Befriedigung der tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse genutzt werden kann.

Solch eine Umorganisierung ist in der Tat wegen der innerkapitalistischen Existenz einer „Produktivkraft“, des Proletariats, möglich, die erstmals sowohl eine ausgebeutete als auch eine revolutionäre Klasse ist, im Gegensatz beispielsweise zur Bourgeoisie, die, obwohl sie in der Opposition zur alten feudalen Klasse revolutionär war, selbst zum Geburtshelfer einer neuen Form der Klassenausbeutung wurde. Die Arbeiterklasse dagegen hat kein Interesse, ein neues Ausbeutungssystem zu errichten, weil sie sich nur befreien kann, wenn sie die Menschheit im Allgemeinen befreit. Wie Marx es in Die deutsche Ideologie formulierte: „daß in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine andre Distribution dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der Arbeit an andre Personen handelte, während die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt und die Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst aufhebt, weil sie durch die Klasse bewirkt wird, die in der Gesellschaft für keine Klasse mehr gilt, nicht als Klasse anerkannt wird, schon der Ausdruck der Auflösung aller Klassen, Nationalitäten etc. innerhalb der jetzigen Gesellschaft ist“.

Dies bedeutet jedoch auch, die Menschheit von den Narben einer Jahrtausende alten Klassenherrschaft und, mehr noch, von den Hunderttausenden von Jahren zu befreien, in denen die Menschheit von materiellem Mangel und vom Daseinskampf dominiert wurde.

Die Menschheit gelangt also zu einem Punkt, an dem es zu einem definitiven Bruch mit allen früheren historischen Epochen kommt. Daher spricht Marx vom „Ende der Vorgeschichte“. Wenn es dem Proletariat gelingt, die Herrschaft des Kapitals zu überwinden und, nach einer mehr oder weniger langen Übergangsperiode, eine kommunistische Weltgesellschaft zu schaffen, dann wird es künftigen Menschengeschlechtern möglich sein, in vollem Bewusstsein ihre eigene Geschichte zu machen. Engels formuliert diesen Punkt sehr eloquent in einer Passage im Anti-Dühring:

Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die nun zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte oktroyiert gegenüberstand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.

In solchen Passagen bekräftigen Marx und Engels den weiten Horizont ihrer historischen Vision, zeigen die zugrundeliegende Einheit aller bis dahin existierenden Epochen der menschlichen Geschichte auf und legen dar, wie der historische Prozess, ungeachtet der Tatsache, dass all das unbewusst, blind abläuft, dennoch die Bedingungen für einen qualitativen Schritt schafft, der nicht weniger umwälzend ist wie das erste Auftreten des Menschen aus dem Tierreich.

Diese grandiose Vision wurde von Trotzki fünfzig Jahre später, am 27. November 1932, in einer Lesung vor dänischen Studenten, nicht lange nach seinem Exil aus Russland, wiederholt. Trotzki berief sich dabei auf das Material, das die menschlichen und Naturwissenschaften geschaffen hatten, insbesondere auf die Entdeckungen der Psychoanalyse, um genauer aufzuzeigen, was dieser Schritt für das Innenleben des Menschen beinhaltet: „Die Anthropologie, Biologie, Physiologie, Psychologie haben Berge von Material gesammelt, um vor dem Menschen in vollem Umfange die Aufgaben seiner eigenen körperlichen und geistigen Vervollkommnung und weiteren Entwicklung aufzurichten. Die Psychoanalyse hob mit Sigmund Freuds genialer Hand den Deckel vom Brunnen, der poetisch die „Seele“ des Menschen genannt wird. Und was hat sich erwiesen? Unser bewußtes Denken bildet nur ein Teilchen in der Arbeit der finsteren psychischen Kräfte. Gelehrte Taucher steigen auf den Boden des Ozeans und fotografieren dort geheimnisvolle Fische. Indem der menschliche Gedanke auf den Boden seines eigenen seelischen Brunnens hinabsteigt. muß er die geheimnisvollsten Triebkräfte der Psyche beleuchten und sie der Vernunft und dem Willen unterwerfen. Ist er einmal mit den anarchischen Kräften der eigenen Gesellschaft fertig geworden, wird der Mensch sich selbst in Arbeit nehmen, in den Mörser, in die Retorte des Chemikers. Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbfabrikat betrachten.“[3]

In beiden Textpassagen wird deutlich gemacht, was alle bisherigen Geschichtsepochen einte: In diesem gewaltigen Zeitraum war der Mensch „...ein physisches und psychisches Halbfabrikat...“ – noch immer in einem gewissen Sinn eine Spezies im Übergang vom Tierreich zu einer voll ausgeprägten menschlichen Existenz.

Unter allen bisherigen Gesellschaften konnte einzig der Kapitalismus der Auftakt zu solch einem qualitativen Sprung sein, weil er die Produktivkräfte so weit entwickelt hat, dass die fundamentalen Probleme der materiellen Existenz der Menschheit – die Versorgung der Lebensbedürfnisse eines jeden auf dem Planeten – endlich gelöst werden können, was den Menschen die Freiheit ermöglicht, ihre kreativen Kapazitäten ohne Grenzen zu entwickeln und endlich ihr wahres, verstecktes Potenzial auszuschöpfen. Und hier wird die wahre Bedeutung der „Produktivkräfte“ offensichtlich: Die Produktivkräfte sind im Wesentlichen die kreativen Kräfte der Menschheit, die sich bis dahin nur in einer beschränkten und verzerrten Weise  ausdrücken konnten, die aber zu ihrer wahren Geltung kommen, sobald die Beschränkungen der Klassengesellschaft überwunden worden sind.

Mehr noch: der Kommunismus, eine Gesellschaft ohne Privateigentum und Ausbeutung, ist zur einzig möglichen Grundlage für die Weiterentwicklung der Menschheit geworden, da die in der verallgemeinerten Lohnarbeit und der Warenproduktion verinnerlichten Widersprüche die Menschheit mit der Auflösung aller sozialen Bande und gar der Zerstörung der eigentlichen Grundlagen menschlichen Lebens bedrohen. Die Menschheit wird mit sich selbst und der Natur in Harmonie leben, oder sie wird überhaupt nicht leben. Marx‘ Einschätzung in Die deutsche Ideologie, verfasst in der Jugendzeit des Kapitalismus, wird umso dringlicher und unvermeidlicher, je tiefer der Kapitalismus in seinen Niedergang stürzt: „Es ist also jetzt so weit gekommen, daß die Individuen sich die vorhandene Totalität von Produktivkräften aneignen müssen, nicht nur um zu ihrer Selbstbetätigung zu kommen, sondern schon überhaupt um ihre Existenz sicherzustellen.“

Der Kommunismus löst somit das Grundrätsel der menschlichen Geschichte: Wie sichern wir uns die Lebensnotwendigkeiten, um das Leben in seiner ganzen Fülle zu genießen? Doch anders als die kapitalistische Ideologie betrachtet der kommunistische Standpunkt den Kommunismus nicht als einen statischen Endpunkt. In den Ökonomischen und philosophischen Manuskripten von 1844 stellt Marx den Kommunismus durchaus als „das aufgelöste Rätsel der Geschichte“ dar, aber er betrachtet ihn auch als Ausgangspunkt, von dem aus die wahre Geschichte der Menschheit beginnen kann: Der Kommunismus ist die Position als Negation der Negation, darum das wirkliche, für die nächste geschichtliche Entwicklung notwendige Moment der menschlichen Emanzipation und Wiedergewinnung. Der Kommunismus ist die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft, aber der Kommunismus ist nicht als solcher das Ziel der menschlichen Entwicklung – die Gestalt der menschlichen Gesellschaft.“[4]

Der Standpunkt der Zukunft

Bezeichnenderweise endet Marx‘ Plädoyer für die Notwendigkeit, auf die Vergangenheit zu schauen, mit einem Blick in die ferne Zukunft. Und auch dies steht völlig mit seiner Methode in Einklang, zum Ärgernis für jene, die meinen, Fragen von solcher Tragweite enden unweigerlich in der „Metaphysik“. In der Tat kann festgestellt werden, dass die Zukunft stets der Ausgangspunkt für Marx gewesen war. Wie er in den Thesen über Feuerbach erläutert, war der Standpunkt des neuen Materialismus – Grundlage für die Wahrnehmung der Realität durch die Arbeiterbewegung – nicht die Anhäufung von atomisierten Egos, die die bürgerliche Gesellschaft ausmacht, sondern die „vergesellschaftete Menschheit“ bzw. der Mensch, wie er in einer wahrhaft humanen Gesellschaft sein könnte. Mit anderen Worten: die gesamte geschichtliche Bewegung bis heute muss vom Ausgangspunkt der kommunistischen Zukunft beurteilt werden. Es ist wichtig, dies im Kopf zu haben, wenn wir dazu übergehen, zu analysieren, ob eine gegebene Gesellschaftsform Faktor des „Fortschritts“ ist oder ein System, dass das Fortschreiten der Menschheit aufhält. Der Standpunkt, der sämtliche Epochen in der Geschichte der Menschheit bis jetzt als zur „Vorgeschichte“ zugehörig betrachtet, basiert nicht auf einem Vollkommenheitsideal, dessen Gelingen unvermeidlich in die Menschheit einprogrammiert ist, sondern auf einer materiellen Möglichkeit, die der Natur des Menschen und seiner Interaktionen mit der äußeren Natur innewohnt – einer Möglichkeit, deren Realisierung scheitern kann, eben weil ihre Realisierung letztendlich von der bewussten menschlichen Tat abhängt. Doch die Tatsache, dass es keine Erfolgsgarantie für das kommunistische Projekt gibt, ändert nichts an dem Urteil, das die Revolutionäre, die „die Zukunft in der Gegenwart darstellen“, über die kapitalistische Gesellschaft fällen, sobald diese den Punkt erreicht hat, wo der Sprung ins Reich der Freiheit auf globaler Ebene möglich wird: dass der Kapitalismus als System der gesellschaftlichen Reproduktion überflüssig, obsolet, dekadent geworden ist.

Gerrard

 


[1] Vgl. z.B.  http://libcom.org/forums/thought/general-discussion-decadence-theory-17092007.

 

[2]The End of History and the Last Man (Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch), Fukuyama, 1992 (von uns aus dem Englischen übersetzt).

 

[3]Leo Trotzki, Kopenhagener Rede, November 1932, http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1932/11/koprede.htm

 

[4]Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Drittes Manuskript, Privateigentum und Arbeit